WANTED! Gemeinden für alle Generationen!

Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, so bin ich sehr dankbar für die Gemeinden, die ich in diesen Jahren besuchen durfte. Klar: Nirgendwo ist die perfekte Gemeinde, überall gibt es noch viele Dinge, die besser gemacht werden könnten. Aber schon seit meinen ersten Schritten als Christ ist mir etwas bewusst geworden, was mein geistliches Wachstum sehr gestärkt hat: Ich brauche ältere Christen als meine Vorbilder. Was meine ich damit? Zunächst meine ich damit nicht, dass ich versuche, andere Christen zu kopieren. Ich meine damit auch nicht, dass es Menschen gab, mit denen ich in allen Fragen einverstanden war. Was ich damit meine, ist: Ich brauche gläubige Christen, die schon seit einigen Jahren diesen Weg gehen und das Leben ein wenig besser kennen als ich.
Unter der jüngeren Generation haben sich häufig Jugendgemeinden und eingeschworene Jugendkreise gebildet, die so von sich selbst überzeugt sind und meinen, es hätte noch nie jemand zuvor ihre Probleme und ihre Situation gehabt. Sie erfinden ständig das Rad neu. Das kann in manchen Momenten gut sein. Aber auf lange Dauer sehe ich, wie sich diese jungen Menschen abkämpfen – und immer mehr von ihnen langsam aber sicher den Anschluss an die Gemeinde verliert und irgendwann in der Welt aufwacht und sich fragt, was denn nun überhaupt den Unterschied zwischen Gemeinde und Welt ausmacht. Ich bekomme dazu immer mal wieder Anfragen.
Damit ist kein Wort gegen Jugendkreise gesagt. Ich selbst leite auch den Jugendkreis in unserer Gemeinde. Das ist eine gute Sache. Aber der Jugendkreis, bzw. die Beziehungen unter Jugendlichen, darf nicht als Gemeinde-Ersatz gesehen werden. Ein Jugendkreis will in die Ortsgemeinde eingebunden sein und soll sich als Teil dieser verstehen. Wenn ich wieder zurückschaue, so fällt mir auf, dass das häufig gerade nicht der Fall war. Und ich sehe nach all diesen Jahren auch immer klarer und deutlicher die Gefahr des Umstands, dass dies so ist.
Gott hat Sich etwas dabei gedacht, als Er uns Menschen als verschiedene Generationen gemacht hat. Sie sind ein Geschenk an uns – wenn wir lernen, von ihnen zu profitieren. Ich weiß nicht, wie es anderen geht – aber als ich ein frisch bekehrter Teenie war, da wollte ich möglichst viel und schnell über Jesus lernen. Ich war in den Bibelstunden, in den Gebetsstunden, in den Gottesdiensten, in einem Hauskreis und auch zugleich noch in der Jugend – alles gleichzeitig. Und nach diesen Veranstaltungen war es mir immer noch nicht genug, da fragte ich oft einem älteren Christen – oder auch mal mehreren von ihnen – ganze Löcher in den Bauch. In solchen Gesprächen habe ich auch meine ersten Autoren von guten Büchern kennengelernt. Meine ersten Einflüsse waren C. H. Spurgeon, John F. MacArthur, D. Martyn Lloyd-Jones, Dr. Kurt E. Koch, und manche mehr.
Es ist ein Geschenk Gottes, dass wir verschiedene Generationen haben. Wir dürfen dabei lernen, dass wir nicht so allein sind, wie wir manchmal denken. Andere vor uns haben mit ähnlichen Schwierigkeiten gekämpft. Manche hatten auch in früheren Zeiten Probleme mit Drogen, mit sexuellen Gedanken, mit Sorgen, mit Verweltlichung, mit dem regelmäßigen Bibellesen und persönlichen Gebet, mit der sinnvollen Zeiteinteilung, und so weiter. Nicht immer sind die Vorschläge eins zu eins in unsere Zeit übertragbar, aber sie sind es immer wert, gehört, überdacht und vielleicht auch getestet zu werden.
Gleichzeitig hat die Jugend auch den anderen Generationen viel zu bieten. Junge Leute sind oft gut informiert, einfühlsam und leidenschaftlich. Ich möchte Leidenschaft als etwas vom Wertvollsten bezeichnen, was wir haben. Leidenschaft treibt uns an und treibt uns hinaus, dorthin, wo andere Menschen sind, die uns brauchen. So kann ein fruchtbarer Austausch zwischen den Generationen entstehen – wenn wir ihn denn suchen und unterstützen. Aber weil das für die Gemeinde so kräftigend ist, gibt es einen Feind, der alles tut, um das zu verhindern. Er versucht, die Generationen zu spalten. Er schafft einen Generationenkonflikt. Er schafft Gleichgültigkeit. Er versucht, den Austausch auf jede mögliche Art zu verhindern. Und wir müssen immer wieder Buße darüber tun, dass wir das in unseren Gemeinden zulassen. Indem wir nichts gegen diesen Generationenkonflikt unternehmen, jagen wir einen Teil der Gemeinde hinaus und geben so dem Teufel Raum. Das ist ein großes Problem.
Was können wir praktisch machen, um den Austausch zu fördern? Ich glaube es muss von beiden Seiten her gearbeitet werden – und die Jugendleitung ist ein wichtiger Teil, der die Verbindung schafft. Hier ein paar Tipps aus meiner bisherigen Praxis. Es gäbe bestimmt noch mehr. Falls Du noch weitere Ideen hast, immer her damit!
– Innerhalb der Jugend gebe ich eine Vision von Gemeinde weiter. Ich zeige in Andachten, wie Gemeinde praktisch aussieht, welchen Platz die Jugend hat. Ich zeige, dass wir als Jugend der Gemeinde viel zu bieten haben.
– Die Jugend nimmt die Richtung der gesamten Gemeinde mit auf. Die Themen werden (nicht immer, aber immer wieder) an die großen Themen der Gemeinde angepasst. Es soll allerdings an die Jugend angepasst werden und nicht zu ähnlich sein.
– Ich suche nach Arbeitsbereichen, an welchen die Jugendlichen, die das wünschen, mitarbeiten können. So bekommen sie einen Einblick in das Leben der Gemeinde. Sie sind dann eingebunden und tatsächlich Teil von diesem Ganzen, das wir Ortsgemeinde nennen.
– Ich versuche, den Jugendkreis zu einem wichtigen Anliegen der Gesamtgemeinde zu machen, indem es immer mal wieder Berichte darüber gibt und auch speziell für die Jugend gebetet wird. 
– Zuletzt der vermutlich wichtigste Punkt: Ich lade immer mal wieder erwachsene Gläubige der Gemeinde ein, in die Jugend zu kommen. Sie bekommen den Auftrag, eine Andacht zu halten, und zwar gebe ich ihnen dazu die Frage mit: Was möchtest Du unserer Jugend mitgeben, was sie aus Deiner Erfahrung, Wissen, etc. fürs Leben als Christen lernen können? Nach der Andacht haben die Jugendlichen die Möglichkeit, dazu Fragen zu stellen. Das führt häufig zu sehr spannenden und wertvollen Gesprächen und Diskussionen.
Und womit hast Du schon gute Erfahrungen gemacht? Wie wird das in Deiner Gemeinde gehandhabt?

Spezielle Offenbarung: Jesus Christus

Der Apostel Johannes beginnt sein Evangelium von Jesus Christus mit den Worten: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. […] Das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben; die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.(Johannes 1, 1 – 5 und 9 – 14)
Johannes fängt also seinen Bericht nicht mit der Geburt an, sondern er beginnt bei den Anfängen dieser Welt. Noch bevor die Welt geschaffen war, da war das Wort bei Gott und es war Gott. Dieser Bericht des Johannes hat starke Anlehnung an den Bericht von der Erschaffung der Welt. Dort hat Gott durch Sein Wort geschaffen, indem Er sprach – und es geschah. Nicht durch Big Bangs oder Big Bounces oder dergleichen, sondern durch Sein Wort. Durch Jesus Christus. Dies bestätigt Paulus etwa im Brief an die Kolosser: Dieser ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene, der über aller Schöpfung ist. Denn in ihm ist alles erschaffen worden, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; und er ist vor allem, und alles hat seinen Bestand in ihm. (Kolosser 1, 15 – 17)
Dieser ist also Jesus Christus. Das Wort, durch welches Gott alles geschaffen hatte. Johannes nennt Ihn auch „das wahre Licht, welches jeden Menschen erleuchtet“. Da stellt sich nun die Frage, wie das gemeint ist. Auf der einen Seite ist es so, dass jeder Mensch durch sein Gewissen eine gewisse Erleuchtung und damit auch Selbsterkenntnis hat. Weil Jesus Christus jeden Menschen geschaffen und ihm ein Gewissen gegeben hat, kann so jeder Mensch auch ein Stück von der Ewigkeit, von Gott und von sich selbst erkennen. Ein anderer Aspekt besteht aber darin, dass Jesus Christus auch auf die Erde gekommen ist – als Mensch wie wir alle. Und durch Sein Leben hat Er den Menschen einen Spiegel vorgehalten. Er hat ihnen gezeigt, dass sie alle so unendlich weit entfernt sind von dem, wozu sie geschaffen sind. Das hat häufig provoziert. Und das sagt Johannes wiederum, wenn er schreibt: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, doch die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Die Seinen nahmen Ihn nicht auf. Sie verfolgten Ihn, verspotteten Ihn, bespuckten Ihn, nahmen Ihn gefangen, verließen Ihn, kreuzigten Ihn zu Tode.
Das Böse hatte gesiegt. Man hat es wohl den triumphalen Siegesschrei ausstoßen hören können. Das Wort ist tot. Gott Sohn ist tot. Doch der Teufel hatte eines nicht bemerkt: In dem Moment, als sein Triumph am größten war, hatte er unwissend Selbstmord begangen. Er hat sich mit der schlimmsten Sünde, die jemals getan wurde, selbst besiegt. Dort am Kreuz von Golgatha war der Ort, an dem die Schuld der Menschen bezahlt wurde – so dass jeder, der an Jesus Christus glaubt, nicht in die ewige Verdammnis kommt, sondern ewig mit Gott leben darf. Am Kreuz wird Gottes Zorn und Gottes Liebe am besten sichtbar: Gottes Zorn über die Sünde, welcher über Jesus Christus ausgegossen wurde – und zugleich Gottes Liebe, in welcher Er Selbst diesen Zorn zu tragen bereit war.
Viele Dinge waren schon vorher bekannt, aber in Jesus Christus werden die einzelnen Heilslinien in einer Person vereinigt: Der Hohepriester, der am Versöhnungstag nach 3. Mose 16 Gott für die Sünden des Volks Israel opfert, zugleich das Opfertier, welches die Sünden der Menschen trägt, der König der Welt, welcher als Nachkomme Davids versprochen war, der Richter der Welt aus Daniel 7,14. Der Gottesknecht aus Jesaja 52 und 53, und so weiter. Alle diese Heilslinien treten im Alten Testament einzeln auf und verlaufen zuerst parallel zueinander. Im Neuen Testament fallen sie in Jesus Christus zusammen, der das Wort Gottes ist, und somit die größte Offenbarung Gottes.
Mit dieser Botschaft hat Jesus Christus nach Seiner Auferstehung am dritten Tag Seine Nachfolger beauftragt. Die Gemeinde ist der Leib, der Körper, von Jesus Christus, der auf der Erde das ausführen soll, was Sein Wille ist. Die Gemeinde hat den Auftrag, Jesus Christus zu predigen und Menschen einzuladen, in eine persönliche Beziehung zu Gott zu kommen. Sie soll da sein für Menschen, die an ihrem Leben leiden und ihnen die Hoffnung des ewigen Lebens ohne Leid geben. Deshalb sagt Johannes auch: „Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er das Anrecht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Kinder Gottes sind nicht einfach alle Menschen. Auch nicht einfach alle, die getauft sind. Ja, noch nicht einmal alle, die regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. All das sind gute Sachen, aber sie machen niemanden zu einem Kind Gottes. Johannes sagt vielmehr, dass man Jesus Christus annehmen muss.
Jesus Christus möchte unser Erlöser und unser König sein. Es reicht nicht, Ihn nur als den Erlöser zu wollen. Wir brauchen Ihn auch als König. Wenn wir zu Ihm gehören, dann suchen wir nach Seinem Willen und tun das, was Er von uns möchte. Wir lassen uns von Ihm prägen und verändern. Wir beginnen, das zu lieben, was Er liebt und das zu hassen, was Er hasst. Wir lernen Ihn immer besser kennen, reden mit Ihm und hören auf Sein Wort. Dadurch werden wir immer sensibler für Seinen Willen. Diesen Prozess, in welchem wir Jesus Christus immer ähnlicher werden, nennt die Bibel Heiligung. Je weiter wir in dem Prozess voranschreiten, desto mehr wird auch unser Leben zu einem Sichtbarmachen von Gottes Wirken. Weil so viele Menschen kein Interesse haben, die Bibel zu lesen, so sollen sie halt unser Leben lesen können und sehen, wie Gott wirkt.
Unser Brief seid ihr selbst, in unsere Herzen geschrieben, erkannt und gelesen von jedermann. Es ist ja offenbar, daß ihr ein Brief des Christus seid, durch unseren Dienst ausgefertigt, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens. (2. Korinther 3, 2 – 3)
Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn die er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt, die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht. Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Er, der sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Wer will gegen die Auserwählten Gottes Anklage erheben? Gott [ist es doch], der rechtfertigt! Wer will verurteilen? Christus [ist es doch], der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der auch zur Rechten Gottes ist, der auch für uns eintritt! Wer will uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir geachtet!« Aber in dem allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Römer 8, 28 – 39)

Moralistisch-therapeutischer Deismus: Lösungsansätze

Gestern habe ich den Begriff des „moralistisch-therapeutischen Deismus“ vorgestellt. In einem späteren Kapitel seines Buches „Soul Searching – The Religious and Spiritual Lives of American Teenagers“ versucht Christian Smith, konstruktive Lösungsansätze zu entwickeln. Er kommt zu folgenden Schlüssen (Übersetzung jeweils von mir):
Die beste Art, um die meisten Jugendlichen stärker und ernsthafter in Bezug auf ihre Glaubensgemeinschaft miteinbezogen zu bekommen, besteht darin, ihre Eltern stärker und ernsthafter in Bezug auf ihre Glaubensgemeinschaft miteinzubeziehen. Für Jahrzehnte bestand in vielen religiösen Traditionen die vorherrschende Art der Jugendarbeit darin, die Teenager von ihren Eltern wegzuziehen. In manchen Fällen haben Jugendpastoren sogar begonnen, die Eltern als Feinde zu betrachten. Es gibt ohne Zweifel eine Zeit und einen Platz für Situationen und Aktivitäten nur unter Teenagern; doch unsere Erkenntnisse zeigen, dass insgesamt eine Jugendarbeit am besten im größeren Kontext einer Familienarbeit betrieben wird, dass Eltern als unverzichtbare Partner in der religiösen Formung der Jugend betrachtet werden müssen.“ (S. 267)
Eltern und Glaubensgemeinschaften sollten sich nicht davor scheuen, Teenager zu lehren. Erwachsene zögern nicht, Teenager anzuweisen und von ihnen bestimmte Dinge zu erwarten, wenn es um Schule, Sport, Musik und mehr geht. Aber es scheint eine merkwürdige Zurückhaltung unter Erwachsenen zu geben, Teenager zu belehren, wenn es um den Glauben geht. Erwachsene scheinen häufig nicht mehr zu tun wollen, als Teenager mit dem Glauben in Kontakt zu bringen. Viele Erwachsene scheinen uns beinahe eingeschüchtert zu sein von Teenagers, sie haben Angst davor, als „uncool“ gesehen zu werden. Und es scheint, dass viele Jugendmitarbeiter unter einem großen Druck stehen, die Teenager zu unterhalten. Tatsächlich jedoch glauben wir, dass die meisten Teens belehrbar sind, auch wenn sie selbst das nicht wirklich wissen oder sich anmerken lassen, dass sie interessiert seien.“ (S. 267)
Drittens scheint es uns, dass religiöse Erzieher viel stärker an der Artikulation arbeiten müssen. Wir waren erstaunt, zu realisieren, dass es für viele der Teens, die wir interviewten, schien, als ob unser Interview das erste Mal war, dass irgend ein Erwachsener sie überhaupt gefragt hätte, was sie glaubten. Im Gegensatz dazu konnten sich dieselben Teenagers erstaunlich gut zu anderen Themen äußern, in denen sie ausgebildet wurden, wie etwa das Trinken [von Alkohol], Drogen, Geschlechtskrankheiten und Empfängnisverhütung. Es war auch überraschend, wie viele christliche Teens zum Beispiel sich dabei wohl fühlten, allgemein über Gott zu reden, aber nicht spezifisch über Jesus.“ (S. 267)
Religiöse Gemeinschaften sollten sorgfältiger darüber nachdenken und auch der Jugend helfen, darüber nachzudenken, was die Unterschiede sind zwischen (1) ernsthaftem, gut verständlichem, persönlich überzeugtem und gemeinschaftlichem Glauben gegenüber (2) respektvollem, bürgerlichem Diskurs im pluralistischen öffentlichen Bereich gegenüber (3) anstößigem, offensivem Reden über den Glauben, der lediglich die Leute abstößt. Die meisten Teens in den USA halten sich eifrig an das Zweite und verzichten auf das Dritte von diesen. Aus einem allgemeinen Mangel an Unterscheidung zwischen diesen dreien scheint es, dass das Erste oft verloren geht.“(S. 268)
Glaubensgemeinschaften würden auch gut daran tun, so denken wir, sich bewusst zu werden, dass eine primär instrumentalistische Sicht vom Glauben ein zweischneidiges Schwert ist. Für viele Eltern sind die religiösen Gemeinschaften gut und wertvoll, weil sie in ihren Kindern gute Ergebnisse erzielen. Viele Gemeinden scheinen daraus Kapital zu schlagen, um an Familien von Kindern und Jugendlichen zu appellieren. Es ist eine empirische Tatsache, dass Jugendliche, die im Glauben engagiert sind, im Leben weiter kommen als Jugendliche, die nicht im Glauben engagiert sind, und zwar aus verschiedenen Gründen. Das kann ermutigend sein für Gläubige. Aber das zur hauptsächlichen Legitimation des Glaubens zu machen, verkommt leicht zu einer „Gemeinde-ist-gut-weil-sie-hilft-meinem-Kind-von-den-Drogen-wegzubleiben-und-die-Benutzungsrate-der-Sicherheitsgurte-erhöht“-Mentalität.“(S. 270)

Geschichten von Weltanschauungskrisen

In diesem zweiten Hauptteil stellen vier Personen ihre persönlichen Krisen vor, die vor allem mit ihrer Weltanschauung zu tun haben.
Jo-Ann Badley – Leben als eine Verbannte
Ihre Geschichte ist relativ kurz zu fassen. Sie schreibt:
As a young person in the UCC, I made a commitment to God, but it was a commitment I did not hold to through my high school years. When I left home for university, I considered myself agnostic. At university I came into contact with a more vibrant form of Christian faith through InterVarsity Christian Fellowship. […] I began to attend an evangelical church and was baptized.“ (S. 106)
Da sie feministisch eingestellt war, gefiel ihr diese Gemeinde nicht lange, da sie meinte, dass Frauen zu schlecht behandelt würden. Stattdessen geht sie mit ihrem Mann ans Regent College in Vancouver und beschäftigte sich mit den biblischen Sprachen und der Gender-Frage. Schließlich fand sie ihre Heimat in einem Glauben, den sie „postliberal“ nennt: „Postliberalism takes seriously that the task of theology is to restate faithfully the saving actions of our God and to think carefully about what it means for the community in this new time.“ (S. 109) Allerdings wird nicht klar, was diese Definition mit Liberalismus oder gar mit Post-Liberalismus zu tun haben sollte. Es ist mal wieder so, dass sich jeder darunter vorstellen können soll, was ihm gerade gefällt.
Im nächsten Schritt geht sie weiter und erklärt, warum sie sich auch in der heutigen Gesellschaft als eine Verbannte fühlt:
As a Christian in Canada at the start of the 21st century, I see many parallels between my life and the experience of exiled Israel. In particular, the secularization of my society and the resulting devaluation of communities of faith is analogous. […] Likewise I live surrounded by people whose life values and religious traditions are different from mine. I hear the words of God to Jeremiah, another exilic prophet, calling Israel to build houses and plant gardens among the aliens, to seek the welfare of the new place.“ (S. 110) Auch wenn man hier sehen muss, dass die Frau Badley exegetisch ziemlich „badl(e)y“ arbeitet, hat sie in einem recht: Wir müssen Wege finden, um in dieser säkularistischen Gesellschaft leben zu können. Dennoch sind die Ansätze der meisten emergenten Theologen nicht gerade hilfreich dazu.
Badley gebraucht dann ein Bild von einem Baum, bei dem Christus der Stamm ist und dessen dünne Äste für die Lehren stehen, über die man sich streiten könne. Jeder sei woanders auf dem Baum, und jeder sehe den Baum anders. Hier kommt sie zum Heiligen Geist:
I think of the Holy Spirit as the person of God who helps me to choose a wise place to sit in the tree and gives me the grace to be humble given the variety of branches and the expanse of green I see all around me.“ (S. 112) Auch wenn sie damit nicht ganz falsch liegt – aber an ihrer Pneumatologie sollte Frau Badley noch arbeiten.
James F. Engel – Eine Suche nach christlicher Authentizität
Engel war ein professioneller Marketingstratege. Ein sehr eifriger Sucher nach stets mehr Erfolg. Er war Professor an sehr guten Business-Schulen und ein Pionier in Sachen Kundenforschung. Er war schon immer mit seiner Familie in einer Gemeinde, aber zunächst hauptsächlich passiv. Mit der Zeit wurde er entdeckt und begann, bei Evangelisationsveranstaltungen mitzumachen. Er wurde in der Gemeinde ähnlich erfolgreich wie an der Universität. Dann allerdings kam es zu einer Wende:
Matters came to my head in the early 1980s when I found myself outwardly successful but inwardly bankrupt. Through an invaluable period of counseling, reflection, and receiving help from others, I found myself on an all-new pilgrimage, having my outlook on life and ministry reshaped, a process that continues today.“ (S. 121)
Engel zählt danach vier Dinge auf, die er als „kontaminiert vom Modernismus“ betrachtet:
A great Commission fraught with great omissions: Nebst der Evangelisation und der persönlichen Heiligung gehöre auch die soziale Transformation der Gesellschaft zu unserem Auftrag.
A misplaced confidence in human initiative, reasoning and strategy: Marketingmethoden für den Glauben, sowie die Denkweise, dass Größe (Zahlen / Quantität) immer auch für Qualität stünde.
Unwarranted evangelical triumphalism: Das Problem, dass immer wieder triumphierend gesagt würde, wie kurz wir vor dem vollständigen Vollbringen des Missionsbefehls seien.
The practice of putting programs before people: Engel spricht von einer „Great Commission machinery“ und führt dazu aus: „This mentality still prevails in many churches and organizations. Sadly it carries over from the factory era in modernism and is characterized by top-down command and conformity.“ (S. 125)
Diesen vier Problemen setzt Engel jetzt zwei Aussagen gegenüber:
Christ came to establish and extend his Kingdom: Engel spricht sich dafür aus, dass das ganze Leben vom Evangelium durchdrungen werden muss und der Missionsbefehl nicht nur unsere Bekehrung betrifft, sondern all unser Tun.
His primary method is spontaneous expansion of the local church: Diese Überschrift hat Engel dem gleichnamigen Buch von Roland Allen entnommen. Wichtig sei die Ortsgemeinde, in welcher ein Leben nach dem Evangelium vorgelebt werden soll, das dann andere Menschen gewinnen kann.
Zwei Aussagen, die nicht von der Hand zu weisen sind, aber die Kritik an den „etablierten Gemeinden“, die das angeblich anders sehen sollen, ist sehr unklar und trifft nicht wirklich.
Frederica Mathewes-Green: Zweimal befreit: Eine persönliche Reise durch den Feminismus
Eins vorweg: Für mich ist diese Geschichte ein erster positiver Höhepunkt des Buches. Sie beginnt mit den Worten: „My faith as a child was Christian. As an adult woman, I am Christian again. But in the middle I was something else: a feminist.“ (S. 134)
Wie kam es dazu, dass sie Feministin wurde? Als sie begann, für die College-Schülerzeitung zu schreiben, sollte ihr erster Beitrag über den Feminismus sein. Damals wurde das noch „women’s lib“ genannt (lib für liberation, also Befreiung). Bei einem ersten Interview mit einer Feministin begann ihr das Gehörte zu gefallen, und so schloss sie sich diesem Glauben an („I was ready to believe in something.“).
Diese Bewegung wollte eine Bewegung gegen die Kultur sein, doch als sie wuchs, wurde sie plötzlich zu einem Teil der Kultur: Frauen bekamen immer mehr Rechte, kamen in die oberen Gremien, hatten plötzlich mehr Macht, Geld, gute Positionen, und so weiter. Damit konnte Mathewes-Green allerdings nicht viel anfangen. Ihre Suche ging weiter: „My search for something deeper was not going to be satisfied by a women’s movement that lusted after earthly power; I was truly looking for a counterculture.“ (S. 137)
Auf dieser Suche kam sie erneut zu Jesus Christus. Sie schreibt: „A month after graduation, our hitchhiking honeymoon brought my husband and me to Dublin. The late afternoon light was glaring as we stepped inside a dusty church and stood there blinking. I walked over to examine a white marble statue in the back: Jesus pointing to his Sacred Heart, which was twined with thorns and springing with flames. I remembered the words from Sunday school: „Behold the heart that has so loved mankind.“ A few minutes later I realized I was on my knees. When I stood up, I was a Christian.“ (S. 137f)
An dieser Stelle möchte ich ganz kurz auf etwas eingehen, was mir wichtig ist. In mehreren von den Geschichten kommt die Kunst vor. Spencer Burke war (bzw. ist natürlich immer noch) ein Künstler. Und Frederica Mathewes-Green wurde durch eine Marmorstatue an die Sonntagsschule erinnert und kam durch diese Erinnerung zum Glauben. Was wir brauchen, ist eine neue Liebe zur Kunst, die ein Ausdruck dessen ist, was der Mensch ist, nämlich im Ebenbild Gottes geschaffen.
Mit der Zeit begann sie auch den „christlichen Feminismus“ in Frage zu stellen. Hier noch einen ganz bemerkenswerten Absatz von ihr dazu: „Most of my Feminisdt for Life buddies clung to the label, insisting that it was legitimate particularly in light of the pro-life convictions of 19th-century feminist founders. But, as a writer, it worried me to use a word in ways outside the common understanding. Humpty Dumpty told Alice that he could make a word mean whatever he wanted „by paying it extra“, but I didn’t agree. The purpose of language is to communicate, and any living language grows according to its common use, not according to the dictates of partisan hijackers or an Academie.“ (S. 140) Diesen Abschnitt und insbesondere den letzten Satz sollte sich jeder „postmodern“ und jeder Dekonstruktionist einmal ganz gut auf der Zunge zergehen lassen: The purpose of language is to communicate, and any living language grows according to its common use, not according to the dictates of partisan hijackers or an Academie.
So begann sie sich vom Feminismus an sich zu verabschieden: „I began to see that feminism was bad for me. It inculcated feelings of self-righteousness and judgmentalism. It filled me with self-perpetuating anger. It blinded me to the good that men do and the bad that women do. It made me think that men and women were enemies, when we actually have a mutual Enemy – who delights in any human discord.“ (S. 143)
Damit hat sie nun vollkommen recht – und das kann auch nicht von einer Emma Watson in Frage gestellt werden, egal wie unschuldig sie dabei lächelt.
Earl Creps – Weltanschauungstherapie
Eine Geschichte aus der Pfingstbewegung. Earl Creps wurde zum Pastor einer kleinstädtischen Assemblies of God Gemeinde ausgebildet. Er beschreibt dies so: „I became an apprentice. The senior pastor was a mentor to me, the church was wonderful, and the professional growth was outstanding. But something else was happening, something that I never saw coming. The hippy Jesus freak of my youth was cooling off into a right-from-thefactory, shrink-wrapped Assemblies of God minister. I was becoming P.C. – Pentecostally Correct. […] I preached many services that were „Pentecostal“ only because someone had the nerve to launch an utterance in tongues during the pause between the slow songs and the announcements.“ (S. 150f)
Je länger er dort war, desto klarer sah er, dass sich sein Umfeld veränderte und immer mehr „postmodern“ zu denken und leben begann. So machte er sich auf die Suche, um diesen Postmodernismus besser verstehen zu können. Inzwischen bietet er eine Art „Worldview Therapy“ an, um anderen zu helfen, sich besser in „postmoderns“ hineinversetzen zu können.
Eine Aussage aus seinen „Worldview Issues“ fand ich besonders hilfreich: „Postmodernism is essentially a folk religion. The average postmodern knows nothing of French literary criticism and can’t even spell Foucault. He or she is practicing an eclectic, almost superstitious spirituality that squares nicely with the definitions of folk religion that missiologists have been using for many years. Thinking of postmodernism that way makes everything simpler and less frightening.“ (S. 158)

Geschichten von Dienstkrisen

In diesem ersten Hauptteil erzählen die Autoren von ihrem Erleben als Hauptamtliche im Dienst von Gemeinden: Pastoren, Jugendleiter, ein ehemaliger Direktor der Vineyard-Gemeinden der USA berichten, wie sie dazu gekommen sind, die traditionelle Art von Gemeinde zu hinterfragen. Sie stellen viele gute Fragen – ob die Antworten, die sie zu geben versuchen, ebenso gut sind und zu befriedigen vermögen, werden wir noch sehen.
Spencer Burke – Vom dritten Stock in die Garage
Er war ein Pastor einer Megachurch mit 4500 erwachsenen Gottesdienstbesuchern auf dem Gelände und 10’000 Leuten, die insgesamt an den regelmäßigen Programmen teilnahmen. Burke beschreibt diese Zeit und seine Gedanken dazu folgendermaßen:
Try as I might, I’m troubled by things like the parking lot ministry. Helping well-dressed families in SUVs find the next available parking space isn’t my spiritual gift. To be perfectly honest, I’m not even comfortable with some of the less sensational aspects of evangelicalism. Three-point-sermons, four-law gospel presentations and 10-step discipleship programs have never rung true to me. And yet during my seminary education, to suggest anything else was heresy. To dare question my alma mater’s premillennial, pretribulation doctrinal position, for instance, was to risk expulsion at worst and public humiliation at best. So like all the other students, I bought in. I read all the right books, went to all the right conferences, and said all the right things. For years I played by the rules and tried hard not to think about the lingering questions of my soul. Doubt, after all, is dangerous. Who knows where it might lead? (S. 28)
Zwei Punkte möchte ich davon kurz aufgreifen, in denen ich Burke unbedingt zustimmen muss. Das Eine sind diese 10-Punkte-Programme (und wegen mir auch die Drei-Punkte-Predigten). Das ist nun mal einfach eine viel zu starke Vereinfachung, wenn wir versuchen, jedem unsere Programme aufzuzwingen. Auch die Anzahl der Punkte einer Predigt kann nicht von vornherein vorgeschrieben werden, sie ergibt sich aus dem Text, der ausgelegt werden soll. Eine zweite wichtige Frage betrifft den Umgang mit Zweifeln. Mir ist auch schon öfter aufgefallen, dass in der evangelikalen Welt die Zweifel per se als etwas Schlechtes betrachtet werden. Zu lange haben so viele junge Menschen versucht, ihre Zweifel zu unterdrücken, statt sich fair, kritisch und aktiv mit ihnen zu beschäftigen. Leider fallen viele Vertreter der Emerging Church auf der anderen Seite vom Pferd: Sie verlangen, dass ständig alles immer wieder erneut in Zweifel gezogen wird, sodass es überhaupt keine sichere, unbezweifelbare Grundlage mehr geben kann. Auch dieser Umgang mit Zweifeln, der das Zweifeln schon beinahe vergötzt, ist nicht gesund.
Burke hat dann seinen Job als Pastor aufgegeben und sich in eine alte Garage zurückgezogen. Dies geschah, nachdem er ein spezielles Erlebnis hatte. Er war auf einer Retraite mit Brennan Manning, der ihm sagte, er solle in dieser Zeit keine Bücher lesen – auch nicht die Bibel. In dieser Retraite hatte er eine Art der Begegnung mit Jesus, der ihn einfach festhielt und ihm half, sich verstanden zu fühlen. Dort lernte er „kontemplative Spiritualität“ kennen, woraufhin er sich von seiner Gemeinde trennte und in der Garage zu arbeiten begann. In dieser Garage hat er 1998 die Webseite mit dem Forum und dem Online-Magazin „TheOoze.com“ gegründet. Dies ist eine Art Webseite, wo sich Menschen aus allen möglichen Hintergründen, Religionen und Ideologien trafen und sich über ihre Formen der Spiritualität unterhielten. Seit 2012 ist diese Seite down – ohne eine öffentliche Begründung. 2001 hat er mit anderen Mitgliedern des Forums TheOoze ein sogenanntes „Potlatch“ durchgeführt. Das ist ein Fest, bei dem es um das Verschenken geht. Besser gesagt, es ist ein altes indianisches Ritual, das sehr eng mit dem indianischen Animismus (Glaube an Seelen, Ahnen und Geister, die einen umgeben). Nach und nach wurde Burke immer mehr zu einem Panentheisten (ein Panentheist glaubt, dass Gott in allem ist). Burke sucht also auch in fremden Religionen nach einer Begegnung mit Gott. Damit überschreitet er klar die Linie, die Jesus uns gegeben hat: Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich! (Johannes 14,6). An dieser Stelle muss man sich fragen, was das für ein Jesus gewesen sein muss, der Burke damals begegnet ist. Alle diese Begegnungen – und ja, es gibt wirklich echte Jesus-Begegnungen!!! – müssen beurteilt werden nach Galater 1,8-9: Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen würden als das, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! Wie wir es zuvor gesagt haben, so sage ich auch jetzt wiederum: Wenn jemand euch etwas anderes als Evangelium verkündigt als das, welches ihr empfangen habt, der sei verflucht!
Burke macht den traditionellen Gemeinden drei Vorwürfe:
1. „Geistlicher McCarthyismus“ → Damit meint Burke, dass man sich den Pastor oder andere Pastoren zu Götzen macht: „Call me crazy, but it seems like many of my church friends live on every word that proceeds from the mouths of the evangelical öeaders of the world more than on every word that proceeds from the mouth of God.“ (S. 31)
2. „Geistlicher Isolationismus“ → Damit meint Burke, dass man sich immer mehr in die Gemeinden abschottet und nichts mehr mit dem Rest der Menschen zu tun haben will – man isoliert sich.
3. „Geistlicher Darwinismus“ → Damit meint Burke, dass alles nach dem Motto läuft „größer ist besser“: „Pastoral credibility had everything to do with a big budget they had and how many worshipers came to the Sunday event.“ (S. 34)
Diese drei Dinge stelle ich in unseren Gemeinden auch immer wieder fest. Beim ersten Punkt kann ich mit Burke nicht ganz mitgehen, dass er jede Art von Hierarchie und unterschiedlicher Verantwortlichkeit in den Gemeinden anprangert, aber es ist ganz wichtig, zu sehen, dass es das Extrem recht häufig gibt, dass man versucht ist, geistliche Leiter an die Stelle zu rücken, die nur Gott allein zusteht.
Ein letzter Punkt zu Burke: Er kommt kurz auf das Thema Kunst / Kultur und Gemeinde zu sprechen. Burke war Künstler (Maler) und Pastor zugleich: „When the gallery folks found out I was a pastor, they were stunned. Likewise, my friends at church struggled to understand the arts community I belonged to. If the acquaintances I’d made in both these circles were to wind up in the same room, they wouldn’t have anything to say to each other.“ (S. 33/34)
Das ist sehr schade, und ich frage mich, ob es in unseren Gemeinden auch so wäre. Gott hat die Schönheit geschaffen und uns die Kunst gegeben, um Ihn sichtbar zu machen. Ich bin dankbar, dass es hier langsam ein Umdenken in manchen Gemeinden gibt. Wir können aber noch einiges mehr tun, um echte Schönheit zu erkennen, zu würdigen und zu verbreiten.
Todd Hunter – Ins Gespräch einsteigen
Nach einer kurzen Einführung in sein Leben als Gemeindegründer und später nationaler Direktor der Vineyard USA berichtet Hunter von einem Gespräch bei einem Treffen mit jungen Leitern von Gemeinden. Dort wurden plötzlich neue Fragen gestellt: „Gibt es überhaupt Wahrheit?“ – „Wie kann man sie kennen, wenn wir Menschen doch fehlbar sind?“ – „Wie sicher können wir über die Wahrheit sein?“ – „Ist Wahrheit in sich selbst einfach gut?“
Todd hat daraus seine Schlüsse gezogen: „Your systems are perfectly suited to yield the results you are now getting.“ (S. 45) Somit verließ er das System der Vineyard-Gemeinden und machte sich auf die Suche. Dies machte ihn zu einem „Postreduktionisten“, also jemandem, der sagt: Fakten und Glaubensbekenntnisse sind gut, aber sie sind zu sehr reduziert, zu sehr zusammengestaucht, und komprimiert. Deshalb ist der Post-Reduktion-ismus die Folge dieser Entwicklung. In manchen Dingen kann ich ihm durchaus zustimmen, besonders in seiner Kritik an manchen Evangelisationsmethoden: „Salvation, as normally understood outside the context of the whole story (say-a-prayer-so-that-when-you-die-you-can-go-to-heaven), lacks the power to be compelling. The reductionist version was never right or true.“ (S. 49) Leider muss ich auch hier sagen, dass Hunter – so sehr ich ihm in dieser Aussage zustimmen muss – seine Hausaufgaben sehr schlecht gemacht hat. Natürlich ist diese Art der „Bekehrung“ verbreitet – aber sie wird nicht in ihren Kontext oder in ihre Geschichte eingebunden. Sie ist eine sehr späte Erfindung und hat den größten Teil der Kirchengeschichte gegen sich stehen.
Hunter macht daraufhin klar, dass der Postmodernismus eine bestimmte Weltanschauung ist. Er versucht, so sagt er, hinter die Weltanschauung zu kommen: „We are Christ-followers before we are a worldview.“ (S. 50) Das Unterfangen finde ich gut – allerdings zeigen die folgenden Seiten, auf denen er seine Sicht zum Thema „Was ist Wahrheit?“ darlegt, dass sein Denken ziemlich stark vom Postmodernismus geprägt ist.
Tony Jones – In Richtung eines missionales Dienstes
Sie hatten ein Konzert mit einer bekannten Band organisiert. Tony Jones war der Organisator. Er war Jugendpastor einer größeren Gemeinde. So lernte er das Showbusiness kennen: Nachdem die Band bei ihnen gespielt hat, spielte sie am nächsten Tag in derselben Stadt in einer anderen Gemeinde – für einen Fünftel der Gage, die Jones ihnen gegeben hatte. Das führte dazu, dass Jones mit Nachdenken begann. So begann er immer mehr zu hinterfragen.
Die Frage, die sich Jones jetzt hauptsächlich stellt, ist die: Wie können wir die Mission leben? Er kommt zu vier Punkten, die ihm wichtig sind:
1. Pastorale Fürsorge→ Für die anderen da sein. Etwas zusammen unternehmen, zusammen reden, etc.
2. Theologische Reflektion„We’re called to help our students see the events of this world, those that fill us with hope and those that fill us with despair, from this side of Easter – to view the world through an empty tomb.“ (S. 71)
3. Kontemplatives Gebet → Dabei geht es Jones vor allem um das Erleben der Stille in einer Zeit, die durch stetigen Lärm und Ablenkung geprägt ist.
4. Intergenerationelle Gemeinschaft → Vielfalt leben durch viele Menschen unterschiedlichen Alters, Herkunft, sozialen Stands, etc.
Nun gut, so weit finde ich nichts, was man in traditionellen Gemeinden nicht auch finden könnte. Den Begriff „kontemplatives Gebet“ finde ich allerdings etwas bedenklich, da er aus dem Bereich des Mystizismus kommt.
Chris Seay – Ich habe den Glauben meiner Väter geerbt
Sein Großvater war ein Erweckungsprediger und Pastor einer wachsenden Gemeinde. Er selbst sieht sich als „Postrevivalist“ – man merkt hier schon, dass diese postmodernen Emerger die Vorsilbe „post“ mehr als lieben. Er sagt, dass eine Erweckung nur da möglich sei, wo es noch eine kleine Flamme des Glaubens gebe, die man wieder entfachen könne. Das habe sich inzwischen geändert. Er habe von seinem Opa und seinem Vater nur die allerwichtigsten „essentials“ des Glaubens übernommen und sei jetzt das, was nach der Erweckung käme, nämlich dann, wenn keine Erweckung mehr möglich sei. Für ihn ist der Pastor in diesem neuartigen Setting nur noch ein Geschichtenerzähler, weil Geschichten das Einzige seien, was die postmodernen Menschen ins Leben hinein sprechen könne. Er schreibt:
In the modern context the church ignored biblical narrative and complexity, instead reducing the gospel to a set of propositions („All you have to do is pray these statements, ask Jesus to come into your heart, and you’re done“). But if that’s all the gospel is, then all we need to do is wage a kind of air campaig, dropping propositions on individuals. As long as they buy the propositions, they’re converted. We never really have to meet or know them. Unfortunately, that’s exactly what a lot of evangelism has resembled in the modern era. And it doesn’t work anymore. We don’t talk about the whole of life because – you’ve heard it before – „the supermarket does the food, the politicians do politics, Hollywood does entertainment, and the church does the soul.“ We’re left with a disembodied little chunk.“ (S. 80)
Streng genommen muss man sagen, dass das, was Seay hier kritisiert, noch nie funktioniert hat. Auf diese Weise ist es auch keine Kritik an der echten Evangelisation, die es schon immer gegeben hat.
Im Rest seines Berichtes geht Seay auf drei Arten des Denkens ein: Lineares Denken, zirkuläres Denken und netzähnliches Denken. Er schreibt dem Römerbrief das Erste zu, dem Buch Prediger das Zweite und dem Buch der Sprüche das Dritte. Seine Begründungen sind allerdings sehr weit an den Haaren herbeigezogen.
Chuck Smith, jr. – Aber kommen wir denn von hier nach dort?
Gut – ich muss zugeben, Chuck Smith hatte bei mir schon mit seiner Einleitung fast verspielt, in der er sich über den Predigtstil von Jonathan Edwards auf eine Weise lustig macht, die deutlich zeigt, dass er von jenem nicht mehr weiß als in dem kurzen Abschnitt über die große Erweckung in den Schulbüchern. Ich möchte Chuck Smith an dieser Stelle empfehlen, noch einmal über die Bücher zu gehen und zu sehen, was wir heute in der Postmoderne von Edwards lernen können. Das ist nicht gerade wenig.
Jedenfalls beschreibt Smith seinen früheren Predigtstil als manipulativ und immer negativ auf den Sünden der Zuhörer herumreitend – bis eines Tages John Wimber kam und ihn fragte, was er damit bezwecke. Von jenem Moment an war sein Ziel nur noch, dass die Zuhörer sich gut fühlen sollten. Nun, man kann sich trefflich darüber streiten, ob das wirklich besser ist oder ob er bloß auf der anderen Seite vom Pferd gefallen ist. Möge dies der Leser selbst entscheiden.
Auf jeden Fall begann er und seine Gemeinde daraufhin, sich mit der umliegenden Kultur zu beschäftigen und er stellte fest, dass seine Predigten bis dahin für jene unverständlich waren. Er sagt dazu etwas Wertvolles: „The challenge, as it’s always been, is to get to know the dominant culture and to retool our church so that it can effectively be light and salt in a postmodern world.“ (S. 97)
Damit sagt er etwas Wichtiges. Was wir brauchen, ist das Wissen um die vielen Ideologien und Weltbilder, die herumgeistern. Wir brauchen die Fähigkeit, zu unterscheiden, was an einewm Weltbild stimmt und wo es Gottes Wort widerspricht und wie wir diesen Widerspruch so ausdrücken können, dass er verstanden wird.
Eine Schlacht um leere Worthülsen
Was mir immer wieder auffällt, ist, dass sich die Autoren dieser Geschichten nicht trauen, bestimmte Ausdrücke klar zu definieren. Es bleibt alles vage, undeutlich und unverbindlich. Jeder darf sich darunter vorstellen, was ihm behagt. Was ist genau das Evangelium? Es wird von Gospel, Good News, Salvation, Kingdom of God gesprochen, aber niemand definiert diese Ausdrücke. Es werden immerzu nur die „traditionellen“ Definitionen davon durch den Kakao gezogen, ohne eine tatsächlich befriedigende Antwort zu geben, was es denn nun sein soll.

Geschichten des Aufbruchs – eine Einführung

Ich lese zur Zeit das Buch „Stories of Emergence – Moving from Absolute to Authentic“, das von Mike Yaconelli editiert und herausgegeben wurde. Es ist ein Buch, das aus Geschichten besteht. Es sind Geschichten, wie sie von den jeweiligen Menschen persönlich erlebt wurden. Es sind keine Biographien, denn weder werden ganze Lebensläufe beschrieben, noch haben diese Geschichten einen Anspruch der Objektivität. Es sind Rückblicke auf Zeiten, die diese Menschen, welche ihre Geschichten erzählen, geprägt haben und sie dazu gebracht, aufzubrechen und etwas Neues zu tun oder auszuprobieren.
Die Geschichten sind großteils von bekannten Persönlichkeiten der so genannten „Emerging Church“ – so kommen etwa Brian D. McLaren, Spencer Burke oder Tony Jones zu Wort. Kenner der Emerging Church werden mich für meine Übersetzung von „Stories of Emergence“ mit „Geschichten des Aufbruchs“ wohl schlagen wollen, denn genau genommen ist mit „Emergence“ eine Art „Heraustreten“ oder „Sichtbarwerden“ gemeint. Meine Übersetzung ist daher als etwas freier zu verstehen. Die „Emerging Church“ gibt es genau genommen nicht. Es gibt aber eine Zahl von Bewegungen, die sich selbst diesem Phänomen zurechnen. Ganz einfach auf einen Nenner gebracht, könnte man sagen: Emerging Church ist eine Bewegung, die aus dem bisher bekannten, „traditionellen“ Schema ausbrechen will und sich auf die Suche nach etwas Neuem macht. Und nun wird es interessant: Was genau dieses Neue ist, wohin der Weg führt, auf den man aufgebrochen ist, weiß niemand. Anders gesagt: Alles ist möglich. Wenn nur das Konservative, Traditionelle, das „Moderne“, das Bisherige aufgebrochen und hinter sich gelassen wird, ist man plötzlich für alles Neue offen.
Der Untertitel des Buches lautet „Moving from Absolute to Authentic“, auf deutsch also ungefähr so viel wie: „Sich vom Absoluten zum Authentischen bewegen“. Dieser Slogan macht etwas ganz Interessantes deutlich, nämlich dass die meisten Vertreter der Emerging Church einen Widerspruch zwischen allem Absoluten und dem authentischen Leben sehen. Dahinter steckt das Denken und die Weltanschauung der Postmoderne, die besagt, dass alle Wahrheit relativ sei, es also keine objektive Wahrheit geben könne. Vertreter der Emerging Church sagen nun dasselbe etwas anders: Sie sagen nämlich, dass es schon echte, absolute Wahrheit geben könne, aber dass der Mensch diese Wahrheit nicht erfassen könne, weil er ein subjektives Wesen sei. Somit wird hier der Gegensatz zwischen dem Absoluten (dem Anspruch auf eine absolute Wahrheit oder auf deren Erkenntnis) und dem Authentischen, also dem echten Leben konstruiert. So ganz vorweg möchte ich den Autoren des Buches, aber auch anderen Fans der „Emerging Church Bewegung“ die Schriften von Francis A. Schaeffer nahelegen – insbesondere jene, die sich mit dem Thema „Geistliches Leben“ befassen. Ich würde sagen, dass Schaeffer dort sehr schön dargelegt hat, dass es zwischen dem Absoluten und dem Authentischen eben gerade keinen Gegensatz gibt.
Das Buch „Stories of Emergence“ besteht aus 15 Geschichten, von denen eine die Einleitung (von Mike Yaconelli selbst) und eine die Schlussbemerkung (von Brian McLaren) ist. Dazwischen sind die 13 übrigen Geschichten in drei Buchteile gegliedert. Da ich die Zusammenstellung in mehrerer Hinsicht bedenkenswert finde, möchte ich die einzelnen Teile in je einem Beitrag vorstellen und sie dann unter die Lupe nehmen. Auch Geschichten wie in diesem Buch unterliegen dem Befehl Gottes: „Prüft alles, das Gute behaltet!“ (1. Thessalonicher 5,21)
Mike Yaconelli – Die unrechtmäßige Gemeinde
Hier zeigt sich bereits, wie das ganze Buch ein großes rhetorisches Feuerwerk ist: Schon das Vorwort ist eine dieser Geschichten und leitet in die Problematik ein. Das gesamte Buch ist auf eine ganz raffinierte Art und Weise zusammengestellt, wo eine Geschichte zur nächsten weiterleitet und damit immer tiefer in das emergente Denken hinabsteigt. Anders gesagt: Wer einmal damit anfängt, den Autoren der Geschichten in ihren Schlussfolgerungen zuzustimmen, wird sich auch später in den weiteren Teilen nicht mehr davon distanzieren können.
Yaconelli beginnt seine Einführung mit seinen Erlebnissen zum Thema Gemeinde. Er erzählt davon, dass seine Gemeinde, die er als Pastor geleitet hat, von anderen Menschen in Frage gestellt wurde, ob sie denn wirklich eine Gemeinde sei. Das ging so weit, dass er sogar begann, seine Berufung in Frage zu stellen. Und dann stellt er zwei gegensätzliche Modelle von „Gemeinde“ einander gegenüber:
Real“ churches owned buildings, had paid properly educated staff, and, primarily did stuff. Church was about doing. This predominant activist model of church meant that the Church was all about attending, working, teaching, visiting, participating, performing, measuring, evangelizing, watching, committing, reading, memorizing, volunteering, joining. (S. 15)
Yaconelli wirft dieser „real“ church vor, sie würde hauptsächlich aus den drei Werten Leistung, Heuchelei und Tun bestehen. Diesem setzt er ein Erlebnis bei der L’Arche (die Arche) Vereinigung. Dies sind Kommunitäten, in denen geistig behinderte und gesunde Menschen zusammenleben. Yaconelli war in einer solchen Kommunität und lernte dort fröhliches Herumtoben in der Gemeinschaft mit Gott kennen. Dies hat ihn und durch ihn auch seine Gemeinde verändert. Seither würde es in seiner Gemeinde fast nur noch um Geschichten gehen.
Hier hat Yaconelli eine sehr schwierige, aber für Emerging Church-Kreise sehr typische Art der Argumentation übernommen. Er stellt einen Gegensatz von zweiu Dingen her, auf die es überhaupt nicht ankommt. Er schreibt ja im oben zitierten Abschnitt, worauf es bei der einen Definition von „church“ gehe: Um Gebäude besitzen, gut ausgebildete bezahlte Mitarbeiter und um das Füllen von Programm. Hier zeigt sich, dass das Erzählen von Geschichten schon an seine Grenzen stößt. Er ist nicht willens, sich der wichtigen Frage zu stellen, was Gemeinde denn nun wirklich ist. Er macht nur seinem Ärger über das Luft, was ihm an den traditionellen Gemeinden nicht passt und wirft dabei alle in einen Topf: Denen geht es nur um das Gebäude, die Leitung und die Programme! Leider erwähnt Yaconelli mit keinem Wort, was die Bibel, was Jesus zum Thema Gemeinde sagte. Er geht mit keinem Wort auf die Unterscheidung zwischen der „weltweiten“ und der „örtlichen“ oder der „unsichtbaren“ und der „sichtbaren“ Gemeinde ein. Was er sagt, ist lediglich heiße Luft gegen eine vage umrissene Institution, die es so nicht gibt. Wo ich ihm allerdings zustimmen muss, ist, dass das Überladen mit Programmen und das Tun, Tun, Tun, die ständige Leistung und das Vergleichen mit anderen Gemeinden auch hier in Westeuropa eine große Gefahr darstellt.
Yaconelli beschreibt die neuen Gottesdienste seit seiner Erfahrung von L’Arche:
We don’t talk about sin very often. In the 12 years since L’Arche, I may have talked about it twice. Do I believe in sin? Of course. Do I believe people are accountable to God for their sin? Absolutely. Do I believe it would be better if people didn’t sin? Certainly. But the people who come to Grace Community Church know all about sin. Many of them have lived in it all their lives. It has destroyed their families, their incomes, their futures. They come to church to find out what to do about it. How do they escape the hold sin has on their lives? How do they find a way out of the addiction to sin? How can they find forgiveness and healing – and grace? We don’t have to talk about sin. What we’re all longing for is good news. (S. 18)
Sünde wird somit nur noch in der horizontalen Ebene gesucht. Er betrachtet als Sünde die Dinge, die Menschen entweder gegen sich selbst oder gegen ihr Umfeld tun. Aber dass Sünde in allererster Linie eine Rebellion und Auflehnung gegen Gott ist, geht bei Yaconelli vollkommen unter. Denn das wissen die Menschen, die zu seiner Gemeinde kommen, nicht einfach aus ihrem Leben. Der Auftrag Jesu lautete auch nicht: Seid einfach die Gemeinde, sondern: So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! Amen.(Matthäus 28, 19 – 20)
Der Rest des ersten Kapitels besteht aus einer Begründung, warum das Buch aus Geschichten besteht:
Stories are always unfinished, partial, under construction, never over. What’s great about stories is their incompleteness because that reminds us we’re still learning, recognizing, and understanding – which reminds us how little we know. Stories are agents of humility because they make clear God isn’t done yet. (S. 20)
Dies ist zugleich ein Versuch, seine Aussagen der Prüfung zu entziehen. Man kann damit im Nachhinein immer sagen: Das war mal, Gott war noch nicht fertig. Gott wird bis zum Ende unseres Lebens nicht fertig sein mit uns, das ist wahr. Dennoch ist Gott groß genug, um uns objektive, klare, ewig gültige Wahrheit klar verständlich zu machen. Auch wenn die Erkenntnis mit den Jahren an Tiefe noch zunimmt, bleibt auch das zuerst Erkannte objektive, klare, ewig gültige Wahrheit.
Insgesamt gesehen hat mir Yaconellis Vorwort manches zum Denken gegeben. Doch immer wieder hätte ich mir gewünscht, er hätte seine Hausaufgaben besser gemacht und sich auch in Bezug auf die Theologiegeschichte besser vorbereitet, statt oft nur mit Verallgemeinerungen und in Realität nicht existierenden Widersprüchen zu jonglieren.

Plädoyer für eine deutsche Lobpreiskultur

O Land der Dichter und Denker – wirst nun Dein Richter und Henker?

Nein, heute geht es mir weder um die niedrige Geburtenrate – zumindest nicht unter Menschen – noch um die demografischen Verschiebungen, sondern um die deutsche Lobpreiskultur. War das Land Goethes, Schillers, Luthers und Nietzsches viele Jahrhunderte lang für das großartige kulturelle Schaffen bekannt und weitherum gerühmt, befindet sich nun auch die deutsche Dichtung und Liedermacherei im Abstieg. Drei Dinge sind es vermutlich, welche diese Entwicklung beeinflussen: Der deutsche Selbsthass, der sich immer noch nicht vergeben kann, was in den Generationen davor geschehen war und durch den Versuch der schulischen „Aufarbeitung“ an jede neue Generation weitervererbt wird und zugleich die Internationalisierung, durch die das Englische immer mehr deutsches Texten verdrängt. Wer im Ausland bekannt werden möchte, muss englische Lieder singen, um verstanden zu werden. Ein dritter Grund wird wohl sein, dass sehr viele Lieder aus dem Ausland importiert werden: von Hillsong aus Australien, von der Bethel Church in Redding aus Amerika, und so weiter. Und so geht die deutsche Lobpreiskultur Stück für Stück unter. Doch, wie wir gesehen haben, brauchen wir dringend deutsche singbare Lieder, die alle in der Gemeinde verstehen und von Herzen mitsingen können.
Ein Blick über die Grenze
Was wäre, wenn jeder so sänge und Lieder schriebe, wie ihm „der Schnabel gewachsen ist“? Das hat nichts mit „elitärem Denken“ zu tun, sondern wäre total authentisch. Und was wäre schlimm daran, wenn die einen Lieder auf „guad schwäbisch gsunga“ würden und andere, die sonst „platt schnacken“ oder „hessisch babbele“ auch ihre Herkunft in die Lieder einbrächten? Der Blick über die südliche Grenze zeigt: Es kann funktionieren. Die Schweiz hat seit einigen Jahren eine lebendige Mundartworship-Szene. Eine eigens dafür eingerichtete Homepagegibt Einblick in diese Lobpreiskultur – und meine langjährige Erfahrung als Gemeindegänger in der Schweiz zeigt, dass auch Basler mit berndeutschen Liedern etwas anfangen können. Die Reichweite umfasst die ganze Schweiz, auch aus dem „Bündnarischa“ (Graubünden) und dem geografisch auf der anderen Seite gelegenen Walliserisch finden sich Liedermacher mit ihren Songs. Die sprachlichen Unterschiede sind auch in der Schweiz vergleichbar groß. Und die Lieder werden in der ganzen Schweiz mit viel Freude gesungen – wobei einzelne Worte oft leicht angepasst werden, was aber auch niemanden stört.
Mut zum alten Neuen
Was es braucht, ist Mut. Mut, dazu zu stehen, wer man ist und woher man kommt. Überwindung der Selbstverachtung und des Selbsthasses. Mut zum Neuen, das so neu doch nun auch nicht ist. Die deutschen Lobpreiser mit singbaren Liedern, die auch genügend bekannt sind, um in ganz Deutschland gesungen zu werden, lassen sich an einer Hand abzählen. Albert Frey, Arne Kopfermann, Lothar Kosse, Anja Lehmann, die Outbreakband. Auch von diesen ist manches auf englisch statt auf deutsch erschienen. Was es braucht, ist eine neue Generation von Lobpreisern, die den Mut haben, aufzustehen, neue Lieder zu schreiben, Gott zu ehren mit ihren Talenten und das Ganze in der Sprache, die Gott ihnen in die Wiege gelegt hat. Es mag zwar „cool“ und „in“ sein, Fremdes zu übersetzen und zu reproduzieren, aber Gott hat uns Menschen in Seinem Bild gemacht – zum Agieren und nicht nur Re-Agieren.
Ein Netzwerk von Lobpreisern
Ebenfalls eine große Hilfe wäre ein Netzwerk von Menschen, die gemeinsam die deutsche Szene des Lobpreises prägen, stärken und verändern möchten. Wenn du jemand bist, für den das gilt, so möchte ich dich ermutigen, mit anderen Lobpreisern Kontakt aufzunehmen. Vielleicht ergibt sich dadurch eines Tages ein Netzwerk, in welchem der Austausch, die gegenseitige Hilfestellung und so weiter gefördert werden kann. Nicht jeder kann die „School of Worship“ in Bad Gandersheim oder Ähnliches besuchen. Trotzdem kann man ein solcher Lobpreiser sein. Ich möchte dich dazu ermutigen, dran zu bleiben. Weiter zu machen. Weiter zu schreiben, zu singen, zu spielen. Weiter nach Austausch zu suchen. Mich ermutigt da immer wieder, zu sehen, wie viel Lobpreis es in der Ewigkeit geben wird:
Danach sah ich eine große Menge Menschen, so viele, dass niemand sie zählen konnte. Es waren Menschen aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen. Sie standen in weißen Kleidern vor dem Thron und dem Lamm und hielten Palmzweige in den Händen. Mit lauter Stimme riefen sie: »Der Sieg gehört unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm!« Alle Engel standen im Kreis um den Thron und um die Ältesten und um die vier mächtigen Gestalten. Sie warfen sich vor dem Thron zu Boden, beteten Gott an und sprachen: »Das ist gewiss: Preis und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre, Macht und Stärke gehören unserem Gott für alle Ewigkeit! Amen.« (Offenbarung 7, 9 – 12)

Lobpreiskultur – Auf die Liedwahl kommt es an

Im zweiten Blogpost zum Thema „Lobpreiskultur – für wen machen wir das eigentlich?“ haben wir gesehen, dass unsere Motive, unsere Beweggründe für den Lobpreis wichtig sind. Lobpreis zu leiten ist eine pastorale Aufgabe, und das sollte stets so geschehen, dass niemand vom Lobpreis ausgeschlossen wird – weder bewusst noch unbewusst. Hier hat die Auswahl der Lieder eine wichtige Funktion.
Von allen Lobpreisliedern, die schon geschrieben wurden, sind etwa 2% so gut, dass sie ein Jahrhundert oder noch länger überdauern können. Viele andere stehen später zwar immer noch in den Liederbüchern, aber weil sie niemand mehr kennt, gehen sie dennoch unter. Wir haben heute das große Vorrecht, auf den Liedschatz der besten 2% der Lieder aus 2000 Jahren Kirchengeschichte zurückgreifen zu können – und zugleich die Verantwortung, die Lieder unserer Zeit zu prüfen und die besten 2% zu finden. Wir müssen nicht auf jeden neuen Zug aufspringen. Weniger ist hier oft mehr, denn jedes neue Lied, das gelernt werden muss, bedeutet für die Gemeinde wieder eine neue Aufgabe, die es zu bewältigen gibt. Dies ist keinesfalls ein Aufruf, auf neue Lieder zu verzichten, aber zumindest die Bitte, sich zum Wohl der Gemeinde bei jedem neuen Lied, das eingeführt werden soll, noch ein zweites und drittes Mal zu fragen, ob das Lied tatsächlich der ganzen Gemeinde dient und folgende drei Kriterien erfüllt.
1. Lieder mit Botschaft und Tiefgang
Das erste und vermutlich wichtigste Kriterium ist inhaltlicher Art. Es geht um die Theologie, die hinter einem Text steht. Hat das Lied eine Botschaft? Erzählt es von der Gnade, von der Größe, Herrlichkeit, Heiligkeit, Gerechtigkeit und Liebe Gottes? Von der Ewiggültigkeit und absoluten Zuverlässigkeit der Bibel? Von der Schöpfung und Erlösung? Von der Reinigung und Heiligung von der Sünde durch den Heiligen Geist? Von der Sündhaftigkeit des Menschen? Von der Wiederkunft Jesu Christi als Richter aller Lebenden und Toten? Vom Leben und Auftrag der Kinder Gottes? Von der Schönheit der Gemeinde?
Nicht jedes dieser Themen muss in jedem Lied vorkommen, aber es geht im Lobpreis nicht darum, Jesus als Kumpel von nebenan zu begrüßen und ein wenig auf schöne Family zu machen. Auch sind Zweizeiler, die 50 Mal wiederholt werden müssen, um von der Länge her als Lied wahrgenommen zu werden, nicht gerade besonders tiefgründig.
2. Lieder mit verständlichen, korrekten Texten
Jeder sollte verstehen können, was er singt. Das ist zunächst eine Frage der Sprache eines Liedes. Versteht jede und jeder in der Gemeinde die englische Sprache so gut, dass man ganze Lieder in jener Sprache singen kann? Da kann die Situation in einem Jugendgottesdienst schon ganz anders sein. Bei übersetzten Liedern gibt es wieder etwas zu bedenken: Stimmt denn der deutsche Text inhaltlich überhaupt noch mit dem englischen Original überein? Da wäre zum Beispiel das absolut schöne englische Lied „In Christ Alone“ von Keith Getty und Stuart Townend. In der deutschen Version ist ein neues Lied entstanden, das außer der Melodie kaum noch etwas mit dem englischen Original gemeinsam hat. Hier wäre allerdings auch nötig, dass die deutsche Lobpreisszene wachsen kann. Und nicht zuletzt ist auch die Rechtschreibung eine häufig vernachlässigte Kunst. Doch wird in der Gemeinde durch falsche Ordokravieh – äh, pardon, natürlich Orthographie, wem ist es denn aufgefallen? – auch nur eine Person vom Singen abgehalten, so sind wir wieder unserer Aufgabe, jedem das Mitmachen zu ermöglichen, nicht gerecht geworden.
3. Lieder mit klarer, singbarer Melodie und Tonlage
Was der Gemeinde ebenso beim Mitsingen hilft, ist eine klare, deutliche und singbare Melodie. Sie sollte innerhalb des singbaren Spektrums liegen. Da auch zu Hause immer seltener gesungen wird, fehlt am Sonntag bei den meisten Gottesdienstbesuchern die Übung, die nötig ist, um ein möglichst großes Spektrum abzudecken. Kenny Lamm bestimmt in einem sehr lesenswerten (englischen) Artikel das ideale Spektrum zwischen dem A in der tieferen Oktave und dem D eine Oktave höher. Lieder, deren Spektrum noch weiter auseinandergeht, sind für den durchschnittlichen Gottesdienstbesucher gar nicht singbar. Wir tun deshalb auch gut daran, die Lieder so zu transponieren, dass die gesamte Melodie innerhalb dieses Spektrums bleibt. Zuweilen führt dies zu komplizierten Akkorden, aber gerade damit können wir wieder zeigen, dass eine gute Gruppe von Musikern auch das schafft. Professionalität zeigt sich beim Lobpreis gerade nicht darin, zu zeigen, was andere nicht können, sondern sich auf die Bedürfnisse der Gottesdienstbesucher einzustellen und ihnen zu dienen. 
Vielleicht wäre es auch an der Zeit, die guten neuen Lobpreislieder wieder zweistimmig zu komponieren und zu singen?

Lobpreiskultur – für wen machen wir das eigentlich?

Im ersten Blogpost zum Thema „Lobpreiskultur – Alles Show oder was?“ habe ich anhand eines englischen Artikels von Thom Schultz einen allgemeinen Überblick über die Problematik der heutigen Lobpreiskultur gegeben. Heute möchte ich etwas tiefer graben und nach der richtigen Motivation für den Lobpreis suchen. In vielen amerikanischen Gemeinden heißt der Lobpreisleiter „worship pastor“ (zu deutsch also „Lobpreis-Pastor“). Er erfüllt eine wichtige pastorale Aufgabe innerhalb des Gottesdienstes. Wir täten gut daran, den Lobpreisleiter als Pastor zu betrachten, welcher der ganzen Gemeinde dienen soll.
Drei Dimensionen des Lobpreises
Der Lobpreis-Pastor und mit ihm das ganze Team (zuweilen besteht es nur aus einer Person, öfter jedoch aus ganzen Orchestern oder Bands) führt die singende Gemeinde in drei Dimensionen des Lobpreises hinein. Um der Einfachheit willen unterscheide ich hier noch nicht zwischen den zwei Kategorien „Lobpreis“ (Lob für Gottes Werke) und „Anbetung“ (Lob für Gottes Wesen). Vielleicht komme ich darauf in einem anderen Post noch zu sprechen.
Lobpreis findet in drei Richtungen statt: Nach oben – zu Gott; nach außen – um mich herum – zu meinem Umfeld; nach innen – zu mir selbst:
Nach oben: Zuerst ist Lobpreis immer an Gott gerichtet. Der Singende dankt Gott, lobt Gott, betet Gott an, schüttet Gott sein Herz aus, und so weiter. Gemeinsame Lieder sind ein Hilfsmittel, das vielen Menschen hilft, ihre Situation, Gefühle und Gedanken in Worte zu kleiden. Lobpreis ist ein Gebet, ein Reden zu Gott, und zwar ein korporatives, ein gemeinschaftliches Reden zu Gott.
Nach außen: Die zweite Richtung geht nach außen. Im Lobpreis spreche ich meine Mitmenschen an, ich spreche ihnen die Größe und die wunderbaren Werke Gottes zu, ich mache ihnen Mut, an diesem Gott, dem ich alles in meinem Leben zu verdanken habe, festzuhalten. Ich sage ihm: Du bist nicht allein, es sind noch andere, die mit ähnlichen Situationen zu kämpfen haben, aber wir haben einen gemeinsamen Gott, der größer ist.
Nach innen: Damit ist keine mystische Versenkung in sich selbst gemeint, sondern der Zuspruch an sich selbst, dass dieser Gott, den wir gemeinsam loben, auch die eigene Lage im Griff hat. Ich mache mich bereit, diesem Gott der Bibel im Horchen auf die Predigt und im darauffolgenden Gehorchen persönlich zu begegnen.
Wem wollen wir wirklich dienen?
Ausgehend von diesen drei Dimensionen sehen wir, dass es wichtig ist, jedem Einzelnen in der Gemeinde zu helfen, dass er auch ein Teil dieses Lobpreises sein kann und darf. Es geht zuerst um Gott und um die Gemeinde. Lobpreis soll zuerst auf Gott hinweisen. Das Lobpreis-Team hat die Aufgabe eines Scheinwerfers: Ein Scheinwerfer, der sich selbst beleuchtet, tut seine Aufgabe sehr schlecht. Seine Aufgabe ist es, etwas anderes anzuleuchten und es sichtbar zu machen. So ist es das große Privileg, im Lobpreis auf Gottes Größe und Herrlichkeit hinzuweisen. Weil Gott exzellent ist, darf unser Musizieren auch exzellent sein. Wir müssen keine Fehler einbauen. Aber wir sind mit unserer Musik und dem Gesang in erster Linie Diener der Gemeinde. Unsere Aufgabe ist es, alles so zu arrangieren, zusammenzustellen, zu üben und zu spielen, dass möglichst jeder einzelne Besucher des Gottesdienstes möglichst gut mitsingen und die drei Dimensionen des Lobpreises miterleben kann.
Die eigene innere Haltung ist hierbei sehr wichtig. Sie sollte immer mal wieder überprüft werden:
– Worum geht es mir? Wem möchte ich mit meinem Instrument oder Gesang, mit meinem Können und Wissen dienen?
– Wie tue ich das am besten?

– Wie können wir als Lobpreis-Team der Gemeinde noch besser helfen, dass möglichst jede und jeder mitsingen kann und will?

Lobpreiskultur – Alles Show oder was?

Eins gleich vorweg: Ich bin in der glücklichen Lage, zu einer Gemeinde zu gehören, in welcher ich kaum etwas am Lobpreis auszusetzen habe. Bei uns sind die Lieder vielfältig, das Spektrum reicht von Martin Luther und Paul Gerhardt bis zu Hillsong und der OutBreakBand, die alle gleichwertig nebeneinander stehen und auch in denselben Gottesdiensten gesungen werden.
Dennoch fällt mir auf, wie sich in vielen Gemeinden eine Lobpreiskultur breitmacht, die in eine Richtung geht, die mir zu denken gibt. Ich möchte deshalb in mehreren Blogposts auf verschiedene Aspekte eingehen, die mir auffallen und über die ich mit meinen Lesern nachdenken möchte. Ich bitte bewusst um Mitdenken und um Rückmeldungen, denn ich bin mir wohl bewusst, dass ich nur von meiner subjektiven Sichtweise herkommen kann und meine Beiträge deshalb ergänzungs- und korrekturbedürftig sind.
Aufgefallen ist mir immer wieder, wie oft es Lobpreiszeiten gibt, in denen nur wenige Menschen mitsingen. Ich persönlich liebe es, zu singen, ich bin mit Musik und Gesang aufgewachsen, und für mich ist eine Lobpreiszeit, bei der ich selbst nicht mitsinge, einfach unvorstellbar. Doch in manchen solcher Zeiten, wenn man sich verstohlen umblickt, fällt auf: Da sind bei vielen Liedern gerade mal noch 25 – 30% der Anwesenden am Mitsingen. Zuweilen noch weniger. Ich persönlich frage mich da halt, wozu der Lobpreis denn dann überhaupt noch dienen soll.
Eine wichtige Bibelstelle zum Lobpreis finden wir bei Paulus im Epheserbrief: Und berauscht euch nicht mit Wein, worin Ausschweifung ist, sondern werdet voller Geist, indem ihr zueinander in Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern redet und dem Herrn mit eurem Herzen singt und spielt! Sagt allezeit für alles dem Gott und Vater Dank im Namen unseres Herrn Jesus Christus!(Epheser 5, 18 – 20)
Hier stellt uns Paulus den Lobpreis – das gegenseitige Zusprechen von Gottes Wort durch Lieder und gesungene Psalmen – als etwas vor, was dazu führen soll, dass wir voll vom Heiligen Geist werden. Hier ist jetzt kein Platz für eine nähere Ausführung einer „Theologie des Lobpreises“, auch wenn ich das gerne írgendwann mal in Angriff nehmen möchte. Aber es wird klar, dass Lobpreis etwas ist, bei dem alle mitmachen sollen (können). Natürlich auf freiwilliger Basis. Aber es soll zumindest niemand davon ausgeschlossen werden.
Natürlich: Wir schließen nie jemanden bewusst davon aus, das ist klar. Jeder darf mitmachen. Und doch werden manche Leute unbewusst ausgeschlossen, und zwar leider ziemlich schnell und häufig. Da mich das Thema schon seit Längerem beschäftigt, war ich natürlich sehr interessiert, als mir auf Facebook gleich von mehreren Freunden der folgende Artikel  von Thom Schultz empfohlen wurde: http://holysoup.com/2014/05/21/why-they-dont-sing-on-sunday-anymore
Thom Schultz beschreibt in diesem Artikel seine Probleme, die er mit der heutigen Lobpreiskultur hat. Ich kann diese vier Gründe vollkommen unterschreiben – auch wenn ich denke, dass sie mehr an der Oberfläche kratzen. Deshalb werde ich noch in weiteren Posts etwas tiefer graben. Aber für den Anfang wäre schon viel erreicht, wenn man sich mit diesen vier Punkten auseinandersetzt und daran etwas ändert. Hier also Thoms vier Punkte in meinen Worten (es ist keine wörtliche Übersetzung des Textes) zum Teil mit meinen persönlichen Anmerkungen dazu:
1. Alles Show oder was?
Thom bemängelt, dass der Lobpreis in vielen Gemeinden schon als Show aufgebaut ist – wie ein Konzert. Das Lobpreis-Team macht eine Show, der Rest besteht aus erwartungsvollen Zuschauern, die sich auf das freuen, was ihnen geboten wird. Die Band wird im Rampenlicht gut inszeniert, der Rest sitzt im Dunkeln.
2. Die Professionalität
In etwas gut zu sein ist nichts Verwerfliches. Im Gegenteil – es ehrt Gott. Aber gerade beim Lobpreis – zumindest wenn man sich wünscht, dass die Leute mitsingen – ist weniger oft mehr. Es geht darum, gut zu spielen, keine Fehler zu machen, aber nicht, sich und sein Können ins Zentrum zu rücken.
3. Der Lärm
Die Lautstärke wird oft so hochgedreht, dass die Leute ohne Mikrophon ihre eigene Stimme nicht mehr hören können. Das ist frustrierend. Weshalb also noch mitsingen? Hier kommt oft eine Frage der Technik ins Spiel. In großen Räumen ist es schwierig (und teuer), die Musik so zu verstärken, dass man sie zugleich überall hören kann, ohne dass es zu laut ist. Das ist auch wieder eine Frage an das Gemeinde-Budget und die Professionalität der Techniker. Dennoch sollte die Lautstärke immer so dosiert sein, dass man sich selbst noch singen hören kann.
4. Die Auswahl der Lieder
Viele Lieder sind schwierig zu singen. Andere Lieder sind unbekannt. Der Großteil der Lieder in einer Lobpreiszeit sollte bekannt sein. Wenn neue eingeführt werden, dann eher selten und nicht zu häufig hintereinander. Und unbedingt auch darauf achten, dass sie in einer singbaren Tonlage sind. Ich merke selbst, dass sich das Spektrum der Töne verringert, seit ich nicht mehr regelmäßig im Chor sondern nur noch in der Gemeinde singe. Lieder müssen von der Gemeinde gelernt werden. Und manchmal gibt es auch Lieder, die einfach inhaltlich derart flach und leer sind, dass man sie besser gar nicht erst ins Repertoire aufnimmt. Zum Thema Liedauswahl werde ich voraussichtlich mal noch einen extra Blogpost machen.
So weit die vier Punkte von Thom Schultz. Alle vier habe ich schon öfter als oft erlebt, und alle vier sollten möglichst eliminiert werden, um den Menschen die Freiheit zu lassen, mitzusingen. Ich habe lange darüber nachgedacht, woher die Sache mit der Lobpreis-Show kommt. Hier meine Theorie: Viele Menschen genießen es, auf christlichen Konferenzen und ähnlichen Events zu sein. Sie kommen von diesen Events zurück in eine „normale“ Gemeinde, in denen solche „Event-Kicks“ fehlen. Einige meiden deshalb die örtlichen Gemeinden, weil diese das nicht bieten können. Also „müssen“ nun die sonntäglichen Gottesdienste auch zu solchen „Events“ werden. Professionelle Musik, emotionaler Kick und mitreißende Botschaft. Außerdem lassen sich Menschen mit Musik im Hintergrund viel besser zu einer Entscheidung bewegen – weil sie psychisch manipuliert sind. Hier meine Anfrage: Brauchen wir das echte (und oft sehr stille) Wirken des Heiligen Geistes tatsächlich durch Manipulation ersetzen?
Auf Deine Nachfragen, Antworten und weiteren Gedanken freue ich mich!