Beobachtung: Der Schulferienblues

Wie wir es vormittags hin und wieder machen, bin ich mit unserem Sohn in die Bäckerei gesessen, und wir haben dort unseren Kaffee (ich) und eine Brezel (hauptsächlich er) genossen. Zur Zeit sind Schulferien, und dann ist die Bäckerei immer gut gefüllt. Während der Sohnemann genüsslich seine Brezel isst, werfe ich einen Blick um mich. Unverkennbar sind da mehrere Elternteile mit ihren Kindern da, deren Nachwuchs ansonsten bestimmt die Schule besuchen würde, wären da nicht gerade eben diese Ferien. Die Stimmung ist gedrückt; in einer Ecke sitzen vier junge Mütter mit ihren Kleinkindern, die Mütter fröhlich ins Gespräch vertieft. Doch an einigen Tischen ist eisiges Schweigen geradezu spürbar. Blicke versuchen sich gegenseitig auszuweichen. Keiner traut sich, ein Smartphone oder ähnliches aus der Tasche zu ziehen, sondern es scheint die ungeschriebene Regel zu gelten: Möglichst immer Aufmerksamkeit schenken und dabei dem andern den Gesprächsbeginn zu überlassen. Irgendwie wollte aber in einigen Fällen kein Gespräch in Gang kommen. Die genauen Gründe der Einzelfälle kenne ich dabei nun wirklich nicht, aber etwas wird sichtbar: Es handelt sich um eine Entfremdung der Generationen. Man hat einander nichts zu sagen, nichts zu erzählen, kein wirkliches Interesse aneinander. Jeder tut so gut es geht seine allernötigste Pflicht füreinander, aber was darüber hinausgeht, wird an die Öffentlichkeit abgeschoben: Bildung, Interesse, Verständnis, körperliche Betätigung, und so weiter. Dafür ist die Schule da, die sich dann möglichst ganztags um den Nachwuchs kümmern soll. Dafür gibt es den Freundeskreis und die Vereine für die Freizeit. Schulferien werden als lästiges Zeitvertreiben betrachtet, in dem man halt „was machen muss“, wenn man schon nicht in allen Ferien ins Ausland fahren kann.
Mich beschleicht ein beklemmendes Gefühl. Ich denke an Maleachi, der von Gott ein Versprechen bekommen hat: Siehe, ich sende euch den Propheten Elia, ehe der große und furchtbare Tag des HERRN kommt; und er wird das Herz der Väter den Kindern und das Herz der Kinder wieder ihren Vätern zuwenden, damit ich bei meinem Kommen das Land nicht mit dem Bann schlagen muss! (Mal. 3, 23 – 24) Das sind die letzten Worte, die in unserem AT stehen, bevor dann mit Matthäus das allerletzte Wort Gottes beginnt. Der Prophet Elia, von dem Maleachi spricht, ist Jesus Christus, und ER ist es, den wir alle so nötig brauchen, damit unsere Herzen denen unserer Kinder zugewandt werden. Das treibt mich ins Gebet, und ich hoffe, dass Gott noch ganz viele von diesen Eltern und Kindern zu Sich zieht, und von Seiner Herrlichkeit überzeugt. Und ich bete auch, dass ich es eines Tages besser machen werde, wenn unser Sohn in diesem Alter ist und gerade Schulferien sind.

Vorwort zu „Francis Schaeffer für eine neue Generation“

Für das Buch von Hanniel Strebel über Francis Schaeffer durfte ich das Vorwort verfassen. Strebel, Hanniel, Francis Schaeffer für eine neue Generation, Folgen Verlag, 2017, eBook, Link
Eine der zahlreichen Personen, welche ich gerne kennengelernt hätte, ist Francis August Schaeffer. Leider war er, als ich im Sommer 1985 zur Welt kam, bereits seit 14 Monaten tot. Aber in seinen Schriften hat er einen reichen Schatz an Weisheit hinterlassen, für den ich sehr dankbar bin. Meine und die nachfolgenden Generationen dürfen von diesem Schatz zehren. Doch leider ist sein Werk schon heute nicht mehr so bekannt wie es sein sollte. Deshalb bin ich Hanniel Strebel sehr dankbar, dass er versucht, diesem Mangel entgegenzuwirken.
Eine Facette von Francis Schaeffers Leben und Werk möchte ich aufgreifen, weil sie mir sehr wichtig geworden ist. Auf dem christlichen Büchermarkt gibt es immer mehr Bücher von Menschen, welche ihre Zweifel am Glauben vermarkten wollen. Es ist klar, dass man sich damit Gehör verschaffen und provozieren kann. Interviews sind interessanter, wenn dabei kontrovers diskutiert wird. Solche Bücher und Personen heben sich in der schieren Menge der neuen Titel ab, da sie eben in Zweifel ziehen, was das Christentum seit vielen Jahrhunderten lehrt. Und nun ist es so, dass die Leser dieser Bücher auch eine ganze Menge lernen: Sie lernen eine Person kennen, die keine besseren Antworten auf ihre Fragen gefunden hat, als eben jene Zweifel. Sie lernen, dass das Zweifeln eine Tugend sei, weil es angeblich zu mehr Authentizität oder Echtheit führen würde.
Francis Schaeffer war ein Mann, dem Zweifel vertraut waren. Auch er hatte eine längere Krise des Glaubens. Doch im Gegensatz zu den heutigen Zweiflern wusste er noch, wie man mit Zweifeln ehrlich umgeht. Er war bereit, seinen ganzen Glauben in die Waagschale zu werfen. Er war früher Agnostiker und war bereit, dorthin zurückzukehren, wenn er seine Zweifel nicht ausräumen konnte. Er ging in dieser Zeit die gesamte Grundlage des christlichen Glaubens durch und kam zum Schluss, dass die Bibel vollkommene Wahrheit ist. Dieser Mut fehlt den heutigen Zweiflern zu oft und so verschanzen sie sich in einem „progressiven“, also angeblich „fortgeschritteneren“ Glauben. Viele dieser gesellschaftlichen Veränderungen hatte Francis Schaeffer mit geradezu prophetischem Scharfblick vorhergesehen und mit großer Liebe und Klarheit angesprochen. Deshalb möchte ich dieses Buch von Hanniel Strebel als kurze Einführung, aber auch das gesamte Werk von Schaeffer meinen geistlichen Geschwistern aller Denominationen und Konfessionen ans Herz legen. Möge Schaeffers schriftlicher Schatz einen wichtigen Platz in unseren Gemeinden und Kirchen einnehmen und uns alle stärken und zu mündigen Geschwistern machen.
Jonas Erne, lic. theol., Gemeindereferent, Blogger

Wo bleibt das Band der Liebe?

Nicht nur mir, auch einigen älteren, weiseren Freunden ist es immer wieder aufgefallen, wie sehr unsere Zeit unter Gespaltenheit und Lieblosigkeit leidet. Es scheint das Symptom des Zeitgeistes zu sein. Wohin man hört und sieht, überall ist Gleichgültigkeit bis hin zu offenem Hass zu finden. Es ist eine Zeit der Lautstärke, in welcher jeder versucht, alle zu übertönen, die ihm nicht zustimmen. Besonders deutlich wird das in den asozialen Medien, die sowieso schon von der „sichtbaren Lautstärke“ leben. Möglichst groß, krass, sichtbar, abwertend, etc. Ich möchte im Folgenden ein paar Überlegungen anstellen, wie es zu diesem Phänomen gekommen ist und welche weiteren Wege denkbar sind.
Es ist eigentlich ein sehr widersprüchliches Phänomen: Auf der einen Seite führt der Glaube an die grenzenlose Perfektibilität des Menschen, der vom „American Dream“ stammt, zum Denken, dass jeder sich selbst verbessern kann. Dies wiederum zeigt sich darin, dass der Mensch sich häufig als Maschine sieht – und entsprechend auch von der Wirtschaft so eingesetzt wird. Der Einzelne ist nur noch das schwächste Glied der Maschine; der Arbeiter will nur noch durchhalten, um nachher Freizeit zu haben, und dann wird die Freizeitgestaltung auch wieder nur von einer Freizeitmaschinerie und Konsumindustrie bestimmt.
Auf der anderen Seite regiert das Gefühl. Wo aber das Gefühl die Macht in den Händen hält, wird jeder Widerspruch gleich persönlich verstanden. Wenn mein Gefühl der King des Lebens ist und Du mir widersprichst, dann hast Du etwas gegen mich persönlich gesagt. So wird das empfunden. Und wenn das jemand so empfindet, dann fühlt man sich auch sofort berechtigt, die andere Person persönlich anzugreifen und fertigzumachen. Dass es da einen enormen Unterschied zwischen Person und Meinung gibt, nehmen viele Menschen nicht mehr wahr.
Der Einzelne, welcher sich persönlich angegriffen fühlt, sucht meist nicht den Kontakt, um sich darüber auszutauschen, warum die andere Person diese gegensätzliche Meinung vertreten hat, sondern zieht sich in sein Ghetto zurück, zu denen, die derselben Meinung sind wie sie selbst auch. Wie das online geschieht, habe ich hier (Link) geschrieben. Oft besteht das darin, dass man Menschen anderer Meinung aus der Freundesliste löscht oder „entfolgt“ (Twitter). Ich habe noch nie jemanden wegen seiner Sichtweise gelöscht, und habe auch nicht vor, das je zu tun. Warum? Weil ich mir der Gefahr des Ghettos und meiner menschlichen Schwäche bewusst bin und weiß, dass ich (und jeder andere auch) Widerstand, verschiedene Sichtweisen, Vielfalt brauche, um gesund wachsen zu können.
Angst ist ein schlechter Berater, und meist ist es Angst davor, angegriffen oder in Frage gestellt zu werden, was Menschen in ihre „Ghettos“ treibt. Wenn Menschen sich ihres Werts unsicher sind, suchen sie häufig nur Bestätigung unter ihresgleichen. Sie tun alles, um Kritik und anderen Meinungen auszuweichen, denn so richtig wohlig fühlt man sich in dem Fall nur unter Menschen, die die eigene Sicht teilen und loben. Wer sie nicht teilt, muss entweder unwissend oder voll Hass sein, so ist die Vorstellung in diesem Fall. Dass man auch mit demselben Hintergrundwissen zu ganz anderen Schlüssen oder zu anderen Präferenzen kommen kann, wird meist ausgeblendet.
Die exzessive Verwendung der neueren Medien spielt auch noch mit hinein. Sie sind nun keinesfalls für diese Entwicklung verantwortlich im Sinne von schuldig, aber sie erleichtern die Bildung von wohlig-kuschligen Ghettos Gleichgesinnter und zugleich das technische Blockieren aller anderen Sichtweisen. Wer im Supermarkt einkaufen geht, wird unter den übrigen Kunden bestimmt eine Vielzahl von Sichtweisen treffen können, doch wer nur mit sich selbst beschäftigt ist und mit dem eigenen „Ghetto“, wird unfähig, sich auf diese anderen Meinungen einzulassen, sie mal zu überdenken und von ihnen profitieren zu versuchen. Darüber habe ich übrigens hier (Link) geschrieben. In den asozialen Medien hat jeder selbst die Verantwortung, sich seine Kontakte zu wählen, und viele Menschen suchen sich bewusst gleichdenkende Kontakte aus. Das führt wieder zu dieser digitalen Art von „Gated Communities“.
Im Folgenden eine Reihe von Fragen, die mir helfen (zumindest hoffe ich das), nicht nur mit den neuen Medien, sondern grundsätzlich auch mit mir entgegengesetzten Meinungen umzugehen und das alles überwinden könnende Band der Liebe aufrecht zu erhalten:
  • Wie fühle ich mich, wenn mir jemand widerspricht? Kann ich meine Sicht von meiner Persönlichkeit von meiner Meinung trennen oder fühle ich mich dann angegriffen?
  • Was mache ich, wenn mir jemand widerspricht, reflexartig als Erstes? Bete ich für diese Person, die mir widerspricht? Bete ich dafür, die Wahrheit zu erfahren?
  • Wie gut kann ich damit umgehen, eine Woche lang online nicht erreichbar zu sein? Fühle ich mich dadurch abgewertet oder habe ich Angst, etwas Wichtiges zu verpassen?
  • Wie geht es mir, wenn ich fünf Minuten lang nur still bin, ohne über etwas nachzudenken und ohne Ablenkung?
  • Wann habe ich zuletzt ein Buch gelesen, dem ich in den allermeisten Punkten widersprechen musste? Was habe ich dennoch davon mitnehmen können?
  • Wie sehe ich Menschen, die anderer Meinung sind? Kann ich sie als vollwertige Geschöpfe Gottes erkennen und eine ganze Menge über unseren Schöpfer von ihnen lernen?
  • Wie geht es mir, wenn ein Hype oder Shitstorm viral wird? Lasse ich mich davon mitreißen? Mache ich mit, wenn es nur darum geht, jemanden fertigzumachen?
  • Wann habe ich Gott zuletzt dafür DANKE gesagt, dass Menschen so verschieden sind und mir dadurch auch helfen, die Wahrheit noch besser zu verstehen?
  • Bete ich regelmäßig für die Menschen, die anderer Meinung sind und segne sie, statt (nur) Gott zu bitten, ihre Meinung zu ändern?
  • Was finde ich in der Bibel für Hinweise, die mir helfen, meine Gottes- und Nächstenliebe am Brennen zu erhalten?

Buchtipp: Francis Schaeffer für eine neue Generation

Strebel, Hanniel, Francis Schaeffer für eine neue Generation, Folgen Verlag, 2017, eBook, Link
Francis Schaeffer, der Mann, der vor bald 33 Jahren gestorben ist, der davor in den Schweizer Alpen ein Glaubenswerk aufgebaut hat, das weltweit viel Frucht gebracht hat, von dem tausende von jungen Menschen auf der Suche profitiert haben. Dieser Mann, der mir in vielen Dingen ein Vorbild ist, wird im neuen Buch von Hanniel Strebel „Francis Schaeffer für eine neue Generation“ vorgestellt. Schaeffer war ein sehr feinfühliger Mann, der mit scharfem Intellekt, einem Gespür für das Wesentliche und einer riesigen Portion Nächstenliebe den Studenten und Besuchern half, den christlichen Glauben lebensnah zu entdecken. Er wusste, was Glaubenskrisen und Zweifel sind, da er sie am eigenen Leib erfahren hatte. In seinem kurzen Buch stellt Hanniel das Leben und Wirken, aber auch die Bücher vor, die Schaeffer geschrieben hatte. Für die meisten von uns sind die Bücher der einzige Zugang zu Schaeffer; es sei denn, wir kommen mit den von ihm geprägten ehemaligen Studenten in Kontakt.

Ich finde die Idee, die hinter der Buchserie steckt, sehr wertvoll. Der Autor stellt verschiedene wichtige christliche Denker vor. Im ersten Band C. S. Lewis, in einem späteren Band soll etwa auch J. I. Packer vorgestellt werden. Es geht darum, dass dies in jeweils einem kurzen Band geschehen soll, der in einer Sitzung gelesen werden kann.
Ich bete, dass Gott uns neue Denker wie Lewis und Schaeffer schenkt, die auch der neuen Generation ins Leben sprechen können, sie verstehen und auf die Widersprüche in ihrem Denken aufmerksam machen können. In aller Geduld und Liebe, aber auch in aller nötigen Deutlichkeit. Möge unserer Generation das Buch von Hanniel zu einem solchen Segen werden und uns zu dem zurückrufen, was uns Schaeffer schon vor vielen Jahren zu sagen hatte.

Churchricks

Ein Limerick ist ein fünfzeiliges Gedicht nach dem Schema A-A-B-B-A, bei welchem das letzte Wort der ersten Zeile ein Ortsname ist, und bei welchem die humorvolle, aber auch zum Nachdenken anregende Pointe in der letzten Zeile erfolgt. Ich habe mich mal darin geübt, solche Limericks zum Gemeindeleben zu schreiben. Der Leser möge selbst beurteilen, welche davon gelungen sind. 

 

Ich kannt‘ nen Theologen in Zürich,
der sagte zu allem: „Da wür ich
so zwar nöd sege,
wott mich nöd fescht lege
doch ganz falsch ligsch nöd, da gspür ich!“
Es war mal ein Pastor aus Minden,
der konnt‘ keinen Traubensaft finden.
Er nahm für den Kelch
nur Wasser – doch welch
Wunder, der Saft tat nicht schwinden.
Da war die Gemeinde von Tyrus,
die fand einen alten Papyrus.
Was das wohl gewesen,
was darin zu lesen?
Es war das Edikt Königs Kyrus.
Da war eine Kirche in Langen,
deren Glocken so mächtig erklangen.
Die Wurst war bald alle,
die beim emsigen Schalle
die Frankfurter Glöckner verschlangen
Ein junger Baptist aus Laufen
der wollte sich lassen taufen.
Er dachte sehr schlau:
Es gibt nichts für lau –
Lass Eintrittskarten verkaufen!
Eine Pfingstlerin aus Aachen
betete in neuen Sprachen.
In Farsi bedeut’s
die Botschaft vom Kreuz!
Sich Iraner den Kopf zerbrachen.
Da war noch ein Pfarrer in Bern,
der redete häufig und gern.
Doch war er zu Ende
und blickte behende
war keiner mehr da nah und fern.
Eine Kirchenmaus in Leer
die hatte es gar sehr schwer:
Wo war denn ihr Loch,
in das oftmals sie kroch?
Sie wusste es einfach nicht mehr.
Ein Diakon aus Leiben
hat genug vom Narrentreiben
Doch wegen der Lage
braucht‘ er gar fünf Tage
Die Petition zu unterschreiben.
Es fragte ein Bruder aus Herrnhut:
Findet ihr unseren Stern gut?
Er hat viele Ecken
und leuchtet mit kecken
Farben; wer den zeigt braucht gern Mut.
In der neuen Kirche in Melk
wurde die Blumendeko welk.
Der Diakon
meinte da schon:
Nächstes mal nehm‘ ich ne Nelk‘.

Ungesammelte Werke.

Manche machen am Jahresende oder -anfang einen Rückblick auf das bereits Vollbrachte. Ich bin kein Jahreswechselfreund, deshalb mache ich das oft nicht. Manchmal auch gar nicht – für eine längere Weile. Nun ja, zumindest Langeweile kenne ich keine. Aber von Zeit zu Zeit ist ein Rückblick und Ausblick gut. Dafür gibt es den siebten Tag. Dann kann man auf das in der Woche vollbrachte Werk zurückblicken und sich daran erfreuen. Bei mir kommt das oft zu kurz. Deshalb will ich jetzt einen Moment innehalten und einen Blick auf meine zahlreichen Blogs, Artikel, Auseinandersetzungen, Rezensionen und sonstigen digitalen, frei verfügbaren Inhalte werfen. Anlass dazu gab mir das Erstellen meines neusten „Blogs“ zum Thema „Pfad-finden“ (Link s.u.). Dabei habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich diese verschiedenen Quellen mal in aller Kürze zusammenfassen kann.
Blogs waren (und sind es in vielen Fällen immer noch) online gehaltene Tagebücher, die fortlaufend ergänzt werden. Meinen ersten Blog hatte ich 2004 aufgesetzt, primär um mir mit dem damaligen Joomla!-Vorläufer „Mambo“ die Hintergründe des Internets anzueignen – bereits als kleiner Junge wollte ich schon immer bei allem hinter die Kulissen blicken können. Von 2004 – 2009 gab es zahlreiche Versuche in der Welt von HTML, CSS, PHP und verschiedensten Content Management Systemen. Von alledem ist nichts mehr übrig geblieben, denn das Internet ist ein ewig-flüchtiges Medium, von dem meist nur das „ewig“ wird, was man lieber verschwinden lassen würde.
2010 habe ich dann Blogspot (Blogger.com) entdeckt und nutze diese Möglichkeit seit Januar 2011 regelmäßig. Für mich sind Blogs weniger ein regelmäßig geführtes und persönlich gehaltenes Tagebuch, sondern mehr ein öffentlich zugänglicher digitaler Ordner mit Aufschrift und bestimmten Inhalten. Das Bloggen hilft mir, Gedanken so weit denken zu müssen, dass ich fähig werde, sie für Leser verständlich zu formulieren. Zugleich gibt es auch immer wieder Feedback, und auch das hilft mir, zu lernen, noch besser zu denken und zu schreiben. Außerdem weiß ich, dass viele Leser vom Geschriebenen profitieren, und das wiederum spornt mich zum weiteren Schreiben an. Im Folgenden verlinke ich einige Orte, an welchen meine Texte zu finden sind, und kommentiere sie kurz.
Dieser Blog hier (http://jonaserne.blogspot.com/) ist mein Hauptblog. Hier kommen viele noch unfertige Gedanken, aber auch Buchvorstellungen, Gedichte und vieles mehr rein, was mich beschäftigt.
Dann habe ich im Dezember 2014 einen Zweitblog (https://glaubenverstehen.blogspot.de/) begonnen, in welchem ich versuche, den Lesern zu helfen, den christlichen Glauben zu verstehen und verständlich zu machen. Dieser Blog hat eine Facebook-Seite. Für diese Seite sind auch gezielte Fragen erwünscht, die die Leser beschäftigen.
Nachdem ich auf meinem Hauptblog ein paar Mal für Verwirrung gesorgt habe, weil ich satirische Inhalte gepostet habe, entschloss ich mich, solche Inhalte auf eine mehr oder weniger klar so bezeichnete Seite auszulagern (https://babylongruesst.blogspot.de/)
Im Januar diesen Jahres ist wieder ein neuer Blog hinzugekommen (https://medienroman.blogspot.de/), in welchem ich einen Roman über eine Familie schreibe, welche beginnt, die Medien und deren Wirkung auf uns Menschen zu entdecken. Hier habe ich gemerkt, dass ich mich noch tiefer mit der Materie befassen muss, aber: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich bleibe dran!
Und nun ist zum Beginn des April (nein, kein April-Scherz) auch noch ein Projekt entstanden, in welchem ich mein Wissen über verschiedene Techniken der Pfadfinderei weitergeben möchte (http://pfad-finden.blogspot.com/) Auch hierzu gibt es eine Seite auf Facebook.
Daneben gibt es auch externe Seiten, auf welchen Inhalte aus meiner Feder (sorry, eher Tastatur) veröffentlicht wurden.
Auf Daily-Message sind schon einige Andachten erschienen (Link)
Etwas ausführlichere Texte gibt es auch auf Academia.edu (Link)
Hier geht es zu meinen Bücher-Regalen auf Goodreads (Link)
Und zu meinen Amazon-Rezensionen (Link) Diese dürfen natürlich auch bewertet und kommentiert werden.
In den asozialen Medien bin ich auf Facebook, Twitter und Google+anzutreffen.
Ein paar meiner Gedichte sind hier in der Gedichte-Oase zu finden (Link) und wer davon noch nicht genug hat, darf hier auch noch schauen (bloginterner Link)

Buchtipp: Und dann kam Pia

Dernelle-Fischer, Rebecca, Und dann kam Pia. Du hast uns gerade noch gefehlt! Neufeld Verlag Schwarzenfeld, 2017, Amazon-Link
Auf jesus.de (im ganz neuen Design) ist meine kurze Rezension zu einem Buch erschienen, das ich wirklich von Herzen empfehlen möchte. Es handelt sich um die Geschichte der Familie Fischer, die Pia, ein Mädchen mit einem zusätzlichen Chromosom, auch Trisomie 21 oder Down Syndrom genannt, adoptiert. Ich habe schon seit vielen Jahren ganz großen Respekt vor dieser Entscheidung der Familie Fischer, und muss nach dem Lesen des Buchs beschämt zugeben: Während andere (wie ich) noch dabei sind, sich lauthals mit Worten gegen Abtreibung einzusetzen, haben sie bereits die ersten praktischen Schritte getan, um zu helfen. In der Rezension drüben schreibe ich:
Am Ende ist Pia dann richtig adoptiert. Ganz spannend: Bei der Adoption erklären sich Adoptiveltern dazu bereit, für immer und ewig die Eltern des adoptierten Kindes zu bleiben. Diese Schilderung der Gefühle, die diesen Schritt begleiteten, haben mir auch ein paar Tränen in die Augen getrieben. Ich konnte das Buch nicht zur Seite legen – bis weit nach Mitternacht hat es mich gefesselt. Ja, Menschen mit Down-Syndrom sind unendlich wertvoll, unendlich gewollt und unendlich geliebt. Wir brauchen sie. Sie bereichern unsere Gesellschaft und sind ein Segen.“(Mehr hier)
Es ist ein Buch, das ich wirklich jedem empfehlen kann. Jedem, der ein Herz für Menschen hat. Jedem, der sich überlegt, wie man in dieser Welt einen Unterschied machen kann. Das heißt nicht, dass jeder denselben Weg gehen soll. Aber es ist ein sehr ermutigendes Beispiel, wie dies ganz praktisch geschehen kann, das uns alle zu Kreativität anspornen kann (und – so würde ich subjektiv geschätzt hinzufügen – möchte).
Auf YouTube gibt es inzwischen eine dreiminütige Kurz-Reportage über Pia und ihre Familie (englische Untertitel zuschaltbar): YouTube-Link

 

Buchtipp: Der Spurenführer

Bouchner, Miroslav, Der Spurenführer: Spuren und Fährten einheimischer Tiere, Gondrom Verlag GmbH, Bindlach, 1996, Amazon-Link
Wer gerne in der Natur unterwegs ist, wird immer wieder auf Spuren von Leben stoßen – nicht nur von menschlichem Leben, sondern auch von tierischem. Auf feuchtem oder weichem Boden bleiben Trittspuren erhalten. Reste von der Verpflegung oder von der Ausscheidung der Tiere bleiben liegen. Manchmal zeugen auch die Spuren an Bäumen von Leben, das vor einiger Zeit mit diesen in Kontakt gekommen sein muss. Doch woher wissen wir, wer da war?
Dr. Miroslav Bouchner hat ein ausgezeichnetes kleines Buch (nur 271 Seiten) mit allen notwendigen Infos zusammengestellt. Er beginnt damit, den Lebensraum der Tiere zu beschreiben und fährt mit den Nestern, Bauen, Höhlen und Wohnungen fort. Auch über die Duftmarkierung oder die Alters- und Geschlechtsbestimmung der Tiere wird der Leser umfassend informiert. Fast jede Seite ist mit zahlreichen Abbildungen illustriert, welche von Farbfotos bis hin zu Querschnittszeichnungen reichen. Schon allein von der Ästhetik betrachtet ist dem Autor ein Meisterwerk gelungen.
Zwei kleinere Details sind zu bemängeln: Die Schrift ist etwas sehr klein gehalten. Für mich kein Problem, aber vermutlich werden manche Leser ein Vergrößerungsglas zum Lesen benötigen. Und die Reihenfolge ist etwas gewöhnungsbedürftig. Die verschiedenen Tiere werden immer wieder unter den Überbegriffen aufgezählt und abgebildet, aber die Reihenfolge der Überbegriffe ist nicht nach einem fixen Schema gegliedert, sodass man zu Beginn immer wieder suchen muss, bis man sich an den Aufbau gewöhnt hat. Alles in allem aber ein sehr wertvoller Begleiter auf allen Touren in der Natur.
Ich möchte mit einem Zitat aus der Einleitung schließen: „In unserer heutigen übertechnisierten Zeit ergreifen immer mehr Menschen im wahrsten Sinne des Wortes die Flucht aus den überfüllten Städten voller Lärm, Staub und Abgasen, um die nötige Erholung in der Natur zu suchen. Vielleicht bewirkt gerade die Übertechnisierung, dass Menschen der Natur mehr Interesse widmen, mehr Freude an der lebenden Kreatur finden und mehr als bisher über die Natur wissen wollen. Wenn man weiß, wie man der Natur so viel wie möglich von ihren Geheimnissen entlocken kann, wird jeder Spaziergang zu einem spannenden Abenteuer.“ (S. 8)
Fazit: Ein Buch, das nicht nur jede Pfadfindergruppe, sondern auch jede Familie im Besitz haben und regelmäßig benutzen sollte, um der Natur und besonders ihren tierischen Bewohnern auf die Spur zu kommen.

 

Buchtipp: Die praktische Knotenfibel

Burgess, J. Tom, Die praktische Knotenfibel, BLV Verlagsgesellschaft München Wien Zürich, 4. Aufl. 1988, 127 S., Amazon-Link
Wer gerne in der freien Natur nicht nur spazieren geht oder kocht, sondern auch übernachten will, wird spätestens beim Aufbau eines Schwarzware-Zeltes, eines Biwaks oder ähnlichem froh sein, ein paar gute Knoten zu kennen. Auch im übrigen Alltag ist die Kenntnis einiger wichtiger Knoten immer wieder sehr hilfreich.
Die Knotenfibel von Joseph Tom Burgess ist schon 1884, zwei Jahre vor dem Tode des Autors, erschienen. Seither wurde das Werk ständig überarbeitet, modernisiert, mit den Angaben zum neueren, synthetischen Tauwerk upgedatet, und ist übersetzt erschienen. Hier (Link) habe ich übrigens ein Digitalisat der Ausgabe von 1884 gefunden. Für alle, die nicht immer das Ashley-Buch der Knoten mit sich rumtragen wollen, ist das Werk von Burgess eine super Sache, es ist dünn, handlich, und wirklich für die tägliche Praxis ausgelegt. Von Seemannsknoten bis zu den Anglerknoten, aber auch alle wichtigen Infos über die Aufbewahrung und Herstellung des Tauwerks sind hier in kompakter Form zu finden. Für Neulinge im Gebiet der Knotenkunde lohnt es sich, das Buch von vorne nach hinten durchzuarbeiten, da zuerst die wichtigen Infos und die einfacheren Knoten zu finden sind, welche häufig das Grundlagenwissen für spätere Knoten bilden, während es weiter hinten zu den seltener gebrauchten und komplexeren Formen geht. Auch Zierknoten sind einige zu finden. Alles mit vielen anschaulichen Bildern (Skizzen) umrahmt.
Was mir persönlich noch fehlt, ist ein besonderes Unterkapitel mit Knoten für Bergsteiger und Hobbykletterer. Solche müssen sich zusätzlich noch informieren – dies aber sowieso, weil da die Ausrüstung immer mal wieder modernisiert wird. Alles in allem ist das Buch aber eine lohnenswerte Anschaffung und passt in jeden Rucksack.

 

Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

Berger, Peter L., Luckmann, Thomas, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, S. Fischer Verlag Frankfurt a. M., 20. Aufl. 2004, Amazon-Link
Wie schreibt man über ein Buch, das viele wertvolle und zum Nachdenken anregende Gedanken enthält, während man der gesamten These des Buches diametral gegenüber steht? Kein einfaches Unterfangen, wie ich immer wieder feststellen muss. Vielleicht ist der beste Einstieg ins Thema mit einem Zitat von Neil Postman gefunden. Postman schreibt zu den Sozialwissenschaften: „Ich nenne die Forschungen dieser Leute Geschichtenerzählen, weil das Wort darauf hinweist, dass der Verfasser einer solchen Geschichte einer Reihe von menschlichen Ereignissen eine unverwechselbare Deutung gegeben hat, dass er diese Deutung durch vielfältige Beispiele erhärtet hat und dass seine Deutung nicht bewiesen oder widerlegt werden kann, sondern ihren Reiz aus der Kraft ihrer Sprache schöpft, aus der Tiefendimension ihrer Erklärungen, aus der Triftigkeit ihrer Beispiele und der Glaubwürdigkeit ihres Stoffes. […] Es gibt keine Prüfverfahren, um sie zu bestätigen oder zu falsifizieren. Es gibt keine Postulate oder Voraussetzungen, in denen sie verankert sind. Sie sind an eine Zeit und eine Konstellation gebunden und vor allem an die kulturellen Vorurteile des Forschers.“ (Neil Postman, Die Verweigerung der Hörigkeit, S. 25) Dieses Zitat bringt ziemlich deutlich auf den Punkt, wo das Buch von Berger und Luckmann einen blinden Fleck hat. Die Autoren sehen ihre Arbeit als eine Art von Wissenschaft wie sie die Biologie, Chemie oder Physik auch ist. Und im negativen Sinne gesehen haben sie damit sogar ein Stück weit recht. Auch die „harte“ Wissenschaft verkommt immer mehr zu einer subjektiven Suche nach Erklärungen für die Realität, um bestimmte Thesen zu bestätigen. Doch das weiter auszuführen würde an dieser Stelle zu weit führen.
Zu Beginn grenzen die Autoren ihre Aufgabe ein, und zwar, indem sie sich von der „absoluten“ Bedeutung von Wissen und Wirklichkeit distanzieren und die Bestimmung der Begriffe an die Philosophie abschieben. Sie wollen sich vor allem dem zuwenden, was der „Mann von der Straße“ unter Wissen und Wirklichkeit versteht. Dabei könne es verschiedene Arten von Wirklichkeit und Wissen geben: „Das ‚Wissen‘ eines Kriminellen ist anders als das eines Kriminologen.“(S. 3) Daraus wird eine andere Wirklichkeit für die beiden geschlussfolgert. Ein großes Fragezeichen muss man auch hinter diese Aussage setzen: „Theoretische Gedanken, ‚Ideen‘, Weltanschauungen, sind so wichtig nicht in der Gesellschaft.“(S. 16) Die gesamte These, die hinter dem Buch steht, lässt sich vielleicht an besten mit folgendem Zitat zusammenfassen: „Die anthropologischen Konstanten machen die sozio-kulturellen Schöpfungen des Menschen möglich und beschränken sie zugleich. Die jeweilige Eingenart, in der Menschenhaftigkeit sich ausprägt, wird umgekehrt aber bestimmt durch eben diese sozio-kulturellen Schöpfungen und gehört zu deren zahlreichen Varianten. So kann man zwar sagen: Der Mensch hat eine Natur. Treffender wäre jedoch: Der Mensch macht seine Natur – oder, noch einfacher: Der Mensch produziert sich selbst.“ (S. 51f)
Schade finde ich, dass sie ihren positivistischen Unterbau nicht begründen, sondern diese Aufgabe der Philosophie überlassen. Halten wir hier kurz inne. Für Berger und Luckmann gibt es außerhalb von uns eine objektive Realität, die jeder Mensch mit seinen Grenzen und Möglichkeiten entdecken, kennenlernen, sich zu eigen machen kann. Zugleich schafft aber jeder Mensch in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft auch wiederum Realität. Das Buch zeigt hier ein dialektisches Miteinander, wobei die Gesellschaft, der Einzelne, die Institutionen, und so weiter gemeinsam diese Realität formen und sich gegenseitig auch beeinflussen. Doch die Frage, warum sie von dieser objektiven Realität ausgehen (was ich natürlich begrüße), wird der Philosophie überlassen. Und dann müssen wir natürlich auch sehen, dass Berger und Luckmann die Menschheit auf sich selbst zurückwerfen. Sie gehen davon aus, dass Gott nicht existiert – und versuchen dadurch, eine gottlose Realität zu schaffen. Vielleicht ist das Misslingen dieses Versuchs mit ein Grund, weshalb die Autoren sich um diese grundlegende Arbeit der Fundamentierung drücken. Festzuhalten ist aber, dass die Dialektik von Einzelnem und Gesellschaft zu kurz greift. Vielmehr müsste man von einer Trialektik aus Gott, Einzelnem und Gesellschaft sprechen, welche in einem spannenden und mitunter – ausgelöst durch den Sündenfall – auch spannungsreichen Miteinander resultiert. Gott stellt den Einzelnen in die Gesellschaft, damit dieser in der Gesellschaft Gottes Willen ausführt – und der Einzelne wird durch diese Gesellschaft wieder geprägt und auf Gott zurückgeworfen. Weil Gott uns und unsere Umwelt geschaffen hat, dürfen wir positivistisch von einer objektiven und erfassbaren Realität ausgehen, immer im Wissen darum, dass es auch Versuchung, Verführung und Verirrung gibt. Ich würde dies als einen christlichen kritischen Realismus bezeichnen.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf möchte ich nun auf einige Gedanken des Buches eingehen, die mich positiv herausgefordert haben, und die ich als zumindest teilweise sehr wertvoll empfinde. Nachfolgend ein paar Zitate, wenn nötig mit meinen Anmerkungen dazu.
Wenn das [das Auftauchen eines Problems] eintritt, macht die Alltagswelt zunächst Anstrengungen, den problematischen Teil in das, was unproblematisch ist, hereinzuholen.“ (S. 27) Vermutlich kennen wir das alle. Wenn wir feststellen, dass unser Computer keinen Zugriff aufs Internet hat, dann testen wir zuerst alle möglichen bisher bekannten Quellen eines Fehlers aus, bevor wir beim Service anrufen.
Sprache, ein System aus vokalen Zeichen, ist das wichtigste Zeichensystem der menschlichen Gesellschaft. Ihre Grundlage ist natürlich die dem menschlichen Organismus innewohnende Fähigkeit zu vokalem Ausdruck. Aber Sprache beginnt erst, wo der vokale Ausdruck vom unmittelbaren ‚Hier und Jetzt‘ isolierter subjektiver Befindlichkeit ablösbar geworden ist.“ (S. 39)
Weil Sprache die Kraft hat, das ‚Hier und Jetzt‘ zu transzendieren, überbrückt sie die verschiedenen Zonen der Alltagswelt und integriert sie zu einem sinnhaften Ganzen. Sie bewegt sich dabei in räumlichen, zeitlichen und gesellschaftlichen Dimensionen. Durch Sprache kann ich die Kluft zwischen der Zone meiner Handhabung und der des Anderen überbrücken. Ich kann die Sequenzen meiner Lebenszeit mit denen der Seinen abstimmen. Ich kann schließlich mit ihm über Individuen und Gruppen reden, mit denen wir keine Vis-à-vis-Interaktion haben. Weil Sprache das ‚Hier und Jetzt‘ überspringen kann, ist sie fähig, eine Fülle von Phänomenen zu ‚vergegenwärtigen‘, die räumlich, zeitlich und gesellschaftlich vom ‚Hier und Jetzt‘ abwesend sind.“ (S. 41)
Sobald der einzelne Mensch über das Nacheinander seiner Erlebnisse nachdenkt, versucht er, ihren Sinn in einen biographischen Zusammenhang einzufügen.“ (S. 68)
Strategische Bedeutung für den Lebenslauf des Einzelnen hat die Legitimationsfunktion symbolischer Sinnwelten durch die ‚Ortsbestimmung‘ des Todes. Die Erfahrung des Todes anderer Menschen und die daraus folgende Antizipation des eigenen Todes in der Phantasie ist für den Einzelnen die Grenzsituation par excellence. Dass der Tod auch die ärgste Bedrohung für die Gewissheit der Wirklichkeiten des Alltagslebens darstellt, braucht nicht eigens betont zu werden. Die Integration des Todes in die oberste Wirklichkeit des gesellschaftlichen Daseins ist deshalb für jede institutionale Ordnung von größter Wichtigkeit.“ (S. 108)
Zum Schluss noch interessante Zitate zur christlichen Theologie, die – mit notwendiger Vorsicht genossen – durchaus zum Nachdenken anregen können:
In der Geschichte war eine Irrlehre oft der erste Anstoß zur theoretischen Systematisierung symbolischer Sinnwelten. Die Ausbildung der christlichen Theologie als Folge häretischer Herausforderungen der ‚offiziellen‘ Überlieferung ist ein Exempel dafür. Wie bei jeder Theorie erscheinen im Verlauf des Prozesses neue theoretische Möglichkeiten aus der Überlieferung selbst, die damit über ihre ursprüngliche Formulierung hinaus zu neuen Konzeptionen vordringt.“ (S. 115)
Wenn die Autoren in den nächsten zwei Zitaten von „Verwandlung“ sprechen, so ist damit gemeint, dass jemand aus einer „Realität“ in eine andere wechselt, also seinen Horizont erweitert und plötzlich die bisher angenommene Realität in Frage gestellt wird.
Ein ‚Rezept‘ für erfolgreiche Verwandlungen muss sowohl gesellschaftliche als auch theoretische Bedingungen erfüllen, wobei die gesellschaftlichen selbstverständlich die Matrix für die theoretischen sind. Die wichtigste gesellschaftliche Bedingung ist das Vorhandensein einer überzeugenden Plausibilitätsstruktur, das heißt also einer gesellschaftlichen Grundlage, die das ‚Laboratorium‘ für die Transformation sein kann. Diese Plausibilitätsstruktur muss dem Individuum durch signifikante Andere vermittelt werden, mit denen es zu einer tiefen Identifikation kommen muss. […] Die signifikanten Anderen sind die Führer in die neue Wirklichkeit.“ (S. 168)
Das historische Urbild der Verwandlung ist die religiöse Konversion. Unsere obigen Betrachtungen treffen auf sie zu, wenn es heißt: extra ecclesiam nulla salus [außerhalb der Kirche gibt es kein Heil]. Dabei interpretieren wir ‚Heil‘ – mit angemessenen Verbeugungen vor den Theologen, die mit jenem Satz etwas anderes im Sinn hatten – als das erfolgreiche Zustandekommen der Konversion. […] Eine Konversion als Erlebnis bedeutet nicht allzu viel. Entscheidend ist, dass man dabei bleibt, dass man das Erlebnis ernst nimmt und sich den Sinn für seine Plausibilität erhält. Hier nun kommt die Gemeinde ins Spiel. Sie liefert die unerlässliche Plausibilitätsstruktur für die neue Wirklichkeit. Mit anderen Worten: Saulus mag in der Einsamkeit seiner religiösen Ekstase Paulus geworden sein. Paulus bleiben aber konnte er nur im Kreise der christlichen Gemeinde, die ihn als Paulus anerkannte und sein ’neues Sein‘, von dem er nun seine Identität herleitete, bestätigte.“ (S. 169)
Wie gesagt, mit viel Vorsicht zu genießen, aber auch mal darüber nachdenken, inwieweit die Aussagen innerhalb der biblischen Weltanschauung korrekt ist und was man für die Gemeinde davon lernen kann. Ich habe das Buch gerne gelesen und war erstaunt, dass es recht gut lesbar ist. Wer sich noch etwas mehr mit der Soziologie aus bibeltreuer Sicht befassen möchte, findet das Buch „Redeeming Sociology“ von Vern Sheridan Poythress hier als PDF kostenlos zum Download. Leider nur auf Englisch erhältlich.