Hasta la Rebelacion siempre!

Eigentlich wollte ich im zweiten Teil schon auf verschiedene Lesarten der Offenbarung eingehen, aber es ist etwas passiert, was ich mir noch fast gedacht habe. Anstatt sich auf den Inhalt zu stürzen und mich in den Himmel zu loben (nein, Spaß) oder mich verbal zu steinigen, weil ich ein paar goldene Kälber vom Thron schubsen könnte, gab es die meiste Diskussion über das „B“. Rebelation statt Revelation. Und warum auf englisch und so weiter. Deshalb machen wir doch heute gleich mal auf kubanisch weiter. Hasta la Rebelacion siempre, baby!

Anders gefragt: Was hat die Offenbarung mit Rebellion oder Revolution zu tun?

Seit rund 60 Jahren leben wir hier im reichen Westen in einem Zeitalter konstanter Revolution. Jede Generation rebelliert gegen die vorherige, jede Subkultur erhebt den Anspruch, anders, revolutionär zu sein gegenüber allen anderen. Irgendwo unterwegs im Laufe der Geschichte ist die Grundlage abhanden gekommen, wogegen man genau sein müsse, um zu den Rebellen zu gehören. Die Punkrockband „Die Ärzte“ haben diese Grundstimmung ziemlich gut festgehalten in ihrem Lied „Rebell“ (Link zu YouTube):

Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür

Ich bin dagegen, ich bin nicht so wie ihr

Ich bin dagegen, egal, worum es geht

Ich bin dagegen, weil ihr nichts davon versteht

Ich bin dagegen, ich sag es noch einmal

Ich bin dagegen, warum, ist doch egal

Ich bin dagegen, auch wenn es euch nicht schmeckt

Ich nenn es Freiheit, ihr nennt es Mangel an Respekt.“

Weil sich in unserer spätmodern-dekadenten, luxusgeilen westlichen Welt so viele verschiedene Lebensentwürfe entwickelt haben, ist eigentlich jede und jeder in gewisser Weise ein Rebell geworden. Jeder rebelliert mit seinem Leben gegen irgendwelche anderen solche Lebensentwürfe. Und wenn jeder ein Rebell ist, dann ist unterm Strich eben zugleich auch keiner mehr ein Rebell.

Das Wesen wahrer Rebellion

Oder vielleicht doch? Wenn man das Lied der Ärzte noch einmal genauer unter die Lupe nimmt, fällt doch auf, dass der Rebell sich immer um eines dreht, nämlich „Ich, Ich, Ich!!!“. Wenn es also in unserer Zeit noch eine echte Rebellion geben kann, dann einzig jene, die gegen die Vergötzung des Ich rebelliert. Eine Rebellion gegen die Ich-Besessenheit, gegen den Selbsterlösungswahn unserer Zeit, der in sich selbst das Zentrum des eigenen Universums findet. Eine Rebellion gegen die Autonomie, in welcher jeder sich selbst das letztgültige Gesetz ist.

Tatsächlich ist es aber nicht nur das Lied der Ärzte, das sich so um die Autonomie dreht. Es ist überhaupt überall so, dass Menschen, die sich bewusst als Rebellen sehen, immer zuerst von sich selbst ausgehen. Auch Rebellen, die anderen helfen wollen, Rebellen, die für ein menschlicheres „System“ oder für einen besseren Umgang mit der Natur rebellieren und sich dafür gegebenenfalls sogar auf die Straßen oder in die Ausstellräume von Autoherstellern kleben, zunächst immer von sich selbst ausgehen. Sie sehen die Welt auf eine bestimmte Art und Weise, haben eine Weltanschauung, mit der sie zuerst ihre eigenen Vorstellungen auf die Welt projizieren.

Wenn es nun also eine wahre Rebellion gibt, dann ist es immer eine, die nicht sich zunächst selbst in den Mittelpunkt stellt, sondern nach Dem fragt, der alles geschaffen hat. Frage immer den Erfinder nach den Funktionen der Erfindung. Und genau hier kommt die Offenbarung ins Spiel. Sie zeigt uns nicht nur die Zukunft. Man kann die Offenbarung nicht verstehen, ohne sie im Lichte der ganzen Bibel zu lesen. Sie ist insofern nicht dazu geeignet, um mit dem Bibellesen zu beginnen.

Das Ende weist auf den Anfang

In der Offenbarung gibt es viele Bilder und ebenso auch viele Anspielungen auf alle übrigen Bücher der Bibel. Man kann nicht Alttestamentler sein und das Neue Testament ausklammern. Ebenso wenig kann man Neutestamentler sein und das Alte Testament weglassen. Beide Testamente bedingen sich gegenseitig, es gibt überall Texte, die sich auf Dinge beziehen, die woanders auch stehen. Und das gilt ganz besonders für das Buch der Offenbarung.

Am Ende der Offenbarung zum Beispiel, da beginnt das letzte Kapitel, Kapitel 22, mit den Versen:

1 Und er zeigte mir einen reinen Strom vom Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, der ausging vom Thron Gottes und des Lammes. 2 In der Mitte zwischen ihrer Straße und dem Strom, von dieser und von jener Seite aus, [war] der Baum des Lebens, der zwölfmal Früchte trägt und jeden Monat seine Frucht gibt, jeweils eine; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker. (Offenbarung 22:1-3)

In diesen drei Versen gibt es eine Vielzahl von Bildern, aber ganz zentral steht eines, das auf den Anfang der Bibel hinweist, der Baum des Lebens:

9 Und Gott der HERR ließ allerlei Bäume aus der Erde hervorsprießen, lieblich anzusehen und gut zur Nahrung, und auch den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1. Mose 2:9)

Im dritten Kapitel geht die Story weiter. Die ersten Menschen aßen vom verbotenen Baum der Erkenntnis:

22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner, indem er erkennt, was Gut und Böse ist; nun aber — dass er nur nicht seine Hand ausstrecke und auch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe! 23 So schickte ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war. 24 Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim lagern und die Flamme des blitzenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen. (1. Mose 3:22-24)

Eine Rebellion des Lebens

Die Offenbarung ruft uns also dazu auf, unser Leben im Lichte der gesamten Geschichte Gottes mit dieser Welt zu betrachten und zu einer Suche, die zur Wiederherstellung der zerbrochenen Beziehung zu Gott führt. Man könnte sagen: Zu einer Rebellion des Lebens. Dieser Baum des Lebens, der nicht nur am Anfang und am Schluss der Bibel einen Platz findet, möchte uns ein Leben schenken, das bereits hier anfängt, aber über den Tod hinausgeht. Autonomie führt zum Tod und Verderben, aber eine Rebellion gegen unseren inneren Wunsch zur Autonomie ist ein Schritt auf dem Weg in dieses Leben mit Gott. Die Sprüche Salomos haben uns dazu auch einiges zu sagen:

13 Wohl dem Menschen, der Weisheit findet, dem Menschen, der Einsicht erlangt! 14 Denn ihr Erwerb ist besser als Gelderwerb, und ihr Gewinn ist mehr wert als feines Gold. 15 Sie ist kostbarer als Perlen, und alle deine Schätze sind ihr nicht zu vergleichen. 16 In ihrer Rechten ist langes Leben, in ihrer Linken Reichtum und Ehre. 17 Ihre Wege sind liebliche Wege und alle ihre Pfade Frieden. 18 Sie ist ein Baum des Lebens denen, die sie ergreifen, und wer sie festhält, ist glücklich zu preisen. (Sprüche 3:13-18)

1 Eine sanfte Antwort wendet den Grimm ab, ein verletzendes Wort aber reizt zum Zorn. 2 Die Zunge der Weisen gibt gute Lehre, aber der Mund der Toren schwatzt viel dummes Zeug. 3 Die Augen des HERRN sind überall, sie erspähen die Bösen und die Guten. 4 Eine heilsame Zunge ist ein Baum des Lebens, ist aber Verkehrtheit an ihr, verwundet sie den Geist. (Sprüche 15:1-4)

Das ist wahre Rebellion. Rebellion gegen die Unflätigkeit der Welt, in der manche Politiker nur mit Schimpfwörtern kommunizieren können. Rebellion gegen die Pandemie des Lästerns. Rebellion gegen die Vergötzung der Autonomie. Rebellion gegen Zwietracht und unnötiges Gezänke. Die Liste könnte ziemlich lang ergänzt werden. Paulus macht am Ende von Epheser 4 eine ganze Liste solcher Rebellionen. Oder in Galater 5, gegen die Werke des Fleisches. Das lohnt sich, mal genauer nachzulesen. Insofern: Hasta la rebelacion siempre! Immer vorwärts zur Offenbarung und zur wahren Rebellion!

Rebelation: Einführung in die Offenbarung

Die Offenbarung ist für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Tatsächlich geht es darin ja auch um sieben Siegel und um noch einige Siebener-Reihen mehr. Sieben Gemeinden, sieben goldene Leuchter, sieben Posaunen, und so weiter. Was ich in den kommenden Wochen machen möchte, ist keine Vers-für-Vers-Auslegung, sondern eine Reihe von persönlichen Beobachtungen, die ich im Laufe der Jahre in der Offenbarung und auch im Umgang vieler Menschen mit der Offenbarung gemacht habe. Ich glaube, es ist an der Zeit, die Offenbarung wieder ganz neu auszugraben und als Grundlage für ein revolutionäres Leben zu nehmen.

Es geht mir dabei weniger um eine bestimmte Lesart der Offenbarung. Ja, ich habe da meine Überzeugung, und ich werde darauf noch eingehen. Aber ich habe auch gelernt, wie wertvoll es ist, von all den übrigen Lesarten zu lernen und die besten Einsichten daraus für sich selbst zu nehmen. Wir dürfen da ruhig eklektisch sein, also über den eigenen Tellerrand hinausschauen und von Menschen lernen, die da zu anderen Ansichten gekommen sind. Wenn es um die Lehre von den „letzten Dingen“ oder Endzeit geht, haben wir es mit wichtigen und wertvollen Sachen zu tun, aber keinesfalls mit Dingen, die heilsrelevant sind.

Die Offenbarung – das erfolgreichste Buch der Bibel

Ich möchte mit einer steilen These starten. Bevor mir jemand widerspricht – bitte erst weiter lesen. Ich nenne die Offenbarung gern das erfolgreichste Buch der Bibel. Damit man den Erfolg von etwas messen kann, braucht es ein paar Parameter. Die Offenbarung hat eine ganz große Kernbotschaft, die eigentlich fast über alle Lesarten hinweg gleich verstanden wird. Mit Ausnahme von ganz wenigen Auslegern, die meinen, dass alle in der Offenbarung beschriebenen Ereignisse schon im Jahr 70 nach unserer Zeitrechnung komplett erfüllt worden waren, als der Tempel in Jerusalem zerstört worden war, stimmen eigentlich alle dieser Kernbotschaft zu, dass es das Anliegen Gottes ist, dass wir in schwierigen Zeiten gestärkt werden durch die Botschaft: „Jesus kommt wieder – sei bereit!“

Wenn wir nun mit dieser Kernbotschaft „Jesus kommt wieder – sei bereit!“ im Hinterkopf die Auslegungsgeschichte der Offenbarung im Laufe der vergangenen 2000 Jahre der Kirchengeschichte anschauen, also schauen, wann die Offenbarung mit dieser Botschaft im Mittelpunkt so verstanden wurde, finde ich erstaunlich, dass wir in jedem Jahrhundert, fast in jeder Generation der Kirchengeschichte Ausleger finden, und zwar die absolute Mehrheit von jenen, die sich mit diesem Buch der Bibel eingehend beschäftigt haben, die sind alle auf dieselbe Kernbotschaft gekommen.

Und noch erstaunlicher finde ich, dass so gut wie alle Ausleger, welche versucht haben die Ereignisse, die in der Offenbarung beschrieben werden, zeitlich einzusortieren, immer zum Schluss kommen: Wir sind die letzte Generation! Wir sind die Letzten vor der Trübsal! Wir sind die Letzten vor dem Tausendjährigen Friedensreich! Wir sind die Generation, in der der Antichrist auftaucht! Wir sind die Generation, die Jesu Wiederkunft erlebt! Man kann da Auslegung um Auslegung und Jahrhundert um Jahrhundert durchgehen, immer ist es dasselbe: Wir sind die letzte Generation!

Nicht kryptisch, sondern universell!

Als ich das verstanden habe, wurde mir klar, wie genial Jesus das Buch der Offenbarung geplant hat. Es gibt viel, worüber man sich streiten kann (und darf – und vielleicht sogar soll). Ob die 1000 Jahre Friedensreich ein Zeitraum von 365250 Tagen ist oder ob dieser Zeitraum ein anderer Begriff für die Zeit der Gemeinde ist. Ob mit dem Zeichen auf der Hand und der Stirn ein implantierter Chip oder etwas ganz anderes gemeint ist. Auf wen die Zahl 666 passt (und ob dieses Wissen überhaupt sinnvoll ist). Und vieles mehr. Das viel Krassere ist doch, dass Christen dieses Buch im vierten und im zwölften und im 21. Jahrhundert, in Indien, im Sudan oder Bolivien lesen können, und überall sehen sie in diesem Buch die eine große Message: Jesus kommt wieder – sei bereit! Zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten lesen sie von den Ereignissen in diesem Buch und staunen: Leute, wir könnten die letzte Generation vor dem nächsten Schritt in der Offenbarung sein. Macht euch bereit!

Je mehr ich diesen Gedanken sacken ließ, desto mehr habe ich zwei Dinge verstanden. Erstens: Die Offenbarung ist nicht kryptisch, sie ist nicht unverständlich, sie ist nicht für Experten mit besonderem Hintergrundwissen, sondern sie ist universell, für alle Zeiten und alle Generationen, alle Kontinente und Länder gültig. Zweitens, und das ist vielleicht noch etwas schwieriger zu verstehen, jede Generation und jedes Land konnte und kann alle die darin beschriebenen Ereignisse so verstehen, dass ein großer Teil gerade dabei ist, zu geschehen. Das muss ich etwas ausführen. Wenn ich mit Menschen über die Offenbarung spreche, kommt oft ein Gedanke zum tragen: Unsere Eltern haben dieses Ereignis so verstanden, unsere Großeltern haben diese Verse in ihrer Zeit in Erfüllung gesehen, aber es ist vieles trotzdem noch nicht eingetroffen. Der Krieg ist noch nicht besiegt, es gibt keinen Frieden, die Raubtiere fressen noch Fleisch. Wenn sich unsere früheren Generationen getäuscht haben, wie können wir dann dieses Buch richtig verstehen?

Was wäre aber, wenn sich die vorigen Generationen gar nicht so arg getäuscht haben, wie wir vielleicht meinen? Was wäre – und das ist irgendwie ein echt revolutionärer Gedanke – wenn es Gott in der Offenbarung eben gerade weniger darum geht, einen genauen Zeitplan für die Endzeit zu geben, sondern vielmehr jeder Generation und jedem Land die Möglichkeit geben will, sich und die jeweilige Zeit als Teil von Gottes Geschichte zu sehen? Ich werde diesem Gedanken in einem späteren Post noch widersprechen und eine gewisse Balance geben müssen, aber fürs Erste möchte ich ihn einfach in den Raum stellen. Was wäre, wenn jede Generation auf ihre Weise die letzte ihrer Art ist? Die letzte Generation, bevor Gott eine neue Stufe der Heilsgeschichte zündet?

Rebelation – bereit für ein revolutionäres Leben?

Ein zentrales Thema der Offenbarung ist Macht. Wir sehen in der Offenbarung Jesus Christus als König. Der König, der Seine Macht durch Schwäche bekommt. Der König, der als Opferlamm zum Löwen wird. Der König, der Mitleid hat mit den Schwachen, der den Trauernden die Tränen abwischt. Der König der Gerechtigkeit, der allen Menschen, welche Seinen Opfertod am Kreuz im Glauben annehmen, weiße Hochzeitskleider anzieht. Und so weiter. In gewisser Weise ist die Offenbarung ein politisches Buch. Sie sagt, dass Gott die absolute Macht hat und jeder menschliche oder dämonische Herrscher, der sein Reichlein bauen will, nur auf Zeit eingesetzt und nach Bedarf abgesetzt wird.

Die Szene, in welche die Offenbarung in der frühen Kirchengeschichte eintritt, könnte kaum spannender sein. Ein großes römisches Reich, das seinen Zenit überschritten hatte. Viele Kulturen, die nur mit Gewalt zusammengehalten werden konnten. Eine kleine jüdische Sekte, die von einem Märtyrer erzählte, der aus Liebe für die Menschen den Weg ans Kreuz gewählt hatte. Eine Sekte, die vor allem durch ihr revolutionäres Leben auffiel. Nicht weil sie laut oder möglichst kontrovers war, aber in einem konsequent: Sie wollten niemanden als Gott verehren außer Gott allein und sie nahmen sich die Freiheit, allen von der Liebe Gottes zu erzählen. Sie weigerten sich, dem Kaiser Opfergaben zu bringen, die ihn als Mitgott verehrten. Dafür waren sie bereit, wie ihr Vorbild bis in den Tod zu gehen. Diese Bereitschaft, diese radikale Hingabe, brachte ihnen viele Bewunderer ein. Und diese Bereitschaft und Hingabe kamen aus einem Verständnis heraus, welches wir in der Offenbarung immer wieder finden. Eines Tages kommt Jesus Christus wieder. Nicht mehr als Opferlamm, sondern als Löwe, als König, als Richter, um zu richten die Toten und die Lebenden.

Und so fragt uns das Buch der Offenbarung auch: Sind wir bereit? Sind wir bereit für die nächste Stufe von Gottes Plan? Sind wir bereit, Jesus radikal nachzufolgen? Nicht mit Macht, nicht mit Lautstärke, nicht mit schönen Worten, sondern mit der Liebe, die den einzelnen Menschen mit Gottes Augen sieht, die Tränen abtrocknet, zuhört, und wenn nötig auch dafür Nachteile in Kauf nimmt?

Zurück zur ersten Liebe

Dem Engel der Gemeinde von Ephesus schreibe: Das sagt, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt: Ich kenne deine Werke und deine Bemühung und dein standhaftes Ausharren, und dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die behaupten, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie als Lügner erkannt; und du hast [Schweres] ertragen und hast standhaftes Ausharren, und um meines Namens willen hast du gearbeitet und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Sonst komme ich rasch über dich und werde deinen Leuchter von seiner Stelle wegstoßen, wenn du nicht Buße tust! Aber dieses hast du, dass du die Werke der Nikolaiten hasst, die auch ich hasse. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist. (Offb 2:1-7)

Jesus Christus lässt zu Beginn der Offenbarung Johannes an sieben Gemeinden Briefe schreiben. Alle sieben Briefe sind für uns zum Lesen bestimmt. Sie gelten nicht nur einzelnen Gemeinden der damaligen Zeit, sondern sind vielmehr auch Worte an unsere Zeit. Sie beschreiben sieben geistliche Zustände, in denen wir uns befinden können. Dieser erste Brief an die Gemeinde von Ephesus enthält viel Lob. Als der Apostel Paulus in der Apostelgeschichte auf seiner Missionsreise unterwegs war und Abschied nahm von der Gemeindeleitung von Ephesus, warnte er sie mit drastischen Worten:

Und nun siehe, ich weiß, dass ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, ihr alle, bei denen ich umhergezogen bin und das Reich Gottes verkündigt habe. Darum bezeuge ich euch am heutigen Tag, dass ich rein bin von aller Blut. Denn ich habe nichts verschwiegen, sondern habe euch den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt. So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat! Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht schonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen in ihre Gefolgschaft. Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, jeden Einzelnen unter Tränen zu ermahnen. (Apg 20:25-31)

Räuberische Wölfe, verkehrte Männer aus der eigenen Gemeinde, das klingt schlimm. Der Herr Jesus bestätigt in der Offenbarung, dass die Gemeinde in Ephesus das richtig gemacht hat. Doch dann gibt es eine Wendung: Du hast deine erste Liebe verlassen. Interessant, was er nicht sagt: Er sagt nicht: Du hast deine erste Liebe verloren. Nein, es ist kein Zufall. Du hast sie verlassen. Du hast etwas getan, weshalb diese erste Liebe verschwunden ist. Sie sind Jesus treu geblieben. Sie haben gewacht und aufgepasst, dass keine falschen Lehrer und Propheten kommen konnten. Doch bei all dem Aufpassen ist ihnen die Begeisterung, die Leidenschaft abhanden gekommen. Sie haben ihre Leidenschaft verloren. Sie waren bibeltreu, fromm, vorsichtig, alles gute Dinge. Dennoch sind sie auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Sie taten vieles richtig, aber nicht mehr aus Liebe, nicht mehr aus Leidenschaft heraus, sondern weil es für sie zur frommen Arbeit, zur Pflicht, zur Last, zur Tradition geworden ist.

Zwischen den Worten von Paulus und dem Brief von Jesus in der Offenbarung sind etwa 40 Jahre vergangen. Eine neue Generation von Leitern wird wohl inzwischen die Gemeinde übernommen haben. Menschen, die alles richtig gelernt haben, die um die Gefahren wussten. Doch sie haben selbst möglicherweise die Erweckung der ersten Zeit gar nicht miterlebt. Sie brauchten eine eigene Erweckung. Jede Generation braucht ihre eigene Erweckung. Jede Generation muss für ihre eigene Generation im Gebet einstehen und eigene Fürbitter auf die Mauern stellen. Deswegen sagt Jesus zu dieser Gemeinde: Tue die ersten Werke. Passe nicht nur auf. Tue nicht nur aus Tradition, was man früher auch schon tat. Tue es, weil du eine eigene, eine neu entfachte Leidenschaft entwickelst. Die Erweckung der Zeit von Paulus war von viel Gegenwind gekennzeichnet. Die Gemeinde war so voller Leidenschaft, dass die Silberschmiede der Stadt Angst hatten, dass ihnen die Kundschaft für ihre Silberstatuen der Göttin Artemis weglief. Sie fürchteten richtiggehend um ihre Existenz. Das war das Feuer der ersten Liebe.

Kann es sein, dass wir manchmal auch nur noch versuchen, die Asche der früheren Generation zu hüten? Kann es sein, dass wir das Feuer gar nicht mehr selbst kennengelernt haben, sondern nur vom Hörensagen? Dann ist es an der Zeit, dass wir unsere Stimmen erheben und zum Herrn und König des Universums schreien, dass Er uns diese erste Liebe wieder neu schenkt.

Die Lehre von der Bibel als PDF

Ich habe jetzt die Beiträge, die von der Lehre von der Bibel handeln, in einem kleinen PDF zusammengestellt, das hier heruntergeladen werden kann. Die Datei darf gerne verwendet und verlinkt werden, jede Weitergabe muss aber vollständig und unverändert erfolgen.

Inhaltsverzeichnis:

Die Frage nach der letzten Autorität 

Allgemeine Offenbarung: Die Schöpfung

Allgemeine Offenbarung: Das Gewissen

Spezielle Offenbarung: Die Bibel

Spezielle Offenbarung: Jesus Christus

Schöpfungsgeschichten im Vergleich

Heilsgeschichte: Der rote Faden durch die Bibel

Die Frage nach der Inspiration

Die Irrtumslosigkeit der Bibel

Die Schriften des Alten Testaments

Die Schriften des Neuen Testaments

Die Bibel lesen – ja, aber wie?

Die Irrtumslosigkeit der Bibel

Wir haben bereits gesehen, was es bedeutet, dass die Bibel von Gott inspiriert ist. Jetzt geht es noch darum, dass sie in ihrer Inspiration vollkommen irrtumslos ist. Das betrifft die gesamte Bibel, Buch für Buch, Kapitel für Kapitel, Vers für Vers und Wort für Wort. Der Begriff Irrtumslosigkeit bedeutet, dass die Autographen (so nennt man die originalen Handschriften, die allerdings heute nicht mehr vorhanden sind) in den Originalsprachen keinen einzigen Fehler oder Irrtum enthalten.
Das Buch der Offenbarung hat als letztes Buch die gesamte biblische Offenbarung beendet. Deshalb heißt es dort: Fürwahr, ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand etwas zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht; und wenn jemand etwas wegnimmt von den Worten des Buches dieser Weissagung, so wird Gott wegnehmen seinen Teil vom Buch des Lebens und von der heiligen Stadt, und von den Dingen, die in diesem Buch geschrieben stehen.(Offenbarung 22, 18 – 19) Diese Worte des Herrn Jesus Christus müssen wir ernst nehmen – es steht viel auf dem Spiel!
Gerade weil die Bibel ja in dynamischer Weise inspiriert ist, haben die verschiedenen Autoren der biblischen Bücher auch unterschiedlich geschrieben. Der Evangelist Lukas war Arzt, weshalb seine Berichte auch wissenschaftlich viel exakter waren. Petrus, dessen Bericht von Markus aufgeschrieben wurde, war ein einfacher Fischer und hat aus der Sicht des einfachen Volkes geschrieben. So kommt der Charakter und die Persönlichkeit der einzelnen Autoren immer wieder zum Vorschein. Deshalb ist es auch kein Widerspruch gegen die Irrtumslosigkeit, wenn jemand schreibt, dass die Sonne auf- und untergehe. Das entspricht einfach dem, was die Menschen gesehen haben und ist deshalb korrekt.
Interessant ist, dass Jesus ganz viel aus dem Alten Testament zitiert und damit bestätigt hat. Ganz besonders oft waren das gerade die Berichte des Alten Testaments, die heute besonders unter Beschuss stehen:
– Schöpfung und Ehe (Matthäus 19,5)
– Sintflut und Arche Noah (Lukas 17,26-27)
– Sodom und Gomorrah (Lukas 17,28-29)
– Tyrus und Sidon (Matthäus 11,21-22)
– Die Beschneidung (Johannes 7,22)
– Das Passah (Matthäus 26,2)
– Das Gesetz (Johannes 7,19)
– Die Gebote (Matthäus 19,7-9)
– Der brennende Dornbusch (Markus 12,26)
– Jona und der Riesenfisch (Matthäus 12,40)
– Die Buße Ninives (Matthäus 12, 41)
– David, der Schaubrote aß (Matthäus 12,3)
– Die Dürre zur Zeit Elias (Lukas 4,25)
– Die eherne Schlange (Johannes 14-15)
und so weiter. Jesus hat also bestätigt, dass alle diese Begebenheiten, von denen das Alte Testament berichtet, vollkommen wahr sind.
Wir haben bereits gesehen, dass Gott die Persönlichkeit der einzelnen Autoren nicht ausgeschaltet hat, sondern jeder so schreiben lassen, wie es ihm entspricht. Das ändert nichts an der Irrtumslosigkeit der Bibel. Genau dasselbe gilt auch für verschiedene grammatikalische Konstruktionen, die manchmal auf den ersten Blick „falsch“ aussehen. In Wirklichkeit haben uns diese Konstruktionen eine ganze Menge zu sagen. So wird etwa dem Heiligen Geist (das hebräische Wort Ruach ist weiblich und bedeutet Wind, Atem, Hauch, Geist) manchmal ein Verb in der männlichen Form beigefügt. Dies ist kein Fehler, sondern fordert uns auf, danach zu suchen, was uns diese Konstruktion zu sagen hat.
Das bedeutet aber auch, dass wir aufgerufen sind, die Bibel als eine Sammlung vieler historischer Dokumente zu sehen, die uns auch in Bezug auf das, was sie erzählen, völlig zuverlässig sind. Die Bibel versucht nicht einfach, Unerklärliches zu erklären, sondern gibt uns vor, was korrekt ist. Sie sagt uns, dass alles einen Schöpfer hat, der die Naturgesetze geschaffen hat und immerzu dafür sorgt, dass wir uns auf jene verlassen können. Ein Naturgesetz wohnt nicht einfach „automatisch“ in einer Sache drin. Es muss erschaffen und erhalten werden. Ein Wissenschaftler, dessen Aufgabe es ist, die Realität zu sehen, zu betrachten, zu beschreiben und zu untersuchen, muss sich in dieser Hinsicht auf den Schöpfer verlassen – selbst wenn er dessen Existenz verleugnet.
Was passiert aber, wenn wir als Christen anfangen, die Irrtumslosigkeit der Bibel zu bezweifeln oder gar abzustreiten?
1) Wir bekommen ein Problem mit Gottes Charakter. Plötzlich ist Gott nicht mehr zuverlässig. Gott wird zum Lügner. Und wir müssen uns fragen: Wenn Gott ein Lügner ist, müssen wir als Gottes Nachahmer dann auch zu Lügnern werden?
2) Wir bekommen ein Problem mit der Frage, worauf wir uns verlassen können. Wenn die Bibel Irrtümer enthält, was ist dann der Maßstab dafür, um Irrtum von Wahrheit unterscheiden zu können? Es wird nicht nur alles subjektiv, sondern wir können damit auch gleich die ganze Bibel in die Tonne kloppen.
3) Wir bekommen ein Problem mit uns selbst. Am Ende kommt es nur noch auf uns selbst an – wir sind dazu verdammt, unser eigener Maßstab zu sein und uns ein Leben lang um uns selbst zu drehen. Jeder Mensch, der einigermaßen realistisch denkt, kann dies nur als Fluch sehen, da er weiß, wie wenig Verlass auf sich selbst ist.
Die Worte des Herrn sind reine Worte, in irdenem Tiegel geschmolzenes Silber, siebenmal geläutert. Du, o Herr, wirst sie bewahren, wirst sie behüten vor diesem Geschlecht ewiglich! Es laufen überall Gottlose herum, wenn die Niederträchtigkeit sich der Menschenkinder bemächtigt.(Psalm 12, 7 – 9)

Die Frage nach der Inspiration

Paulus schreibt an Timotheus: Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir zur Gewissheit geworden ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, und weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche die Kraft haben, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.“ (2. Timotheus 3, 14 – 17)
Alle Schrift ist von Gott eingegeben. Im griechischen Text steht da „theopneustos“, das heißt „gottgehaucht“. Die gesamte Bibel ist somit von Gott inspiriert. Doch was bedeutet nun genau dieses „inspiriert“? Darüber gibt es eine ganze Menge von Debatten, und es ist wichtig, dass wir uns mit der Frage nach der Inspiration beschäftigen. Bevor wir die verschiedenen Theorien zur Inspiration anschauen, zunächst ein Blick auf die wichtigsten weiteren Bibelstellen zum Thema:
Und so halten wir nun fest an dem völlig gewissen prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. Dabei sollt ihr vor allem das erkennen, daß keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist. Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet. (2. Petrus 1, 19 – 21)
Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn. Ihn hat er eingesetzt zum Erben von allem, durch ihn hat er auch die Welten geschaffen; dieser ist die Ausstrahlung seiner Herrlichkeit und der Ausdruck seines Wesens und trägt alle Dinge durch das Wort seiner Kraft; er hat sich, nachdem er die Reinigung von unseren Sünden durch sich selbst vollbracht hat, zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. (Hebräer 1, 1 – 3)
Auch von den Schriften des Neuen Testaments gilt, was die Autoren über die Bibel sagen. So zählt Petrus die Briefe von Paulus zu den heiligen Schriften hinzu: Und seht die Langmut unseres Herrn als [eure] Rettung an, wie auch unser geliebter Bruder Paulus euch geschrieben hat nach der ihm gegebenen Weisheit, so wie auch in allen Briefen, wo er von diesen Dingen spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben. (2. Petrus 3, 15 – 16)
Paulus macht dasselbe mit den Evangelien: Die Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelter Ehre wert geachtet werden, besonders die, welche im Wort und in der Lehre arbeiten. Denn die Schrift sagt: »Du sollst dem Ochsen nicht das Maul verbinden, wenn er drischt!«, und »Der Arbeiter ist seines Lohnes wert«.(1. Timotheus 5, 17 – 18) Hier zitiert Paulus das Lukasevangelium, nämlich Lukas 10, 7 und zählt es zur heiligen Schrift hinzu.
Und dann gibt es in der Bibel auch einige tausend direkte Zitate, in welchen Gott in direkter Rede zitiert wird. Schon nur wenn wir in der Konkordanz nach „spricht der Herr“ suchen, taucht dies 849x auf. Über 900x zusätzlich in der Vergangenheitsform: „sprach der Herr“. Und auch das Neue Testament enthält viele direkte Zitate Gottes – jedes Mal, wenn der Herr Jesus den Mund auftat, können wir sagen: So spricht der Herr.
Und nun stellt sich die Frage: Was genau bedeutet es, wenn wir sagen, dass die ganze Bibel von Gott inspiriert ist?
1. Diktattheorie
Die erste mögliche Theorie möchte ich „Diktattheorie“ nennen. Sie wird leider häufig mit dem Begriff „Verbalinspiration“ durcheinandergebracht. Die Diktattheorie besagt, dass die Autoren der Bibel Wort für Wort von Gott empfangen und Wort für Wort davon geschrieben haben. Damit wäre es wie in der Schule, wo der Lehrer einen Text vorliest und alle Schüler am Schluss genau diesen Text aufgeschrieben haben sollten. Damit hätte die Bibel nur Gott allein zum Autor. Diese Theorie versucht zwar, das Wort Gottes hoch zu halten, aber die Tatsache kommt dabei zu kurz, dass jeder Autor seinen eigenen Charakter, seine Sprache, seinen Wortgebrauch, und so weiter hat.
2. Liberale Theorien
Es gibt verschiedene liberale Theorien, die im Grunde besagen: Die Bibel enthält Gottes Worte und sie enthält daneben eine Menge Menschenworte, und der Theologe oder der Bibelleser muss versuchen, die Menschenworte davon zu eliminieren, damit am Ende das Wort Gottes übrig bleibt. Die Geschichte und die Erfahrung zeigen, dass jeder Versuch, so vorzugehen, am Ende immer dazu führt, dass man nur das in der Bibel finden kann, was man zuerst an sie herangetragen hat. So hat etwa die „Leben-Jesu-Forschung“ versucht, alle übernatürlichen Elemente aus dem Leben Jesu herauszudestillieren, doch am Ende blieb vom gesuchten „historischen Jesus“ nichts mehr übrig.
3. Existentialistische Theorie
Karl Barth, einer der wichtigsten Vertreter der existentialistischen Theologie, war der Meinung, dass die Bibel nicht per se Gottes Wort ist. Vielmehr war sie einst Gottes Wort (nämlich dann, als der jeweilige Autor sie aufgeschrieben hatte) und sie kann heute wieder zum Wort Gottes werden – aber erst durch die Predigt, erst dadurch, dass der Mensch von Gottes Wort persönlich angesprochen wird. Auch hier haben wir wieder das Problem, dass die Bibel dadurch viel zu wenig ernst genommen wird. Der Mensch wird ins Zentrum gerückt, Theologie wird zur Anthropologie (Lehre vom Menschen).
4. Personalinspiration
Diese Theorie kam vor allem im Zeitalter des Idealismus auf. Nicht die Bibel ist von Gott inspiriert, sondern die Autoren waren inspiriert, weil sie eine besondere Begegnung mit Gott hatten und deshalb ihr menschlicher Geist von Gott erfüllt und damit inspiriert war. Deshalb ist bei der Personalinspiration auch nicht alles, was die Autoren geschrieben haben, 1:1 von Gott inspiriert, sondern alles nur Menschenworte, die vom vergöttlichten Menschenverstand wiedergegeben wurden. Auch diese Theorie nimmt die Größe des Wunders der göttlichen Inspiration nicht ernst genug.
5. Realinspiration
Eine weitere Theorie nennt sich Realinspiration. Sie besagt, dass die Texte der Bibel nicht von Gott inspiriert sind und keinesfalls historisch echt sein müssen, aber die ethischen, sittlichen Themen, die seien von Gott inspiriert. Auch hier kann man dann die Themen frei nach Belieben herauspicken – die Bibel wird der totalen Beliebigkeit des Menschen unterworfen. Deshalb wird auch diese Theorie der Bibel nicht gerecht.
6. Dynamische Verbalinspiration
Die überzeugendste Theorie scheint mir jene zu sein, die ich dynamische Verbalinspiration nenne. Sie besagt, dass Gott verschiedene Menschen gebraucht hat und bei keinem von ihnen den Willen oder die Persönlichkeit ausgeschaltet, sondern im Gegenteil, in einem dynamischen Prozess gerade den verschiedenen Charakter der Autoren gebraucht, um sie am Ende alle zusammen die Bibel schreiben zu lassen, welche wir heute haben. Gott hat diesen dynamischen Prozess überwacht und dafür gesorgt, dass nicht nur alles Nötige in der Bibel zu finden ist, sondern auch dass nichts davon fehlt. Auf diese Weise ist die große Vielfalt, die wir in der Einheit der ganzen Bibel finden, auch ein Hinweis darauf, dass unser dreieiner Gott als der Drei-Eine Vielfalt in Einheit und Einheit in Vielfalt ist.
Freuet euch des HERRN, ihr Gerechten; die Frommen sollen ihn recht preisen. Danket dem HERRN mit Harfen; lobsinget ihm zum Psalter von zehn Saiten! Singet ihm ein neues Lied; spielt schön auf den Saiten mit fröhlichem Schall! Denn des HERRN Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss. Er liebt Gerechtigkeit und Recht; die Erde ist voll der Güte des HERRN. Der Himmel ist durch das Wort des HERRN gemacht und all sein Heer durch den Hauch seines Mundes. Er hält die Wasser des Meeres zusammen wie in einem Schlauch und sammelt in Kammern die Fluten. Alle Welt fürchte den HERRN, und vor ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet. Denn wenn er spricht, so geschieht’s; wenn er gebietet, so steht’s da. (Psalm 33, 1 – 9)

Heilsgeschichte: Der rote Faden durch die Bibel

Mein zweiter Grund für die vollkommene Vertrauenswürdigkeit der Bibel besteht darin, dass die Bibel, obwohl sie über den Zeitraum von etwa 1700 Jahren und von 40 Autoren geschrieben wurde, eine innere Einheit, einen roten Faden, hat. Sie ist die Geschichte von Gott mit der Menschheit. Somit ist sie zuerst einmal eine große Sammlung von vielen historischen Dokumenten, und zugleich ist sie das eine große historische Dokument, das uns von Gott als Schöpfer erzählt, von der ersten Menschheit, die mit Gott lebte, von der Abkehr der Menschen von Gott und davon, wie Gott immer wieder auf die Menschen zugegangen ist und ihnen Sein wunderbares Wesen gezeigt hat: Seine Heiligkeit, vor der der Mensch zittert und erschrickt. Seine Gerechtigkeit, die alles sieht und am Ende nichts ungestraft lassen wird. Seine Liebe, in der Er Selbst kommt, um unsere Schuld zu bezahlen. Seine Allmacht, die sich in den Wundern zeigt. Seine Allwissenheit, welche die gesamte Weltgeschichte steuert. Seine Allgegenwart, mit der Er den Menschen nahe ist, die Ihn suchen.
In diesem Zusammenhang ist das 1. Mosebuch unvorstellbar wichtig. Edith Schaeffer, die Frau des Evangelisten und Apologeten Francis A. Schaeffer, schreibt dazu: „Man muss mit dem ersten Buch Mose anfangen. „Am Anfang … Gott.“ Das bedeutet: Am Anfang steht eine Person – eine unbegrenzte Person zwar, aber eine Person. Am Anfang – Denken, Handeln, Fühlen, Lieben, Kommunikation, Idee, Entscheiden, Kreativität. Ja, am Anfang war dieser Gott, der den Menschen nach seinem Bilde schuf. Eine Persönlichkeit, die bereits existierte. Ein persönliches Universum, erschaffen von einer Person. Ein am Menschen ausgerichtetes Universum, von einer Person erschaffen. Ein Universum, in dem es Erfüllung für die Wünsche von Künstlern, Dichtern, Musikern, Landschaftsgärtnern gibt, weil es von einem Künstler, Dichter, Musiker und Landschaftsgärtner gemacht worden ist.“ (Schaeffer, Edith, Der Erste und der Letzte, S. 16f)
Wenn wir wissen wollen, was eine Person ist, dann müssen wir nicht zuerst Menschen anschauen und dann fragen: Hmm, ist Gott wie ein Mensch? Sondern wir schauen Gott an und erkennen da, was eine Person ist, und dann sehen wir, auf wie vielen Ebenen auch wir Menschen Personen sind.
Dann gehen wir wieder ins erste Mosebuch und schauen, was das Ziel und der Zweck, der Sinn unseres Lebens ist. Und da erkennen wir, dass es das Leben in der Gemeinschaft mit Gott und mit anderen Menschen ist, und dass wir einen Auftrag auf dieser Erde haben: Für sie zu sorgen, sie zu gebrauchen, sie zu studieren, sie zu bebauen, ihren Ertrag zu vermehren, und auch unser eigenes Leben zu vermehren. Gott hat uns so geschaffen, dass wir uns freuen können. Deshalb sind wir dazu gemacht, um uns an Gott und Seiner Schöpfung zu freuen. Jedes Mal, wenn wir uns über ein Gedicht oder ein Musikstück freuen, so können wir das nur, weil Gott uns mit der Fähigkeit zur Freude und Kreativität gemacht hat.
Doch leider blieb nicht alles beim Alten. Die Menschen rebellierten gegen Gott und wollten autonom werden, sie wollten selbst über Gut und Böse entscheiden und vertrauten darin Gott nicht. So sind sie der Sünde verfallen. Und bis auf den heutigen Tag gibt es (außer Jesus Christus) keinen einzigen Menschen, der so leben kann, wie es Gott gefällt. Deshalb beginnt die Heilsgeschichte. Der Mensch ist von Natur und von Geburt aus von Gott getrennt, sein Wesen ist böse, er ist ein Feind Gottes, bis zu dem Moment, in welchem er durch den Heiligen Geist wiedergeboren wurde.
Diese Wiedergeburt verspricht schon das Alte Testament auf viele verschiedene Arten und Weisen. Etwa Jeremia: Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde; nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloß an dem Tag, da ich sie bei der Hand ergriff, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen; denn sie haben meinen Bund gebrochen, obwohl ich doch ihr Eheherr war, spricht der Herr. Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Innerstes hineinlegen und es auf ihre Herzen schreiben, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.(Jeremia 31, 31 – 33)
Jeremia spricht von einem neuen Bund, einem neuen Herz. Vor dem Neuen Bund musste es zuerst einen Alten Bund geben. Gott hat mit dem Volk Israel, von dem das ganze Alte Testament berichtet, einen Bund geschlossen, bei dem Gott dem Volk zusagte, Er wolle ihr Gott sein und sie Sein Volk, wenn es Seinen Willen tun würde. Doch eines um das andere Mal ist das Volk Israel seinem Gott untreu geworden. Warum? Weil es ein neues Herz und einen neuen Geist braucht. Die Geschichte von Israel lehrt uns viel: Ohne neues Herz ist es unmöglich, Gottes Willen zu tun. Deshalb gab Gott dem Volk auch bestimmte Gebote, die mit Tieropfern zu tun hatten. Eigentlich hätte jeder Mensch, der einmal gegen Gott sündigte, sofort mit dem Tod bestraft werden müssen. Doch Gott gab die Möglichkeit, dass ein teures, speziell ausgewähltes und besonders schönes Tier an der Stelle der Person sterben konnte, die gesündigt hatte. Jedes Opfer war so eine Erinnerung daran, dass der Mensch eigentlich sein Leben verwirkt hatte.
Im Neuen Testament kommt Gott Selbst in Jesus Christus auf die Erde. Jesus Christus ist das perfekte Opfer für alle unsere Sünden. So heißt es im Hebräerbrief: Aufgrund dieses Willens sind wir geheiligt durch die Opferung des Leibes Jesu Christi, [und zwar] ein für allemal. Und jeder Priester steht da und verrichtet täglich den Gottesdienst und bringt oftmals dieselben Opfer dar, die doch niemals Sünden hinwegnehmen können; Er aber hat sich, nachdem er ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht hat, das für immer gilt, zur Rechten Gottes gesetzt, und er wartet hinfort, bis seine Feinde als Schemel für seine Füße hingelegt werden. Denn mit einem einzigen Opfer hat er die für immer vollendet, welche geheiligt werden. Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist; denn nachdem zuvor gesagt worden ist: »Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen will nach diesen Tagen, spricht der Herr: Ich will meine Gesetze in ihre Herzen geben und sie in ihre Sinne schreiben«, sagt er auch: »An ihre Sünden und ihre Gesetzlosigkeiten will ich nicht mehr gedenken.« Wo aber Vergebung für diese ist, da gibt es kein Opfer mehr für Sünde.(Hebräer 10, 10 – 18)
Hier haben wir wieder das Zitat von Jeremia, und die Bestätigung, wie alles zusammen passt. Das Opfer von Tieren war im Alten Bund nötig, aber im Neuen Bund ist Jesus Christus das perfekte, einmalige Opfer für alle unsere Schuld. So sehen wir auch, dass die Schriften von 66 Büchern und von etwa 40 Autoren wunderbar zusammenpassen. Auch Paulus macht den Zusammenhang im Brief an die Korinther deutlich:
Denn die Liebe des Christus drängt uns, da wir von diesem überzeugt sind: Wenn einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben; und er ist deshalb für alle gestorben, damit die, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und auferstanden ist. So kennen wir denn von nun an niemand mehr nach dem Fleisch; wenn wir aber auch Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch nicht mehr so. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden! Das alles aber [kommt] von Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Jesus Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat; weil nämlich Gott in Christus war und die Welt mit sich selbst versöhnte, indem er ihnen ihre Sünden nicht anrechnete und das Wort der Versöhnung in uns legte. So sind wir nun Botschafter für Christus, und zwar so, daß Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun stellvertretend für Christus: Laßt euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ (2. Korinther 5, 14 – 21)

Spezielle Offenbarung: Jesus Christus

Der Apostel Johannes beginnt sein Evangelium von Jesus Christus mit den Worten: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. […] Das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.(Johannes 1, 1 – 5 und 9 – 14)
Johannes fängt also seinen Bericht nicht mit der Geburt an, sondern er beginnt bei den Anfängen dieser Welt. Noch bevor die Welt geschaffen war, da war das Wort bei Gott und es war Gott. Dieser Bericht des Johannes hat starke Anlehnung an den Bericht von der Erschaffung der Welt. Dort hat Gott durch Sein Wort geschaffen, indem Er sprach – und es geschah. Nicht durch Big Bangs oder Big Bounces oder dergleichen, sondern durch Sein Wort. Durch Jesus Christus. Dies bestätigt Paulus etwa im Brief an die Kolosser: Dieser ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über aller Schöpfung ist. Denn in ihm ist alles erschaffen worden, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; und er ist vor allem, und alles hat seinen Bestand in ihm. (Kolosser 1, 15 – 17)
Dieser ist also Jesus Christus. Das Wort, durch welches Gott alles geschaffen hatte. Johannes nennt Ihn auch „das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet“. Da stellt sich nun die Frage, wie das gemeint ist. Auf der einen Seite ist es so, dass jeder Mensch durch sein Gewissen eine gewisse Erleuchtung und damit auch Selbsterkenntnis hat. Weil Jesus Christus jeden Menschen geschaffen und ihm ein Gewissen gegeben hat, kann so jeder Mensch auch ein Stück von der Ewigkeit, von Gott und von sich selbst erkennen. Ein anderer Aspekt besteht aber darin, dass Jesus Christus auch auf die Erde gekommen ist – als Mensch wie wir alle. Und durch Sein Leben hat Er den Menschen einen Spiegel vorgehalten. Er hat ihnen gezeigt, dass sie alle so unendlich weit entfernt sind von dem, wozu sie geschaffen sind. Das hat häufig provoziert. Und das sagt Johannes wiederum, wenn er schreibt: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Die Seinen nahmen Ihn nicht auf. Sie verfolgten Ihn, verspotteten Ihn, bespuckten Ihn, nahmen Ihn gefangen, verließen Ihn, kreuzigten Ihn zu Tode.
Das Böse hatte gesiegt. Man hat es wohl den triumphalen Siegesschrei ausstoßen hören können. Das Wort ist tot. Gott Sohn ist tot. Doch der Teufel hatte eines nicht bemerkt: In dem Moment, als sein Triumph am größten war, hatte er unwissend Selbstmord begangen. Er hat sich mit der schlimmsten Sünde, die jemals getan wurde, selbst besiegt. Dort am Kreuz von Golgatha war der Ort, an dem die Schuld der Menschen bezahlt wurde – so dass jeder, der an Jesus Christus glaubt, nicht in die ewige Verdammnis kommt, sondern ewig mit Gott leben darf. Am Kreuz wird Gottes Zorn und Gottes Liebe am besten sichtbar: Gottes Zorn über die Sünde, welcher über Jesus Christus ausgegossen wurde – und zugleich Gottes Liebe, in welcher Er Selbst diesen Zorn zu tragen bereit war.
Viele Dinge waren schon vorher bekannt, aber in Jesus Christus werden die einzelnen Heilslinien in einer Person vereinigt: Der Hohepriester, der am Versöhnungstag nach 3. Mose 16 Gott für die Sünden des Volks Israel opfert, zugleich das Opfertier, welches die Sünden der Menschen trägt, der König der Welt, welcher als Nachkomme Davids versprochen war, der Richter der Welt aus Daniel 7,14. Der Gottesknecht aus Jesaja 52 und 53, und so weiter. Alle diese Heilslinien treten im Alten Testament einzeln auf und verlaufen zuerst parallel zueinander. Im Neuen Testament fallen sie in Jesus Christus zusammen, der das Wort Gottes ist, und somit die größte Offenbarung Gottes.
Mit dieser Botschaft hat Jesus Christus nach Seiner Auferstehung am dritten Tag Seine Nachfolger beauftragt. Die Gemeinde ist der Leib, der Körper, von Jesus Christus, der auf der Erde das ausführen soll, was Sein Wille ist. Die Gemeinde hat den Auftrag, Jesus Christus zu predigen und Menschen einzuladen, in eine persönliche Beziehung zu Gott zu kommen. Sie soll da sein für Menschen, die an ihrem Leben leiden und ihnen die Hoffnung des ewigen Lebens ohne Leid geben. Deshalb sagt Johannes auch: „Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Kinder Gottes sind nicht einfach alle Menschen. Auch nicht einfach alle, die getauft sind. Ja, noch nicht einmal alle, die regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. All das sind gute Sachen, aber sie machen niemanden zu einem Kind Gottes. Johannes sagt vielmehr, dass man Jesus Christus annehmen muss.
Jesus Christus möchte unser Erlöser und unser König sein. Es reicht nicht, Ihn nur als den Erlöser zu wollen. Wir brauchen Ihn auch als König. Wenn wir zu Ihm gehören, dann suchen wir nach Seinem Willen und tun das, was Er von uns möchte. Wir lassen uns von Ihm prägen und verändern. Wir beginnen, das zu lieben, was Er liebt und das zu hassen, was Er hasst. Wir lernen Ihn immer besser kennen, reden mit Ihm und hören auf Sein Wort. Dadurch werden wir immer sensibler für Seinen Willen. Diesen Prozess, in welchem wir Jesus Christus immer ähnlicher werden, nennt die Bibel Heiligung. Je weiter wir in dem Prozess voranschreiten, desto mehr wird auch unser Leben zu einem Sichtbarmachen von Gottes Wirken. Weil so viele Menschen kein Interesse haben, die Bibel zu lesen, so sollen sie halt unser Leben lesen können und sehen, wie Gott wirkt.
Unser Brief seid ihr selbst, in unsere Herzen geschrieben, erkannt und gelesen von jedermann. Es ist ja offenbar, daß ihr ein Brief des Christus seid, durch unseren Dienst ausgefertigt, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens. (2. Korinther 3, 2 – 3)
Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn die er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht. Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer will gegen die Auserwählten Gottes Anklage erheben? Gott [ist es doch], der rechtfertigt! Wer will verurteilen? Christus [ist es doch], der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der auch zur Rechten Gottes ist, der auch für uns eintritt! Wer will uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir geachtet!« Aber in dem allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Römer 8, 28 – 39)

Spezielle Offenbarung: Die Bibel

Wer mehr über Gott wissen will als was er in der Natur und durch sein Gewissen beobachten kann, wird nicht um die Bibel herumkommen. Sie ist die Art, wie Gott Sich entschieden hat, Sich Selbst uns Menschen zu offenbaren. Martin Luther hat festgestellt: „Wenn du Gnade willst erreichen, so arbeite darauf hin, dass du das Wort Gottes sowohl gespannt hörst, als auch dich mit Freude daran erinnerst: Das Wort, sage ich, und allein das Wort ist das Gefährt der Gnade Gottes.“(übersetzt nach: Luther, Martin, Weimarer Ausgabe, Bd. 2, S. 509) Was Luther hier sagt, ist ungefähr Folgendes: Ohne die Bibel ist es unmöglich, Gott als gnädigen Gott kennenzulernen.
Werfen wir einen kurzen Blick zurück: Die allgemeine Offenbarung in der ganzen Schöpfung und im menschlichen Gewissen kann uns im besten Fall sagen, dass Gott sehr mächtig, sehr gut, sehr perfekt, moralisch viel besser als wir ist und dass wir selbst immer wieder hinter dem Standard dieses großen Gottes weit zurückbleiben. Und jetzt geht es um die Frage, wie der Mensch zum Wissen gelangen kann, wie er vor diesem Gott am leben bleiben kann. Und hierauf gibt Martin Luther die richtige Antwort: Das Wort, die Bibel allein, ist das Gefährt der Gnade Gottes.
Der Apostel Paulus schreibt dazu:Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.(2. Timotheus 3,16 – 17) Was es genau bedeutet, dass die ganze Bibel von Gott eingegeben (inspiriert) ist, wird noch im Detail an anderer Stelle zu erläutern sein. Der Apostel Petrus bestätigt die Aussage von Paulus: Und so halten wir nun fest an dem völlig gewissen prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. Dabei sollt ihr vor allem das erkennen, daß keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist. Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet. (2. Petrus 1, 19 – 21)
Gott hat Sich entschieden, zu Seiner Ehre die Sprache und Schrift zum Gefährt der Gnade zu machen. Er hat das Buch gewählt, um Sein Wort zu übertragen. Das Buch hat einen Anfang und ein Ende und besteht aus vielen Abertausenden von Zeichen, die man zu Sätzen zusammensetzen kann und die dadurch einen verständlichen, klaren Inhalt haben. Die Bibel ist nicht einfach ein Buch neben anderen. Sie ist nicht einfach nur der absolute Weltbestseller, sondern sie ist das nötige Werkzeug, das wir brauchen, wenn wir Frieden mit Gott bekommen wollen. Sie ist eine Bibliothek von 66 einzelnen Büchern, die jedoch alle zusammen ein ganzes Buch ausmachen. Weit über 1000 Jahre sind zwischen den früheren und den späteren Schriften – und dennoch hat das ganze Buch eine große, eine einzigartige Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte von Gottes Heilshandeln an der Welt und insbesondere an der Menschheit.
Das erste Buch beginnt mit der geschichtlichen Beschreibung der gesamten Schöpfung, das letzte Buch endet mit der Warnung davor, dass nichts Neues mehr hinzugefügt werden darf. Das Buch ist somit ein für alle Male abgeschlossen. Alles, was danach gesagt wird, muss sich daran messen lassen, ob es mit dem Inhalt der Bibel übereinstimmt oder nicht. Dass manche Leute die Bibel deshalb ablehnen, weil ihre Autorität aus ihr selbst abgeleitet werden kann, ändert nichts daran. Wir werden noch sehen, dass es genügend Gründe gibt, die auch aus externen Kriterien für die Bibel sprechen. Aber das ist jetzt nicht das Thema, das kommt erst noch.
Was ganz wichtig, dass wir daran festhalten, ist die Klarheit der Bibel. Sie ist verständlich, sie kann kapiert und korrekt wiedergegeben werden. Mose sagte zum Beispiel zum Volk Israel:Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du auf dem Herzen tragen, und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt oder auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst. (5. Mose 6, 6 – 7) Das setzt voraus, dass man zuerst verstanden hat, was diese Worte überhaupt sind. Somit sind Gottes Worte einfach, klar, verständlich und brauchen keine langwierigen Zerstückelungen und Neudefinitionen. Sie müssen auch nicht an unsere Zeit angepasst oder abgeändert werden. Sie sind weder „archaisch“ noch „patriarchalisch“ noch frauenfeindlich noch sonst etwas Ähnliches. Deshalb brauchen wir an ihnen auch nicht zu zweifeln. So heißt es auch in den Psalmen: Das Gesetz des Herrn ist vollkommen, es erquickt die Seele; das Zeugnis des Herrn ist zuverlässig, es macht den Unverständigen weise. Die Befehle des Herrn sind richtig, sie erfreuen das Herz; das Gebot des Herrn ist lauter, es erleuchtet die Augen.(Psalm 19, 8 – 9)
Wenn wir das Neue Testament lesen, so finden wir dort etwas Ähnliches. Jesus hat an gar keiner Stelle gesagt, dass etwas von Gottes Wort kompliziert sei. Er hat immer – egal zu wem Er gesprochen hat – auf Gottes Wort zurückgegriffen und es als selbstverständlich vorausgesetzt. Er ging sogar so weit, einmal zu sagen: Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit. (Johannes 17, 17) Das war ein Gebet an Gott Vater. Er sagte nicht: Dein Wort enthält Wahrheit oder Dein Wort ist wahr, aber man muss es zuerst richtig interpretieren. Er sagte einfach: Dein Wort IST Wahrheit. Punkt.
Jetzt kommt aber die Frage auf: Warum gibt es denn trotzdem Missverständnisse? Ja, das müssen wir zugeben, es gibt immer wieder Missverständnisse. Auch als Kinder Gottes sind wir davor nicht automatisch geschützt. Es gibt zum Beispiel Missverständnisse, wenn wir bestimmte Teile der Bibel als höherwertig anschauen und andere dadurch weglassen. Als Paulus sich kurz vor seiner Gefangennahme noch einmal mit den Ältesten der Gemeinde in Ephesus traf, sagte er ihnen, dass er ihnen den ganzen Ratschluss Gottes gelehrt habe. Wenn wir etwa wie Marcion im zweiten Jahrhundert das Alte Testament ablehnen (oder es auch nur als minderwertig im Vergleich zum Neuen Testament sehen), so werden wir auf manche Missverständnisse hereinfallen. Marcion ging so weit, zu sagen, dass der Gott Israels ein böser Gott sei, der mit dem Gott des NT im Streit stehe. So weit gehen heute wohl die wenigsten (aber auch das habe ich heute schon gesehen), aber viele Menschen fallen darauf herein, dass sie sagen, dass Gott im AT ein zorniger und im NT ein liebender Gott sei. Beides ist falsch. Gott ist immer Gott und verändert sich nicht. Auch die Erlösung verändert an Gott nichts. Sie verändert nur unsere Möglichkeit, mit Gott wieder ins Reine kommen zu können. Wir sehen also, dass es gefährlich ist, nur einen kleinen Teil der Bibel zu kennen oder diesen zu überbetonen.
Und dann gibt es noch eine zweite Art von Missverständnissen. Es gibt nämlich tatsächlich Lehren, die nicht ganz einfach zu verstehen sind. So etwa die Lehre von den Letzten Dingen (Eschatologie nennt man das). Über die Dinge, die noch ausstehen von der Bibel und deren Reihenfolge zum Beispiel gibt es ganz viele verschiedene Sichtweisen. Mir sind etwa 20 verschiedene Modelle bekannt, vermutlich gibt es noch mehr. Das ist ein Thema, das wertvoll ist, sich damit zu beschäftigen, aber es wird vermutlich auch in den nächsten Jahren keine allgemeine Übereinstimmung geben. Muss es auch nicht, wichtig ist, dass man sich davon nicht dazu verleiten lässt, dass das Thema deshalb egal sei.
Die Bibel ist klar und verständlich. Das soll eine Ermutigung an uns alle sein, sie zu lesen und sich mit ihr auseinander zu setzen. Keiner wird damit bis ganz ans Ende kommen und alle Fragen verstehen, aber wichtig ist, dass wir ein Leben lang in ihr forschen, lesen und uns täglich neu von ihr begeistern lassen.
Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Indem er ihn bewahrt nach deinem Wort! Von ganzem Herzen suche ich dich; lass mich nicht abirren von deinen Geboten! Ich bewahre dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht gegen dich sündige. Gelobt seist du, o Herr! Lehre mich deine Anweisungen. Mit meinen Lippen verkünde ich alle Bestimmungen deines Mundes. Ich freue mich an dem Weg, den deine Zeugnisse weisen, wie über lauter Reichtümer. Ich will über deine Befehle nachsinnen und auf deine Pfade achten. Ich habe meine Lust an deinen Anweisungen; dein Wort vergesse ich nicht. (Psalm 119, 9 – 16)

Allgemeine Offenbarung: Das Gewissen

Was ist das Gewissen? Um dieses Wort ranken viele Miss- und andere Verständnisse. Es ist deshalb sinnvoll, dem Wort einmal nachzugehen. Zunächst ist es interessant, dass die Bibel im hebräischen Alten Testament kein Wort für das Gewissen kennt. Im Volk Israel war klar, dass für die Unterscheidung zwischen gut und böse sowie richtig und falsch die göttliche Ordnung (die Thora, also die 5 Bücher Mose) bekannt sein muss. Somit hat man keinen eigenen Begriff dafür gebraucht. Dennoch kennt das Alte Testament eine Art Zwiespalt im Menschen. Dieser Zwiespalt, den man durchaus als so etwas wie ein Gewissen betrachten kann, sah der Hebräer einfach als Teil des Herzens und bildete somit den Unterschied zwischen einem lauteren (reinen) Herzen und einem unlauteren (unreinen) Herzen.
In der griechischen Antike wurde erstmals ein eigenes Wort für das Gewissen verwendet. Dieses griechische Wort heißt συνειδήσις (syneidesis). Das Wort ist zusammengesetzt aus syn (mit, zusammen, gemeinsam) und einer Form des Verbs oida (wissen). Es heißt somit eigentlich „Mitwissen“. So wurde es zuerst auch gebraucht: Wenn ich Augenzeuge eines bestimmten Vorgangs geworden bin, so habe ich ein Mitwissen bekommen. Der Mitwisser ist zu einem Zeugen geworden, der den Angeklagten (den Täter des Vorgangs) entweder belasten oder entlasten konnte. Das ist der Ursprung des Wortes.
So wurde dann mit der Zeit immer mehr der innere Zwiespalt eines Menschen zum Inhalt des Wortes Gewissen. Im Menschen sind zwei verschiedene Ichs, die gegeneinander Anklage erheben oder sich gegenseitig freisprechen. Dieser Wandel der Bedeutung war im 1. vorchristlichen Jahrhundert vollzogen, damit haben wir die Basis, um den Gebrauch des Wortes im Neuen Testament zu betrachten. Die bisherige Darstellung der Geschichte des Wortes habe ich mit Hilfe des Abschnitts „synoida“ von Dr. Christian Maurer in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. VII ab S. 897 erarbeitet.
Im Neuen Testament kommt syneidesis in 22 Versen vor; davon gut die Hälfte bei Paulus. Über das erste Vorkommen kann gestritten werden, da es in Johannes 8,9 steht, wo es um die Ehebrecherin geht. Manche Bibelausleger leugnen die Echtheit diesen Berichts. Zwei Vorkommen sind in der Apostelgeschichte, einmal in 23,1 wo Paulus von seinem reinen Gewissen erzählt. Hier kann man auf die alttestamentliche Vorstellung des reinen Herzens zurückgreifen. Dasselbe gilt auch für 24,16, wo wiederum Paulus von seinem reinen Gewissen spricht.
In den Briefen von Paulus wird es interessant, vor allem in der ersten Stelle, welche auch das wichtigste Vorkommen des Wortes in Bezug auf die natürliche Offenbarung ist. Wenden wir uns also diesem wichtigen Abschnitt zu:
Denn alle, die ohne Gesetz gesündigt haben, werden auch ohne Gesetz verlorengehen; und alle, die unter dem Gesetz gesündigt haben, werden durch das Gesetz verurteilt werden — denn vor Gott sind nicht die gerecht, welche das Gesetz hören, sondern die, welche das Gesetz befolgen, sollen gerechtfertigt werden. Wenn nämlich Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz verlangt, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz, da sie ja beweisen, daß das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist, was auch ihr Gewissen bezeugt, dazu ihre Überlegungen, die sich untereinander verklagen oder auch entschuldigen — an dem Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus richten wird nach meinem Evangelium. (Römer 2, 12 – 16)
Zuerst müssen wir uns fragen, wo dieser Abschnitt im gesamten Fluss des Römerbriefs steht. Der Römerbrief ist nämlich nicht eine Reihe von einzelnen Themen, die irgendwie aneinandergereiht sind, sondern eine riesige Abhandlung darüber, wer der Mensch ist, was sein Problem ist, wie Gott das Problem des Menschen gelöst hat und wie der Mensch zu dieser Lösung kommen kann. Diese riesige Abhandlung beginnt mit Römer 1,16 und geht bis Römer 15,13. Deshalb kann man diesen Abschnitt nicht einfach herauspicken und ihn dann so verstehen, wie es einem gerade passt. Schauen wir uns den Abschnitt im Flow des ganzen Briefs an.
Paulus geht es im ersten großen Teil des Briefs, der Römer 1,18 – 3,20 umfasst, zu zeigen, dass jeder Mensch aus sich selbst verloren ist. Jeder Mensch hinkt dem Standard, den Gott gesetzt hat, hinterher. Paulus macht klar: Die Juden, welche das Alte Testament haben, stehen vor Gott nicht besser da als die „Heiden“, also die, welche Gottes Wort nicht haben. Wie wir schon im Teil über die Schöpfung gesehen haben, ist jeder Mensch, der seine Umwelt sehen kann, ohne Entschuldigung vor Gott, denn er hat durch alles, was er sehen kann, die Möglichkeit, Gottes Existenz, Größe, Macht und Güte festzustellen. Das nimmt ihm also jede Entschuldigung. Und jetzt sagt Paulus: Noch ein Zweites gibt es, was jedem Menschen zur Verfügung steht. Ich möchte hinzufügen: Dieses Zweite gilt wohl noch umfassender für jeden einzelnen Menschen, denn so kann sich niemand mehr mit Blindheit oder anderen Problemen der Sinne entschuldigen.
Erinnern wir uns kurz: Die Juden haben gesagt, dass man Gottes Wort braucht, um das Richtige und das Falsche zu erkennen und unterscheiden zu können. Damit haben sie ein Stück weit recht: Den Willen Gottes kann man nur in Gottes Wort erkennen. Wir brauchen die Bibel dazu. Was jedoch jedem Menschen gegeben ist, das ist das Wissen darum, dass es Richtig und Falsch, Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht überhaupt gibt. Und dieses Wissen, so sagt Paulus jetzt, dieses Wissen hat jeder Mensch tief in sich eingepflanzt. Egal wie sehr ein Gewissen abgestumpft ist, jeder Mensch hat das Verlangen, gerecht behandelt zu werden. Er hat ein Gewissen, er ist ein Mitwisser mit Gott darum, dass es Gut und Böse gibt. Und jetzt setzt Paulus noch eins oben drauf und sagt: Hey, ihr Juden, ihr braucht euch gar nichts darauf einzubilden, dass ihr Gottes Wort habt, denn in allem haltet ihr euch auch nicht daran! Also seid ihr nicht besser dran als die „Heiden“, die Gottes Wort nicht haben, sondern nur ihr Gewissen! Also bildet euch bloß nichts darauf ein!
Das ist also das Gewissen: Jeder, der das Bedürfnis hat, gerecht behandelt zu werden, weiß damit auch um die Existenz von Gut und Böse. Wer Gottes Wort nicht hat, findet in sich dennoch eine Richtschnur, die besagt, was gerecht und was ungerecht ist. Paulus fährt wieder fort und sagt: Die Menschen, die Gottes Wort nicht haben, die haben dennoch das Werk des Gesetzes in die Herzen geschrieben. Ihr Herz ist also ein Richter über ihr Leben und ihr Verhalten.
Und hier liegt noch ein weiteres Missverständnis vor: Aus diesem Abschnitt wird häufig gefolgert, dass Menschen, die ohne Gottes Wort zu kennen, aufwachsen, einfach so vor Gott bestehen könnten. Das sagt Paulus hier jedoch nicht. Paulus sagt lediglich: Der Mensch hat ein Gewissen, das jede seiner Handlungen beurteilt und entweder als richtig oder als falsch einstuft (ob das jetzt mit Gottes Maßstab übereinstimmt, bleibt fraglich). Da aber jeder Mensch früher oder später das schlechte Gewissen kennenlernt, wird jeder durch sein schlechtes Gewissen vor Gott verurteilt. Es geht in dem Abschnitt also nicht darum, wie jemand vor Gott gerecht sein kann – im Gegenteil – es geht lediglich darum, dass am Ende jeder mit einem Scherbenhaufen vor Gott stehen wird. Wie man diesen Scherbenhaufen loswerden kann, darum geht es erst ab Römer 3,21.
Die Schöpfung Gottes und das Gewissen des Menschen, diese zwei Dinge zusammen bilden die natürliche Offenbarung. Johannes Calvin schreibt dazu wieder sehr treffend:
Man kann aus diesem Vers also nicht gut einen Beleg für die Kraft unseres Willens herauslesen, als wollte Paulus sagen, die Befolgung des Gesetzes sei in die Kraft unseres Willens gestellt; er redet auch nicht von dem Vermögen, das Gesetz zu erfüllen, sondern lediglich von dessen Erkenntnis. Vollends steht das Wort „Herz“ hier nicht für den Sitz der Affekte, sondern wird nur in dem Sinne von Einsicht gebraucht […]. Außerdem darf man daraus nicht schließen, die Menschen verfügten von sich aus über die vollständige Erkenntnis des Gesetzes, wo doch ihrem Geist, was die Gerechtigkeit anlangt, höchstens ein paar Samenkörner eingepflanzt sind. Dazu gehört, dass ausnahmslos alle Völker sich religiöse Institutionen schaffen, dass sie Ehebruch, Dienstahl und Mord nach Gesetzen strafen oder sich in Handelsgeschäften auf Treu und Glauben verlassen. Es ist ihnen, wie sie damit bezeugen, offenbar nicht verborgen, dass man Gott verehren muss, dass Ehebruch, Diebstahl und Mord ein Übel, Redlichkeit hingegen etwas Lobenswertes ist. Dabei spielt es keine Rolle, wie sie sich Gott vorstellen oder wie viele Götter sie sich zurechtlegen. Es reicht, dass sie erkennen: Es gibt einen Gott, dem sie Verehrung und Dienst schulden.“ (Calvin, Johannes, Studienausgabe, Römerbrief Bd. 1, S. 127)