60er-Jahre Teil 5: Summer of Love oder Agape

Wie die biblische Liebe zur unverbindlichen Akzeptanz umformatiert wurde

Haight-Ashbury, 1967: Eine Sehnsucht und ihre Vorgeschichte

Im Sommer 1967 strömten schätzungsweise hunderttausend junge Menschen nach Haight-Ashbury in San Francisco. Sie waren getrieben von einer Sehnsucht, die im Kern nicht politisch, sondern religiös war. Man wollte nicht nur eine bessere Gesellschaft. Man wollte eine andere Welt: eine Welt, in der Liebe das einzige Ordnungsprinzip ist, ohne Urteil, ohne Hierarchie, ohne die kalte Maschinerie von Leistung und Konvention.

Der „Summer of Love“ hatte eine Vorgeschichte, die man kennen muss, um seine theologische Sprengkraft zu verstehen. Die Beat-Generation der 50er Jahre – Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Gary Snyder – hatte bereits eine Spiritualität der Grenzauflösung entworfen, die fernöstliche Mystik, psychedelische Erfahrung und eine tiefe Skepsis gegenüber bürgerlicher Moral verband. Ginsbergs Langgedicht „Howl“ (1956) war nicht nur literarische Provokation; es war vielmehr eine Klage über eine Gesellschaft, die das Heilige durch das Nützliche ersetzt hatte, und ein Schrei nach einer Liebe, die alles akzeptiert, weil sie alles transzendiert. Diese Sehnsucht war nicht zynisch. Sie war echt, und sie war teilweise berechtigt. Doch schon hier zeigt sich der blinde Fleck des ganzen Aufbruchs: Es fehlte ein Maßstab dafür, was Liebe eigentlich ist.

 

Der intellektuelle Unterbau: Rogers, Cox und die Theologie der Akzeptanz

Bewegungen haben immer intellektuelle Vorarbeiter, auch wenn die Bewegten diese selten namentlich kennen. Die Umformung des Liebesbegriffs in den 60er Jahren hatte zwei besonders wirkungsmächtige Quellen: einen Psychologen und einen Theologen.

Carl Rogers, Begründer der humanistischen Psychotherapie, prägte den Begriff des „unconditional positive regard“ (der bedingungslosen positiven Wertschätzung) als Grundbedingung heilsamer zwischenmenschlicher Begegnung. Rogers‘ Kernthese war: Der Mensch wächst und heilt, wenn er bedingungslos angenommen wird, wie er ist. Diese Begriffe wanderten in die Sprache der christlichen Verkündigung, und dort geschah eine stille Verwechslung: Man hielt bedingungslose Annahme für das Ganze der Liebe. Doch die Bibel kennt Liebe nicht als bloße Annahme. Sie kennt sie vielmehr als eine Hingabe. Rogers beschreibt eine Haltung, die den anderen in Ruhe lässt; Jesus beschreibt eine Handlung, die das eigene Leben für den anderen aufgibt. Zwischen beidem liegt der ganze Unterschied zwischen einer Therapietechnik und dem Evangelium.

Die zweite Quelle war theologischer Natur. Harvey Cox, Harvardprofessor, veröffentlichte 1965 „The Secular City“, eines der meistgelesenen theologischen Bücher des Jahrzehnts, in dem er die Säkularisierung der westlichen Welt als Befreiung deutete. Cox argumentierte, die Kirche müsse sich in die Bewegungen der Zeit auflösen. Diese Implikation war fatal: Wenn der Geist der Zeit zur Sprache Gottes wird, verschwindet die Unterscheidung zwischen beiden und mit ihr das Kreuz als Maßstab. Denn der Geist des Jahres 1967 kannte Hingabe an eine Bewegung, an ein Gefühl, an einen Moment. Er kannte nicht die Hingabe des Lebens für den Freund, von der Jesus spricht. Ein Evangelium, das zum bloßen Echo der Kultur wird, verliert genau jenen Satz, der es von jeder anderen Liebesrede unterscheidet.

 

Was Agape wirklich ist: Der biblische Begriff

Um die Tiefe der Umformung zu verstehen, muss man verstehen, was „Agape“ im Neuen Testament bedeutet. Der klarste Zugang dazu ist nicht eine theoretische Definition, sondern ein Satz Jesu selbst, den er ebenso lebte wie aussprach: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15,13). Dieser Satz steht im Kontext der Abschiedsreden, unmittelbar bevor Jesus selbst genau das tut, was er beschreibt. Er ist keine abstrakte Definition, sondern eine Ankündigung, die sich Stunden später am Kreuz erfüllt. Agape ist damit von Anfang an keine Gefühlskategorie, sondern eine Tat, gemessen an ihrem Preis.

Von diesem Punkt aus lassen sich die übrigen neutestamentlichen Aussagen über Liebe erst richtig lesen. Agape unterscheidet sich fundamental von Eros (der besitzwollenden Liebe), Philia (der Liebe der Gegenseitigkeit) und Storge (der familiären Zuneigung), weil sie gibt, ohne Gegengabe zu erwarten; und Joh 15,13 zeigt, wie weit dieses Geben gehen kann: bis zum letzten, was ein Mensch hat.

Paulus entfaltet dieselbe Struktur in 1. Korinther 13. Agape ist langmütig, gütig, neidlos, nicht aufgeblasen, nicht selbstbezüglich, und so weiter (1. Kor 13,4–5). Das sind lauter Verhaltenscharakteristika, die einen Willen voraussetzen, der bereit ist, sich selbst zurückzustellen. Das ist dieselbe Bewegung, nur in kleinerer Münze, die in Joh 15,13 in ihrer letzten Konsequenz benannt wird. Und der erste Johannesbrief zieht die Linie ausdrücklich zum Kreuz: „Hierin besteht die Liebe: nicht darin, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden“ (1. Joh 4,10). Wer wissen will, was Agape ist, muss also nicht zuerst nach einem Gefühl fragen, sondern nach einem Preis. Gott nimmt den Menschen an; aber er lässt ihn nicht, wo er ist, und er zahlt dafür mit dem Leben seines Sohnes. Genau diese Struktur – annehmend und fordernd, hingebend bis zum Letzten – wurde in den 60er Jahren Schritt für Schritt aufgelöst.

 

Die drei Spielarten der Umformung

Wie vollzog sich die Umformung von Agape zur sentimentalen Akzeptanz? Drei Bewegungen lassen sich unterscheiden, die sich gegenseitig verstärkten. Alle drei lassen sich als Vermeidung dessen beschreiben, was Joh 15,13 fordert: den Preis zu zahlen.

Die erste Bewegung war die Entkoppelung von Liebe und Wahrheit. Paulus schreibt von denen, die „die Wahrheit in Liebe sagen“ (Eph 4,15). In den 60ern wurde diese Einheit aufgelöst: Liebe wurde zum Gegenbegriff von Urteil und Forderung. Doch eine Liebe, die nichts mehr riskiert, weil sie nichts mehr anspricht, ist billiger als die Liebe des Johannesevangeliums. Konfrontation mit Sünde, was eine der elementarsten Formen christlicher Liebe ist (Lev 19,17; Mt 18,15–17), kostet etwas: die eigene Bequemlichkeit, die Beziehung, und manchmal die Freundschaft selbst. Genau dieses Kosten wurde aus der Gemeinde entfernt.

Die zweite Bewegung war die Privatisierung der Moral: Was für dich stimmt, stimmt für dich. Das ist die Auflösung des Bundes, denn Bund setzt eine gemeinsame Wahrheit voraus, vor der alle Partner stehen. Wo Moral privatisiert wird, verschwindet auch die gegenseitige Rechenschaft, und mit ihr die Möglichkeit, füreinander etwas zu riskieren. Man kann sein Leben nicht für den Freund lassen, dessen Wahrheit einen im Grunde nichts angeht.

Die dritte Bewegung war die Sexualisierung der Agape-Sprache. Die Parolen von „Free Love“ benutzten das Vokabular der christlichen Liebessprache und füllten es mit einem anderen Inhalt: Liebe als freie, ungebundene, urteilsfreie Hingabe. Verbindlichkeit und Treue galten als Bürgerlichkeit. Doch Hingabe ohne Bindung ist ein Widerspruch in sich, denn Joh 15,13 spricht gerade nicht von einem Gefühl, das kommt und geht, sondern von einer Bindung, die bis zum Tod trägt. Die Ehe als bundesmäßige Bindung wurde durch eine Gefühlsgemeinschaft mit Ablaufdatum ersetzt. Das ist das exakte Gegenteil der Liebe, die ihr Leben lässt.

 

Gemeinschaft der Feigheit: Wenn Kirchen aufhören zu lieben

Was geschah in den Kirchen, als dieser neue Liebesbegriff ankam? Es gab Widerstand, aber auch eine gutgemeinte, pastoral motivierte Anpassungsdynamik mit verheerenden Folgen. Man wollte Menschen erreichen, nicht verschrecken, nicht als lieblos gelten. Die Kanzel wurde zum Ort der Versicherung statt der Herausforderung. „Du bist okay, so wie du bist“ ersetzte „Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe“.

Das Problem ist nicht, dass diese Sätze unwahr wären. Gott liebt tatsächlich bedingungslos. Aber die volle Wahrheit lautet: Gott liebt bedingungslos, und genau deshalb hat er seinen Sohn gesandt, damit wir nicht in unserer Sünde bleiben müssen. Genau das ist Joh 15,13 in Reinform: keine Liebe, die den Zustand des anderen bestätigt, sondern eine, die das eigene Leben einsetzt, um ihn zu verändern. Eine Liebe, die nichts fordert, weil sie nichts einsetzt, ist keine Liebe, sondern Gleichgültigkeit mit freundlichem Gesicht.

Bonhoeffer hat das als „billige Gnade“ beschrieben: Gnade, die vergeben wird, ohne Buße zu fordern, die ausgeteilt wird wie ein Rabattgutschein für das Gewissen. Billige Gnade ist das Gegenteil der Liebe, die ihr Leben lässt: sie ist eine Liebe, die sich selbst nichts kosten lässt. Sie ist die Gemeinschaft der Angst: Angst vor Ablehnung, vor Konflikten, vor dem Verlust von Mitgliedern. Eine Kirche, die niemanden mehr etwas kostet, kann auch niemandem mehr die Liebe zeigen, von der Jesus spricht.

 

Das gepufferte Ich und die Angst vor dem Anstoß

Charles Taylors Konzept des gepufferten Ichs erklärt, warum dieser Umgang so erfolgreich war. Das gepufferte Ich fängt alles, was von außen kommt, an seiner Grenze ab, bewertet es, ordnet es ein. Konfrontation wird als Angriff erlebt. Wer sagt: „Das, was du tust, ist falsch vor Gott“, gilt fast zwangsläufig als jemand, der verurteilt, nicht liebt.

Die Kirchen haben sich diesem Ich angepasst, und damit das Werkzeug aufgegeben, das es wirklich erreichen könnte. Denn das gepufferte Ich, das nur von Annahme ohne Preis hört, bleibt genau dort, wo es ist. Was es nicht erwartet und wofür es deshalb offen ist, ist eine Liebe, die tatsächlich kostet, eine, die sagt: „Du bist mir so viel wert, dass ich etwas für dich riskiere. Dass ich riskiere, dass du mich ablehnst, wenn ich dir sage, was du hören musst, was nicht angenehm aber heilend ist.“ Das ist die Logik von Joh 15,13, übersetzt in den Alltag: nicht der Hammer der Konfrontation allein, sondern das Skalpell einer Liebe, die durch ihren eigenen Preis glaubwürdig wird.

 

Liebe ohne Wahrheit, Wahrheit ohne Liebe: Die zwei Fehler

Die Alternative zur sentimentalen Akzeptanz ist nicht moralische Härte, denn das wäre nur der spiegelbildlich selbe Fehler. Liebe ohne Wahrheit ist Sentimentalität: Sie fühlt sich gut an, ändert aber nichts, weil sie nichts einsetzt. Wahrheit ohne Liebe ist Brutalität: Sie benennt das Falsche, aber überlässt den Menschen damit allein, weil sie nichts für ihn riskiert.

Beide Fehler lassen sich an Joh 15,13 messen und beide fallen durch dieselbe Prüfung durch: Keiner von ihnen kostet den Sprechenden etwas. Das Kreuz dagegen ist der einzige Ort, an dem Liebe und Wahrheit zusammenkommen, weil es der Ort ist, an dem Jesus genau das tut, was er in Joh 15,13 ankündigt. Am Kreuz wird Gottes Urteil über die Sünde vollstreckt; das ist Wahrheit. Aber es wird an Gottes eigenem Sohn vollstreckt, stellvertretend für die Freunde, für die er sein Leben lässt. Und das ist die Liebe. Das Evangelium sagt weder „Du bist okay“ noch „Du bist verloren“, sondern: „Du bist verloren, und du bist mir so viel wert, dass ich mein Leben für dich lasse.“

 

Die missionarische Konsequenz: Warum eine ganze Generation nicht mehr weiß, was Liebe ist

Sechzig Jahre nach dem Summer of Love ist das Wort „Liebe“ omnipräsent und gleichzeitig weitgehend entleert. Und gleichzeitig hat die Einsamkeit in westlichen Gesellschaften ein historisches Ausmaß erreicht. Die Generation, die mit dem Liebesbegriff des Summer of Love groß geworden ist, leidet an einem strukturellen Mangel genau dessen, was sie am lautesten beschworen hat.

Das ist kein Zufall. Wer Liebe als Freiheit von Anspruch versteht, kann keine Liebe erfahren, denn Liebe existiert nur, wo jemand bereit ist, etwas für den anderen zu lassen; im Kleinen wie im Letzten. Für die Mission in der Gegenwart bedeutet das: Wir können nicht einfach von der „Liebe Gottes“ reden und erwarten, dass Menschen wissen, wovon wir sprechen. Das Wort ist überschrieben, semantisch besetzt. Bevor es gehört werden kann, muss es buchstabiert werden; und der Buchstabe, mit dem es beginnt, ist Johannes 15,13. Nicht ein Gefühl, das man hat. Ein Leben, das man lässt. Eine Beziehung, die man riskiert. Ein Preis, den man eingeht, weil der Freund es wert ist.

60er Jahre Teil 4: Die Umdeutung der Autorität

Warum „Gehorsam“ zum Schimpfwort wurde und der „himmlische Vater“ zum Kumpel

Eine berechtigte Rebellion – und ihre unbeabsichtigten Folgen

Wer die Autoritätskrise der 60er Jahre verstehen will, muss ehrlich genug sein, zunächst anzuerkennen, was an ihr berechtigt war. Denn sie kam nicht aus dem Nichts, und sie war nicht einfach kultureller Mutwille. Sie war eine Reaktion auf reale Erfahrungen, reale Verbrechen, reales Versagen.

Der Zweite Weltkrieg hatte die dunkelste Seite des Autoritätsprinzips freigelegt. Das ‚Nur-Befehle-Ausführen‘ war zur Bürokratie des Massenmords geworden. Hannah Arendts Bericht über den Eichmann-Prozess – Eichmann in Jerusalem, erschienen 1963 – hatte der Nachkriegsgeneration eine erschreckende These vor Augen geführt: dass die großen Verbrechen nicht aus monströsem Hass, sondern aus blinder Unterordnung entstehen. Die Banalität des Bösen war die Banalität des Gehorsams.

Gleichzeitig demonstrierten in Amerika schwarze Amerikannerinnen und Amerikaner für Rechte, die ihnen eine weiße Gesellschaftsstruktur systematisch verweigert hatte; eine Struktur, die sich auf Autorität, Ordnung und „Tradition“ berief. Vietnam zeigte, dass staatliche Autorität Lügen systematisieren und Hunderttausende in den Tod schicken konnte. Watergate legte später offen, dass die höchste politische Autorität des Landes eine Kriminellenorganisation führen konnte, während sie Anstand und Gesetz beschwor. Und die Kirchen? In vielen Fällen hatten sie diese Strukturen gesegnet, verteidigt, legitimiert.

Es wäre also falsch und unehrlich, so zu tun, als sei die Autoritätskritik der 60er Jahre nur ein Ausdruck von Unreife oder Egoismus gewesen. Vieles war prophetisch: das Aufbegehren gegen rassistische Strukturen, gegen imperiale Lügen, gegen die Komplizenschaft der Institution mit der Macht. Das muss benannt werden, bevor man weitergehen kann.

Das Problem war nicht die Kritik an konkreten Autoritäten. Das Problem war der nächste Schritt: die Delegitimierung des Autoritätsprinzips als solchem. Zwischen „diese Autorität hat versagt“ und „Autorität als Prinzip ist Unterdrückung“ liegt ein gewaltiger logischer Sprung. Und in den 60er Jahren wurde dieser Sprung von einer ganzen Kultur vollzogen, mit Konsequenzen, die bis heute nicht vollständig eingeordnet sind.

Die intellektuellen Architekten: Horkheimer, Adorno, Marcuse

Kulturelle Revolutionen haben immer intellektuelle Vorarbeiter. Die Autoritätskrise der 60er Jahre ist ohne die Frankfurter Schule nicht zu verstehen. Das war eine Gruppe von überwiegend jüdisch-deutschen Intellektuellen, die vor dem Nationalsozialismus in die USA geflohen waren und dort ihre Diagnose der europäischen Katastrophe formulierten.

1950 veröffentlichten Theodor W. Adorno und Kollegen The Authoritarian Personality – eine monumentale empirische Studie, die einen Zusammenhang zwischen bestimmten Persönlichkeitsstrukturen, Autoritarismus und Anfälligkeit für faschistische Ideologie herzustellen versuchte. Die „autoritäre Persönlichkeit“ war demzufolge rigid, unterwürfig gegenüber Stärkeren, aggressiv gegenüber Schwächeren, konventionell, religiös konservativ und wurde damit zur Pathologie erklärt. Wer Autorität akzeptierte, wer sich unterordnete, wer traditionellen Werten anhing, stand unter dem Verdacht, eine Proto-Faschisten-Persönlichkeit zu entwickeln.

Herbert Marcuse lieferte mit Eros and Civilization (1955) und später One-Dimensional Man (1964) den theoretischen Unterbau für die Studentenbewegung.´ Seine These: Die westliche Gesellschaft unterwirft den Menschen durch eine „repressive Toleranz“, das heißt sie erlaubt oberflächliche Freiheiten, um die tiefere Befreiung von Unterwerfungsstrukturen zu verhindern. Echte Emanzipation erfordert die Sprengung von Autorität, Konvention und Triebverzicht. Marcuse wurde zur Leitfigur der Neuen Linken und ist ohne Übertreibung einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts in seiner Wirkung auf die Praxis.

Was Adorno, Horkheimer und Marcuse gemeinsam war: Sie haben Autorität als Kategorie mit Faschismus und Unterdrückung assoziiert. Das war nicht ihre Absicht in jedem Fall, und es wäre eine Übertreibung, sie dafür allein verantwortlich zu machen. Aber die Wirkung ihrer Ideen auf die Kulturrevolution der 60er war immens. Und diese Wirkung übersetzte sich schließlich in eine einfache Gleichung, die bis heute lebt: Autorität = Herrschaft = Unterdrückung. Unterordnung = Schwäche = Pathologie.

Für die Kirchen bedeutete das: Ihre Gottesbilder, ihre Sprache von Herrschaft, Gehorsam und Unterwerfung, ihre Betonung von Sünde und Gericht standen unter dem kulturellen Generalverdacht, Menschen klein zu halten. Die Anpassungsdynamik, die folgte, war nicht primär intellektuell, sondern sozial. Wer weiterhin von „Gehorsam“ sprach, galt als rückständig. Wer von „Freundschaft mit Gott“ sprach, galt als modern und einladend. Die Sprache der Nachfolge begann zu verschwinden.

Der biblische Begriff der Autorität: Was auf dem Spiel stand

Bevor man die theologischen Folgen der Autoritätskrise beschreiben kann, muss man sich vergegenwärtigen, was der biblische Begriff der Autorität eigentlich meint. Denn die Verwechslung, die in den 60er Jahren geschah, war auch eine Verwechslung verschiedener Autoritätsbegriffe.

Die Bibel kennt mindestens drei Formen von Autorität, die sorgfältig zu unterscheiden sind. Die erste ist die absolute Autorität Gottes, das ist die Souveränität des Schöpfers über das Geschöpf. Diese Autorität ist nicht konstruiert, nicht verliehen, nicht verhandelbar. Sie ist die ontologische Voraussetzung aller Wirklichkeit. In ihr liegt die Grundlage für Sinn, für Verantwortung, für Ethik. Sie ist nicht das Gegenteil von Liebe, vielmehr ist sie die Bedingung, unter der Liebe als etwas Wirkliches erfahren werden kann: als frei gegebenes Geschenk eines Schöpfers, nicht als blinder Impuls.

Die zweite Form ist die delegierte Autorität in menschlichen Ordnungen: in Familie, Gemeinde, Gesellschaft. Diese Autorität ist nicht absolut. Sie ist rückgebunden an den Auftrag Gottes und deshalb immer begrenzt, immer kritisierbar, immer rechenschaftspflichtig. Das Neue Testament kennt keine blinde Unterordnung. Paulus ruft Ehefrauen zur Unterordnung auf, und zugleich die Ehemänner zur selbstverschenkenden Liebe (Eph 5,25). Er ruft zur Unterordnung unter Obrigkeit auf, und bezeugt selbst den Ungehorsam gegenüber jeder Autorität, die Gottes Gebot widerspricht (Apg 5,29). Delegierte Autorität ist eine Dienstfunktion, kein Herrschaftsrecht.

Die dritte Form ist die Autorität des Wortes Gottes, der Schrift als dem Zeugnis, das über Erfahrung, über Tradition, über menschliche Intuition steht. Diese Autorität ist im Reformationsgedanken des sola scriptura gebündelt: Nicht die Kirche, nicht die Vernunft, nicht das Erleben ist letzte Norm, sondern das Wort. Das ist im Grunde genommen eine Schutzfunktion vor menschlicher Macht: Weil alle unter demselben Wort stehen, müssen sie sich auch alle an demselben messen lassen.

Was in den 60er Jahren geschah, war eine dreifache Konfusion: Die Ablehnung missbrauchter delegierter Autorität wurde auf die absolute Autorität Gottes ausgedehnt. Die Kritik an korrumpierten menschlichen Strukturen wurde zur Kritik am Autoritätsprinzip als solchem. Und die Autorität des Wortes Gottes wurde dem Erleben und der persönlichen Interpretation untergeordnet. Alle drei Verwechslungen hingen zusammen und verstärkten sich gegenseitig.

Der Umbau des Gottesbildes: Vom Herrn zum Kumpel

Die kulturelle Autoritätskrise führte in der Theologie zu einem Umbau, der selten so explizit vollzogen wurde, wie er hätte vollzogen werden müssen. Er geschah schrittweise, fast unmerklich, durch tausend kleine Anpassungen in Sprache, Liturgie, Predigt und Seelsorge.

Der erste Schritt war die Entmachtung der Metapher. Die biblische Sprache für Gott ist reich und plural: Vater, König, Richter, Krieger, Hirte, Fels, Licht, Feuer. Diese Vielfalt der Metaphern ist theologisch notwendig, weil keine einzelne Metapher das Ganze erfasst. Was in den 60er Jahren geschah, war keine Bereicherung dieser Metaphernvielfalt, sondern ihre Reduktion: Die Metaphern, die Majestät, Heiligkeit und Autorität ausdrücken – König, Richter, Herr -, begannen zu verschwinden. Die Metaphern, die Nähe und Zuwendung ausdrücken – Freund, Begleiter, der uns liebt, Hilfe -, blieben und wurden ausgebaut.

Das ist keine Kritik an der Gottesnähe. Das Neue Testament betont die Zugangsmöglichkeit zu Gott mit einer Direktheit, die die jüdische Theologie davor kaum kannte: „Abba, Vater“ (Röm 8,15) ist eine Anrede, die eine ungeheure Intimität ausdrückt. Aber das Wort „Abba“ ist nicht dasselbe wie „Kumpel“. Der Vater bleibt Vater, mit allem, was das an Autorität, Verantwortung, Erziehung und legitimer Forderung einschließt. Die Intimität des Vaternamens hebt die Asymmetrie nicht auf; sie ermöglicht echte Beziehung innerhalb dieser Asymmetrie.

Der zweite Schritt war die Einebnung der Vertikalen. Eine der folgenreichsten theologischen Verschiebungen der 60er Jahre war die zunehmende Vorliebe für eine „horizontale Transzendenz“: Gott begegnet uns im Nächsten, in der Geschichte, in den Befreiungsbewegungen, in der Gemeinschaft. Das ist nicht falsch, und die Bibel kennt die Präsenz Gottes in der Welt, im Anderen, in der Geschichte. Aber wenn die horizontale Dimension die vertikale verdrängt, verliert Gott seine Andersheit. Er wird zum Inhalt unserer menschlichen Erfahrung, nicht zum Gegenüber unserer menschlichen Erfahrung. Und damit verliert er die Kraft, uns zu beurteilen und zu retten.

Der dritte Schritt war die Banalisierung des Gerichts. Wenn Gott primär als Begleiter und Freund gedacht wird, verliert das Konzept des Gerichts seine theologische Plausibilität. Vor einem Freund tut man keine Buße; man entschuldigt sich allenfalls und erwartet, dass er das versteht. Die Konsequenz für die Gemeinde war weitreichend: Sünde wurde zu Fehler, Buße zu Selbstreflexion, Gericht zu einem verstaubten Begriff aus einer vormodernen Welt. Das alles geschah nicht durch explizite Entscheidung, sondern durch die kumulative Wirkung einer Sprache, die sich an den Empfindlichkeiten des gepufferten Ichs ausrichtete.

Das gepufferte Ich und sein Gott: Eine Wahlverwandtschaft

Hier kommt Taylors Analyse ins Spiel, jedoch nicht als direkte Quelle für die Autoritätskrise der 60er Jahre (das ist nicht Taylors Thema), sondern als Erklärungsrahmen für ihre Permanenz. Das gepufferte Ich, wie Taylor es beschreibt, ist strukturell inkompatibel mit einem Gott, der souverän Anspruch erhebt. Nicht weil das gepufferte Ich atheistisch wäre, sondern weil seine grundlegende epistemische Haltung lautet: Was von außen kommt, muss durch mich zuerst legitimiert werden, bevor es Geltung beanspruchen darf.

Ein Gott, der souveränen Anspruch erhebt, lässt sich nicht durch das gepufferte Ich hindurch legitimieren. Er ist nicht das Ergebnis eines inneren Prozesses. Er kommt von außen. Er stellt sich vor, ohne gefragt zu werden. Er beruft, ohne Konsultation zu fordern. Er richtet, ohne auf das Wohlbefinden des Gerichten Rücksicht zu nehmen. Das ist aus der Perspektive des gepufferten Ichs eine inakzeptable Zumutung.

Der Kumpel-Gott ist deshalb nicht zufällig entstanden. Er ist die perfekte religiöse Projektion für das gepufferte Ich: ein Gott, der Wärme gibt, ohne zu fordern. Der begleitet, ohne zu führen. Der liebt, ohne zu richten. Der bestätigt, ohne zu korrigieren. Dieser Gott stört den Panzer nicht. Er verstärkt ihn sogar, indem er dem gepufferten Ich die religiöse Bestätigung gibt, dass sein Weg in Ordnung ist.

Das ist – und das ist ein hartes Wort, das sorgfältig gebraucht sein muss – Idolatrie. Nicht im Sinne der Verehrung eines Holzgottess, sondern im tieferen biblischen Sinn: die Erschaffung eines Gottesbildes, das dem eigenen Bild entspricht, statt dem Bild des lebendigen Gottes. Die Propheten des Alten Testaments haben diese Dynamik immer wieder beschrieben: Ein Volk formt seinen Gott nach seinen eigenen Wünschen und nennt das Freiheit. Es ist in Wirklichkeit die höchste Form der Knechtschaft – die Knechtschaft des eigenen Egos, das sich selbst anbetet.

Was ein kleiner Gott nicht kann

Der theologische Schaden des Kumpel-Gottes zeigt sich nicht zuerst in der Dogmatik, sondern im Leben. Ein Gott, der nur Freund ist, ist zu klein für das, was das menschliche Leben tatsächlich braucht.

Er ist zu klein für das Leid. Wenn es ans Eingemachte geht – wenn das Kind stirbt, wenn die Krankheit nicht weicht, wenn die Ehe zerbricht, wenn das, wofür man alles gegeben hat, sich als Illusion erweist -, dann braucht man keinen Freund, der nur zuhört und bestätigt. Man braucht den Herrn. Man braucht jemanden, der größer ist als das Leid, der souverän über dem Leid steht, dessen Wege auch dann Wege sind, wenn sie nicht verstanden werden. Der Kumpel-Gott bricht unter dem Gewicht des echten Leids zusammen, weil er so klein ist wie wir selbst. Er kann keine Kraft aus sich heraus geben, die über unser Fassungsvermögen hinausgeht.

Er ist zu klein für die Schuld. Echte Schuld, und damit meine ich nicht das Unbehagen über eine Ungeschicklichkeit, sondern das Wissen um das Falschsein der eigenen Grundhaltung, um den Verrat an Gott und dem Nächsten, braucht keine Entschuldigung. Sie braucht Vergebung. Und Vergebung kann nur jemand geben, der tatsächlich Richter ist. Ein Freund kann sagen: „Das macht doch nichts.“ Nur ein Richter kann sagen: „Du bist freigesprochen.“ Die Entleerung des Gerichts raubt dem Menschen die Möglichkeit echter Vergebung.

Er ist zu klein für die Nachfolge. Jemanden zu folgen bedeutet, ihm Autorität über die Richtung des eigenen Lebens einzuräumen. Das ist nur möglich, wenn derjenige, dem man folgt, tatsächlich Autorität besitzt. Eine echte Autorität, die nicht verliehen wurde, sondern die in seinem Wesen liegt. Einem Kumpel folgt man nicht. Man geht mit ihm, solange es passt. Das Konzept der Nachfolge, das Kreuz auf sich nehmen, dem Ruf Christi folgen, auch wenn er in die Unbekannte führt, all das wird theologisch unplausibel, sobald der, dem man folgen soll, kein Herr mehr ist.

Er ist zu klein für die Gnade. Das ist das größte Paradox: Die theologischen Verschiebungen der 60er Jahre wollten Gnade zugänglicher machen, sie aus der Starre von Gesetz und Gericht befreien. Das Ergebnis war das Gegenteil: Gnade ohne Gericht ist keine Gnade mehr, sondern Selbstverständlichkeit. „Gott liebt dich“ hat nur dann Gewicht, wenn Gott derjenige ist, der auch richten könnte und es nicht tut. Wenn er nur liebt und nie richtet, ist „Gott liebt dich“ eine Binsenwahrheit ohne Tiefe, ohne Inhalt.

Die Krise der Vaterschaft als spätes Echo

Die gesellschaftliche Krise der Vaterschaft, die Soziologen und Psychologen seit den 90er Jahren dokumentieren, ist nicht nur ein demographisches oder familiensoziologisches Phänomen. Sie hat eine theologische Tiefendimension, die selten benannt wird.

Das Bild des Vaters in westlichen Gesellschaften hat in den vergangenen Jahrzehnten eine radikale Transformation durchgemacht. Der Vater als Autoritätsperson, als Repräsentant von Ordnung, Grenze, Forderung und Schutz, ist kulturell unter Verdacht geraten. Und dies nicht zuletzt durch den berechtigten Kampf gegen patriarchale Strukturen, die Frauen und Kinder tatsächlich unterdrückt haben. Das „Väterliche“ als Prinzip wurde in diesem Prozess mit dem väterlichen Machtmissbrauch gleichgesetzt und damit diskreditiert.

Die Folge für die Gotteserfahrung ist tiefgreifend: Wenn der irdische Vater kein Leitbild für Autorität und Verantwortung mehr ist, sondern Trauma, Enttäuschung, Kontrollverlust bedeutet, dann ist der „himmlische Vater“ als theologische Kategorie hochgradig belastet. Christliche Gemeinde arbeitet heute in einem Kontext, in dem das Wort „Vater“ für viele Menschen keine sichere Kategorie mehr ist. Das ist eine pastorale Realität, die ernst genommen werden muss.

Und gleichzeitig: Die Antwort auf dieses Problem kann nicht die weitere Verkleinerung des Gottesbildes sein. Die Antwort muss die Wiederherstellung sein, nicht unbedingt des patriarchalen Vaterbildes, sondern des biblischen: des Vaters, der sucht, der wartet, der läuft (Lk 15,20), dessen Autorität sich nicht in Kontrolle, sondern in Hingabe erweist. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist die schärfste Korrektur aller Kumpel-Theologie: Hier ist Gott als Vater: ein Vater mit Autorität und mit Gnade, mit Grenzen und mit offenen Armen, mit dem Ernst, der den Heimgekehrten fragt, ob er wieder Sohn sein will, und mit der Freude, die das Fest auslöst.

Gehorsam als Freiheit: Die verlorene Dialektik

Das Wort „Gehorsam“ ist in der zeitgenössischen christlichen Sprache so belastet, dass man es kaum mehr benutzen kann, ohne sofort missverstanden zu werden. Das ist selbst ein Symptom des Problems. Die Frage ist: Was meint die Bibel mit Gehorsam?

Das griechische Wort für Gehorsam, hypakoä, leitet sich von hypakouein ab: „zuhören“, „auf etwas hören“, wörtlich: „unter dem Gehörten sein“. Gehorsam ist zunächst eine Hörhaltung, eine Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das Wort eines anderen, das man für weiser hält als die eigene Stimme. Das ist keine Knechtschaft. Es ist eine Erkenntnisform.

Paulus schreibt in Römer 6,17–18 von der „Gehorsam des Herzens“, eine Formulierung, die auf den ersten Blick paradox klingt. Das Herz ist für die Bibel der Ort des Willens, der Entscheidung, des tiefsten Selbst. Wenn das Herz gehorcht, dann ist das kein erzwungener Gehorsam: es ist die größte Freiheit: der Wille, der sich dem besten Willen angleicht. Das ist die Dialektik, die in den 60er Jahren verloren ging: Gehorsam nicht als Auflösung des Selbst, sondern als seine tiefste Verwirklichung.

Die christliche Tradition hat diese Dialektik immer gewusst. Augustinus: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.“ Der Mensch ist nicht zur Autonomie, sondern zur Abhängigkeit geschaffen; aber zu einer Abhängigkeit von dem Einen, dessen Wille vollkommene Liebe ist. Diese Abhängigkeit ist keine Minderung, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Erfüllung. Freiheit ohne Bindung ist nicht Freiheit, sie ist Orientierungslosigkeit. Gehorsam ohne Liebe ist nicht Gehorsam, er ist Kadavergehorsam. Aber Gehorsam als Antwort auf Liebe ist die Form, in der das Menschsein seine höchste Gestalt annimmt.

Diese Dialektik ist das, was es in den Ruinen der Kumpel-Theologie neu zu entdecken gilt. Nicht als Rückkehr in eine Zeit vor den 60ern. Die hatte ihre eigenen Pathologien. Sondern als Neuentdeckung einer Wahrheit, die älter ist als jede kulturelle Konjunktur: dass der Mensch, der vor Gott kniet, aufrechter steht als der, der keinem kniet.

 

60er-Jahre Teil 3: LSD und der Einbruch ins Heiligtum

Die Suche nach Transzendenz ohne Umkehr

Ein Versprechen, das wie Offenbarung klang

Im Frühjahr 1943 synthetisierte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann im Basler Labor der Firma Sandoz versehentlich eine Verbindung, die er bereits fünf Jahre zuvor erstmals hergestellt hatte: Lysergsäurediethylamid, kurz LSD. Bei einer Fahrradfahrt nach Hause erlebte er, was er später als „eine außerordentliche Aufgewecktheit des Bewusstseins“ beschrieb, als einen Einbruch von Farben, Formen und einer intensiven Präsenz, die ihn völlig überwältigte. Was Hofmann erlebte, war für ihn keine Pathologie, sondern eine Enthüllung. Er nannte LSD zeitlebens sein „Wunderkind“.

Zwanzig Jahre später hatte das, was in einem Schweizer Labor begann, eine kulturelle Bewegung ausgelöst, die man kaum überbewerten kann. LSD war nicht mehr ein Forschungsprojekt für die Psychiatrie. Es war das Sakrament einer neuen Religion. Und die Priester dieser Religion nannten sich selbst Propheten.

Das ist keine polemische Zuspitzung, sondern eine historische Beschreibung. Die Protagonisten der psychedelischen Bewegung der 60er Jahre haben ihre Mission selbst in religiöser Sprache beschrieben, und das mit einer Konsequenz, die ernst genommen werden muss. Was hier geschah, war kein Freizeitphänomen. Es war ein theologischer Angriff auf die Grundstruktur des christlichen Verständnisses von Gottesbegegnung, auch wenn er selten so benannt wurde.

Huxley, Leary und die Grammatik der neuen Transzendenz

Die intellektuelle Vorgeschichte der psychedelischen Revolution beginnt nicht in Harvard, sondern in einem Haus in Hollywood. Im Mai 1953 schluckte Aldous Huxley unter Anleitung des Psychiaters Humphry Osmond eine Dosis Mescalin und beschrieb die Erfahrung in einem Text, der zur Gründungsurkunde der psychedelischen Religiosität wurde: The Doors of Perception, erschienen 1954. Der Titel entnahm er William Blake: „Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt wären, würde dem Menschen alles erscheinen, wie es ist – unendlich.“ Denselben Buchtitel nahm eine spätere Rockband in ihrem Namen auf: The Doors.

Huxley beschrieb seine Mescalin-Erfahrung als eine Art mystische Schau: die Wirklichkeit der Dinge in ihrer reinen Gegebenheit, jenseits von Zweck und Begriff, das, was er in Anlehnung an den Theologen Rudolf Otto „das Numinose“ nannte. Was Huxley erlebte, klang wie das, was Mystikerinnen und Mystiker über Jahrhunderte beschrieben hatten: eine Auflösung des Ich-Panzers, eine Überwältigung durch das Ganze, ein Zurücktreten des analysierenden Verstandes vor der Unmittelbarkeit des Seins.

Das war das Skandalon und die Verheißung zugleich: Was Benediktinermönche nach Jahrzehnten der Kontemplation vielleicht streiften, schien durch eine Substanz innerhalb weniger Stunden erreichbar. Der Weg der Mystik, der mühsame Aufstieg durch Reinigung, Erleuchtung und Einigung, wie ihn die christliche Mystik kennt, war, so schien es, abkürzbar.

In Timothy Leary fand diese Idee ihren lautesten Propheten. Leary, zunächst Psychologieprofessor in Harvard, begann 1960 mit Psilocybin-Experimenten und wechselte schnell zu LSD.´ Er entwickelte eine regelrechte Liturgie der psychedelischen Erfahrung: Set und Setting, rituelle Vorbereitung, Musik, Lichtgestaltung. Sein Programm trug unverkennbar religiöse Konturen. 1966 gründete er die „League for Spiritual Discovery“; mit dem programmatischen Akronym LSD. Der Slogan „Turn on, tune in, drop out“ war nicht nur ein Aufruf zur Droge. Er war eine Soteriologie: Wende dich dem Bewusstsein zu, stimme dich auf die höhere Wirklichkeit ein, steige aus den alten Kategorien aus.

Was Leary und Huxley gemeinsam hatten, und was für dieses Kapitel entscheidend ist, war die implizite Theologie, die sich in ihrem Denken verbarg: Transzendenz ist eine Bewusstseinsdimension, die dem Menschen prinzipiell zugänglich ist. Sie muss nicht geschenkt werden. Sie wird erschlossen. Gott – oder das, was man „Gott“ nennt – ist nicht ein gegenüber stehendes Wesen, das einem souverän begegnet, sondern ein Zustand, den das Bewusstsein, richtig konditioniert, von selbst erreicht. Das ist Mystik ohne Person. Transzendenz ohne Anderen.

Die religiöse Wissenschaft: Houston Smith und der akademische Rückhalt

Es wäre bequem, die psychedelische Transzendenzsuche als Randphänomen unter Drogenkonsumenten abzutun. Das war sie nicht. Sie hatte einen ernsthaften akademischen Rückhalt, und keiner verlieh ihr mehr intellektuelle Dignität als Houston Smith, einer der bedeutendsten Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts und Professor am MIT.

Smith hatte 1961 am sogenannten „Good Friday Experiment“ in Boston teilgenommen – einem Versuch unter Leitung von Walter Pahnke, der untersuchte, ob Psilocybin religiöse Erfahrungen erzeugen kann. Zwanzig Divinity-Studenten der Marsh Chapel der Boston University erhielten an Karfreitag entweder Psilocybin oder ein Placebo und nahmen an einem Gottesdienst teil. Das Ergebnis war für Pahnke und für Smith eindeutig: Die Substanzgruppe berichtete von Erfahrungen, die phänomenologisch nicht von klassischen mystischen Erfahrungen zu unterscheiden waren.

Smith zog daraus eine weitreichende Schlussfolgerung, die er in seinem Aufsatz „Do Drugs Have Religious Import?“ (1964) formulierte: Wenn die Erfahrungen strukturell identisch sind, dann könnten Psychedelika einen legitimen Zugang zur religiösen Wirklichkeit eröffnen. Er blieb vorsichtig – er unterschied zwischen dem Zugang zur Erfahrung und der Interpretation dieser Erfahrung – aber die Richtung war klar: Das Übernatürliche ist experimentell erreichbar, und die Mittel sind verhandelbar.

Für die Theologie war das eine Aussage von erheblicher Tragweite. Denn wenn religiöse Erfahrung primär durch ihren phänomenologischen Gehalt definiert wird, also durch das, wie sie sich anfühlt, dann verliert die Frage nach dem Objekt der Erfahrung, nach dem, wer oder was begegnet, ihre konstitutive Bedeutung. Gott wird zum Inhalt eines Bewusstseinszustandes. Die Person Gottes, sein Wort, sein Anspruch, sein Gericht: all das wird zu sekundärer Interpretation einer primären Erfahrung. Die Erfahrung kommt zuerst. Die Theologie deutet hinterher.

Der biblische Kontrast: Gottesbegegnung als Gericht

Gegen diese Konzeption steht das Zeugnis der Heiligen Schrift in einer Klarheit, die nicht verwischt werden darf. Die Bibel kennt ekstatische Erfahrungen, Visionen, Entrzückungen, Überwältigungen, keine Frage. Aber sie sind in ihrer Struktur fundamental verschieden von dem, was die psychedelische Bewegung im Sinn hatte.

Das bekannteste Beispiel ist Jesaja 6. Der Prophet sieht Gott im Tempel „hoch und erhaben“, umgeben von Seraphim, die sein Heiligsein ausrufen. Was ist Jesajas erste Reaktion auf diese Gottesbegegnung? Nicht Entzücken. Nicht Wohlbefinden. Nicht das gefühlte Verschmelzen mit dem Universum. Seine erste Reaktion ist: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen, und ich wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen.“ (Jes 6,5)

Das ist die Struktur biblischer Gottesbegegnung: Heiligkeit trifft Unheiligsein, und die Reaktion ist nicht Euphorie, sondern Zerbruch. Nicht das Ich dehnt sich aus ins Unendliche; das Ich bricht zusammen vor dem, der das Unendliche ist. Und erst in diesem Zusammenbruch, nach der Berührung der Lippen durch die Glut, nach dem Wort der Vergebung, kommt die Sendung: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jes 6,8)

Dasselbe Muster findet sich in der Berufung des Petrus (Lk 5,1–11), in der Vision des Hesekiel (Hes 1–3), in der Offenbarung an Johannes (Offb 1,17), in der Begegnung des Paulus vor Damaskus (Apg 9,1–9). Die biblische Gottesbegegnung hat eine Grammatik: Sie trifft, sie bricht, sie reinigt, sie sendet. Diese Grammatik setzt die moralische und geistliche Verfallenheit des Begegnenden voraus, und sie arbeitet damit, nicht daran vorbei.

Die psychedelische Erfahrung hat eine andere Grammatik. Sie eröffnet, sie erweitert, sie löst auf, sie bestätigt. Was sie in der Regel nicht tut: Sie konfrontiert nicht mit dem heiligen Gott, der Rechenschaft fordert. Sie erzeugt kein „Wehe mir“. Sie erzeugt „Wow“. Das ist der entscheidende Unterschied, nicht der Intensität nach, sondern der Richtung nach. Die psychedelische Erfahrung ist im Kern eine Amplifikation des Inneren. Die biblische Gottesbegegnung ist ein Einbruch von außen, der das Innere auf den Kopf stellt.

Transzendenz als Konsumartikel: Die soteriologische Verschiebung

Die psychedelische Bewegung war, in ihrer Tiefenstruktur, die konsequenteste Realisierung dessen, was im vorangegangenen Teil (Link) als „gepuffertes Ich“ beschrieben wurde: Sie wollte den Panzer öffnen, ohne ihn aufzugeben. Sie wollte das Überwältigtwerden kontrollieren. Sie wollte die Erfahrung der Transzendenz, aber ohne die Konsequenz der Transzendenz.

Das ist – und hier verlassen wir Taylors Begriffsrahmen und sprechen als Interpreten des Geschehens – eine soteriologische Kategorie: Es ist der Versuch, die Frucht ohne die Wurzel zu haben. Das Überwältigtwerden durch Gott ist im biblischen Zeugnis nie Selbstzweck. Es ist immer Mittel zur Umkehr, zur Sendung, zur Bindung. Wer von Gott wirklich getroffen wird, kommt nicht zurück in sein altes Leben. Er kommt nicht „nach Hause“. Er wird gesandt.

Leary selbst hat das „Trip“-Konzept einmal als religiöse Reise beschrieben: Man fährt hin, man erlebt, man kehrt zurück. Das ist das Modell des Touristen, nicht das des Jüngers. Der Tourist reist und kehrt zurück. Der Jünger wird gerufen und bleibt nicht, wo er war. Der Unterschied ist nicht graduell. Es ist ein kategorischer Unterschied in der Richtung des Lebens.

Diese Unterscheidung ist nicht nur historisch relevant. Sie hat unmittelbare pastoraler Bedeutung. Denn der Geist des „Transzendenz als Trip“ ist nicht mit den 60er Jahren verschwunden. Er hat sich in die Praxis vieler Gemeinden eingefädelt: in Gottesdienst-Designs, die primär auf emotionalen Höhepunkte ausgerichtet sind, in Anbetungsformate, die das Erleben maximieren wollen, in Predigten, die das „High“ der Zusage betonen und das „Low“ der Konfrontation vermeiden. Man muss kein LSD nehmen, um ein spiritueller Tourist zu sein. Man kann es jede Woche im Gottesdienst sein.

Die Jesus People: Wenn Gegenkultur und Glaube kollidierten

Die Geschichte wird noch komplizierter – und theologisch interessanter -, wenn man die Jesus-People-Bewegung in den Blick nimmt, die etwa ab 1967 aus der Drogenkultur Kaliforniens hervorging. Hier geschah etwas, das in seiner Widersprüchlichkeit kaum zu übertreffen ist: Menschen, die durch LSD und Psychedelika gebrochen worden waren, begegneten dem Evangelium und wurden bekehrt. In Massen.

Die Jesus People, oft bekannt durch Organisationen wie Calvary Chapel (gegr. 1965 in Costa Mesa, Kalifornien) oder später die Vineyard-Bewegung, nahmen die kulturellen Formen der Gegenkultur auf: Volksmusik, informelle Kleidung, kollektive Gemeinschaft, emotionale Intensität, die Sprache der unmittelbaren Erfahrung. Aber sie füllten sie mit dem Evangelium. Es gab echte Bekehrungen, echte Veränderungen, echte Gemeinschaft. Die Bibel wurde gelesen mit einer Direktheit und Ernsthaftigkeit, die viele der etablierten Kirchen längst verloren hatten.

Und gleichzeitig brachte die Bewegung eine Spannung mit, die sie nie vollständig aufgelöst hat: Sie hatte die kulturelle Erfahrungsästhetik der Drogenkultur übernommen, ohne die zugrundeliegende Epistemologie vollständig zu transformieren. Das „High“-Erleben blieb als ein Qualitätskriterium unter anderen für das Geistliche. Die Unmittelbarkeit der Erfahrung blieb das primäre Erkenntnismedium. Die Schrift wurde oft durch die Brille der persönlichen Erfüllung gelesen, nicht durch die Brille des fordernden Wortes.

Das ist kein Urteil über einzelne Menschen oder Gemeinden, die aus der Jesus-People-Bewegung hervorgingen. Viele davon haben Generationen von ernsthaften Glaubenden geformt. Es ist eine strukturelle Beobachtung: Der Geist, gegen den man bekehrt worden war, hatte sich teilweise in die Form des Glaubens eingeschlichen, der dabei entstand. Das ist die tiefe Ironie der geistlichen Geschichte: Man kann aus einer Welt herausgerufen werden und dennoch ihre Denkstruktur mitbringen.

Erfahrung statt Nachfolge: Die Folgekosten

Was geschieht, wenn Erfahrung zum primären Kriterium des Geistlichen wird? Die Folgen sind nicht sofort sichtbar. Sie entfalten sich langsam, über Jahrzehnte, über Generationen.

Die erste Folge ist die Erosion der Belastbarkeit. Wer Glauben primär als emotionale Erfahrung kennt, ist schlecht vorbereitet auf die Zeiten, in denen Gott sich der Fühlbarkeit entzieht. Der Weg der Mystiker der christlichen Tradition hat immer gewusst, dass auf Erleuchtung die dunkle Nacht folgt – Johannes vom Kreuz hat das beschrieben, Teresa von Ávila hat es gelebt, Paulus hat es in 2 Kor 12 bezeugt. Wer dagegen Glauben als Folge von „High-Erfahrungen“ kennengelernt hat, erlebt die Abwesenheit des Gefühls als Abwesenheit Gottes. Das ist theologisch falsch und pastoral verheerend.

Die zweite Folge ist der Religions-Hopping-Effekt. Wenn Glauben primär durch das Erleben definiert wird, das er erzeugt, dann ist Treue zu einer Gemeinschaft, zu einer Tradition, zu einem Bund keine theologische Beziehung; sie ist nur noch eine Option. Man bleibt, solange es stimmt. Man geht, wenn es nicht mehr „funktioniert“. Diese Einstellung, die von den 60ern vorbereitet, von den 70ern vertieft, von den 80ern institutionalisiert wurde, erklärt die strukturelle Instabilität vieler Gemeinden westlicher Prägung: Menschen kommen und gehen, je nach emotionaler Resonanz.

Die dritte Folge ist die Verdrängung der Metanoia durch das Erlebnis. Metanoia ist kein Gefühl. Sie kann von einem Gefühl begleitet sein; von Scham, von Zerbruch, von Erleichterung, von Freude. Aber sie ist in ihrem Kern ein Akt des Gehorsams: das Umkehren der Richtung des Lebens, die Neuausrichtung auf Gott hin, die Unterwerfung des Willens unter den Willen Gottes. Das ist unbequem, das ist langsam, das ist häufig ohne sofortige emotionale Bestätigung. Wenn Erleben das Maß ist, wird Metanoia als spirituelle Praxis de facto durch das Hochgefühl ersetzt. Man hat das Gefühl, Gott nahezukommen; doch ohne sich ihm tatsächlich zu nähern.

Die vierte Folge ist die Schwächung der Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die durch gemeinsame Erfahrungen zusammengehalten wird, hält nur so lange, wie die Erfahrungen intensiv genug sind. Wenn die Intensität nachlässt, was sie es immer tut, weil Intensität nicht dauerhaft aufrechtzuerhalten ist, fehlt das Fundament. Eine Gemeinschaft, die durch gemeinsames Bekenntnis, gemeinsame Disziplin, gegenseitige Rechenschaft und das Wort Gottes zusammengehalten wird, hat eine andere Tragfähigkeit. Sie hält auch dann, wenn das Gefühl fehlt.

Der leere Tempel: Was von der Suche übrig blieb

Viele der Protagonisten der psychedelischen Bewegung haben ihre späteren Lebensjahre nicht im Jubel verbracht. Leary selbst beschrieb gegen Ende seines Lebens die Begrenztheit der Substanzerfahrung. Huxley, der kurz vor seinem Tod nochmals Mescalin nahm, hatte bis zum Schluss keine klärende Antwort auf die Frage, was er eigentlich erlebt hatte. Die Suche nach dem Heiligen über den Weg der Erfahrung endete für viele nicht in Erfüllung, sondern in Erschöpfung, in Desorientierung, in dem Gefühl, etwas berührt zu haben, ohne es festhalten zu können.

Das ist kein Zufall. Es ist theologisch zu erwarten. Wer versucht, das Heiligtum ohne Metanoia zu betreten, findet nicht den lebendigen Gott. Er findet sich selbst, gespiegelt in vergrößerter Form. Die Mystikerinnen und Mystiker der christlichen Tradition haben das gewusst: Wer in der Kontemplation nur sich selbst findet, ist noch nicht weit genug gegangen. Wer aber mithilfe einer Substanz nur sich selbst findet und das für eine Gottesbegegnung hält, hat den Irrtum abgerundet und abgesichert.

Augustinus hat in den Confessiones das paradoxe Wesen echter Gottesbegegnung beschrieben: „Du aber warst tiefer in mir als das Tiefste in mir, und erhabener als das Höchste in mir.“ Das ist keine Beschreibung einer Bewusstseinserweiterung, die ich selbst anstrebe. Es ist die Beschreibung eines Fundes, oder genauer: eines Gefundenwerdens. Gott ist nicht das, was ich erreiche, wenn mein Bewusstsein genügend erweitert ist. Gott ist derjenige, der mich findet, bevor ich ihn gesucht habe; und der sich dabei als der erweist, der ich nicht bin.

Die Leere, die viele nach dem Ende des psychedelischen Projekts zurückließ, ist ein Zeugnis für diese Wahrheit. Man hatte das Gefühl des Überwältigtwerdens gehabt, aber man war nicht wirklich überwältigt worden, weil das Ich, das überwältigt werden sollte, im Zentrum geblieben war. Die Suche nach Transzendenz war in Wirklichkeit eine Suche nach einem intensivierten Selbsterleben. Und intensiviertes Selbsterleben macht einsam, weil es uns mit uns selbst einschließt.

Die offene Wunde: Was das für uns bedeutet

Die psychedelische Revolution der 60er Jahre ist keine abgeschlossene Geschichte. Sie ist eine offene Wunde im Leib der westlichen Gemeindebewegung, die bis heute nicht verheilt ist. Das zeigt sich nicht nur in der aktuellen Renaissance der psychedelischen Forschung, Psilocybin-gestützte Therapie ist heute wieder an universitären Kliniken angelangt, sondern vor allem in der geistlichen Grundhaltung, die sie hinterlassen hat.

Der Spirit der 60er hat sich in eine Haltung verwandelt, die heute kulturell so selbstverständlich ist, dass sie kaum noch als Haltung wahrgenommen wird: die Überzeugung, dass religiöse Erfahrung primär durch ihre Qualität, ihre Intensität und ihre subjektive Bedeutung bewertet wird. Nicht durch ihre theologische Substanz. Nicht durch ihre moralischen Konsequenzen. Nicht durch die Frage, ob sie Umkehr erzeugt hat.

Wenn ein Gottesdienstbesucher heute nach einem Gottesdienst sagt „Das war gut“, meint er damit fast unweigerlich: „Das hat sich gut angefühlt.“ Er meint damit selten: „Das Wort hat mich getroffen und ich weiß noch nicht, wie ich damit umgehen soll.“ Die erste Reaktion ist keine Jesaja-Reaktion. Sie ist eine Konsumenten-Reaktion. Das ist das Erbe der 60er.

Das bedeutet für die Verkündigung eine spezifische Versuchung: die Versuchung, das Evangelium so zu präsentieren, dass es das Erlebnisbedürfnis befriedigt. Das ist keine bewusste Entscheidung. Es ist das Ergebnis des kumulativen Drucks einer Kultur, die Qualität mit Erleben gleichsetzt. Eine Predigt, die keine emotionale Reaktion erzeugt, gilt als schwach. Eine Gemeinschaft, in der die Atmosphäre nicht stimmt, verliert Mitglieder. Die Logik der Erfahrungsästhetik hat sich in die institutionellen Reflexe eingefressen.

Die theologische Gegenbewegung dazu ist nicht Emotionskälte. Sie ist nicht die Rückkehr zu einer humorlosen Orthodoxie, die Gefühl für Gefährlichkeit hält. Sie ist die Wiederentdeckung einer alten Unterscheidung, die die geistliche Tradition immer gekannt hat: der Unterschied zwischen dem Gefühl als Zeuge der Wirklichkeit und dem Gefühl als Maß der Wirklichkeit. Gefühle dürfen Zeugen sein: Zeugen dafür, dass etwas Echtes geschieht. Aber sie sind kein Maßstab dafür, ob es geschieht. Den Maßstab setzt das Wort.

 

60er-Jahre Teil 2: Die Porosität geht verloren

Charles Taylors Theorie über den Übergang vom offenen zum „gepufferten Ich“

Eine Frage, die alles enthält

Warum lässt uns ein Bibelvers kalt? Warum kann man denselben Text, der Menschen früherer Generationen in die Knie zwang, heute in einem Gottesdienst vorlesen; und die Mehrheit der Zuhörer vergisst ihn, noch bevor die nächste Folie erscheint? Warum bricht das Wort Gottes, das die Schrift selbst als „lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ (Hebr 4,12) beschreibt, bei vielen Menschen nicht mehr durch, nicht einmal dann, wenn sie es glauben wollen?

Man könnte die Antwort im Inhalt suchen: schlechte Predigten, unzureichende Theologie, zu wenig Bibeltreue. Das sind reale Probleme, aber sie erklären das Phänomen nicht vollständig. Der eigentliche Grund liegt tiefer, doch nicht in dem, was gesagt wird, sondern in der Beschaffenheit dessen, der es hört. Etwas hat sich verändert an der menschlichen „Haut“, an der Art, wie wir zur Wirklichkeit stehen und was wir von ihr zulassen. Charles Taylor hat diesen Veränderungsprozess mit einer Begrifflichkeit beschrieben, die für die Theologie, die Seelsoge und die Missionstheorie gleichermaßen von Bedeutung ist: den Übergang vom porösen Ich zum gepufferten Ich.

Dieser Teil der Serie entfaltet Taylors Analyse so, dass sie für die Fragen dieser Serie fruchtbar wird. Es geht nicht darum, Taylor akademisch zu referieren, sondern das Licht seiner Diagnose auf das zu werfen, was wir täglich in Gemeinden, Seelsorgegesprächen und im eigenen Innenleben erleben: die Tatsache, dass das Wort Gottes immer häufiger an einer unsichtbaren Grenzschicht abprallt, statt einzudringen.

Das poröse Ich: Durchlässigkeit als Seinsweise

Taylor beginnt seine Analyse in A Secular Age mit einer Unterscheidung, die zunächst fremd wirkt, aber bei näherem Hinsehen präzise und erhellend ist.¹ Er fragt: Wie erlebt der Mensch das Verhältnis zwischen seinem Innenleben und der Außenwelt? Und er stellt fest, dass die Antwort auf diese Frage historisch variiert; und dass diese Varianz nicht trivial ist.

In der vormodernen Welt – grob: vor der Aufklärung, aber mit Ausläufern bis weit ins 19. Jahrhundert – war der Mensch das, was Taylor „porös“ nennt. Das ist kein moralisches Urteil und kein Urteil über Intelligenz oder Sophisterei. Es ist eine Beschreibung der epistemischen Grundstruktur: Die Grenze zwischen Innen und Außen war durchlässig. Was bedeutet das konkret?

Es bedeutet erstens, dass Bedeutung, Sinn und Wirklichkeit nicht im Innern des Subjekts erzeugt wurden, sondern von außen kamen und empfangen wurden. Der poröse Mensch lebte in einer Welt, die er nicht selbst mit Bedeutung belegte, sondern die ihm Bedeutung anbot: durch Natur, Gemeinschaft, Ritual, Schrift, Liturgie, ja durch Kultur überhaupt. Die Welt war kein neutrales Material, das der Mensch deutet. Sie war selbst beredt.

Es bedeutet zweitens, dass das Heilige und das Dunkle – Gott, Dämonen, Geister, Gnade, Fluch – keine psychologischen Kategorien waren, sondern objektive Mächte. Sie konnten jederzeit einbrechen. Taylor schreibt, dass der mittelalterliche Mensch sich nicht sicher sein konnte, ob das, was ihn überkam, aus ihm selbst kam oder von außen in ihn eindrang.² Das ist keine primitive Verwirrung. Es ist eine andere Ontologie: eine Welt, in der das Übernatürliche nicht nach Erlaubnis fragen muss.

Und es bedeutet drittens, dass Umkehr – echte Metanoia – unter diesen Bedingungen möglich war auf eine Weise, die heute strukturell schwieriger geworden ist. Wenn die Grenzen des Ich durchlässig sind, kann das Wort Gottes eindringen, ohne erst eine Zugangsgenehmigung einzuholen. Es trifft. Es verletzt. Es rettet. Der poröse Mensch war verletzlich gegenüber Gott – und gerade diese Verletzlichkeit war die Bedingung für echte Begegnung.

Man muss hier vor einem Missverständnis warnen: Taylor idealisiert die vormoderne Welt nicht. Er beschreibt auch die Angst, die Schutzlosigkeit, die Aberglaube begünstigende Seite dieser Porosität. Wer porös ist, ist auch offen für das Dunkle, für Manipulation, für magisches Denken. Die Porosität ist keine theologische Tugend als solche. Aber sie ist die Bedingung für eine bestimmte Art von Gottesbegegnung, die dem gepufferten Menschen strukturell verschlossen bleibt.

Das gepufferte Ich: Die Architektur des Panzers

Das gepufferte Ich ist die historische Gegenbewegung. Taylor verfolgt seine Entstehung über mehrere Jahrhunderte und identifiziert dabei verschiedene Quellen: die nominalistische Wende im Spätmittelalter, den protestantischen Kampf gegen Aberglauben und magische Praxis, die Aufklärung als intellektuelle Vertiefung des autonomen Subjekts, den Kapitalismus als ökonomische Verfestigung des individuellen Interessenssubjekts.³ Das gepufferte Ich ist also nicht einfach das Ergebnis von Säkularisierung als solcher, sondern hat auch theologische Vorgeschichten, und manche davon liegen innerhalb des Christentums selbst.

Was ist das Kennzeichen des gepufferten Ichs? Taylor beschreibt es als ein Selbstverständnis, in dem die Grenze zwischen Innen und Außen als klar, stabil und unter der Kontrolle des Subjekts erlebt wird.´ Das bedeutet: Was von außen kommt – sei esein Anspruch, ein Appell, eine Begegnung, oder eine Botschaft – dringt nicht einfach ein. Es wird zunächst an der Grenze des Ich abgefangen, bewertet, eingeordnet. Der gepufferte Mensch entscheidet, was er zulässt.

Das klingt zunächst nach Reife und Unterscheidungsvermögen. Und in gewisser Hinsicht ist es das auch. Niemand möchte zurück in eine Welt, in der jede emotionale Überwältigung für einen Einbruch des Göttlichen gehalten wird. Aber die Kosten dieses Gewinns sind enorm, und sie werden selten benannt.

Der erste Preis ist die Neutralisierung des Anderen. Wenn ich entscheide, was an mich herangelassen wird, entscheide ich auch, was mich formen darf. Das bedeutet: Das Wort Gottes, sofern es mich herausfordert, widerspricht, anklagt, beunruhigt, wird am Eingang des gepufferten Ichs abgefangen. Es ist nicht mehr souverän. Es ist Material. Ich lese es, verarbeite es, integriere es in mein bereits bestehendes Selbstbild, oder aber ich lege es beiseite, weil es mir „nichts sagt“.

Der zweite Preis ist die Verlagerung der Sinnquelle. Im porösen Modus wird Sinn empfangen. Im gepufferten Modus wird er produziert. Taylor nennt das die „interne Quelle“ (internal sources). Der Mensch ist nicht mehr derjenige, dem Bedeutung geschenkt wird, vielmehr ist er ist derjenige, der Bedeutung herstellt. Das ist keine Kleinigkeit. Es verändert das gesamte Verhältnis zur Schrift: Statt unter das Wort zu gehen, geht man mit dem Wort um. Statt vom Wort befragt zu werden, befragt man das Wort. Die Richtung des Gesprächs hat sich umgekehrt.

Der dritte Preis ist die Immunisierung gegen Umkehr. Taylor beschreibt, dass das gepufferte Ich eine fundamentale Sicherheit gewinnt, die es dem porösen Ich nicht gab: die Sicherheit, nicht überwältigt zu werden. Diese Sicherheit hat ihren Wert. Aber für die christliche Theologie ist sie zugleich eine tiefe Gefahr: Denn die Umkehr, die Metanoia als radikale Neuausrichtung der Person – setzt voraus, dass man überwältigt werden kann. Dass etwas von außen an einen herantritt, das größer ist als man selbst, und das die eigene Grundausrichtung in Frage stellt. Der gepufferte Mensch ist strukturell gegen diese Erfahrung geschützt. Er kann sie nicht vollständig ausschließen, denn Gott ist souverän, aber er hat sein Leben so eingerichtet, dass sie unwahrscheinlich geworden ist.

Die 60er Jahre: Der Moment der Verpanzerung

Warum tauchen die 60er Jahre an dieser Stelle des Arguments auf? Weil wie im vorangegangenen Teil gezeigt das gepufferte Ich in jenem Jahrzehnt nicht erfunden, aber „sakralisiert“ wurde, um einen Begriff zu gebrauchen, der die Paradoxie des Vorgangs sichtbar macht. Das, was Taylor als einen Jahrhunderte langen Erosionsprozess beschreibt, wurde in den 60ern zu einem positiven Programm, zu einem Wert, zu einer Tugend.

Das Stichwort dafür ist Authentizität. Es ist kaum zu überschätzen, welche intellektuelle und kulturelle Kraft dieser Begriff in jenem Jahrzehnt gewann. Authentizität bedeutete: Sei du selbst. Hör auf das, was in dir ist. Vertraue deinem eigenen Erleben. Lass dich nicht von außen definieren: weder von der Kirche, noch von der Gesellschaft, noch von der Tradition. Was zählt, ist das echte, ungefilterte, innere Erleben.

Auf den ersten Blick klingt das nach einer Befreiung, und für viele war es das auch. Es war Befreiung von erdrückenden Konventionen, von falscher Frömmigkeit, von institutioneller Kontrolle, die Menschen klein hielt. Aber auf den zweiten Blick ist das Authentizitätsprogramm die vollendete Philosophie des gepufferten Ichs. Wenn Authentizität zum obersten Maßstab wird, dann gilt: Nur das ist wahr, was sich für mich wahr anfühlt. Nur das ist relevant, was zu meinem bereits bestehenden Selbstverständnis passt. Das Innere wird zum Richter über das Äußere und nicht mehr umgekehrt.

Für den Glauben hatte das konkrete Konsequenzen, die sich in den folgenden Jahrzehnten entfalteten. Wenn Authentizität der Maßstab ist, dann muss die Predigt sich anfühlen wie eine Einladung zur Selbstverwirklichung, nicht wie ein Anruf zur Selbstverleugnung. Dann muss das Gebet sich wie ein Gespräch auf Augenhöhe anfühlen, nicht wie das Stehen vor dem Souverän des Universums. Dann muss die Bibelstelle „etwas mit mir zu tun haben“, und zwar in dem Sinne, dass sie mein Innenleben spiegelt, bevor sie relevant sein darf.

Was in den 60ern begann, war also nicht eine Abkehr vom Glauben, sondern eine Neuausrichtung des Glaubens auf das gepufferte Ich als Zentrum. Der Glaube blieb, aber seine Funktion veränderte sich: Statt Gottesbegegnung zu ermöglichen, die den Menschen verändert, begann er, das Erleben des Menschen zu spiegeln und zu bestätigen. Das ist der entscheidende Schnitt. Und er ist so subtil, dass er in zahllosen Gemeinden bis heute nicht diagnostiziert worden ist.

Der immanente Rahmen und seine pastoralen Folgen

Taylor verbindet das gepufferte Ich mit dem, was er den „immanenten Rahmen“ nennt. Eine Weltsicht, in der die Gesamtheit der Wirklichkeit als ein in sich geschlossenes natürliches System gedacht wird. Dieser Rahmen ist nicht identisch mit Atheismus. Man kann innerhalb dieses Rahmens glauben. Aber der Glaube wird dabei domestiziert: Er wird zu einem Teil des Systems, nicht zu seiner Grenzunterbrechung. Gott wird zu einem Element innerhalb dieser geschlossenen Wirklichkeit, nicht zu ihrem Schöpfer und Richter, der von außen eingreift.

Für das Gemeindeleben bedeutet das eine fundamentale Verschiebung der Bedingungen. Wer versucht, einem gepufferten Menschen innerhalb des immanenten Rahmens das Evangelium zu erklären, stößt auf folgendes Problem: Der Mensch kann das, was gesagt wird, verstehen, verarbeiten und integrieren, ohne davon berührt zu werden. Er kann „Ja“ sagen und gleichzeitig alles beim Alten lassen. Nicht weil er lügt oder heuchelt, sondern weil die Struktur seines Weltzugangs das Wort von vornherein in eine Kategorie steckt, in der es keine verwandelnde Kraft haben darf: Es ist eine Möglichkeit unter anderen, eine Deutung neben anderen, ein Angebot, das man annehmen oder ablehnen kann, je nachdem, ob es „funktioniert“.

Taylor selbst spricht von einer Asymmetrie, die für den modernen Menschen charakteristisch ist: Es ist leichter, vom Glauben wegzugehen als zurückzukommen, weil der Weg zurück eine Veränderung der epistemischen Grundstruktur voraussetzt, nicht nur eine Veränderung des Inhalts der Überzeugungen. Das ist ein nüchterner Befund. Er bedeutet nicht, dass Bekehrung unmöglich ist – Gott ist souverän -, aber er bedeutet, dass die Kategorie der „Entscheidung für Jesus“, wie sie im Evangelikalismus der 60er und 70er Jahre dominant wurde, das Problem möglicherweise unterschätzt. Eine Entscheidung vollzieht ein gepuffertes Ich. Echte Metanoia verändert es.

Das hat konkrete Folgen für Verkündigung und Seelsorge. Predigt, die primär an Entscheidungen appelliert, beruhigt das gepufferte Ich. Es fühlt sich eingeladen, nicht angegriffen. Es kann reagieren, ohne sich wirklich zu öffnen. Seelsorge, die primär bei dem ansetzt, was der Mensch selbst als Problem benennt, führt häufig in eine höfliche Kreisbewegung: Man redet über das Selbst, das Selbst bleibt das Zentrum, und am Ende ist das Selbst bestätigt, nicht verwandelt. Das ist nicht die Schuld der Prediger oder Seelsorger. Es ist das Ergebnis einer kulturellen Grundkonfiguration, die ihnen vorauslief und in die sie selbst eingebettet sind. Auch der Pastor ist ein gepuffertes Ich, und das ist der blinde Fleck, der selten in den Blick kommt.

Die Einsamkeit als Symptom

Taylor verbindet das gepufferte Ich nicht nur mit epistemischen, sondern auch mit existenziellen Konsequenzen. Eine davon ist die Einsamkeit. Der Zusammenhang ist nicht auf den ersten Blick offensichtlich, aber er ist stringent: Wenn ich entscheide, was an mich herangelassen wird, dann entscheide ich auch, in welchem Ausmaß ich wirklich berührt werde. Der Panzer, der vor Überwältigung schützt, schützt auch vor echter Begegnung. Denn Begegnung – echte Begegnung, nicht nur das höfliche Nebeneinanderher – setzt voraus, dass der Andere an mir etwas bewegen darf. Dass sein Wort meinen Innenraum berührt, nicht nur meinen Kopf. Dass seine Not mich trifft, nicht nur informiert.

Im gepufferten Modus ist das systematisch erschwert. Man kann sich um Menschen kümmern und dabei vollkommen allein bleiben. Man kann Gemeinschaft simulieren, ohne sie zu leben. Man kann in einer vollen Kirche sitzen und sich fühlen wie hinter einer Glasscheibe: alles sehen, nichts wirklich spüren. Diese Erfahrung ist unter Gläubigen weit verbreitet. Doch wird sie selten benannt, weil die Sprache der Gemeinde oft nicht dafür ausgestattet ist.

Die Einsamkeitsepidemie, die sozialwissenschaftliche Studien in westlichen Gesellschaften dokumentieren – auch und gerade unter Kirchenmitgliedern -, hat hier eine ihrer tiefsten Ursachen. Sie ist nicht primär ein organisatorisches Problem, das durch mehr Kleingruppen gelöst werden kann. Sie ist das existenzielle Ergebnis einer Anthropologie, die den Menschen auf sein eigenes Inneres zurückwirft und dabei die Durchlässigkeit zugemacht hat, durch die echte Gemeinschaft überhaupt möglich ist.

Martin Buber hat in einem anderen Kontext den Unterschied zwischen Ich-Es-Beziehungen und Ich-Du-Beziehungen beschrieben: Im Ich-Es-Modus behandle ich das Gegenüber als Objekt, das in meine Welt eingefügt wird. Im Ich-Du-Modus lasse ich das Gegenüber wirklich ein echtes Gegenüber sein. Als jemanden, der mich verändert, indem er begegnet. Das gepufferte Ich lebt strukturell im Ich-Es-Modus, auch gegenüber Gott. Gott wird zu einem „Es“, das ich verwende, interpretiere, in mein Leben einordne. Die Ich-Du-Begegnung mit dem lebendigen Gott setzt Porosität voraus.

Die Kirche als Verstärker des Panzers

Es wäre bequem, das gepufferte Ich als ein Problem der säkularen Welt zu beschreiben, dem die Kirche gegenübersteht. Das stimmt – aber es stimmt nur halb. Die unbequemere Wahrheit ist, dass die Kirchen der vergangenen sechs Jahrzehnte das gepufferte Ich in vielen Fällen nicht herausgefordert, sondern gestärkt haben.

Das geschah auf verschiedenen Wegen. Der erste war die Adaption der Authentizitätssprache: Wenn Prediger begannen, von der Bibel als Ressource für „ein erfülltes Leben“ zu sprechen, wenn Gottesdienste primär auf das emotionale Erleben der Teilnehmer ausgerichtet wurden, wenn Seelsorge zur therapeutischen Begleitung wurde, die das Selbst des Ratsuchenden bestätigt, dann haben die Kirchen dem gepufferten Ich genau das gegeben, was es braucht, um seiner eigenen Größe sicher zu werden: religiöse Bestätigung.

Der zweite Weg war subtiler: die Vermeidung der Konfrontation. Wenn Themen wie Gericht, Umkehr, Selbstverleugnung, das Tragen des Kreuzes aus dem Predigtrepertoire verschwanden – nicht durch eine explizite Entscheidung, sondern durch die kumulative Wirkung von tausend kleinen Anpassungen an die Erwartungen des Publikums -, dann wurde das gepufferte Ich in seiner Grundstruktur nicht angetastet. Es konnte Jahrzehnte lang in die Kirche gehen und dabei vollständig gepuffert bleiben.

Der dritte Weg betrifft die Pneumatologie: die Lehre vom Heiligen Geist. In charismatischen und pfingstlichen Milieus wurde das Wirken des Heiligen Geistes oft so beschrieben, dass es dem gepufferten Ich entgegenkommt: als ein Erleben, das man anstrebt und kontrolliert, als eine Energie, die man durch die richtigen Praktiken einladen kann, als eine Kraft, die primär meiner Erfüllung dient. Das ist eine Form der Domestizierung des Geistes, die ihn in den immanenten Rahmen einschließt, statt ihn als die durchbrechende, unkontrollierbare Macht Gottes zu bezeugen, die er ist.

Das Ergebnis ist eine paradoxe Situation: Gemeinden, in denen viel von Gott geredet wird und in denen wenig von Gott erfahren wird, weil die Architektur des Gottesdienstes, der Theologie und der Pastoral das gepufferte Ich bestärkt statt durchbricht.

Risse im Panzer: Was das gepufferte Ich nicht aushält

Taylor ist kein Kulturpessimist. Und es wäre ein Fehler, seine Analyse so zu lesen, als sei das gepufferte Ich ein undurchdringliches Fort. Taylor selbst beschreibt, dass der immanente Rahmen für viele Menschen eine natürliche Instabilität hat: Er kann gehalten werden, aber er verlangt Anstrengung. Es gibt Momente, in denen er brüchig wird.¹⁰ Taylor nennt diese Momente „epiphanische“ Erfahrungen: Augenblicke, in denen die Ahnung aufbricht, dass die Wirklichkeit mehr ist als der immanente Rahmen fasst.

Diese Risse entstehen an spezifischen Stellen: am Rand des Lebens und des Todes, in der Erfahrung von Schönheit, die überwältigt, in der Begegnung mit echtem Leid, das sich nicht wegdeuten lässt, in der Erschöpfung, die eintritt, wenn das Selbst sich selbst zu lange getragen hat. Das sind keine sentimentalen Momente; es sind theologisch bedeutsame Öffnungen, in denen das gepufferte Ich seine eigene Grenze berührt.

Für die Gemeinde ist das ein wichtiger Befund. Es bedeutet: Der Panzer hat Schwachstellen. Und diese Schwachstellen sind nicht zufällig, sie sind dort, wo die Wirklichkeit des Lebens größer ist als die Fähigkeit des Ich, sie zu kontrollieren. Trauer, Krankheit, Scheitern, das Sterben eines Nahestehenden, die Erfahrung eigener moralischer Bankrotte, diese Momente weichen den Schutzpanzer auf, ohne ihn aufzulösen. Sie schaffen Fenster.

Die Frage ist, was in diesen Fenstern angeboten wird. Wenn die Kirche in diesen Momenten primär Trost und Bestätigung anbietet, schließt sie das Fenster schnell wieder. Wenn sie stattdessen – mit aller Sanftheit und allem Ernst zugleich – das Wort Gottes hineinspricht, das konfrontiert, das fragt, das zur Umkehr einlädt, dann nutzt sie den Moment, den die Wirklichkeit geöffnet hat. Das erfordert pastorale Unterscheidung: Wann ist ein Mensch weich genug, um das Wort zu hören, das ihn verändert? Und ist die Gemeinde selbst porös genug, um diesen Moment zu erkennen?

Das Wort Gottes und die Frage der Porosität

Hier liegt die entscheidende theologische Frage dieses Kapitels: Wenn das gepufferte Ich strukturell gegen das Eindringen von außen geschützt ist, wie kann das Wort Gottes überhaupt noch wirken? Ist Verkündigung unter diesen Bedingungen nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Die Antwort des Glaubens ist: Nein, aber sie erfordert eine nüchterne Theologie der Verkündigung, die nicht naiv ist über die Bedingungen, unter denen sie stattfindet. Die Bibel selbst kennt das, was wir „geistliche Härte“ nennen könnten: das Verstockte Herz, die Ohren, die hören und nicht verstehen, die Augen, die sehen und nicht erkennen (Jes 6,9-10; Mt 13,14-15). Das gepufferte Ich ist eine historisch spezifische Form dieser Verhärtung, aber sie ist nicht eine neue, unbekannte Realität. Die Schrift rechnet mit ihr.

Was folgt daraus für die Verkündigung? Erstens: Das Wort Gottes ist nicht auf unsere Vermittlungsstrategien angewiesen. Es wirkt, wo Gott wirkt. Aber zweitens: Wir sind verantwortlich für die Art, wie wir das Wort präsentieren. Wenn wir es so präsentieren, dass es dem gepufferten Ich bequem fällt – als Ressource, als Trost, als Lebenshilfe -, dann tragen wir dazu bei, dass es seine Schärfe verliert. Wenn wir es so präsentieren, dass es die Schwachstellen des Panzers trifft: mit Wahrheit, die nicht wegzudeuten ist, mit Gericht, das ernst zu nehmen ist, mit Gnade, die wirklich frei macht statt nur bestätigt, dann arbeiten wir mit dem zusammen, was das Wort selbst will.

Das setzt eine Gemeinde voraus, die selbst lernbereit ist, wieder poröser zu werden. Die Übung der Porosität ist keine romantische Rückkehr ins Mittelalter. Es ist die geistliche Praxis, sich dem Wort Gottes in einer Weise auszusetzen, die zulässt, dass es schärft, verletzt, beunruhigt. Gebet, das nicht primär aus dem eigenen Inneren spricht, sondern das Innen schweigen lässt. Schrift, die nicht als Bestätigung gelesen wird, sondern als Befragung. Gemeinschaft, die nicht nur spiegelt, sondern auch konfrontiert. Das sind die Praktiken, die dem gepufferten Ich entgegenwirken. Langsam, geduldig, ohne Garantie des Erfolgs, aber in der Treue zu einem Gott, dessen Wort nicht leer zurückkehrt (Jes 55,11).

60er-Jahre: Der Sündenfall der Utopie

Warum die Hoffnung auf ein weltliches Paradies das biblische Verständnis von Sünde korrodierte

Das Jahrzehnt, an das wir uns falsch erinnern

Es gibt Jahrzehnte, die wir in Mythen verwandeln, weil wir die Wahrheit über sie nicht ertragen. Die 1960er Jahre gehören dazu. Was uns die kollektive Erinnerung zeigt, sind Bilder: Woodstock im Augustregen, Martin Luther King auf den Stufen des Lincoln Memorial, die erste Mondlandung, Twiggy auf einem Schwarzweißfoto, Flower Power, Protest, Aufbruch. Es sind Bilder von Energie und Unschuld zugleich, von Menschen, die glaubten, die Geschichte breche in eine neue Phase ein.

Was diese Bilder verbergen, ist der theologische Unterboden des Jahrzehnts – die tektonische Verschiebung, die sich vollzog, während die Oberfläche leuchtete. Nicht die Bilder sind das Entscheidende. Viel entscheidender ist das Weltbild, das in jenem Jahrzehnt endgültig seine Form annahm: die Überzeugung, dass der Mensch gut genug sei, um sich selbst zu helfen. Dass das Paradies, auf das die Religionen immer vertröstet hatten, hier und jetzt gebaut werden könne: durch die richtige Politik, die richtige Psychologie, die richtige Befreiung.

Dieses Weltbild war nicht neu. Es hatte eine lange Vorgeschichte in der Aufklärung, im Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts, in den sozialistischen und liberalen Utopien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber in den 60er Jahren erlebte es seine bislang breiteste kulturelle Inkarnation. Es sickerte aus den Universitäten in die Straßen, aus den Straßen in die Küchen, aus den Küchen in die Kirchen. Und in dem Moment, wo es die Kirchen erreichte, begann ein stiller Kahlschlag, dessen Ausmaß wir erst heute vollends ermessen können.

Darum geht es heute: nicht um die Kultur der 60er Jahre als solche, nicht ihre Musik oder ihre Mode oder ihre Politik, sondern um den theologischen Riss, der in jenem Jahrzehnt im Fundament des westlichen Christentums entstand. Ein Riss, der seither gewachsen ist. Ein Riss, auf dem wir gebaut haben, als wäre er keiner.

Babel, nicht Babylon: Der Unterschied, der alles ändert

Die Sprache der Bibel kennt zwei Bilder für menschliche Hybris, und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten. Babylon ist das Bild der offenen Gottlosigkeit, der Zerstörung, der bewussten Rebellion. Babel ist etwas anderes. Babel ist das Bild des ehrlichen, enthusiastischen, guten Vorhabens – aber einem, das ohne Gott auskommt.

»Sie sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen.« (Gen 11,4) Der Text verrät keine bösen Absichten. Die Turmbauer wollten keine Götzen anbeten. Sie wollten Gemeinschaft, Einheit, Aufstieg, Ruhm. Sie wollten etwas Bleibendes schaffen. Was fehlte, war nicht der gute Wille, sondern die Bereitschaft zur Abhängigkeit. Sie wollten die Herrlichkeit, aber sie wollten sie aus eigener Hand.

Die 60er Jahre waren kein babylonisches Projekt. Sie waren ein babylonisches Babel. Die Sprache war oft religiös grundiert, manchmal explizit christlich. Viele der treibenden Kräfte jenes Jahrzehnts kamen aus dem Glauben: Bürgerrechtsprediger, befreiungstheologische Denker, charismatische Erweckungsbewegungen. Die Energie war real. Die Sehnsucht nach dem Reich Gottes war echt. Was sich veränderte, war die anthropologische Prämisse: Man hörte auf zu glauben, dass der Mensch ein gebrochenes Wesen sei, das Erlösung von außen benötigt. Man begann zu glauben, dass er ein unterdrücktes Wesen sei, das Befreiung von innen benötigt.

Das ist der Sündenfall der Utopie. Nicht der Wechsel vom Glauben zum Unglauben. Vielmehr der Wechsel von einer Anthropologie der Erlösungsbedürftigkeit zu einer Anthropologie der Befreiungsfähigkeit. Der Mensch hörte auf, vor Gott ein Bettler zu sein. Er begann, ein Kandidat für seine eigene Verbesserung zu werden.

Die Umdeutung: Wenn Sprache die Wirklichkeit verschiebt

Wenn ein Weltbild sich ändert, ändert sich zuerst die Sprache. Nicht umgekehrt. Die Wörter bleiben oft dieselben, aber ihr semantischer Kern wird ausgehöhlt und mit neuem Inhalt gefüllt, so langsam, dass die meisten es nicht bemerken. Genau das geschah in den 60er Jahren mit den zentralen Kategorien des christlichen Glaubens.

Sünde war das erste Opfer. Das biblische Konzept der Sünde ist radikal und unbequem: Es beschreibt eine fundamentale Verkehrung des menschlichen Willens, eine strukturelle Ausrichtung des Ich auf sich selbst statt auf Gott und den Nächsten. Diese Verkehrung sitzt tiefer als Verhalten – sie sitzt in der Wurzel des Wollens selbst. Man kann sie nicht durch bessere Erziehung kurieren, nicht durch günstigere gesellschaftliche Verhältnisse, nicht durch psychologische Reifung.

In den 60ern wurde Sünde als gesellschaftliche Unterdrückung umgedeutet. Das war keine vollständige Lüge, denn die Bibel kennt durchaus die Sünde der Strukturen und Systeme. Aber die Verschiebung war entscheidend: Sünde wurde von innen nach außen verlegt. Der Mensch ist nicht mehr das Problem; die Verhältnisse sind das Problem. Damit entfiel die Notwendigkeit persönlicher Buße. Man musste nicht mehr vor Gott Buße tun. Man musste die Strukturen verändern. Wer die Strukturen veränderte, war gerecht.

Erlösung folgte demselben Muster. Die biblische Erlösung ist ein Akt, der von außen kommt – ein Eingriff Gottes in eine Situation, aus der der Mensch sich nicht selbst befreien kann. Sie hat einen Preis (das Kreuz), eine Bedingung (den Glauben) und eine Konsequenz (die Nachfolge). In den 60ern wurde Erlösung zur politischen Befreiung. Wieder: nicht vollständig falsch. Das Reich Gottes hat politische Dimensionen, und das Evangelium ist nicht unpolitisch. Aber wenn Erlösung nur noch politisch gedacht wird, verliert das Kreuz seine Mitte. Es wird zum Symbol der Solidarität statt zum Ort der Stellvertretung.

Gnade schließlich wurde zur bedingungslosen Bestätigung. Die biblische Gnade ist radikal, sie kommt zu uns, bevor wir sie verdient haben, und sie nimmt uns an, wie wir sind. Aber sie lässt uns nicht, wie wir sind. Gnade ist das Gegenteil von Leistungsgerechtigkeit, aber sie ist nicht das Gegenteil von Anspruch. Die Gnade Christi schafft Jünger, keine Konsumenten. In den 60ern wurde Gnade zur totalen Akzeptanz, zur Bestätigung des Gegebenen – ein Spiegel für unsere Wünsche statt ein Licht, das uns zeigt, was wir nicht sehen wollen.

Diese drei Umdeutungen hängen zusammen und verstärken sich gegenseitig. Eine Theologie, die Sünde nach außen verlagert, braucht keine innere Erlösung. Eine Erlösung, die nur befreit, braucht keine Gnade, die verwandelt. Eine Gnade, die nur bestätigt, produziert keine Buße. Wer dieses System einmal betritt, kann es aus eigener Kraft nicht wieder verlassen – weil es so konstruiert ist, dass es immer recht hat.

Der immanente Rahmen schließt sich

Charles Taylor hat in seinem Werk A Secular Age beschrieben, wie der westliche Mensch in einem langen historischen Prozess das, was er als „immanenten Rahmen“ bezeichnet, um sich herum errichtete: eine Weltdeutung, in der alles, was geschieht, innerhalb eines in sich geschlossenen natürlichen Systems erklärt werden kann, ohne Bezug auf eine Transzendenz.

Dieser Rahmen war nicht von einem Tag auf den anderen fertig. Er wurde über Jahrhunderte gebaut. Aber in den 60er Jahren wurde ein entscheidender Riegel vorgeschoben: Auch in religiösen und kirchlichen Milieus begann man, die Wirklichkeit primär innerhalb dieses Rahmens zu denken. Gott war nicht mehr derjenige, der von außen einbricht, richtet, rettet, beruft. Er wurde zu einer Ressource innerhalb des menschlichen Projekts: ein Unterstützer, ein Begleiter, ein Sinnlieferant, aber kein Souverän.

Das hat Konsequenzen für den Begriff der Umkehr, die nicht zu überschätzen sind. Metanoia – das griechische Wort, das wir mit „Buße“ oder „Umkehr“ übersetzen – bedeutet wörtlich eine Umkehr des gesamten Denkens: eine Neuorientierung nicht nur des Verhaltens, sondern der Wahrnehmungsmitte selbst. Metanoia setzt voraus, dass ich falsch liege. Nicht in Einzelheiten, nicht in Nuancen, sondern in der Grundausrichtung meines Lebens. Dieser Anspruch ist nur möglich, wenn es eine Wahrheit gibt, die von außen an mich herantritt und mein Innen beurteilt. Echte, biblische Buße (Umkehr, metanoia) findet dort statt, wenn ein Mensch von seiner eigenen Sünde so erschreckt und abgestoßen ist, dass er sich umdreht und ob der Abscheulichkeit seiner Schuld vor Gott keinen Ausweg mehr sieht als sich an den Herrn Jesus zu wenden und Ihn um Hilfe und Gnade bittet. Es ist kein “Annehmen” von Jesus, sondern eine Flucht von sich selbst weg und hin zu IHM.

Doch sobald der immanente Rahmen geschlossen ist, wird Metanoia strukturell unmöglich. Es gibt keine Instanz mehr, die außerhalb meiner Selbstdeutung steht. Es gibt nur noch Wachstum, Entwicklung, Reifung – alles Bewegungen, die vom gegenwärtigen Ich ausgehen und auf ein besseres Ich zulaufen. Das ist ein anderes Evangelium. Kein schlechteres im moralischen Sinne – aber ein anderes. Es hat das Kreuz nicht mehr im Zentrum, weil das Kreuz eine Unterbrechung ist, kein Wachstumsschritt.

Die Kirche als Spiegel des Zeitgeists

Man könnte einwenden: Das ist eine Kulturdiagnose, keine Kirchengeschichte. Die Säkularisierung betrifft die Gesellschaft, aber die Kirche ist doch durch den Heiligen Geist bewahrt. Das wäre ein frommer Gedanke, aber er widerspricht der Geschichte.

Die Kirchen der 60er Jahre in ihrer großen Mehrheit, quer durch Konfessionen und theologische Strömungen gingen nicht gegen den Zeitgeist. Sie nahmen ihn auf. Die progressiven Kirchen taten es offen, programmatisch, mit Freude: Sie entdeckten in den Befreiungsbewegungen das Evangelium, in der sexuellen Revolution das Ende prüder Lebensfeindlichkeit, in der Infragestellung von Autorität den prophetischen Geist. Die konservativen Kirchen taten es verdeckter: Sie behielten die Sprache, aber die Substanz begann sich zu verschieben. Sünde wurde milder, Gericht seltener, Kreuz weicher, Nachfolge unverbindlicher.

Es gibt einen Mechanismus in der Geschichte der Kirche, der sich immer wieder beobachten lässt: Was eine Generation als prophetische Anpassung erlebt, wird von der nächsten Generation als selbstverständliche Normalität gelebt und von der übernächsten gar nicht mehr bemerkt. Die Umdeutungen der 60er Jahre sind längst keine Meinungen mehr. Sie sind das unsichtbare Wasser, in dem wir schwimmen. Wer heute einem durchschnittlichen Kirchenmitglied sagt, dass Gnade nicht dasselbe ist wie Bestätigung, dem wird man höflich zustimmen und dann dasselbe wieder tun wie zuvor. Die Begriffe sind so tief infiltriert, dass die Korrektur nicht an der Oberfläche des Verhaltens ansetzen kann, sondern tief in der Sprachstruktur des Glaubens.

Das ist keine Anklage gegen Personen. Die Menschen in den Kirchen der 60er Jahre, die diese Verschiebungen mittrugen, waren oft ernsthaft, fromm, mutig. Viele kämpften gegen reale Ungerechtigkeiten. Das Problem war nicht ihre Gesinnung. Das Problem war ihre Erkenntnistheorie: Sie glaubten, die Wirklichkeit und die Schrift so lesen zu können, dass beides dasselbe sagt. Und wenn beides dasselbe sagt, braucht die Schrift uns nicht mehr zu korrigieren. Sie bestätigt uns nur noch.

Die Saat und ihre Zeit

Eine Saat zeigt sich nicht sofort. Wer im Frühling sät, sieht im Frühling keinen Ertrag. Die Felder sehen gepflügt aus, vielleicht schon leicht grün – aber die Frucht ist noch verborgen. Das gilt für gute Saat und für schlechte gleichermaßen.

Die theologischen Verschiebungen der 60er Jahre trugen in jenem Jahrzehnt noch keine offensichtlichen Früchte des Verfalls. Im Gegenteil: Die Kirchen wuchsen, die Begeisterung war groß, die gesellschaftliche Relevanz schien endlich zurückgewonnen. Man hatte das Gefühl, mit der Geschichte zu schwimmen statt gegen sie. Was sich damals wie Aufbruch anfühlte, begann erst Jahrzehnte später sein wahres Gesicht zu zeigen: in der Auflösung verbindlicher Gemeinschaft, im Verstummen der prophetischen Stimme, in der Erschöpfung von Leitern, die nie Buße gelernt hatten, in Gemeinden, die wuchsen und dabei innerlich verarmten.

Diese Serie möchte versuchen, diese Geschichte nachzuerzählen, nach-zudenken. Sie folgt dieser Saat durch die Jahrzehnte: durch die 70er, in denen das entfesselte Ich zum theologischen Programm wurde. Durch die 80er, in denen High Energy, Erfolg und Performance die Sprache der Erneuerung übernahmen. Durch die 90er und 2000er, in denen Ironie und Konsum das ablösten, was von der Substanz noch geblieben war. Bis in die Gegenwart, in der die Götzen fallen und wir vor den Trümmern stehen, erschöpft, desorientiert, und vielleicht zum ersten Mal seit Langem wieder offen für eine Wahrheit, die von außen kommt.

Aber um dort anzukommen, müssen wir verstehen, wo es begann. Und es begann mit einem Versprechen, das wie das Evangelium klang, aber keines war: das Versprechen, dass der Mensch gut genug sei, um ohne Umkehr glücklich zu werden.

Dieses Versprechen ist gescheitert. Die Frage ist nur: Sind wir bereit, das zu sehen?

Killing Beauty Teil 3: Reformation, Puritaner und die Schönheit des Verzichts

Nach Jahrhunderten der geordneten Schönheit, der Kirchenräume als Theologie aus Stein und Bild,kommt es zum Bruch. Mit der Reformation tritt ein neues Denken auf: Nicht mehr das Auge wird zum Tor der Erkenntnis, sondern das Ohr. Nicht das Bild, sondern das Wort. Der Mensch wird nicht mehr durch Wandbilder erzogen, sondern durch die Schrift verwandelt. Und Schönheit? Sie muss sich nun neu beweisen. Nicht durch Gold, sondern durch Klarheit.

 

Martin Luther und die Schönheit des Kreuzes

Für Martin Luther ist Schönheit kein theologischer Ausgangspunkt, sondern eine Frage, die sich am Kreuz entscheidet. Luther lebt in einer Zeit, in der Schönheit herrschte. Kirchen waren prachtvoll, Heiligenbilder eindrucksvoll, Liturgien waren ein visuelles Schauspiel. Doch für Luther war das alles Verdunkelung, weil es das Entscheidende überdeckte: das Kreuz. Für ihn war klar: Schönheit, die das Kreuz nicht aushält, ist keine Schönheit, sondern Täuschung.

20 Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift. 21 Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Schlechte gut und das Gute schlecht. Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind.“

(Heidelberger Disputation, Thesen 20-21)

Diese Worte aus seiner Heidelberger Disputation von 1518 sind ein Schlüssel zu seinem Denken. Sie sind nicht nur eine polemische Abrechnung mit der spätmittelalterlichen Frömmigkeit, sondern eine radikale Neuausrichtung der gesamten Ästhetik. Für Luther beginnt Theologie nicht mit Glanz, sondern mit Schmerz. Nicht mit Erhebung, sondern mit Erniedrigung.

 

Luthers theologisches Grundprinzip ist die „Theologia crucis“ – eine Theologie des Kreuzes, die alles durch das Leiden Christi liest. Sie stellt sich gegen die „Theologia gloriae“ – die natürliche Neigung des Menschen, Gott in Macht, Pracht und positiver Erfahrung zu suchen. Für Luther aber ist Gott dort zu finden, wo man ihn am wenigsten erwartet: im Scheitern, im Leiden, in der Erniedrigung. Das heißt auch: Schönheit liegt nicht auf der Oberfläche – sondern ist sub contrario specie, unter dem gegenteiligen Anschein verborgen. Nicht der glänzende Heilige ist schön, sondern der leidende Christus. Nicht das heroische Bild, sondern der geschundene Körper. Nicht das siegreiche Banner, sondern das blutige Holz. Hier beginnt Luthers radikale Umwertung der Schönheit: Sie ist nicht das, was uns anspricht, sondern das, was uns konfrontiert. Sie ist nicht das, was wir als schön empfinden – sondern das, was Gott als schön bezeichnet. Und das ist das Kreuz. Die Konsequenz ist klar: Alles Schöne, das das Kreuz ignoriert, ist trügerisch. Alles Glänzende, das nicht den Schmerz kennt, ist gefährlich. Das ist theologische Ästhetik mit einer Klinge. Sie schneidet tief – auch durch den eigenen Geschmack.

 

Doch Luther war kein Bilderstürmer. Er war kein Feind der Künste. Ganz im Gegenteil: Er dichtete, komponierte, lobte Malerei, Architektur und Musik. Aber er bestand darauf: Sie dürfen nicht verführen. Sie müssen dem Evangelium dienen. Vor allem die Musik lag ihm am Herzen. Er beschreibt ihre Wirkung in einer seiner Tischreden:

Musica ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht der Menschen. […] Sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich; sie ist der beste Trost für ein betrübtes Herz.“

In Luthers Liedern steckt seine Theologie in klingender Form. „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist keine fromme Hymne über Geborgenheit – es ist ein Schlachtruf der Theologia crucis:

Mit unsrer Macht ist nichts getan…“ – die Niederlage ist eingeplant, aber sie ist der Ort, wo Christus siegt.

Auch das Bild hat seinen Platz. In seinen Predigten und Schriften verteidigt Luther den Gebrauch von Kunst – solange sie das Evangelium nicht verdrängt, sondern zur Klarheit beiträgt. Das Problem ist nicht das Bild – sondern das Bild ohne das Wort.

Bilder, so sie da sein wollen, sollen die Leute an die Schrift erinnern, nicht aber dieselbe vertreiben.“
(
vgl. WA 10/1/1, S. 1–3)

Luther verachtet also nicht die Schönheit – aber er verlangt, dass sie sich unterordnet. Sie darf schmücken, trösten, erinnern, aber nicht regieren. Sobald Schönheit sich selbst genügt, wird sie Götze. Sobald sie dient, wird sie Gabe. Luthers Sicht auf Schönheit ist unbequem, aber klärend. Sie befreit von der Tyrannei des Eindrucks. Sie entlarvt die Oberfläche. Und sie öffnet einen Raum für das Evangelium – nicht im Glanz der Form, sondern in der Tiefe der Wahrheit.

Seine Theologie des Kreuzes ist der Prüfstein aller Ästhetik: Luther antwortet: Nur, was das Kreuz übersteht, ist wirklich schön.

Johannes Calvin – die Schönheit der Klarheit

Johannes Calvin war kein Freund barocker Prunkentfaltung. Kein Liebhaber üppiger Bilder, kein Komponist wie Luther. Und doch hatte er ein tiefes Gespür für Schönheit – nur unter ganz anderen Vorzeichen. Für Calvin ist Schönheit kein ästhetisches Ideal, sondern eine Frucht der Wahrheit. Und Wahrheit hat mit Ordnung zu tun. Calvin ist der Architekt der reformierten Theologie. Er denkt wie ein Systembauer: klar, durchdacht, funktional. Und so denkt er auch Schönheit – nicht als Verzierung, sondern als Ordnung. Schönheit zeigt sich da, wo alles am rechten Platz ist. Nicht in Farben und Gold, sondern in Schlichtheit, Struktur und Klarheit. Die wahre Zierde der Kirche liegt in der Reinheit des Gottesdienstes. (vgl. Institutio IV.10) Das ist das Herz seiner Ästhetik: Nicht das Sichtbare ist entscheidend, sondern das Geordnete. Nicht das, was anspricht – sondern das, was lehrt. Calvin geht es um geistliche Schönheit: Eine Gemeinde, die sich dem Wort unterordnet. Ein Gottesdienst, der klar ist. Eine Predigt, die auf Christus weist. Kein Staunen, sondern Verstehen.

Calvin räumt die Kirchen leer. Nicht aus Hass gegen Kunst, sondern aus Eifer für die Wahrheit. Er sieht die Gefährdung, die von Bildern und Figuren ausgeht: Sie lenken ab. Sie verführen. Sie fixieren den Blick auf das Geschaffene – statt auf den Schöpfer. Für Calvin ist Gott unsichtbar. Und gerade weil Gott sich nicht in einem Bild zeigt, hat er sich im Wort offenbart. Das heißt: Schönheit muss weichen, wenn sie das Wort überdeckt. Hier wird Calvins Ästhetik zur Ethik. Schönheit ist nie neutral. Sie beeinflusst, formt, wirkt. Und deshalb muss sie dem Wort dienen – nicht sich selbst. Sobald Schönheit sich selbst genügt, wird sie gefährlich.

 

Doch Calvin verachtet die Schönheit nicht. Im Gegenteil: Er ist durchdrungen von der Überzeugung, dass die ganze Schöpfung voll von Gottes Herrlichkeit ist. Die Welt ist ein Theater der Herrlichkeit Gottes. (vgl Institutio I.14.20) Das ist keine fromme Metapher – es ist ein tiefes Bekenntnis. Für Calvin ist die ganze geschaffene Welt eine Bühne, auf der Gott seine Größe zeigt. Der Himmel predigt. Der Regen spricht. Der Baum bezeugt. Schönheit ist nicht abgeschafft – sondern verlagert. Sie ist nicht mehr in Bildern und Altären – sondern in der Ordnung der Schöpfung.

Diese Sichtweise öffnet einen anderen Raum für Ästhetik:
→ Schönheit ist das Leuchten der Wahrheit in der Welt.
→ Schönheit ist die Klarheit des Wortes im Gottesdienst.
→ Schönheit ist die geordnete Form eines Lebens, das auf Gott hört.

Calvins Ordnungsliebe ist kein Selbstzweck – sie ist Ausdruck seiner Ehrfurcht vor Gott. Und aus dieser Ehrfurcht folgt: Nur was Gott ehrt, ist wirklich schön.

Calvin lebt im 16. Jahrhundert – einer Zeit der Pracht, des Katholizismus in Hochform, der barocken Andacht. Die Kirche glänzt. Doch Calvin verweigert sich diesem Glanz. Nicht aus Armut. Sondern aus Überzeugung. Die Schlichtheit der reformierten Kirchenräume ist ein Protest – gegen den Kult des Augenscheins. Gegen das, was überwältigt, statt überzeugt Was die Menschen anzieht, ist nicht das Wesentliche. Was göttlich ist, soll nicht durch menschliche Erfindung dargestellt werden. (vgl Institutio II.8–10) So wird Schlichtheit zu einer Form von Wahrheit. Eine Wahrheit, die nicht untergeht in Gold und Rauch. Sondern in der Klarheit des Wortes lebt.

Wie steht Calvin zu Musik und Kunst? Zur weltlichen Kultur? Die Antwort ist zurückhaltend – aber nicht negativ. Calvin erkennt den Wert der Musik, etwa in den Psalmen. Doch auch hier: Klarheit geht vor Emotion. Die Musik soll tragen – nicht tragen lassen. Sie soll helfen, nicht herrschen. Die Psalmen sind für Calvin „Anleitung zur Frömmigkeit“. Musik ist nicht für die Sinne da, sondern für das Herz – und das Herz soll verstehen. Auch das ist Teil seiner Ästhetik: Kunst hat ihre Daseinsberechtigung, aber sie darf das Evangelium nicht überdecken. Sie darf berühren – aber nicht verführen. Sie darf helfen – aber nicht herrschen. Es ist die gleiche Linie wie bei Luther – nur mit weniger Ton, weniger Bild, mehr Form.

 

Calvin steht für eine Ästhetik der Wahrheit. Schönheit ist nicht ausgeschlossen – aber gebunden. Gebunden an das Wort, an die Ordnung, an das Licht.

Er stellt die Frage:
→ Dient diese Schönheit der Ehre Gottes?
→ Klärt sie – oder vernebelt sie?
→ Macht sie das Evangelium sichtbarer – oder ersetzt sie es?

In einer Zeit, in der sich vieles um Wirkung, Eindruck und Emotionalität drehte, hielt Calvin dagegen: Schönheit ist Klarheit. Schönheit ist Maß. Schönheit ist Ordnung.

John Owen – Schönheit als Herrlichkeit Christi

Wenn Martin Luther das Kreuz ins Zentrum der Ästhetik rückt und Johannes Calvin die Klarheit des Wortes zur Schönheit erhebt, dann öffnet John Owen eine andere Dimension: die geistliche Wahrnehmung der Herrlichkeit Christi. Nicht sichtbare Pracht, nicht ästhetische Form, sondern die Schönheit des Sohnes Gottes – wie sie dem Glaubenden innerlich aufleuchtet. Owen (1616–1683), einer der bedeutendsten puritanischen Theologen, hat mit The Glory of Christ ein Werk hinterlassen, das noch heute Staunen weckt. In ihm entfaltet sich eine Ästhetik, die tief verwurzelt ist in der biblischen Offenbarung – und doch über alle sichtbaren Formen hinausgeht.

Für Owen ist Schönheit kein äußeres Phänomen. Sie ist nicht sichtbar mit den Augen des Leibes – sondern mit den Augen des Glaubens. Die wahre Schönheit Christi ist geistlich. Sie ist nicht schmückend, nicht dekorativ, nicht emotional, sie verändert.

Kein Mensch kann die Herrlichkeit Christi sehen, ohne davon verändert zu werden.“
(
vgl The Glory of Christ, Kap. 1)

Diese Schönheit ist mehr als ein Eindruck – sie ist eine Wirklichkeit, die den Menschen innerlich ergreift, reinigt, ordnet, formt. Wer Christus sieht – mit dem inneren Auge – wird nicht nur angerührt, sondern neu gemacht. Owen spricht hier nicht von Visionen oder Mystik im volkstümlichen Sinn. Sondern von einer kontemplativen Theologie: Der Gläubige wird fähig, geistlich zu sehen. Schönheit wird geistlich erkannt – durch Offenbarung, nicht durch Konstruktion.

Zentral ist für Owen das, was er „spiritual mindedness“ nennt – eine geistliche Anschauung Christi. Er grenzt dies deutlich ab von allen äußeren Inszenierungen. Für Owen ist die größte Gefahr, dass die Kirche beginnt, das Licht Christi zu überdecken – durch äußeren Glanz, durch liturgischen Überschuss, durch theologische Nebelkerzen. Die Schönheit Christi ist ausreichend – sie braucht keine Verstärkung. Das bedeutet aber nicht, dass Owen Schönheit ablehnt. Im Gegenteil: Er ist überzeugt, dass wahre Schönheit nur dort gefunden wird, wo Christus in Klarheit gepredigt und geglaubt wird. Alles andere ist Täuschung – oder zumindest Ablenkung.

Owen unterscheidet mit großer Klarheit zwischen äußeren Formen und innerem Gehalt. Was für das Auge beeindruckend erscheint, kann für die Seele leer sein. Umgekehrt kann das, was äußerlich arm ist, voller geistlicher Herrlichkeit sein. Die geistliche Wahrnehmung der Herrlichkeit Christi ist der größte Schatz des Gläubigen. Sie ist sein Trost, seine Stärke, sein Leben (vgl The Glory of Christ, Kap. 3). Diese Sicht hat praktische Konsequenzen: Predigt wird zur Offenbarung. Gemeindeleben wird zur Bühne der unsichtbaren Schönheit. Heiligung wird zur Formung durch Christus selbst – in der Seele, nicht auf der Bühne.

Für Owen ist Christus nicht nur „auch schön“ – er ist die Schönheit selbst. Nicht im körperlichen Sinn, nicht im künstlerischen Ideal, sondern im Wesen: In seiner Demut, seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit, seinem Erbarmen. Diese Schönheit ist nicht spektakulär, sondern heilig. Sie blitzt nicht – sie brennt. Und genau deshalb verändert sie. Owen ist überzeugt: Wer diese Schönheit wirklich sieht, wird unwiderstehlich davon angezogen – weil sie göttlich ist.

Im Denken Owens bekommt auch die Gemeinde eine ästhetische Dimension. Nicht in der Architektur, nicht in der Kleidung, nicht in der Musik – sondern in ihrer Gemeinschaft. Die Gemeinde ist schön, wenn sie Christus widerspiegelt: In ihrer Lehre: klar, evangeliumszentriert. In ihrer Liebe: ehrlich, demütig, dienend. In ihrer Ordnung: schlicht, geordnet, frei von Stolz. Owen betont: Es ist eine gefährliche Versuchung, sich äußerlich schön zu machen, wenn innerlich Christus fehlt. Das gilt für die Predigt, die Liturgie, das Lied. Für ihn ist klar: Schön ist, was Christus offenbart. Alles andere ist Spiel.

John Owen führt die Reformation weiter und noch mehr in die Tiefe. Er zeigt: Schönheit ist kein Nebenschauplatz. Sie ist kein ästhetischer Bonus. Sondern sie ist der Ort, an dem die Herrlichkeit Christi sichtbar wird – für die Augen des Glaubens. Seine Ästhetik ist streng, aber voller Hoffnung. Denn sie sagt: Du musst nicht ins Museum, um Schönheit zu sehen. Du brauchst keine Kathedrale, um ergriffen zu werden. Du brauchst Offenbarung – und ein erneuertes Herz. In einer Zeit, die religiöse Ästhetik oft mit Pomp und Pathos gleichsetzte, sagt Owen: Wahre Schönheit ist Herrlichkeit. Herrlichkeit ist Christus.

 

John Bunyan – Die Phantasie als Tür zur Wahrheit

In einer Welt, die zunehmend von Rationalität und Ordnung geprägt war, wagte John Bunyan einen anderen Weg: den Weg der Imagination. Er war kein Theologe wie Owen, kein Systematiker wie Calvin, kein Reformator wie Luther – und doch hat kaum jemand das geistliche Leben so anschaulich und bildgewaltig beschrieben wie er. Mit seinem Werk The Pilgrim’s Progress (1678) schuf Bunyan das berühmteste allegorische Werk der protestantischen Weltliteratur. Es ist kein theologisches Traktat, dennoch voller Theologie. Keine dogmatische Systematik, dennoch voller biblischer Tiefe. Es ist ein Buch der Bilder, geschrieben für das Herz und für den Weg des Glaubens.

Ich habe das, was ich sehe, in Geschichten gefasst – damit es das Herz erreiche, nicht nur den Verstand.“
(
sinngemäße Zusammenfassung der Apology, Vorrede zu The Pilgrim’s Progress)

Bunyan ist kein Gegner des Bildes – aber er ist auch kein Ästhet. Für ihn ist die Imagination nicht ein Selbstzweck, sondern ein geistliches Werkzeug. Die Bilder, die er zeichnet – vom Sumpf der Verzagtheit bis zur Himmelspforte – sind nie bloß fantasievoll. Sie sind Übersetzungen geistlicher Wahrheit in narrative Form. Nicht das Bild ist entscheidend, sondern das, was es sagt. Nicht die Geschichte ist das Zentrum, sondern das Evangelium, das darin zu sehen ist. Bunyan glaubt: Manche Wahrheiten lassen sich besser zeigen als erklären. Die Vorstellungskraft ist eine Brücke vom Erkennen zum Ergriffenwerden.

John Bunyan beschreibt den Glauben als Reise – und Schönheit nicht als festen Besitz, sondern als etwas, das aufleuchtet unterwegs. Diese Schönheit ist nicht statisch – sie lebt. Sie wächst. Sie verändert sich. Und sie ist durchzogen von Widerstand. Denn der Weg des Pilgers ist kein Spaziergang. Es ist ein Ringen. Und darin liegt ihre Tiefe: Schönheit entsteht nicht trotz der Mühsal – sondern in ihr. Bunyan macht sichtbar, was viele Theologen nur sagen: Der Glaube ist ein Drama. Die Wahrheit hat Gestalt. Die Bibel ist die Geschichte Gottes mit den Menschen.

In seiner Vorrede verteidigt Bunyan die bildhafte Sprache – gegen die, die ihm vorwarfen, zu „bunt“, zu „spielerisch“, zu „weltlich“ zu sein. Er antwortet mit Leidenschaft: Gleichnis und Parabel sind Gottes eigene Methode. Christus selbst hat sie gebraucht, nicht um zu verschleiern, sondern um zu offenbaren. Für Bunyan ist das Erzählen eine Form der Offenbarung. Gute Geschichten sind nicht Ablenkung, sondern Einladung zur Wahrheit. Sie führen tiefer als bloße Begriffe, weil sie das Herz bewegen.Damit stellt Bunyan ein neues Modell neben das Wort-zentrierte Ideal der Reformierten: Nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Nicht statt Predigt, sondern als Predigt in anderer Form. Die Schönheit seiner Sprache ist kein Ziel, sondern ein Mittel. Sie leuchtet, um Christus sichtbar zu machen. Nicht die Geschichte ist heilig – sondern das, worauf sie verweist.

Wie Owen denkt auch Bunyan die Schönheit von innen. Aber er verortet sie nicht primär in theologischen Begriffen – sondern in inneren Bildern, Bewegungen, Kämpfen. Der Pilger ist nicht perfekt. Er fällt. Er zweifelt. Er verirrt sich. Aber gerade darin zeigt sich das Wesen wahrer Schönheit: nicht Perfektion, sondern Treue. Der Pilger wird schön, weil er weitermacht. Weil er aufsteht, wenn er gefallen ist. Weil er das Ziel nicht aufgibt, obwohl er es oft nicht sieht. Bunyan zeigt: Schönheit kann auch staubig sein. Und müde. Und vom Weg gezeichnet. Aber sie ist da – in der Bewegung, im Gebet, in der Treue.

Auch wenn die Pilgerreise eine individuelle Reise beschreibt, ist sie nie rein privat. Immer wieder begegnet der Pilger anderen: Gläubigen, Helfern, Versuchern. Bunyan entwirft damit ein Bild der Gemeinde als Weggemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in der sich Schönheit nicht im Schmuck der Gebäude zeigt – sondern in der Treue der Herzen. Die Schönheit der Kirche ist nicht ästhetisch. Sie ist ethisch, erzählerisch, gemeinschaftlich.Sie liegt nicht im Bau, sondern im Beistand. Nicht in der Liturgie, sondern im Ermutigen, Warnen, Tragen, Hoffen.

 

John Bunyan erweitert das Verständnis von Schönheit in der reformatorischen Welt:

  • Luther sieht das Kreuz im Zentrum.
  • Calvin sieht das Wort und die Wahrheit.
  • Owen sieht die Herrlichkeit Christi.
  • Bunyan sieht den Weg und die Reise.

 

Und dieser Weg ist bildhaft, erzählerisch, tief geistlich. Schönheit ist für ihn nicht Besitz, sondern Bewegung. Nicht Glanz, sondern Gnade. Nicht Ästhetik, sondern Phantasie. In einer Welt, in der Theologie oft abstrakt wurde, erinnert Bunyan: Gott hat nicht nur gesprochen – Gott hat Geschichte und Geschichten geschrieben. Und diese Geschichten machen uns schön.

 

Die Reformatoren verwerfen Schönheit nicht, sie läutern sie. Sie nehmen ihr das Prunkvolle, das Ablenkende, das Unwahre. Aber sie behalten ihre Kraft – im Lied, im Wort, in der Klarheit. Schönheit darf nicht herrschen, sie darf dienen. Nicht zur Verführung, sondern zur Verkündigung.

Und wie geht es weiter?

Im nächsten Beitrag geht es um die Bewegung, die nach der Reformation kam – die Methodisten und Erweckungsbewegungen, mit einem Fokus auf Jonathan Edwards: Bei ihm wird Schönheit wieder zum Zentrum. Nicht als Stil, sondern als Wesen Gottes.

Gastbeitrag: Francis A. Schaeffer zu seinem 40ten Todestag 2024

von Pfr. Beat Laffer-König

Die erste Begegnung mit Francis A. Schaeffer am 5. Okt 1970. Francis Schaeffer (1912-1984) kam an die damalige FETA in Basel, heute STH, und wurde durch seinen Schwiegersohn, Udo Middelmann, übersetzt. Schon im 1. Semester, Herbst 1970, lehrte er Kulturphilosophie. Alle 24 Studenten konnten 1970 daran teilnehmen. Seine Vorlesungen waren äusserst spannend, interessant, aufschlussreich. Er stellte die Kultur in einen grossen Zusammenhang, beurteilte dabei die Kultur, vornehmlich des Westens, aus dem Blickwinkel des Biblischen Christentums. Damit vermittelte er uns Grundlagen, um Menschen aus allen Ländern besser zu verstehen, um ihnen das Evangelium als Antwort auf ihre Fragen besser vermitteln zu können. Professor Dr. theol. Samuel Külling, Rektor der neu gegründeten Ausbildungsstätte für Theologen und Theologinnen, war sehr angetan von Schaeffers Vorlesungen und äusserte sich dahingehend, dass er in seinem Studium in der Schweiz nie etwas Ähnliches gehört habe.

Besuch in L’Abri

Später konnte ich das Ehepaar Francis und Edith Schaeffer, zweimal in den Jahren ab 1970 in L’Abri, ob Huémoz/Ollon, Kanton Waadt, Schweiz, besuchen. Sie lebten dort in Huémoz als Familie. Ich wurde sehr offen und herzlich empfangen. Man fühlte sich sofort sehr wohl in ihrem bescheidenen Zuhause. In L’Abri hörte ich noch ausführlicher seine Vorlesungen. Obwohl sich immer sehr viele Zuhörer aus verschiedenen Ländern einfanden, hatte ich das Gefühl, dass er allein zu mir redete. Dies erstaunte mich sehr. Das war das erste Geheimnis des Ehepaars Schaeffer: Liebe und Wahrheit. Um ihren Lebensweg in der Schweiz zu verstehen, ist das Buch von Edith Schaeffer aufschlussreich, in «L’Abri, Gottes Wirklichkeit heute erlebt. Eine Familie wird Treffpunkt der modernen Jugend».

Das Ehepaar Schaeffer hatte vier Kinder. Die Bücher von Edith Schaffer sind ebenso wichtig zu lesen. Sie vermitteln Einsichten in ihren Weg des Glaubens und des christlichen Lebens. Ein weiteres Geheimnis ihres «Erfolgs» war ihre Bescheidenheit und zeitweilige Armut. Bewusst, so legte Schaeffer dar, kam ihre exakte Adresse nie in einem Buch vor. Man wollte möglichst nur echt suchenden Menschen, Männern und Frauen, in Praxis und Theorie, die Antwort des biblischen Christseins geben. Sehr viele Menschen kamen durch das Ehepaar zum Glauben an Jesus Christus. Orthodoxie und Orthopraxis wurden sehr glaubhaft gelebt und vermittelt. Das Ehepaar Schaeffer erfuhr auch Leiden, Anfechtungen und Angriffe. Froh und gestärkt im Glauben, reiste ich in meine Heimatstadt Basel zurück.

In L’Abri konnte man ebenfalls studieren. Viele Vorträge auf Tonband vermittelten Querverweise zu anderen Referenten, Referentinnen, und Vorlesungen, die dort ebenfalls gehört werden konnten. Ebenso wurde auf andere Bücher verwiesen. Es war somit keine Engführung zu beobachten, sondern Weite, aber dennoch verwurzelt im Biblischen Christentum. Meines Wissens gibt es auf der Welt andere «L’Abri»-Zentren, die vernetzt sind. Schaeffer beschrieb und untersuchte Kultur im Kontext von West und Ost, von Süd und Nord, dennoch kritisch durchleuchtet vom biblisch-christlichen Glauben her. Francis und Edith waren oft zusammen auf Wanderungen, tauschten sich über die heutige Situation in Kirchen und Gesellschaft aus. Die Strömungen der Säkularisation wurden in vielen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens aufgegriffen. Dabei war der biblisch-christliche Glauben die Basis. Das Zentrum war der Erlöser, der Christus, der Messias, wie ihn die Heilige Schrift bezeugt. Die Bibel, die Heilige Schrift, war und blieb immer im Sinn des Urchristentums und der Reformation das Basisdokument der Christen. Von dieser Basis aus wurden viele Bereiche beleuchtet, etwa Philosophie, Kunst, Musik und Kulturleben, Theologie, Mystizismus, Politik, Wirtschaft.

Wichtige Gedanken von Francis Schaeffer

Der Zerfall des Westens. Francis und Edith Schaeffer bewegte der Zerfall des Westens sehr, der Zerfall der Kirchen und der Gesellschaft. Sie zeigten «Die Linie der Verzweiflung» auf. Heute kann man noch weitergehen und teilweise von der Dekadenz des Westens reden. Zerfall, Dekadenz und Zerbruch haben ihren Ursprung in der Abwendung vom biblischen Christentum und als Folge davon den Zerfall der Kirchen. Von daher suchte ich in L’Abri die Frage zu beantworten, ob ich mich in der Evang.-reformierten Kirche im Pfarramt engagieren sollte. Udo Middelmann bewegte diese Frage ebenfalls sehr. Die Antwort war nicht leicht. Middelmann sagte unter anderem den Satz: «… um derentwillen, die an Jesus Christus glauben». Heute ist der Zerfall der Kirchen in Europa und Nordamerika noch weiter vorangeschritten – und dies sage ich nach 36 Jahren Tätigkeit als Pfarrer in der Evang.-reformierten Kirche der Schweiz. Seit 2013 bin ich pensioniert und übernahm Stellvertretungen in derselben.

Was ist Kirche? – Diese Frage ist heute noch umstrittener als im letzten Jahrhundert. Schaeffer nahm diese Thematik auf in den Büchern «Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts», «Die Kirche Jesu Christi. Auftrag und Irrweg», «Die grosse Anpassung – Der Zeitgeist und die Evangelikalen», und schon oben darauf hingewiesen, «Das Kennzeichen des Christen». Andere Bücher von ihm nehmen indirekt diese Thematik auf. Dabei wollen wir nicht vergessen, dass er zunächst der theologischen Richtung angehörte, die man als «liberale Theologie» bezeichnet. Seine Erfolglosigkeit führte Schaeffer dazu, diese Richtung zu verlassen und vieles von der Bibel her, vom biblisch-christlichen Glauben aus als die Basis zu durchdenken. Die «Dialektische Theologie», die man in den USA oft als «neoorthodoxy» bezeichnet, resultierend daraus die «Positive Theologie» oder «Offenbarungstheologie», verwarf Schaeffer ebenfalls. Das Problem liegt viel tiefer. Es geht um die Frage, ob die Heilige Schrift in allen ihren Aussagen wahr ist oder nicht.

Die Frage nach dem Glauben

Schaeffer und viele aus anderen wissenschaftlichen Bereichen gingen dieser Frage nach. So konnte man sehr viele Vorträge ab Tonband in L’Abri hören, reflektieren und studieren. Es wurde sehr viel darüber ausgetauscht. Es nützt wenig, einen sogenannten «Sprung» zu vollziehen und zu vertreten, dass diese Frage nicht relevant sei. Hauptsache man glaubt, so die Meinung. Schaeffer sah das nicht so. Er untersuchte viele Weltanschauungen, naturwissenschaftliche, philosophische aus West und Ost. Zugleich war er der Überzeugung, dass der christliche Glaube ebenfalls eine Weltanschauung vermittelt. Doch machte er deutlich, dass diese ihren Ursprung in Gott hat – und nicht im Menschen. Daher haben wir Menschen absolute Werte, Werte, die Gott setzte. Diese Werte sind nicht relativ. Die Heilige Schrift ist in ihren Urtexten inspiriert durch den Heiligen Geist, eine der drei Personen der Dreieinigkeit Gottes. Da Gott nicht lügen kann, muss sie wahr sein. Man soll alle Weltanschauungen auf ihre Aussagen hin überprüfen. Nicht alles, was die weltliche Wissenschaft vertritt, ist wahr. So sind zum Beispiel Naturwissenschaftler vorsichtiger, indem sie die Meinung vertreten: «Nach dem heutigen Stand des Wissens, ist es so, doch morgen, durch neue Forschung, muss alles revidiert werden.» Man kann die Meinung vertreten, dass die Heilige Schrift wahr ist.

In der Auseinandersetzung kann man die Wissenschaft nicht als wahr hinstellen, ohne sie zu überprüfen. Das ist intellektuelle Geistesarbeit. Dabei ergeben sich viele Voraussetzungen (Axiome, bis in die Mathematik), die nicht überprüft werden. Ich könnte viele solche Voraussetzung nennen, will jedoch nur auf die Geschichtsphilosophie vom Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder auf die Halbwertszeit der Atome (Chemische Elemente) hinweisen. Niemand kann beweisen, dass die Halbwertszeit in der Vergangenheit immer dieselbe war. In der Vorlesung – ich studierte nach der Theologie Naturwissenschaften an der Universität Basel – zeigte uns ein Chemie-Professor einen Versuch, der mit dem damaligen, derzeitigen chemisch-physikalischen Modell nicht erklärbar ist. Dieser war somit vorsichtig mit der Aussage, dass es so ist. Er meinte: «Wenn jemand von Euch dies herausfindet (ein anderes Modell), ist er morgen Nobelpreisträger». Schaeffer war nicht gegen die Wissenschaft, sondern sie soll kritisch befragt werden, und er lud viele Wissenschaftler nach L’Abri ein. Er hatte also keine Angst davor.

Ist Francis A. Schaeffers Schrifttum heute noch aktuell?

Ich meine Ja. Warum? Dazu möchte ich eine meiner Beobachtungen im Dienst als Pfarrer weitergeben. Zunächst weise ich auf das Stück von Samuel Beckett hin, «Warten auf Godot». Im Theaterstück kam Godot nicht. Das Warten war vergeblich. Es war beklemmend. Ich sah es circa 1970. Im Laufe der Zeit erkannte ich, dass die Menschen überhaupt nicht auf die Idee kommen, auf Gott zu warten, Gott zu erkennen. Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben – im Leben und im Sterben. Falls man religiös ist – und heute sind es viele Menschen – , sucht man nicht im biblischen Christentum, auch nicht im kirchlichen Christentum, sondern jenseits davon. Man stellt sich selbst die eigene Religiosität zusammen, eine Patchwork-Religiosität.

Man sucht Anleihen im Hinduismus, im Buddhismus und deren Systeme, in der Gnosis und Esoterik. Man überspielt den Individualismus im Mystizismus und sucht die Kraft in sich selbst. Das Gebiet, nahe bei Basel, in dem ich wohne, ist seit Jahrhunderten römisch-katholisch und circa ab 1870 zum Teil christ-katholisch. Es gibt eine einzige Gemeinde, in welcher ich nun wohne, in diesem Gebiet, welche evangelisch-reformiert war. Ich stelle jedoch heute fest, dass dieses Gebiet voller Esoterik ist, welche heutzutage von den drei Konfessions-Kirchen angeboten wird. Es ist Mystik ohne das Wort Gottes, ohne die Heilige Schrift. In den Kirchen – Freikirchen eingeschlossen – wird kaum mehr gefragt, was Gottes Wort zum kirchlichen, privaten und gesellschaftlichen Leben in Theorie und Praxis ausführt. Man hüpft zum Mainstream in der Meinung, dieser sei christlich geprägt.

Es braucht Zeit und Willen, die intellektuellen Abhandlungen von Francis A. Schaeffer verstehen zu wollen. Dasselbe gilt für die Bücher seiner Ehefrau Edith. Nicht wenige sind auf Deutsch erschienen. Es lohnt sich ebenfalls heute, sich mit den Schriften von Francis und Edith Schaeffer vertraut zu machen. Viele Menschen erhielten vom Ehepaar Schaeffer, in der Gemeinschaft von L’Abri, in persönlichen Gesprächen, durch ihre Bücher, echte Antworten auf ihre Fragen. Deshalb kamen auch viele Menschen zum Glauben an Jesus Christus. Die intellektuellen Barrieren, die ihnen den Zugang zum biblisch-christlichen Glauben verschloss, wurden beiseite geschafft. Beide verhalfen Suchenden, zum ursprünglichen Christlichen Glauben vorzustossen. Männer und Frauen wurden überzeugte Christen.

Pfarrer Beat Laffer-König, Biel-Benken, Schweiz, im März 2024.

Gott wieder neu entdecken

Unsere Zeit erinnert mich immer wieder an jene von König Josia von Juda. Josia war ein kleiner Junge von gerade mal acht Jahren, als er König wurde. Sein Vater, der König Amon, war einer Verschwörung zum Opfer gefallen, aber schon. Amon und dessen Vater, König Manasse, hatten Gott verlassen, hatten ihren Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs dekonstruiert, haben die Bibel links liegen lassen. Den Tempel ließen sie verfallen. Stattdessen wurden dem Baal Altäre auf den Hügeln errichtet und für Aschera wurden Pfähle in den Boden gerammt, die angebetet wurden.

Auch in unserer Zeit verfällt viel von Gottes Haus. Die Bibel findet sich zwar in den meisten Haushalten; dennoch verstaubt sie in den Regalen und ihre Kraft geht in ständig neuen Umdeutungen ihrer Worte verloren. Die Gemeinde Jesu braucht dringend eine Renovation. Josia war bereit, mit dem Götzendienst seines Vaters und Großvaters zu brechen. Er riss die falschen Altäre nieder, und als er 26 Jahre alt war, beschloss er, dass der Tempel ganz wiederhergestellt werden sollte. Da wurde das Buch des Gesetzes, die damalige Bibel, im Tempel wiedergefunden. Josia tat Buße und feierte mit dem ganzen Volk ein rauschendes Passafest.

Wie können wir die Bibel unter dem ganzen Dreck von Wort-Umdeutungen, unter dem Schutt der zahllosen Gottesbilder, die in sie hineingelesen werden, wieder finden und darin Gott ganz neu entdecken? Darüber kann man natürlich ein ganzes Buch schreiben. Aber es gibt ein paar Dinge, die mir dazu in der letzten Zeit sehr wichtig geworden sind.

Baue deinem toxischen Selbst keinen Altar!

Deine Gefühle, dein Verstand, dein Wille, dein Gewissen sind wertvolle Werkzeuge aber schlechte Ratgeber. Dein Selbst, dein Ich ist toxisch.

Vertraue auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; erkenne Ihn auf allen deinen Wegen, so wird Er deine Pfade ebnen. (Sprüche 3:5-6)

Oder wie es Jesus Christus ausdrückte:

Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach. (Lukas 9:23)

König Salomo, Jesus Christus und viele weitere Autoren wissen, dass unser Selbst toxisch ist. Es ist gefährlicher Götzendienst, wenn wir dem Selbst den Platz in unserem Leben schenken, den einzig und allein Gott bekommen soll.

Während es stimmt, dass es durchaus Machtstrukturen gibt, die uns klein halten wollen, ist es bei Gott und in sehr vielen Gemeinden nicht so.

Grabe das Buch der Bücher wieder aus!

Wie bei König Josia spielt auch in unserem Leben ein Buch eine wichtige Rolle. Die Bibel ist ein Buch, das Gott an dich und mich und viele andere geschrieben hat. Wenn wir also nicht unser toxisches Selbst befragen sollen, was uns gut tut – wen befragen wir sonst? Frag Gott! Ganz einfach! Ja, klar, es gibt ein paar Dinge zu beachten, wenn wir die Bibel lesen. Das nennt man in der theologischen Fachsprache Hermeneutik. Das heißt, auslegen und verstehen, in unsere Zeit hinüber übersetzen. Aber dazu muss man keine Fachperson sein.

Das Wichtigste, was du der Bibel geben kannst, ist dein Vertrauen und deine ungeteilte Aufmerksamkeit. König Josia ließ sich das Buch Gottes vorlesen – und vertraute ihm. Er zog es nicht in Zweifel. Er hörte – und begann, es umzusetzen. Sehr wahrscheinlich war das Buch, das die Arbeiter im Tempel fanden, das 5. Buch Mose. Josia hörte die Abschiedspredigt von Mose, als Mose kurz vor seinem Tod noch einmal alles Wichtige wiederholte, was Gott ihm aufgetragen hatte.

Josia war bereit, sein toxisches Selbst zu hinterfragen und den Maßstab von außen, Gottes Wort, an sein Leben heranzulassen. Er wollte sich nicht rechtfertigen, sondern gab Gott recht. Er tat Buße, änderte sein Selbst und wurde damit zu einem geachteten König. Sein Vater und Großvater hatten ihre Baale und Ascheren und regierten in Wirklichkeit nach ihrem toxischen Selbst. Sie konnten als Könige alles tun und lassen, was ihnen einfiel – aber Gott sandte ihnen Propheten, um sie an die Wahrheit zu erinnern. Josia hatte Gott als Oberkönig und konnte so zu einem gerechten Hirten für sein Volk werden. Es gab zwar Machtstrukturen, aber keine mutwilligen, egoistischen.

Eine neue Gottesbegegnung

Wer ist Gott, und wenn ja, wie viele? Das erste Kriterium, das wir gesehen haben, ist ein grundsätzliches Vertrauen in die Bibel als Gottes Wort. Josia ließ damals die Prophetin Hulda nach Gottes Willen befragen. Uns ist ein direkter Zugang zum ganzen Wort Gottes gegeben. Und doch muss uns auch der Zugang zu Gott wieder freigeräumt werden. Es gibt in unserer Zeit die Vorstellung, dass Gott einfach GANZ ANDERS ist. Egal wie, Hauptsache ganz anders. Dahinter steckt folgender Gedanke: Gott wird in der Bibel ganz unterschiedlich gezeigt und mit vielem verglichen. Also kann ich mir von den ganz vielen Gottesbildern der Bibel irgend eins rauspicken, das mir gerade gefällt, oder eben auch gar keins.

Ist das realistisch und ehrlich? Nein. Viel besser ist es, wenn wir anfangen, die vielen Gottesbegegnungen in der Bibel übereinander zu legen und zusammen zu denken. Eine Art Synopse, eine Zusammenschau. Wenn du die Alpen von fern betrachtest und sie beschreiben sollst, kannst du auch nicht sagen: Heute sehen die Alpen aus wie das Matterhorn und übermorgen wie das Rothorn, und irgendwann anders wie Eiger Mönch und Jungfrau. Es geht auch nicht einfach zu sagen: Gott, das ist Jesus, und schon Luther hat gemeint, dass man die Bibel nach dem untersuchen müsse, „was Christum treibet“, also alles was irgendwie lieb klingt, und alles andere lasse ich außen vor.

Die weltweite Kirche oder Gemeinde Jesu aus allen Gläubigen aller Zeiten glaubt und bekennt sich zum dreieinen Gott. Das ist nichts, was man in die Bibel reinlesen muss. Das hat auch nichts mit patriarchalischem Machtverständnis und Ausgrenzung zu tun. Es ist ein Gott in drei Personen: Gott Vater, Jesus Christus und der Heilige Geist. Alle drei Personen sind gleichermaßen Gott und haben dieselbe göttliche Natur, aber Gott Vater ist nicht Jesus Christus ist nicht der Heilige Geist ist nicht der Vater. Schauen wir uns das an:

Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. Die Erde aber war wüst und leer, und es lag Finsternis auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. (1. Mose 1:1-3)

Vergleichen wir mit:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist. […] Das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1:1-3,9-14)

Wer dies liest und glaubt, und dennoch die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes ablehnt, hat eine andere, fremde Religion angenommen. Wir haben hier Gott Vater, der die Schöpfung geplant hat und ausführt durch Sein Wort. Wir haben hier das Wort Gottes, Jesus Christus, Der eines Tages in Sein Eigentum kommen sollte, das wahre Licht, das in die Welt kam und unter uns wohnte. Und wir haben hier den Geist Gottes, der über den Wassern schwebt. Der dreieine Gott ist bei der Erschaffung der Welt beisammen, aber auch beim Erlösungswerk Jesu Christi am Kreuz auf Golgatha.

Das Sühnopfer Jesu: Deine persönliche Begegnung mit Gott!

Als der König Josia das Buch von Gottes Wort zu Ende gehört hatte, als die Ausbesserungen am Tempel weit fortgeschritten und die toxischen Altäre und Pfähle auf den Hügeln niedergerissen worden waren, feierte er mit seinem ganzen Volk ein riesiges Fest und schloss einen Bund mit Gott. Es war das Passafest, ein Fest, das an die Nacht des Auszugs aus Ägypten erinnern sollte. Am Abend vor dieser Nacht sollte in jedem Haus der Israeliten ein Lamm geschlachtet und das Blut des Lammes an die Türpfosten gestrichen werden.

Das Sühnopfer zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel: Es beginnt mit 1. Mose 3, wo die ersten Menschen in Sünde fallen. Da kommt Gott, schlachtet Tiere und bekleidet die Menschen mit den Fellen, damit sie sich ihrer Schuld und Nacktheit nicht mehr zu schämen brauchten. Das erklärt auch in 1. Mose 4, warum Gott das Tieropfer annahm und das Gemüseopfer zurückwies. Der Höhepunkt des Alten Testaments findet sich dann in 3. Mose 16 mit dem jährlichen großen Versöhnungstag, an dem die Schuld des ganzen Volkes vor Gott gesühnt wurde. Und dann im Neuen Testament, um die Zeit des jährlichen Passafestes herum, wird Jesus Christus gekreuzigt, das wahre Opferlamm.

Das Kreuz auf Golgatha ist der größte Schauplatz der Liebe Gottes. Da sehen wir Gottes Wesen in der vollkommensten, reinsten Form. Da sehen wir Gottes Heiligkeit, Gottes Hass und unendlicher Zorn auf die Sünde. Da sehen wir Gottes Gerechtigkeit, die nicht einfach mal fünfe gerade sein lassen kann. Da sehen wir Gottes Liebe, die so weit geht, dass Gott Selbst die Strafe für unsere Schuld trägt. Da sehen wir die Schönheit Gottes, in welcher alle diese Eigenschaften Seines Wesens zusammen kommen, geballt und verdichtet, Gottes verzehrendes Feuer, Gottes helles Licht, das kein Mensch ertragen kann, der nicht von Gott gerecht gesprochen wurde. Da sehen wir die alles entwaffnende Ehrlichkeit Gottes, die unser Leben ausleuchtet und zeigt, wie sehr wir die Erlösung brauchen. Dort am Kreuz ist der Ort, an welchem du Gott ganz persönlich begegnen kannst. Die Arme Jesu sind offen, ER wartet voll Sehnsucht auf deine Antwort des Glaubens.

Wenn wir Gott ganz neu entdecken wollen, gibt es diese drei Dinge, die absolut wichtig und unerlässlich sind: Ein Grundvertrauen in die Bibel, den Glauben an den dreieinen Gott und ein Festhalten am notwendigen Sühnopfer Jesu am Kreuz auf Golgatha. Diese drei Zutaten sind drei Brückenpfeiler, die ein stabiles Fundament für Einheit und Gemeinschaft aller Christen weltweit schaffen.

Wegbereiter: Neues PDF-Dokument online

Wie bereits im Dezember kurz erwähnt, habe ich seit etwa November an einem neuen PDF geschrieben, das ich nun hier kurz vorstellen und verlinken möchte. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott in unserer Zeit Erweckung schenken möchte. Nebst weiteren Gründen, die ich der Schrift und der Geschichte entnehme, habe ich vor etwa 17 Jahren vom Herrn eine Vision dafür bekommen, über welche ich unter anderem darin berichte.

Ich zeige im ganzen Dokument anhand von Jesaja 40 und zahlreichen weiteren Abschnitten der Hl. Schrift, wie wir uns darauf vorbereiten können, Wegbereiter für eine solche prophetische Erweckung zu werden. Falls Dich das Thema interessiert – es steht jetzt zum Download (Link) bereit.

Ebenso ist es auch auf meiner Downloadseite (Link) verlinkt – relativ weit unten.

Ein paar (mir persönlich wichtig gewordene) Auszüge habe ich auf Instagram (Link) gepostet.

Hier eine kurze Leseprobe aus dem ersten Kapitel:

Gott sucht Wegbereiter. Menschen, die in den Riss treten und in unserer Zeit mutig vorangehen. Die bereit sind, um geistlich wachsen zu können, auch den Preis der Nachfolge zu bezahlen. Kostet das einen Preis? Das ist von der Sichtweise abhängig. Wegbereiter brauchen einen Fokus. Das kostet den Preis, sich nicht ablenken zu lassen. Wegbereiter suchen Gott und Seinen Willen für unsere Welt, das kostet Zeit, Energie und den Willen zum Warten auf den Herrn. Es beginnt schon mit dem Preis, das vorliegende Dokument zu lesen und umzusetzen. Doch niemand hält es zufällig in der Hand. Schließlich ist Gott dabei, Seinen Willen in der Welt umzusetzen. Vor einiger Zeit las ich in meiner „stillen Zeit“ im Philipperbrief:

Sorgt euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden. (Phil 4:6)

Als ich danach noch länger über den Vers nachdachte und zum Herrn betete, sprach Er plötzlich zu mir: „Wenn Ich etwas tun möchte, so werde Ich als Erstes Meine Gemeinde ins Gebet bringen.“ Das saß tief. Es ermutigte mich sehr, denn es bestätigte vieles, was ich zur Zeit sehe, höre und lese. An vielen Orten sind Menschen dabei, zu beten. An vielen Orten entstehen gar Gebetshäuser, in denen Menschen aus verschiedenen Gemeinden zusammenkommen, um zu beten. Das macht mir sehr viel Mut.

Wegbereiter zahlen jedoch auch noch einen weiteren Preis: Sie sind oftmals einsam. Besonders in unserer Zeit. Sie erleben Angriffe von allen Seiten. Von jenen, welche keine neuen Wege wollen, und von jenen, die meinen, dass der Weg ja schon das Ziel sei, und deshalb jeder Weg richtig sei. Doch Wegbereiter sind keine Brückenbauer. Sie versuchen nicht, Brücken über die unüberbrückbare Kluft zu schlagen. Sie gehen voran und sind Vorbilder für jene, die ihnen folgen wollen. Im Moment sind sie oft einsam. Doch viele werden ihre Vorbilder sehen und sich nach demselben Weg sehnen.

Bist Du bereit für eine Reise zum Herzen Gottes und dazu, Dich zu einem solchen Wegbereiter verändern zu lassen?

Zurück zur ersten Liebe

Dem Engel der Gemeinde von Ephesus schreibe: Das sagt, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der inmitten der sieben goldenen Leuchter wandelt: Ich kenne deine Werke und deine Bemühung und dein standhaftes Ausharren, und dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die behaupten, sie seien Apostel und sind es nicht, und hast sie als Lügner erkannt; und du hast [Schweres] ertragen und hast standhaftes Ausharren, und um meines Namens willen hast du gearbeitet und bist nicht müde geworden. Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast. Bedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Sonst komme ich rasch über dich und werde deinen Leuchter von seiner Stelle wegstoßen, wenn du nicht Buße tust! Aber dieses hast du, dass du die Werke der Nikolaiten hasst, die auch ich hasse. Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in der Mitte des Paradieses Gottes ist. (Offb 2:1-7)

Jesus Christus lässt zu Beginn der Offenbarung Johannes an sieben Gemeinden Briefe schreiben. Alle sieben Briefe sind für uns zum Lesen bestimmt. Sie gelten nicht nur einzelnen Gemeinden der damaligen Zeit, sondern sind vielmehr auch Worte an unsere Zeit. Sie beschreiben sieben geistliche Zustände, in denen wir uns befinden können. Dieser erste Brief an die Gemeinde von Ephesus enthält viel Lob. Als der Apostel Paulus in der Apostelgeschichte auf seiner Missionsreise unterwegs war und Abschied nahm von der Gemeindeleitung von Ephesus, warnte er sie mit drastischen Worten:

Und nun siehe, ich weiß, dass ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, ihr alle, bei denen ich umhergezogen bin und das Reich Gottes verkündigt habe. Darum bezeuge ich euch am heutigen Tag, dass ich rein bin von aller Blut. Denn ich habe nichts verschwiegen, sondern habe euch den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt. So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat! Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht schonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen in ihre Gefolgschaft. Darum wacht und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht aufgehört habe, jeden Einzelnen unter Tränen zu ermahnen. (Apg 20:25-31)

Räuberische Wölfe, verkehrte Männer aus der eigenen Gemeinde, das klingt schlimm. Der Herr Jesus bestätigt in der Offenbarung, dass die Gemeinde in Ephesus das richtig gemacht hat. Doch dann gibt es eine Wendung: Du hast deine erste Liebe verlassen. Interessant, was er nicht sagt: Er sagt nicht: Du hast deine erste Liebe verloren. Nein, es ist kein Zufall. Du hast sie verlassen. Du hast etwas getan, weshalb diese erste Liebe verschwunden ist. Sie sind Jesus treu geblieben. Sie haben gewacht und aufgepasst, dass keine falschen Lehrer und Propheten kommen konnten. Doch bei all dem Aufpassen ist ihnen die Begeisterung, die Leidenschaft abhanden gekommen. Sie haben ihre Leidenschaft verloren. Sie waren bibeltreu, fromm, vorsichtig, alles gute Dinge. Dennoch sind sie auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Sie taten vieles richtig, aber nicht mehr aus Liebe, nicht mehr aus Leidenschaft heraus, sondern weil es für sie zur frommen Arbeit, zur Pflicht, zur Last, zur Tradition geworden ist.

Zwischen den Worten von Paulus und dem Brief von Jesus in der Offenbarung sind etwa 40 Jahre vergangen. Eine neue Generation von Leitern wird wohl inzwischen die Gemeinde übernommen haben. Menschen, die alles richtig gelernt haben, die um die Gefahren wussten. Doch sie haben selbst möglicherweise die Erweckung der ersten Zeit gar nicht miterlebt. Sie brauchten eine eigene Erweckung. Jede Generation braucht ihre eigene Erweckung. Jede Generation muss für ihre eigene Generation im Gebet einstehen und eigene Fürbitter auf die Mauern stellen. Deswegen sagt Jesus zu dieser Gemeinde: Tue die ersten Werke. Passe nicht nur auf. Tue nicht nur aus Tradition, was man früher auch schon tat. Tue es, weil du eine eigene, eine neu entfachte Leidenschaft entwickelst. Die Erweckung der Zeit von Paulus war von viel Gegenwind gekennzeichnet. Die Gemeinde war so voller Leidenschaft, dass die Silberschmiede der Stadt Angst hatten, dass ihnen die Kundschaft für ihre Silberstatuen der Göttin Artemis weglief. Sie fürchteten richtiggehend um ihre Existenz. Das war das Feuer der ersten Liebe.

Kann es sein, dass wir manchmal auch nur noch versuchen, die Asche der früheren Generation zu hüten? Kann es sein, dass wir das Feuer gar nicht mehr selbst kennengelernt haben, sondern nur vom Hörensagen? Dann ist es an der Zeit, dass wir unsere Stimmen erheben und zum Herrn und König des Universums schreien, dass Er uns diese erste Liebe wieder neu schenkt.