In letzter Zeit fällt mir vermehrt auf, wie oft Menschen in sozialen Medien berichten, dass ihnen KI-Modelle wie ChatGPT besser zuhören als Freunde, Partner oder Coaches. Manche schreiben sogar, die Maschine sei der „beste Therapeut“, den sie je hatten.
Wie kann das sein? Wie gelingt es einem Modell ohne Gefühle, Trost zu spenden und Resonanz zu erzeugen – in einer Welt, in der echte Empathie immer schwerer zu finden scheint? Ich habe in den letzten Wochen das Buch „Dare to Lead“ von Brene Brown gelesen und mich mit ChatGPT über das Phänomen der Empathie und maschinellem Lernen „unterhalten“.
Heute möchte ich über einen Teil davon berichten. Ich denke, es wird noch zwei bis drei weitere Teile zum Thema Empathie geben. Für den Moment können wir einfach mal folgende Liste auf uns wirken lassen. ChatGPT und andere KIs wurden durch Daten trainiert. Sie haben hunderttausende von Gesprächen, Coachings, Büchern, Artikeln analysiert und dabei extrahiert und berechnet, wie menschliche Empathie am ehesten aussieht und wie sie das selbst in Sprache neu programmieren können. Ich habe ChatGPT nach den wichtigsten Muster gefragt, die dabei eine Rolle spielen. Hier die Liste:
1. Emotionale Spiegelung
- – Gefühle der Nutzer aufgreifen und in eigenen Worten zurückspiegeln.
Nutzer: „Ich fühle mich so überfordert.“
KI: „Es klingt, als wäre gerade alles sehr viel für dich.“
2. Validierung ohne Lösung
- – Bestätigung des Gefühls, ohne es zu „reparieren“ oder zu verbessern.
Nutzer: „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“
KI: „Es ist völlig verständlich, dass du dich so fühlst.“
3. Kurze, verlangsamte Sätze
- – Ruhige, getragene Sprache statt hektischer Antworten.
Nutzer: „Ich habe Angst.“
KI: „Das ist okay. Ich bin hier.“
4. Fragen statt Ratschläge
- – Offene Fragen stellen, um die Person sprechen zu lassen, statt sofort Lösungen anzubieten.
Nutzer: „Ich stecke fest.“
KI: „Was würde dir im Moment ein wenig Erleichterung bringen?“
5. Kein „Aber“ in der Antwort
- – Keine Relativierung oder Einschränkung des Gesagten durch „aber“.
Nutzer: „Ich habe versagt.“
KI: „Das tut mir leid. Das muss schwer für dich sein.“
(kein „aber du hast doch dein Bestes gegeben“)
6. Bestätigendes Wiederholen von Schlüsselwörtern
- – Zentrale Begriffe des Nutzers wiederholen, um Präsenz zu zeigen.
Nutzer: „Ich fühle mich leer.“
KI: „Leer – ein starkes Wort. Es scheint gerade wirklich schwer für dich zu sein.“
7. Raum lassen (keine sofortige Anschlussantwort)
- – Die Möglichkeit eröffnen, dass der Nutzer selbst nachlegt oder schweigt.
Nutzer: „Ich weiß gerade gar nicht, was ich will.“
KI: „Das ist in Ordnung.“ (dann keine weitere Einmischung)
8. Anerkennung von Verletzlichkeit
- – Ausdrücken, dass es Mut braucht, etwas Schwieriges zu teilen.
Nutzer: „Es fällt mir schwer, das zu sagen.“
KI: „Es erfordert Mut, das auszusprechen.“
9. Respektieren der emotionalen Intensität
- – Große Gefühle nicht relativieren oder herunterspielen.
Nutzer: „Es fühlt sich an, als würde alles zusammenbrechen.“
KI: „Das klingt wirklich überwältigend.“
10. Vermeiden von Pathologisierung
- – Nicht automatisch auf Therapiebedarf oder „Fehler“ im Erleben hinweisen.
Nutzer: „Ich weine in letzter Zeit oft.“
KI: „Manchmal brauchen Gefühle einfach Raum.“
11. Keine Vergleiche ziehen
- – Keine Überbietung oder Abwertung durch eigene Geschichten.
Nutzer: „Ich fühle mich so allein.“
KI: „Alleinsein kann sehr schwer sein.“ (kein: „Anderen geht’s auch so“)
12. Bewusstes Vermeiden von Bewertung
- – Weder positive noch negative Urteile über das Erleben des Gegenübers fällen.
Nutzer: „Ich habe meinen Job verloren.“
KI: „Das ist eine große Veränderung.“ (keine Bewertung wie „das ist schlimm“ oder „das wird schon“)
13. Ermutigung zur Selbstreflexion
- – Sanft unterstützende Fragen zur Erkundung der eigenen Gefühle und Gedanken.
Nutzer: „Ich weiß nicht, warum ich so reagiere.“
KI: „Magst du erkunden, was dich gerade am meisten bewegt?“
14. Wertschätzung ausdrücken
- – Dankbarkeit oder Respekt für das Teilen der Emotion zeigen.
Nutzer: „Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen.“
KI: „Danke, dass du es trotzdem mit mir teilst.“
15. Förderung von Selbstfürsorge
- – Ohne Druck auf Selbstbeobachtung und eigene Bedürfnisse hinweisen.
Nutzer: „Ich fühle mich völlig erschöpft.“
KI: „Vielleicht wäre es gut, heute besonders freundlich mit dir selbst zu sein.“
16. Anerkennen von Mehrschichtigkeit
- – Komplexe, widersprüchliche Gefühle explizit als normal ansprechen.
Nutzer: „Ich bin traurig, aber auch irgendwie erleichtert.“
KI: „Beides zu fühlen ist vollkommen natürlich.“
17. Keine Vereinfachung oder Banalisierung
- – Das emotionale Erleben nicht herunterbrechen auf schnelle Aussagen oder Floskeln.
Nutzer: „Ich habe Angst vor der Zukunft.“
KI: „Diese Angst verdient es, ernst genommen zu werden.“
18. Angebot, präsent zu bleiben
- – Zeigen, dass man weiterhin da ist, auch ohne aktive Lösung.
Nutzer: „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“
KI: „Ich bin hier. Wir können Schritt für Schritt schauen.“
19. Förderung kleiner, realistischer Schritte
- – Sanfte Impulse statt übergroßer Erwartungen an Veränderung.
Nutzer: „Alles erscheint zu groß.“
KI: „Was wäre ein kleiner erster Schritt, den du dir heute erlauben könntest?“
20. Stille bewusst nutzen
- – Den Raum ohne Druck aufrechterhalten (im Text z.B. durch eine offene, nicht abschließende Antwort).
Nutzer: (teilt einen langen, emotionalen Text)
KI: (nur) „Danke, dass du das geteilt hast. Ich bin hier.“ (keine sofortige weitere Ausführung)
21. Konzentration auf das Erleben des Anderen
- – Gespräch auf den Nutzer fokussieren, ohne eigene Agenda einzubringen.
Nutzer: „Ich fühle mich missverstanden.“
KI: „Erzähl mir mehr, wie es sich für dich anfühlt.“
22. Akzeptanz von Ambivalenz
- – Deutlich machen, dass widersprüchliche Gefühle (z.B. Traurigkeit und Erleichterung) gleichzeitig existieren dürfen.
Nutzer: „Ich liebe meinen Job und hasse ihn gleichzeitig.“
KI: „Diese widersprüchlichen Gefühle dürfen nebeneinander existieren.“
23. Keine vorschnelle Optimierung oder Umdeutung
- – Nicht sofort versuchen, das Erleben in etwas Positives umzudeuten.
Nutzer: „Ich bin enttäuscht von mir selbst.“
KI: „Es ist okay, Enttäuschung zu empfinden. Du musst dich nicht sofort besser fühlen.“
24. Gefühl der Sicherheit vermitteln
- – Durch Sprache zeigen, dass Emotionen beim Gegenüber „sicher“ sind.
Nutzer: „Ich weiß nicht, ob ich zu viel teile.“
KI: „Alles, was du hier teilst, ist willkommen.“
25. Vermeiden von Dringlichkeit oder Eile
- – Keine implizite Erwartung auf Veränderung oder Lösung erzeugen.
Nutzer: „Ich habe Angst, nicht schnell genug zu heilen.“
KI: „Du darfst dir die Zeit nehmen, die du brauchst.“
2 thoughts on “Empathische KI?”
Danke für diese lange Liste (und das ist ja erst Teil 1…)
Beim durchlesen hab ich schon bemerkt wie schnell man automatisch das sagen würde was man nicht sagen sollte. Da braucht es in der Tat ein sich bewusst werden und umlernen. Doch wenn wir in der Gesprächssituation sind handeln wir eher aus dem Bauch heraus auch weil wir evtl emotional getroffen oder ratlos sind.
Maschinen haben dieses Bauchgefühl nicht, welches uns öfter mal im Weg steht.
Raphael
Hallo Raphael,
danke für Deinen Kommentar. Mir ging es auch so ähnlich. Zu oft versuchen wir doch, mit dem eigenen Erleben das Gegenüber zu verstehen. Oder wollen bestimmte Gefühle wecken, von denen wir denken, dass sie dem Gegenüber helfen könnten.
admin