Die nächsten großen Fragen unserer Zeit

Vieles beeinflusst heutzutage unser Leben, was noch vor wenigen Jahren wie Science-Fiction geklungen hätte, wenn es jemand erzählt hätte. Und jetzt sind wir mitten in der Zukunft. Das braucht uns keine Angst machen, es ist eine enorm spannende Zeit, für die ich dankbar bin. Und so möchte ich ein paar Fragen prognostizieren, die uns die nächsten Jahre beschäftigen werden.

Bislang waren wir uns gewohnt, als Christen in säkularen Bahnen zu denken. Wir konnten manchen Dingen zustimmen und manche ablehnen, aber im großen Ganzen hat unsere Argumentation immer säkulare Elemente enthalten. Schauen wir uns das an einem Beispiel an: Menschenwürde. Wir haben betont, was den Menschen vom Tier trennt und das dann als das genuin Menschliche betrachtet, was dem Menschen diese Würde gibt. Das ist nicht ganz falsch, aber es wird nicht länger ausreichend sein. Es gibt auf der einen Seite viel Forschung dazu, wie weit Tiere dem Menschen ähnlich sind (emotionale Reaktion, Kommunikation, etc.) und auf der anderen Seite ein großer Zweig der Forschung an „künstlicher Intelligenz“ mit sehr lernfähigen Algorithmen. Wir müssen lernen, das Menschsein ganz neu zu denken, und zwar von der Bibel, Gottes Wort, her. Ich werde hier nur Fragen aufwerfen, noch keine Antworten geben. Erste Frage lautet also: Was ist der Mensch? Was macht seine Würde, sein eigentliches Menschsein, aus?

Mit der Frage nach dem Menschen hängen zwei weitere Fragen ganz eng zusammen, die auch neu unter Beschuss kommen werden: Wer ist Gott? Und hier ist es ebenso wichtig, sich nicht von der säkularen Begrifflichkeit zu nähern, sondern die Antworten direkt aus der Bibel zu gewinnen. Häufig werden philosophische Konzepte in die Theologie hinein geschmuggelt, welche dann zu einer einseitigen Auflösung mancher Spannungen führen. So etwa die philosophische Vorstellung eines Determinismus, die dann die Vorstellung einer doppelten Prädestination prägt, oder die Systemtheorie oder Prozesstheologie, Offener Theismus, und so weiter, welche allesamt zu ziemlich abenteuerlichen Schlüssen führen. Oder dann werden säkulare romantische Vorstellungen über eine bedingungslose Liebe in die Theologie geholt, die dann alles umzudeuten versuchen. Hier müssen wir lernen, unsere Weltanschauung von der Bibel und zwar von ihr allein prägen und vorgeben zu lassen.

Ebenfalls stark mit dem Menschenbild verknüpft ist unsere Vorstellung von der Realität. Die „Enhanced“ oder „Mixed“ Reality (also „erweiterte“ oder „gemischte“ Realität), die durch den technologischen Fortschritt schon länger am Entstehen ist und unsere Zukunft enorm prägen wird, stellt uns vor die Frage, was eigentlich real ist und was nicht. Sehr viel am Menschen kann chemisch und elektronisch manipuliert werden. Viele Menschen lagern ihr Wissen in externe Geräte wie Smartphone aus und lassen dadurch die Struktur ihres Denkens nachhaltig verändern. Was also ist Realität? Was kann der Mensch wissen und wie entsteht dieses Wissen? Teile des Internets schaffen durch Algorithmen immer häufiger Filterblasen, innerhalb welcher der Nutzer nur noch das findet, was ihn in seiner Sichtweise bestätigt. Fake-News werden im großen Stil verbreitet. Was ist real? Was ist wahr? Hier sind wir herausgefordert, für die absolute, ewig und universal gültige Wahrheit Gottes einzutreten und eine echte, authentische Realität in unserem Leben fassbar zu machen.

Eine vierte Frage, die uns beschäftigen wird, betrifft Freiheit und Gerechtigkeit. Was bedeutet Freiheit in einer Welt, die alles überwachen kann, und in der doch so vieles unsicher und ungewiss ist? Was ist Gerechtigkeit? Kann es so etwas wie „soziale Gerechtigkeit“ geben oder ist das ein Widerspruch in sich selbst? Oder ist es gar nur eine leere Worthülse, die gern genutzt wird, um damit alles Mögliche zu begründen? Fragen über Fragen, und es ist hochinteressant, sich damit von der Bibel her kommend zu befassen.

Es werden auch noch weitere Fragen auf uns zukommen, aber ich möchte es mal bei diesen ersten und meiner Meinung nach dominierenden Fragen belassen. Ich meine, dass unser Nachdenken über diese Fragen damit anfangen muss, dass wir beginnen, die Bibel ganz neu zu lesen. Häufig finden wir in der Bibel nur das, was wir schon immer gewusst und schon oft gelesen haben. Das ist auch ein wenig sowas wie eine Filterblase. Jedes Jahr bei der neuen Jahres-Bibellese wieder eine Bestätigung dessen, was man ja eh schon wusste. Ich möchte uns herausfordern, nach dem Abenteuerlichen, Schockierenden oder Überraschenden zu suchen. Ich bin häufig enttäuscht über unsere Übersetzungen der Bibel, weil so viele Texte eingeflacht sind, sie werden verharmlosend übersetzt; wohl um die Leser nicht zu erschrecken. Aber wenn Paulus im Philipperbrief über all seine Privilegien als jüdischer Schriftgelehrter nachdenkt, dann findet er diese im Vergleich zu Jesus Christus so ziemlich kacke (in Philipper 3,8 wird häufig mit „Dreck“ übersetzt, was besser in Fäkalsprache wiedergegeben werden sollte). Das darf uns schockieren, es darf uns aus unserer Komfortzone rausjagen, denn die Bibel wurde nicht für unseren Komfort gemacht, sondern eher für unsere Komm-fort-und-folge-Mir-nach-Zone. 

Wir brauchen eine neue Leidenschaft für Jesus Christus, eine Leidenschaft, die uns bereit macht, allen Komfort, alle Ehre der Welt, alle weltliche Anerkennung hinter uns zu lassen und von Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen zu sprechen. Sein stellvertretendes Sühnopfer am Kreuz auf Golgatha ist das Zentrum und der rote Faden der ganzen Bibel. Vom Sündenfall an in 1. Mose 3 wussten die Menschen vom Messias, den Gott senden wird, damit Er an unserer Stelle für unsere Sünde stirbt, und das Buch der Offenbarung ist ein prophetisches Buch, das die Auswirkungen des Kreuzes zeigt: Ein Gottesvolk von Menschen aus allen Stämmen, Nationen und Sprachen. Überall in der Bibel ist die Rede von Jesus Christus, der den einen ein Stolperstein und anderen eine Torheit ist. Das wird sich nicht ändern – es wird noch zunehmen. Es wird zunehmend schwieriger werden, „auf beiden Beinen zu hinken“ oder lauwarme Christen zu sein. Aber das ist auch gut so – es fordert uns heraus, uns ganz und gar Gott hinzugeben und uns von Ihm verändern zu lassen. Die Zeit, in der man das Kreuz irgendwie humanistisch umdeuten konnte, ist endgültig vorbei. Was soll jemand mit einem humanistischen Kreuz, wenn er den Humanismus auch kreuzlos haben kann? Das Kreuz bezahlt unsere Schuld, besiegt Satan, wäscht uns rein, nimmt unsere Schmach und unsere Krankheit und gibt uns die vollendete Gerechtigkeit Jesu Christi. Darum geht es. Und wer meint, er habe das nicht nötig, wird sich lieber eine Selbstwertgefühlstherapie suchen, die ihm einredet, wie gut er in sich selbst sei. Was dabei herauskommt, wird spätestens die Zeit zeigen.

Aus dem Leben einer Totschlagbibel

Guten Tag, ich bin Bibi, die Totschlagbibel. Manche mögen sich fragen: Totschlagbibel? Was soll denn das sein? Das werde ich euch gleich erzählen. Eigentlich bin ich ja eine ganz normale Bibel aus Papier mit festem Einband, in Leder gebunden, immer säuberlich rein gehalten, auf Hochglanz poliert, und immer in der Tasche dabei. Eigentlich könnte ich glücklich und dankbar sein, denn anders als viele meiner Artgenossen bin ich noch nie im Regal verstaubt. Vor vier Jahren wurde ich gekauft, um eine vorherige Version meiner selbst zu ersetzen, die inzwischen verlesen aussah und Eselsohren hatte. Ich fand meine Vorgängerin sehr schön, denn sie war farbig und bunt, mit vielen Buntstiften hatte unser Besitzer die wichtigsten Verse angestrichen. Sie sah vom Alter gezeichnet aus, und das machte sie richtig wunderschön. Inzwischen lebt sie aber das traurige Alter einer im Regal stehenden, ausrangierten Bibel, und ich habe ihren Platz eingenommen.

Nun möchte ich aber erzählen, was eine Totschlagbibel ausmacht und was damit meine Aufgabe im täglichen Leben meines Besitzers ist. Ich werde häufig benutzt. Nicht täglich, aber doch recht häufig, mehrmals die Woche. Ich werde gelesen, um meinem Besitzer in den zahlreichen Wortgefechten zu helfen. Mein Inhalt soll ihm die Munition geben, die er braucht, um andere Diskutanten und vermutlich eher auch -onkel zum Schweigen zu bringen. Das ist etwas, was ich nicht mag. Ich möchte eigentlich meinem Besitzer in sein Leben hineinreden, ich möchte ihm helfen, ins Ebenbild Jesu verändert zu werden, aber dazu ist mir häufig gar keine Möglichkeit gegeben. Er kennt seine wichtigen Stellen in- und auswendig, und oft blättert er eher in mir, um seinem Gegenüber Eindruck zu machen. Vermutlich hätte es ihm gereicht, mich auf 30 Seiten zusammengefasst zu haben, mit all den Versen, mit welchen er beständig hantiert. Aber meine Größe und Schwere ist ein zusätzliches Argument, das seinem Gegenüber Eindruck machen soll, denn er will ja damit zeigen, dass er mindestens ebenso bibeltreu und wortgewandt ist.

Ständig zitiert er Jesus: Liebt eure Feinde! Haltet die andere Wange hin! Nicht jeder, der sagt: HERR HERR! Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Oder Paulus: Die Liebe glaubt und erträgt alles! Vergeltet nie Unrecht mit anderem Unrecht! Oder Johannes: Wer seinen Bruder hasst, lebt in der Finsternis! Jede Bibelauslegung, die ihm nicht passt, wird mit diesem Scheinargument zum Schweigen gebracht, sodass er sich selbst völlig taub macht gegen alle Möglichkeiten, selbst etwas Neues dazu zu lernen. Leider bin ich nicht allein als Totschlagbibel. Ich kenne noch andere, die mir schon ähnliches erzählt haben, manche davon haben leider auch Diskussionsgegner meines Besitzers zum Besitzer. Vielleicht wird auch eine andere von uns mal aus ihrem Leben erzählen.

Der thematische Ansatz einer Biblischen Theologie

Hier stelle ich den kanonischen und den historischen Ansatz vor.

Ein weiterer möglicher Ansatz für die Darstellungsweise einer Biblischen Theologie ist das thematische oder dogmatische Konzept. Hierbei ist es ein Thema oder mehrere Themen, anhand derer die ganze Theologie aufgebaut wird. Im Zentrum steht dann dabei die Frage, wie sich die Theologie der einzelnen dieser Themen im Laufe der Zeit entwickelt hat. Dazu muss zunächst ein „roter Faden“ gefunden werden, womöglich auch mehrere solcher „roter Fäden“ in der Theologie der Bibel. Dabei wird auch die Frage nach dem Zusammenhang der beiden Testamente aufgeworfen werden müssen. Die Antwort auf diese Frage wird von gewaltigem Ausmaß sein auf das Ganze der Theologie.

Ein Thema oder viele Themen?

Wenn man nicht von der historischen Achse ausgehend arbeiten will, so eignet sich auch die dogmatische Achse dazu. In dieser fragt man nach der Entwicklung der einzelnen Gedanken der Theologie, nach ihren Gedankengängen und ihrem Entstehen und der Entwicklung im Laufe der Geschichte. Es werden die einzelnen Stellen, die von den selben Aspekten sprechen, einzeln in ihrem Kontext untersucht und dann verglichen und in ihren internen Zusammenhang gestellt. Oder, um es mit Steinberg zu sagen:

Entlang der systematischen Dimension zu arbeiten, bedeutet, ein theologisches Thema zu wählen und dann alle Textabschnitte zusammenzustellen und zu diskutieren, die etwas zum Thema beitragen. Beispiel: „Was sagt das Alte Testament über Engel?““1

In einer gesamtbiblischen Darstellung muss natürlich die Einheit und Vielfalt des gesamten Zeugnisses der Heiligen Schrift berücksichtigt werden. Deshalb ist auch hier die Bestimmung der zwei Testamente zueinander wesentlich.

Wer entlang der dogmatischen Achse arbeiten will, muss sich zuerst im Klaren sein, dass auch dies immer historische Arbeit beinhaltet. Die Bibel ist nach wie vor in Raum und Zeit entstanden, deshalb kann die Zeit nicht ausgeblendet werden.

Eine wichtige Fragestellung darf hier nicht vergessen werden: Sieht man, wenn man auf der dogmatischen Achse arbeitet, einen roten Faden oder will man anhand einzelner Themenkomplexe arbeiten? Wenn man sich für Zweiteres entscheidet, müssen sodann auch noch diese Themenkomplexe gefunden und begründet werden. Horst Seebass hält das Erstere für gescheitert: „Gescheitert sind, so meine ich, Versuche, eine Gemeinsamkeit zwischen Altem und Neuem Testament durch ein gemeinsames Thema wie „Gottesherrschaft“ (G. Fohrer), „Bund“ (W. Eichrodt) o. ä. zu erzielen.“2

Wichtige Vertreter des Ansatzes

Gerhard Hasel macht in seinem Buch Old Testament Theology: Basic Issues in the Current Debate eine gute Auflistung der Vertreter. Hier in komprimierter Form wiedergegeben: „Mit der Herausgabe von Eichrodts Theologie kam diese Frage in ein neues Blickfeld. Für ihn ist das „zentrale Konzept“ […] der „Bund“.“3

Das Problem, welches sich dadurch ergibt, hat Georg Fohrer richtig erkannt, indem er feststellt, dass es für die Zeit nach dem Davidsbund keine neue Bundschließung mehr gab in der Zeit des Alten Testaments. Er schlägt deshalb einen anderen Weg vor: „Georg Fohrer beantwortet die Frage des AT mit einem „dualen Konzept“, nämlich die Herrschaft Gottes und die Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen.“4

Auf diese Weise lassen sich natürlich alle Dinge von zwei Seiten betrachten: Von der Seite des herrschenden Gottes und von der Seite des mit Gott in Gemeinschaft stehenden Menschen. Weitere wichtige Vertreter sind noch E. Sellin, der die „Heiligkeit Gottes“ als zentrales Element betrachtet, Horst Seebass, welcher viel Wert auf das Königsein Gottes legt, Rudolf Smend, welcher die bereits von Wellhausen herausgearbeitete Formel „Jahwe, der Gott Israels und Israel, das Volk Gottes“ als zentrales Element bestimmt und Peter Stuhlmacher, welcher die Lehre von der Versöhnung als Zentrum definiert.

Vorteile des thematischen Ansatzes

Da die Bibel in ihrer Gesamtheit eine Vielzahl von Themen abdeckt, könnte man zumindest in der Theorie davon ausgehen, dass sie in erster Linie ihre Vielfalt von Zeugnissen zur Geltung bringen möchte und nicht zuerst ihre Einheit. Ferdinand Hahn schreibt zu dieser Fragestellung in Bezug auf das Neue Testament:

Die Einheit des Neuen Testaments darf keinesfalls einfach vorausgesetzt werden; sie muss kritisch erarbeitet werden aufgrund der Analyse der verschiedenen Traditionen. Sie muss von der Vielfalt und den bisweilen durchaus vorhandenen Widersprüchen ausgehen. Das ist aber nur dort möglich, wo anhand aller behandelten Themen die Einheitsfrage gestellt und beantwortet wird.“5

So könnte man denken, dass der thematische Ansatz durchaus ideal sei für eine Einteilung der Biblischen Theologie.

Nachteile des thematischen Ansatzes

Thomas Söding schreibt zu Stuhlmachers Unternehmung, eine Mitte der Schrift zu finden:

Er verfolgt […] das Konzept, nicht einen Kanon im Kanon zu definieren; vielmehr will er in einer weiterführenden Aneignung der Schrift-Theologie Martin Luthers eine „Mitte“ der Schrift lokalisieren, auf die hin und von der her alle biblischen Texte auszulegen und in ihrem spezifischen Gewicht zu bestimmen seien. […] Gleichwohl ist vom Ansatz einer „Mitte“ der Schrift das hermeneutische Problem schwer zu lösen. Denn zum einen bleibt die Frage offen, nach welchen Kriterien das Werturteil über die Versöhnungslehre im all-gemeinen, die paulinische Rechtfertigungslehre im besonderen gefällt wird und wie weit sie als Gradmesser für die Beurteilung der matthäischen, johanneischen, markinischen, lukanischen Theologie mit ihren je doch eigenen Ansätzen taugt. Vor allem aber wird bei einem hermeneutischen Projekt, das nach der „Mitte der Schrift“ sucht (unabhängig davon, wo man sie zu finden glaubt), zu wenig das Prae der Offenbarung vor dem Zeugnis beziehungsweise der Geschichte vor deren Erzählung und Reflexion beachtet. Dieses Prae ist aber für die Theologie des Kanons schlechthin konstitutiv.“6 Für Peter Stuhlmacher ist die Lehre von der Versöhnung der rote Faden der gesamten Bibel. Ich meine, dass diesem Ansatz von Stuhlmacher grundsätzlich zuzustimmen ist, wobei Söding natürlich recht hat, dass damit zunächst überhaupt einmal die gesamtbiblische Idee der Versöhnung definiert und klar abgegrenzt werden muss.

Fazit

Wie bereits beim geschichtlichen Konzept gesehen, gibt es auch hier Vor- und Nachteile. Beide müssen gut abgewogen werden. Vorstellbar wird aber auch eine Zusammenschau mehrerer Ansätze, zum Beispiel des historischen (heilsgeschichtlichen) und des thematischen. Beide umklammern sich in gewisser Weise: Wer thematisch arbeitet, wird das jeweilige Thema im Laufe der Geschichte herausarbeiten müssen, und wer historisch arbeitet, wird immer wieder auf Themen stoßen, welche im Laufe der Geschichte auftreten.

1 Steinberg, Julius, Dimensionen alttestamentlicher Theologie, S. 21

2 Seebass, Horst, Über die innere Einheit von Altem und Neuem Testament, in: Dohmen, Christoph, Söding, Thomas, Eine Bibel – zwei Testamente, S. 132

3 Hasel, Gerhard, Old Testament Theology, S. 139, Übersetzung: JE

4 Ebd. S. 142

5 Hahn, Ferdinand, Theologie des Neuen Testaments, S. 26

6 Söding, Thomas, Entwürfe Biblischer Theologie, in: Hübner, Hans, Jaspert, Bernd, Biblische Theologie, S. 64f

Der historische Ansatz einer Biblischen Theologie

Der historische Ansatz ist derjenige, welcher wohl am ehesten dem Ideal entspricht, das sich Johann Ph. Gabler, Begründer der Biblischen Theologie, einst gewünscht hatte. Man müsse die verschiedenen Zeiten beachten, in welchen die biblischen Autoren ihre Schriften in unterschiedlichen Genres aufgeschrieben hätten. Ob und wie sinnvoll diese Einteilung ist, muss natürlich auch noch geklärt werden. Bei der Darstellung der Biblischen Theologie mit dem historischen Ansatz ist die Abhängigkeit von der Einleitungswissenschaft (das heißt von der Beantwortung der Fragen nach der Verfasserschaft und Abfassungszeit, sowie Leserschaft und Zweck der Abfassung) sehr ausgeprägt. Die Frage ist hier immer, wer was wann geschrieben hat, und alle theologischen Dimensionen dieser Darstellung sind auf das Engste mit der Entstehung verknüpft. Es wird an der Stelle dann zunächst die Entscheidung zu treffen sein, ob man von einer heilsgeschichtlichen (offenbarungstheologischen) oder von einer religionsgeschichtlichen (historisch-kritischen) Darstellungsweise ausgehen will, bzw. muss.

Religionsgeschichte oder Heilsgeschichte?

Die Darstellung als Religionsgeschichte versucht, alle inneren Probleme und Schwierigkeiten mit Hilfe der historischen Kritik zu lösen. Göttliche Offenbarung und übernatürliches Eingreifen darf es nicht geben, stattdessen werden die Schriften in verschiedene Zeiten und historische Abschnitte eingeteilt und mit der religiösen Umwelt verglichen. Die biblische Religion hat sich durch Einflüsse aus der Umwelt entwickelt, das ist das historisch-genetische Modell. Es hat eine Evolution aus animistischer und polytheistischer Religion geben müssen, die sich irgendwann zum Monotheismus entwickelt hat. Das ist das religionsgeschichtliche Modell einer Biblischen Theologie. Der Monotheismus muss dabei immer als der letzte Schritt gesehen werden. Jeder Zeitepoche und jedem Autor wird sodann eine aus den jeweiligen Texten herausgeschälte Theologie zugeordnet. Die Bibel ist somit eine riesige Sammlung von verschiedenen Einzeltheologien. Das kanonische Buch Jesaja zum Beispiel wird durch historisch-kritische Einleitung in zwei oder drei Teile von jeweils verschiedenen Autoren eingeteilt, von welchen jeder eine eigenständige Theologie untergejubelt bekommt.

Als zweite Möglichkeit kann heilsgeschichtlich gearbeitet werden. In der Arbeitsweise geht man hier üblicherweise von der göttlichen Offenbarung der Bibel aus, die schrittweise (also progressiv) verläuft. Es gibt heilsgeschichtliche Entwürfe, die die literarkritischen Ergebnisse der Forschung als Ausgangspunkt nehmen (zum Beispiel Gerhard von Rad), andere gehen von einem bibeltreuen Standpunkt aus, nehmen also an, dass die Bibel, so wie sie heute erhalten ist, vollumfänglich von Gott inspiriert ist.

Gefragt werden muss natürlich auch bei diesem Ansatz, welcher Weg sich aus der Schrift selbst ableiten lässt. Da ist es sehr wichtig, dass nicht von außen her irgendwelche philosophischen Kriterien herangetragen werden, die der biblischen Botschaft schon gar nicht gerecht werden können. Deshalb muss gefragt werden, ob die Bibel denn in sich den Hinweis auf eine historische Lesart enthält. Gerhard Maier ist überzeugt davon: „Dennoch muß man von der Geschichtlichkeit der Schrift sprechen. Warum? Weil die göttliche Offenbarung in die Menschheitsgeschichte eingegangen ist. Und zwar nicht nur einmal, wie der Islam von seinem Koran behauptet. Sondern in einer Kette von Ereignissen, die selber wieder neue Geschichte geschaffen haben (Hebr 1,1f).“1

Dies hat zur praktischen Konsequenz, dass eine historische Darstellung der Biblischen Theologie sehr wohl angemessen ist. Ob und wie sie der Praktischen Theologie letztlich dienlich ist, wird noch zu evaluieren sein. Aber es lässt sich an der Stelle bereits festhalten, dass die zahlreichen Stammbäume und die historischen Berichte der Bibel das geschichtliche Verständnis geradezu herausfordern, die Schrift geschichtlich zu verstehen und zu interpretieren.

Wichtige Vertreter des Konzepts

Das heilsgeschichtliche Denken ist seit den frühesten Anfängen der christlichen Kirchengeschichte zutiefst in der Theologie verankert. Philipp Vielhauer schreibt zum Matthäus-Evangelium:

Eine Sonderstellung nehmen die sog. Reflexionszitate ein. Sie sind durch zweierlei gekennzeichnet. Einmal durch die reflektorische Zitationsformel: „Dies (alles) geschah, damit erfüllt werde…“. Dann durch den Texttypus: Es ist nicht der LXX-Text, aber auch nicht die genaue griechische Wiedergabe des massoretischen Textes, steht diesem aber näher als dem der LXX. […] Mit solcher Verwendung des AT, speziell mit dem Gedanken einzelner Erfüllungen, konstruiert Mt das Bild einer Heilsgeschichte, die Israel, Jesus und die Zeit der Kirche umspannt.“2 Die Heilsgeschichte der Bibel entstammt also ihr selbst, denn der neutestamentliche Gebrauch des Alten Testaments deutet recht klar darauf hin. Noch deutlicher wird diese Ausprägung in der frühen Gemeinde, wenn Paulus vom Kreuzesgeschehen als Zentrum der Geschichte3 und Telos (Ende oder Ziel) des Gesetzes4 spricht. Auch unter den Kirchenvätern gab es zahlreiche, welche die Bibel heilsgeschichtlich betrachteten. So zum Beispiel Augustinus von Hippo in seinem Werk über den Gottesstaat, wo er die Weltgeschichte in sieben Zeitalter einteilte.

Auch die Reformatoren Luther und Calvin haben ihre Christologie zu großen Teilen aus dem Alten Testament gewonnen, was zeigt, wie normal und richtig für sie das sich aus dem reformatorischen Prinzip „Sola Scriptura“ ergebende heilsgeschichtliche Denken war.

In der Zeit nach der Reformation entwickelte sich der Begriff von der „oeconomia temporum“, so zum Beispiel in der Zeit des beginnenden Pietismus unter Johann Heinrich May (um 1700). Auch bei J. Ph. Gabler findet sich der geschichtliche Ansatz, mit der einen Einschränkung, dass nämlich „die Perioden der alten und neuen Religion“ getrennt werden sollen. Das ist ein religionsgeschichtliches Modell. Oder zumindest die dazu gehörende Methodologie, die Gabler da entwickelte5.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs diese Forderung nach der rein religionsgeschichtlichen Betrachtung der Bibel und mündete zum Ende jenes Jahrhunderts in die Religionsgeschichtliche Schule der Göttinger Universität. C. H. H. Scobie beschreibt jenen Übergang:

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert begannen archäologische Entdeckungen (die bis heute andauern) Informationen zu liefern über den antiken Nahen Osten und die gräco-romanische Welt. Für viele begannen diese Entdeckungen die Einmaligkeit des biblischen Glaubens in Frage zu stellen. Babylonische Schöpfungsmythen und Gesetzestexte, jüdische Apokalyptik, hellenistische Mysterienreligionen und vorchristlicher Gnostizismus lieferten beachtliche Parallelen zum biblischen Material, das nicht länger isoliert studiert werden konnte.“6

Ausgehend von diesen Entdeckungen entstand im Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts nebst der Religionsgeschichtlichen Schule der sogenannte „Bibel-Babel-Streit“. Friedrich Delitzsch sah in seinen Studien viele solche Parallelen der Bibel mit der altbabylonischen Welt und behauptete 1902 in einem öffentlichen Vortrag, dass die Bibel erst dann richtig verstanden werden könne, wenn man zuerst die babylonische Kultur studiert und verstanden habe. Dies löste eine Flut von Schriften aus, sodass Delitzsch ein Jahr nach dem ersten Vortrag einen zweiten solchen hielt und seine These mit weiterem Material noch zu festigen suchte.

Auch in der Theologie der Nachkriegszeit bekam die geschichtliche Dimension eine große Bedeutung, insbesondere bei Gerhard von Rad. Von Rad findet über den Weg der historisch-kritischen Lesart der Bibel zu einer Heilsgeschichte. Das ist bemerkenswert. Im Zentrum steht für ihn das Bekenntnis zum in der Geschichte handelnden Gott: „Schon die ältesten Bekenntnisse zu Jahwe waren geschichtsbedingt, d. h. sie verknüpfen den Namen dieses Gottes mit der Aussage von einer Geschichtstat. Jahwe, „der Israel aus Ägyptenland herausgeführt hat“, ist wohl die älteste und zugleich die am weitesten verbreitete dieser Bekenntnisformeln.“7

Nach Gerhard von Rad kam auf der einen Seite in den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts das „kanonische Konzept“ auf, welches hier (Link) betrachtet wird, andererseits kamen Rainer Albertz und Werner H. Schmidt bewusst zurück zur Religionsgeschichte: „Mit der Wiederaufnahme der religionsgeschichtlichen Fragestellung übernimmt die heutige Forschung zugleich das Ziel der religionsgeschichtlichen Schule: Die „ins Zentrum zielende Frage“ richtet sich auf die „Besonderheit Israels innerhalb der Welt der altorientalischen Religionen“ (R. Rendtorff, 738), „die unverwechselbare Einzigartigkeit Israels innerhalb der Religionen des Altertums“ (K. Koch, 106). Allerdings drängt sich jene Frage nach der Eigenart Israels zugleich in neuer, diffizilerer Form auf: Nach welchen Kriterien wählt alttestamentlicher Glaube aus der Vielfalt der fremdreligiösen Phänomene aus, wandelt das Übernommene um und stößt mit seinem Wesen Unvereinbares ab? Damit gewinnt religionsgeschichtliche Forschung zugleich eine theologische Aufgabe.“8

Vorteile des geschichtlichen Ansatzes

Julius Steinberg schreibt dazu: „Es kommt nämlich nicht nur darauf an, welche historischen Informationen uns biblische Texte vermitteln, sondern auch, wie sie es vermitteln, welche Akzente sie beispielsweise bei der Darstellung setzen, mit welchem Ziel bestimmte historische Ereignisse wiedergegeben werden, welche Glaubensbotschaften damit übermittelt werden. Um die Glaubensbotschaften zu erfassen, darf nicht nur hinter dem Text, es muss auch im Text gearbeitet werden. Nicht die Geschichte allein, sondern die im biblischen Wort beschriebene und gedeutete Geschichte muss die Basis einer alttestamentlichen Theologie sein.“9

Die Bibel ist zum größten Teil als Geschichte geschrieben. Zwar mit gewisser wertender Auswahl des Geschehenen, welche in einer Theologie natürlich behandelt werden muss, aber sie ist als Geschichte verfasst. Deshalb „können große Teile des Alten Testaments relativ problemlos in dieses Raster eingeordnet werden“10, wie Steinberg daraufhin fortfährt.

Auch LaSor, Hubbard, Bush sehen in der Bibel von der Urgeschichte an diese Entfaltung der Heilsgeschichte:

Der Aufbau der Urgeschichte läßt erkennen, daß ihr Autor vor der Frage steht, wie die Geschichte Gottes mit dieser zerstreuten und entfremdeten Menschheit weitergehen soll. […] Der Pentateuch läßt sich somit in zwei große Abschnitte einteilen: Gn 1 – 11 und Gn 12 – Dt 34. Im ersten Abschnitt wird die Frage ausgebreitet, im zweiten die Antwort gegeben; der erste liefert die Problemstellung, im zweiten bahnt sich die Lösung an. Der Angelpunkt ist Gn 12, 3.“11

Mit der Segensverheißung in Genesis 12,3 ist tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt des weiteren Geschehens zu finden, das sich bis zum Ende des Neuen Testaments, der Offenbarung, hinziehen soll. Sehr interessant ist, dass die Offenbarung viele Elemente aus der Urgeschichte wieder aufnimmt: Der Baum des Lebens erscheint wieder, die Schlange, die in der Urgeschichte all das Unheil angerichtet hatte wird gerichtet, und viele weitere mehr. Die Urgeschichte eskaliert, weil der Mensch sich selbst erhöht und sich von Gott abwendet, deshalb wird er in alle Himmelsrichtungen verstreut. In der Offenbarung sammeln sich aus allen Himmelrichtungen die Menschen, um sich vor Gott zu beugen und ihn, den Herrn zu erhöhen.

Auch für die Predigt eignet sich das heilsgeschichtliche Konzept gut, denn durch eine heilsgeschichtliche Verkündigung lernen die Gemeindeglieder die Bibel auch eigenständig recht zu verstehen, in so fern würde dieses Konzept die Predigtvorbereitung erleichtern oder zumindest unterstützen. Armin Mauerhofer schreibt zur Predigt Folgendes:

Da die Inspiration ein heilsgeschichtlicher Vorgang ist, haben wir die Heilige Schrift auch heilsgeschichtlich auszulegen. Das heilsgeschichtliche Denken öffnet den Blick für die Einheit der Bibel. Sie nimmt den Spannungsbogen von Prophetie und Erfüllung ernst. Kein Teil der Schrift ist in ihrem heilsgeschichtlichen Ganzen entbehrlich. Die Bibel schreitet eben gerade nicht von minderwertiger Offenbarung (Rachegebete, rächender Gott) zu immer klarerer Offenbarung voran. Die Aussagen der Bibel sind in ihrem heilsgeschichtlichen Ganzen gleichwertig.“12

Gerade weil die Gemeinde durch die Verkündigung das biblische und damit heilsgeschichtliche Denken aufnehmen und erlernen soll, ist es wichtig, dies zu fördern und zu unterstützen. Dennoch muss man sich natürlich bewusst sein, dass jedes Modell und jedes Konzept eine Konstruktion ist. Deshalb hat auch der geschichtliche Ansatz gewisse Nachteile.

Nachteile des geschichtlichen Ansatzes

Der größte Nachteil des geschichtlichen Konzepts ist derjenige, dass die Bibel, insbesondere das Alte Testament, zeitlose Schriften beinhaltet. Damit ist vor allem die Weisheitsliteratur gemeint. Von der Einleitungswissenschaft herkommend lassen sie sich natürlich alle irgendwie historisch verorten, haben jedoch zeitlose Allgemeingültigkeit was ihren Inhalt betrifft. Die Theologie der Weisheit ist somit nicht von ihrem historischen Kontext abhängig. Damit kann man nun unterschiedlich umgehen. Gerhard von Rad zum Beispiel hat diesen Teil des Alten Testaments in einem gesonderten Band der Theologie behandelt. Nur ganz am Rande streift er in der Theologie des Alten Testaments im letzten Kapitel des ersten Bandes die Weisheit und komprimiert sie auf die Aussagen Israels zur göttlichen Weisheit und zur israelitischen Skepsis13.

Auch die Abhängigkeit von der Einleitungswissenschaft macht die Darstellung der Biblischen Theologie auf der historischen Grundachse nicht gerade einfacher. Für jedes behandelte historische Zeitalter muss zunächst die von der Einleitungswissenschaft vorgegebene Einleitung in die jeweiligen Schriften mit einbezogen werden.

Fazit

Mit Peter Stuhlmacher muss eine Rückkehr zur exegetischen Methodologie der Reformation gefordert werden:

In kritischem Anschluß an die altkirchliche und mittelalterliche Schriftauslegung sind die Reformatoren im Rahmen des dritten Glaubensartikels zu einer historisch-theologischen Betrachtung der biblischen Texte aufgebrochen, und die Orthodoxie ist mit ihrer Lehre vom testimonium spiritus sancti internum [dem der Bibel innewohnenden Zeugnis durch den Heiligen Geist; JE] auf ihrer Spur geblieben. Die dauernde Emanzipation von diesem Ansatz hat heute zur Folge, dass die historisch-theologische Forschung nicht mehr in der Lage ist, Gottes Wirken in der Geschichte konkret zu denken, die ekklesiologische Bezogenheit aller maßgeblichen biblischen Überlieferung ernstzunehmen und zudem gebührend zwischen prinzipiell revidierbarer geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis und der gewißmachenden Erkenntnis des Glaubens zu unterscheiden.“14

Da der historisch-theologische Charakter der Schrift so ausgesprochen wichtig ist, macht es Sinn, den geschichtlichen Ansatz zu wählen. Gerade auch in der heutigen Zeit der blinden Nivellierung alles Geschichtlichen könnte sich dies als ein heilsamer Ansatz erweisen. Auch die Wichtigkeit der Heilsgeschichte in der Predigt würde dies unterstützen. 

Fußnoten:

1 Maier, Gerhard, Biblische Hermeneutik, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 1. Aufl. 1990, S. 179

2 Vielhauer, Philipp, Geschichte der urchristlichen Literatur, Walter de Gruyter Berlin, 1975, S. 362

3 Zum Beispiel 1. Korinther 15, 17 – 19

4 Römer 10, 4

5 Strecker, Georg, Das Problem der Theologie des Neuen Testaments, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1975, S. 38

6 Scobie, C. H. H., History of biblical theology, in: Alexander, T. Desmond, New Dictionary of Biblical Theology, IVP Reference Collection, InterVarsity Press 2000, S. 15, Übersetzung: JE

7 Von Rad, Gerhard, Theologie des Alten Testaments, 2 Bde., Chr. Kaiser Verlag München, 1961, S. 127

8 Schmidt, Werner H., Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, Neukirchener Verlag, 6. Aufl. 1987, S. 12

9 Steinberg, Julius, Dimensionen alttestamentlicher Theologie in: Klement, Herbert H., Steinberg, Julius, Themenbuch zur Theologie des Alten Testaments, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 1. Aufl. 2007, S. 26f

10 Ebd.

11La Sor, W. S., Hubbard, D. A., Bush, F. W., Das Alte Testament, Entstehung – Geschichte – Botschaft, Theologische Verlags-gemeinschaft Wuppertal, 4. Aufl. 1989, S. 69

12 Mauerhofer, Armin, Jesus Mitte jeder Predigt, Jota Publikationen Hammerbrücke, 2005, S. 34f

13 Von Rad, Gerhard, Theologie des Alten Testaments, 2 Bde., Chr. Kaiser Verlag München, 1961, „Israel vor Jahwe“

14 Stuhlmacher, Peter, Thesen zur Methodologie gegenwärtiger Exegese; in: ders., Schriftauslegung auf dem Wege zur Biblischen Theologie, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1975, S. 52

Der kanonische Ansatz einer Biblischen Theologie

In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde immer mehr die Frage nach einem Ansatz der Biblischen Theologie, welche für möglichst viele Theologen annehmbar sein sollte, laut. Auf der einen Seite gab es da eine Reihe von historisch-kritisch arbeitenden Theologen, welche eine Vielzahl an neuen Ansätzen der Interpretation hervorbrachten. Manche stellten die Überlieferungsgeschichte eines Textes in den Mittelpunkt und fragten danach, wie der Text zu seinem jetzigen Inhalt gekommen ist. Sie gingen davon aus, dass jeder Text zuerst nur mündlich überliefert worden sei und bei jeder Weitererzählung noch Neues hinzugedichtet worden sei. Davon versuchten sie, die ursprüngliche Version zu rekonstruieren. Andere dachten sich, dass die Texte nach ihrer Niederschrift noch mehrmals überarbeitet sein müssten, und versuchten auch hier, durch die Zerlegung der Texte in eine Vielzahl von einzelnen „Theologien“ (also dem, was der jeweilige Autor und die den Text überarbeitenden Redaktoren von Gott dachten), das zu rekonstruieren, was ursprünglich sei. Wieder andere hielten die Texte für wilde Durchmischungen von mehreren früheren Texten, wo die Redaktoren mal einen Vers vom einen und dann wieder vom anderen Text genommen haben sollten. Zahlreiche Theologen mischten diese Vorgehensweisen auch nach Belieben durcheinander, und so kann es nicht verwundern, dass eine nicht enden wollende Zahl an Ansätzen und Resultaten den Büchermarkt überflutete. Auf der anderen Seite hielten einige der evangelikalen Theologen an der Irrtumslosigkeit der Bibel fest und lehnten jede Suche nach dem „Text hinter dem Text“ ab. In dieser Zeit hielt Henning Graf Reventlow fest:

Eine „Biblische Theologie“ ist noch nicht geschrieben. Der Weg zu diesem Ziel ist nicht nur von Hoffnung, sondern auch von vielerlei Skepsis begleitet. Sie zu überwinden wird nur möglich sein, wenn auf vorschnelle Lösungen verzichtet wird und alle Perspektiven umfassend und mit der nötigen Sorgfalt ins Auge gefasst werden. „Biblische Theologie“ ist ein in weitestem Sinne exegetisches und systematisches Arbeitsgebiet.“1

Seit dem Erscheinen der Biblical Theology von Brevard S. Childs 1992 hat sich das – zumindest aus Sicht vieler liberaler Bibelwissenschaftler – geändert.

Die Bibel als Kanon verstehen

Der sogenannte „Canonical Approach“ von B. S. Childs macht einen neuen Versuch, die Ergebnisse der historisch-kritischen Erforschung der Bibel in Einklang zu bringen mit einer Annahme der biblischen Texte in ihrer kanonischen Form. Damit wird der Versuch gestartet, eine Lücke zu schließen zwischen der bibelkritischen und der evangelikalen Forschung, die insbesondere in den Vereinigten Staaten seit langer Zeit in der Luft liegt. Childs geht nun davon aus, dass „das Material weitergegeben wurde durch seine verschiedenen mündlichen, literarischen und redaktionellen Stufen von vielen verschiedenen Gruppen bis zu einem theologischen Ziel. Weil die Traditionen als glaubensmäßig autoritativ empfangen wurden, wurden sie so weitergegeben, dass sie eine normative Funktion für nachfolgende Generationen von Gläubigen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft erhalten konnten. Dieser Prozess, das Material theologisch wiederzugeben, beinhaltete unzählige verschiedene Techniken des Zusammenstellens, durch welche die Tradition realisiert wurde.“2

So wird nun endgültig klar, dass Childs keinesfalls die historisch-kritische Arbeitsweise aufgegeben hat. Sie ist ihm wichtig, mehr noch, er meint, dass man ohne sie die Bibel gar nicht erst verstehen könne. Was bei Childs neu ins Zentrum rückt, ist das Element der gläubigen Versammlung, welche dem Kanon seine Autorität verleiht. Er kennt keine dem Kanon innewohnende Autorisierung, sondern einzig die Tatsache, dass der Kanon von der glaubenden Gemeinde – wie auch immer – zusammengestellt, redigiert, verändert und neu zusammengestellt wurde, kann dem Kanon als solchem eine externe Autorität geben. Es muss also gefragt werden, wie ein Text in der Bibel entstanden ist, warum er wie redigiert und wie er rezipiert (in anderen Stellen wiedergegeben, gedeutet oder ausgeführt) wird. Die Frage, was ein Text bedeutet, tritt in den Hintergrund, während man viel Wert auf den Vorgang der Entstehung eines Textes bis zu seiner Form im heutigen Kanon gelegt wird.

Wichtige Vertreter des Konzepts

An erster Stelle muss hier natürlich B. S. Childs genannt werden. Er hat dieses Konzept entwickelt und bekannt gemacht. Nach ihm haben es zahlreiche andere Theologen aufgenommen und auf je ihre Art und Weise weiter entwickelt. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem Rolf Rendtorff bekannt geworden. Er nennt seine Theologie des Alten Testaments im Untertitel „Ein kanonischer Entwurf“. In der Tat hat er einen Entwurf einer Theologie des Alten Testaments hinterlassen, den man als solchen so bezeichnen kann. Zu seiner Methodologie beschreibt Rendtorff sein Anliegen wie folgt:

Die erste und primäre Aufgabe einer theologisch motivierten Exegese ist die Auslegung des vorliegenden Textes. Diese Veränderung der Fragestellung impliziert eine grundlegende Veränderung des Auslegungsinteresses. Die vorherrschende literarkritische Betrachtungsweise ist per definitionem an den Vorstadien des jetzigen Textes und damit zugleich an seiner Entstehungsgeschichte interessiert. Sie ist darin „historisch-kritisch“, dass sie nach der Geschichte fragt, die zur Entstehung des jetzigen Textes geführt hat und sich in den verschiedenen Stadien der Textentstehung widerspiegelt. […] Die Umkehrung der Fragestellung, die mir notwendig erscheint, geht davon aus, dass jeder biblische Text in der Gestalt, in der er uns vorliegt, seine eigene Aussage zu machen hat. […] Das bedeutet nicht, wie gesagt, die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese zu verwerfen. Es geht vielmehr um ihre Zuordnung und ihren Stellen-wert im Rahmen einer Theologie des Alten Testaments. Hierbei spielt u.a. die Frage der Datierung der Texte und der daraus gezogenen Folgerungen eine wichtige Rolle. Deshalb ist es in diesem Zusam-menhang nicht unwichtig, den hypothetischen Charakter und die damit verbundene Unsicherheit und Wandelbarkeit vieler Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese zu bedenken.“3

Vorteile des Konzepts

Hans Hübner zeigt in den Prolegomena zu seiner Biblischen Theologie des Neuen Testaments auf, dass Childs – obgleich er hierin nicht mit Childs mitgehen kann – mit diesem Ansatz die Möglichkeit hat, „ein Maximum an Kontinuität vom Alten Testament zu Neuen hin herauszustellen.“4 Er fährt fort:

Entscheidend ist die ekklesiologische Dimension: Gottes Bundesbeziehung zu Israel ist im Neuen Testament bestätigt („confirmed“). […] Vielleicht ist dies die wichtigste Antwort Child’s [sic!] auf die von ihm selbst gestellte Frage, wie das Neue Testament im Lichte des Alten zu interpretieren sei. Auf die in die entgegengesetzte Richtung zielende Frage, wie das Alte Testament im Lichte des Neuen zu interpretieren sei, gibt er vor allem die Antwort: ‚There is no body of Old Testament teaching that stands by itself and is untouched by the revelation of the Son.’“5

So lässt sich durchaus eine Biblische Theologie aufbauen, die versucht, die Kontinuität der Testamente zu betonen. Inwieweit dies aber erstens tatsächlich gelingt und zweitens ob diese Vorgehensweise dem Inhalt der Bibel gerecht wird, soll an dieser Stelle bezweifelt werden.

Nachteile des Konzepts

Auf der einen Seite ist zunächst einmal zu bezweifeln, ob die hier übliche historisch-kritische Vorgehensweise in der Exegese dem entspricht, was die Heilige Schrift sein möchte. Nämlich genau das: Heilige Schrift. Auch ist der Versuch, historisch-kritische Bibelwissenschaft mit dem Selbstverständnis der Bibel zu versöhnen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ebenso stellt sich die Frage, inwieweit das Ausblenden der geschichtlichen Dimension zu einer objektiven Findung von Antworten der Biblischen Theologie zu führen vermag.

Fazit

Das kanonische Konzept war ein Versuch der Biblischen Theologie, über die Gegensätze der bibeltreuen und der historisch-kritischen Exegese hinauszukommen. Letztlich muss dieser Versuch als gescheitert betrachtet werden, da sich die Vertreter zu Verfechtern der historisch-kritischen Methoden machen. Er wird zu einem trojanischen Pferd, das unter dem Deckmantel des gesamten biblischen Kanons versucht, Bibelkritik in die evangelikale Bewegung einzuführen. Deshalb ist dieses Konzept nicht weiter zu empfehlen – so interessant es auch auf den ersten Blick aussieht. Es gibt – gerade im englischsprachigen Raum – eine Reihe deutlich besserer Ansätze, die heilsgeschichtlich, thematisch, systematisch und literarisch arbeiten.

Fußnoten:

1Reventlow, Henning Graf, Hauptprobleme der Biblischen Theologie im 20. Jahrhundert, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1. Aufl. 1983, S. VII

2Childs, Brevard S., Biblical Theology of the Old and New Testament, Fortress Publication Augsburg, 1993, S. 70, Übersetzung: JE

3Rendtorff, Rolf, Theologie des Alten Testaments – ein kanonischer Entwurf, 2 Bde., Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn, 1999, Bd. 2, S. 283f

4Hübner, Hans, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1: Prolegomena, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1. Aufl. 1990, S. 72

5Ebd.

Abenteuer Bibeltreue

Das Leben mit Gott, wenn man die Bibel in ihrer Gesamtheit als Gottes vollkommen inspiriertes, unfehlbares und fehlerloses Wort betrachtet, ist ein wunderbares Abenteuer. Gott lädt mich ein, mich jeden Tag ganz entspannt und voller Freude mit Seinem Wort zu befassen, es immer wieder von Neuem zu lesen, daraus zu lernen und es umzusetzen in meinem täglichen Leben. Ich muss mich nicht ständig fragen, ob das, was ich gerade lese, tatsächlich voll und ganz Gottes Wort ist oder ob es nur ein Bericht darüber ist, wie ein Mensch früher Gott gesehen und erlebt hat. Das gibt mir einen Ruhepol, einen festen Anker, einen Felsen in der Brandung des täglichen Lebens. Gott lädt mich dazu ein, Ihn beim Wort zu nehmen. Jedes Versprechen innerhalb der Bibel darf ich analysieren, den Kontext genauer anschauen, um es richtig zu verstehen, und dann auf mein Leben anwenden.

Gott gebraucht auch die Fülle Seines Wortes, um mich in Frage zu stellen. Hier finde ich ein großes Problem unserer Zeit, dass viele Menschen versuchen, Gottes Wort so zu verbiegen, dass sie sich selbst gut dargestellt finden, weil sie kein Interesse daran haben, sich von Gottes Wort in Frage stellen und verändern zu lassen. Lieber bleiben sie so wie sie sind. Das ist angenehmer und mit weniger Aufwand und Schmerzen verbunden. Ja, die Erkenntnis seiner selbst kann manchmal ganz schön hart sein. Aber sie tut gut und will das Leben zum Besseren verändern.

Unter dem Wort Gottes bleiben befreit mich von meinen eigenen Vernüfteleien und hilft mir, demütig zu bleiben. Es ist keine Demut, die Bibel mit dem Verstand oder einem bestimmten bibelfremden Jesusbild in Gotteswort und Menschenwort einteilen zu wollen. Das ist Hochmut und führt zu einer Überschätzung des heutigen Lesers. Es führt auch zu einer Überschätzung unserer Zeit, weil man somit davon ausgehen kann, dass unsere Zeit und Kultur um Längen besser und verständiger sei als die Zeiten, in welchen die Autoren der Bibel lebten. So viel sollten wir uns nicht anmaßen – schließlich hat ein äußerst blutiges und grausames 20. Jahrhundert zur Genüge gezeigt, wohin der menschliche Verstand, der sich über Gott stellt, kommen wird.

Unter dem Wort Gottes bleiben ist immer ein Abenteuer, weil ich in der Bibel immer wieder ganz neu überrascht werde. Wer mit manchen Methoden der Bibelkritik arbeitet, wird am Ende immer genau das bekommen, was er zuerst vorausgesetzt hat. Aus diesem Grund werden heutzutage auch oft Glaubensbekenntnisse wie etwa das Apostolikum zu einem neuen Maßstab, mit welchem man die Bibel messen will. Diese Bekenntnisse sind kein Teil der Bibel – sie müssen durch die Bibel geprüft werden. Das wird nun oft auf den Kopf gestellt und stattdessen das Bekenntnis zum Prüfen der Bibel missbraucht. Aber wenn ich unter dem Wort bleibe und die Bibel lese, dann überrascht mich Gott immer wieder von Neuem, denn so viel Inhalt steckt da drin, dass es für viele Leben des Entdeckens und Ausgrabens reicht, bis man nur mal die größten Schätze geborgen hat. Ich bin dadurch frei, ganz auf Gott zu hören und von Ihm zu lernen ohne die Brillen der Bibelkritik, die nach allen möglichen natürlichen Einflüssen auf die Bibelautoren ausgehen. Ich darf stattdessen von einer übernatürlichen Inspiration durch den Heiligen Geist ausgehen, der in jedem Wort, in jedem Buchstaben zu mir sprechen will – und das macht das Leben abenteuerlich.

Man kommt natürlich mit Hilfe der Bibelkritik auf alle möglichen abenteuerlichen Auslegungen, aber zu guter Letzt ist das langweilig, weil jeder immer nur auf sich selbst zurückgeworfen wird. Jeder findet damit in der Bibel das, was er eh schon vorausgesetzt hat; das, was in ihm schon vorhanden war. Da ist mir das Abenteuer der Bibeltreue viel wertvoller. Übrigens sollten wir uns zwei Sachverhalte gut auf der Zunge zergehen lassen, die Peter Stuhlmacher bereits 1975 im Rahmen eines Vortrags in Augsburg über den Siegeszug der historisch-kritischen Bibelauslegung erwähnte:

Gleichwohl gilt es, zwei weitere Sachverhalte ebenso aufmerksam zu registrieren. Der erste von beiden wird gegenwärtig einem breiten Publikum auch schon von ausgesprochenen Kritikern der Kirche und des Christentums wie Joachim Kahl oder Rudolf Augstein zum Bewusstsein gebracht, dass nämlich die z. Z. in der Diskussion stehenden Spitzenergebnisse der protestantischen (und ich darf jetzt hinzufügen: auch der neueren katholischen) Bibelkritik in der Öffentlichkeit zu einem enormen Substanzverlust geführt haben. Der zweite Tatbestand ist weniger offenkundig, drängt sich aber in internen Gesprächen mit Pfarrern, Katecheten und christlich engagierten Studenten belastend auf. Die historische Kritik hat gerade die in dieser Kritik ausgebildete Theologenschaft stark in ihrem Schriftgebrauch verunsichert und ist zugleich zu kompliziert geworden, um in der theologischen Ausbildung wirklich angeeignet und dann auch einleuchtend praktiziert werden zu können.“ (Stuhlmacher, Peter, Schriftauslegung auf dem Wege zur biblischen Theologie, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1975, S. 167f)

Mit anderen Worten: Die Bibelkritik ist untauglich für die gemeindliche Praxis und führt zum Verlust zentraler Inhalte des christlichen Glaubens. Da ist mir eine bibeltreue Hermeneutik viel wertvoller, denn diese führt ebenso zu den positiven Ergebnissen der Bibelwissenschaft und das deutlich einfacher und schneller. Für bibelkritische Predigten, die zu „abenteuerlichen“ Aussagen kommen, gibt es immer wieder Beispiele, siehe etwa hier (Link).

5 Gründe, warum mich die junge Generation hoffen lässt

1. Weil Gottes Gnade groß ist

Ich bin enorm dankbar für die junge Generation, die Menschen, welche jetzt Kinder und Teenies sind. Sie machen mir große Hoffnung. Doch der wichtigste Grund, der mich für die junge Generation hoffen lässt, liegt nicht in den Menschen, sondern in Gottes mächtiger Gnade, die groß ist und mehr zu tun vermag als wir je zu erdenken, erhoffen oder zu erbitten vermögen. Paulus ermutigt den jungen Timotheus: Niemand verachte dich wegen deiner Jugend, sondern sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Keuschheit. (1Tim 4,12) Und ich darf mir viele junge Menschen zum Vorbild nehmen, von denen ich unglaublich viel lernen kann. Das ist ein riesiges Vorrecht.

2. Mehr Kinder als lange Zeit davor

Es werden zur Zeit in Deutschland mehr Kinder geboren als viele Jahre davor. Zuweilen spricht man sogar von einem „kleinen Babyboom“, der zwar noch lange nicht mit jenem der Nachkriegszeit verglichen werden kann, aber seit 2011 werden jedes Jahr mehr Kinder geboren als im jeweiligen Jahr davor. Viele Menschen haben gemerkt, dass Kinder ein echter Segen sind, und sind bereit, für die kommende Generation Verantwortung zu übernehmen. Das macht mir Hoffnung. Außerdem ist die Anzahl der pränatalen Kindsmorde seit einigen Jahren rückläufig. Das bedeutet leider immer noch unermesslich viel Leid und schreckliche Folgen, aber immerhin geht der Trend langsam in die richtige Richtung. Hier müssen wir dran bleiben und uns weiter für das Recht auf Leben für die Schwächsten und Hilflosesten einsetzen.

3. Die Suche nach der EINEN Wahrheit

Die junge Generation weiß wieder um die Tatsache, dass es nur eine Wahrheit geben kann – und dass diese gesucht und gefunden werden will. Das ist eine phantastische Ausgangslage für die Gemeinde Jesu Christi, um hier den Weg, die Wahrheit und das Leben zu zeigen. Natürlich gibt es nach wie vor einige „Konkurrenz“ auf dem Marktplatz der Wahrheitsanbieter, aber unsere jungen Menschen werden langfristig bemerken, dass einzig die Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist, mit der Realität übereinstimmt; auch und gerade da, wo es um Dinge geht, die unser Leben auf den Kopf stellen und uns zum Neu-Denken herausfordern.

4. Logik und Argumente werden wieder salonfähig

Aus der jungen Generation werden wieder große Denker, Philosophen, Theologen und Künstler aufstehen, die um den Wert von Denken, Logik und Argumenten wissen. Es wird nicht mehr „Deine Logik und meine Logik“ oder „Deine Wahrheit und meine Wahrheit“ geben, sondern Argumente werden auf allen Seiten ausgetauscht, um der einen, gemeinsamen absoluten Wahrheit näher zu kommen. Es ist der perfekte Nährboden für Apologetik in den Gemeinden. Wohl den Menschen, die sich rechtzeitig darauf einstellen, bevor die jungen Menschen mit einem Wischi-Waschi-Friede-Freude-Eierkuchen-Wir-ham-uns-alle-lieb-und-sind-grenzenlos-tolerant-Anti-Evangelium aus den Gemeinden vergrault worden sind.

5. Charakter zählt wieder mehr

Die Zeit des zerstückelten, fragmentierten Menschen ist vorbei. Die junge Generation will sich als Einheit sehen, als ganze Menschen, wo es nicht mehr nur um gute „Werte“ geht, sondern um den Charakter. Sie sucht nach den Helden des Alltags und möchte Vorbilder haben, um selbst wieder anderen zum Vorbild werden zu können. Das gibt mir Hoffnung und lässt mich immer wieder erneut dankbar von den jungen Menschen lernen.

Buchtipp: Was nun, Kirche?

Parzany, Ulrich, Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, SCM Hänssler, Holzgerlingen, 2017, Verlagslink, Amazon-Link
Vielen Dank an den Hänssler-Verlag für das Rezensionsexemplar.
„Die Krise der Kirchen ist im Kern eine Krise der Verkündigung. Und die Krise der Verkündigung ist dadurch entstanden, dass das Vertrauen in die Autorität der Bibel verschwunden ist. Darüber zu sprechen, scheint in den Kirchen ein Tabu zu sein.“(S. 41)
Der Evangelist und evangelische Pfarrer Ulrich Parzany stellt fest, dass zwischen dem Personal der Kirchen und den Gottesdienstbesuchern eine immer größer werdende Kluft besteht. Die Entfremdung nimmt zu, die Gottesdienste werden leerer und weniger besucht. In seinem neuen Buch macht er sich auf die Suche nach den Hintergründen dieser Entfremdung und deckt auf, wie wenig tatsächlich über die eigentlichen Inhalte der Theologie gesprochen wird.
Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Frage: Wer und was ist die christliche Kirche? Was sind deren Kennzeichen? Was ist ihre (und Gottes) Mission? Parzany kommt zum Schluss, dass weltweit die Feindschaft gegenüber der christlichen Kirche gewachsen ist, und sie gerade dort erweckliche Aufbrüche erlebt, wo der Glaube an Jesus Christus verfolgt wird.
Im zweiten Kapitel geht es um die Frage, woran die evangelischen Kirchen kranken. Anders gesagt: Wo liegt das Problem, warum sie eher schrumpfen, anstatt – wie es ganz natürlich wäre – zu wachsen. Das Zitat, welches ich an den Beginn der Rezension gestellt habe, bringt dieses Problem sehr schön auf den Punkt: Es ist eine Krise der Verkündigung, die durch eine Glaubenskrise entstanden ist – weil zunehmend mehr Prediger Gottes Wort kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Sehr treffend bezeichnet Parzany auf S. 49 die Bibelkritik als „Krebsschaden der Kirche“. Er zeichnet die Geschichte der Bibelkritik in wenigen Absätzen nach, und zeigt auf, wie diese die heutige evangelische Kirche nicht nur unterwandert hat, sondern geradezu beherrscht.
An der Stelle möchte ich einen Kritikpunkt am Buch anbringen. Parzany beschreibt sehr vieles korrekt – und doch hat man zuweilen das Gefühl, das Buch sei zu schnell geschrieben worden. Das Unterkapitel ist wunderschön mit „Bibelkritik – der Krebsschaden der Kirche“ überschrieben, doch dann geht der Autor nicht weiter auf dieses treffende Bild ein. Er überlässt es dem Leser, diesen Zusammenhang zu erkennen. So gibt es immer wieder korrekte, aber im Buch nicht ausreichend erklärte, Schlagworte, die es leider seinen Gegnern leicht machen, ihn als polemisch und unbegründet zu diskreditieren. Auch hätte ich mir das vorliegende Kapitel mit der Geschichte der Bibelkritik etwas ausführlicher gewünscht, da es manche – für Kenner der Geschichte natürlich selbstverständliche – Gedankensprünge enthält, die für manche Leser einfach besser begründet werden sollten.
Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden noch mehr Kontroversen angesprochen – wie etwa jene um den interreligiösen Dialog, den stellvertretenden Sühnetod Jesu, die „Ehe für Alle“ und die Taufpraxis. Bei all diesen Themen fasst sich Parzany sehr kurz – vermutlich zu kurz, um jemanden überzeugen zu können, der anderer Meinung ist. Vielleicht ist dies beim vorliegenden Buch aber auch nicht so wichtig.
Das dritte und vierte Kapitel finde ich superspannend. Hier beschreibt der Autor, warum er trotz allem immer noch in der evangelischen Kirche ist. Er versucht, ein „Baugerüst“ zusammen zu stellen, auf das kommende Generationen wieder Gottes Kirche bauen können. Man muss es erst mal selber lesen, denn Parzany ist ein Mann, der keineswegs pessimistisch ist, vielmehr ist er voller Hoffnung für die Zukunft. Und deshalb muss ich zum Schluss noch ein Wort an die zahlreichen Spötter und Kritiker richten, die ihm vorwerfen, die Kirche spalten zu wollen. Nicht Parzany ist es, der die Kirche spaltet, sondern Bibelkritiker spalten die weltweite christliche Kirche, indem sie die Grundlage des Glaubens, nämlich die Bibel als Gottes Wort, verlassen und sich eigene Bibeln basteln. Der Glaube an Jesus Christus, den wir nur aus der Bibel in ihrer Ganzheit haben können, ist es, was alle Christen aller Zeiten und Kulturen miteinander verbindet. Deshalb wünsche ich jedem Gemeindebund einen Ulrich Parzany, der hoffnungsvoll und mit großer Klarheit zu einer neuen Reformation ruft – zu einer Rückkehr zum Jesus Christus der Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist.
Ich gebe dem Buch 4 von 5 Sternen / Punkten

 

Zusammenfassung: Es ist ein lesenswertes Buch, das sehr viele gute Kritikpunkte enthält und zugleich Mut für eine erneute Reformation macht. Es hätte aber ruhig in manchen Abschnitten ausführlicher und exakter begründet geschrieben werden dürfen. 

Zum Reformationsjahr #1: Was machen wir mit Martin Luther?

Von der Lutherphobie bis zur Lutherphilie finden sich in der medialen Welt viele Extreme, wie mit dem Leben und Werk Martin Luthers umgegangen wird. Besonders das Reformationsjahr und die ganze Lutherdekade bietet viel Stoff und viel Gelegenheit, um den Reformator für alle möglichen und unmöglichen Zwecke zu vereinnahmen. Es ließe sich bestimmt eine ganze Menge grüner Energie produzieren durch die Drehbewegung, die Luther machen müsste, wenn er sich noch im Grabe befände, ob all des Unsinns, der heutzutage über ihn oder in seinem Namen verbreitet wird. Aber wie kann man objektiv und unaufgeregt mit dem umgehen, was Luther gesagt und geschrieben hat?
1. Context is King!
Wenn man Luthers Werk ansieht, wird man von der Menge schier erschlagen. Die größte Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 127 Bände, die sogenannte Weimarer Ausgabe. Ebenso viele Jahre hat die Fertigstellung dieser umfassenden Ausgabe in Anspruch genommen. Sein Leben war von vielen Kontroversen geprägt, wodurch er sich nach allen Seiten hin gegen eine fälschliche Vereinnahmung wehren musste. Gegen die Papisten Roms, die ihn zurück in den Mutterschoß der Kirche führen wollten, gegen den Humanisten Erasmus von Rotterdam, gegen die Vertreter der Bauernaufstände, die mit der christlichen Freiheit argumentierten, um ihr gewalttätiges Treiben gegen die Grundbesitzer zu rechtfertigen, gegen die sogenannten „Schwärmer“, die schon eine Art frühe Vertreter der Bibelkritiker waren, oder auch gegen andere Reformatoren wie Huldrych Zwingli, dessen Verständnis vom Abendmahl Luther zu symbolisch war. Hier wird jeder irgendwo Sätze finden, denen er – aus dem Kontext gerissen – zustimmen kann. Deshalb ist es enorm wichtig, immer genau darauf zu achten, wann, an wen und unter welchen Umständen was geschrieben wurde. Es ist deshalb auch schwierig, Luther späte Veränderungen seines Charakters oder seiner Ansichten unterzuschieben. Wer sich etwa mit der frühen Römerbrief-Vorlesung von 1515 – 1516 befasst, wird erstaunt, wie sehr Luther dann schon Reformator ist.
2. Semper reformanda!
Einer der Grundsätze der Reformation ist, dass die Kirche oder Gemeinde ständig erneut reformiert werden muss. Dabei bedeutet „reformieren“ immer: Zurückbringen zur Bibel als Gottes Wort! Zurück zu den Quellen! Dass alle menschlichen Aussagen und Bekenntnisse Stückwerk sind und deshalb auch immer neu an der Schrift gemessen werden müssen, ist dem Reformator nur allzu sehr klar. Doch er weiß: Der Mensch braucht zwingend den festen Boden der Heiligen Schrift, der ganzen Bibel, weil er sonst dazu verdammt ist, sich selbst und den jeweiligen Zeitgeist zum Prüfstein zu machen. Wie das herauskommt, zeigt die Geschichte des 3. Reiches mit den „Deutschen Christen“ nur allzu gut. Davor schützt einzig und allein das Ernstnehmen der Offenbarung Gottes in der gesamten Bibel. Diese muss nicht herausgearbeitet werden, sondern ist in jedem Buch, jedem Satz, jedem Wort und jedem Buchstaben der Bibel zu finden. Wir müssen deshalb keineswegs in allem mit Martin Luther einverstanden sein. Die Frage ist einzig: Was sagt Gottes Wort, die Bibel, dazu? Luther würde selbst auch gar nicht wollen, dass wir seine Worte zur „norma normans“ machen, also zum Maßstab, um daran die Wahrheit zu messen. Er sagt nur: In allem, worin Ihr mich überzeugen wollt, gilt allein die Heilige Schrift, und diese, indem sie sich selbst auslegt.
3. Dankbarkeit!
Nicht zuletzt dürfen wir einfach dankbar sein. Dankbar für Martin Luther, der standhaft blieb und sich von Gott gebrauchen ließ. Mit allen Ecken und Kanten. Mit allem, was er in seinem Leben erlebt und erreicht hat. Und ich möchte auch hinzufügen: Dankbar, dass er nicht perfekt war. Denn das macht Hoffnung. Es macht Hoffnung, dass Gott auch weitere unperfekte Gefäße gebrauchen kann und will. Es macht Hoffnung, dass wir nicht erst ewig warten müssen, bis ein zweiter Martin Luther geboren wird. Egal wie dunkel die Zeit erscheinen mag, Gott hat Menschen vorbereitet, die Seine Botschaft treu weitergeben. Unter allen Umständen und zu jedem Preis.

Warum ich die klassischen „alten“ Romane genieße

Gerade lese ich unter anderem den Roman „Middlemarch“ von George Eliot. Auch einzelne Romane der Geschwister Bronte („Sturmhöhe“ von Emily und „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte) oder manche Romane von Jane Austen, oder von den russischen Schriftstellern Dostojewski und Tolstoi haben meine vergangenen Lesemonate bereichert. Heute möchte ich meine wichtigsten Gründe aufzählen, weshalb ich diese Romane ganz besonders genieße – im Vergleich zu den meisten zeitgenössischen Romanautoren.
1. weil es ganz einfach Klassiker sind.
Ein Buch wird nicht einfach ohne Grund zu einem Klassiker. Klassiker – auch wenn über deren genaue Definition gestritten wird – sind Bücher, welche über Generationen und verschiedene Kulturen hinweg Bestseller sind. Klassiker haben den Test der Zeit bestanden und sind daher zeitlos, obgleich sie natürlich einer Zeit und Kultur entstammen. Die Zeit ist ein guter Richter über Bücher: Nur das Beste vom Besten behält den Platz unter den Bestsellern, während viel Neues das weniger Gute verdrängt und seinerseits wieder dem Test der Zeit unterworfen werden.
2. weil sie wie Zeitreisen sind.
Gut, das könnte man von jedem älteren Buch sagen. Aber da ich nicht die Zeit habe, um jedes davon zu lesen, beschränke ich mich gerne vorerst mal auf die Besten der Besten aller Zeiten. Beim Lesen der Klassiker fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt und lerne über meinen beschränkten Horizont des 21. Jahrhunderts hinauszuschauen. Ich lerne typische Charaktere, Gewohnheiten, Einschränkungen und Vorteile anderer Zeitalter kennen. Mit den Klassikern brauche ich zumindest für die Vergangenheit keine Zeitmaschine.
3. weil Helden und Tugenden statt Opfermentalität zählen.
Unsere Zeit hat Angst vor Helden mit eisernen Grundsätzen und kompromisslosem Handeln. Deshalb ist die Literatur unserer Zeit voll langweiliger Antihelden geworden, die letztendlich mit ihrer Opfermentalität punkten wollen. Nicht die Tugend zählt mehr, nicht der Charakter, sondern die Geschichte, die den Einzelnen zum Opfer macht. Da sind mir die älteren Klassiker viel sympathischer und auch für das heutige Leben viel lehrreicher und positiver.
4. weil sie unterschwellig oft voll von bissigem Sarkasmus und Satire sind.
Heutige Satire ist meist so offensichtlich und klar erkennbar; in den Klassikern muss man erst danach suchen und wird dafür dann umso mehr belohnt. Jane Austen etwa ist eine Meisterin den unterschwelligen Sarkasmus und einer satirischen Schreibweise. Im wohl bekanntesten Roman „Stolz und Vorurteil“ wird die damalige Erwartung, welche die Gesellschaft an Frauen und deren Haltung zur Ehe hatte, aufs Korn genommen. Jede Frau, so erwartete es die Gesellschaft, will nur möglichst reich heiraten, um finanziell abgesichert zu sein. Für Männer hingegen zähle einzig der Schein, wie sie von der Umwelt wahrgenommen werden.
5. weil sie oft enorm bibelgetränkt sind.
Mich hat schon oft erstaunt, wie viel von der Bibel und vom Glauben in diesen Klassikern vorkommt – und nicht mal unbedingt immer so positiv, aber wirklich häufig. Manche arbeiten sich am Glauben ihrer Zeit ab, wie etwa bei George Eliot, andere wie Dostojewski hingegen sehr positiv. Austen hatte ein gemischtes Gefühl dem Glauben gegenüber, was sich auch in ihren Romanen niederschlug. Aber alle entstammen Zeiten, Orten, Kulturen und Gesellschaftsschichten, die vom christlichen Glauben geprägt sind, und das merkt man.