Killing Beauty Teil 2: Licht und Ordnung

Im ersten Teil (Link) sind wir mit Justin, Clemens und Irenäus den Spuren einer gefährlichen Schönheit nachgegangen – einer Schönheit, die Wahrheit meint und formt. Jetzt, mit Augustinus, beginnt eine neue Epoche: Schönheit als Ordnung, als Licht, als geistige Architektur.

Augustinus und die geistige Architektur der Schönheit

Wenn man nach einem Menschen fragt, der das Denken des Westens über Schönheit grundlegend geprägt hat – theologisch, philosophisch, geistlich –, dann landet man früher oder später bei ihm: Aurelius Augustinus, Bischof von Hippo, Denker des Übergangs, Konvertit mit schmerzhafter Erinnerung. Bei ihm wird die Schönheit zum Echo der Ewigkeit.

Und mehr noch: Bei Augustinus beginnt etwas, das die Kirche über ein Jahrtausend prägen wird – eine Theologie der geistigen Form: Schönheit nicht als Oberfläche, sondern als innere Ordnung, als Licht des Verstandes, als Zahl in Harmonie.

Doch wie kommt ein spätantiker Rhetoriker in Nordafrika dazu, ausgerechnet Schönheit zum Thema der Wahrheit zu machen?

Die Schönheit, die aufschreit

In seinen Confessiones, den Bekenntnissen, erinnert sich Augustinus an seine Jahre als junger Mann. Er war getrieben, suchend, stolz, klug. Er lebte für die Sprache, für den Glanz der Worte, für das Lob. Aber innerlich war er leer. Als er sich Christus zuwendet, schreibt er einen Satz, der in seiner Schlichtheit erschüttert:

Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch immer neu, spät habe ich dich geliebt. Und siehe, du warst in meinem Innern und ich draußen; und draußen suchte ich dich und stürzte mich in meiner Häßlichkeit auf die schönen Gebilde, die du geschaffen. Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Weit weg von dir zog mich, was doch keinen Bestand hätte, wenn es nicht in dir wäre. Du hast mich laut gerufen und meine Taubheit zerrissen; du hast geblitzt und geleuchtet und meine Blindheit verscheucht.“
(Confessiones X,27)

Dieser Satz ist kein romantisches Pathos. Es ist der Aufschrei eines Menschen, der verstanden hat, dass wahre Schönheit nicht ergriffen, sondern offenbart wird. Augustinus bekennt: Ich suchte Schönheit in allem – nur nicht in Gott. Und doch war sie da. Nicht in den Augen, sondern in der Seele. Nicht in der Welt, sondern hinter ihr.

Ordnung ist das Erste – und das Letzte

Was ist schön? Für Augustinus ist die Antwort klar: Schön ist, was Ordnung hat. Was Maß hat. Was Licht ist. Nicht das, was glänzt, sondern das, was innerlich stimmt.

Diese schönen Dinge gefallen also aufgrund von Zahl, in der, wie wir schon gezeigt haben, Gleichmaß gesucht wird. Und das findet sich nicht nur in der Schönheit, die das Gehör betrifft und in der Bewegung des Körpers liegt, sondern auch in den sichtbaren Formen – wo der Begriff Schönheit ja noch geläufiger gebraucht wird. Oder meinst du, dass das etwas anderes ist als zahlenmäßige Gleichheit, wenn gleiche Glieder gleichen Gliedern entsprechen und die Einzelelemente eine mittlere Position einnehmen, so dass die Abstände auf beiden Seiten gleich sind? […] Und was ist mit dem sichtbaren Licht, das den Vorrang unter allen Farben hat – denn auch Farbe erfreut uns an Körperformen? Was suchen wir in Licht und Farben anderes, als das, was mit unseren Augen übereinstimmt? Denn allzu grelles Licht meiden wir, und zu Dunkles wollen wir nicht sehen – ebenso wie wir auch allzu laute Töne ablehnen und das bloße Geflüster nicht mögen. Das liegt nicht an den zeitlichen Abständen, sondern am Ton selbst, der gleichsam das Licht solcher Zahlen ist, dem so die Stille entgegengesetzt ist wie die Dunkelheit der Farbe.
(De Musica, VI, 13.38)

Damit mit Schönheit meint Augustinus nicht Präzision, sondern alles, was der Seele Ruhe gibt. Es geht ihm um eine Gleichmäßigkeit, um Ordnung. Schönheit ist nicht Lautstärke, sondern Struktur. Der Kosmos ist schön, weil er geordnet ist. Ein Psalm ist schön, weil er Rhythmus hat. Eine Seele ist schön, wenn sie im Einklang mit Gott lebt. Und je mehr etwas sich in sich selbst verliert, desto schöner wird es. Denn Schönheit ist nicht Selbstinszenierung, sondern Selbstvergessenheit in Gott.

Zahl, Musik, Licht – Schönheit als Spiegel des Ewigen

Augustinus glaubt: Zahl ist Gottes Handschrift in der Schöpfung. Nicht Mathematik im modernen Sinn – sondern das, was das Chaos bindet, das Maß gibt. Alles Sichtbare ist verwoben mit Ordnung. In der Musik etwa sieht Augustinus die Ordnung des gesamten Universums. Töne, Pausen, Wiederholung, Kontrast bilden ein System. Und dieses System verweist auf eine höhere Wirklichkeit. Schönheit ist immer eine Art Abglanz. Wie der Mond das Licht nicht aus sich hat, sondern empfängt, so auch jede Form. Sie glänzt nicht von sich – sie zeigt die Spur des Unendlichen. Darum spricht Augustinus oft vom Licht. Nicht das Licht der Sonne – sondern das Licht des Geistes. Wahrheit ist Licht. Und das Licht bringt Schönheit hervor.

Die innere Welt – und der Kampf um sie

Aber diese Schönheit ist nicht billig. Denn Augustinus kennt auch das Chaos. Sein Leben ist geprägt von Unordnung: Sexuelle Begierde, geistiger Hochmut, religiöse Irrwege. Für ihn ist klar: Das Hässliche beginnt dort, wo das Maß verlassen wird. Nicht das Fleisch ist böse, sondern das Maßlose. Nicht das Sichtbare ist verwerflich, sondern das Ungeordnete. Nicht das Begehren ist falsch – sondern grenzenlose Begierde. Diese ethisch-ästhetische Verbindung ist für Augustinus entscheidend: Das Schöne ist das Gute – und das Gute ist das Wahre. Dreifach verflochten – untrennbar. Und darum auch: gefährlich. Denn wer Schönheit ohne Wahrheit sucht, gerät in die Irre.

Die Kirche als Architektur der Wahrheit

Augustinus ist nicht nur Mystiker – er ist auch Kirchenvater. Für ihn ist Kirche geformte Schönheit. Die Liturgie: rhythmisch, maßvoll, wiederholend. Die Lehre: klar, geordnet. Die Gemeinschaft: ein Leib, viele Glieder – jeder am rechten Ort. Diese Denkweise prägt die Jahrhunderte. In den Jahrhunderten nach Augustinus entstehen Kirchenräume als Theologie aus Stein:

  • – Maß, Zahl, Licht – gotische Fenster, romanische Bögen– Ikonen: nicht individuell, sondern typologisch– Figuren: immer gleich – weil sie nicht Persönlichkeit darstellen, sondern weil sie primär etwas lehren wollen. Die äußere Form wird zum Träger der inneren Wahrheit. Und wo alle Figuren gleich aussehen, geht es nicht um Kreativität – sondern um Klarheit. Nicht die Seele des Malers soll glänzen, sondern das Antlitz Christi.

Wenn wir heute Bilder oder Statuen aus dem Mittelalter anschauen, ist unsere Sicht dieser Zeit von drei Strömungen geprägt, die wir noch im Detail ansehen werden. Jede Form von Kunst ist findet immer auf einem größeren Spektrum von äußerer Realität und innerer Realität statt. Äußere Realität ist das, was man sehen kann, möglichst 1:1 abbilden. Innere Realität sind die Gefühle und Gedanken, die man damit verbindet, die Dinge, die man mit seiner Kunst anderen weitergeben will. Insofern ist Kunst immer eine Form der Kommunikation. Das Mittelalter war stark von der inneren Realität geprägt: Bilder sollten primär lehren, sie waren die Bilderbibel für die Gesellschaft. Heute nehmen Comics eine ähnliche Funktion ein. Sie sind die Bilderbibeln einer nachchristlichen Gesellschaft, die langsam das Lesen verlernt. Mit Superhelden und anderen Erlöserfiguren.

 

Die Klarheit des Seins – Thomas von Aquin und die Schönheit

Wenn Augustinus der Denker der inneren Ordnung war, dann ist Thomas von Aquin der Theologe der sichtbaren Klarheit. Bei ihm wird Schönheit nicht nur geistlich, sondern seinsmäßig gedacht. Schönheit ist kein Beigeschmack, sie ist ein Wesensmerkmal der Wirklichkeit.

Schön wird ja genannt, was, wenn es gesehen wird, gefällt. Es besteht das Schöne deshalb im gebührenden Verhältnisse der Teile zu einander. Denn die Sinne gefallen sich in Dingen, welche gebührende Proportionen in ihren Teilen haben, wie in dem, was mit ihnen Ähnlichkeit hat; ist ja doch auch der Sinn in gewisser Weise Vernunft, sowie jede Erkenntniskraft überhaupt.“
(Summa Theologiae I, 5, 4)

Doch dieses „Gefallen“ ist bei Thomas nicht subjektiv, nicht launisch, nicht emotional. Es ist ein „richtiges Gefallen“ – eine Reaktion auf das, was ist. Schönheit ist nicht Stimmung – sie ist Erkenntnis. Sie gefällt, weil sie wahr ist.

Thomas nennt drei Merkmale des Schönen:

  1. Integritas (Ganzheit):
    Etwas ist schön, wenn es vollständig ist, wenn nichts Wesentliches fehlt. Ein abgebrochener Ton, eine zerstörte Statue – sie erschüttern uns, weil uns das Ganze fehlt. Schönheit ist die
    Gegenwart des Vollständigen.
  2. Consonantia (Harmonie, Proportion):
    Maßverhältnisse, Rhythmus, Zahlen – Schönheit lebt vom Einklang. In Musik, Architektur, Ethik.
    → Wenn Proportion verloren geht, entsteht Spannung. Wenn alles stimmt, entsteht Frieden.
  3. Claritas (Leuchtkraft, Klarheit):
    Hier denkt Thomas augustinisch weiter: Schönheit ist, was leuchtet. Nicht was laut ist. Sie hat
    eine Klarheit, die sich der Seele mitteilt. Nicht Licht als physische Erscheinung, sondern das geistige Leuchten der Wahrheit.

Diese drei Prinzipien gelten für alles Seiende – nicht nur für Kunstwerke.
→ Ein M
ensch ist schön, wenn sein Leben im Maß ist.
→ Eine Handlung ist schön, wenn sie gut und geordnet ist.
→ Ein Gedanke ist schön, wenn er klar und wahr ist.

Schönheit ist objektiv – aber nicht neutral

Für Thomas ist klar: Schönheit ist nicht im Auge des Betrachters. Sondern in der Wirklichkeit selbst. Sie ist nicht eine „Meinung“, sondern eine Eigenschaft – wie Wahrheit oder Güte. Das bedeutet: Schönheit kann täuschen – wenn sie nicht echt ist. Ein schönes Gesicht kann lügen. Eine kunstvolle Lüge kann glänzen. Aber sie ist nicht wirklich schön – weil sie nicht gut ist. Das ist die entscheidende Linie:
Schönheit ist nie nur Form – sie ist immer auch etwas Moralisches, etwas Wahres.
→ Was nicht gut ist, ist nicht schön.
→ Was nicht
wahr ist, ist nicht schön.

Theologie als Ästhetik des Seins

Mit Thomas wird Theologie zu einer Art metaphysischer Architektur:

  • Gott als reiner Akt des Seins – das höchste Maß, das größte Licht
  • Die Welt als Spiegel dieses Seins – fragmentarisch, aber real
  • Der Mensch als Mit-Schöpfer – fähig, Schönheit zu erkennen und weiterzugeben

Deshalb konnte die mittelalterliche Kirche nicht anders, als Kirchen zu bauen, Bilder zu malen, Gesänge zu singen – sie musste Schönheit schaffen. Nicht zur Unterhaltung – sondern zur Wahrheit. Weil Gott die höchste Schönheit ist, zieht er uns an – nicht durch Gewalt, sondern durch Herrlichkeit. Thomas hat es nie so poetisch formuliert wie Augustinus. Aber sein Denken ist wie eine Kathedrale: Klar, hoch, durchdacht, und geordnet auf das Licht hin.

 

Schönheit im Widerspruch – Peter Abaelard und das Denken in Gegensätzen

Zwischen Benediktinermönchen und Scholastikern, zwischen Klang und Konzept, zwischen Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin – da steht Petrus Abaelardus.
Brillant. Umstritten. Leidenschaftlich. Und tief verwickelt in eine der seltsamsten, schmerzhaftesten Liebesgeschichten der Kirchengeschichte: Heloise und er.

Aber hinter seiner tragischen Biografie steht ein Kopf, der die Dialektik zum Werkzeug der Wahrheit machte – und damit auch Schönheit auf neue Weise denken ließ.

Sic et Non – das Schöne im Spannungsfeld

Abaelards berühmtestes Werk trägt den paradoxen Titel Sic et Non„Ja und Nein“. Darin stellt er Dutzende Aussagen von Kirchenvätern nebeneinander – die sich scheinbar widersprechen. Nicht, um sie zu zerstören. Sondern um zu zeigen: Wahrheit wächst im Ringen. Schönheit auch. Für Abaelard ist Schönheit kein einfacher Konsens, kein stiller Glanz, kein goldenes Maß – sondern Spannung. Schönheit entsteht dort, wo Widerspruch nicht zerstört – sondern tiefer führt.

Das Schöne ist, was begründet ist

In seinem Werk Theologia Summi Boni beschreibt Abaelard eine tiefe Einsicht: Nur das, was mit Einsicht geliebt wird, ist wirklich schön. Nicht das Gefühl macht etwas schön, sondern das verstandene Gute. Ohne Erkenntnis ist keine Liebe möglich. Und ohne Liebe ist keine Schönheit vollständig. Das ist seine Version von Augustinus’ Liebesordnung, aber mit einem neuen Ton: Liebe braucht Argumente. Schönheit braucht Gründe.

Form braucht Freiheit – und umgekehrt

Abaelard ist auch ein Musiker. Ein Komponist, der neue Harmonien schreibt. Für ihn ist klar: Die schönste Melodie ist nicht die einfache – sondern die, die Spannung aufnimmt und auflöst. So auch in der Theologie. So auch im Leben. Deshalb steht er im Kontrast zu starren Systemen:

  • – Er liebt Ordnung, aber nicht Vereinfachung– Er sucht Klarheit, aber nicht Kontrolle– Er denkt Schönheit in der Bewegung, aber nicht im Dogmatischen

Abaelard lehrt uns: Schönheit darf widersprechen. Sie darf Fragen stellen. Sie darf uns zwingen, genauer hinzusehen. Denn nur dort, wo das Denken reibt, wird das Licht heller. Vielleicht war er der erste, der ahnte: Schönheit ist nicht Synthese – sondern Suche. Und Gott ist schön, weil er nicht passt. Nicht in unsere Logik, unsere Systeme, unsere Bilder.

Nach Justin, Clemens und Irenäus kommt mit Augustinus eine neue Tiefe. Die Schönheit wird geistig. Sie tritt nicht auf – sie formt. Und mit dem Mittelalter beginnt ein riesiges Projekt: Die Wahrheit wird sichtbar gemacht durch Steine, Zahlen, Lieder, Bilder. Schönheit wird Architektur. Nicht dekorativ, sondern pädagogisch. Und damit auch gefährlich still.

Was bleibt?

Augustinus erinnert uns: Schönheit ist nicht Stil. Sie ist Ordnung im Licht. Und wo das Maß verlassen wird, verliert der Mensch seine Gestalt.

Und wie geht’s weiter?

Die Reformation wird diese Ordnung hinterfragen. Schönheit wird verdächtig. Bilder verschwinden. Kirchen werden weiß. Und doch bleibt eine Frage: Was, wenn Klarheit auch schön sein kann? Im nächsten Teil sehen wir, wie Reformatoren und Puritaner Schönheit nicht verwarfen, sondern zurückführten an den Anfang: zum Wort.

Text mit Hilfe von ChatGPT überarbeitet, Bild von Fooocus

Killing Beauty – eine Reise zum gefährlichen Zentrum der Wirklichkeit

 

Kürzlich habe ich hier von der Konferenz Jesus25.net erzählt (Link). Im Nachgang gab es von den Schweizer Bloggern von Daniel Option einen YouTube Talk dazu. Bitte schaut euch das ganze Video an – es lohnt sich sehr. Einen kurzen Abschnitt will ich euch wiedergeben:

Ja, es gibt ein Themenfeld, das mir sehr wichtig scheint, das durchaus mindestens ein Schwerpunkt sein könnte an einer Jesus 27, von der da gesprochen wurde. Und das ist die Weltzugewandtheit des Glaubens und des Evangeliums. […] Der Begriff der Welt wird unterschiedlich benutzt in der Bibel. Es hat etwas Negatives, etwas, das zum alten Äon gehört, zur alten Welt, die vergeht. Und von der wir uns sehr radikal auch abwenden sollen. […] Oder wir sollen nicht denken wie die Welt, zum Beispiel Römer 12 und so weiter. Also da gibt es … Das ist ein Teil des Bildes. Aber es ist immer auch die Liebe Gottes zur Welt, die ihn ja bewegt, Mensch zu werden in Jesus Christus, also so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab. Und ich finde, hier gäbe es eine wichtige Thematisierung dieser Ausbalancierung.“ (YouTube Talk Daniel Option 38:09-39:10 Link)

Diese Worte haben bei mir eine alte Frage neu angezündet: Wie kann eine Weltzugewandtheit aussehen, die nicht ihre Klarheit verliert? Und was hat Schönheit damit zu tun?

Ich predige und blogge schon lange darüber, dass wir sprachfähig werden müssen – was unsere Kultur und unsere Zeit betrifft. Wir brauchen dringend einen Weg, wieder von der Bibel her über Ästhetik und ganzheitliches Leben nachzudenken. Natürlich nicht nur reden – viel mehr leben. Aber vor dem Leben kommt oft das gedankliche Ringen. Vor etwa neun Jahren wollte ich schon mehr dazu schreiben (siehe hier: Link) und bin dann nicht weiter gekommen.

In den kommenden Wochen und Monaten möchte ich mich auf eine theologische Spurensuche begeben: Schönheit wiederentdecken – nicht als Stilfrage, sondern als geistliche Wirklichkeit.

  • In den ersten Teilen werfen wir einen Blick auf die letzten 2000 Jahre Kirchengeschichte: Was haben Christen über Schönheit, Kultur und Wahrheit gedacht?
  • Danach folgt ein Gang durch die Bibel: Wie spricht die Schrift über Schönheit – Schöpfung, Tempel, Opferkult, Kreuz und neue Schöpfung?
  • Am Ende richten wir den Blick auf unsere Gegenwart. Wir fragen, wie eine biblisch geprägte Ästhetik heute sichtbar, erfahrbar, lebbar sein kann – ohne in Kitsch oder Kritik zu verharren.

„Killing Beauty“ ist keine Klage über den Verfall der Kunst. Es ist ein Versuch, Schönheit wiederherzustellen – indem wir sehen, wie sie uns sieht, richtet, heilt, überführt und verändert. Wenn du magst, komm mit. Wir gehen ganz an den Rand – dorthin, wo Schönheit nicht mehr angenehm ist, sondern gefährlich.

Schönheit als Wahrheit – Justin der Märtyrer

Der erste Kirchenvater, der richtig viel darüber nachgedacht hat, war Justin der Märtyrer. Justin war ein Philosoph. Er war auf der Suche nach Wahrheit und hat auf dieser Suche Jesus Christus gefunden. Justin der Märtyrer († um 165) gehört zu den ersten, die versuchten, den christlichen Glauben öffentlich zu denken – in der Auseinandersetzung mit Philosophie, Religion und Kultur seiner Zeit. Und genau da taucht sie auf:
Die Schönheit. Nicht als Schmuck, sondern als Wahrheit.

Ein Gott, der glänzt

Für Justin ist Christus nicht der schönste Mensch im klassischen Sinn – kein Apoll, keine Statue. Sondern der fleischgewordene Logos: das göttliche Wort, die schöpferische Vernunft, die alle Dinge geordnet hat.

Als Christ erfunden zu werden, das ist, ich gestehe es, der Gegenstand meines Gebetes und meines angestrengten Ringens, nicht als ob die Lehren Platons denen Christi fremd seien, sondern weil sie ihnen nicht in allem gleichkommen, und ebensowenig die der anderen, der Stoiker, Dichter und Geschichtschreiber. Denn jeder von diesen hat, soweit er Anteil hat an dem in Keimen ausgestreuten göttlichen Logos und für das diesem Verwandte ein Auge hat, treffliche Aussprüche getan. Da sie sich aber in wesentlicheren Punkten widersprechen, zeigen sie damit, daß sie es nicht zu einem weitblickenden Wissen und zu einer unfehlbaren Erkenntnis gebracht haben. Was immer sich also bei ihnen trefflich gesagt findet, gehört uns Christen an, weil wir nach Gott den von dem ungezeugten und unnennbaren Gott ausgegangenen Logos anbeten und lieben, nachdem er unsertwegen Mensch geworden ist, um auch an unsern Leiden teilzuhaben und Heilung zu schaffen. (2. Apologie 13, BKV I/1, S. 230)

Die Schönheit, die Justin meint, ist die leuchtende Klarheit der Wahrheit. Alles Wahre – in Musik, Poesie, Architektur, Ethik – ist Teilhabe am Logos. Aber der Logos selbst ist größer. Und er ist personhaft geworden. Der Gekreuzigte – keine ästhetische Figur, aber die tiefste Form von Schönheit.

 

Schönheit, die nicht täuscht

Justin ist kein Romantiker. Er lebt im römischen Reich, in einer Welt voller Bildnisse, Götterfiguren, kultischer Ästhetik – Schönheit war allgegenwärtig. Aber für ihn kann Schönheit täuschen. Sie kann lügen. Sie kann Macht verschleiern. Götterbilder sind Form ohne Wahrheit – schön, aber leer.

Auch die bei euch üblichen Sinnbilder bekunden die Macht dieses Zeichens, ich meine die Feldzeichen und Siegeszeichen, mit welchen ihr überall aufzieht; tragt ihr doch damit, wenn auch unbewußt, die Abzeichen eurer Herrschaft und Macht zur Schau. Auch die Bildnisse der bei euch verstorbenen Herrscher stellt ihr in dieser Form dar und benennt sie noch in Inschriften als Götter. (1. Apologie 55, BKV I/1, S. 213)

Justin erkennt: Wenn Schönheit nicht an die Wahrheit gebunden ist, wird sie zur Täuschung. Oder schlimmer: zum Götzen und Dämon.

Schönheit, die überführt

In seinem Dialog mit Tryphon erzählt Justin von seiner eigenen Bekehrung: Wie er das Evangelium hörte, die Propheten las, das Leben der Christen sah – und wie sich in ihm etwas bewegte, das keine Argumentation je ganz erklären konnte. Es war mehr als Logik. Es war eine Erfahrung. Eine geistliche Schönheit, die ihn ergriff:

In meiner Seele aber fing es sofort an zu brennen, und es erfaßte mich die Liebe zu den Propheten und jenen Männern, welche die Freunde Christi sind. Ich dachte bei mir über die Lehren des Mannes nach und fand darin die allein verlässige und nutzenbringende Philosophie. 2. Dies ist der Weg und dies sind die Gründe, welche mich zum Philosophen gemacht haben. Ich hätte den Wunsch, daß alle vom gleichen Eifer wie ich beseelt wären und keiner von den Lehren des Erlösers sich abwenden möchte. Diese haben nämlich etwas Furchtbares an sich, da sie die, welche vom rechten Wege abweichen, zu schrecken vermögen; dagegen wird angenehmste Erholung denen, welche sich in sie vertiefen. (Dialog mit Tryphon 8, BKV I/1, S. 243)

Was ihn überzeugte, war nicht die Macht der frühchristlichen Kirche, denn sie hatte keine. Es war die Schönheit der Wahrheit. Eine Schönheit, die bereit war, zu sterben.

Schönheit, die aufleuchtet

Justin geht sogar noch weiter. Er behauptet: Alles Wahre, Gute, Schöne in der Philosophie und Kunst der Welt ist nicht falsch – sondern vorausgehende Spur. Ein „Wortsame“ (logos spermatikos) – ein Same des Logos, der in der Welt verborgen liegt. Damit wird Schönheit nicht abgeschafft, sondern zurückgefordert. Justin sagt: Christus ist die Vollendung der Schönheit, nach der alle Philosophen unbewusst suchten. Und diese Schönheit ist nicht harmlos.

Und heute? Wir sind umgeben von Bildern, Produkten, Inszenierungen. Schönheit ist überall – und nirgends. Sie ist Stilmittel, Verkaufstrick, Marketing-Tool. Aber auch Sehnsucht, Leere, Suche. Was wäre, wenn Schönheit wieder eine Frage nach Wahrheit wäre? Justin erinnert uns: Schönheit ist nichts für sich. Sie ist wahr – oder sie ist gefährlich.

Schönheit der Seele – Clemens von Alexandrien und die Erziehung zur Herrlichkeit

Clemens von Alexandrien war einer der ersten Theologen, die eine christliche Theorie der Schönheit entwickelten. Kein Ästhetik-Buch – sondern ein Weltbild: Schönheit ist das, was uns erzieht. Und der Lehrer ist Christus selbst.

Clemens († nach 215) lebte in Alexandria, dem intellektuellen Zentrum der Spätantike. Er war tief in der klassischen Bildung verwurzelt: Philosophie, Dichtung, Mathematik – all das war für ihn kein Feind des Glaubens, sondern ein Werkzeug. Ein Werkzeug in den Händen des Logos, der alles ordnet.

1. Nun war vor der Ankunft des Herrn die Philosophie für die Griechen zur Rechtfertigung notwendig; jetzt aber wird sie nützlich für die Gottesfurcht, indem sie eine Art Vorbildung für die ist, die den Glauben durch Beweise gewinnen wollen. „Denn dein Fuß“, so heißt es, „wird nicht anstoßen“, wenn du alles Gute, mag es sich bei den Griechen oder bei uns finden, auf die Vorsehung zurückführst.
2. Denn Urheber alles Guten ist Gott; aber bei dem einen wie dem Alten und dem Neuen Testament ist das unmittelbar um seiner selbst willen der Fall; bei S. a32 dem anderen wie der Philosophie ist es nur eine Folgeerscheinung.“ (Stromateis I, 5; BKV II/1)

In dieser Linie begreift Clemens auch Schönheit: nicht nur als eine Sinneserfahrung, sondern als Bildung der Seele. Wahre Schönheit entsteht dort, wo Tugend, Wahrheit und Erkenntnis in Harmonie stehen.

 

Für Clemens ist Christus der paidagogos, der göttliche Erzieher. Er macht den Menschen nicht religiös im engeren Sinne, sondern wahrhaft schön – durch Bildung im umfassenden Sinn: moralisch, geistlich, denkend.

„5. Jener Mensch aber, in dem der Logos wohnt, verändert sich nicht, verstellt sich nicht, hat die Gestalt des Logos, wird Gott ähnlich, ist schön, will sich nicht künstlich schön machen; er ist die wahre Schönheit; denn auch Gott ist diese; zu Gott wird aber jener Mensch, weil er will, was Gott will.“ (PaidagogosIII,1; BKV II/1)

Das ist radikal: Die Schönheit Christi ist nicht im äußeren Leib, sondern in der Demut, Sanftmut, Weisheit zu finden. Der Logos ist nicht Maler, sondern Bildhauer an unserer Seele.

 

Clemens bleibt aber kein naiver Kulturoptimist. Er sieht die Gefahr der Oberfläche, der Maskerade, der verführerischen Schönheit, die die Seele zerstreut statt sammelt. Besonders deutlich wird das in seiner Kritik an Luxus und Mode: Schminke, Schmuck, modisches Auftrumpfen – nicht, weil sie an sich böse sind, sondern weil sie den Blick ablenken vom Inneren, vom Maß, von der Wahrheit. Schönheit, wenn sie nicht zur Wahrheit führt, wird zur Täuschung. Genau wie bei Justin – aber bei Clemens mit einem anderen Ton: eher väterlich als apokalyptisch.

 

Für Clemens ist der schöne Mensch der tugendhafte Mensch – der geordnete, der maßvolle, der erlöste. Seine Seele ist im Gleichgewicht. Und darum leuchtet er. Schön ist, findet Clemens, was im richtigen Verhältnis steht, in der richtigen Proportion. Die Kirche ist für Clemens ein Erziehungsraum zur Schönheit. Keine Bühne für Äußerlichkeiten, sondern ein Ort, wo Christus als Lehrer das Innere formt – durch Erkenntnis, durch Wahrheit, durch Liebe.

Und heute?

Was, wenn wir heute genau das verloren haben? Eine Kirche, die ihre Sprache über Schönheit entweder ins Kitschige verschiebt – oder ins Misstrauen. Was, wenn wir wieder lernen müssten, dass Schönheit nicht im Glanz liegt, sondern im Maß? Nicht in der Wirkung, sondern in der Wahrheit? Clemens lädt uns ein, Schönheit nicht zu besitzen – sondern zu werden.

Die heilende Schönheit – Irenäus von Lyon und die Wiederherstellung der Form

Er liebte keine große Rhetorik. Er war kein Künstler der Sprache, sondern ein Pastor. Und doch hat Irenäus von Lyon († ca. 200) eine der kraftvollsten Theologien von Schönheit geschrieben – ohne je das Wort „Ästhetik“ zu benutzen. Denn für ihn ist Schönheit das Ziel: die Wiederherstellung des Menschen, der in Christus zu seiner wahren Gestalt zurückgeführt wird.

 

Die Welt als schöne Idee – aber zerbrochen

Irenäus schreibt gegen die Gnosis – gegen die Vorstellung, die materielle Welt sei schlecht, der Körper eine Falle, und die Erlösung reine Geistflucht. Für ihn ist klar: Gott hat die Welt gut geschaffen und den Menschen .

Sollte aber jemand sagen: „Wie denn? Konnte Gott nicht von Anfang an den Menschen vollkommen machen?“ so soll er wissen, daß Gott, der Unveränderliche und Unerschaffene, an und für sich alles vermag, das Erschaffene aber, eben weil es seinen Anfang erst später genommen hat, deshalb auch seinem Schöpfer nachstehen muß. Was eben geworden ist, kann nicht unerschaffen sein. Weil sie nicht unerschaffen sind, daher bleiben sie hinter dem Vollkommenen zurück. Weil sie jünger sind, darum sind sie gleichsam Kinder und folglich noch nicht gewöhnt und ungeübt in der Wissenschaft des Vollkommenen. Wie nämlich die Mutter ihrem Kinde vollkommene Speise reichen könnte, das Kind aber die zu starke Speise nicht vertragen kann, so war auch Gott imstande, dem Menschen die Vollkommenheit von Anfang an zu gewähren, der Mensch aber war unfähig, sie aufzunehmen; denn er war noch ein Kind. Und deswegen kam unser Herr in den letzten Zeiten, indem er alles in sich rekapitulierte, zu uns, nicht wie er selber hätte können, sondern wie wir ihn zu sehen vermochten. Er hätte nämlich in seiner unaussprechlichen Herrlichkeit zu uns kommen können; aber wir waren nicht im geringsten imstande, die Größe seiner Herrlichkeit zu ertragen. Und deshalb gab er, der das vollkommene Brot des Vaters war, sich uns gleichsam wie Kindern als Milch — denn das war seine menschliche Ankunft — damit wir gleichsam von der Mutterbrust seines Fleisches genährt,durch solche Milchnahrung gewöhnt wurden, das Wort Gottes „zu essen und zu trinken“ , und damit wir imstande wären, das Brot der Unsterblichkeit, welches der Geist des Vaters ist, in uns zu bewahren..“ (Adversus Haereses IV, 38,1; BKV III/1, S. 363)

Die ursprüngliche Schönheit ist eine Schönheit im Werden – dynamisch, wachsend, auf Vollendung hin. Und genau da beginnt die ästhetische Hoffnung: Der Mensch ist formbar – durch Christus.

Im Zentrum der Theologie des Irenäus steht die Recapitulatio – die Rückführung des Menschen durch Christus. Der Sohn nimmt den Weg des gefallenen Menschen auf sich, um ihn in göttliche Ordnung zurückzuführen. Diese Rückführung ist ästhetisch im tiefsten Sinn: Der Mensch wird wieder geordnet, proportioniert, heil. Die zerstörte Schönheit wird nicht überspielt – sie wird erneuert.

 

Schönheit im Leib – gegen den Leibverachtungstrieb

Irenäus ist der erste Theologe, der konsequent eine leibliche Schönheit denkt, ohne in Sinnlichkeit zu verfallen. Weil Gott selbst in den Leib eingetreten ist, verliert der Körper seine Scham. Der auferstandene Christus trägt die Zeichen des Leidens – aber in verklärter Gestalt. Schönheit ist kein Gegensatz zur Verletzung, sondern deren Erfüllung in Licht.

Denn das bloße fleischliche Gebilde ist kein vollkommener Mensch, sondern nur sein Leib und ein Teil des Menschen. Ebensowenig ist die Seele an sich der Mensch, sondern eben nur Seele und ein Teil des Menschen, noch ist der Geist der Mensch, sondern bloß Geist und kann nicht Mensch genannt werden. Die innige Vereinigung aber von all diesen macht den vollkommenen Menschen aus. Der Apostel erklärt sich also selbst und erläutert den vollkommenen und geistigen Menschen der Erlösung, wenn er im ersten Briefe an die Thessalonicher sagt: „Der Gott des Friedens aber heilige euch zu Vollkommenen, und unversehrt möge euer Geist und die Seele und der Leib ohne Tadel auf die Ankunft des Herrn Jesus Christus aufbewahrt werden“ 3 . Welche Ursache hatte er sonst, diesen dreien, d. h. der Seele, dem Leib und dem Geiste, zu wünschen, daß sie unversehrt und vollkommen fortdauern bis zur Ankunft des Herrn, wenn er nicht wußte, daß die innige Vereinigung der drei eben nichts anders wie ihre Erlösung bedeutet? (Adversus Haereses V, 6,1)

Für Irenäus ist die Kirche der Ort, an dem Schönheit geformt wird. Nicht durch Ästhetik, sondern durch Heiligung. Die Gemeinde ist der Ort, an dem Christus weiter „recapitulat“ – weiter formt, heilt, erhebt. Nicht durch Gewalt. Sondern durch Licht, Liebe, Wahrheit.

Denn Gottes Ruhm ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes. Wenn nämlich die Erkenntnis Gottes mittels der Schöpfung allen, die auf Erden leben, das Leben verleiht, dann muß umsomehr die Offenbarung des Vaters durch den Sohn das Leben denen verleihen, die ihn schauen.“ (Adversus Haereses IV, 20,7; BKV III/1, S. 325)

Dieser berühmte Satz ist der Schlüssel: Gottes Herrlichkeit ist ein Mensch, der lebt. Und: Ein schöner Mensch ist einer, der Gott schaut.

 

Und heute?

Was wäre, wenn Schönheit nicht nur eine Oberfläche wäre, sondern ein Weg? Nicht das Ziel eines Instagram-Filters, sondern das Ziel einer Menschwerdung? Irenäus sieht Schönheit nicht als Pose – sondern als Rückführung zur Wahrheit. Christus ist der Bildhauer. Die Kirche ist seine Werkstatt. Und wir sind seine Steinblöcke.

Zwischen Wahrheit und Verführung – ein erster Blick zurück

Justin sucht die Wahrheit – und findet ihre Schönheit in Christus. Clemens will den Menschen bilden – und erkennt Schönheit als Frucht geistlicher Ordnung. Irenäus sieht das Ziel – und nennt Schönheit, was heil, ganz und lebendig wird.

Drei Männer. Drei frühe Stimmen. Keiner spricht „Ästhetik“. Und doch ist alles durchzogen von der Frage: Was macht das Evangelium mit der Schönheit – und was macht Schönheit mit dem Evangelium?

Sie alle spüren: Schönheit ist nie neutral. Sie offenbart. Oder sie täuscht. Sie weckt Sehnsucht. Oder betäubt sie. Und sie alle glauben: Die wahre Schönheit kommt nicht von außen – sondern kehrt zurück. Sie kommt in Christus. Sie formt durch Wahrheit. Sie heilt durch Licht.

 

Was bleibt?

Die frühen Kirchenväter sagen: Schönheit ist gefährlich. Aber ohne sie ist die Wahrheit nackt. Und der Glaube sprachlos. Also brauchen wir sie – neu gedacht, neu gesehen, neu gehört.

 

Und wie geht’s weiter?

Mit Augustinus kommt im nächsten Teil eine neue Tiefe: Ordnung, Zahl, Licht, innere Sehnsucht. Mit ihm beginnt die große Synthese: Theologie als geistige Architektur – und Schönheit als Echo der Ewigkeit.

(Dieser Blogpost wurde mit Hilfe von ChatGPT strukturiert und überarbeitet. Titelbild generiert mit Fooocus)

 

Zwischen Herz und Verstand – mein Konferenzbericht zu Jesus25

600 Besucher, 70 Partnerorganisationen, drei Tage Gemeinschaft, Glaube, Gespräche. Und mittendrin: ich – mit Vorfreude, Erwartungen, Müdigkeit, und vielen tiefen Begegnungen. Die Jesus25-Konferenz wurde liebevoll der „evangelikale Kirchentag“ genannt. Rückblickend passt das gut – und doch war es so viel mehr.

Lange hatte ich darauf hingefiebert, mich gefreut auf die vielen Begegnungen. Denn darum ging es für mich persönlich primär. Mit einigen stehe ich seit Jahren online in Kontakt – über eMail oder soziale Medien, über Blogs, Artikel und Kommentare. Manche kannte ich aus dem Studium, andere on früheren Veranstaltungen. Und manche hoffte ich endlich mal persönlich kennen zu lernen.

Fasse in einer Minute zusammen…“, so hieß es des Öfteren. Wie würde ich die Konferenz in einer Minute zusammenfassen? Versuchen wir es:

Eine sehr spannende Konferenz mit wirklich großer Vielfalt, was Alter (von 3 Monaten bis weit über 80 Jahre war alles vertreten), Persönlichkeiten und gemeindliche Hintergründe betrifft: von evangelischen Landeskirchen, AB-Verband über FeGs und Baptisten bis hin zu uns Pfingstlern und Charismatikern war alles vertreten. Sehr viele wertvolle Gespräche und gute Vorträge und Foren. Was die Vorträge betrifft, hat mich beeindruckt, wie jeder Redner vollkommen gleichwertig gesehen wurde. Es gab keine Hauptredner, sondern nur Redner. Wenn es eine Folgeveranstaltung gibt, bitte behaltet das bei!

Ok, 83 Worte, das kann durchaus in einer Minute vorgetragen werden.

Doch damit ist halt nur das Allerwichtigste vom Allerwichtigsten gesagt. Die Vorträge waren allesamt sehr sehenswert, schaut doch immer mal wieder auf den YT-Kanal von Jesus25.net (Link), da wird nach und nach alles hochgeladen. Der Lobpreis von Gloria Kollektiv war super gut.

Wenn ich einen Vortrag besonders hervorheben soll, war es jener von Nicola Vollkommer zum Thema „Herz und Verstand – warum Denken, Gebet und Leidenschaft zusammengehört“. Sie hat mich wirklich enorm gepackt, vielleicht auch deshalb, weil mich genau dieses Zusammengehören schon seit vielen Jahren ganz intensiv beschäftigt.

14 Menschen, mit denen ich seit Jahren digital verbunden bin, standen plötzlich leibhaftig vor mir – Stimmen wurden zu Gesichtern, Profilbilder zu warmen Blicken. Das war für mich das Größte. Von weiteren durfte ich erfahren, dass sie schon länger Leser dieses Blogs sind. Richtig gute Zeit. Was ich das Schwierigste fand, war, meine eigenen Kräfte gut einzuschätzen und genügend Pausen zu machen, um zu regenerieren (Stichwort: „Esst viel, trinkt viel Kaffee, schlaft wenig!“)

Und dann waren da noch sage und schreibe vier Bände mit Beiträgen aus dem Leitungskreis zu den aktuellen Themen, die unsere Kirchen und Gemeinden beschäftigen. Ich hatte bis heute noch keine Zeit, um richtig reinzuschauen, lediglich ein wenig überflogen und quergelesen.

Viele Stände von Partnerorganisationen waren vor Ort, wo man sich über die jeweiligen Organisationen informieren konnte. Diesen Teil habe ich um der Zeit und Kräfte willen ein wenig vernachläßigt. Und die ganzen Bücherstände mit ihren papiernen Versuchungen gleich doppelt.

Was würde ich mir für die Zukunft wünschen? Es wäre schön, wenn es in zwei oder drei Jahren wiederholt werden könnte. Jährlich wäre für mich auch schon zu viel. An der Stelle nochmal meine Bitte: Keine Hauptredner, sondern wieder wie gehabt, viele einzelne, gleichwertige Redner. Und bitte, bitte bindet mehr Rednerinnen mit ein.

Was bleibt?

Neben Müdigkeit und einem vollen Notizbuch: Dankbarkeit. Und der Wunsch, das weiterzugeben, was mich bewegt. Ein paar Eindrücke, Gedanken und neue Materialien entstehen gerade daraus – für alle, die tiefer graben wollen. Wenn Du auf dem Laufenden bleiben willst, schau gern bald wieder hier vorbei.

Auf dem Areopag der nachchristlichen Kultur

Unsere Gesellschaft ist immer weniger vom christlichen Glauben geprägt. Man kann sich darüber aufregen, muss es aber nicht. Fakt ist, dass immer mehr erklärt werden muss, was lange Zeit fast selbstverständlich war. Zugleich haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die sich enorm nach Erlösung sehnt – dies aber nicht merkt, sondern oft geradezu verdrängt. Mich erinnert das immer wieder an Paulus – wie er auf dem Areopag mit den damaligen Denkern diskutierte.

Moment mal – wie ist denn das eigentlich? Sind unsere Zeitgenossen nicht schon viel gebildeter und feinfühliger als damals? Im Grunde genommen ist die Weltanschauung relativ ähnlich. Wir haben es weder damals noch heute mit einem echten Atheismus oder Unglauben oder Materialismus zu tun. Ein echter, reiner Materialismus ist in dem Universum, in welchem wir bekanntlich leben, nur sehr schwer aufrecht zu erhalten. Es ist unmöglich, ein in sich konsistenter Materialist zu sein. Von einem Stein könnte man es vielleicht noch annehmen, er wäre materialistisch, doch ein Mensch mit Bewusstsein? Äußerst unwahrscheinlich. Das Problem ist halt, dass Weltanschauungen nur selten reflektiert werden. Und so haben wir es sowohl bei Paulus auf dem Areopag, als auch in unserer nachchristlichen, neuheidnischen Gesellschaft in den meisten Fällen mit einer unreflektierten Spielart eines Pantheismus zu tun.

Nein, Pantheismus kann man nicht essen…

auch wenn es fast ein wenig nach Pancakes klingt. Pantheismus ist die Vorstellung, dass alles, was existiert, ein Teil von Gott ist. Das ganze Universum ist eins mit Gott, aber nicht als persönlicher Gott, sondern irgendeine Art unpersönliche Natur, die einfach alles umfasst. Es gibt im Pantheismus keine Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Das ganze Universum mit allem darin ist miteinander verbunden und eine untrennbare Einheit.

Und hier kommt Paulus ins Spiel. Er hat wie kaum ein anderer verstanden, welche Auswirkungen diese Vorstellungen haben. Wir sind da ganz schnell in der Gefahr, dass wir die Ähnlichkeiten der Zeiten übersehen und meinen, dass der altheidnische Polytheismus etwas Archaischeres gewesen wäre. Doch heutige neuheidnische Spielarten des Pantheismus sind ebenso archaisch wie die damaligen. Um das zu verstehen, müssen wir versuchen, den griechisch-römischen Polytheismus zu durchdringen. Dieser Polytheismus war die Staatsreligion im römischen Großreich zur Zeit des Neuen Testaments. Ein Blick in die Schöpfungsmythen und Göttersagen zeigt, dass es viel widersprüchliche Erzählungen gab und dass diese Gottheiten eben nicht vor und über der Schöpfung stehen – vielmehr sind sie eine Art teilweise unsterbliche, teilweise nur schwer sterbliche höhere Menschen. Sie entstammen der Natur. Etwa bei Hesiod, der eine der verbreitetsten Schöpfungssage herausgegeben hatte, war am Anfang das Chaos, also ungeordnete Materie, die sich da selbst ordnete und daraus entstanden die Götter Gaia (Erde), Tartaros (Unterwelt), Nyx (Nacht), Erebos (Finsternis) und Eros (Liebe). Weitere Götter entstanden durch Paarung von diesen oder auch einfach durch Erschaffung durch diese ersten Götter.

Mit Paulus auf dem Areopag

Schon seit längerer Zeit gab es in der damaligen Kultur viel Kritik an diesem Polytheismus, eben gerade weil alle wussten, dass die Götter entweder der Natur entsprachen oder weil sie durch die Natur erschaffen und nichts weiter als etwas bessere Menschen waren. Und jetzt kam Paulus ins Gespräch mit Menschen, die bewusst Pantheisten waren, aber den pantheistischen Polytheismus ablehnten. Erinnern wir uns – für den Pantheisten ist das Göttliche überall in der Welt zu finden. Alles ist im Grunde genommen Gott. Alles ist miteinander verbunden und alles ist eine göttliche Einheit. Doch auch damals gab es schon unreflektierte Meinungen dazu.

Und Paulus wird nun auf den großen Platz gebracht und ausgefragt. Es ist interessant, womit Paulus nicht anfängt. Paulus geht nicht auf Johannes 3:16 ein, auf unseren liebsten Bibelvers, um das Evangelium zu erklären. Gut, das kann auch daran liegen, dass dieses Evangelium in dem Moment noch nicht geschrieben worden war. Vermutlich hat Johannes erst nach dem Tod von Paulus sein Evangelium geschrieben. Aber die Grundzüge von Johannes 3:16 finden wir bei Paulus auch. Immer und immer wieder. Doch hier wusste Paulus genau, dass seine Zuhörer das nicht verstehen. In Johannes 3:16 geht es um die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, es geht darum, dass Gott in die Welt kommen muss, um sie zu erlösen. Doch Menschen, die sich schon als Einheit mit dem Göttlichen wahrnehmen, als Einheit mit der Natur, die über allem steht, in Einheit mit dem Universum, verstehen nicht, dass Erlösung von außen kommen muss.

Paulus beginnt mit dem Gewissen

Wahrscheinlich ist es den wenigsten Bibellesern bewusst, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben, dass das Evangelium gottzentriert sein muss. Wir fangen mit Gott an. Es ist daran nichts grundsätzlich Falsches, aber es schafft in einer nachchristlichen Kultur des unreflektierten Pantheismus eine unnötige Mauer. Der Pantheist sieht sich als Teil Gottes, er ist sozusagen ein Ausfluss des Weltalls, des unpersönlichen All-Gottes. Paulus macht etwas grundlegend anderes. Er beginnt mit den Zuhörern. Er beginnt mit dem Gewissen, mit den Sehnsüchten, mit dem tiefsten inneren Verlangen der Menschen auf dem Areopag. Er beginnt mit der Kultur vor Ort. Er hat eine Götzenstatue gesehen, die „den unbekannten Göttern“ gewidmet ist. Und jetzt in einem rhetorisch kaum zu übertreffenden „Doublespeak“ lobt er die Athener für ihre tiefe Gottesfurcht, die so weit geht, dass sie sogar fürchten, sie könnten irgend einen Gott vergessen haben, und verspottet sie mit demselben Wort auch dafür. Und dann folgt eine längere Argumentation, die ungefähr auf Folgendes hinausläuft: Ihr habt eine Sehnsucht in eurem tiefsten Inneren, die tiefer geht als alles, was der heidnische Götzendienst und was der weltanschauliche Pantheismus euch bieten kann. Ihr sehnt euch nach der Erlösung durch einen persönlichen Gott, der der Schöpfung gegenübersteht. Diese Erlösung will ich euch heute verkünden. Und dann kommt das Evangelium.

Ganz spannend ist, dass das bei Paulus nicht nur auf dem Areopag so war. Es scheint mir, als hätte sich das durch seine ganze Evangelisationspraxis hindurchgezogen. Der Brief an die Römer ist eigentlich gleich aufgebaut. Er hat ja bekanntlich den Gemeinden in Rom geschrieben, um zu zeigen, dass er das richtige Evangelium verkündete, da er plante, Rom einst als Basis für die Evangelisierung Westeuropas bis nach Spanien zu nutzen. Und hier geht er genau so vor. Mit dem Unterschied, dass er in Rom sowohl Juden, die zu Christus gefunden haben, als auch ehemalige Heiden ansprechen wollte. Auch hier: Bevor der Mensch gewordene Gott ins Spiel kommt, geht es 2,5 Kapitel lang um den Menschen. Der Mensch mit seinen Versuchen, die Erkenntnis Gottes zu verdrängen. Der Mensch mit seinem Gewissen, das hin und her eiert zwischen überheblich und an sich selbst verzweifelt. Der Mensch mit seinem Mund, aus dem Gutes und Böses zugleich kommen kann. Und so weiter. Der Mensch. Die Sünde. Die Verzweiflung. Die Sehnsucht. Die Erlösung.

Der Marktplatz unserer Kultur

Wenn ich mir so unsere heutige, neuheidnische Kultur anschaue, fällt mir geradezu enorm auf, wie alle Kultur nach Erlösung schreit. Und um das zu sehen, müssen wir einen Schritt zurück machen, von der Johannes3:16-Brille weg. Ich würde einen anderen Vers aus dem Johannesevangelium vorschlagen, der uns da helfen kann: Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15:13) Es klingt nun etwas allgemeiner, aber in diesem Vers hat Jesus Christus definiert, was Liebe ist. Unsere Kultur schreit nach Liebe und schreit nach Erlösung. Sie lebt zwischen der Überheblichkeit und der Verzweiflung an sich selbst. Ob ich jetzt auf die Songtexte von Taylor Swift oder neuere Romane und Filmserien schaue, überall zieht sich das hindurch. Und das sind gute Anknüpfungspunkte, die wir mit Jesus füllen können, wenn sich jemand mit diesen Fragen identifiziert. Jesus ist diese Liebe, diese Hingabe, Er hat Sein Leben gelassen für Seine Freunde. Er ist die Erlösung.

Zum Schluss ein paar meiner persönlichen Beispiele, die mir im Laufe der Jahre besonders aufgefallen sind. Das erste Mal, als es mir richtig bewusst wurde, war beim zweiten oder dritten Lesen von Stephen Kings „ES“ („It“). Ja, es ist schon ein älteres Werk, aus den 1980er-Jahren. Aber es hat mir wie kein anderes gezeigt, dass genau das Evangelium von der Liebe dessen, der sein Leben für die Freunde lässt, eigentlich in fast jeder spannenden Story im Mittelpunkt steht. Es gibt eine Gefahr. In der kleinen Stadt Derry in Maine werden Kinder ermordet. Eine Gruppe von sieben Kindern, die alle ihre Schwierigkeiten haben, nehmen den Kampf auf und schaffen es unter Lebensgefahr, das Monster zu besiegen und für einige Jahre Ruhe zu bekommen. Als sie erwachsen sind, beginnt das Ganze wieder. Diesmal gibt es sogar Tote unter den Freunden, die einander beistehen. Es sind oft die Schwachen, die im Kampf gegen das Böse besonders mutig werden. Gerade vor Kurzem sah ich mir die ZDF-Horrorserie „Hameln“ an. Auch hier gibt es wieder dasselbe. Um der Stadt zu helfen, um die Menschen vor dem bösen Wesen zu erlösen, braucht es drei gehandicappte Kinder, die unter Einsatz ihres Lebens kämpfen müssen. Von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ schrieb ich vor einem Jahr schon mal (Link hier). Die Liste könnte man um hunderte von Werken ergänzen,

Wir müssen uns bewusst sein, dass das alles immer nur ein weltlicher Abklatsch ist, eine Art pantheistische Erlösungsstory, weil es der Mensch ist, der sich selbst erlöst. Aber die Menschen wollen es sehen, sie wollen diese wahre Liebe und Selbsthingabe, die Erlösung immer wieder und wieder und ohne Ende von Neuem sehen – mit ständig wechselnden Namen und Besetzungen. Unsere Kultur ächzt und stöhnt nach Erlösung. Echte Erlösung bringt nur Jesus Christus.

Fallen dir noch weitere Beispiele ein? Gib mir gern Feedback dazu!

40 Jahre nach Francis Schaeffers Todestag – was bleibt? und Rückblick

Nun ist drüben auf der Seite von E21 (Link) auch mein Gastbeitrag zu Francis Schaeffer erschienen. Hier ein kurzer Auszug.

Ein besonders eindrücklicher Schlüsselmoment im Leben von Francis Schaeffer war sein Umgang mit seiner Glaubenskrise. Es war um 1951/52 herum, als er merkte, wie wenig von Gottes Realität in der Christenheit übrig geblieben war. Wie sich alles nur noch um Rechthaberei oder liberale Theologie drehte. Die einen wollten Wahrheit in den Mittelpunkt stellen und vergaßen dabei die Liebe zu den Menschen; die anderen hoben die Liebe hoch und machten dafür Kompromisse mit Gottes Wort. Francis Schaeffer wanderte längere Zeit immer wieder allein in die Berge oder ging auf dem Heuboden auf und ab. Er betete, rang mit Gott und sich selbst – und ging alle Gründe noch einmal neu durch, weshalb er damals Christ geworden war.

Dieser Umgang mit Glaubenskrisen sollte für unsere Zeit zum Vorbild werden. Weniger Ablenkung, mehr Ringen, mehr Fragen, mehr den Zweifeln nachgehen. Ungelöste Zweifel führen zu einem unangenehmen inneren Grundgefühl, welches über längere Dauer zu einer Abneigung gegen den Glauben wird. Als Verantwortliche in Gemeinden und Jugendarbeit ist es entscheidend, dass wir Zweifel nicht verteufeln, sondern als ganz normalen Teil des Menschseins verstehen und den Betroffenen helfen, der Wahrheit Gottes auf den Grund zu gehen. Leider werden solche Zweifel in unserer Zeit viel zu schnell abgetan oder verdrängt, unter den Teppich gekehrt, wo sie weiter gären und wachsen. Für die damalige Nachkriegsgeneration wurde L’Abri zu einer Auffangstation, einer Zuflucht für Menschen mit solchen Krisen. Ihnen wurde geholfen, alle Grundlagen des Lebens neu zu durchdenken. Durch die geradezu pandemische Ausbreitung dieser Zweifel wäre es nötig, dass an jedem Ort ein solches L’Abri entstünde.“

Wer weiterlesen möchte, hier nochmal der Link:

https://www.evangelium21.net/media/4278/40-jahre-nach-francis-schaeffer-was-bleibt

Rückblick:

Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Serie, die dieses Jahr zu Schaeffer entstanden ist. Es ist wichtig, dass das nicht vergessen geht, was er aufgebaut hat, sondern dass vielmehr von ihm gelernt wird.

Hier noch einmal die Beiträge:

Mein Einstieg in die Serie:

https://blog.jonaserne.de/francis-a-schaeffer-serie-zum-40-todestag/1378/

Gastbeitrag von Pfarrer Beat Laffer-König, der unter Schaeffer studierte:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-francis-a-schaeffer-zu-seinem-40ten-todestag-2024/1380/

Pastor Kai Kreienbring, der zeigt, wie relevant Schaeffer für unsere Zeit ist:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-zu-francis-schaeffer/1382/

Carolin Schmitt, die mit dem Verein BASISlager Karlsdorf-Neuthard eine Art neues L’Abri gründete:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-edith-und-francis-schaeffer-ein-leben-das-spuren-hinterlaesst/1384/

Das Interview mit Ellis H. Potter, welcher sich in L’Abri bekehrte und lange Zeit dort mitarbeitete:

https://blog.jonaserne.de/interview-mit-ellis-potter-ueber-francis-schaeffer-und-labri/1389/

Marcel Haldenwang, der sein persönliches Gemeindeerleben durch Schaeffers Schriften reflektiert:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-persoenlicher-bezug-zu-francis-a-schaeffer/1391/

Uwe Brinkmann, welchem die Schriften von Schaeffer halfen, seinen Glauben nicht dekonstruieren zu müssen:

https://www.brink4u.com/2024/05/14/zum-40-todestag-von-francis-a-schaeffer-1912-1984-eine-persoenliche-reflexion/

Und schließlich noch mein E21-Beitrag, in welchem ich noch einmal ganz allgemein die Relevanz des Lebens und Schaffens der Schaeffers für unsere Zeit bespreche:

https://www.evangelium21.net/media/4278/40-jahre-nach-francis-schaeffer-was-bleibt

An dieser Stelle herzlichen Dank allen, die mitgewirkt haben.

Viel Segen bei der Lektüre!

Gastbeitrag zum 40. Todestag von Francis Schaeffer

Uwe Brinkmann hat auf seinem Blog (Link) seinen Gastbeitrag zu Francis Schaeffer veröffentlicht.

Kurzer Auszug:

Dass jemand, der die Bibel ernst nahm [1] und das Thema Weltmission [2] und Gemeinde [3] als Herzensanliegen verteidigte, sich gleichzeitig mit philosophischen Fragen beschäftigte [4] und sich „sogar“ mit Fragen der Kunst [5] und des Umweltschutzes auseinandersetzte [6] … –, das war für mich geradezu unerhört. Francis Schaeffer wurde in meinen frühen 20-ern zu einer wahnsinnig starken Ermutigung, die ganze geschöpfliche Wirklichkeit als die eine Welt Gottes zu verstehen und mein Leben nicht in einen religiösen und weltlichen Teil aufzuspalten.“

Herzliche Einladung, den Rest seines Beitrags im Original zu lesen:

https://www.brink4u.com/2024/05/14/zum-40-todestag-von-francis-a-schaeffer-1912-1984-eine-persoenliche-reflexion/

Gastbeitrag: Persönlicher Bezug zu Francis A. Schaeffer

von Marcel Haldenwang

Jonas Erne hat mich gebeten, anlässlich des 40. Todestages von Francis A. Schaeffer mit wenigen Worten darzulegen, was Schaeffer für mich persönlich bedeutet.

Man muss nicht alle seine ideengeschichtlichen Linien für plausibel halten – und sicher hat er hier und da bei seinen geistesgeschichtlichen Bezügen zumindest „didaktisch reduziert“, vielleicht auch unzulässig vereinfacht –, man muss auch den Verlust des gesellschaftlichen Einflusses durch Christen nicht wie er bedauern, aber eines ist für mich klar: Schaeffer hat wie kein Zweiter die Anfechtungen der Gläubigen durch das post-christliche Zeitalter und die Postmoderne vorweggenommen und darunter gelitten. Und ich verdanke Schaeffer an zwei Stellen meiner geistlichen Biografie entscheidende Impulse.

Der Bitte von Jonas komme ich daher gern nach und habe Schaeffer zu Ehren bereits vor einigen Jahren meinen Youtube-Kanal nach seinem Bestseller „Gott ist keine Illusion“ benannt.

Wir schreiben das Jahr 2017: Francis A. Schaeffer und die Gesetzlichkeit

Schon länger litt ich an der gesetzlichen Verengung meiner Glaubensgemeinschaft und Ortsgemeinde. Vergeblich hatte ich seit langer Zeit für das Thema zu sensibilisieren versucht. Doch Anachronismen wie die nach Geschlechtern getrennte Sitzordnung wurden verteidigt, als ginge es darum, die Jungfrauengeburt oder leibliche Auferstehung Jesu zu verteidigen. 2017 versuchte ich meinem Anliegen durch ein mehrseitiges Essay zum Thema Gehör zu verschaffen, blieb aber, wie es schien, unerhört. Schließlich sah ich mich genötigt, mit meiner Familie in der fünften (!) Generation meine Glaubensgemeinschaft und Ortsgemeinde zu verlassen. Damit einher gingen, wie ihr euch vorstellen könnt, der Verlust meiner Haltegruppe sowie Anfechtungen, ob meine Analyse richtig gewesen oder ob ich übers Ziel hinausgeschossen war.

Ich verschlang viele Bücher zum Thema und stieß dann bei Francis A. Schaeffer in bereits genanntem Buch auf einen Brief, den ein Student an Schaeffer gerichtet hatte. Darin schreibt der Student, dass seines Erachtens viele junge Leute aus frommen Familien in die Fänge der liberalen Theologie geraten seien, weil man sie nicht darüber aufgeklärt habe, was die absoluten Maßstäbe des Wortes Gottes und was lediglich Überbleibsel aus der Zeit des Viktorianismus seien. So hätten seine Kommilitonen geglaubt, die kleinbürgerlichen Normen und den Viktorianismus nur hinter sich lassen zu können, wenn sie auch die absoluten Maßstäbe des Wortes Gottes aufgäben und die Orthodoxie verließen. Schaeffer mahnt im Anschluss an diesen Brief seine Leser eindringlich, das Haus aufzuräumen statt es niederzubrennen.1 Diese Metapher traf mich wie der Blitz, und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Hatte ich nicht genau diesen Aufruf vernommen und versucht das Haus meiner Glaubensgemeinschaft aufzuräumen, damit es die nachrückende, akademisch gebildete Jugend nicht eines Tages niederreißen würde? Hatte ich nicht versucht zu sortieren, was bloße Tradition und durchaus veränderbar sein könnte und welche Überzeugungen und Lehrauffassungen zu den unveränderlichen Wahrheiten eines unwandelbaren Gottes gehörten?

Einige Zeit später stieß ich auf das Buch „Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts“, wo Schaeffer unter der Überschrift „Freiheit und Form“ seine Gedanken zum Thema exzellent weiter entfaltet:

Es gibt Form, und es gibt Freiheit. … Worum es mir in erster Linie geht, während wir dem Ende des 20. Jahrhunderts zugehen, ist einerseits, dass die … Kirche einen festen Platz hat und dass sie die Form einhalten sollte, die Gott geboten hat, dass uns aber anderseits ein weiter Spielraum für Veränderungen bleibt. Ich behaupte, dass wir Menschen nur mit eindeutigen Geboten der Schrift moralisch binden dürfen (dass wir darüber hinaus nur Ratschläge geben dürfen), dass wir ebenso in allen Bereichen, in denen das Neue Testament der Kirche keine Form vorschreibt, Freiheit genießen, die wir unter der Leitung des Heiligen Geistes ausüben sollen, um unserer besonderen Zeit und unserem speziellen Ort gerecht zu werden. … Mit anderen Worten: Das Neue Testament steckt gewisse Grenzen ab, aber innerhalb dieser Grenzen gibt es genügend Freiheit, sodass wir uns verschiedenen Orten und verschiedenen Zeitaltern anpassen können. … Wir müssen reden, wo die Schrift geredet hat. Wir müssen aber beachten, dass wir ebenfalls ihr Schweigen respektieren müssen. Innerhalb jeder Form gibt es Freiheit. … Gott hätte ja der Apostelgeschichte noch ein Kapitel anfügen und viel mehr Einzelheiten mitteilen können. Er hat es nicht getan. Und wir können doch nicht sagen, dass sich die Bibel irrt. Wir müssen glauben, dass nicht nur das, was uns gesagt ist, nach Gottes Willen und Inspiration letzte Gültigkeit besitzt, sondern auch, dass wir da, wo Gott schweigt, unter der Leitung des Heiligen Geistes Freiheit haben. Wenn die Kirche in einer sich wandelnden Zeit von ihrer Freiheit Gebrauch macht, dann wird es Kirchen geben, bis Jesus wiederkommt. Aber wir dürfen nicht zufällige historische Umstände oder behagliche soziologische Gegebenheiten aus der Vergangenheit mit Gottes absoluten Werten gleichsetzen, … Ist es nicht so, dass wir bibelgläubigen [sic] Christen oft gerade dann nicht mehr bibelgläubig sind, wenn wir soziologische Verhältnisse mit Gottes absoluten Werten gleichsetzen? Und ich bin überzeugt, dass das viele von euch unentwegt tun. Dadurch entsteht der Geruch der Verwesung, über den sich so viele Leute beklagen. Die ist die Wurzel eines großen Teils der Verwirrung in unseren christlichen Schulen und Kirchen: Man sieht nicht den Unterschied zwischen Gottes absoluten Werten und jenen Dingen, die lediglich ein Produkt historischer Zufälle sind. Ich habe den Vorteil, dass ich in vielen Ländern arbeite und gesehen habe, dass gottesfürchtige Menschen durch historische Gegebenheiten zu völlig unterschiedlichen Formen der Kirche geführt worden sind. Dasselbe gilt für verschiedenen Zeiten. Es hat Zeiten gegeben – besonders z. B. die Anfangszeit des Christentums –, in denen sich die Gemeinde nur in Privathäusern versammelte. Wer sich von Ihnen heute in einem schönen Kirchengebäude versammeln kann, der sollte Gott danken, dass Gott der Gemeinde entsprechend ihrer [sic] Bedürfnisse ein solches Gebäude geschenkt hat. Dieses Gebäude dürfen sie aber nicht mit einem absoluten Wert verwechseln. Verwechseln Sie nicht die Kirche mit einem Kirchengebäude. Das mag bis auf die Grundmauern niederbrennen. Aber die Zerstörung des Gebäudes zerstört nicht die Kirche. Es gab eine Zeit, in der sich die Kirche im Haus von Priska und Aquila versammelte. War diese Kirche deshalb weniger wert? Natürlich nicht. Aber das zeigt doch nur, dass der Heilige Geist zu verschiedenen Zeiten frei ist, verschieden zu führen. … Wir haben also Form und Freiheit. … Die Kirche soll bestehen, bis Jesus wiederkommt. Aber es muss ein Gleichgewicht zwischen Form und Freiheit geben, sowohl im Bereich der Gemeindeordnung, [sic] als auch in der praktizierten Gemeinschaft innerhalb der Kirche. Und es muss Freiheit unter der Leitung des Heiligen Geistes geben, das zu verändern, was verändert werden muss, damit die Kirche an ihrem Ort und zu ihrer Zeit veränderten Situationen gerecht werden kann. Andernfalls, glaube ich, wird die Kirche nicht als lebendige Kirche weiterbestehen können. Dann werden wir verknöchern und Christus aus der Kirche ausschließen. Dann werden seine Herrschaft und die Leitung des Heiligen Geistes leere Worte werden. Wir wollen dankbar sein, dass die Bibel uns eine bestimmte Form nennt. Dann müssen wir aber auch sorgfältig darüber wachen, dass wir uns nicht an unbiblische Formen binden, an Formen, die uns eine liebe Gewohnheit geworden sind, die aber in der Kirche des Herrn Jesus Christus keinen absoluten Rang haben. Abgesehen von den eindeutig festliegenden biblischen Normen, [sic] ist in der Ordnung und Arbeit der Kirche jede andere Einzelheit offengelassen, sodass sich die Kinder Gottes unter der Leitung des Heiligen Geistes darüber einigen können.2

Spätestens nach der Lektüre dieser Passagen war ich gewiss: Mein Dienst war zwar abgelehnt worden, aber mein Ansinnen hatte das Wohlwollen meines Herrn gefunden; wir waren nicht auf Abwegen und Gott würde uns als Familie nicht allein lassen auf der Suche nach einer neuen geistlichen Heimat!

Wir schreiben das Jahr 2022: Francis A. Schaeffer und die liberale Theologie

Die fanden wir dann auch nach einer mühsamen Odyssee durch unterschiedliche Gemeinden auf der Suche nach einer bibeltreuen. Die Geschwister einer „freien Brüdergemeinde“ in der Nachbarstadt nahmen uns schließlich herzlich auf, vertrauten uns schon bald verantwortungsvolle Aufgaben an, und mit Siegfried L. wurde mir ein echter väterlicher Freund und Vater in Christo geschenkt. Durch ihn wurden wir auch mit der Arbeit des Gideonbundes bekannt gemacht und schon bald Gideon-Mitglieder und Truckermissionare – ein Dienst, der mir schon lange am Herzen gelegen hatte, den ich aber auf eigene Faust nicht zu beginnen gewagt hatte.

Leider machte der geistliche Kampf auch in der neuen Glaubensgemeinschaft nicht lange Pause. Wir hatten uns gerade von der zurückliegenden Kontroverse um die (mutmaßliche) gesetzliche Verengung und dem Verlust unserer geistlichen Heimat erholt, als zur Dillenburger Konferenz der neuen Glaubensgemeinschaft im Jahr 2022 ein Gastreferent geladen wurde, der – akademisch verbrämt, aber unübersehbar – den Sühnungstod Jesu relativierte. Auch jetzt, beim Kampf an der entgegengesetzten Front, wo es dem Einbruch der liberalen Theologie zu wehren galt, war ich angesichts heftiger Gegenrede bisweilen verzagt und mir unsicher, ob ich ein Mandat Jesu besaß für diesen Kampf.

Da stieß ich beim Lesen einer Spurgeon-Biografie mit dem Titel „Spurgeon, wie ihn keiner kennt“ auf die von ihm mit seinem Baptistenbund ausgefochtene Downgrade-Kontroverse, bei der es auch bereits um den Einbruch von Bibelkritik, Allversöhnung und der Leugnung des Sühnungstodes ging. Ich sah sofort manche Parallelen zu den „Freien Brüdern“, die zunehmend offensichtlich auch keine Probleme damit hatten, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die bibelkritisch oder allversöhnlich waren oder gar den Sühnungstod Jesu relativierten. Ein Freund, der darum wusste, in welch schwerer See ich gerade unterwegs war, schrieb mir, dass auch Schaeffer bei seiner Auseinandersetzung mit solchen Angriffen auf den Kern des christlichen Glaubens Anleihen genommen hatte bei der Downgrade-Kontroverse. Die Tonaufnahmen, auf die er mich verwies, waren mir im Jahr 2022 eine große Hilfe und geistliche Stärkung.3

Mir gab zu denken, wenn auch Schaeffer sagt,

– dass der Konflikt ein alter ist und anhalten wird bis zur Wiederkunft Jesu,

– dass auch renommierte Namen vor Verführung nicht schützen,

– dass viele entgegen ihrer Erkenntnis in unseligen Jochgemeinschaften verbleiben,

– dass gemeinsame Evangelisation oft das Einfallstor für kompromittierende theologische Jochgemeinschaft ist,

– dass das Ringen um Reinheit der sichtbaren Kirche es evtl. erfordert, eine liebgewonnene Glaubensgemeinschaft zu verlassen,

– oder dass Kompromisse die nächste Generation in Gefahr bringen u. v. a. m.

Ich fühlte mich durch Schaeffer und Spurgeon gewissensmäßig vor die Wahl gestellt, in eine Gemeinde zu gehen, wo man ungestraft Gemeinschaft haben darf mit Leuten, die Fragen der Kategorie 1 (Sühnungstod) relativieren, oder aber in eine Gemeinde zurückzukehren, die wir 2017 verlassen hatten, weil wir glaubten, dass dort unwichtigen Gewissensfragen ein zu hoher Stellenwert eingeräumt wurde. Wir kamen zu dem Entschluss, dass die Gemeinde vorzuziehen ist, wo man sensibel dafür ist, dass auch Verbindung mit Irrlehre beschmutzt. Meine Frau und ich kehrten daher Anfang 2023 nach großen geistlichen Kämpfen in unsere vormalige Glaubensgemeinschaft zurück; Corona hatte zumindest in Bezug auf die Sitzordnung zu einer Auflockerung der anachronistischen Form geführt.

Wir schreiben das Jahr 2023: Francis A. Schaeffer und die heutigen Bibelschulen

Erst in den vergangenen Herbstferien las ich Schaeffers letztes Buch, das er – bereits schwer gezeichnet von seiner Krebserkrankung – in dem Jahr herausbrachte, das sein Todesjahr sein würde: „Die große Anpassung. Der Zeitgeist und die Evangelikalen“.

Abermals stellt Schaeffer präzise und mit Verve heraus, wie entscheidend das Schriftverständnis ist – für ihn neben der Haltung zum Lebensschutz einer der beiden Lackmustests für Bibeltreue –, um als Christ dem Druck des Zeitgeistes etwas entgegenzusetzen.

Als tragisch empfinde ich, dass Stephan Holthaus (zusammen mit dem geschätzten Historiker Lutz von Padberg) noch im Vorwort schrieb:

Die Bibelfrage bleibt die Wasserscheide. Sie wird den weiteren Weg der Evangelikalen bestimmen. Werden sie den Weg vieler Institutionen und Werke gehen, die einflussreich und bibeltreu anfingen, aber bedeutungslos und liberal endeten, oder lassen sie sich zurückrufen zur Irrtumslosigkeit der ganzen Schrift, mit dem sie begannen und das ihnen ihre Existenzberechtigung gab gegenüber allen Ideologien und Theologien unserer Tage?

Die FTH Gießen ist mit ihrer Bibelkritik im Gewand der Bibeltreue und v. a. Armin Baums Hermeneutik leider in genau die Falle der kulturellen Relativierung von Gottes Wort getappt, vor der Schaeffer so hellsichtig gewarnt hatte (vgl. u. a. S. 71).

Fazit: Francis A. Schaeffer und der „christliche Realismus“

Wie man Gemeinde in die Gegenwart transformiert, sodass die inhaltliche Substanz erhalten bleibt, aber glaubensferne Menschen und Christen anderer Prägung auf der Suche nach einer bibeltreuen Gemeinde nicht abgeschreckt werden durch Äußerlichkeiten, treibt mich nach wie vor existentiell um. Francis A. Schaeffer war mir bei diesem Ringen in den vergangenen Jahren sieben Jahren eine große Hilfe. Schaeffer ist mir auch deswegen zu einem großen Glaubensvorbild geworden, weil er nicht nur um Orthodoxie, sondern auch um „Orthopraxis“ rang; ihm war klar, dass Bibeltreue nur dann glaubwürdig vertreten wird, wenn ihre Adepten auch ein Leben in der Nachfolge Jesu führen.

Dabei war er sich der Gefahr bewusst, in der jeder christliche Apologet steht: Man kann in seinem Eifer für die biblische Wahrheit übers Ziel hinausschießen und in die Falle des Rigorismus tappen oder man kann dem Anpassungsdruck nachgeben und faule Kompromisse eingehen. Bemerkenswert finde ich daher, wie er unter der Überschrift „christlicher Realismus“ beiden Reaktionsweisen auf die Beliebigkeit der Postmoderne entgegentritt. Diesen Rat möchte ich uns anlässlich seines 40. Todestages abschließend in Erinnerung rufen:

[Wir brauchen] jeden Tag die Hilfe des Sohnes Gottes, denn aus eigener Kraft schaffen wir es nicht. Wir müssen ihn seine Furcht in uns wirken lassen. Wir können in unserer alten Natur Orthodoxie verkünden, und wir können in unserer alten Natur faule Kompromisse schließen. Unser Auftrag lautet jedoch ganz anders: Wir sollen mit Gottes Hilfe in unserer Generation Gott und sein Wesen sichtbar machen. An uns soll sich zeigen, dass er ein persönlicher, heiliger und liebender Gott ist. Unserer alten Natur nach können wir entweder rechtgläubig oder liebevoll und kompromissbereit sein. Eines aber können wir in unserer alten Natur nicht – wir können nicht gleichzeitig Gottes Gerechtigkeit und Liebe in unserem Leben sichtbar machen: das ist nur durch das Wirken des Heiligen Geistes möglich. Alles aber, was weniger darstellt, ist nicht Abbild Gottes, sondern eine Karikatur Gottes, der existiert.4

1 Vgl. Francis A. Schaeffer, Gott ist keine Illusion. Ausrichtung der historischen christlichen Botschaft an das zwanzigste Jahrhundert (Wuppertal: 1971), S. 181).

2 Francis A. Schaeffer, Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (21973), S. 73 f., 77, 79-84.

3 https://www.labriideaslibrary.org/IdeasLibraryDatabase/The-Battle-With-Liberalism-In-The-Time-Of-Spurgeon?fbclid=IwAR3jaHJM9Y6xuM-CC48AV1drWnvqB9mb6B3I2QrAQmXa0soM97wgEDAt3Mw

4 Schaeffer, Gott ist keine Illusion, S. 172.

Interview mit Ellis Potter über Francis Schaeffer und L’Abri

Jonas (J): Hallo Ellis, danke für deine Bereitschaft zu einem Interview. Kannst du unseren Lesern etwas zu deinem persönlichen Hintergrund erzählen? Auf deiner Homepage habe ich gelesen, dass du ein früherer Mönch im Zen-Buddhismus warst. Wie kamst du da nach L’Abri?

Ellis (E): Ja, ich wuchs in Kalifornien in einer christlichen Familie auf. Und dann begann ich, Fragen zu stellen, welche die Christen nicht beantworten konnten. So dachte ich, dass der christliche Glaube nicht wahr sei. Ich war an den Absoluta des Lebens interessiert und wollte wissen, wie hoch es nach oben geht, wie fern die Ferne geht. Was kommt am Ende des Universums? Die Christen in meiner Umgebung konnten das nicht beantworten. Inzwischen habe ich Christen getroffen, die von der Bibel her Antworten darauf aufzeigen können. Doch damals konnte mir das niemand erklären. So begann ich umherzuschauen, ob irgendwer an den Absoluta des Lebens interessiert war, und ich fand heraus, dass die Zen-Buddhisten sich darüber Gedanken machten. Deshalb las ich einige Bücher über den Zen-Buddhismus und begann zu meditieren und besuchte ein Zen-Kloster in Los Angeles. Nach einer Weile fand ich ein näher gelegenes Kloster in den Bergen, das ich häufiger besuchen konnte. Mit etwa 25 Jahren habe ich dann alles zurückgelassen, alles verkauft und begann im Kloster zu leben. Das Leben im Kloster war sehr streng und diszipliniert. Nach und nach begann ich zu reisen und habe verschiedene Kloster besucht. Irgendwann kam ich auf diesen Reisen nach Europa. Ein Freund, den ich noch aus Kalifornien kannte, reiste mit mir, ein Christ, und wir besuchten verschiedene Kloster. Damals dachte ich, mein Ziel sei Japan, das Zentrum des Zen-Buddhismus. Dieser Freund wollte nach L’Abri, was ich nicht kannte. Er erzählte mir: Das ist eine Gemeinschaft von Christen, die denken. Ich sagte nein, das konnte ich nicht glauben. Als wir zusammen da waren, mochte ich L’Abri überhaupt nicht. Es war alles laut und geschäftig, mit Kindern und Hunden, und die redeten während sie aßen. Ich war das anders gewohnt. Im Kloster ist es ruhig, leise. So ging ich weiter nach Italien, wo ich Tee-Zeremonien kennenlernte. Und Tee, den ich heute noch trinke. Doch nach vier Monaten hatte ich genug von meinen Versuchen, Italienisch zu sprechen und vermisste meinen Freund. So kam ich nach L’Abri zurück.

Bekehrung

J: Und dort hast du dich dann bekehrt?

E: Ja, ich wurde dann dort Student und studierte den Römerbrief durch Vorlesungen, die Schaeffer auf Tonband aufgenommen hatte. Und dann wurde ich Christ. Zum Teil gegen meinen Willen. Ich wollte nicht Christ werden, denn die Christen, die ich kannte, mochte ich nicht besonders. Aber der christliche Glaube wurde überzeugend. Der wichtigste Grund, weshalb ich Christ wurde, war, weil er mir klar wurde. Es braucht weniger Glauben, um an den christlichen Gott zu glauben als an irgend etwas anderes. Eines Abends las ich Schaeffers Buch „Escape from Reason“, und als ich vom Buch aufschaute, hatte das ganze Universum seine Form geändert. Alles hatte einen neuen Fokus. Das war das Wirken des Heiligen Geistes in meinem Leben. Es war eine Mischung aus Logik, Gnade und Gottes Wirken, die mich vom christlichen Glauben überzeugt haben.

J: Das finde ich spannend. Bei einigen Personen, die sich in L’Abri bekehrt haben, las ich, dass auch die Gemeinschaft, das gemeinsame Leben, Gebet, und so weiter etwas war, was sie auch mit überzeugt hat. Wie war das bei dir?

E: Ja, die Gemeinschaft ist ein wichtiges Element von L’Abri. Es ist eine einmalige Art von Gemeinschaft, denn es ist kein Kloster, keine Kirche oder Gemeinde, keine akademische Institution. L’Abri hat sich als Mission gesetzt, eine Zuflucht für alle zu sein, die Zuflucht brauchen. Es ist eine offene Gemeinschaft innerhalb der Grenzen des vorhandenen Platzes. Jeder, der kommt, ist willkommen. Es gibt keine Voraussetzungen, kein Anmeldeformular, kein Ziel, wie die Gemeinschaft geformt werden soll. L’Abri lebt vom Gebet. Eine Art extremes Glaubenswerk. Wenn du in L’Abri mitarbeitest, darfst du keine Spendenaufrufe machen, keine Werbung. Es wird gebetet und auf Gott gewartet. Jeder, der an die Türe klopft, wird als jemand betrachtet, den Gott gesandt hat. Egal, wie alt oder jung jemand war, wie gebildet oder ungebildet. Jeder, der herein kommt, bestimmt durch seine Anwesenheit mit, wie sich L’Abri weiter entwickelt. In gewisser Weise ist L’Abri sehr passiv. Andere Werke haben einen Plan, wie sie sich entwickeln wollen. L’Abri hat keinen Plan. L’Abri ist unstrategisch. Diese Art von Gemeinschaft war für viele Menschen etwas ganz Besonderes. Für mich war Gemeinschaft insofern nichts Neues, da ich aus Klostern schon Ähnliches kannte. Aber für viele war das eindrücklich. Was mich mehr beeindruckt hat, war die Bibel und die tiefe pastorale Fürsorge der meisten Mitarbeiter.

Schaeffer und das 21. Jahrhundert

J: Eine andere Frage: Man hört ja häufig, dass Francis Schaeffer eine prophetische Stimme war, die vieles von dem vorhersah, was inzwischen eingetreten ist oder sich verstärkt hat. Was würdest du dazu sagen?

E: Ja, Francis Schaeffer war sich in der westlichen Kultur sehr bewusst, was um ihn herum ablief. Er konnte Tendenzen sehen, wie sich vieles weiter entwickeln würde. Ein Thema, das er immer wieder ansprach, war die westliche Suche nach dem persönlichen Frieden und Wohlstand. Dass der Hauptpunkt des Lebens sich immer mehr dorthin verlagert, wie es mir geht, mein Selbstbewusstsein, mein psychischer Zustand, meine Stabilität. Alles dreht sich immer mehr um mich selbst. So gibt es weniger Ehen, weniger Familien, weniger Gemeinschaft, und die Gemeinden sind geschwächt und verschwinden, weil der Fokus immer mehr auf das Ich gelegt wird anstatt auf den Anderen. Und ich denke, das war das Zentrale, was Schaeffer sah.

J: Ja, das sehe ich auch immer mehr zunehmen. Was denkst du, wenn die Familie Schaeffer heute, im 21. Jahrhundert in die Schweiz ziehen würden um ein Werk aufzubauen, würden sie etwas anders machen als damals?

E: Ich denke, dass sie im großen Ganzen dieselbe Arbeit aufbauen würden. Allerdings wäre der Zustand der Menschen, die kämen, ein ganz anderer. In der Zeit, als ich in L’Abri mitarbeitete, hatten wir zu einem Zeitpunkt mehrere Menschen mit psychischen Problemen. Es war sehr schwierig zu der Zeit, sie haben die Gemeinschaft etwas gestört und wir waren nicht genügend qualifiziert um mit manchen der Probleme umzugehen. So haben wir uns als Mitarbeiter darüber unterhalten, wie wir damit umgehen sollten. Sollten wir uns schützen, indem wir Schranken aufrichten? Schaeffer sagte etwas, das uns alle schockierte. Er sagte: Wenn uns der Herr nur noch die psychisch Kranken herschickt, dann ist das unsere Aufgabe. Aber wir beteten viel für diese Situation, und ich glaube nach wie vor, dass Gott uns da arg beschützte und dafür sorgte, dass wir nicht überfordert wurden. Dennoch waren fast alle, die kamen, in irgend einer Krisensituation. Menschen mit Veränderungen im Leben. Mit Entscheidungen, die sie treffen mussten. Jüngere Menschen, die gerade ihr Abitur abgeschlossen hatten und mit Fragen kamen, die ihre Eltern und Pastoren nicht beantworten konnten. Menschen, die nach der Schule nicht wussten, welchen Beruf sie wählen sollten. Menschen, die herausfinden mussten, ob der christliche Glaube wirklich wahr ist. Oder Menschen in ihren 40ern und 50ern, die ihre Kinder groß gezogen hatten und sich nun fragten: Was soll ich jetzt? Was ist jetzt der Sinn meines restlichen Lebens? Manche kamen mit Krisen unter der Fassade, die erst einmal nur etwas studieren wollten. Und dann nach drei oder vier Wochen in der Gemeinschaft kamen dann die richtigen Krisen plötzlich zum Vorschein.

Die Botschaft der Schaeffers

J: Nun haben die Schaeffers doch ein paar Bücher geschrieben. Ich kenne die große Gesamtausgabe der Werke von Francis in den fünf Bänden. Aber das ist für manche Leser etwas einschüchternd. Was wäre ein guter Einstieg oder eine gute Reihenfolge für junge Leser?

E: Das kommt sehr stark auf die Personen an. Wer sind sie? Was ist ihr Hintergrund? Akademisch oder nicht? Geht es um die Diskussion von philosophischen Ideen? Brauchen sie mehr ein pastorales Buch? Darauf kommt es an. Vielleicht „Gott ist keine Illusion“ oder „Und er schweigt nicht“. Und dann würde ich die Bücher von Edith Schaeffer mit einbeziehen. Wenn die Person etwa eine schwierige familiäre Situation hat, oder sich unsicher fühlt oder orientierungslos ist, würde ich Bücher von Edith Schaeffer zu Beginn empfehlen. Ihr Buch „L’Abri“ erzählt die Geschichte der Gemeinschaft. Bis etwa zu ihrem 70. Geburtstag hat sie noch geschrieben. Über viele Themen: Familie, Musik, Kunst.

J: In unserer Zeit hört man ja immer wieder von bekannten christlichen Pastoren und Leitungspersonen, die Vorbilder für viele waren und plötzlich gibt es Skandale, dass sie in Sünde gefallen sind, dass sie Fehler vertuscht haben. Gibt es aus dem Fundus der Schaeffers ein Hilfsmittel, wie man damit am besten umgeht?

E: Ja, da gibt es oft einen extremen Fokus auf bestimmte Menschen, die im Rampenlicht stehen. Dieser Fokus verzerrt eigentlich die Vision des ganzen und ganzheitlichen Christenlebens, wenn alles auf den sichtbaren Bereich dieser Personen gerichtet ist. Man ist heute so stark auf diese einzelnen Personen fokussiert und dann brechen plötzlich Gemeinschaften zusammen. L’Abri war über 60 Jahre lang auf eine relativ kleine,m ruhige Art aktiv. Der Fokus ist nicht auf die bekannten Studenten und Mitarbeiter gerichtet, sondern darauf, in Gemeinschaft und Gastfreundschaft zu dienen. Diese Prinzipien haben sich über die Jahrzehnte nie geändert. Es beginnt immer an der Basis. So ist L’Abri ganz etwas anderes als eine Bewegung.

J: Vielen Dank. Gibt es zum Abschluss unseres Interviews noch etwas Besonderes, was du auf dem Herzen hast, was du mit unseren Lesern teilen möchtest?

E: Ich möchte nichts von mir persönlich teilen, weil ich denke, das ist nicht wichtig. Aber einen Gedanken möchte ich mitgeben. Schaeffer war es immer wichtig, vom Gott zu erzählen, der nicht schweigt. Der Gott, der spricht. Gott spricht in Worten. Und Schaeffer legte großen Nachdruck darauf, dass Gott die Wahrheit klar und lebendig spricht. Und ich sehe, dass dies in unserer Kultur und im christlichen Leben immer weniger betont wird. In all meinen Büchern, Reisen und Vorlesungen versuche ich das weiterzugeben: Wahrheit sprechen und verstehen und unterstützen was wir sagen, anstatt nur Plattitüden und ein paar auseinandergerissene Teile der Bibel zu zitieren. Das ist ein Teil von Schaeffers Werk, was ich feststelle. Ich sehe, dass es immer notwendiger wird, weil wir sonst immer mehr in ein Chaos und Dunkelheit fallen. Das ist es, wozu ich Menschen ermutigen möchte: Übernehmt Verantwortung für was ihr sagt und hört sorgfältig zu. Fragt immer wieder: Was meinst du wirklich damit?, sodass eine echte Verbindung entstehen kann. Das Erste, was wir von Gott wissen in der Bibel ist, dass Er spricht. Und da greift auch der Teufel an und attackiert uns und bringt unsere Sprache durcheinander. Er verstümmelt sie, macht sie unklar, unwahrhaftig und unverbindlich. Und dann werden wir immer weniger wie Gott. Denn Gott ist immer ganz klar und verbindlich und übernimmt die Verantwortung und alle Konsequenzen für das was er sagt. Das wäre meine Botschaft an die Welt. Danke!

J: Vielen Dank für das Gespräch!

Ellis H. Potter war viele Jahre Mitarbeiter in L’Abri und später Pastor in Basel. Er hat einen Reisedienst und ist Autor mehrerer Bücher. Seine Homepage (englisch) ist hier zu finden (Link)

Gastbeitrag: Edith und Francis Schaeffer – ein Leben, das Spuren hinterlässt

von Carolin Schmitt

Ich weiß gar nicht mehr, wie und wann mir zum ersten Mal Bücher von Francis Schaeffer begegnet sind. Aber ich erinnere mich noch genau, dass ich im Jahre 2017 auf dem BLOG von Hanniel Strebel mehrere Beiträge über Francis Schaeffer gelesen hatte und auf das Buch „L‘ Abri“ von Edith Schaeffer aufmerksam wurde. Aufgrund meiner Frankophilie hatte der Titel auf Anhieb mein Interesse geweckt, so dass ich mir sofort ein Exemplar bestellen musste. Die Geschichte zur Entstehung und Entwicklung des Glaubenswerkes „L‘ Abri“ beeindruckte mich sehr.

Bereits von der ersten Seite hat mich der authentische Bericht über die Entstehung von L’Abri gefesselt und fasziniert. Ich musste staunen, war tief bewegt und gleichzeitig wurde ich wahnsinnig gestärkt, mutiger zu glauben. Gott hat die Familie Schaeffer in den vielen Jahren durch Schwierigkeiten, die meist mit Freuden und Glaubenssiegen einhergingen, geleitet. Seine Antworten auf die Gebete im Glauben haben mich zu Tränen gerührt. Die Prinzipien von Schaeffers, die auch immer Basis aller Gebete waren, haben in meinem Gebetsleben tiefe Spuren hinterlassen:
“… 1. Wir wollen darum beten, dass Gott uns die richtigen Menschen zuführt, und alle fernhielt, die nur zum Skilaufen kamen oder ein offenstehendes Haus ausnutzen wollten.
2. Wir wollen darum beten, dass Gott uns Woche um Woche und Monat um Monat genug Geld senden würde, um unsere Bedürfnisse zu decken und auch den Menschen, die er uns schicken würde, Gastfreundschaft zu gewähren.
3. Wir beschlossen, keine Pläne in Bezug auf unsere Arbeit zu machen, sondern uns in jeder Hinsicht der göttlichen Leitung zu überlassen.
4. Wir beten auch darum, dass falls die Arbeit wachsen sollte, Gott uns die richtigen Mitarbeiter senden solle. …” (L’ Abri, S. 147-148).

Zu dieser Zeit hatte ich immer wieder den Gedanken, eine evangelistische Initiative in unserem Ort zu starten. Diese Idee wurde durch die Lebensgeschichte der Familie Schaeffer bestärkt. Viele Wochen habe ich darüber gebetet bis schließlich in einem Austausch mit meinem Mann offenbar wurde, dass er seit Wochen die gleichen Gedanken wie ich hatte. So lag es für uns auf der Hand, dass wir Schritte gehen und schauen, was Gott mit uns vorhat. Im darauffolgenden Jahr, im Januar 2018, gründeten wir den Verein BASIS.lager Karlsdorf-Neuthard e.V.

Unser Verein soll anderen Menschen dienen und Gott die Ehre geben, indem wir das Evangelium von Jesus Christus in Wort und Tat verkünden. Wir möchten einen Ort für jeden anbieten – egal welchen Alters, welcher Herkunft, welcher Vorbildung oder welchen Milieus – der ernsthafte Antworten auf grundlegende Fragen nach dem Sinn des Lebens sucht oder geistliche Ermutigung und Zurüstung benötigt.

Für Christen, Missionare und Evangelisten möchten wir einen Raum schaffen, in dem wir uns gegenseitig ermutigen, korrigieren und unterstützen und geistlich erfrischt vom Zwischenstopp im BASIS.lager weiterziehen können, um Gott zu dienen. Dazu gehört für uns auch, dass Menschen bei uns übernachten oder bei einer gemeinsamen Mahlzeit mit uns Zeit verbringen können. Edith Schaeffer hat unser Anliegen sehr treffend formuliert: „Wir müssen uns gegenseitig ermutigen, auf Gott zu schauen, und uns von Ihm Hilfe und Kraft erbitten, in diesem Abschnitt unseres Jahrhunderts weiterzumachen. Wir müssen wissen, dass wir unterschiedliche Individuen sind und dass wir eine individuelle Bedeutung in der Geschichte haben. Unsere Entscheidungen sind es, die zählen.“ (L’ Abri, S. 304)

Die Familie Schaeffer wurde uns noch in einigen anderen Punkten zum Vorbild, da sie Mission völlig anders umgesetzt hat, als es allgemein üblich ist. Sie haben sich nicht hingesetzt und Pläne geschmiedet, sondern sie haben sich auf den Weg gemacht und von Gottes Vorsehung Schritt für Schritt führen lassen – auch wenn es nicht immer ganz einfach war und es Widerstände gab. L’Abri war kein Missionshaus oder eine Art Freizeitheim, sondern eine Familie, die ihre Türen für suchende Menschen öffnete, um zuzuhören, zu helfen und zu reden. Durch ihre tagtägliche Gastfreundschaft haben sie ein Werk Gottes begonnen, das noch heute existiert. Genau das hat uns inspiriert, den Verein zu gründen und wir möchten auf diese Art und Weise unseren Dienst leben und uns von Gott gebrauchen lassen.

Unser Ziel ist es, immer flexibel reagieren zu können, wenn Menschen mit Fragen auf uns zukommen, um ausreichend Raum und Zeit für diese Personen haben zu können. Wichtig ist uns, dass wir nicht zu viele zeitliche Ressourcen verplanen, um jederzeit auf Gottes Führung hören und reagieren zu können. Denn es soll nicht unser Werk, sondern Gottes Werk sein. Genau wie Edith und Francis Schaeffer möchten wir auch in schwierigen Phasen Gottes unfehlbarer Führung vertrauen und ihm Großartiges zutrauen. Ebenso möchten wir nicht auf Zahlen setzen. Der einzelne Mensch soll zählen, nicht die Masse. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns so viele Menschen auf einmal schickt, dass alle zu Wort kommen können und wir über die notwendigen Kapazitäten verfügen. Freundschaften mit Menschen, die keine Christen sind, möchten wie bewusst pflegen und mit ihnen Zeit verbringen, ihnen zuhören und herausfinden, was sie bewegt und ihnen Sorgen macht, um ihnen von unserem Glauben an Jesus zu erzählen. Genau wie im Buch L’Abri immer wieder dargelegt wird, sind objektiver, in gewisser Weise „kühler“ Intellekt und persönlicher, kindlicher Glaube kein Widerspruch. Vielmehr ergeben Vernunft und Glaube erst zusammen ein Ganzes. Wir müssen nur die Augen und Ohren für Begegnungen und Gesprächsgelegenheiten öffnen und bereit sein, uns von Gott unterbrechen zu lassen, um Menschen die Wahrheit nahe zu bringen. Um es mit Francis Schaeffers Worten zu sagen: „Es gibt nur einen einzigen Grund, ein Christ zu sein – nicht zwei verschiedene!… und der ist, dass die christliche Verkündigung wahr ist.“ (L’ Abri, S. 285).

Wenn ich heute die letzten 6 Jahre Revue passieren lasse, kann ich nur staunen, wie Gott uns immer wieder überrascht und Wege gewählt hat, die für uns zuvor unvorstellbar waren. Ich könnte ein Dutzend großartiger Geschichten erzählen, die Gott mit unserem Verein geschrieben hat. Und alles fing damit an, dass das Leben von Edith und Francis Schaeffer in unseren Herzen Spuren hinterlassen hat. Mögen noch viele Menschen und nachfolgende Generationen von ihren Werken inspiriert und ermutigt werden, um Gott zu dienen. Lasst uns dafür beten!

Quelle:
Schaeffer, Edith, L’Abri, Hänssler Verlag Holzgerlingen, 1999.

Carolin Schmitt lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Karlsdorf/Baden. Sie arbeitet in Teilzeit als Wirtschaftsingenieurin in einem Softwareunternehmen und hat 2018 mit ihrem Mann und fünf weiteren Christen den Verein BASIS.lager Karldorf-Neuthard e.V. gegründet. Sie und ihre Familie sind aktives Mitglied in der FeG Bruchsal. In der Freizeit genießt sie die Natur, geht gerne wandern, liest gerne und schreibt hin und wieder kurze Artikel oder Rezensionen.

 

Gastbeitrag zu Francis Schaeffer

von Pastor Kai Kreienbring

Ich wurde gebeten ein kleines Statement anlässlich des 40.Todestages von Francis Schaeffer zu schreiben. Ich selber bin nie in L´Abri gewesen. Habe allerdings immer wieder davon gehört. Als ich 1983 Jesus kennenlernte und anfing mit intensiver mit dem Glauben und allem was dazu gehört zu beschäftigen bin ich auch öfter über Schaeffer gestolpert. Allerdings muss ich sagen, dass er mir anfangs viel zu intellektuell war (Ich war nur ein einfacher Schlosser der von Jesus auf eine Bibelschule gerufen wurde um in den vollzeitlichen Dienst zu gehen).

In den letzten 30 Jahren im Gemeindedienst sind mir immer wieder Schriften und Aussagen von Schaeffer in die Finger gefallen. Und je mehr ich darin las, je mehr merkte ich, dass er eine Art neuzeitlicher Prophet war. Jemand, der den Finger auf die Wunden seiner Zeit legte, Entwicklungen aufzeigte und immer wieder Jesus und Gottes Wort in den Mittelpunkt stellte. Gerade vor kurzem bin ich in seinem 1973 erschienen Buch „Tod in der Stadt“ über eine Aussage gestolpert, die er wahrscheinlich genauso gut oder noch deutlicher heute hätte schreiben können:

Die Bibel stellt ihre religiösen Lehren in einen historischen Rahmen hinein. Das ist genau das Gegenteil der modernen Theologie und des existentialistischen Denkens, das Gegenteil der Zurückführung von Religion auf eine subjektive Projektion, wie sie im zwanzigsten Jahrhundert vorgenommen wird.“

(Schaeffer, Francis; Tod in der Stadt; 1973; Harald Wever, Wuppertal; S.12)

Darin zeigt Schaeffer eine Entwicklung auf, die in unserer postmodernen Welt geradezu einen Höhepunkt erreicht hat. Ich glaube dies, du glaubst das – und wir beide haben recht! Auch in sogenannten post-evangelikalen Kreisen gewinnt diese Haltung in den letzten Jahren immer mehr an Boden. Wie sich nicht zuletzt in den diversen sexual-ethischen Diskussionen zeigt. Religion bzw Glaube stellt nicht mehr die Frage nach der Wahrheit, sondern nur noch die Frage nach dem subjektiven Befinden. Das hat mit dem historisch-biblischen Christentum nichts mehr zu tun. Und so stehen wir heute vor der Herausforderung das biblische Evangelium in eine Welt zu predigen, die gar nicht wirklich nach der Wahrheit fragt.

Hier lohnt es sich auch wieder neu, sich mit den Denkansätzen von Schaeffer auseinanderzusetzen! Auch wenn die Erscheinungsjahre seiner Bücher schon einige Jahrzehnte her sind!

 

Kai Kreienbring, Pastor der Volksmission Graz.

Seit 1990 teilweise ehrenamtlich, teilweise nebenberuflich, teilweise vollzeitlich im Gemeindedienst. Immer unter dem Motto „To know HIM and to make HIM known“