Killing Beauty Teil 3: Reformation, Puritaner und die Schönheit des Verzichts

Nach Jahrhunderten der geordneten Schönheit, der Kirchenräume als Theologie aus Stein und Bild,kommt es zum Bruch. Mit der Reformation tritt ein neues Denken auf: Nicht mehr das Auge wird zum Tor der Erkenntnis, sondern das Ohr. Nicht das Bild, sondern das Wort. Der Mensch wird nicht mehr durch Wandbilder erzogen, sondern durch die Schrift verwandelt. Und Schönheit? Sie muss sich nun neu beweisen. Nicht durch Gold, sondern durch Klarheit.

 

Martin Luther und die Schönheit des Kreuzes

Für Martin Luther ist Schönheit kein theologischer Ausgangspunkt, sondern eine Frage, die sich am Kreuz entscheidet. Luther lebt in einer Zeit, in der Schönheit herrschte. Kirchen waren prachtvoll, Heiligenbilder eindrucksvoll, Liturgien waren ein visuelles Schauspiel. Doch für Luther war das alles Verdunkelung, weil es das Entscheidende überdeckte: das Kreuz. Für ihn war klar: Schönheit, die das Kreuz nicht aushält, ist keine Schönheit, sondern Täuschung.

20 Aber der (verdient ein rechter Theologe genannt zu werden), der das, was von Gottes Wesen sichtbar und der Welt zugewandt ist, als in Leiden und Kreuz sichtbar gemacht begreift. 21 Der Theologe der Herrlichkeit nennt das Schlechte gut und das Gute schlecht. Der Theologe des Kreuzes nennt die Dinge, wie sie wirklich sind.“

(Heidelberger Disputation, Thesen 20-21)

Diese Worte aus seiner Heidelberger Disputation von 1518 sind ein Schlüssel zu seinem Denken. Sie sind nicht nur eine polemische Abrechnung mit der spätmittelalterlichen Frömmigkeit, sondern eine radikale Neuausrichtung der gesamten Ästhetik. Für Luther beginnt Theologie nicht mit Glanz, sondern mit Schmerz. Nicht mit Erhebung, sondern mit Erniedrigung.

 

Luthers theologisches Grundprinzip ist die „Theologia crucis“ – eine Theologie des Kreuzes, die alles durch das Leiden Christi liest. Sie stellt sich gegen die „Theologia gloriae“ – die natürliche Neigung des Menschen, Gott in Macht, Pracht und positiver Erfahrung zu suchen. Für Luther aber ist Gott dort zu finden, wo man ihn am wenigsten erwartet: im Scheitern, im Leiden, in der Erniedrigung. Das heißt auch: Schönheit liegt nicht auf der Oberfläche – sondern ist sub contrario specie, unter dem gegenteiligen Anschein verborgen. Nicht der glänzende Heilige ist schön, sondern der leidende Christus. Nicht das heroische Bild, sondern der geschundene Körper. Nicht das siegreiche Banner, sondern das blutige Holz. Hier beginnt Luthers radikale Umwertung der Schönheit: Sie ist nicht das, was uns anspricht, sondern das, was uns konfrontiert. Sie ist nicht das, was wir als schön empfinden – sondern das, was Gott als schön bezeichnet. Und das ist das Kreuz. Die Konsequenz ist klar: Alles Schöne, das das Kreuz ignoriert, ist trügerisch. Alles Glänzende, das nicht den Schmerz kennt, ist gefährlich. Das ist theologische Ästhetik mit einer Klinge. Sie schneidet tief – auch durch den eigenen Geschmack.

 

Doch Luther war kein Bilderstürmer. Er war kein Feind der Künste. Ganz im Gegenteil: Er dichtete, komponierte, lobte Malerei, Architektur und Musik. Aber er bestand darauf: Sie dürfen nicht verführen. Sie müssen dem Evangelium dienen. Vor allem die Musik lag ihm am Herzen. Er beschreibt ihre Wirkung in einer seiner Tischreden:

Musica ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht der Menschen. […] Sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich; sie ist der beste Trost für ein betrübtes Herz.“

In Luthers Liedern steckt seine Theologie in klingender Form. „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist keine fromme Hymne über Geborgenheit – es ist ein Schlachtruf der Theologia crucis:

Mit unsrer Macht ist nichts getan…“ – die Niederlage ist eingeplant, aber sie ist der Ort, wo Christus siegt.

Auch das Bild hat seinen Platz. In seinen Predigten und Schriften verteidigt Luther den Gebrauch von Kunst – solange sie das Evangelium nicht verdrängt, sondern zur Klarheit beiträgt. Das Problem ist nicht das Bild – sondern das Bild ohne das Wort.

Bilder, so sie da sein wollen, sollen die Leute an die Schrift erinnern, nicht aber dieselbe vertreiben.“
(
vgl. WA 10/1/1, S. 1–3)

Luther verachtet also nicht die Schönheit – aber er verlangt, dass sie sich unterordnet. Sie darf schmücken, trösten, erinnern, aber nicht regieren. Sobald Schönheit sich selbst genügt, wird sie Götze. Sobald sie dient, wird sie Gabe. Luthers Sicht auf Schönheit ist unbequem, aber klärend. Sie befreit von der Tyrannei des Eindrucks. Sie entlarvt die Oberfläche. Und sie öffnet einen Raum für das Evangelium – nicht im Glanz der Form, sondern in der Tiefe der Wahrheit.

Seine Theologie des Kreuzes ist der Prüfstein aller Ästhetik: Luther antwortet: Nur, was das Kreuz übersteht, ist wirklich schön.

Johannes Calvin – die Schönheit der Klarheit

Johannes Calvin war kein Freund barocker Prunkentfaltung. Kein Liebhaber üppiger Bilder, kein Komponist wie Luther. Und doch hatte er ein tiefes Gespür für Schönheit – nur unter ganz anderen Vorzeichen. Für Calvin ist Schönheit kein ästhetisches Ideal, sondern eine Frucht der Wahrheit. Und Wahrheit hat mit Ordnung zu tun. Calvin ist der Architekt der reformierten Theologie. Er denkt wie ein Systembauer: klar, durchdacht, funktional. Und so denkt er auch Schönheit – nicht als Verzierung, sondern als Ordnung. Schönheit zeigt sich da, wo alles am rechten Platz ist. Nicht in Farben und Gold, sondern in Schlichtheit, Struktur und Klarheit. Die wahre Zierde der Kirche liegt in der Reinheit des Gottesdienstes. (vgl. Institutio IV.10) Das ist das Herz seiner Ästhetik: Nicht das Sichtbare ist entscheidend, sondern das Geordnete. Nicht das, was anspricht – sondern das, was lehrt. Calvin geht es um geistliche Schönheit: Eine Gemeinde, die sich dem Wort unterordnet. Ein Gottesdienst, der klar ist. Eine Predigt, die auf Christus weist. Kein Staunen, sondern Verstehen.

Calvin räumt die Kirchen leer. Nicht aus Hass gegen Kunst, sondern aus Eifer für die Wahrheit. Er sieht die Gefährdung, die von Bildern und Figuren ausgeht: Sie lenken ab. Sie verführen. Sie fixieren den Blick auf das Geschaffene – statt auf den Schöpfer. Für Calvin ist Gott unsichtbar. Und gerade weil Gott sich nicht in einem Bild zeigt, hat er sich im Wort offenbart. Das heißt: Schönheit muss weichen, wenn sie das Wort überdeckt. Hier wird Calvins Ästhetik zur Ethik. Schönheit ist nie neutral. Sie beeinflusst, formt, wirkt. Und deshalb muss sie dem Wort dienen – nicht sich selbst. Sobald Schönheit sich selbst genügt, wird sie gefährlich.

 

Doch Calvin verachtet die Schönheit nicht. Im Gegenteil: Er ist durchdrungen von der Überzeugung, dass die ganze Schöpfung voll von Gottes Herrlichkeit ist. Die Welt ist ein Theater der Herrlichkeit Gottes. (vgl Institutio I.14.20) Das ist keine fromme Metapher – es ist ein tiefes Bekenntnis. Für Calvin ist die ganze geschaffene Welt eine Bühne, auf der Gott seine Größe zeigt. Der Himmel predigt. Der Regen spricht. Der Baum bezeugt. Schönheit ist nicht abgeschafft – sondern verlagert. Sie ist nicht mehr in Bildern und Altären – sondern in der Ordnung der Schöpfung.

Diese Sichtweise öffnet einen anderen Raum für Ästhetik:
→ Schönheit ist das Leuchten der Wahrheit in der Welt.
→ Schönheit ist die Klarheit des Wortes im Gottesdienst.
→ Schönheit ist die geordnete Form eines Lebens, das auf Gott hört.

Calvins Ordnungsliebe ist kein Selbstzweck – sie ist Ausdruck seiner Ehrfurcht vor Gott. Und aus dieser Ehrfurcht folgt: Nur was Gott ehrt, ist wirklich schön.

Calvin lebt im 16. Jahrhundert – einer Zeit der Pracht, des Katholizismus in Hochform, der barocken Andacht. Die Kirche glänzt. Doch Calvin verweigert sich diesem Glanz. Nicht aus Armut. Sondern aus Überzeugung. Die Schlichtheit der reformierten Kirchenräume ist ein Protest – gegen den Kult des Augenscheins. Gegen das, was überwältigt, statt überzeugt Was die Menschen anzieht, ist nicht das Wesentliche. Was göttlich ist, soll nicht durch menschliche Erfindung dargestellt werden. (vgl Institutio II.8–10) So wird Schlichtheit zu einer Form von Wahrheit. Eine Wahrheit, die nicht untergeht in Gold und Rauch. Sondern in der Klarheit des Wortes lebt.

Wie steht Calvin zu Musik und Kunst? Zur weltlichen Kultur? Die Antwort ist zurückhaltend – aber nicht negativ. Calvin erkennt den Wert der Musik, etwa in den Psalmen. Doch auch hier: Klarheit geht vor Emotion. Die Musik soll tragen – nicht tragen lassen. Sie soll helfen, nicht herrschen. Die Psalmen sind für Calvin „Anleitung zur Frömmigkeit“. Musik ist nicht für die Sinne da, sondern für das Herz – und das Herz soll verstehen. Auch das ist Teil seiner Ästhetik: Kunst hat ihre Daseinsberechtigung, aber sie darf das Evangelium nicht überdecken. Sie darf berühren – aber nicht verführen. Sie darf helfen – aber nicht herrschen. Es ist die gleiche Linie wie bei Luther – nur mit weniger Ton, weniger Bild, mehr Form.

 

Calvin steht für eine Ästhetik der Wahrheit. Schönheit ist nicht ausgeschlossen – aber gebunden. Gebunden an das Wort, an die Ordnung, an das Licht.

Er stellt die Frage:
→ Dient diese Schönheit der Ehre Gottes?
→ Klärt sie – oder vernebelt sie?
→ Macht sie das Evangelium sichtbarer – oder ersetzt sie es?

In einer Zeit, in der sich vieles um Wirkung, Eindruck und Emotionalität drehte, hielt Calvin dagegen: Schönheit ist Klarheit. Schönheit ist Maß. Schönheit ist Ordnung.

John Owen – Schönheit als Herrlichkeit Christi

Wenn Martin Luther das Kreuz ins Zentrum der Ästhetik rückt und Johannes Calvin die Klarheit des Wortes zur Schönheit erhebt, dann öffnet John Owen eine andere Dimension: die geistliche Wahrnehmung der Herrlichkeit Christi. Nicht sichtbare Pracht, nicht ästhetische Form, sondern die Schönheit des Sohnes Gottes – wie sie dem Glaubenden innerlich aufleuchtet. Owen (1616–1683), einer der bedeutendsten puritanischen Theologen, hat mit The Glory of Christ ein Werk hinterlassen, das noch heute Staunen weckt. In ihm entfaltet sich eine Ästhetik, die tief verwurzelt ist in der biblischen Offenbarung – und doch über alle sichtbaren Formen hinausgeht.

Für Owen ist Schönheit kein äußeres Phänomen. Sie ist nicht sichtbar mit den Augen des Leibes – sondern mit den Augen des Glaubens. Die wahre Schönheit Christi ist geistlich. Sie ist nicht schmückend, nicht dekorativ, nicht emotional, sie verändert.

Kein Mensch kann die Herrlichkeit Christi sehen, ohne davon verändert zu werden.“
(
vgl The Glory of Christ, Kap. 1)

Diese Schönheit ist mehr als ein Eindruck – sie ist eine Wirklichkeit, die den Menschen innerlich ergreift, reinigt, ordnet, formt. Wer Christus sieht – mit dem inneren Auge – wird nicht nur angerührt, sondern neu gemacht. Owen spricht hier nicht von Visionen oder Mystik im volkstümlichen Sinn. Sondern von einer kontemplativen Theologie: Der Gläubige wird fähig, geistlich zu sehen. Schönheit wird geistlich erkannt – durch Offenbarung, nicht durch Konstruktion.

Zentral ist für Owen das, was er „spiritual mindedness“ nennt – eine geistliche Anschauung Christi. Er grenzt dies deutlich ab von allen äußeren Inszenierungen. Für Owen ist die größte Gefahr, dass die Kirche beginnt, das Licht Christi zu überdecken – durch äußeren Glanz, durch liturgischen Überschuss, durch theologische Nebelkerzen. Die Schönheit Christi ist ausreichend – sie braucht keine Verstärkung. Das bedeutet aber nicht, dass Owen Schönheit ablehnt. Im Gegenteil: Er ist überzeugt, dass wahre Schönheit nur dort gefunden wird, wo Christus in Klarheit gepredigt und geglaubt wird. Alles andere ist Täuschung – oder zumindest Ablenkung.

Owen unterscheidet mit großer Klarheit zwischen äußeren Formen und innerem Gehalt. Was für das Auge beeindruckend erscheint, kann für die Seele leer sein. Umgekehrt kann das, was äußerlich arm ist, voller geistlicher Herrlichkeit sein. Die geistliche Wahrnehmung der Herrlichkeit Christi ist der größte Schatz des Gläubigen. Sie ist sein Trost, seine Stärke, sein Leben (vgl The Glory of Christ, Kap. 3). Diese Sicht hat praktische Konsequenzen: Predigt wird zur Offenbarung. Gemeindeleben wird zur Bühne der unsichtbaren Schönheit. Heiligung wird zur Formung durch Christus selbst – in der Seele, nicht auf der Bühne.

Für Owen ist Christus nicht nur „auch schön“ – er ist die Schönheit selbst. Nicht im körperlichen Sinn, nicht im künstlerischen Ideal, sondern im Wesen: In seiner Demut, seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit, seinem Erbarmen. Diese Schönheit ist nicht spektakulär, sondern heilig. Sie blitzt nicht – sie brennt. Und genau deshalb verändert sie. Owen ist überzeugt: Wer diese Schönheit wirklich sieht, wird unwiderstehlich davon angezogen – weil sie göttlich ist.

Im Denken Owens bekommt auch die Gemeinde eine ästhetische Dimension. Nicht in der Architektur, nicht in der Kleidung, nicht in der Musik – sondern in ihrer Gemeinschaft. Die Gemeinde ist schön, wenn sie Christus widerspiegelt: In ihrer Lehre: klar, evangeliumszentriert. In ihrer Liebe: ehrlich, demütig, dienend. In ihrer Ordnung: schlicht, geordnet, frei von Stolz. Owen betont: Es ist eine gefährliche Versuchung, sich äußerlich schön zu machen, wenn innerlich Christus fehlt. Das gilt für die Predigt, die Liturgie, das Lied. Für ihn ist klar: Schön ist, was Christus offenbart. Alles andere ist Spiel.

John Owen führt die Reformation weiter und noch mehr in die Tiefe. Er zeigt: Schönheit ist kein Nebenschauplatz. Sie ist kein ästhetischer Bonus. Sondern sie ist der Ort, an dem die Herrlichkeit Christi sichtbar wird – für die Augen des Glaubens. Seine Ästhetik ist streng, aber voller Hoffnung. Denn sie sagt: Du musst nicht ins Museum, um Schönheit zu sehen. Du brauchst keine Kathedrale, um ergriffen zu werden. Du brauchst Offenbarung – und ein erneuertes Herz. In einer Zeit, die religiöse Ästhetik oft mit Pomp und Pathos gleichsetzte, sagt Owen: Wahre Schönheit ist Herrlichkeit. Herrlichkeit ist Christus.

 

John Bunyan – Die Phantasie als Tür zur Wahrheit

In einer Welt, die zunehmend von Rationalität und Ordnung geprägt war, wagte John Bunyan einen anderen Weg: den Weg der Imagination. Er war kein Theologe wie Owen, kein Systematiker wie Calvin, kein Reformator wie Luther – und doch hat kaum jemand das geistliche Leben so anschaulich und bildgewaltig beschrieben wie er. Mit seinem Werk The Pilgrim’s Progress (1678) schuf Bunyan das berühmteste allegorische Werk der protestantischen Weltliteratur. Es ist kein theologisches Traktat, dennoch voller Theologie. Keine dogmatische Systematik, dennoch voller biblischer Tiefe. Es ist ein Buch der Bilder, geschrieben für das Herz und für den Weg des Glaubens.

Ich habe das, was ich sehe, in Geschichten gefasst – damit es das Herz erreiche, nicht nur den Verstand.“
(
sinngemäße Zusammenfassung der Apology, Vorrede zu The Pilgrim’s Progress)

Bunyan ist kein Gegner des Bildes – aber er ist auch kein Ästhet. Für ihn ist die Imagination nicht ein Selbstzweck, sondern ein geistliches Werkzeug. Die Bilder, die er zeichnet – vom Sumpf der Verzagtheit bis zur Himmelspforte – sind nie bloß fantasievoll. Sie sind Übersetzungen geistlicher Wahrheit in narrative Form. Nicht das Bild ist entscheidend, sondern das, was es sagt. Nicht die Geschichte ist das Zentrum, sondern das Evangelium, das darin zu sehen ist. Bunyan glaubt: Manche Wahrheiten lassen sich besser zeigen als erklären. Die Vorstellungskraft ist eine Brücke vom Erkennen zum Ergriffenwerden.

John Bunyan beschreibt den Glauben als Reise – und Schönheit nicht als festen Besitz, sondern als etwas, das aufleuchtet unterwegs. Diese Schönheit ist nicht statisch – sie lebt. Sie wächst. Sie verändert sich. Und sie ist durchzogen von Widerstand. Denn der Weg des Pilgers ist kein Spaziergang. Es ist ein Ringen. Und darin liegt ihre Tiefe: Schönheit entsteht nicht trotz der Mühsal – sondern in ihr. Bunyan macht sichtbar, was viele Theologen nur sagen: Der Glaube ist ein Drama. Die Wahrheit hat Gestalt. Die Bibel ist die Geschichte Gottes mit den Menschen.

In seiner Vorrede verteidigt Bunyan die bildhafte Sprache – gegen die, die ihm vorwarfen, zu „bunt“, zu „spielerisch“, zu „weltlich“ zu sein. Er antwortet mit Leidenschaft: Gleichnis und Parabel sind Gottes eigene Methode. Christus selbst hat sie gebraucht, nicht um zu verschleiern, sondern um zu offenbaren. Für Bunyan ist das Erzählen eine Form der Offenbarung. Gute Geschichten sind nicht Ablenkung, sondern Einladung zur Wahrheit. Sie führen tiefer als bloße Begriffe, weil sie das Herz bewegen.Damit stellt Bunyan ein neues Modell neben das Wort-zentrierte Ideal der Reformierten: Nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Nicht statt Predigt, sondern als Predigt in anderer Form. Die Schönheit seiner Sprache ist kein Ziel, sondern ein Mittel. Sie leuchtet, um Christus sichtbar zu machen. Nicht die Geschichte ist heilig – sondern das, worauf sie verweist.

Wie Owen denkt auch Bunyan die Schönheit von innen. Aber er verortet sie nicht primär in theologischen Begriffen – sondern in inneren Bildern, Bewegungen, Kämpfen. Der Pilger ist nicht perfekt. Er fällt. Er zweifelt. Er verirrt sich. Aber gerade darin zeigt sich das Wesen wahrer Schönheit: nicht Perfektion, sondern Treue. Der Pilger wird schön, weil er weitermacht. Weil er aufsteht, wenn er gefallen ist. Weil er das Ziel nicht aufgibt, obwohl er es oft nicht sieht. Bunyan zeigt: Schönheit kann auch staubig sein. Und müde. Und vom Weg gezeichnet. Aber sie ist da – in der Bewegung, im Gebet, in der Treue.

Auch wenn die Pilgerreise eine individuelle Reise beschreibt, ist sie nie rein privat. Immer wieder begegnet der Pilger anderen: Gläubigen, Helfern, Versuchern. Bunyan entwirft damit ein Bild der Gemeinde als Weggemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in der sich Schönheit nicht im Schmuck der Gebäude zeigt – sondern in der Treue der Herzen. Die Schönheit der Kirche ist nicht ästhetisch. Sie ist ethisch, erzählerisch, gemeinschaftlich.Sie liegt nicht im Bau, sondern im Beistand. Nicht in der Liturgie, sondern im Ermutigen, Warnen, Tragen, Hoffen.

 

John Bunyan erweitert das Verständnis von Schönheit in der reformatorischen Welt:

  • Luther sieht das Kreuz im Zentrum.
  • Calvin sieht das Wort und die Wahrheit.
  • Owen sieht die Herrlichkeit Christi.
  • Bunyan sieht den Weg und die Reise.

 

Und dieser Weg ist bildhaft, erzählerisch, tief geistlich. Schönheit ist für ihn nicht Besitz, sondern Bewegung. Nicht Glanz, sondern Gnade. Nicht Ästhetik, sondern Phantasie. In einer Welt, in der Theologie oft abstrakt wurde, erinnert Bunyan: Gott hat nicht nur gesprochen – Gott hat Geschichte und Geschichten geschrieben. Und diese Geschichten machen uns schön.

 

Die Reformatoren verwerfen Schönheit nicht, sie läutern sie. Sie nehmen ihr das Prunkvolle, das Ablenkende, das Unwahre. Aber sie behalten ihre Kraft – im Lied, im Wort, in der Klarheit. Schönheit darf nicht herrschen, sie darf dienen. Nicht zur Verführung, sondern zur Verkündigung.

Und wie geht es weiter?

Im nächsten Beitrag geht es um die Bewegung, die nach der Reformation kam – die Methodisten und Erweckungsbewegungen, mit einem Fokus auf Jonathan Edwards: Bei ihm wird Schönheit wieder zum Zentrum. Nicht als Stil, sondern als Wesen Gottes.

Zum 450. Todestag von Johannes Calvin

Zum 450. Todestag von Johannes Calvin
Vor 450 Jahren (am 27. Mai 1564) ist der Genfer Reformator Johannes Calvin gestorben. Auch dann, wenn man nicht in allen Dingen seine Meinung vertritt, ist sein Werk von sehr großer Bedeutung – auch und gerade für die weitere Entwicklung westlichen Geschichte und Kultur der letzten 500 Jahre. Ich staune immer wieder erneut über seine große Gottes- und Menschenkenntnis, die sich auch besonders in seiner „Institutio“ niederschlägt. Hier die ersten Abschnitte daraus:
1. Ohne Selbsterkenntnis keine Gotteserkenntnis
All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde eigentlich zweierlei: Die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen, und darum ist es nun doch nicht einfach, zu sagen, welche denn an erster Stelle steht und die andere aus sich heraus bewirkt.
Es kann nämlich erstens kein Mensch sich selbst betrachten, ohne sogleich seine Sinne darauf zu richten, Gott anzuschauen, in dem er doch „lebt und webt“ (Apg. 17, 28). Denn all die Gaben, die unseren Besitz ausmachen, haben wir ja offenkundig gar nicht von uns selber. Ja, selbst unser Dasein als Menschen besteht doch nur darin, dass wir unser Wesen in dem einigen Gott haben! Und zweitens kommen ja diese Gaben wie Regentropfen vom Himmel zu uns hernieder, und sie leiten uns wie Bächlein zur Quelle hin.
Noch viel deutlicher aber wird gerade in unserer Armut der unermessliche Reichtum aller Güter erkennbar, der in Gott wohnt. Besonders zwingt uns der jämmerliche Zerfall, in den uns der Abfall des ersten Menschen hineingestürzt hat, unsere Augen emporzurichten: hungrig und verschmachtend sollen wir von Gott erflehen, was uns fehlt, aber auch in Furcht und Erschrecken lernen, demütig zu sein. Denn der Mensch birgt ja in jeder Hinsicht eine Welt von Elend in sich, und seitdem wir der göttlichen Zier verlustig gegangen sind, macht eine beschämende Blöße unendlich viel Schande offenbar. Ist es aber so, dann muss ja notwendig jeder Mensch vom Bewusstsein seines heillosen Zustandes wenigstens zu irgendeinem Wissen von Gott getrieben werden. Wir empfinden unsere Unwissenheit, Eitelkeit, Armut, Schwachheit, unsere Bosheit und Verderbnis – und so kommen wir zu der Erkenntnis, dass nur in dem Herrn das wahre Licht der Weisheit, wirkliche Kraft und Tugend, unermesslicher Reichtum an allem Gut und reine Gerechtigkeit zu finden ist. So bringt uns gerade unser Elend dahin, Gottes Güter zu betrachten, und wir kommen erst dann dazu, uns ernstlich nach ihm auszustrecken, wenn wir angefangen haben, uns selbst zu missfallen. Denn von Natur hat jeder Mensch viel mehr Freude daran, sich auf sich selbst zu verlassen, und das gelingt ihm auch durchaus – solange er sich selbst noch nicht kennt, also mit seinen Fähigkeiten zufrieden ist und nichts von seinem Elende weiß oder wissen will. Wer sich also selbst erkennt, der wird dadurch nicht nur angeregt, Gott zu suchen, sondern gewissermaßen mit der Hand geleitet, ihn zu finden.
2. Ohne Gotteserkenntnis keine Selbsterkenntnis
Aber andererseits kann der Mensch auf keinen Fall dazu kommen, sich selbst wahrhaft zu erkennen, wenn er nicht zuvor Gottes Angesicht geschaut hat und dann von dieser Schau aus dazu übergeht, sich selbst anzusehen. Denn uns ist ja ein mächtiger Hochmut geradezu angeboren, und darum kommen wir uns stets durchaus untadelig, weise und heilig vor, wenn uns nicht handgreifliche Beweise unsere Ungerechtigkeit, Beflecktheit, Torheit und Unreinheit vor Augen halten und uns so überführen. Dazu kommt es aber gar nicht, wenn wir bloß auf uns selber sehen und nicht zugleich auf den Herrn; denn er ist doch die einzige Richtschnur, nach der ein solch Urteil über uns selbst erfolgen kann. Wir sind ja von Natur alle zur Heuchelei geneigt, und so befriedigt uns schon irgendein leerer Schein von Gerechtigkeit ebensosehr, wie es die Gerechtigkeit selber könnte. Und weil unter uns und um uns rein nichts zu erblicken ist, das nicht von schrecklicher Unreinigkeit befleckt wäre, so begeistert uns, solange wir über die Grenzen menschlicher Unreinheit nicht hinausblicken, schon das, was bloß ein bisschen weniger besudelt ist, weil wir es bereits für rein halten. Es geht wie bei einem Auge, das ausschließlich an den Anblick schwarzer Farbe gewöhnt ist – und das dann schon für schneeweiß hält, was vielleicht grau oder geschwärztes Weiß ist. Überhaupt können wir an dem leiblichen Sinnesorgan ein Beispiel nehmen, wie sehr wir in der Beurteilung unserer inneren Tüchtigkeit Trugbildern erliegen. Denn wenn wir am lichten Tage die Erde anschauen oder das, was uns umgibt, so wähnen wir wohl, ein starkes und durchdringendes Sehvermögen zu besitzen. Sobald wir aber die Sonne mit offenem Auge stracks anblicken wollen, so wird jene Sehkraft, die den Dingen dieser Erde gegenüber völlig ausreichte, ganz überwältigt und geblendet, so dass wir bekennen müssen, dass diese Sehkraft, so scharf sie im Irdischen war, gegen die Sonne geradezu Schwachsichtigkeit ist! Genau so ist es bei der Betrachtung unseres geistlichen Besitzes. Lenken wir den Blick nicht über die Erde hinaus, so sind wir mit der eigenen Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend reichlich zufrieden und schmeicheln uns mächtig – es fehlte, dass wir uns für Halbgötter hielten! Aber wenn wir einmal anfangen, unsere Gedanken auf Gott emporzurichten, wenn wir bedenken, was er für ein Gott sei, wenn wir die strenge Vollkommenheit seiner Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend erwägen, der wir doch gleichförmig sein sollten – so wird uns das, was uns zuvor unter dem trügerischen Gewand der Gerechtigkeit anglänzte, zur fürchterlichsten Ungerechtigkeit; was uns als Weisheit wundersam Eindruck machte, wird grausig als schlimmste Narrheit offenbar, was die Maske der Tugend an sich trug, wird als jämmerlichste Untüchtigkeit erfunden! So wenig kann vor Gottes Reinheit bestehen, was unter uns noch das Vollkommenste zu sein schien.
3. Der Mensch vor Gottes Majestät
Daher kommt es, dass nach vielfach wiederholten Berichten der Schrift die Heiligen von Furcht und Entsetzen durchgerüttelt und zu Boden geworfen wurden, sooft ihnen Gottes Gegenwart widerfuhr. Menschen, die zuvor, ohne seine Gegenwart, sicher und stark dastanden – jetzt, da er seine Majestät offenbart, sehen wir sie derart Schrecken und Entsetzen gejagt, dass sie geradezu in Todesangst niederfallen, ja vor Schrecken vergehen und fast zunichte werden! Daran merken wir, dass den Menschen erst dann die Erkenntnis seiner Niedrigkeit recht ergreift, wenn er sich an Gottes Majestät gemessen hat. Beispiele solcher Erschütterungen haben wir im Richterbuche wie auch bei den Propheten. Es ging soweit, dass im Volke Gottes die Redewendung in Gebrauch kam: „Wir müssen sterben, denn wir haben den Herrn gesehen“ (Ri. 13, 22; Jes. 6, 5; Ez. 1, 28; u. a.). Und wenn das Buch Hiob (z.B. Kap. 38 ff.) den Menschen durch das Bewusstsein seiner Torheit, Ohnmacht und Beflecktheit zu Boden werfen will, so dienen ihm stets die Beschreibungen von Gottes Weisheit, Kraft und Reinheit zum Beweise. Das ist berechtigt: Wir sehen, wie auch Abraham, nachdem er einmal von nahem des Herrn Herrlichkeit erschaut hat, um so besser erkennt, dass er „Erde und Asche“ ist (Gen. 18, 27). Elia vermag sein Nahen nicht mit unverdecktem Antlitz zu ertragen (1. Kön. 19, 13). Solcher Schrecken liegt in seinem Anblick! Was soll auch der Mensch tun, der doch Staub ist und ein Wurm, wenn selbst die Cherubim in heiliger Scheu ihr Angesicht verhüllen müssen! (Jes. 6, 2). Eben dies spricht Jesaja aus: „Der Mond wird sich schämen und die Sonne mit Schande bestehen, wenn der Herr der Heerscharen König sein wird“ (Jes. 24, 23). Das heißt: wenn er seine Herrlichkeit in voller Nähe offenbaren wird, dann versinkt auch das sonst Leuchtendste in Finsternis.“
(Johannes Calvin, Institutio, Unterricht in der christlichen Religion, übersetzt von Otto Weber, Buchhandlung des Erziehungsvereins Neukirchen, Kreis Moers, 1936)

Christus allein!

„Unser ganzes Heil, alles was dazu gehört, ist allein in Christus beschlossen (Apg. 4, 12). Deshalb dürfen wir auch nicht das geringste Stücklein anderswoher ableiten. Suchen wir das Heil, so sagt uns schon der Name Jesus: Es liegt bei Ihm (1. Kor. 1, 30). Geht es uns um andere Gaben des Geistes, so finden wir sie in Seiner Salbung. Geht es um Kraft – so finden wir sie in Seiner Herrschaft, um Reinheit – sie beruht auf Seiner Empfängnis, um Gnade – sie bietet sich dar in Seiner Geburt, durch die Er uns in allen Stücken gleich geworden ist, auf dass Er könnte Mitleiden haben mit unseren Schwachheiten (Hebr. 2, 17; 4, 15). Fragen wir nach Erlösung – sie liegt in Seinem Leiden, nach Lossprechung – sie liegt in Seiner Verdammnis, nach Aufhebung des Fluchs – sie geschieht an Seinem Kreuz (Gal. 3, 13), nach Genugtuung – sie wird in Seinem Sühnopfer vollzogen, nach Reinigung – sie kommt uns zu in Seinem Blut, nach Versöhnung – wir haben sie um Seines Abstiegs zur Hölle willen, nach Absterbung unseres Fleisches – sie beruht auf Seinem Begräbnis, nach dem neuen Leben – es erscheint in Seiner Auferstehung, nach Unsterblichkeit – auch sie wird uns da zuteil.“ (Joh. Calvin, Institutio II, 16, 19)

Selbsterkenntnis

Ein Thema, mit dem wir uns alle immer wieder auseinandersetzen sollten. Hier ein Auszug von einer der besten Schriften darüber:

Johannes Calvin über die rechte Selbsterkenntnis

„Der Menschengeist hat nichts lieber, als wenn man ihm Schmeicheleien vormacht; und wenn er hört, dass seine Fähigkeiten irgendwo hoch gerühmt werden, so neigt er sich gleich mit allzu großer Leichtgläubigkeit auf jene Seite! Deshalb ist es auch nicht zu verwundern, dass in diesem Stück der größte Teil der Menschheit so verderbenbringend sich verirrt hat. Denn allen Sterblichen ist eine mehr als blinde Selbstliebe eingeboren, und deshalb reden sie sich bereitwilligst ein, sie trügen nichts in sich, das etwa mit Recht zu verwerfen wäre! Und so findet ohne fremden Schutz dieser eitle Wahn immer wieder Glauben, der Mensch sei sich selbst völlig genug, um gut und glücklich zu leben.

Gewiss: Einige wollen bescheidener urteilen und Gott einen Anteil zugestehen, damit sie nicht den Eindruck machen, als ob sie sich alles selbst zuschreiben wollten – aber da teilen sie denn doch so, dass der stärkste Grund zum Rühmen und zum Selbstvertrauen auf ihre eigene Seite kommt! Kommt dazu dann noch solch feine Redeweise, welche den sowieso im Menschen mit Mark und Bein verwachsenen Hochmut mit ihren Lockungen kitzelt, so gibt es nichts, was ihm größere Freude machte! Und so ist auch jeder, der die Vorzüge der menschlichen Natur mit seinen Reden kräftig herausgestrichen hat, zu allen Zeiten mit gewaltigem Beifall aufgenommen worden.

Aber so groß, wie auch jene Hervorhebung der menschlichen Hoheit sein mag, die den Menschen lehrt, sich mit sich selber zufrieden zu geben – sie macht ja nur durch ihre liebliche Gestalt solches Vergnügen, und ihre Vorspiegelungen erreichen nur dies, dass sie die, welche ihr zustimmen, am Ende ganz ins Verderben stürzt. Denn wozu kann es führen, wenn wir in eitlem Selbstvertrauen erwägen, planen, versuchen, ins Werk setzen, was wir für erforderlich halten, wenn uns dabei aber der rechte Verstand ganz und gar abgeht, wir bei den ersten Versuchen bereits rechter Kraft ermangeln – und dennoch selbstsicher fortschreiten, bis wir in den Untergang hineinrennen? Leiht man jenen Lehrern das Ohr, die uns bloß damit hinhalten, unser Gutes zu bedenken, so kommt man eben nicht zur Selbsterkenntnis, sondern zur Selbst-Unkenntnis!“

Johannes Calvin, Institutio 2, I, 2; übersetzt von Otto Weber.

Ein wahrlich weises Wort

Angesichts all der modernen Bibelkritik, die von allen Seiten auf die Bibel und auf uns „Fundamentalisten“ einstürmt, kann es nur gut tun, sich immer mal wieder bewusst zu werden, dass wir nicht die ersten sind, welche mit dieser Schwierigkeit zu kämpfen haben. Manchmal kommt es uns so vor, als ob dies erst durch die moderne liberale Theologie und die Wissenschaftsgläubigkeit so gekommen sei. Doch bereits vor rund 450 Jahren hatte Johannes Calvin, der Genfer Reformator, mit genau den selben Problemen Ungläubiger zu kämpfen. Man lese selbst (Institutio 1, Kapitel 7, die Abschnitte 1 und 2):

Bevor wir weitergehen, muss zunächst noch einiges über die Autorität der Heiligen Schrift eingefügt werden. Diese Feststellungen sollen der Ehrfurcht vor der Schrift dienen und auch jeden Zweifel beseitigen. Ist es einmal anerkannt, dass es sich um Gottes eigenes Wort handelt, so wird keiner so vermessen sein, ja geradezu des Menschenverstandes und gar alles menschlichen Sinnes beraubt sein, dass er dem, der da redet, den Glauben weigern möchte. Nun ergehen aber nicht alle Tage Offenbarungsworte vom Himmel und es hat Gott gefallen, allein in der Schrift seine Wahrheit zu stetem Gedächtnis zu erhalten. Deshalb kann die Bibel nur dann den Gläubigen gegenüber die volle Autorität erlangen, wenn sie gewiss wissen, dass sie vom Himmel herab zu ihnen kommt, als ob Gottes eigene Stimme hier lebendig vernommen würde. Die Sache ist wahrlich wert, ausführlicher behandelt und genauer erwogen zu werden. Trotzdem müssen die Leser entschuldigen, wenn ich mehr auf den Umfang der Behandlung achte, den die Aufgabe des vorliegenden Werks erträgt, als auf den, der durch die Bedeutung der Sache erforderlich wäre.

Indessen hat sich bei vielen der verderbliche Irrtum eingeschlichen, die Schrift habe nur so viel Gewicht, als ihr das Gutdünken der Kirche zugestehe. Als ob Gottes ewige und unverletzliche Wahrheit auf menschliche Meinung gegründet wäre! Man spottet dabei des Heiligen Geistes und fragt: „Wer verbürgt uns, dass diese Schriften von Gott stammen? Und wer versichert uns, dass sie heil und unversehrt bis in unsere Zeit übergekommen sind? Wer soll uns überzeugen, dass das eine Buch in Ehrfurcht anzunehmen, das andere auszuschließen sei? Wer – wenn nicht die Kirche für alle diese Dinge eine klare Regel vorschriebe?“ – „Also“, so sagt man weiter, „hängt es von der kirchlichen Bestimmung ab, welche Verehrung der Schrift zukommt und welche Bücher ihr überhaupt zuzurechnen sind!“ So machen sich diese Menschen, die Gott die Ehre rauben, bei ihrem Versuch, unter dem Vorwand der Kirche, zügellose Tyrannei einzuführen, gar keine Sorge darüber, in was für Widersinnigkeit sie sich und andere verwickeln – wenn sie nur einfältigen Leuten die Meinung aufdringen, die Kirche hätte Vollmacht zu allem. […]

Aber solche Spitzfindigkeiten widerlegt ein einziges Wort des Apostels. Er bezeugt, dass die Kirche erbaut ist auf dem Fundament der Propheten und Apostel (Eph. 2,20). Wenn nun die Lehre der Propheten und Apostel das Fundament der Kirche ist, so muss sie schon eher Autorität haben, als die Kirche überhaupt da ist.

Nichtig ist auch der törichte Einwand, es sei, obwohl die Kirche ihren Ausgang von dieser Lehre genommen habe, doch immer noch ungewiss, welche Schriften denn nun den Propheten und Aposteln zuzuschreiben wären, wenn nicht hier das Urteil der Kirche eintrete. Denn wenn die christliche Kirche im Anfang auf die Schriften der Propheten und die Botschaft der Apostel gegründet wurde, so ging die Anerkennung dieser Lehre, ohne welche die Kirche nie entstanden wäre, doch sicherlich dem Dasein der Kirche voraus. Deshalb ist es leere Menschensatzung, wenn man sagt, die Vollmacht zur Beurteilung der Schrift liege bei der Kirche, so dass von ihrer Zustimmung die Gewissheit der Schrift abhinge. Denn wenn es zu solcher Anerkennung kommt, so bedeutet das nicht, dass die Kirche die Schrift, als wäre sie zuvor zweifelhaft und strittig, erst glaubwürdig mache. Es geschieht doch im Gegenteil, weil die Kirche hier die Wahrheit ihres Gottes erkennt und ihr deshalb, wie es Pflicht der Frömmigkeit ist, unbedenklich Verehrung entgegenbringt.

Wenn man daher fragt: „Woher sollen wir denn überhaupt die Überzeugung haben, die Schrift komme von Gott her zu uns, wenn wir nicht zum Urteil der Kirche unsere Zuflucht nehmen?“, so ist das genau so, als wenn jemand fragte: „Woher sollen wir denn Licht und Finsternis, Weiß und Schwarz, Süß und Bitter unterscheiden lernen?“ Denn die Wahrheit der Schrift erweist sich ganz von selbst und ist darum nicht weniger deutlich als die Farbe an einem weißen oder schwarzen, der Geschmack an einem süßen oder bittern Ding!“

(Johannes Calvin, Institutio deutsch, übersetzt von Otto Weber, Buchhandlung des Erziehungsvereins Neukirchen, Kreis Moers, 1936, Seiten 42 – 44)