Killing Beauty Teil 4: Jonathan Edwards und Benjamin Franklin – Die Gabelung der Moderne

Im letzten Teil haben wir gesehen, wie die Reformatoren die Schönheit an das Wort banden und sie am harten Kreuz prüften. Im 18. Jahrhundert, im fernen Amerika, stehen wir nun an einer entscheidenden Gabelung. Zwei Männer wachsen fast zeitgleich im puritanischen Erbe auf, beide sind intellektuelle Giganten, und beide lesen dieselben modernen Philosophen wie John Locke. Doch sie wählen völlig unterschiedliche Wege im Umgang mit dem Licht der Aufklärung.

An dieser Weggabelung entscheidet sich, was die Moderne unter Schönheit verstehen wird. Es ist der Kontrast zwischen Benjamin Franklin, dem Architekten der Nützlichkeit, und Jonathan Edwards, dem Theologen der Schönheit.

Zwei Leben, zwei Welten

Benjamin Franklin (1706–1790): Der Architekt der Nützlichkeit

Franklin ist der Inbegriff des amerikanischen Aufstiegs. Geboren als Sohn eines Seifensieders, arbeitete er sich als Drucker, Verleger und Autor empor. Er war ein Meister des Praktischen. Für ihn war die Welt ein Labor, und das höchste Ziel war der Nutzen (Utility). Als Deist glaubte er an einen Gott, der die Welt als vernünftiges System geschaffen hatte, sich aber nicht mehr einmischte. Er entwickelte ein System von 13 Tugenden (wie Fleiß und Ordnung), die er täglich abhakte. Er strebte nach „moralischer Perfektion“ durch menschliche Anstrengung. Für Franklin war Schönheit eine Frage von gutem Design und Funktionalität: Ein effizienter Ofen war schön, weil er funktionierte.

 

Jonathan Edwards (1703–1758): Der Theologe der Schönheit

Nur wenige hundert Meilen entfernt wählte Edwards einen anderen Weg. Als Wunderkind kam er mit 13 Jahren nach Yale an die Universität. Auch er war fasziniert von der Vernunft und der Ordnung der Welt, aber für ihn war diese Ordnung ein Hinweis auf einen gegenwärtigen, herrlichen Gott. Seine Bekehrung war ein Durchbruch der Wahrnehmung: Er beschrieb, wie die Souveränität Gottes ihm plötzlich „unendlich süß“ erschien. Er sah die Schönheit Gottes im Donner, im Licht und im Wind. Nach Jahren als Erweckungsprediger in Northampton und späterer Entlassung starb er als Präsident von Princeton an den Folgen einer Pockenimpfung – ein Geist, der die Schönheit der Ewigkeit stets vor Augen hatte.

Die Predigt, die alles veränderte: Das göttliche Licht

Im August 1733 hielt Edwards in Northampton eine Predigt, die zum Manifest seiner Theologie wurde: A Divine and Supernatural Light. In einer Zeit, die der Vernunft huldigte, behauptete er: Es gibt eine Form von Erkenntnis, die man nicht lernen kann. Sie muss unmittelbar von Gott geschenkt werden.

Das Problem des reinen Kopfwissens Edwards argumentiert, dass man alles über Gott wissen kann, ohne wahren Glauben zu haben. Dies nennt er „spekulatives“ Wissen. Es ist wie das Wissen darüber, dass Honig süß ist, basierend auf Berichten, ohne ihn je probiert zu haben. Dieser rein intellektuelle Ansatz ist machtlos; er kann das Herz nicht erreichen.

Der Geschmack des Herzens Wahrer Glaube entsteht erst, wenn Gott ein „göttliches und übernatürliches Licht“ unmittelbar in die Seele fallen lässt. In diesem Moment geschieht etwas Existenzielles: Der Mensch fängt an, Gott zu schmecken. Man sieht nicht nur, dass Gott heilig ist, sondern man sieht die Schönheit seiner Heiligkeit. Das göttliche Licht ist eine „Wahrnehmung“ (Sensation), kein bloßes Urteil.

Es ist ein Unterschied zwischen der Meinung, dass Gott heilig ist, und dem Empfinden der Lieblichkeit und Schönheit dieser Heiligkeit.“

Schönheit als objektive Harmonie: Das Echo der Ewigkeit

Dies führt uns zum Kern der Gabelung. Für Franklin war Schönheit ein Werkzeug, ein nützliches Design, ein gut funktionierendes Räderwerk im Dienste der Gesellschaft. Edwards hingegen führt die Schönheit zu ihrem Ursprung zurück und verankert sie im Wesen des Seins selbst.

Die Definition: Einheit in der Vielfalt Edwards’ Verständnis von Schönheit ist zutiefst objektiv. Er bricht mit der modernen Idee, dass Schönheit lediglich „im Auge des Betrachters“ liege. Für ihn ist Schönheit eine reale Eigenschaft der Wirklichkeit, die er als „Exzellenz“ oder „Einheit in der Vielfalt“ definiert.

In seinen frühen philosophischen Notizen erklärt er, dass nichts für sich allein genommen „schön“ sein kann. Ein einzelner Ton ist lediglich ein Geräusch; erst im Verhältnis zu anderen Tönen, in der Harmonie und der mathematischen Proportion, entsteht Musik. Ein einzelner Farbfleck ist bedeutungslos; erst in der Abstimmung mit anderen Farben auf einer Leinwand entsteht ein ästhetisches Ganzes. Schönheit ist also Beziehung. Sie ist die proportionale Übereinstimmung von Wesenheiten untereinander. Je komplexer die Vielfalt und je tiefer die daraus resultierende Einheit ist, desto größer ist die Schönheit.

Das trinitarische Ur-Modell Diese philosophische Beobachtung führt Edwards direkt in das Zentrum der christlichen Dogmatik: die Trinität. Für Edwards ist die Trinität nicht nur ein abstraktes Rätsel, sondern das ultimative Modell der Schönheit. Gott ist in sich selbst eine unendliche Vielfalt an Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist –, die in einer so vollkommenen, liebevollen Übereinstimmung leben, dass sie eine absolute Einheit bilden.

Hier wird Edwards’ Ästhetik zutiefst trinitarisch:

  • Der Vater ist das Ur-Sein.
  • Der Sohn ist das vollkommene Ebenbild, die „Idee“ oder Reflexion des Vaters.
  • Der Heilige Geist ist der Akt der Liebe und Freude, der zwischen Vater und Sohn fließt.

Schönheit ist bei Edwards also kein Attribut, das Gott hat, sondern sie beschreibt, was Gott ist. Gott ist die Schönheit an sich, weil er das unendliche Original jener Harmonie ist, die wir in der Schöpfung nur in Bruchstücken und Schatten wiederfinden.

Schönheit als „Sensation“ des Herzens In seiner Predigt A Divine and Supernatural Light macht Edwards deutlich, dass diese objektive Schönheit zwar existiert, aber vom natürlichen Menschen nicht wahrgenommen werden kann. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen bloßem Verstand und geistlicher Erfahrung: Man kann die mathematischen Proportionen einer Kathedrale berechnen, ohne von ihrer Schönheit ergriffen zu werden.

Das „göttliche Licht“ ist für Edwards ein neuer innerer Sinn – ein „Geschmack des Herzens“. Wer dieses Licht empfängt, sieht nicht einfach nur neue Fakten über Gott, sondern er nimmt Gottes „moralische Schönheit“ wahr. Es ist der Unterschied zwischen einem Historiker, der die Fakten über eine schöne Frau liest, und einem Liebhaber, der sie ansieht und von ihrer Schönheit überwältigt wird. Wahre Religion besteht laut Edwards’ späterem Hauptwerk Religious Affections genau darin: in den „heiligen Neigungen“ der Seele, die durch die Begegnung mit dieser göttlichen Schönheit entfacht werden.

Wahre Tugend: Die Ausweitung der Schönheit Daraus ergibt sich für Edwards eine radikale Definition von Ethik. In The Nature of True Virtue argumentiert er, dass wahre Tugend nichts anderes ist als „Schönheit im Bereich des Willens“. Während Franklin Tugend als eine Liste von nützlichen Gewohnheiten sah, um ein erfolgreiches Leben zu führen, ist Tugend für Edwards die Zustimmung des Herzens zum Seinsganzen. Ein Mensch wird dann „schön“ (tugendhaft), wenn sein Herz in die trinitarische Harmonie Gottes einstimmt. Wenn wir Gott lieben, ordnen wir unsere kleine Existenz in die unendliche Schönheit Gottes ein. Sünde hingegen ist bei Edwards die „Hässlichkeit“ der Selbstbezogenheit – der Versuch, eine Einheit ohne Bezug zum Ganzen (Gott) zu sein.

Franklin vs. Edwards: Ein Vergleich der Weltbilder

An dieser Stelle wird die Kluft zwischen den beiden Denkwegen der Moderne unüberbrückbar.

1. Der Ursprung der Schönheit

  • Bei Franklin ist Schönheit ein Konstrukt. Der Mensch ist der Bildhauer seiner selbst. Durch Disziplin, das Abhaken von Tugend-Listen und vernünftige Planung erschafft er eine geordnete, „schöne“ Existenz. Schönheit wird erarbeitet.
  • Bei Edwards ist Schönheit ein Geschenk. Sie wird im „göttlichen Licht“ empfangen. Der Mensch kann sich nicht selbst schön machen; er kann nur die Schönheit Gottes schauen und durch dieses Schauen in dasselbe Bild verwandelt werden. Schönheit wird geschenkt.

2. Die Richtung des Blickes

  • Franklin blickt horizontal. Sein Fokus liegt auf der Nützlichkeit für die Gesellschaft, auf dem Fortschritt und dem diesseitigen Wohlbefinden. Religion ist für ihn eine nützliche moralische Krücke für das soziale Miteinander.
  • Edwards blickt vertikal. Sein Fokus liegt auf der Herrlichkeit Gottes. Die Welt ist für ihn kein Labor für Experimente, sondern ein Theater der göttlichen Schönheit. Alles Nützliche in der Welt hat seinen Wert nur insofern, als es auf die unendliche Exzellenz Gottes verweist.

3. Das Wesen der Wirklichkeit

  • Für Franklin ist die Wirklichkeit Utility (Nutzen). Gott ist der ferne Uhrmacher, und wir sind die Mechaniker, die die Welt am Laufen halten. Schönheit ist eine Qualität von gutem Design.
  • Für Edwards ist die Wirklichkeit Beauty (Schönheit). Gott ist die unendliche Harmonie, und wir sind dazu geschaffen, diese Schönheit zu genießen und darin aufzugehen. Gott ist nicht nützlich, er ist herrlich.

Während Franklin uns lehrt, wie wir die Welt beherrschen können, lehrt uns Edwards, wie wir von der Welt (und ihrem Schöpfer) staunend überwältigt werden können. Franklin bietet uns ein funktionierendes Leben; Edwards bietet uns ein brennendes Herz.

 

Die gefährliche Schönheit der Erweckung

Edwards war der zentrale Analytiker des Great Awakening. Er sah, wie Menschen von dieser Schönheit so ergriffen wurden, dass sie ihr Leben radikal änderten. Er unterschied dabei scharf zwischen echter geistlicher Erfahrung und bloßer Emotionalität. Wahres geistliches Licht ist keine Einbildungskraft (Imagination), sondern eine übernatürliche Wahrnehmung der Realität.

Apologetik des Geschmacks Für Edwards ist Schönheit die stärkste Verteidigung des Glaubens. Wer die göttliche Schönheit im Evangelium einmal „geschmeckt“ hat, braucht keine langen Beweisketten mehr. Er erkennt die „Handschrift Gottes“ in der Sache selbst, so wie man die Sonne am Leuchten erkennt. Diese Schönheit verändert die Neigungen des Menschen radikal – nicht aus Zwang, sondern aus unwiderstehlicher Anziehung.

Was bleibt?

Edwards und Franklin stehen an der Gabelung der Moderne. Franklin wählte den Weg der Selbstoptimierung, Edwards den Weg der empfangenen Schönheit.

Schönheit ist bei Edwards:

  • Objektiv: Sie liegt in der trinitarischen Harmonie Gottes.
  • Unmittelbar: Sie wird uns vom Geist Gottes direkt ins Herz geschenkt.
  • Verändernd: Sie macht uns neu, weil wir anfangen zu lieben, was wir sehen.

In einer Welt, die zwischen kalter Rationalität und haltloser Emotionalität schwankt, erinnert uns der Theologe der Schönheit daran, dass das Ziel des Lebens nicht der Nutzen ist, sondern das Genießen der Herrlichkeit Gottes. Nur eine Schönheit, die von Gott kommt, hat die Kraft, den Menschen von innen heraus wirklich schön zu machen.

 

Wie geht es weiter?

In diesem Teil haben wir den theologischen Gipfel erreicht. Im nächsten Teil gehen wir einen Schritt zurück in die Kunstgeschichte. Wir schauen uns an, wie die Welt nach dem Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert versuchte, diese Spannungen zwischen Wort, Bild, Ordnung und Freiheit visuell einzufangen.

Benjamin Franklin – eine vielseitige Person

Ich bin gerade dabei, die Franklin-Biographie von Walter Isaacson zu verdauen. Vermutlich werde ich dazu mehrere Blogposts brauchen – schaun mer mal. Das Erste, was ich ganz spannend finde, ist die vielseitige Persönlichkeit von Benjamin Franklin. Er war ein Mann, der sich selbst sein Leben lang immer wieder „neu erfunden“ hat, man könnte sagen, eine „liquide“ oder „flüssige“ Persönlichkeit. Seine Autobiographie hat er aus der Sicht des alten, weisen Mannes geschrieben und dadurch einige Dinge gerade gebügelt, damit sie sich besser anhörten. Natürlich hat er auch über seine Fehler geschrieben, aber so, dass sich aus seiner späten Sicht besser anhörte. Seinen Erfolg hat er einem optimalen Zusammenspiel dieser Fähigkeit zur Anpassung, aber auch seinen unveränderlichen Lebenszielen und -tugenden zu verdanken. Er hatte sich immer wieder Maximen aufgeschrieben. Bei diesen ging es ihm darum, sich selbst perfektionieren zu können. Ähnlich wie auch Jonathan Edwards mit 19 Jahren seine 70 „Resolutions“ aufgeschrieben hat. Im Unterschied zu Franklin wusste Edwards darum, dass er Gottes Hilfe benötigen würde. Franklin wollte sich selbst dorthin bringen, wo er sagen konnte, dass er sich perfekt an seine Vorsätze gehalten habe.
So will er etwa „extrem sparsam“ sein, wenn er noch eine Schuld zu begleichen hat, immer die Wahrheit sagen und nichts versprechen, was er nicht halten kann, in allem immer fleißig zu sein und nicht zu versuchen, schnell reich zu werden, da Fleiß und Geduld der richtige Weg zum Wohlstand sind, aber auch dass er nie von jemandem fälschlicherweise schlecht reden will. Das waren seine ersten Vorsätze, die er sich schon als junger Mann vorgenommen hatte. Später kamen noch weitere hinzu. Diesen Vorsätzen wusste er sich verpflichtet. Es waren Tugenden, die er unter allen Umständen aufrecht erhalten wollte. Er war sich aber auch bewusst, dass er es nicht immer schaffte. Diese Tugenden waren das feste Fundament seines Lebens, an denen er sich orientierte. Und hier wird es auch gerade für uns Menschen heute interessant. Wir haben die Tugenden durch Werte ersetzt. Werte können sich ändern und tun es auch beständig. Franklin hatte dank diesen Tugenden, die sein Leben fixierten, die Möglichkeit, sich selbst ständig an neue Umgebungen, Kulturen und Herausforderungen anzupassen. Wenn sich aber auch das Fundament (die Werte) ständig ändern, so befindet man sich auf einem sinkenden Schiff: Man ist nur noch darum bemüht, im Chaos irgendwie zu überleben und passt dem entsprechend auch die Werte immerzu neu an die Situation an. Die Standhaftigkeit im Leben fehlt dadurch.
Franklin war Drucker, Verleger, Entdecker, Erfinder, Diplomat, Politiker und manches mehr. Dadurch kam er immer wieder in neue Gesellschaften und in neue soziale Gefüge hinein. Die Tugenden gaben ihm eine Festigkeit „nach unten“, sodass er sich an diese neuen Gegebenheiten anpassen konnte. In den amerikanischen Kolonien (später USA) war es gut, dass er seinen Fleiß zur Schau tragen konnte. Dort war dies wichtig. Doch als er später in Frankreich lebte, traf er auf eine ganz andere Kultur. In Frankreich war man auch fleißig, aber was man zur Schau stellen musste, war das Spielerische, die Freude, das Party feiern, und so weiter. Er konnte sich problemlos daran anpassen, ohne dass er dadurch weniger produktiv geworden wäre. So hat er sich sein Leben lang immer wieder „neu erfunden“. Unsere Zeit versucht sich ständig neu zu erfinden, ohne festes Fundament und ohne Tugenden zu haben. Das Resultat ist verheerend: Man weiß gar nicht, wer man ist und ist dazu verdammt, sein Leben lang sich um sich selbst drehend nach seiner Identität zu suchen. Hier wird deutlich, wie sehr unsere Zeit das Evangelium braucht, das uns Tugend und Identität, Gewissheit für alle Ewigkeit und mit der ganzen Heiligen Schrift, der Bibel, ein zuverlässiges Fundament schenkt.