Die zwei verlorenen Söhne

Ein Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages kam der jüngere Sohn zum Vater und sprach: „Du Papa, du hast jetzt lange gespart und geknausert. Könntest du nicht mal langsam daran denken, den Löffel abzugeben? Ich möchte mit meinem Erbe noch ein wenig das Leben genießen. Du weißt ja, life is short, und YOLO und so.“ Da gab ihm der Vater die Hälfte seines Vermögens. Der jüngere Sohn verkaufte alles und machte es zu schnellem Geld. Er machte Urlaub auf Malle, verbrachte seine Nächte in Night Clubs und Casinos und hatte schon bald nichts mehr übrig. Leider gab es in der Zeit auch schlechte Ernten, Inflation, Arbeitslosigkeit und viele hatten Hunger. So auch der jüngere Sohn. Erst auf einem Bauernhof fand er Arbeit. Er war für die Schweine verantwortlich. Durch seinen großen Hunger wäre er bereit gewesen, vom Schweinefutter zu essen, doch das wurde ihm verboten. Da überlegte er: Bei meinem Vater im Betrieb gibt es auch genügend Zeitarbeiter von Manpower, die haben alle Arbeitslosenversicherung, Sozialleistungen, 35-Stunden-Woche, sind in der Gewerkschaft, werden anständig behandelt, pünktlich bezahlt und können davon leben. Ich will einfach dorthin zurückgehen und meinem Vater sagen: „Du Papa, ich habe gegen Gott und dich gesündigt, als ich dir den Tod wünschte, ich bin es nicht wert, dein Kind zu sein. Aber lass mich doch für dich arbeiten! Ich tue es ja auch ohne großen Lohn bis ich das, was ich verzockt und verprasst habe, wieder reingeholt habe!“ Da ging er zurück zu seinem Vater. Dieser hatte ihn schon von Weitem gesehen und rannte ihm im Schlafanzug entgegen. Der Vater nahm ihn in die Arme und drückte ihn, dass ihm der Atem wegblieb. Als er aus dem Koma kam, sagte der Sohn: „Papa, ich habe gegen Gott und gegen dich gesündigt, als ich dir den Tod wünschte. Ich bin es nicht mehr wert, dein Kind zu sein.“ Doch der Vater unterbrach ihn mit einer Handbewegung und befahl seinem Roboter-Haushaltsgehilfen aus Japan: „Bringe ihm einen frischen, sauberen Anzug und bereite ein großes, rauschendes Fest vor – mit Dr. Motte als DJ! Ich habe meinen Sohn für tot gehalten, jetzt ist er wieder aufgetaucht, er ist wie neu geboren.“ Da gab es eine rauschende Party mit allem was dazu gehörte. In der Zwischenzeit war der ältere Sohn bei der Arbeit im Betrieb des Vaters und hörte plötzlich Musik und ausgelassenes Feiern. Er fragte einen Kollegen, was das zu bedeuten hätte. Dieser teilte ihm mit: „Dein Bruder ist zurückgekommen. Dein Vater gibt eine rauschende Party.“ Da wurde der ältere Sohn wütend und weigerte sich, mitzufeiern. Der Vater kam zu ihm heraus und redete mit ihm. Da sagte er seinem Vater: „Papa, ich helfe dir jetzt seit so vielen Jahren im Betrieb, ich racker mich ab, um deinen Besitz zusammenzuhalten, habe alles sorgfältig in Excel-Tabellen eingepflegt und alle eMails stets pünktlich beantwortet, und jetzt schleuderst du das, was mir eines Tages als Erbe zustehen sollte, zum Fenster raus, um deinen anderen Sohn zu feiern, der die Hälfte von deinem Besitz mit Computerspielen, Online-Dating und in der Disko, in Paris und New York verpulvert hat!“ Da sagte er zu seinem Sohn: „Schau mal, alles, was mir gehört, gehört auch dir. Aber jetzt lass uns Party feiern, denn dein Bruder ist uns verloren gegangen, aber jetzt ist er wieder aufgetaucht. Er hat ein neues Leben bekommen.“ (Frei nach Lukas 15. Vielen Dank an RN für sehr gute Ergänzungen.

Gedichte aus zehn Jahren

Da ich schon öfters danach gefragt wurde, habe ich mich dazu entschlossen, eine Anzahl von Gedichten, die ich im Laufe der vergangenen zehn Jahren geschrieben habe, in einer Sammlung zusammenzustellen und hochzuladen. Hier ist sie nun zu finden:
Die Sammlung darf gern gespeichert oder direkt verlinkt werden. Bevor einzelne davon gebraucht werden, wäre ich um eine Mitteilung dankbar. Im Normalfall dürfte die Erlaubnis kein Hindernis darstellen.

Mein Wunsch fürs Neue Jahr

Wahrheit mit Klarheit in Liebe und Respekt. Dass das zum Maßstab unseres Redens und Schreibens für das neue Jahr werden möge, das ist mein Wunsch für 2016 und danach. Daran will ich selbst an mir arbeiten und auch meine Mitmenschen dazu anhalten. Wahrheit in Klarheit bedeutet, Dinge beim Namen zu nennen, Meinungen zu haben und zu kommunizieren, statt zu schweigen und zu manipulieren. Das muss aber in Liebe und Respekt geschehen – wobei Liebe nicht Gleichgültigkeit bedeutet (wenn alles gleich gültig ist, dann ist es gleichgültig), sondern dem Besten des Nächsten verpflichtet.
Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts von den Vorsätzen zum neuen Jahr halte. Dies aus verschiedenen Gründen: 1. weil wir nicht gute Vorsätze, sondern gute Gewohnheiten brauchen. 2. weil wir mit den guten Gewohnheiten nicht bis zum neuen Jahr warten sollen, sondern sofort damit anfangen. 3. weil aus dem Gute-Vorsätze-Machen ein Kommerz und gesellschaftlicher Druck geworden ist, dem ich nichts abgewinnen kann.
2015 war für mich ein Jahr mit vielen Freuden, insbesondere sei dabei die Geburt unseres Sohnes erwähnt, aber auch mit dem wachsenden Kennenlernen meiner Grenzen, was mir nicht immer gefällt. Wie kaum zuvor habe ich gemerkt, wie tief die Selbsterkenntnis und die Gotteserkenntnis zusammenhängt. Je besser ich mich selbst kennenlerne mit all den Abgründen des Herzens, desto größer wird mir die Erlösung, die Jesus für mich vollbracht hat.
Im neuen Jahr hoffe ich, dass ich wieder etwas häufiger zum Bloggen komme. Das ist – wie gesagt – kein Vorsatz, auch keine Gewohnheit, sondern auch hier ein Wunsch. Meine Themen, die ich weiter vertiefen möchte, sind auf der einen Seite biblische Männlichkeit und Weiblichkeit, Vaterschaft (und Mutterschaft), dann wird mich die Frage umtreiben, was Gott zum Thema der Nation denkt (eine ganze Menge Positives!) und ebenso werde ich auf dem Zweitblog „Glauben Verstehen“weiterhin versuchen, den christlichen Glauben zu verstehen, erklären und verteidigen. Falls jemand es auf dem Herzen hat, mich in diesen Themen zu unterstützen, bin ich für Vorschläge offen, werde aber nichts von Vornherein garantieren.

Buchbesprechung: Welt unter Sechs von Beile Ratut

Ratut, Beile, Welt unter Sechs, Ruhland Verlag Bad Soden, 2015. Link im Verlag / Amazon
Vielen Dank an den Ruhland-Verlagund die Agentur Literaturtestfür die Zusendung des Rezensionsexemplars. Mit großem Interesse habe ich das Buch „Welt unter Sechs“ von Beile Ratut gelesen.
Die Autorin Beile Ratut ist Finnin, hat lange Zeit in Frankfurt am Main gelebt und schreibt auf deutsch. Es ist ihr drittes Buch, die zwei anderen habe ich allerdings nicht gelesen. Ich fand es spannend, dass sich eine Frau auf die Suche nach der Antwort auf das Problem der fehlenden Männlichkeit macht. Sie verarbeitet das Thema in drei kurzen Romanen, die jeweils ungefähr 60 Buchseiten umfassen.
Bücher lesen ist etwas, was jeder Mensch aufgrund seiner Prägung unterschiedlich macht. Ich werde deshalb kurz meinen Hintergrund und meine Vorgehensweise erläutern. Wer das langweilig findet, darf diesen Abschnitt gern überspringen. Ich bin ein freikirchlich geprägter und theologisch geschulter Mensch, der sehr gerne liest. Leider komme ich zu selten zum Lesen von Romanen, habe für diese jedoch eine mir eigene Vorgehensweise entwickelt. Ich lese das Buch jeweils dreimal hintereinander, jedes Mal mit einer anderen Frage im Hinterkopf. Dazu mache ich mir Notizen und Unterstreichungen am Buchrand. Beim ersten Durchgang ist meine Frage: „Wie wirkt das Buch auf mich? Welche Geschichte erzählt es? Was will das Buch in mir erreichen?“ Beim zweiten Durchgang frage ich mich: „Wie ist die Weltanschauung des Autors oder der Autorin?“ Dabei geht es um die Fragen nach Herkunft der Welt (Schöpfung), Herkunft des Bösen (Sündenfall) und wie das Gute wiederhergestellt werden kann (Erlösung). Beim dritten Durchgang frage ich mich, welche Fragen oder Probleme die Geschichte anspricht und wie diese beantwortet oder gelöst werden. 
Die drei Geschichten
Die Hauptperson der ersten Geschichte ist ein Pfarrer, 55 Jahre alt, verheiratet, allerdings kinderlos geblieben. Er war ein guter Kommunikator, einer, der die richtigen Worte zu treffen wusste um die Menschen zu trösten; und er liebte seinen Beruf, weil er sich auf diese Weise gebraucht fühlte. Seine Frau hatte sich in den Jahren der Ehe immer weiter von ihm zurückgezogen, sie war oft im Garten. Plötzlich entdeckte der Pfarrer, dass seine Gesichtshaut mit einem riesigen Schandmal „verziert“ war. Er konnte sich nicht mehr sehen lassen, versteckte sich, und hatte dadurch Zeit, sich Gedanken zu machen. Er erkannte nun, dass er nicht wirklich glaubte, was er predigte, und dass auch seine Frau sich nicht einfach so von ihm zurückgezogen hatte, sondern deshalb, weil er sie nie nahe genug an sie herangelassen hatte. Am Ende fanden sie einander, fanden Worte für einander und dann wurde seine Frau auch endlich schwanger.
In der zweiten Geschichte geht es um Heinrich, einen Wissenschaftler, der sich durch seine Forschung einen Namen gemacht hatte. Auch er war verheiratet; doch er hatte einen Sohn. Am Anfang der Geschichte erfährt man, dass der Sohn weggelaufen war. Der Sohn war sehr anhänglich, zart, mitfühlend, lebte ganz in der Welt der Mutter. Heinrich sah das mit Sorge, er wusste nicht, wie Sebastian von der Welt der Mutter in die Welt des Vaters hinüberwechseln sollte. Heinrich hatte das auch ohne Vater lernen müssen; bei ihm war es ein Ritual, das eine Art Vergewaltigung war, die durch andere Schüler des Internats ausgeübt worden war. Mantraartig wiederholt er in der Geschichte, er habe seinem Sohn nichts getan, ihm nur die Hand auf den Kopf gelegt und ihm das „Wissen der Mannbarkeit“ (u. a. S. 65) geschenkt. Schreckerstarrt erfährt der Leser zum Schluss, worin das bestand. Diese Geschichte endet mit dem Versprechen Heinrichs, seinen Sohn zu suchen und nicht aufzuhören, bis er ihn gefunden habe.
In der dritten Geschichte erzählt ein alter Mann, ein Bettler, seine Geschichte. Bei ihm starb der ältere Bruder als er noch ein Kind war. Er selbst führte daraufhin ein sehr unstetes, von vielen Liebschaften und einer Abtreibung geprägtes Leben. Er heiratete sehr spät und hatte sich nach einigen Jahren von seiner Frau entfremdet. Einer seiner Kollegen vergewaltigte die Frau dieses Mannes und er glaubte ihr nicht einmal. Als sie den Kollegen dazu bringen wollte, ihrem Mann seine Tat zu gestehen, rastete der Kollege aus und vergewaltigte sie noch einmal, bevor er sie im Wald bewusstlos schlug, mit Benzin übergoß und verbrannte. Der alte Mann bekam dann in einem Kloster von einem jungen Priester eine Antwort auf die Frage, was es bedeute, an Gott zu glauben. So fand er schlussendlich als alter Mann echten Frieden.
Meine persönlichen Gedanken dazu
Beile Ratut spricht tatsächlich viele wichtige Themen an, die das Mannsein oder Mannwerden ausmachen. Verantwortung tragen, Zeit haben, Ehrlichkeit, sich ganz öffnen, sich verwundbar machen, Sexualität und die Suche danach, der Weg vom Kind zum Mann, und so weiter.
Heinrich, der Vater in der zweiten Geschichte, machte sich Gedanken dazu: „Was sollte aus dem Kind werden? Wer würde ihm helfen, aus der Welt seiner Mutter in die Welt des Mannes zu treten? Wie sollte aus ihm ein Mann werden, der in dieser Wirklichkeit nicht unterging? War es nicht Verrat an seinem eigenen Blut, ihn damit allein zu lassen?“(S. 77f)
Auch die Unterhaltung – eine der seltenen Passagen in der direkten Rede – in der ersten Geschichte ist wertvoll:
Dann sagte sie vorsichtig: „Ich bin nicht dein Feind – ich bin deine Frau.“
Und ich bin dein Mann“, sagte er, wie um sie daran zu erinnern, welche Ehre ihm gebührte. Doch ihm gebührte keine Ehre.
Ich will dich sehen wie du wirklich bist“, fuhr sie fort. „Aber ich sehe nur einen Mann, der mir ausweicht. Warum machst du das? Kannst du mir denn nicht in die Augen schauen und mein Ehemann sein?““(S. 49)
So habe ich zahlreiche Absätze im Buch als echt wertvolle Hinweise auf solch wichtige Themen angestrichen. Zugleich stelle ich aber auch kritische (An-)Fragen an das Buch:
1) Der Umgang mit der Sprache. Die Sprache wird häufig gebraucht, um Emotionen aufzubauen. Ratut versucht, Sprache zu verstärken, indem sie Sätze inhaltlich und zuweilen auch äußerlich sinnlos und falsch aufbaut. Das erinnerte mich an die – natürlich falsche – Sichtweise von Friedrich Nietzsche, welcher schrieb:
Überall ist hier die Sprache erkrankt, und auf der ganzen menschlichen Entwickelung lastet der Druck dieser ungeheuerlichen Krankheit. Indem die Sprache fortwährend auf die letzten Sprossen des ihr Erreichbaren steigen musste, um, möglichst ferne von der starken Gefühlsregung, der sie ursprünglich in aller Schlichtheit zu entsprechen vermochte, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen, ist ihre Kraft durch dieses übermäßige Sich-Ausrecken in dem kurzen Zeitraume der neueren Civilisation erschöpft worden: so dass sie nun gerade Das nicht mehr zu leisten vermag, wessentwegen sie allein da ist: um über die einfachsten Lebensnöthe die Leidenden zu verständigen.“ (Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen IV, Kp. 5)
Wie Nietzsche scheint also auch Ratut der Meinung zu sein, dass Sprache weniger Sinn, Inhalt und Information, sondern vielmehr Emotion weitergeben soll. Das macht das Buch jedoch auch deutlich schwieriger lesbar. Deshalb frage ich mich, wen sie zum Zielpublikum machen möchte. Das Buch wird deshalb kaum junge Männer ansprechen, die sich diese Gedanken noch nicht gemacht haben. Lesebegeisterte und nachdenkliche junge Männer, die sich diese Frage auch schon gestellt haben, werden vermutlich auch nicht so viel Neues darin finden.
2) Gibt das Buch Antworten? Ja und nein. Ich vermute, dass Ratut sich das Buch als eine Gesamtkomposition gedacht hat. Drei Geschichten, die aufeinander aufbauen. Durch den Aufbau ergibt sich eine Art Antwort – wobei die Antwort dann im Glauben an Gott zu finden ist. Die einzelnen Geschichten geben für sich allein jedoch keine Antworten und auch kaum Hilfestellung zu einer besseren Lösung.
3) Wo oder wie ist Erlösung zu finden? Hier kommt meine wichtigste Frage an das Buch. Wenn Ratut den Leser dazu führen möchte, durch den Gesamtaufbau des Buches zu erkennen, dass der Glaube zum echten Mannsein gehört (und ich würde ihr darin völlig zustimmen), dann müsste das die letzte Geschichte noch besser herausarbeiten. Wenn sich der (in Glaubensdingen unkundige) Leser fragt, wie er dorthin kommt, ist er am Ende verlassen. Außerdem ergeben die Geschichten – wenn man sie einzeln liest – ein ganz anderes Bild. In der ersten Geschichte könnte man meinen, Malessa (die Frau des Pfarrers) sei am Ende die Erlöserin. Die zweite Geschichte spricht vom Schöpfer der Welt, den Heinrich um Vergebung bitten wolle. Auch hier fehlt eine Menge. Und in der dritten Geschichte findet der Erzähler die Antwort beim Priester im Kloster. Dort lautet sie, an Gott zu glauben, bedeutet: „Verkriech dich in den Fels und halte dich im Staub versteckt vor dem Schrecken des Herrn und vor der Pracht seiner Majestät.“ (S. 180) Keine der drei Antworten, die die drei Geschichten geben, wird den Leser zum Frieden mit Gott bringen. Eine konkretere Antwort zu finden bleibt Sache des Lesers. Auch wenn manchmal Teile der Bibel, etwa das Buch der Psalmen, genannt werden, fehlt der konkrete Hinweis darauf, dass dort die Antwort zu finden ist. Ebenso auch der Hinweis, wie diese Antwort aussieht.
Mein Fazit
Beile Ratut hat ein Kunstwerk geschaffen, das viele gute Dinge anspricht und den Finger wohltuend in manch eine Wunde hält. Dennoch ist es ein Kunstwerk, das manche Fragen offen lässt und auch nicht für jedes Publikum geeignet ist. Man muss zunächst mit ihrem Schreibstil klarkommen. Wie bereits angesprochen besteht das Buch aus fast keinen Dialogen und hat wenig Handlung – das meiste spielt sich in den Köpfen der Personen ab. Man muss damit klarkommen. Ebenso muss man die drei Geschichten am Stück und in der vorgegebenen Reihenfolge lesen, damit man hinter die Geschichten sieht – obwohl jede von völlig anderen Personen und Umständen berichtet.

Was sagt die Bibel tatsächlich zur Sklaverei?

Kurzfassung:In Diskussionen hört man häufig das Argument, dass die Bibel Sklaverei gutheiße und sie deshalb unglaubwürdig sei, weil demnach das Ethos des aufgeklärten Menschen über jenem der Bibel stehe. Ich werde zunächst zeigen, dass die Bibel in manchen Fällen unter Sklaverei etwas ganz anderes versteht als unsere Gesellschaft und deshalb dieser Vergleich nicht standzuhalten vermag. Zweitens werde ich belegen, dass die heute gängige Vorstellung von Sklaverei vom Gott des Alten und Neuen Testaments abgelehnt und verboten wird.
Einleitung
Wenn wir heute von der Sklaverei sprechen, so denken wir zumeist an die afrikanischen Sklaven, die rechtlos in den Südstaaten Amerikas zum Arbeiten gezwungen ausgebeutet wurden. Wir kennen das Schicksal dieser Menschen, weil es uns in Biographien und Romanen beschrieben wird.
Ein solches Schicksal war auch im frühen Nahen Osten keine Seltenheit. Israel hatte eine Vergangenheit als Sklavenvolk in Ägypten, die ähnlich aussah. Sie waren rechtlos, hatten von früh bis spät zu arbeiten, bis der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs endlich Mose sandte, um das Volk aus dieser Lage zu befreien. Während die Sklavenhaltung im ganzen Nahen Osten ein Recht der Bevölkerung war, gab es in Israel ein Verbot, Menschen zu versklaven: „Wer einen Menschen raubt, sei es, dass er ihn verkauft oder dass man ihn noch in seiner Hand findet, der soll unbedingt sterben.“ (2. Mose 21,16) Dieses Verbot, das an wichtiger Stelle steht, nämlich direkt im Kapitel nach den Zehn Geboten, besagt, dass es den Israeliten verboten war, irgend einen Menschen unfreiwillig zum Sklaven zu machen. Sklaverei wie man sie im antiken Ägypten, Griechenland und Rom, oder auch im Süden der USA fand, war damit eindeutig als Menschenraub klassifiziert und ausdrücklich verboten.
Noch etwas krasser ist ein zweites Gebot, das im 5. Mosebuch steht: „Du sollst den Knecht, der sich von seinem Herrn weg zu dir gerettet hat, seinem Herrn nicht ausliefern. Er soll bei dir wohnen, in deiner Mitte, an dem Ort, den er erwählt in einem deiner Tore, wo es ihm gefällt, und du sollst ihn nicht bedrücken.“(5. Mose 23, 16-17) Hier geht es um den Fall, dass ein Sklave von zu Hause weggelaufen ist. Er darf sich den Ort, wo er wohnen möchte, selbst aussuchen und weder seinem früheren Herrn ausgeliefert noch anderweitig unterdrückt werden.
Welch ein Unterschied zur Umwelt des Alten Orients. Dort war ein Sklave der Besitz des Sklavenhalters und durfte nach dessen Belieben misshandelt oder auch getötet werden. In Israel war auch ein Sklave ein Mensch mit eigener Würde, der sich seinen Herrn mehr oder weniger freiwillig selbst aussuchen konnte und im Zweifelsfall auch das Recht hatte, diesen zu wechseln.
Biblisch-Theologische Betrachtung
Gott hat den Menschen nach Seinem Bild geschaffen. Das verleiht jedem Menschen seine Würde und das Recht auf Leben und größtmögliche Freiheit. Der Mensch hat den Auftrag bekommen, die Erde zu bebauen, bevölkern, untersuchen, sich auszubreiten, Kultur zu schaffen.
Israel hatte schon früh eine schlechte Erfahrung in der Sklaverei gemacht. Ägypten war ihnen zum Verhängnis geworden, unterdrückten sie und zwangen sie zur Arbeit. Auf ihr Gebet und Schreien hin sandte Gott Mose als Befreier, der sie nach langem Hin und Her aus Ägypten in die Freiheit und das eigene Land – Israel – führte. Aus diesem Hintergrund muss die Diskussion um die Sklaverei betrachtet werden, damit sie verstanden werden kann.
Das Land sollte durch Josua ausgeteilt werden. Jede Familie bekam – entsprechend ihrer Größe – ein Stück des Landes, das sie in eigenständiger und verantwortlicher Weise bebauen und pflegen sollten. Eigenverantwortlichkeit bedeutet aber auch, dass es die Möglichkeit gibt, Fehler zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen und den Gewalten der Natur ausgeliefert zu sein.
Deshalb gab es in Israel gleich von Beginn an eine Reihe von Gesetzen, die in einem solchen Fall das Zusammenleben und Überleben der Familien sichern sollte. Wenn eine Familie unter diesen Bedingungen in Schulden kam, konnte sie ihr Land für maximal 49 Jahre verpfänden und zusätzlich auch sich selbst für maximal sechs Jahre als Sklaven „vermieten“.
Nach 49 Jahren ging das Land automatisch wieder in den Besitz der ursprünglichen Familie über und die Schuldsklaven durften nach sechs Jahren wieder freikommen oder sich freiwillig für den Rest ihres Lebens verpflichten, ihrem Herrn als Sklaven weiter zu dienen. Wer sein Land noch nicht zurückbekommen hatte, konnte wohl kaum viel anderes machen als entweder bei seinem Herrn zu bleiben oder einen anderen Arbeitgeber zu suchen.
Hier greifen auch die Gesetze, die für die Sklaven in Israel galten. Der Sklavenhalter sollte mit seinen Sklaven gut umgehen, sodass sie gerne bei ihm blieben. Wenn sie unterdrückt wurden, durften sie fliehen und an einem anderen Ort einen anderen Herrn suchen, der besser für sie sorgte.
Wir sehen also, dass die Begriffe „Sklave“ und „Sklave sein“ in Israel viel weniger mit der Unterdrückung zu tun hatte als einfach mit Arbeit, die unter der Leitung und Autorität eines Anderen ausgeführt wurde.
So lässt sich auch besser verstehen, dass die weisen Männer dem König Rehabeam empfahlen: „Sie aber antworteten ihm so: Wenn du heute diesem Volk ein Knecht wirst und ihm dienst und auf es hörst und zu ihm gute Worte sprichst, so werden sie deine Knechte sein dein Leben lang!“(1. Kön. 12,7) Hier soll sogar der König zum „Sklaven“ seines Volkes werden. Sie hatten Rehabeam gebeten, nicht so streng zu herrschen wie sein Vater, doch er schlug den Rat in den Wind.
Hiob zeigt uns, dass er verstanden hatte, dass der Sklave dieselbe Menschenwürde hat wie er selbst auch: „Wenn ich meinem Knecht oder meiner Magd das Recht verweigert hätte, als sie einen Rechtsstreit gegen mich hatten, was wollte ich tun, wenn Gott gegen mich aufträte; und wenn er mich zur Rede stellte, was wollte ich ihm antworten? Hat nicht der, der mich im Mutterleib bereitete, auch ihn gemacht? Hat nicht ein und derselbe uns im Mutterleib gebildet?“(Hiob 31, 13 – 15)
Wenn man dies alles in Betracht zieht, so ergibt sich ein anderes Bild von dem, was die Bibel unter Sklaverei versteht. Dass Menschen unter der Autorität anderer Menschen arbeiten müssen, ist nicht optimal; es ist eine Folge des Sündenfalls, dass es falsche Entscheidungen und Naturkatastrophen gibt. Aber es gibt auch heute viele Menschen, die froh sind, dass sie nicht gänzlich selbständig arbeiten müssen, sondern eine geregelte Arbeit in einem geführten Unternehmen haben. Das gibt ihnen Sicherheit und auch eine Art der Freiheit.
Sklaverei im Neuen Testament
Bereits Hiob hatte entdeckt, dass ihn, den Reichen, den Freien, gar nicht so viel von einem Sklaven unterscheidet. Viel deutlicher wird das noch im Neuen Testament. Jesus Christus ist mit einer Botschaft für die Unterdrückten gekommen: „»Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen frohe Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, Gefangenen Befreiung zu verkünden und den Blinden, daß sie wieder sehend werden, Zerschlagene in Freiheit zu setzen, um zu verkündigen das angenehme Jahr des Herrn.« Und er rollte die Buchrolle zusammen und gab sie dem Diener wieder und setzte sich, und aller Augen in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Er aber fing an, ihnen zu sagen: Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ (Lukas 4, 18 – 21)
In der Gemeinde wurden die Menschen zu Geschwistern im Glauben. So konnte Paulus an die Galater schreiben: „Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Lehrmeister; denn ihr alle seid durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus; denn ihr alle, die ihr in Christus hinein getauft seid, ihr habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Knecht noch Freier, da ist weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ (Galater 3, 25 – 28) Natürlich gibt es auch heute noch Männer und Frauen, natürlich gibt es auch heute noch Juden und Nichtjuden, aber alle, die von Gott wiedergeboren wurden, sind Teil einer neuen Familie geworden, der Gemeinde.
Eine besondere Stellung nimmt hier auch der Brief von Paulus an Philemon ein. Paulus schrieb den Brief aus der Gefangenschaft in Rom an seinen Freund Philemon, weil der Sklave von Philemon, der Onesimus hieß, von Philemon weggelaufen war und nach Rom zu Paulus gekommen war. Paulus schickte nun den Onesimus wieder zu Philemon nach Hause und gab ihm einen Geleitbrief mit. Oft wirft man Paulus vor, er habe die Sklaverei befürwortet, weil er Onesimus zurückschickte. Wer aber den Brief liest, wird bald eines Besseren belehrt. Paulus schreibt ihm:
Ich bitte dich für mein Kind, das ich in meinen Fesseln gezeugt habe, Onesimus, der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist. Ich sende ihn hiermit zurück; du aber nimm ihn auf wie mein eigenes Herz! Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln, die ich um des Evangeliums willen trage; aber ohne deine Zustimmung wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht gleichsam erzwungen, sondern freiwillig sei. Denn vielleicht ist er darum auf eine kurze Zeit von dir getrennt worden, damit du ihn auf ewig besitzen sollst, nicht mehr als einen Sklaven, sondern, was besser ist als ein Sklave, als einen geliebten Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im Fleisch als auch im Herrn. Wenn du mich nun für einen hältst, der Gemeinschaft mit dir hat, so nimm ihn auf wie mich selbst.“ (Philemon 10 – 17)
Paulus macht seinem Freund Philemon klar, dass das Leben als Christ einen Unterschied machen soll. Deshalb soll er seinen frischgewonnenen Bruder Onesimus freilassen und wird in ihm bestimmt jemanden finden, der ihm noch länger (freiwillig) dienen wird. Paulus bezeichnete sich selbst an mehreren Stellen als ein „Sklave Christi“. Damit stellte er sich zum Einen in die lange Traditionslinien der Könige und Propheten im Alten Testament, die als Sklaven JHWHs bezeichnet wurden, zugleich zeigt er aber auch, dass das Leben als Christ mit einem deutlichen Bruch in der Biographie zu tun hat. Zugleich bedeutete der Eintritt in die Sklaverei jedoch den sozialen Tod. Wer „freiwillig“ zum Sklaven wurde, tat dies somit nicht ganz freiwillig. Vielmehr war es die Bereitschaft, den sozialen Tod auf sich zu nehmen, um dadurch dem körperlichen (Hunger-)Tod zu entgehen. In derselben Weise ist der Christ ein Sklave Christi geworden. Er ist bereit, sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, zu sterben, um dem ewigen, dem zweiten Tod zu entgehen und mit Christus zu auferstehen. Dies ist die symbolische Bedeutung, die Paulus der Taufe gibt: „Was wollen wir nun sagen? Sollen wir in der Sünde verharren, damit das Maß der Gnade voll werde? Das sei ferne! Wie sollten wir, die wir der Sünde gestorben sind, noch in ihr leben? Oder wißt ihr nicht, daß wir alle, die wir in Christus Jesus hinein getauft sind, in seinen Tod getauft sind? Wir sind also mit ihm begraben worden durch die Taufe in den Tod, damit, gleichwie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters aus den Toten auferweckt worden ist, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm einsgemacht und ihm gleich geworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein; wir wissen ja dieses, daß unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Wirksamkeit gesetzt sei, so daß wir der Sünde nicht mehr dienen; denn wer gestorben ist, der ist von der Sünde freigesprochen. Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, daß Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn.“ (Römer 6, 1 – 9) Im selben Kapitel fährt er fort und zieht die Parallele zur Sklaverei: „Wißt ihr nicht: Wem ihr euch als Sklaven hingebt, um ihm zu gehorchen, dessen Sklaven seid ihr und müßt ihm gehorchen, es sei der Sünde zum Tode, oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? Gott aber sei Dank, daß ihr Sklaven der Sünde gewesen, nun aber von Herzen gehorsam geworden seid dem Vorbild der Lehre, das euch überliefert worden ist.“(Römer 6, 16 – 17)
Doch dann stellte sich mit der Zeit auch die Frage: Was empfehlen wir einem gläubigen Sklaven, der einem ungläubigen Sklavenbesitzer gehört? In der Gemeinde ist er zu einem gleichwertigen Bruder geworden, aber bei seinem Besitzer gilt das nichts. Soll er gegen den Besitzer rebellieren? Soll er davonlaufen? Im römischen Reich galt ja das Gesetz von Israel nichts mehr; ein davongelaufener Sklave war vogelfrei, er hatte sein Leben verwirkt. Außerdem wäre der Rat zum Davonlaufen oder Rebellieren bald bekannt geworden und hätte ein weiteres Argument gegen das eh schon verhasste und verfolgte Christentum geliefert. So empfahl Petrus diesen Sklaven: „Ihr Hausknechte, ordnet euch in aller Furcht euren Herren unter, nicht nur den guten und milden, sondern auch den verkehrten! Denn das ist Gnade, wenn jemand aus Gewissenhaftigkeit gegenüber Gott Kränkungen erträgt, indem er zu Unrecht leidet. Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr geduldig Schläge ertragt, weil ihr gesündigt habt? Wenn ihr aber für Gutestun leidet und es geduldig ertragt, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt.“(1. Petrus 2, 18 – 21) Weil diese Sklaven die lebensverändernde Kraft der Gnade Gottes erlebt hatten, bekamen sie dadurch azch die Kraft, an ihrem Platz als römische Haussklaven für ihren Herrn Jesus zu leiden. Das war ein größeres und besseres Zeugnis für den Glauben. Wie wäre es, wenn wir uns für heute von dieser Mentalität auch ein gutes Stück abschneiden würden?
Abschließende Gedanken
Wir haben gesehen, dass die Bibel verschiedene Vorstellungen mit dem Begriff Sklaverei verbindet. Einerseits gibt es da tatsächlich die Sklaverei, wie sie in Ägypten, Babylon, Griechenland oder Rom praktiziert wurde. Gerade die eigene Erfahrung als ägyptisches Sklavenvolk dient zur Grundlage für die Gesetze, die dazu führen sollen, dass die „Chefs“ mit ihren Sklaven so gut umgehen, dass sie ihnen gerne freiwillig dienen.
Im Neuen Testament zeigt sich durchgehend die Haltung, dass gläubige Sklavenbesitzer ihre Sklaven mit Würde behandeln und möglichst auch freilassen sollen. Für Sklaven mit ungläubigen Besitzern gilt hingegen, diese durch gute Arbeit und die Kraft der Gnade Jesu von der tatsächlichen Wirksamkeit des Glaubens zu überzeugen. Wo Menschen treu sind und anderen gerne dienen, wird Gottes Liebe, Gnade und Kraft sichtbar.

10 Zitate aus „Die vergessene Generation“ von Sabine Bode

Sabine Bode, Die vergessene Generation: Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Piper Verlag München, 6. Aufl. 2012 Link zu Amazon

[Anmerkung: Mit „Kriegskinder“ bezeichnet die Autorin Kinder, die während des 2. Weltkriegs geboren wurden, genau genommen die Jahrgänge 1930 – 1945]
Jahrzehntelang hatten die Kriegskinder ihre frühen Traumatisierungen verdrängt oder auf Abstand gehalten, doch nun war die Zeit reif, Worte für Erlebnisse zu finden, die bis dahin unaussprechbar gewesen waren. Was dabei sichtbar wurde: Natürlich hat die Begegnung mit Kriegsgewalt und Heimatverlust im späteren Leben Folgen, auch wenn die Betroffenen nicht wahrnehmen, wodurch sie untergründig gesteuert werden.“ (S. 11)
Alle Teilnehmer [eines Seminars] zeigten sich erstaunt über die Tatsache, wie wenig ihnen über ihre Familien bekannt war. Das war die erste Gemeinsamkeit. Die zweite Gemeinsamkeit bestand darin, zu erkennen, dass wir zwar über die Einstellungen und Funktionen unserer Eltern in der Nazizeit recht gut Bescheid wussten, aber emotional und faktisch kaum erfassen konnten, was der Krieg in unseren Familien angerichtet hatte.“ (S. 27)
Im Alter rückt die Kindheit wieder näher. Da hat man das Bedürfnis und endlich auch die Zeit, sich mit seinen Wurzeln und den frühesten Eindrücken zu beschäftigen.“ (S. 32)
Um in Ruhe alt werden zu können, brauchen Menschen ihre komplette Biografie, ohne leere Stellen, ohne Schatten. Das gehört zu den Menschenrechten.“ (S. 143)
Traumatische Ereignisse bewirken tiefgreifende und langfristige Veränderungen in der physiologischen Erregung, bei Gefühlen, Wahrnehmung und Gedächtnis. Überdies werden diese normalerweise aufeinander abgestimmten Funktionen durch ein traumatisches Erlebnis manchmal voneinander getrennt. Der Traumatisierte empfindet zum Beispiel intensive Gefühle, kann sich aber nicht genau an das Ereignis erinnern; oder er erinnert sich an jedes Detail, empfindet aber nichts dabei. Er ist vielleicht ständig gereizt und wachsam, ohne zu wissen, warum.“ (S. 202)
Kinder wissen instinktiv, dass sie Bedrohungen am besten verkraften, wenn sie in Gemeinschaft mit anderen das Geschehen nachspielen. Meistens sind sie in der Lage, auf diese Weise ihr seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen.“ (S. 204)
Der Ausbruch der Gewalt im Balkan in den Neunzigerjahren hat gezeigt, dass das Langzeitgedächtnis für unverarbeitete kollektive Schrecken nachtragend und unberechenbar ist. Fünfzig, sogar hundert Jahre können verstrichen sein, und man glaubt, die Zeit habe alle Wunden geheilt – aber dann eskaliert irgendein Konflikt, und eine ungeheure Zerstörungskraft bricht auf. Unverarbeitete kollektive Traumata können sich in Ressentiments niederschlagen wie auch in blutigen Auseinandersetzungen. Ähnlich wie bei Blindgängern und Giftmülldeponien bestünde verantwortliches Handeln darin, die Gefahr zu entschärfen, bevor sie zum Ausbruch kommt.“ (S. 263f)
Menschen gelingt es am besten, ihr Leid zu verarbeiten, wenn sie die Unterstützung der Gemeinschaft spüren. Wer dagegen in seiner Opferrolle verharrt, bereitet auch seine Kinder und Kindeskinder darauf vor. Auf diese Weise werden sie anfällig für Manipulationen und eine leichte Beute für politische Rattenfänger. Große Opfergruppen, die ständig jammern, ob versteckt oder offen, schwächen die Demokratie.“ (S. 264)
In unserer Kultur finden Gemeinschaftsrituale, in denen öffentlich Unrecht bezeugt wird, nur im Gerichtssaal statt. Dort steht aber nicht das Opfer im Mittelpunkt, sondern der Täter. Und da Richter nicht die Aufgabe haben, Trost zu spenden, sondern die Wahrheit herauszufinden, weshalb Opfer häufig wenig einfühlsam befragt werden, besteht die Gefahr, dass Gerichtsverhandlungen einem traumatisierten Menschen eher schaden.
Was bleibt? Eigentlich nur die Trauerfeier. Tränen sind erlaubt. Die Gemeinschaft tröstet. Vorausgesetzt, es handelt sich um ein stimmiges und nicht um ein leeres Ritual.“ (S. 269f)
Was geschieht, wenn das Kind täglich katastrophalen Kriegsereignissen ausgesetzt ist, wenn es miterlebt, dass andere, womöglich ihm nahestehende Menschen getötet und verstümmelt werden, dass Erwachsene, die Schutz bieten sollten, verschwinden, selbst dekompensieren und dadurch psychisch verschwinden? Je nach Alter wird das Kind mit Rückzug, Depression, Ess- und Schlafschwierigkeiten, übertriebenem Anklammern, Einnässen und Einkoten, um nur einige Symptome zu nennen, reagieren.
Es könnte auch geschehen, dass dieses Kind während der traumatischen Erfahrung ‚abschaltet‘, sich so verhält, als sei das alles nicht wahr, als geschehe es nicht wirklich, und dieser Zustand des Ausblendens der Wirklichkeit würde sich verfestigen, sodass auch der spätere Erwachsene Schwierigkeiten hätte, das Hier und Jetzt angemessen wahrzunehmen und einzuordnen.
Dieses Ausblenden der Gegebenheiten und einer angemessenen Auseinandersetzung mit dem, was geschehen ist, dürfte ein kollektives Problem des deutschen Volkes gewesen sein.“ (S. 301)

New City Katechismus auf deutsch

Wie können wir auf möglichst einfache Art und Weise die wichtigen Inhalte und Wahrheiten der Bibel lernen und möglichst gut im Gedächtnis behalten?

Diese Frage hat schon viele Generationen von Theologen, Pfarrern, Reformatoren, Pastoren, Kinderstunden-Mitarbeiter und so weiter beschäftigt. Eine sehr gute Möglichkeit dazu ist die Verwendung eines Katechismus. Katechismus kommt vom griechischen Verb katechein, das bedeutet „festhalten“. Paulus benutzt es im Brief an die Korinther:
Ich erinnere euch aber, ihr Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch gerettet werdet, wenn ihr an dem Wort festhaltet, das ich euch verkündigt habe — es sei denn, daß ihr vergeblich geglaubt hättet. (1. Kor. 15, 1 – 2)

Jede Generation muss die Frage wieder neu beantworten, auf welche Weise man diese Botschaft am besten an die nächste Generation weitergibt. Deshalb gibt es auch sehr viele Katechismen aus allen Jahrhunderten. Martin Luther hat zwei Katechismen geschrieben: Einen großen und einen kleinen. Johannes Calvin hat einen geschrieben. Dann gibt es den Heidelberger und den Westminster Katechismus. Richard Baxter schrieb einen Katechismus für die Familien seiner Gemeinde. Und so weiter. Auch heute können solche Katechismen hilfreich sein, um die Botschaft des Evangeliums in kleinen Häppchen immer besser kennen zu lernen.

Timothy Keller von der Redeemer Presbyterian Church in Manhattan, New York, hat einen solchen Katechismus für die heutige Zeit zusammengestellt. Er besteht aus 52 Fragen – damit für jede Woche im Jahr eine Frage und eine Antwort. Damit Kinder und Erwachsene zugleich lernen können, hat Keller jede Antwort in zwei Farben verfasst. Der blaue Teil ist für Kinder, während Erwachsene den kompletten (blauen und schwarzen) Text lernen.

Ich habe den Katechismus vor einiger Zeit mal übersetzt, habe aber erst mal noch gewartet, ihn öffentlich zur Verfügung zu stellen, da ich ihn eigentlich noch einmal durchsehen wollte. Dazu bin ich noch nicht gekommen. Da sich aber in letzter Zeit die Anfragen danach gehäuft haben, will ich nun einfach mal zur Verfügung stellen, was bisher da ist. Wer Anmerkungen, Fragen oder Verbesserungevorschläge hat, darf sich daher gern bei mir melden.

Hier geht es zum PDF.


Bezahlter Missbrauch

Ich habe in den letzten Tagen das Buch „Paid for“ von Rachel Moran gelesen. Es geht um ihren Weg in die Prostitution, was sie darin erlebt hat und wie sie wieder herausgekommen ist nach sieben Jahren als Prostituierte in Irland. Sie erzählt dabei nicht nur von sich selbst, sondern bezieht die Erfahrungen vieler anderer Frauen mit ein, die sie dabei kennengelernt hatte und sieht deshalb auch viele Dinge, die quer durch die Prostitution hindurch gültig sind. Auch wenn mir vieles darin bereits bekannt war, hat mich das Buch immer wieder betroffen gemacht.
Die zentrale Aussage des Buches ist ungefähr die: Eine Frau, die sich prostituiert, erlaubt damit dem Mann, der sie bezahlt, dass er sie sexuell missbrauchen darf. Sie hat damit ihr Recht verkauft, den sexuellen Ausbeuter verklagen zu können – und damit hat sie sich selbst verarscht.
Wie kommen Frauen in die Prostitution? Rachel Moran kam aus einem sehr schwierigen Elternhaus. Fünf Kinder, die von Eltern erzogen wurden, die beide erhebliche psychische Probleme hatten. Der Vater wurde oft in einer psychiatrischen Klinik stationär behandelt, die Mutter war manisch-depressiv und hatte Angst vor der Umwelt. Alle Menschen waren böse, die Kinder wurden eingeschlossen ins Haus und durften nur zur Schule oder um das Nötigste einzukaufen das Haus verlassen. Rachel fühlte sich deshalb schon als Kind als Außenseiter der Gesellschaft. Sie konnte sich kaum vorstellen, einen respektablen Beruf auszuüben. Als sie etwa dreizehn war, beging der Vater Selbstmord und wenige Monate darauf wurde sie von der Mutter aus dem Haus geworfen. Sie war obdachlos geworden.
Obdachlosigkeit und die finanzielle Lage sind Probleme, die viele Frauen in die Prostitution bringen. Wer obdachlos ist, hat überhaupt kein Zuhause mehr, absolut keine Sicherheiten, und das ist ein riesiger Druck. Ein Freund, der auch obdachlos war, empfahl ihr, es mal mit der Prostitution zu versuchen. Sie hörte auf ihn, und war bald darauf (mit 15 Jahren!) eine Straßenprostituierte.
Die ganzen brutalen Erlebnisse erspare ich dem Leser mal, wer mehr wissen möchte, kann sich das Buch auch besorgen. Ok, ein Erlebnis ist mir ganz tief unter die Haut gegangen, das erzähle ich doch nach. Einmal, als sie mit 15 auf der Straße stand, kam ein Auto und ein Vater wollte seinem Sohn die Entjungferung durch eine junge Prostituierte schenken. Das finde ich ganz was Schreckliches, die Frage ist doch: Was geben wir der nächsten Generation für ein Bild von der Frau weiter? Auf diese Art lernte doch der Junge, dass sein Vater die Frau nur als ein Stück Fleisch auf dem Markt ansieht. Kein Wunder, dass die Probleme so zunehmen.
Als sie etwa 3 Jahre in der Prostitution war, führte Irland ein neues Gesetz ein, das die Prostitution von der Straße in die Bordelle und Call-Agenturen verbannte. Das Gesetz war dazu gedacht, die Sicherheit der Prostituierten zu erhöhen, aber es führte zum Gegenteil dessen: Auf der Straße war es Moran möglich, sich die „Kunden“ erst mal anzuschauen und dann auszusuchen, ob sie das Angebot annahm. Sie konnte so etwa Betrunkene am Atem herausriechen und wieder wegschicken. Im Call-Center war das nur anhand der Stimme viel schwieriger; auch wollten die Betreiber, dass sie nicht nein sagen. Dies führte zu viel mehr Gewalt und Leid (mal davon abgesehen, dass jeder Kunde eine Menge Leid und Gewalt bedeutete).
Nach sieben Jahren hörte sie auf. Sie hatte ein starkes Drogenproblem entwickelt – außerdem hatte sie einen Sohn, der in der Zeit in der Prostitution zur Welt gekommen war. Doch was konnte sie tun? Im ersten Jahr stieg sie aus den Drogen aus. Doch sie konnte sich kaum vorstellen, einen „normalen“ Beruf zu lernen, weil sie sich als Außenseiterin fühlte. Respektable Arbeiten können doch nur respektable Menschen tun. Und dazu zählte sie sich nicht. Doch Stück für Stück während vieler Jahre konnte sie einen Schulabschluss (College) nachholen und an der Universität in Dublin Journalismus studieren. Dies nur, weil sie Menschen um sich bekam, die ihr halfen, sie hatte ja keine Ahnung von all den Möglichkeiten.
Was können wir tun?
Zunächst ist es wichtig, dass wir Prostitution als das sehen, was sie ist: Nämlich sexueller Missbrauch gegen Bezahlung. Am Missbrauch ändert die Bezahlung nichts. Deshalb sollte die Inanspruchnahme dieser Dienste verboten werden – und gleich bestraft wie sexueller Missbrauch ohne Bezahlung. Vielleicht wäre es an der Zeit, eine Petition dazu zu starten.
Sodann ist es auch wichtig, was wir der nächsten Generation darüber weitergeben. Die Prostitution ist ein Thema, das nicht verschwiegen werden darf. Kinder werden früher oder später darüber stolpern; etwa wenn sie an der Schule die ersten Schimpfwörter entdecken und nach Hause bringen. Spätestens dann – besser vorher – ist Aufklärung darüber nötig.
Die Frage ist auch, wie wir Prostituierte sehen. Sie sind da, sie leiden unter ihrem Leben. Sie können häufig nichts dafür, wo sie gelandet sind. Sie brauchen Hilfe. Sie belügen sich selbst, weil sie keinen anderen Ausweg wissen, als eben in der Prostitution zu bleiben. Der Schritt heraus ist sehr schwierig und braucht viele Menschen und Hilfe.
Können wir Auffangnetze für diese Frauen aufbauen? Könnten das unsere Gemeinden sein? Könnte es sogar sein, dass das eine unserer Aufgaben als Gemeinden ist? Darüber lohnt sich nachzudenken.
Wenn Du weitere Gedanken, Fragen und Ideen hast, bin ich dafür immer dankbar!

Papahilfen #1: Das Tragetuch

Unter dem Stichwort „Papahilfen“ möchte ich ein paar Sachen vorstellen, die ich als junger Papa unseres kleinen Sohnes schätzen gelernt habe. Manche Väter haben das Gefühl, dass man mit einem ganz kleinen Baby in den ersten Monaten nur wenig unternehmen und machen kann. Deshalb eine kleine Serie über Hilfsmittel, die ich gut finde.
Das Tragetuch ist eines der ältesten und am weitesten verbreiteten Hilfen, um ein Kind mit sich herumzutragen. Am Anfang ist es etwas gewöhnungsbedürftig, vorne am Körper das Gewicht des Kindes zu tragen. Da hat die Mama schon etwas mehr Erfahrung und Gewöhnung durch die Schwangerschaft. Mir persönlich ist es zu Beginn schwer gefallen, unseren Sohn länger als 10 Minuten so zu tragen. Das hängt einfach damit zusammen, dass ich untrainiert war. Inzwischen finde ich es sehr angenehm und mache auch schon kürzere Spaziergänge mit dem Tuch.
Mir gefällt dabei, ihn direkt an mir zu tragen und zugleich die Hände (mindestens eine Hand) frei zu haben. Ohne Tragetuch ist das viel schwieriger. So kann ich auch bestimmte Arbeiten erledigen und zugleich meinen Sohn an mir tragen. Man sollte sich allerdings daran gewöhnen, den Kopf zu stützen, wenn man sich vorne herunterbeugt, weil ein Baby noch nicht so viel Kraft im Hals hat, um ihn in dem Moment selbst gerade zu halten.
Ein Tragetuch zu binden ist nicht schwierig. Ich habe verschiedene Varianten getestet und muss sagen, dass ich die Kreuztragetechnik am einfachsten und angenehmsten finde. Hier in dem Video unten wird die Art ab 0:50 gezeigt. Im Herbst werde ich voraussichtlich noch einen Kursabend bei unserer Hebamme besuchen, wo es um weitere Tragetechniken und -hilfen geht. Vielleicht werde ich dann nochmal Neues erzählen können.

Wie wird ein Junge zum Mann? Gedanken zu Robert Blys „Eisenhans“

Im Laufe der vergangenen zwei Wochen habe ich das Buch „Eisenhans“ von Robert Bly gelesen. Ich muss dazu vorausschicken, dass mich das Werk als Ganzes enttäuscht hat. Dies wird zum Teil auch daran liegen, dass ich hohe Erwartungen an das Buch hatte. Seit ich vor einigen Jahren John Eldredges „Der ungezähmte Mann“ gelesen hatte und dieser Bly mehrmals lobend zitiert, war mir klar, dass ich den Eisenhans auch noch lesen muss. Nun habe ich mir die deutsche Übersetzung besorgt, da sie antiquarisch inklusive Versand günstiger war als das englische Original.
Enttäuscht hat mich dabei nicht, dass es kein theologisches Werk war. Mir war klar, dass da ein heidnischer Dichter am Werk war. So konnte mich weder erstaunen, dass er den Gott der Bibel ein schlechtes Vorbild nannte, noch dass er der Meinung war, dass im Christentum Satan der böse Bruder von Jesus sei. Das deutet zwar auf schlechte Recherche hin, war mir in diesem Fall jedoch ziemlich egal.
Enttäuschend war vielmehr die Art, wie argumentierte, nämlich häufig gar nicht. Viele seiner Behauptungen sind entweder gänzlich unbegründet, oder dann beruft er sich oft auf Gedichte bestimmter Dichter, welche er dann als „Argumente“ heranzuziehen versucht. Dass diese Gedichte häufig überhaupt nicht in den jeweiligen Zusammenhang passen, mag zuweilen den Grund in der Übersetzung haben. Aber allein eine Behauptung damit begründen zu wollen, dass jemand etwas Entsprechendes in ein Gedicht gefasst hat, ist mir persönlich zu wenig.
Auch hat mich seine blumige und metaphorische Sprache gestört. Er gebraucht viele Bilder; er will etwa in der Seele eines jeden Mannes sage und schreibe sieben verschiedene Charaktere mit je einer positiven und einer negativen Seite finden. Da jeder dieser sieben Charaktere drei bis vier verschiedene Namen trägt, wird es zuweilen recht komplex, der Schilderung zu folgen.
Dennoch gibt es einige Perlen zu finden in diesem Buch. Um jene soll es heute gehen. Bly wagt sich in seinem Buch nämlich an ein sehr wertvolles Thema heran. Er versucht, mit der Hilfe des Grimm’schen Märchens „Der Eisenhans“ zu erklären, wie ein Junge zum Mann wird. Sein Buch ist eine Abschnitt-für-Abschnitt-Auslegung dieses Märchens, und jeder Abschnitt wird dabei auf die Wortwahl, Bildwahl und Analogien aus den Mythologien und Praktiken der verschiedensten Völker und Kulturen untersucht.
Bly kommt dabei zu einem Ablauf des Übergangs, der sich in sehr vielen Kulturen – obwohl sich die genauen Umstände stark unterscheiden können – gleicht. Sehen wir uns diesen Ablauf mal an. Um es einfacher zu machen, versuche ich, die langwierigen Erklärungen dazu in eigenen Worten in Kürze wiederzugeben:
1. Bindung an und Lösung von der Mutter. Das Kind bindet sich bereits vor der Geburt, aber vielmehr noch danach, sehr stark an die Mutter. So kann es Vertrauen aufbauen und viel Wichtiges lernen. Diese Zeit umfasst die ersten etwa sieben bis acht Jahre.
2. Wechsel vom „Reich der Mutter“ ins „Reich des Vaters“.Dies geschah (und geschieht noch heute in vielen Kulturen) dadurch, dass der Vater seine Söhne mit zu seiner Arbeit nimmt und sie in den Fertigkeiten seines Berufs ausbildet. Dies fällt bei uns häufig weg, da viele Väter ihre Kinder nicht an ihren Arbeitsplatz nehmen (dürfen).
3. Lösung vom Vater und Wechsel zum Mentor. Der Mentor ist in den meisten Kulturen eine Gemeinschaft der älteren Männer. Diese, welche bei uns heute im Seniorenheim weggesperrt werden. In der christlichen Kultur war es lange Zeit der Taufpate, welcher die Aufgabe des Mentors übernommen hatte.
Was lernte der Junge beim Mentor? Zuerst lernte er, sich in ein neues Umfeld einzugliedern. Interessant ist da etwa auch die Lehr- und Wanderliteratur, da bei den wandernden Lehrlingen der Lehrmeister die Aufgabe des Mentors übernahm. Wem das zu lange ist, der kann sich auch mal die Ballade von J. W. v. Goethe „Der Zauberlehrling“ vornehmen. Dort erkennt man einen Lehrling, der wohl schon einige Zeit bei seinem Meister war, aber wie er sich anhört, durfte er wohl noch kaum selbst das Metier erlernen, sondern wurde zum Putzen und Aufräumen abkommandiert. Und dann – endlich – als der Meister einmal weg ist, da kann der Lehrling mal ausprobieren, was er von seinem Meister gesehen und gehört hatte.
Bly nennt dies den „Weg der Asche“. Man muss beim Mentor erst mal unten anfangen. Bei den Eltern ist man bekannt, da „ist man wer“. Beim Mentor muss man sich erst beweisen, man muss im Kleinen treu sein, um dann die größeren Aufgaben zu bekommen. So war es in den Lehr- und Wanderjahren häufig so, dass der Lehrling die ersten Monate nur putzen und aufräumen durfte. Wenn der Meister damit zufrieden war, dann begann die eigentliche „Lehre“.
Beim Mentor darf der junge Mann erst mal sich selbst kennenlernen. Er darf sich austoben und wachsen lernen. Man lernt sich selbst und seine Seele, seine Wunden, seine Stärken und Schwächen ganz neu kennen. In diese Zeit fällt auch eine Zeit der Trauer, denn das Kind, das man mal war, das stirbt langsam – und nach dieser Zeit ist man ein neuer Mensch – ein Mann. In manchen Kulturen gibt es am Ende dieser Zeit einen neuen Namen und der junge Mann wird seinen Eltern ganz neu vorgestellt, als ob sie ihn noch gar nicht gekannt hätten.
Ein wichtiger Punkt ist auch, dass man in dieser Zeit lernen muss, sich zu entscheiden. Man muss sich fragen, was einem wichtig ist und was nicht. Muss lernen, Prioritäten zu setzen.
Am Ende dieser Zeit kommt die Entdeckung. Im Märchen des Eisenhans lernte der junge Königssohn viel und wurde wegen seines Könnens am Schluss entdeckt. Die Leute wollen wissen, wer das ist, weil sein Können auffällt.
Eine solche Zeit des Mentors fehlt uns heute. Viele junge Männer wollen den dritten oder oft auch den zweiten und dritten Schritt überspringen. Das kann nicht gut kommen, denn der Mensch ist immer noch derselbe, er hat immer noch dieselben Bedürfnisse in sich.
Viele Probleme lassen sich auf diesen Mangel an Übergang in die Männerwelt zurückführen. Etwa die Probleme, die in der Pubertät auftauchen, wenn Jungen sich plötzlich von ihren Eltern distanzieren, was zu Streit führt. Sie merken, dass sie eigentlich woanders sein sollten, bei einem Mentor. Doch es mangelt an Mentoren und am Wissen, was diese weitergeben sollen.
Der Tenor lautet heute: Du musst dich selbst anpreisen, kannst nicht warten, bis du entdeckt wirst. Diese Selbstprostitution (Selbstzurschaustellung) kann dazu führen, dass manche junge Männer mit halbgegorenen Fähigkeiten schnell die Karriereleiter erklimmen, aber irgendwo steckenbleiben und nicht weiterkommen, weil sie zu ungeduldig waren und viele wichtige Charaktereigenschaften nicht gelernt haben.
Es ist alarmierend, dass zunehmend mehr Ausbildungsbetriebe darüber klagen, dass die Bewerber nicht ausbildungsfähig sind, weil es an den grundlegendsten Fähigkeiten wie etwa Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Ordnung fehlt. Das hat mit einem systematischen Versagen der Gesellschaft zu tun.
Auch die sogenannte Midlife-Crisis lässt sich darauf zurückführen, dass die Menschen in ihrer Lebensbildung einen Schritt übersprungen haben, nämlich zumindest den dritten. In der Zeit sollten nämlich die Menschen selbst zu Mentoren heranwachsen und merken, dass ihnen etwas fehlt, was sie weitergeben sollten. Sie beginnen rastlos danach zu suchen, was genau ihnen fehlt – und niemand ist da, der ihnen dabei helfen kann.
So weit meine Gedanken zu dem, was ich von Bly gelesen habe. Am Ende bleibt eine Leere übrig: Es fehlen die Hinweise darauf, wie man es besser machen kann. Wertvolle Analysen, ich nenne sie „Perlen“, doch keinerlei Verbesserungsvorschläge oder Hinweise darauf, was man damit machen kann. Wer hat eine Idee?