Buchtipp: Pheromon

Wekwerth, Rainer, Thariot, Pheromon, Thienemann-Esslinger Verlag, 2018, 416S.,Kindle-Edition, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Wie könnte die Welt in 100 Jahren aussehen? Wekwerth und Thariot haben sich mutig dieser Frage gestellt. Als Ergebnis liefern sie mit „Pheromon“ einen interessanten Thriller. Alles beginnt mit Jake, der plötzlich eine Veränderung an seinem Körper feststellt. Ob das mit der Pubertät zusammenhängt? Plötzlich kann der Heuschnupfengeplagte über weite Strecken hinweg riechen. Seine Nase kann die Gefühle seiner Mitmenschen wahrnehmen. Seine Augen sehen plötzlich ohne Brille und Kontaktlinsen wieder ganz gut. Oder gar noch etwas dreidimensionaler. Und dann ist da auch noch die gutaussehende Serena, die ihn zu ihrer Party einlädt. Hundert Jahre später, anno 2118, lebt Dr. Travis Jelen, der als Arzt gerade für die Obdachlosen und Armen seiner Zeit arbeitet. Eines Tages begegnet er Lee, einer jungen schwangeren Frau, die er untersucht. Seine Geräte zeigen plötzlich eine Fehlermeldung: Keine menschliche DNA. In beiden Zeiten führt die Spur zu der 2015 gegründeten Firma „Human Future Project“, die sich als richtig imposant herausstellt und weltweit nur positiv wahrgenommen agiert. In den 100 Jahren hatte sie es geschafft, ein Wurmloch herzustellen, in welchem die Raumzeit derart gekrümmt werden kann, dass es Außerirdischen möglich wurde, die Erde im Inneren des HFP-Gebäudes zu betreten. Ist es jetzt noch möglich, die Invasion zu verhindern? Die Zeit läuft davon.

Thariot und Wekwerth haben sich einer Frage angenommen, die mich schon längere Zeit interessiert – wie entwickelt sich unsere Zeit weiter? Was kommt nun, nachdem der Postmodernismus längst kollabiert ist und sich verschlungen hat? Welche technologischen Fort- (oder teilweise auch ethischen Rück-)schritte sind noch denkbar? Sie haben manche Antworten in Romanform geliefert, was sehr interessant zu lesen war. Ich möchte mich dem Roman von zwei Seiten her nähern. Von der Erzählung her gesehen ist es eine super Arbeit, die die beiden mit ihren zwei Zeitsträngen geliefert haben. Die Geschichte ist (für mich als Fan der Thriller-Literatur) nicht unbedingt so unter die Haut gehend, dass mich das Buch nicht mehr schlafen lässt oder dass ich es nicht aus der Hand legen konnte. Es ist aber kurzweilig und für SciFi im großen Ganzen recht spannend. Die Geschichte liest sich gut abgerundet und in sich schlüssig. Einzig die Charaktere wirken etwas hölzern und unvollständig. Irgendwie konnte ich mich in keinen davon so richtig hineinversetzen, was mir üblicherweise doch schnell gelingt. Dies liegt daran, dass die Story eigentlich Stoff für ein Buch in der dreifachen Länge bietet und von jeder Person nur genau das präsentiert wird, was für den weiteren Verlauf der Geschichte zwingend zu wissen notwendig ist. Das macht die Story deshalb auch mit der Zeit etwas durchschaubar. Alles wird künstlich so kurz wie möglich gehalten. Und ja, mit gerade mal etwas über 400 Seiten ist es auch ein kurzes Buch. Vermutlich hätte man mit mehr Mut zur Länge noch mehr aus der Story herausholen können.

Ein zweiter Blick von einer anderen Seite: Wie stellen sich die Autoren die Veränderungen der nächsten 100 Jahre vor? Sie zeichnen ein Bild von einem ziemlich ohnmächtigen Überwachungsstaat. Vermutlich würde eine realistischere Vorstellung eines solchen Überwachungsapparates die Story deutlich erschweren. Aber wenn Travis im Jahre 2118 ungesehen ins Büro seiner Chefin bei HFP eindringen kann, dann muss ich also doch lachen. Immer wieder finden sich unbewachte oder unüberwachbare Flecken auf der Karte des Jahres 2118, während man davon ausgehen kann, dass zumindest die technischen Möglichkeiten dazu in spätestens der Hälfte der Zeit vorhanden sein wird. Auch sonst sind die technischen Fortschritte nicht gerade überwältigend. Als große Neuerung lässt sich der „Gleiter“ nennen, eine Art kleines Fluggerät, welches das Auto ersetzt hat. Interessant wären jedoch noch mehr Gedanken in Richtung „Mixed Reality“ und Hirn-Computer-Schnittstelle („brain-computer-interface“) gewesen, denn damit tun sich noch ganz neue Szenarien auf, die eine Vermischung von virtueller und nichtvirtueller Realität zuließen. Insgesamt gehen die Autoren davon aus, dass auch in 100 Jahren noch dieselben Probleme herrschen werden. Insgesamt hat mir der dystopische Charakter der Erzählung aber gut gefallen. Am Ende blieb mir nur noch die Frage: Ist der Titel „Pheromon“ wirklich passend? Pheromone spielen eine Rolle, ja, aber insgesamt eine relativ untergeordnete.

Fazit: Ein solider, spannender SciFi-Roman, der viele interessante Fragen auf eine unterhaltsame Weise beantwortet, aber insgesamt auch länger hätte ausfallen dürfen. Um der Kürze willen werden die Charaktere aufs Nötigste zusammengekürzt. Die Story ist aber sehr lesenswert geschrieben. Ich gebe dem Roman vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Die Entscheidung

Link, Charlotte, Die Entscheidung, Blanvalet, München, 3. Aufl., 2017, 575 S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Blanvalet-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Entscheidungen prägen unser Leben, und gerade in einer Zeit, in der man sich gar nicht gerne auf etwas festlegt, ist es wichtig, dass das betont wird. Wenn ein Roman, in dem es genau darum geht, zu einem Bestseller wird, so ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass sich immer mehr Menschen bewusst werden, wie wertvoll richtige und klare Entscheidungen sind.

Charlotte Link präsentiert in ihrem Buch „Die Entscheidung“ zwei parallele Erzählstränge, die sich mit der Zeit kreuzen. Einer spielt in Frankreich und einer in Bulgarien. Eine arme Familie in Sofia sieht als einzige Lösung, um aus ihren Schulden zu kommen, ihre Tochter mit eine Model-Agentur nach Rom zu schicken, damit das bildhübsche Mädchen dort eine Karriere aufbauen kann. In Frankreich begegnet der entscheidungsunfreudige Deutsche Simon einer jungen Frau, die auf einem fremden Grundstück gefasst wurde, aber nicht zur Polizei wollte. Sie brauchte Hilfe. Warum wollte sie nicht zur Polizei? „Ich glaube, ich habe einen Mann umgebracht!“ Sie war auf der Flucht. Simon musste sich entscheiden. Die Frau ist Nathalie, die Simon immer tiefer in eine mysteriöse Geschichte hineintreibt, die sie selbst nicht wirklich durchschaut. Jérôme, der Freund von Nathalie, hatte Selina, der Tochter einer anderen bulgarischen Familie zur Flucht verholfen, die durch den organisierten Menschenhandel nach Paris verschleppt worden war. Plötzlich sind alle auf der Flucht.

Die Autorin hat ein spannendes Werk vorgelegt, das wichtige Themen unserer Zeit behandelt. Prostitution, Menschenhandel, Armut, Schulden, Korruption, Entscheidungsfindung. Immer wieder die Frage, ob die Entscheidung richtig war. Simon bereut es bald, überhaupt jemals Nathalie geholfen zu haben. Sie bringt ihn in gefährliche Situationen. Doch mit der Zeit merkt er, dass es wichtig ist, dass er ihr helfen kann. Hinter der ganzen Geschichte steckt so viel Gewalt und Verbrechen, dass da irgendwer endlich mal aufräumen muss. Sehr schön ist es, immer wieder von Link in eine neue Falle geraten zu sein, weil jede neue Info das ganze Bild der Geschichte wieder umdreht. Man merkt, wie schnell man sich in falsche Vorstellungen verrennt und sich beeinflussen lässt. Auch wird die Spannung durch dieses Vorgehen erhöht, da man nie weiß, welche neue Wendung hinter der nächsten Buchseite wartet.

Wertvoll finde ich an „Die Entscheidung“, dass sich die Autorin an die Themen Prostitution und Menschenhandel wagt. Es ist etwas, was in unserer Zeit häufig verschwiegen wird. Prostitution ist in jedem Fall nichts anderes als eine durch Bezahlung „legalisierte“ Vergewaltigung, und Link zeigt deutlich, dass es in diesem Bereich häufig zwei zugedrückte Augen und Korruption von höchster Stelle gibt.

Was ich allerdings vermisst habe, war eine brauchbare Antwort auf die eigentlich größte Frage des Buches: Woran kann ich erkennen, ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist? Dieser Frage geht die Autorin aus dem Weg, indem sie sie immer wieder anschneidet, die Antwort dabei jedoch offenlässt. Irgendwann ist das Buch zu Ende, und der Leser bleibt fragend zurück. Oder er wird einfach wieder auf sich selbst zurückgeworfen und sagt sich: Dann muss ich halt doch mich selbst zum Maßstab für meine Entscheidungsfindung machen. Das wäre zwar enorm unweise, doch werden vermutlich die wenigsten Leser auf eine bessere Lösung kommen. Ebenfalls gestört hat mich der Wechsel der Schriftart, sobald Nathalie in der ersten Person von ihrem Erleben erzählt. Dieser Wechsel hat mich immer wieder vom Inhalt abgelenkt – wohlgemerkt: Nicht der Wechsel der Person, was ein schönes Stilmittel ist und häufiger genutzt werden dürfte, sondern der Wechsel der Schriftart im Layout des Buches. Insofern ist dies eine Kritik nicht an der Autorin, sondern am Verlag, der sich üblicherweise um das Layout kümmert. Insgesamt habe ich mich aber auch häufig gefragt, ob die Geschichte realistisch ist. Sie ist nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich, fast ein wenig in James-Bond-Manier, dem auch nie etwas Ernsthaftes zustößt, egal wie schlimm er dran ist.

Fazit: Ein gutes Buch für Krimi-Freunde, die auch gerne über die großen Themen unserer Zeit nachdenken und sich gerne überraschen lassen, das jedoch auch ein paar kleinere Mängel beinhaltet und sich vor allem vor der großen Frage des Buches drückt. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen. 

Buchtipp: Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh

Zeh, Juli, Unterleuten, btb Verlag München, 4. Aufl. 2017, 643 Seiten, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den btb-Verlag für das Rezensioinsexemplar.

Was geschieht, wenn junge Menschen in ein kleines, langsam am Alter und Wegzug aussterbendes Dorf ziehen und dort etwas bewirken möchten? Richtig! Dann kommen die ganzen eingekellerten Leichen zum Vorschein.

Unterleuten ist ein kleines Dorf in Brandenburg. Auf den ersten Blick scheint alles idyllisch und wunderbar. Doch dann ziehen zwei Paare neu ins Dorf und wagen es, an der hübsch verpackten Oberfläche zu kratzen. In Unterleuten hat sich das Leben mit den Jahrzehnten eingespielt. Da gibt es versteckten Neid, unausgesprochene Missverständnisse, die bei jeder Gelegenheit aufbrechen, ein destruktives Machtgefälle von Abhängigkeiten und so manche persönliche Schrulle der Bewohner, die zusätzliches Streitpotenzial birgt. Und dann kommt die Energiewende mit den Plänen für Windenergie. Ein junger Mann aus Freudenstadt (man lese und staune!) kommt nach Unterleuten, um den Unterleutnern das Unternehmen schmackhaft zu machen, Windräder in ihrem Dorfgebiet aufzustellen. Der Vogelschützer startet eine Unterschriftensammlung gegen das Projekt. Es kommen ganz außergewöhnliche Allianzen zusammen – und am Ende stellt sich heraus, dass keiner wirklich etwas gegen das Projekt hat. Nur – das Projekt, das der Gegner unterstützt, muss doch boykottiert werden. Am Ende gibt es mehrere Verletzte und einen Selbstmord. Und natürlich darf auch der Automechaniker nicht fehlen, der durch einen Unfall sein Gedächtnis verloren hat, der davor aber schon einiges auf dem Kerbholz hatte.

Unterleuten ist ein sehr feinfühliges Buch. Natürlich gibt es rauhe Szenen, aber Juli Zeh versteht es sehr gut, zu kommunizieren, was sie nicht direkt schreibt. Sie beschreibt selten offene Gewalt, lässt diese aber im Kopf des Lesers entstehen. Sie spielt mit Gefühlen und Worten, die oftmals mehrdeutig und mehrschichtig sind, die den Leser ganz in ihren Bann ziehen und doch so lebensnah, dass man sich in viele Charaktere hineinfühlen und mit ihnen mitfiebern kann.

Landleben ist, wenn die Nachbarn mehr über einen wissen als man selbst. Das kommt immer wieder sehr gut zum Ausdruck. Die Autorin beschreibt den Strudel der Gedanken in verschiedenen Personen, der diese mit sich reißt und unterschwellig vollkommen falsche Vorstellungen vom Anderen schafft. Diese Gedankenstrudel erinnerten mich des Öfteren an Rodion Romanowitsch Raskolnikow in Dostojewskis „Schuld und Sühne“, wenngleich Zeh viel feinfühliger schreibt. Von der Psychologie der Charaktere gleichen sich die beiden Autoren in verschiedener Hinsicht. Da ist zum Einen eben gerade dieser Gedankenstrudel, das vereinsamte Eingeschlossensein der Personen: Rodion durch die Armut als junger Student, Kron durch seine Eigenart, sich an alles zu erinnern und jede Ungerechtigkeit rächen zu wollen. Zum Anderen aber auch durch die äußerlichen Folgen dieser Gedanken und Einsamkeit, die sich sowohl körperlich (Krankheit), als auch in Taten niederschlagen.

Auch die zahlreichen Veränderungen, die sich in den neuen Bundesländern seit der Wiedervereinigung abgespielt haben, werden recht gut beschrieben. Viele Menschen sind abhängiger voneinander geworden. In Unterleuten besonders von Rudolf Gombrowski, der die meisten Arbeitsplätze geschaffen und sich auch nach Auflösung der LPGs für deren Erhaltung eingesetzt hat. Diese Abhängigkeit schafft Neid auf das wachsende Machtgefälle, das natürlich auch politische Vorteile für Gombrowski schafft. Dieser will jedoch seinerseits nur das Beste für die Menschen und versteht den Hass nicht, den manche gegen ihn hegen und der mit zunehmenden Plänen in Sachen Windkraft auch immer stärker öffentlich zu Tage tritt.

Und dann darf natürlich auch der „windige Spekulant von außen“ nicht fehlen, in Person von Konrad Meiler. Dieser hatte sich bei einer Auktion ein ziemlich wertloses Stück Land in Unterleuten zu einem horrenden Preis gekauft, wobei sich herausstellt, dass genau dieses Land ein Teil des möglichen Grunds für den Windpark ausmacht – aber zu wenig groß ist, weshalb er anderen Bewohnern noch einen Flecken Land zusätzlich abzukaufen versucht. All diese Personen werden im Roman aufeinander losgelassen, jede verfolgt ihre eigene Agenda, jeder möchte bestimmte Ziele erreichen, natürlich alles zum Besten für das Dorf, und genau dieser Mix macht den Roman sehr spannend. Immer wieder legt Zeh falsche Fährten aus, die den Leser hinters Licht führen und verwirren. Doch mit der Zeit entsteht aus diesem Puzzle ein Bild, das auf einen Orkan an Hass und Zorn hinweist. Und wieder ist der Schluss nur ironisch zu verstehen. Der Orkan bleibt aus, ein laues Lüftchen weht mit Gombrowskis selbstgesuchtem Ende den Spott der Autorin ins Bild: „Noch ein letztes Mal in die Irre geführt!“

Der Schluss irritiert. Wie auch bei „Leere Herzen“. Was ist die „Agenda“ der Autorin? Was möchte sie mit ihrem Buch erreichen? Ok, sie erreicht eines: Eine Offenheit für andere Standpunkte. Das ist ein grundsätzlich wertvolles Anliegen. Doch wieder tendiert die Gesamtschau ihres Buches in eine Richtung, die ich inzwischen als moralischen Relativismus bezeichnen möchte. Im Sinne des Sprichwortes: „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.“ Die Ironie, die zahlreichen eingebauten Finten, der irritierende Schluss zeigen eine Autorin, die sich nicht festlegen möchte. Die beiden Romane, die ich bisher von ihr gelesen habe, atmen eine Art Libertarismus im moralischen Sinn: Jeder möge nach seiner Fasson selig werden, und bitte jeden anderen in wiederum seiner Fasson belassen, denn am Ende ist es einfach wie es ist, gleich-gültig.

Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

George R. R. Martin – Der Astronom

Martin, George R. R., Wild Cards: Der Astronom, Penhaligon Verlag München, 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar vom Penhaligon-Verlag erhalten.

Es gibt Bücher, die sind zäh wie Kaugummi. Das vorliegende Buch hatte ich in wenigen Tagen gelesen, und doch hatte ich das Gefühl, es müsse sich um Wochen gehandelt haben. Irgendwie schien es kein Ende zu nehmen. Da George R. R. Martin immer wieder Bestseller schreibt, dachte ich, dass die Neu-Herausgabe eines Buches von ihm einen guten Einstieg ermöglicht. Es war mein erstes Buch, das ich von dem Autor gelesen habe. Es war mit knapp 550 Seiten nicht allzu lang, doch die Story geht über weite Strecken unter dem nervenzehrenden Eindruck zweier Hauptthemen unter: Sex und Gewalt.

Im Grunde genommen ist das Buch einfach aufgebaut. Jedes Kapitel behandelt eine Stunde zwischen 6:00 Uhr früh des einen und 6:00 Uhr früh des nächsten Tages. Es ist der Tag, an welchem ein großes Fest gefeiert wird: 40 Jahre nachdem „Jetboy“ einen größenwahnsinnigen Wissenschaftler gestoppt hatte, der ein Virus entwickelt hatte, um die gesamte Menschheit genetisch zu manipulieren – das „Wild-Card“-Virus. Dieses Virus wurde trotzdem freigesetzt und verseuchte die Menschheit. Jedes Jahr wurde zu Ehren Jetboys ein Fest gefeiert, der Wild-Card-Tag. Zum 40. Jubiläum dieses Tages musste natürlich ein besonders rauschendes Fest gefeiert werden. Doch eines der mächtigsten Asse der Welt, der „Astronom“, plant, dieses Fest zum Anlass für seine Rache zu nehmen und die Erde zu entführen und alles Leben darauf zu vernichten. Die gesamte Story handelt nun davon, ob es den übrigen Assen und Jokern gelingt, den Astronom zu stoppen, bevor er um 4:00 Uhr des Morgens nach dem Fest handeln will.

Man hätte aus dieser Story eine ganze Menge machen können. An Phantasie mangelt es George R. R. Martin bekanntlich nicht. Doch dann wirkt der ganze Band wie die „Filmverbuchung“ (das Gegenstück zu einer Buchverfilmung) eines drittklassigen Actionfilms – Bettszenen, die sich mit blutrünstigem, fetzenfliegendem Kampfgetümmel abwechseln. Dazwischen einzelne Gespräche, die zumeist noch zusammenhangslos sind und für sich gesehen wenig Sinn machen. Es ist nicht so, dass ich keine Action mag, aber bei dem Buch habe ich mich seitenweise fast nur gelangweilt. Gegen Ende des Buches gibt es noch einmal einen leichten Spannungsbogen, der sich um die Frage dreht, ob es den Assen reichen wird, Astronom rechtzeitig unschädlich zu machen, doch nach dieser Szene ist alle Spannung raus, man möchte fast den Rest überspringen. Effektüberladen – wie gesagt, es könnte eine „Filmverbuchung“ sein, die versucht, jeden Special Effect mit Worten einzufangen – und sexbesessen, als gäbe es einen Preis für die Übertreibungen in Fantasy-Romanen versucht dieser Band den Leser geradezu zu paralysieren, um die Spannung stets hochzuhalten. Das Experiment misslingt, und man wünscht dem Autor zu sagen, dass weniger manchmal auch mehr sein kann.

In einem vermag Martin jedoch zu überzeugen: Die Grundhandlung, der eigentliche – wenn auch durch die Übertreibungen überdeckte – Rahmen der Geschichte ist die Rettung oder Erlösung der Menschheit, die durch „Astronom“ gefährdet ist. Es gibt einige Szenen, in welchen der Autor die unheilvolle Macht des Neides, des Ehrgeizes, des Hasses und der Rachegelüste beschreibt. Martin beschreibt eine Welt voll Hass, die dann plötzlich damit beschäftigt ist, ohne diesen zu leben. Mit Astronom verschwindet ein Grund für den Hass. Eine weitere unrühmliche Rolle spielt ein Buch, und zwar ein Notizbuch, dessen Inhalt Beweise für illegales Verhalten einer der Personen enthalten soll. Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass der Inhalt unterwegs unwiederbringlich verloren gegangen ist. Diese Jagd nach dem Buch soll wohl als die Suche nach der Wahrheit darstellen, und diese Wahrheit habe sich plötzlich als relativ herausgestellt und müsse nicht mehr gesucht werden. Auch das klingt interessant, vermag jedoch nicht wirklich zu überzeugen.

Fazit: Ein mit Effekten, Action, Kampf und Sex dermaßen überladenes Buch, dass es nicht gerade einfach ist, dem roten Faden in den Details zu folgen. Eine eigentlich gut gemeinte Grundgeschichte, die dann schlecht ausgeführt ist. Ich war froh, als das Buch zu Ende gelesen war. Ich gebe dem Buch zwei von fünf möglichen Sternen. 

Buchtipp: Leere Herzen

Zeh, Juli, Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Luchterhand-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Eine kurze Geschichte, noch nicht einmal 350 Seiten lang, und doch finden sich darin alle notwendigen Elemente für einen erfolgreichen Roman: Gut durchdachte und konstruierte Persönlichkeiten, eine zumeist stringente Handlung, eine sich stetig steigernde Spannungskurve und eine ganze Reihe von Fragen, die sich unsere Zeit stellen muss. Ich habe den Roman von Juli Zeh insgesamt genießen können, wenngleich am Schluss noch manche Frage offen bleibt.

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft Deutschlands. Inzwischen regiert die BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Keiner kennt mehr die Wahrheit; und die wenigsten sind an dieser interessiert; nicht zuletzt deshalb, weil die Menschen einfache Antworten wollen und ihnen die Realität zu komplex geworden ist. Die BBB gibt einfache Antworten und spaltet damit die Gesellschaft: Entweder man ist Anhänger oder Gegner der BBB.

Britta, die Hauptperson, und Babak, ihr Geschäftspartner, haben in dieser Zeit eine Nische gefunden, an die man kaum zu denken wagt: Die Professionalisierung von Selbstmord-Attentaten. Möglichst wenig Tote, möglichst große Sichtbarkeit. Und eine gute Quote von Aussteigern aus ihrem aufwändigen psychologischen Programm zur Prüfung der Anwärter. Babak hat eine Software erstellt, welche mithilfe von Algorithmen eine Auswahl trifft, wer zu den möglichen Teilnehmern ihres Programms gehören könnte. Viele potentielle Selbstmörder finden in diesem professionellen Programm heraus, dass sie eigentlich gar nicht willens sind, zu sterben.

Doch plötzlich gibt es Konkurrenz. Ein gescheitertes Attentat, welches nicht von der „Brücke“ aus vermittelt wurde. Alles ergibt keinen Sinn in diesem Fall. Der Algorithmus bescheinigt den beiden Tätern viel zu wenig Selbstmordwillen. Und wenige Tage später erhängt sich dennoch der überlebende der beiden „Attentäter“ in seiner Zelle. Nun überschlagen sich die Ereignisse, bis sich am Ende herausstellt, wer für das stümperhafte Attentat und die Konkurrenz verantwortlich ist, nämlich… [nein, so viel werde ich nun doch nicht verraten; so viel Spannung darf erhalten bleiben].

Die Autorin trifft den Nerv unserer Zeit sehr schön: Ein ähnliches Szenario um die BBB ist durchaus denkbar, wenn die etablierten Volksparteien weiterhin so weit entfernt von der Basis agieren und sich im Elfenbeinturm bewegen, während die Demokratie durch die selbstverstärkende Wirkung der sozialen Medien, Fake-News und verblödende TV-Shows weiter bröckelt und auch die Generationenkonflikte weiter zunehmen, was absehbar ist. Etwas mehr Phantasie hätte ich mir bei der Beschreibung der Technologie der Zukunft gewünscht; unter der Annahme, dass sich der bisherige Fortschritt auch in Zukunft vergleichbar schnell entwickelt, dürfte bis in den 2020er-Jahren noch einiges mehr erfunden sein als die „Glotzis“, das Spielzeug von Zehs Zeit, und verbesserte Algorithmen. Vermutlich hätte Zeh gut daran getan, sich noch ein wenig mehr in die Zukunftsforschung zu vertiefen und dabei ihrer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen.

Die Persönlichkeiten von Britta und Babak werden Stück für Stück enthüllt, wobei dem Schluss dabei eine wichtige Rolle zukommt, worauf ich noch zurückkommen werde. Das Buch wird gerade durch diese langsamen Enthüllungen der Charaktere immer wieder neu mit Spannung geladen. Immer wieder fragt sich der Leser: Oh, bisher habe ich mir Britta ganz anders vorgestellt! Und doch sind diese Enthüllungen in sich stimmig. Sie enthalten im Verlauf des Buches keine großen Brüche oder Widersprüche, aber neue Facetten zeigen immer wieder auf, dass man sich im ersten Moment täuschen kann. Bei Babak ist der Charakter von Anfang an stärker festgelegt, weshalb er im gesamten Buch auch eher in den Hintergrund rückt. Interessant ist hingegen Julietta, sie ist der vermittelnde Charakter, wenn Britta und Babak sich uneinig sind, dann lässt sie deren Zorn auf sich selbst fallen und führt die beiden – oft ungewollt – wieder zur Einigkeit.

Enttäuschend hingegen fand ich den Schluss. Hier kommt es zum totalen Bruch in der Geschichte. Babak bringt auf den Punkt, was auch der Leser in dem Moment über Britta denkt: „Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, warum du das getan hast.“ (S. 348) Entweder hat Britta die ganze Zeit nur ein übles Spiel gespielt und ist in Wirklichkeit die BBB-nahe Terroristin, oder sie ist dermaßen gleichgültig geworden, was wiederum ihrem gesamten Charakter widersprechen würde. Dieser Schluss lässt alles offen – und möglicherweise ist das von Zeh so geplant. Ich habe bisher noch keine anderen Romane der Autorin gelesen, um diese Frage etwas gewisser beantworten zu können (immerhin spiegelt jeder Roman die Weltanschauung ihres Autors in gewissen Punkten wider). Im ersten Moment würde ich dann die Botschaft von „Leere Herzen“ so verstehen, dass alles sinnlos ist und man einfach mit dem Mainstream mitgehen soll, weil ja alle Moral relativ ist. Doch irgendwie ist mir die Autorin noch zu sympathisch, als dass ich ihr diese Sichtweise unterstellen wollte. Vielleicht ergibt sich mit dem Roman „Unterleuten“, den ich demnächst auch noch lesen werde, ein etwas stimmigeres Bild.

Leere Herzen ist ein spannender Roman, der in der baldigen Zukunft Deutschlands spielt, und vieles ist sehr realistisch gezeichnet. Der Schluss und die sich daraus ergebende Gesamtbotschaft des Romans haben mich jedoch enttäuscht, weshalb ich dem Buch vier von möglichen fünf Sterne vergebe.

Buchtipp: Schlafende Schönheiten

King, Stephen, King, Owen, Sleeping Beauties, Heyne-Verlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Heyne-Verlag für das zugesandte Rezensionsexemplar!

Wer oder was ist Evie? Was passiert in einer Welt, in welcher nur noch Männer wach sind? Wie würde es den Frauen ergehen, wenn sie an einem neuen Ort eine neue Existenz unter sich aufbauen könnten? Lauter spannende Fragen, die Vater und Sohn King gemeinsam aufwerfen und in ihrem Roman nach Antworten suchen.

Vor 20 Jahren bin ich nach einer ganzen Reihe von Fantasy-Bänden von Wolfgang Hohlbein irgendwann beim ersten Buch von Stephen King gelandet. Wenn ich mich richtig erinnere, war es ES, das Buch, welches inzwischen erneut verfilmt und vor Kurzem in die Kinos gekommen ist. Darauf folgten einige weitere von King, dessen Bücher mich über die Jahre hinweg immer wieder begleitet haben. So war ich gespannt auf das Neuste von ihm und begann gleich zu lesen, als das Paket kam.


Die Geschichte spielt in Dooling, einer von den Kings für diesen Roman erfundenen Stadt in den Appalachen, ein kleines Städtchen mit einem Frauengefängnis, das eine wichtige Rolle spielt. Im ersten Kapitel werden ein paar für beschauliche Städtchen typische Szenen geschildert. Eine Unterhaltung im Frauengefängnis, die Gedanken eines frisch ausgebildeten Psychiaters zu seinem ersten Patienten, das Gespräch dieses Psychiaters mit seiner Frau, die zufällig auch noch Sheriff des Städtchens ist.

Plötzlich geschieht etwas Unerwartetes: Weltweit tritt eine Schlafkrankheit, Aurora genannt, auf. Sie befällt nur Frauen, und zwar ausnahmslos alle, die ab dem bestimmten Tag einschlafen oder bereits in diesen Tag hinein schlafen. Bei all diesen schlafenden Frauen wächst ein Kokon, ein spinnwebenartiges, immer dichter werdendes Netz aus den Körperöffnungen des Kopfes heraus, der mit der Zeit den ganzen Körper umschließt. Ein Wettrennen mit der Zeit beginnt. Viele Frauen versuchen mit allen Mitteln wach zu bleiben. Sie nehmen Drogen, Medikamente, Kaffee oder laufen ständig im Kreis, bis sie halbwegs vor Müdigkeit den Verstand verlieren.

All dies geschieht weltweit, doch eine Sensation gibt es bei den Frauen von Dooling: Sie sind die einzigen, welche stellvertretend für alle anderen Frauen wieder aufwachen – aber zu einer späteren Zeit, in welcher sie alleine Dooling und die Umgebung bewohnen. Sie bekommen die Chance, das Leben ohne Männer auszuprobieren. In dieser neuen Welt, die sie Unser Ort nennen, vergeht die Zeit viel schneller. In wenigen Tagen in der normalen Welt sind am neuen Ort bereits Monate vergangen. So können sie sich in kurzer Zeit ein Bild darüber machen, wie ein solches Leben aussehen würde. Natürlich gefällt es ihnen gut.

In der normalen Welt bricht unterdessen Panik aus. Fake-News werden verbreitet, dass Aurora ansteckend sei und ganze Brenner-Brigaden zündeln an den schlafenden Frauen herum. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass Evie Black als einzige Frau einschlafen und ganz normal wieder aufwachen kann. Da mittlerweile auch Lila Norcross, die Sheriff des Ortes, eingeschlafen ist, hat eine Gruppe von Männern den Vorsitz der Polizei übernommen und versucht, Evie aus dem Frauengefängnis zu bekommen. Clint Norcross, der Psychiater des Gefängnisses, versucht Evie zu beschützen, während die Polizisten inzwischen glauben, dass Evie getötet werden muss, um der Aurora ein Ende zu setzen. So kommt es in beiden Welten zu einem sehr unterschiedlichen Showdown: Wird Evie, deren Tod das Tor zwischen den beiden Welten verschließen würde, lange genug am Leben bleiben? In der Welt der Frauen Doolings stellt sich die Frage anders: Ist die Frauenheit bereit, sich geschlossen und demokratisch für eine Rückkehr in die normale Welt zu entscheiden?

Das Buch wirft spannende Fragen auf. Überhaupt ist das eine große Stärke von Stephen King, in seinen Romanen Fragen zu stellen und immer wieder neu zu beantworten. Doch in diesem Fall sind die Antworten mehr als dürftig. Insgesamt hat mich das Buch enttäuscht, da ich mir von King Besseres gewohnt bin. Seine Antworten auf die tiefen Fragen, die er aufwirft, werden mit einem billigen Steinzeit-Feminismus beantwortet: Am weiblichen Wesen wird die Welt genesen. Die Frauen von Dooling opfern sich buchstäblich, weil sie aus einer nahezu perfekten weiblichen Welt freiwillig wieder in die normale Welt zurückkehren, und damit retten sie diese Welt. Die Männer hingegen kennen im Roman der Kings nur Krieg, Streit, Habsucht, Machtgeilheit.

Da haben wir das alte Märchen der Feministinnen von Simone de Beauvoir bis hin zu einem inzwischen kleineren Strang der postmodern-feministischen Bewegung: Männer sind böse, oder besser gesagt: Sie sind das Böse schlechthin, und sie brauchen eine Evie, die sie dazu zwingt, mal untätig warten zu müssen und die richtige Entscheidung den Frauen zu überlassen. Wir Menschen sind als Frauen und Männer geschaffen, die einander gegenseitig ergänzen, aber erlösen können sie einander nicht. Das kann nur der stellvertretende Opfertod von Jesus Christus und Seine nach drei Tagen erfolgte Auferstehung aus den Toten. Der letztendliche Versuch der Kings, den Steinzeitfeminismus abzuschwächen, indem Evie am Schluss über die Entscheidung der Frauen, wieder zurückkehren zu wollen, weinen muss, misslingt vollständig. Es wirkt einfach nicht mehr glaubwürdig. Es handelt sich um ein derart absurdes Ende, dass damit die ganze vorige Geschichte zerstört wird. Schließlich gibt es auch keine zusätzliche Auflösung in dem Sinne, dass eigentlich etwas ganz anderes gemeint sei. Es ist einfach ein weiterer Bruch innerhalb einer sowieso schon von Brüchen durchzogenen Story, der den Leser am Ende fragend und enttäuscht zurücklässt.

Daneben gibt es aber auch weitere Fragen, die aufgeworfen und gut beantwortet werden. Etwa die Herkunft und Verbreitung von Fake-News. Die Verbreitung geschieht nämlich kaum gewollt, sondern durch Unwissenheit und Bequemlichkeit, weil man zu faul ist, um die Fakten zu prüfen. Was mir auch gut gefiel, ist die Art, wie herausgearbeitet wird, dass wir oft das Gewohnte als so normal empfinden, dass wir den Wert davon erst bemerken, wenn es uns fehlt. Doch insgesamt kommt das Buch um Längen nicht an die früheren, wirklich spannenden Romane wie ES heran. Wie weit das auf die Zusammenarbeit mit seinem Sohn Owen zurückzuführen ist, kann ich nicht sagen, da ich dessen Short Stories einfach nicht kenne. Es könnte aber auch einfach daran liegen, dass King langsam die Ideen ausgehen und er deshalb längst ausgetretene Pfade vertiefen muss. Ich weiß es nicht und werde ihm auch in Zukunft weitere Chancen geben, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Die Länge fand ich jedenfalls angenehm; die über 950 Seiten der deutschen Ausgabe geben einem genügend Zeit und Gelegenheit, um in der Geschichte anzukommen und sich hineinzufinden.

Ich gebe dem Buch drei von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: Bismarck. Sturm über Europa

Engelberg, Ernst, Engelberg, Achim, Bismarck. Sturm über Europa, Pantheon-Verlag, 2017, Verlagslink / Amazon-Link

Vielen Dank an den Pantheon-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Geschichte kann so spannend sein! Gerade dann, wenn das Leben eines Autors mit dem von ihm Geschriebenen verknüpft ist. Der Großvater von Ernst Engelberg hatte die Revolution von 1848 miterlebt und in deren Zuge das adlige „von“ abgelegt. Der Vater hatte 1898 den SPD-Ortsverein von Haslach im Kinzigtal ins Leben gerufen. Engelberg selbst gehörte der KPD an, lebte während des Dritten Reichs im Exil und lehrte später in der DDR, wo er Mitglied der SED und nach dem Mauerfall der PDS war. Von der Biographie Bismarcks erschien 1985 der erste von den zwei Bänden – und zwar als eines der ganz wenigen Bücher zeitgleich im Osten und im Westen des damals noch geteilten Deutschlands. Der Sohn, Achim Engelberg, hat nach dem Tod seines Vaters dessen Archive übernommen und eine gekürzte einbändige Fassung der Biographie für die Veröffentlichung vorbereitet. Vier Generationen in einer solchen Verbundenheit, da ist das Ergebnis sehr interessant.

Engelberg beschreibt das Leben Ottos von Bismarck sehr lebendig und farbenfroh. Der Leser meint immer wieder, selbst mitten im Geschehen zu stehen, die Fragen beantworten zu müssen, denen sich der erste Reichskanzler stellen muss. Es ist in erzählerischer Sicht ein wahrer Genuss, dieses ausführliche und doch so kompakte Buch zu lesen. Engelberg erzählt von der Familie, in welche Bismarck hineingeboren wurde; es war eine Familie von Gutsbesitzern, Landjunkern und Beamten in Pommern. Nach einer Kindheit auf dem Lande besuchte er das Gymnasium in Berlin, wo er in der Stadtwohnung seiner Familie lebte. Dort war jeweils für den Winter und das Frühjahr auch „Onkel Fritz“ zu Hause, der immer wieder hochgestellte Persönlichkeiten zu Besuch hatte. Nach einem Studium und Referendariat kehrte Bismarck zurück ins Pommersche, wo er mithalf, den elterlichen Kniephof zu modernisieren. Dort machte er nun auch vermehrt die Bekanntschaft mit den Vertretern der Pommerschen Erweckungsbewegung um Adolf von Thadden-Trieglaff, der wiederum die Berliner Brüder Ludwig und Leopold von Gerlach beeinflusste, und letztlich war es Ludwig von Gerlach, der Bismarck in die Politik zu bringen vermochte.

An der Stelle muss ich Engelberg ein großes Lob aussprechen. Es ist ihm gelungen, eine Biographie zu schreiben, welche die damalige geistliche Entwicklung der Regionen Pommern und Berlin ernst nimmt. Das findet man selten – und das gerade von einem ziemlich links orientierten Historiker. Und doch schafft er es, die Ansichten der Hochkonservativen ernst zu nehmen und zu würdigen. Davon dürfte es ruhig mehr geben. Das habe ich richtig genießen können beim Lesen. Auch dass Engelberg diese so oft stiefmütterlich behandelten pietistischen Erweckungskreise wieder zur Sprache bringt, rechne ich ihm hoch an. Zuweilen gibt es aber auch leichte Spitzen seinerseits gegen manche der Sichtweisen der Pietisten, wie etwa hier: „Die Abwendung von der Aufklärung drückte sich bei den Neupietisten manchmal recht drastisch aus, so wenn Gustav von Below einmal schrieb, man müsse den ‚gewaltigen Teufel von geistiger Verstandeshoffart‘ bekämpfen.“ (S. 78)

Wie schätzte Engelberg den Glauben Bismarcks ein? Auch hierzu ein kurzes Zitat aus dem Buch: „Sein Verhältnis zu Gott ist von Anfang an eigenständig, aktiv und jeder Form passiver Gottergebenheit geradezu feind. Dem Bruder gegenüber sagte er es am 31. Januar 1847, als er über sein Verhältnis zu Johanna schrieb, am deutlichsten: ‚In Glaubenssachen gehen wir, mehr zu ihrem als zu meinem Leidwesen, etwas auseinander, wenn auch nicht so sehr als Du meinesteils glauben magst, denn mancherlei innre und äußre Ereignisse haben in letzter Zeit Veränderungen in mir hervorgebracht, durch die ich mich, was früher, wie Du weißt, nicht der Fall war, berechtigt halte, mich den Bekennern der christlichen Religion beizuzählen.’“ (S. 114) Man mag darüber nun selbst denken wie man mag, aber ich schätze an dieser Biographie die Offenheit, mit welcher sich der Autor diesen Dingen widmet.

Bismarck erlebte die Revolution von 1848, ja, er erlebte sie nicht nur, sondern beteiligte sich im Lager der Konservativen an ihr, das heißt, er wandte sich gegen das Revolutionäre an ihr und für die bisherige Machtverteilung. Schließlich war er ein Preuße von ganzem Herzen, und so setzte er sich für dieses sein altbekanntes Preußen ein. Mit den Gebrüdern von Gerlach besprach er sich des Öfteren, und machte durchaus auch mal Geschäfte hinter dem Rücken des Königs Friedrich Wilhelm IV, da auf diesen zuweilen kein Verlass war. Wie es wohl nicht anders geht, nimmt auch der Erfolg Bismarcks mit den Gesetzen zur Unfall- und Krankenversicherung der Arbeiter ein Kapitel bei Engelberg ein. Schließlich konnten so die Sozialdemokraten, aus welchen seine Familie stammt, Punkte sammeln.

Man merkt an vielen Stellen dem Autor seine politische Herkunft an, was allerdings in Ordnung ist. Schließlich lässt er auch die andere Seite zu Wort kommen. So entsteht ein rundes Ganzes, ein Buch, das man gerne liest, und eine Schilderung, die den Leser in die Zeit hinein nimmt, in welcher sie spielt. Wer sich für die Person Ottos von Bismarck interessiert, dem empfehle ich diese Biographie sehr. Mir hat auch das Nachwort gefallen, in welchem die Herkunft des Autors sowie die Entstehungsgeschichte der Biographie noch näher erläutert wird.

Ich gebe dem Buch deshalb fünf von fünf Sternen.

Buchtipp: Warum die Zeit verfliegt

Burdick, Alan, Warum die Zeit verfliegt, Karl Blessing Verlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink/ Amazonlink
Vielen Dank an den Blessing-Verlag für das Rezensionsexemplar.
Alan Burdick ist Journalist für den New Yorker und hat ein Buch über die Zeit geschrieben. Er schreibt im Vorwort, dass ihm die Zeit schon immer Mühe bereitet habe, und er sich deshalb den größten Teil seines Lebens davor gedrückt habe, eine Uhr zu tragen (S. 17). Er hat sich jedoch für das Phänomen Zeit interessiert und sich auf die Suche gemacht, um herauszufinden, was die verschiedenen Wissenschaften über die Zeit zu berichten haben. Er sucht Biologen und Physiker auf, durchsucht Studien und macht Selbstversuche, um hinter das Geheimnis der Zeit zu kommen.
Das Buch ist gut gefertigt, der Umschlag entspricht dem schlichten Umschlag des englischen Originals, einfach gehalten, beinahe unscheinbar. Viel weißer Hintergrund mit zwei schwarzen Uhrzeigern. Einerseits hebt sich diese Titelgestaltung wohltuend von vielen überladenen Titeln anderer Bücher ab, andererseits läuft sie Gefahr, gar nicht mehr wirklich wahrgenommen zu werden.
Burdick macht sich auf die Suche nach der präzisesten Zeit der Welt. In seiner Vorstellung muss das eine Uhr sein, welche die exakteste Zeit angibt. In Paris findet er diese Zeit, doch nicht in Form einer Uhr, denn es gibt weltweit eine ganze Reihe von Uhren, welche beständig miteinander verglichen und durch Berechnung und Schätzung aneinander angeglichen werden: „Die exakteste Uhr der Welt, die Koordinate Weltzeit, wird von einem Komitee produziert. Das Komitee verlässt sich dabei auf hoch entwickelte Computer und Algorithmen und den Input von Atomuhren, doch die Metaberechnung, die leichte Bevorzugung des Inputs der einen Uhr vor dem der anderen, wird letztendlich durch die Debatten bedächtiger Wissenschaftler gefiltert. Zeit ist eine Gruppe diskutierender Menschen.“ (S. 42)
Einen großen Bereich des Buches nimmt das Thema Zeitwahrnehmung ein. Das Leben ist von einem circadianen Rhythmus geprägt. Circadian heißt „um den Tag herum“, was etwa so viel bedeutet, dass dieser Rhythmus ungefähr 24 Stunden dauert. Viele Zellen unseres Körpers funktionieren ungefähr circadian, wobei das Tageslicht, das in unsere Augen fällt, immer wieder zum Taktgeber wird, der die unzähligen Uhren in unserem Körper neu justiert und aufeinander abstimmt.
Burdick machte sich auch einmal auf die Reise in die Arktis, um herauszufinden, „wie es sich dort anfühlt.“ (S. 106) Dort ist im Sommer monatelang so etwas wie ein einziger Tag; die Sonne geht nie unter, es wird höchstens ein etwas dunkleres oder helleres Grau. Was hingegen geschieht, wenn der Körper nur noch Nacht um sich herum hat, erfährt Burdick von den Schilderungen Michel Siffres, der insgesamt dreimal über eine längere Zeit in einer Höhle gelebt hat, um herauszufinden, wie er auf diese Umstellung reagiert. Auch er empfand die Zeit wie „ein einziger langer Tag.“ (S. 131) Doch als er wieder ins Freie kam, klagte er über ein „beschädigtes Gedächtnis“ (ebd.), da er nicht mehr wisse, was er vor dem letzten Mal schlafen gemacht habe.
Wir Menschen nehmen Zeit als Aneinanderreihung von Momenten und als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahr. Doch wie lange ist eigentlich die Gegenwart? Paul Fraisse etwa definierte 1957 die Gegenwart als Zeit von ungefähr fünf Sekunden, weil diese Zeit ausreiche, um einen kurzen Satz von 20 – 25 Silben auszusprechen (vgl. S. 239) Leider verpasst Burdick die Chance, diese Definition näher zu erläutern. Ich persönlich empfinde es als eine ausgezeichnete Definition, denn diese Zeitspanne reicht auch aus, um einen kurzen Satz zu verstehen oder einen einfachen Gedanken zu Ende zu denken.
Wie lange erscheint uns eine bestimmte Zeitdauer? Fünf Minuten im Kino sind enorm schnell vorbei – dieselben fünf Minuten beim Zahnarzt ziehen sich in die Länge wie ein Kaugummi. Interessante Experimente haben weitere Kriterien ausfindig gemacht, welche dazu führen, dass eine bestimmte Zeitdauer als länger oder kürzer wahrgenommen wird: „Stellen Sie sich einen Punkt vor, der kurz auf dem Computerbildschirm erscheint. Sie werden gebeten zu beurteilen, wie lang die Dauer von ‚kurz‘ war: Je heller der Punkt, desto länger wird sie Ihnen erscheinen. Auch die Dauer eines größeren Punktes wirkt länger als die Dauer eines kleineren, die eines bewegenden länger als die eines stationären, die eines sich schnell bewegenden Punkts länger als die eines sich langsam bewegenden, die eines schnell flackernden länger als die eines langsam flackernden.“(S. 272) Oder noch etwas alltäglicher formuliert: „Susan und ich hatten eine Spielzeugwechselpolitik eingeführt, erhielten aber bald eine Grundlektion in Zeitwahrnehmung: Für den Zwilling, der Das Ding gerade nicht hat, dauert die Zeit, in der der andere es hat, immer länger. Dauer liegt im Auge des Betrachters, nicht in dem des Besitzers.“ (S. 324)
Jeder Mensch hat jeden Tag 24 Stunden Zeit. Und doch: „Zeit ist das Einzige, an dem es gefühlsmäßig jedem Menschen mangelt.“ (S. 402) Ich nicke. Und bin dankbar, dass Gott uns die Ewigkeit schenken möchte.
Alan Burdick hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, das sich spannend, wenn auch nicht ganz so leicht liest. Häufig gibt es Umbrüche zwischen verschiedenen Fragen, die alles andere als glatt oder rund sind. Es ist ein Buch, das trotz unkomplizierter Sprache viel Aufmerksamkeit erfordert. Aber es ist sehr lesenswert, weshalb ich es auch sehr empfehlen möchte. Wer sich für unsere menschliche Wahrnehmung der Zeit interessiert, wird hier viele Antworten bekommen. Und doch frage ich mich am Ende: Hat Burdick die große Frage des Buches, warum die Zeit verfliegt, eigentlich beantwortet? Er hat sich der Frage von vielen Seiten genähert, doch eine letztgültige Antwort bleibt er dem Leser schuldig. Hat der Autor eine? Gibt es überhaupt eine solche? Oder könnte es sein, dass der Buchtitel gar nicht so viel mit dem Inhalt zu tun hat, sondern eher versuchen soll, noch mehr Leser zu rekrutieren? Ich weiß es nicht, aber ich bin dankbar, dass ich es gelesen habe. Es hat mir viel zu denken gegeben.
Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sternen.

 

Buchtipp: Supermacht Wissenschaft

Jaeger, Lars, Supermacht Wissenschaft – Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle, Gütersloher Verlagshaus, 1. Aufl. 2017, 413 S. Verlagslink/ Amazon-Link
Vielen Dank an das Gütersloher Verlagshaus für das Rezensionsexemplar.
Dr. Lars Jaeger ist ein Autor, der sich viele Fachgebiete zu eigen gemacht hat. Nach dem Studium der Physik, Mathematik und Philosophie arbeitete er zunächst am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden, später kam er nach Zürich, wo er auf dem Gebiet der Finanzbranche forschte, und vor einigen Jahren gründete er ein Unternehmen für Investment- und Finanzdienstleistungen. Darüber hinaus setzt er sich für mehr Transparenz in vielen Bereichen ein, und ist auf der Suche nach Möglichkeiten der spirituellen Dimensionen, welche das Leben und insbesondere die Wissenschaft bieten.
Ich war sehr gespannt auf das Buch, da es doch einige Bereiche meiner Interessen abdeckt – und im großen Ganzen hat das Buch noch mehr gehalten als ich erwartet hatte. Doch zunächst mal eins nach dem anderen. Das Buch gliedert sich in drei Teile, und diese Aufteilung ist sehr gut gelungen. Im ersten Teil hat man so eine Art Rundgang durch die neuesten Forschungsergebnisse verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen. Jaeger beschreibt das wie eine Art „Safari“ (S. 16). Es ist so, als ob man neue Tierarten anschaut und sich darüber freut. Im zweiten Teil geht es darum, was diese Tierarten mit uns machen – dass wir im Prinzip schon kurz vor dem Gefressenwerden sind. Und der dritte Teil ist eine Strategie, wie man dem entkommen bzw. diese Tiere zähmen kann.
Mit einem Rundumschlag von Quantentechnologie über Nanotechnologie, Gentechnik und Künstliche Intelligenz bis hin zu neuen Bewusstseinstechnologien steigt Jaeger gleich tief in die wichtigen Themen unserer Zeit ein. Manches war mir schon bekannt, in anderen Fällen wusste ich noch nichts über die allerneusten Entwicklungen der Forschung. So konnte ich auch einiges Neues lernen. Einige Zeit hatte ich ja die Entwicklungen um CRISPR verfolgt, doch die neusten Entwicklungen darin waren mir noch nicht bekannt. Schließlich kann sich nicht jeder um jedes Thema kümmern. Überhaupt ist das ein sehr wertvoller Aspekt des Buches von Jaeger: Er versucht, diese Inhalte der neueren Forschung leicht verständlich rüberzubringen, damit sich jeder informieren und mitreden kann: „Nur wer informiert ist, kann sich eine differenzierte Meinung bilden und zu einer sinnvollen Gesetzgebung beitragen, die einerseits die Wohltaten der Wissenschaft der Allgemeinheit zugänglich macht und andererseits die Gesellschaft vor unerwünschten Auswüchsen des Forscherdrangs schützt.“ (S. 55f.)
Das erste Kapitel schließt mit dem Gedanken, der aus Goethes Ballade vom Zauberlehrling stammt: Dieser ließ mit einer Zauberspruch einen Besen Wasser holen, um baden zu können, doch plötzlich ist das Haus unter Wasser gesetzt und unser Zauberlehrling hat den Spruch vergessen, um dem ganzen Spuk ein Ende zu setzen. Nur sein Meister kann ihn noch retten, indem er den „Knecht“ wieder in einen reglosen Besen verwandelt. Die Frage, die sich mir hier nun stellt, geht noch etwas weiter: In Goethes Ballade muss der Besen komplett gestoppt werden. Der Zaubermeister gibt dem Besen keine Gesetzgebung und lässt ihn eingeschränkt weiter Wasser holen, unter der Bedingung, dass… Ich werde diese Frage später, wenn es um den dritten Teil geht, noch ausführlicher besprechen. Auf jeden Fall ist mir diese Stelle gleich ins Auge gesprungen, als ich das Buch zum ersten Mal las. Auf Seite 56 schreibt Jaeger, dass es bislang der Mensch gewesen sei, der die Natur den Veränderungen unterzogen habe, und sich dies nun am Umkehren sei. Auch hier setze ich ein Fragezeichen. Ist es nicht so, dass jede neue Entdeckung, jede Entwicklung an sich schon den Menschen tiefgreifend verändert hat?
Im Verlauf des zweiten Kapitels wird aus den zahlreichen Technologien, die dabei sind, unser Leben zu revolutionieren, ein unberechenbares Monstrum. Zunächst interessante Technologien wie etwa eine Gehirn-Computer-Schnittstelle, über die man mit Gedanken einfache Befehle weitergeben kann, entpuppen sich als Risiko für das Menschsein an sich – denn wer Zugang zum Gehirn eines Menschen bekommt, kann diesen beliebig nach eigenem Willen manipulieren. Jaeger fragt: „Werden Taxifahrer bald den Stadtplan von London auf einem Neurochip in ihrem Gehirn abgespeichert haben oder Soldaten auf dem Schlachtfeld mit EEG-Kapen herumlaufen?“ (S. 137)
Eine weitere wichtige Frage stellt sich zum Menschenbild: „Unser Welt- und Menschenbild wird sich auch mit den zukünftigen Möglichkeiten der Manipulation unseres Geistes stärker verändern, als alle bekannten philosophischen Lehren, psychologischen Theorien oder spirituellen Praktiken es bisher getan haben.“ (S. 139) Die Frage ist: Wer ist der Mensch überhaupt, wenn man mit technologischen Möglichkeiten seine Entscheidungen manipulieren und jedes beliebige Gefühl per Knopfdruck herstellen kann? Wird der Mensch dann noch ein mit freiem Willen und Verantwortung ausgestattetes Wesen sein?
Im zweiten Teil werden weitere Nachteile dieser Technologien besprochen. Der Mensch wird mittels Algorithmen und Datensammlungen beständig vermessen und einsortiert. Big Data ist ein großes Thema unserer Zeit. Wer hat alles Zugriff auf unsere Daten? Ebenso wichtig: Was kann der Besitz unserer Daten mit uns machen? Verschiedene Versuche im Internet haben den Einfluss dieser Daten auf unser Leben aufgezeigt und doch sind wir bereit, die riesenhaften Datenkraken zu unserem Vergnügen beständig weiter zu füttern. Nach verschiedenen weiteren Fragestellungen beschäftigt sich Jaeger im dritten Teil mit der Frage: Wie weiter. Bevor ich diesen dritten Teil unter die Lupe nehmen und kritisieren werde, muss ich dem Autor für die zwei ersten Teile ein großes Lob aussprechen. Es gelingt ihm außerordentlich gut, dem Leser die Entwicklungen deutlich und in einer leicht verständlichen Sprache vor Augen zu malen. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist somit ein wirklich wertvolles Buch, das sich zu lesen lohnt, selbst wenn man – wie ich – am Ende zu anderen Schlussfolgerungen kommt.
Drei Kritikpunkte möchte ich an das Buch anlegen, und diese betreffen hauptsächlich den dritten Teil, und den bereits angesprochenen Schluss des ersten Kapitels.
1. You can’t have your cake and eat it.
In der Schweiz gibt es den Spruch „Chasch ned de Batze und ’s Weggli ha“ (Du kannst nicht das Geld und das Brötchen haben). So ähnlich versucht Jaeger jedoch mit der neuen Technologie umzugehen. Er möchte den Segen derselben genießen können, aber im selben Moment auf deren Nachteile verzichten können. Deshalb wird die Ballade von Goethe am Ende des ersten Kapitels auch nur teilweise zusammengefasst. Das Wichtigste geht dabei unter: Der „Knecht“ wird wieder zum Besen. Die Frage, die ich an dieser Stelle jedem Leser stellen möchte, ist die: Wie weit ist es überhaupt möglich, in der Technologie das Rad zurückzudrehen und den Besen wieder in die Ecke zu stellen? Ich werde meine Antwort am Ende des dritten Kritikpunktes in Kurzform präsentieren.
2. Wissenschaft baut auf dem jüdisch-christlichen Weltbild auf.
Jaeger schreibt auf S. 329: „Der Einfluss von Religionen und traditioneller spiritueller Denktraditionen auf unseren modernen Lebensbedingungen ist dagegen eher beschränkt. Weit weniger als Wissenschaftler und Unternehmer waren an der Erschaffung unseres heutigen materiellen Komforts Theologen und Philosophen beteiligt.“Diese Aussage ist nicht ganz leicht verständlich, aber sie ist die Grundlage, um in einem späteren Abschnitt die Kirchen als nicht hilfreich in diesen Fragen zu beurteilen. Leider ist da etwas dran. Allerdings sollte Herr Jaeger nicht vergessen, dass alle Wissenschaft, sofern sie von einer beobachtbaren und adäquat beschreibbaren, erforschbaren und kultivierbaren (beeinfluss- und veränderbaren) Realität ausgeht, auf der Grundlage des jüdisch-christlichen Weltbildes aufbaut. Darüber gäbe es natürlich eine Menge mehr zu sagen, was allerdings den Rahmen einer Rezension sprengen würde.
3. Ein quasi-messianisches Staatsverständnis hilft nicht weiter.
Abschließen möchte ich mit meiner größten Kritik am Buch: Herr Jaeger sieht die Erlösung durch in seinem Staatsverständnis: „Es gibt noch eine weitere bedeutende gesellschaftliche Kraft, die dafür sorgen könnte, dass der technologische Fortschritt uns dient, und nicht wir ihm: der Staat.“ (S. 351) Doch was würde in einem Staat geschehen, der über Algorithmen verfügt, die alles zentralistisch regieren? Was wäre da überhaupt mit Menschen, die nicht in diese „schöne neue Welt“ hinein wollen? Ich habe jetzt schon Menschen getroffen, die mit der Komplexität unseres jetzigen Lebens in der westlichen Welt nicht klarkommen und deshalb lieber freiwillig auf der Straße leben. Werden in einer solchen technologisierten Zeit Abweichler zum Abschuss freigegeben, bzw. – weitaus brutaler – dem langsamen Hungertod preisgegeben? Die letzten Wahlen in den USA zeigen, wohin eine Demokratie steuern kann. Und das sage ich als überzeugter Vertreter der Demokratie. Allerdings braucht ein jeder Staat klare Grenzen, die er nicht überschreiten darf. Je aufgeblähter ein Staat wird, je mehr Aufgaben er bekommt, desto weniger kann der einzelne Bürger in diesem Staat verantwortlich handeln – und desto mehr wächst die Gefahr des staatlichen Machtmissbrauchs. Viele Despoten des 20. Jahrhunderts wurden demokratisch gewählt (davor kann kein System bewahren), und je aufgeblähter ein solcher Staat ist, desto mehr Möglichkeiten des Missbrauchs hatte dieser.
Meine Antwort wäre: Kleiner statt größer denken. Wir brauchen keinen „Big Talk“ wie im Buch beschrieben, sondern viele, unzählig viele „Mini Talks“ von Einzelnen, die sich über ihre Zukunft Gedanken machen. Wenn wir die Geister, die wir riefen, wieder in die Ecke stellen wollen, brauchen wir eine Rückkehr zur Familie, zum Freundeskreis, zum Denken im Kleinen, zum verantwortlichen Handeln des Einzelnen, denn nur so wird es auch in einem Katastrophenfall möglich sein, weiter zu existieren. Statt auf digitale Währungen umzusteigen wäre es wichtiger, Menschen zu haben, denen man vertraut, und die einander im Notfall beistehen.
Und genau hier sehe ich das zukünftige Potenzial der Kirchen und Gemeinden. Sie haben den göttlichen Auftrag, Rettungsboote und Heimatorte für verlorene Menschen in dieser Welt zu sein. Sie sind Orte, wo der Einzelne sich selbst kennenlernen kann und in die Gemeinschaft mit Gott kommt, der letztendlich bestimmt, wer und was der Mensch ist und was seine Persönlichkeit ausmacht – auch im Wandel der Technologie und des säkularen Menschenbildes.
Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Buchtipp: Die Gabe der Könige

Hobb, Robin, Die Gabe der Könige, Penhaligon Verlag, RandomHouse, München, August 2017, Verlagslink, Amazon-Link
Vielen Dank an den Penhaligon-Verlag für das Rezensionsexemplar des Buches. 
 
Fitz Chivalric Weitseher ist ein uneheliches Kind von Prinz Chivalric, dem geplanten Thronfolger der Sechs Provinzen. Er erzählt in diesem Buch aus seiner Sicht, was sich in seinem Leben bisher zugetragen hatte. Die ersten Jahre wächst er ohne Erinnerung an seine Mutter oder weitere Familie auf; das erste Ereignis, an das er sich erinnern kann, ist die Ankunft in der Stadtfestung. Was er noch nicht weiß, ist, dass tief in ihm die Gabe der Weitseher-Könige schlummert – eine Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer Menschen und Tiere „einzuhacken“, um diese zu lesen oder gar zu manipulieren. Damit diese Gabe zu ihrer Entfaltung kommt, muss sie hart trainiert werden; doch sie ist auch enorm gefährlich, da sie leicht missbraucht werden kann.
In Friedenszeiten wird eine solche Wunderwaffe nicht gebraucht, doch eines Tages wird klar, dass nicht allzu weit ein Feind lauert: Die Roten Korsaren. Sie waren mit Schiffen unterwegs, überfielen immer mal wieder Dörfer auf dem Festland der Sechs Provinzen, und kidnappten die Bevölkerung. Sie wollten Lösegeld, wenn die Geraubten getötet werden sollten. Ansonsten wurden sie zurückgebracht – als Entfremdete. In diesem Zustand waren die Rückkehrer emotions- und willenlos, agierten wie Roboter, überfielen Reisende, um sich ernähren zu können, und waren ansonsten so gleichgültig allem gegenüber, dass sie nur herumsaßen, bis sie wieder Hunger hatten. Ihre Notdurft verrichteten sie gerade da, wo sie sich zufällig befanden. Angesichts dieser Gefahr sollten die jungen Menschen mit dieser Superwaffe in kürzester Zeit ausgebildet werden, damit sie helfen konnten, die Sechs Provinzen zu beschützen. Doch ob dies gelingt? Das Leben auf dem Hof nimmt inzwischen den normalen Lauf, eine Hochzeit bahnt sich an, Intrigen verdichten sich ob der Gefahr von außen.
Die Lektüre dieses Fantasy-Romans hat mir gut gefallen, insbesondere auch deshalb, weil er viele aktuelle Fragen mit einem neuen Hintergrund erneut aufwirft: Wie gehen wir mit Superwaffen um? Was macht den Menschen aus? Fitz muss viele ethische Fragen klären und sich entscheiden, was er in welchem Fall tun will. Als Leser müssen wir uns diese Fragen auch stellen, und es tut uns gut, diese von einem Fantasy-Roman gestellt zu bekommen. Es ist keine leichte Lektüre, wenngleich mit der Zeit immer fesselnder, als sich die Ereignisse überstürzen und kurzfristige, ungeplante Reaktionen erfordern. Den Einstieg fand ich hingegen eher etwas zäh. Auch muss man sich natürlich fragen, ob die Autorin mit der Handlung im Roman die richtigen Antworten auf die brennenden Fragen zu geben vermag, was ich nicht immer so empfand. Doch alles in allem ist es ein spannender und lesenswerter Roman.
Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.