Im ersten Teil (Link) ging es um die Zeit von Turing bis zur Jahrtausendwende. Heute setze ich an jener Stelle fort: Die Jahre 2000 bis 2019.
Als die Welt das neue Jahrtausend begrüßte, lag die große Vision der künstlichen Intelligenz schon zweimal in Trümmern – nach den beiden „AI Wintern“ hatte sich Ernüchterung breitgemacht. Doch diesmal war etwas anders: Nicht die Theorie, sondern die Werkzeuge holten die KI zurück ins Leben.
Der leise Neubeginn (2000 – 2010)
An den Universitäten und in Forschungsabteilungen begann man, maschinelles Lernen wieder ernst zu nehmen. Statt endlose Regelwerke zu programmieren, wollte man Systeme, die aus Daten selbst lernen. Dazu kamen drei entscheidende Entwicklungen:- Rechenleistung: Prozessoren wurden massiv schneller, Speicherplatz billiger. Grafikkarten (GPUs) eröffneten neue Dimensionen für paralleles Rechnen.
- Datenexplosion: Das Internet, Mobiltelefone, Sensoren – überall entstanden digitale Spuren, die sich auswerten ließen.
- Offene Werkzeuge: Projekte wie OpenCV, TensorFlow oder scikit-learn machten komplexe Methoden frei zugänglich.
Exkurs: Die Geschichte von OpenCV – vom internen Projekt zum Welterfolg
Die eigentliche Geschichte von OpenCV ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Werkzeug aus pragmatischen Gründen entsteht – und dann ganze Disziplinen verändert. Ende der 1990er Jahre wollte Intel ein Werkzeug entwickeln, das seine Prozessoren nicht nur Tabellenkalkulationen, sondern auch grafisch anspruchsvolle Aufgaben bewältigen ließ, damit man sie dafür noch speziell verbessern konnte. Dafür beauftragte man ein kleines Team, angeführt von Gary Bradski, mit dem Aufbau einer frei nutzbaren Bibliothek für Bildverarbeitung. Die Idee: Algorithmen sammeln, standardisieren und offenlegen, damit Entwickler auf der ganzen Welt sie nutzen konnten. Im Jahr 2000 erschien die erste öffentliche Version von OpenCV. Sie bot einfache, aber robuste Funktionen: Kanten- und Bewegungserkennung, Objekt-Tracking, geometrische Transformationen. Nichts davon war „intelligent“ im menschlichen Sinn – aber es machte Forschung greifbar und reproduzierbar. OpenCV war bewusst Open Source und hardware-optimiert, was perfekt in die Zeit passte: Der aufkommende Linux-Boom, die neue Generation digitaler Kameras und günstige PCs bildeten den idealen Nährboden. Bald entstanden auf dieser Basis Robotik-Projekte, Sicherheits- und Medizinsysteme, künstlerische Experimente und – nicht zuletzt – die Grundlagen vieler moderner KI-Anwendungen. So wurde aus einem internen Intel-Werkzeug ein globales Fundament: Die Demokratisierung der Computer Vision.Die Ära des „Deep Learning“ (2010 – 2015)
Ein Wendepunkt kam 2012, als das sogenannte AlexNet den internationalen ImageNet-Wettbewerb gewann. Zum ersten Mal schlug ein neuronales Netz die klassische Bildverarbeitung deutlich. Der Begriff Deep Learning war geboren. Was sich technisch geändert hatte:- Mehrschichtige neuronale Netze (Deep Neural Networks) konnten komplexe Muster lernen.
- Immer bessere GPUs (Grafikprozessoren) beschleunigten das Training um Größenordnungen.
- Zunehmend größere Datenmengen erlaubten robustere Modelle.
Die unsichtbare KI im Alltag (2015 – 2019)
Plötzlich war sie überall – nur kaum jemand nannte sie so:- Netflix und Spotify empfahlen Inhalte.
- Google Maps berechnete Verkehrsflüsse in Echtzeit.
- Amazon sortierte Logistik, Lager und Werbung mit lernenden Systemen.
- Banken nutzten maschinelles Lernen zur Betrugserkennung.
- Social-Media-Plattformen priorisierten Posts, Bilder und Videos anhand algorithmischer Einschätzungen.
Kommentare (0)
Noch keine Kommentare vorhanden. Sei der Erste!
Kommentar verfassen