Wenn die Sprache stirbt: Von der Gefahr der Sprachlosigkeit

Da ich für ein Schreibprojekt gerade ein paar Bücher über die Nachkriegszeit und 68er Generation lese, gibt es heute ein paar noch ungeordnete Gedanken zu einem Thema, das mich schon länger bewegt. Es ist nicht nur historisch wichtig, es geht uns alle an.

Ich habe mich in den letzten Tagen durch Ingeborg Gleichaufs Buch „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ gegraben. Ein streckenweise zähes Unterfangen. Das Buch leidet unter der typischen Krankheit des modernen Literaturbetriebs: Es versucht, die radikalen, mörderischen Kanten dieser Geschichte in ein glattes, hyper-korrektes Labor-Deutsch zu verpacken. Die Form frisst hier viel zu oft den brutalen Inhalt.

Aber dann schlägt man Seite 357 auf. Und plötzlich brennt die Luft. Mitten im letzten Kapitel bricht die Autorin durch ihr eigenes sprachliches Korsett und beschreibt das Endstadium des Deutschen Herbstes 1977 mit einer Dichte, die mich kalt erwischt hat. Dieses Zitat muss man im vollen Wortlaut wirken lassen:

Die Wochen der Schleyer-Entführung machen sichtbar, was echte Gefangenschaft heißt. Denn gefangen sind alle: die Schleyer-Entführer, die RAF im siebten Stock, die Vollzugsbeamten, die Politiker und Politikerinnen, Richter und Anwälte. Sie sind gefangen in ihren jeweiligen Sprachregelungen, in ihren Ideologien, in ihren Gewohnheiten, in ihren Ängsten. Letztlich mündet alles in stumme Gewalt, auf beiden Seiten. Wenn nur noch die Gewalt herrscht, ist überhaupt kein Sprechen mehr möglich. Vielleicht ist Gudrun Ensslin deshalb in dieser letzten Lebensphase so wenig sichtbar, so gar nicht mehr hörbar. Wenn nur noch die Gewalt herrscht, ist überhaupt kein Sprechen mehr möglich.

 

Die Gefahr der Sprachlosigkeit

Was mich an dieser Passage so fasziniert, ist das Wort „Sprachregelungen“. Es ist der Schlüssel zum gesamten Drama. Wir glauben oft, Sprachlosigkeit bedeutet einfach, dass Menschen nichts mehr zu sagen haben. Aber das stimmt nicht. Im Gefängnis von Stammheim war nicht still. Es wurde ununterbrochen geredet, geschrieben, dekretiert. Aber es war kein echtes Sprechen mehr. Es war das Herunterbeten von vorgefertigten Phrasen. Die Terroristen in ihren paranoiden Kassibern, der Staat in seinen starren Krisenstab-Protokollen und der Kontaktsperre.

Wenn Menschen nur noch in Ideologien und starren Mustern kommunizieren, stirbt der Sinn hinter den Worten. Und genau in diesem Moment wird Sprachlosigkeit brandgefährlich. Sie wird zum Brutkasten für das Grauen.

Es ist eine unheimliche psychologische Gesetzmäßigkeit: Wenn die Sprache stirbt, wird die Tat zur Ersatz-Sprache. Wer die Gedanken nur noch in sich hineinfrisst, weil kein Gegenüber mehr da ist, das ihn versteht, korrigiert oder auch mal aushält, dessen Verstand radikalisiert sich im luftleeren Raum. Die eigenen Theorien werden absolut. Am Ende steht die stumme Gewalt – der Brandanschlag, die Bombe, der Schuss. Es ist der verzweifelte, mörderische Versuch, das eigene Verstummen zu durchbrechen.

 

Fehlendes Gegenüber

Die Tragik von Gudrun Ensslin liegt genau hier: Eine Frau, die ihr Leben lang mit Poesie, Literatur und Sprache gerungen hat, die über Hans Henny Jahnn promovieren wollte, hatte ihr Leben lang nie wirklich ernsthafte Gegenüber, mit denen sie sich austauschen konnte. Sie wuchs auf als Pfarrerstochter in den Kriegs- und Nachkriegsjahren auf de Schwäbischen Alb und Stuttgart. Bernward Vesper war zwar schnell begeistert aber selbst auch psychisch etwas labil und schnell überfordert. Andreas Baader ein Macher, der an Worten nicht interessiert war. Ulrike Meinhof kam ihr vielleicht noch am nächsten, doch als sich die beiden Frauen näher kennenlernten, musste Ensslin bereits häufig moderierend die Truppe zusammenhalten.

Wenn nur noch die Gewalt regiert, gibt es keine Gewinner mehr. Dann sind, wie Gleichauf es schreibt, alle gefangen. Die Entführer in ihrem grausamen Auftrag, die Politiker in ihrer staatstragenden Härte. Dieses Zitat ist für mich ein Mahnmal. Es zeigt, was passiert, wenn wir verlernen, einander zuzuhören und stattdessen anfangen, die Menschenwürde des Andersdenkenden in unseren eigenen Köpfen auszulöschen. Wer den Dialog verweigert und den anderen entmenschlicht, wacht irgendwann in einer Welt auf, in der die eigene Würde ebenfalls nur noch stumm und unsichtbar ist.

Die asozialen Medien tragen seit Jahren dazu bei, diese Sprachlosigkeit zu verstärken. Jeder mag nur noch in der eigenen Bubble kommunizieren, weil Sprachregelungen die Mauern hermetisch zementieren. Wer außerhalb der eigenen Bubble lebt, wird schnell degradiert. Wie bei der RAF die Rede von „Bullen“, „Schweinen“, etc war, werden auch heute Menschen ihrer Würde beraubt, indem sie nicht mehr ernst genommen, nicht mehr angehört werden. Menschenwürde ist mehr, als nur jemanden am Leben zu lassen. Menschenwürde bedeutet, den anderen anzuhören, verstehen zu suchen, zu diskutieren. Wo das verloren geht, wird es brandgefährlich.

Abhörprotokolle von Soldaten im 2. Weltkrieg

Sönke Neitzel / Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, S. Fischer Verlag, 3. Aufl. 2011 Amazon-Link
Da mich Geschichte und Politik sehr interessiert, habe ich kürzlich das Buch „Soldaten“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer gelesen. Das Buch gibt einen sehr spannenden, wenn auch durchaus gewöhnungsbedürftigen Einblick in die Welt der Soldaten im 2. Weltkrieg. Es ist sehr lebhaft und interessant geschrieben. Die Soldaten, welche in den britischen und amerikanischen Gefangenenlagern waren, wurden bei ihren Gesprächen abgehört und die wichtigsten Gespräche wurden gleich mitgeschrieben. So kam es zu rund 150’000 Seiten Quellenmaterial, das lange Zeit in den Archiven verstaubte. Einige der Gespräche wurden ausgewählt und auszugsweise im Buch wiedergegeben. Dazwischen werden die Gespräche immer wieder im soldatischen Referenzrahmen eingebettet und so besser verständlich gemacht.
Was ist denn nun so ein Referenzrahmen? Ich möchte dazu ein paar Zitate aus dem Buch anführen: „Menschen sind keine Pawlow’schen Hunde. Sie reagieren nicht mit konditionierten Reflexen auf vorgegebene Reize. Zwischen Reiz und Reaktion gibt es bei Menschen etwas Hochspezifisches, das ihr Bewusstsein ausmacht und die menschliche Gattung von allen anderen Lebewesen unterscheidet: Menschen deuten, was sie wahrnehmen, und erst auf Grundlage dieser Deutung ziehen sie Schlussfolgerungen, entscheiden und agieren sie.“ (S. 16) Dieses „Hochspezifische“ wird im Buch als der Referenzrahmen bezeichnet. Referenzrahmen gewährleisten Handlungsökonomie: Das allermeiste, was geschieht, lässt sich in eine bekannte Matrix einordnen. Das wirkt entlastend: Kein Handelnder muss immer wieder bei null beginnen und stets aufs Neue die Frage beantworten: Was geht hier eigentlich vor? Der allergrößte Teil der Antworten auf diese Frage ist voreingestellt und abrufbar – ausgelagert in einen kulturellen Orientierungs- und Wissensbestand, der weite Teile der Aufgaben im Leben in Routinen, Gewohnheiten, Gewissheiten auflöst und den Einzelnen kolossal entlastet.“(S. 17)
Moderne Menschen müssen beständig zwischen unterschiedlichen Rahmenanforderungen – als Chirurg, als Vater, als Kartenspieler, als Sportler, als Mitglied einer Eigentümergemeinschaft, als Bordellbesucher, als Patient im Wartezimmer, etc. – hin- und herwechseln und die mit jeder Rolle verbundenen Anforderungen bewältigen können. Dazu gehört auch, dass man das, was man im Rahmen der einen Rolle tut, aus der Sicht der anderen Rolle distanziert betrachten und beurteilen kann – dass man also zu unterscheiden in der Lage ist, wo Emotionslosigkeit und professionelle Kälte gefragt sind (bei einer Operation) und wo nicht (beim Spiel mit den Kindern).“ (S. 23)
(Mein Einwurf) Der Referenzrahmen ist also die kulturelle Eingebettetheit, in der eine Weltanschauung entsteht. Weltanschauungen lassen sich von uns reflektieren. Beim Referenzrahmen ist das viel schwieriger, weil dieser nicht nur von einem selbst abhängt, sondern von der ganzen Umwelt (Kultur) mitgeprägt wird. Hier bedarf es immer wieder einer objektiven, mit der Geschichte abgeglichenen Sicht aus der Distanz und das Bewusstsein, dass unsere Zeit und Kultur kein Deut besser sind als alle anderen. Das Problem unserer Zeit besteht darin, zu glauben, dass man tolerant sei, aber zugleich die eigene Toleranz vergötzt, erhöht und versucht, andere Kulturen zur selben Toleranz zu missionieren. (Ende Einwurf)
Wie kommt es, dass im 2. Weltkrieg so viel Gewalt normal war? Sie war es deshalb, so die Autoren, weil der Krieg ein Umfeld schuf, in dem die Gewalt erwünscht war und so auch genügend Gelegenheiten dazu gab. Letzten Endes gibt es immer Gewalt, die Frage ist nur, in welcher Form: „Im häuslichen Bereich gibt es nach wie vor Gewalt gegen Partnerinnen und Partner, gegen Kinder und Haustiere, in abgeschotteten sozialen Räumen wie in Kirchen oder Internaten ebenfalls. In öffentlichen Räumen wie Stadien, Diskotheken, Kneipen, in U-Bahnen oder auf der Straße finden Schlägereien und Überfälle, auch Vergewaltigungen statt. Daneben gibt es reguläre Formen öffentlichen Gewaltgebrauchs jenseits des staatlichen Gewaltmonopols, etwa im Kampf- oder Boxsport und in den Inszenierungen von Sado-Maso-Clubs. Jede Fahrt auf einer deutschen Autobahn belehrt einen über die chronische Gewalt-, gelegentlich sogar Tötungsbereitschaft ganz normaler Menschen.“ (S. 91)
(Mein Einwurf) Die Bibel macht uns klar, dass es Gewalt gibt seit dem Sündenfall. Bereits in der zweiten Generation der Menschheit gibt es Mord und Totschlag, Neid und Hass. Das sind keine „Mythen mit tieferer Bedeutung“, sondern ist so geschehen, wie Gottes Wort bezeugt. Es sollte uns also nicht erstaunen, dass es in jeder Generation sehr viel Gewalt gibt. Wir sollten uns also auch nicht einbilden, besonders gut zu sein, denn obiges Zitat zeigt, dass wir nicht besser sind, sondern lediglich die Situationen und Legitimation anders geworden sind. Dafür dürfen wir dankbar sein. (Ende Einwurf)
Der Krieg war für viele Soldaten ein Abenteuer. Er gab ihnen die Möglichkeit, sich besser zu fühlen. Sie wurden gebraucht. Sie bekamen einen Sinn im Leben an der Front. Sie konnten Rache nehmen für bereits getötete Freunde und Kollegen. Sie hatten eine Menge neuer Technik, auf die sie stolz waren. Sie konnten ihre Tapferkeit unter Beweis stellen. Und nicht zuletzt konnten sie auch Abzeichen sammeln, die besonders hervorragenden verliehen wurden. All das ist kurz zusammengefasst der wichtigste Inhalt der Protokolle. Man sollte nicht vergessen, dass der Soldat ein Arbeiter im Krieg war. Seine Arbeit war das Töten und Zerstören. Das ist der Unterschied. Die meisten Arbeiten sehen sonst das Aufbauen von etwas vor. Im Krieg ist es das Gegenteil. „Soldaten lösen ihre Aufgabe mit Gewalt; das ist schon das Einzige, was ihr Tun systematisch von denen anderer Arbeiter, Angestellten und Beamten unterscheidet. Und sie produzieren andere Ergebnisse als zivile Arbeitende: Tote und Zerstörung.“(S. 418)
Die Autoren kommen zur Schlussfolgerung: „Man sollte sich besser fragen, ob und unter welchen sozialen Bedingungen Menschen vom Töten ablassen können. Dann könnte man aufhören, jedes Mal, wenn sich Staaten dazu entscheiden, Krieg zu führen, in ostentative Erschütterung darüber zu verfallen, dass es dabei Verbrechen und Gewalt gegen Unbeteiligte gibt. Die gibt es deswegen, weil der Referenzrahmen ‚Krieg‘ Handlungen gebietet und Gelegenheitsstrukturen entwickelt, in denen Gewalt nicht oder nicht vollständig eingehegt und begrenzt werden kann. […] Wenn man aufhört, Gewalt als Abweichung zu definieren, lernt man mehr über unsere Gesellschaft und wie sie funktioniert, als wenn man ihre Illusionen über sich selbst weiter teilt. Wenn man also Gewalt in ihren unterschiedlichen Gestalten in das Inventar sozialer Handlungsmöglichkeiten menschlicher Überlebensgemeinschaften zurückordnet, sieht man, dass diese immer auch Vernichtungsgemeinschaften sind. Das Vertrauen der Moderne in ihre Gewaltferne ist illusionär. Menschen töten aus verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.“ (S. 421f)
Was dem Buch fehlt, ist der positive Ausblick, den uns Gottes Wort, die Bibel, gibt. Und das in zweifacher Form. Sie weiß darum, dass der Mensch durch eine echte Bekehrung und Wiedergeburt durch Gottes Kraft verändert werden kann. Sie weiß um die Versöhnung, die schon hier auf Erden möglich ist. Und sie weiß darum, dass das Leben in dieser Welt nicht das letzte Wort sein wird. Deshalb ist es die Aufgabe der weltweiten christlichen Kirche, die gute Nachricht von Jesus Christus weiterzugeben. Weil ER der Einzige ist, der uns tatsächlich von innen nach außen verändern und ein neues Herz mit Liebe statt Hass schenken kann.
Was mir beim Lesen immer wieder aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass viele Soldaten ihr Heil im Krieg gesucht haben. Sie sahen im Krieg den Sinn ihres Lebens. Sie wollten immer wieder den kurzen Kick des Spaßes und des Machtgefühls, wenn man seine Gegner umlegen kann. Sie suchten das Abenteuer und die Belohnung im Krieg – wenn sie nur gewusst hätten, dass das größte Abenteuer ein Leben mit Jesus Christus und die größte Belohnung das ewige Leben mit Gott ist.