Auf Threads stolperte ich neulich über eine Diskussion aus der Buchszene. Eine Autorin machte ihrem Frust über Neid, Missgunst und ständige KI-Unterstellungen unter Kolleginnen und Kollegen Luft. Ihre Gegenforderung klang verlockend und herzerwärmend: wir sollten uns doch alle viel mehr unterstützen, uns Erfolge gegenseitig gönnen und endlich eine gesunde, wertschätzende Community aufbauen.
So verständlich dieser Wunsch nach einem friedlichen Miteinander ist, so sehr verkennt er die systemische Realität. Wer heute auf den großen Social-Media-Plattformen unterwegs ist, unterschreibt implizit einen Vertrag mit deren Algorithmen. Diese Systeme sind konstruiert, um Verweildauer und Werbeeinnahmen zu maximieren, und nichts erzeugt mehr Aufmerksamkeit als Reibung, Polarisierung und Empörung. Wer versucht, eine zutiefst auf Aufregung getrimmte Mechanik durch bloße moralische Appelle zu heilen, kämpft gegen Windmühlen. Ich habe vor 6,5 Jahren – noch vor Threads und vor ChatGPT – bereits hier auf meinem Blog dazu geschrieben. Dies ist gewissermaßen eine Fortsetzung meines früheren Blogposts (Link)
Wir machen es uns viel zu einfach, wenn wir die Schuld nur auf unpersönlichen Code und globale Tech-Konzerne schieben. Das Prinzip des „Algorithmus“ ist um ein Vielfaches älter als das moderne Feed-Prinzip. Es steckt erschreckend oft in uns Menschen selbst, sobald wir Systeme erschaffen, verwalten oder uns in ihnen bewegen.
Als wir selbst der Algorithmus waren
Wenn ich an die 2000er-Jahre zurückdenke, als ich selbst über mehrere Jahre hinweg in Online-Foren mitmoderiert habe, wird mir rückblickend klar, dass auch wir Moderatoren im Grunde menschliche Algorithmen waren. Ein Forum ab einer gewissen Größe benötigt zwingend klare Regeln, feste Strukturen und ständige Filterprozesse. Wir trafen täglich Entscheidungen, die man heute mit moderner Informatik-Sprache folgendermaßen beschreiben würde: Wir betrieben Mustererkennung und Kategorisierung, indem wir entschieden, wann ein Thema so groß wurde, dass ein Thread getrennt, zusammengefügt oder verschoben werden musste.
Ebenso führten wir immer wieder Verhaltensanalysen durch und stellten uns die Frage, ab welchem Punkt ein langjähriges, einst geschätztes Forenmitglied plötzlich zum Störfaktor oder Troll mutiert war. Der entscheidende Unterschied zu den heutigen Feed-Systemen lag allerdings in der Zielsetzung, der sogenannten Verlustfunktion. Unser menschlicher Moderations-Algorithmus war darauf ausgerichtet, Ordnung, Substanz, inhaltliche Tiefe der Diskussionen und vor allem den Schutz der Gemeinschaft zu wahren. Wenn eine Diskussion zu toxisch wurde, haben wir sie konsequent geschlossen, selbst wenn das Aufrufe und Klicks gekostet hat. Der heutige maschinelle Algorithmus hingegen gießt in genau solchen Momenten erst recht Öl ins Feuer, weil Toxizität Reichweite generiert.
Wenn Menschen wie starre Filter agieren: Penn&Teller: Fool Us
Wer mich etwas näher kennt, weiß, dass mich die Zauberkunst seit jeher tief fasziniert. Bei fast jeder Vorführung kenne ich gedanklich mehrere verschiedene Möglichkeiten, wie ein Trick technisch umgesetzt werden könnte. Doch der eigentliche Reiz liegt für mich längst nicht mehr im Rätselraten, sondern darin zu sehen, wie individuell, persönlich und künstlerisch ein Effekt auf der Bühne interpretiert wird. Umso schmerzhafter ist es zu beobachten, wie ausgerechnet das Format Penn & Teller: Fool Us über die Jahre zu einem starren menschlichen Filter verkommen ist.
Penn & Teller starteten in den 70er- und 80er-Jahren als absolute Anarcho-Punks der Zauberszene, die das altbackene, glitzernde Las-Vegas-Establishment mit blutigen Schock-Effekten, offengelegten Trickmechaniken und beißender Satire zertrümmerten. Sie waren die ultimativen Regelbrecher, die das verstaubte System der Zauberkunst aufrütteln wollten. Doch Jahrzehnte des Erfolgs, der eigenen Vegas-Dauershow und des weltweiten Ruhms haben sie schleichend genau in das verwandelt, was sie einst bekämpften: Sie sind heute die obersten Gatekeeper ebenjenes Establishments, das sie früher verachteten.
Ihre Show funktioniert inzwischen nach einem sehr berechenbaren Muster. Wer traditionelle Techniken der alten Meister sauber vorführt und das klassische Vokabular beherrscht, wird als wahrer Könner gefeiert. Wer dagegen mit frischen, modernen Ansätzen kommt oder schlicht nicht in das Schema des klassischen Magiers passt, wird oft patronisierend abgekanzelt. Insbesondere Performerinnen werden durch eine völlig andere Bewertungsmatrix geschleust und müssen sich doppelt beweisen, während man bei männlichen Altmeistern gnädig über technische Wackler hinwegsieht. Die Kunst wird dadurch glattgebügelt, das Format nutzt sich ab, und der eigentliche Zauber der individuellen Entfaltung weicht einer Reihe von berechenbaren Seilschaften.
Es geht auch anders: Das Beispiel Talents of Magic
Dass Reichweite und Einfluss nicht zwangsläufig in Elitendenken und starren Filtermechanismen enden müssen, beweisen Initiativen aus der jüngeren Zauberszene. Ein herausragendes Positivbeispiel ist das Format Talents of Magic (Link), das von Matthias Berger initiiert wurde. Er hat sich mit Marc Weide und Miles Pitwell zwei starke Partner an die Seite geholt, um jungen Nachwuchskünstlern genau die Bühne zu bieten, die das verstaubte Establishment ihnen oft verwehrt.
Der entscheidende Unterschied zu Fool Us oder den sozialen Medien liegt in der Reihenfolge des Beziehungsaufbaus. Talents of Magic beginnt offline, persönlich und in der kleinen Gruppe. Man lernt sich analog kennen, tauscht sich aus, gibt sich gegenseitig Feedback und lernt voneinander. Erst auf diesem gefestigten Fundament aus echtem menschlichem Vertrauen und persönlicher Beziehung und Respekt geht das Format in die digitale Öffentlichkeit. Die Reichweite dient hier nur noch als Schaufenster für eine Gemeinschaft, die in der Realität verankert ist.
Bei Penn & Teller oder den Feeds der Social-Media-Giganten ist das exakte Gegenteil der Fall: Sie sind auf den direkten Online-Stream und die sofortige Öffentlichkeit getrimmt. Fremde treffen vor der Kamera auf Fremde. Weil das analoge Fundament fehlt, greifen sofort die unbarmherzigen Gesetze des Algorithmus: Leistungsdruck, Schablonendenken und die Selektion nach Quote. Talents of Magic zeigt eindrucksvoll, dass das Digitale nur dann nicht toxisch wird, wenn das Analoge ihm vorausgeht.
Wie wir die Schleifen durchbrechen
Egal ob wir auf die Buchbubble auf Threads, die Zauberszene oder unser ganz persönliches digitales Wohlbefinden blicken: Wir müssen endlich aufhören, von kommerziellen Systemen Verhaltensweisen zu erwarten, für die sie nicht konstruiert wurden. Der erste Schritt besteht darin, den Marktplatz klar vom Schutzraum zu trennen. Social-Media-Feeds sind reine Aufmerksamkeitsmarktplätze. Wer Reichweite sucht, mag sie nutzen, sollte dort aber niemals seelischen Halt oder ehrliche Gemeinschaft erwarten. Echter Austausch und gegenseitige Unterstützung gehören auf eigene Blogs, in überschaubare Foren oder in dezentrale Netzwerke.
Gleichzeitig müssen wir unsere eigenen Reaktionen im Netz viel konsequenter hinterfragen. Bevor wir auf den nächsten Aufreger klicken, einen toxischen Thread kommentieren oder uns an einer Onlinediskussion abarbeiten, sollten wir kurz innehalten. Wir sollten prüfen, ob wir gerade nur einen Pawlowschen Reflex bedienen, den der Algorithmus genau so von uns provoziert hat, oder ob wir echten Mehrwert schaffen.
Schließlich geht es darum, die eigene digitale Infrastruktur zu stärken und eine Kultur der echten Anerkennung zu pflegen. Wer sich vollständig von fremden Feeds abhängig macht, unterwirft sich immer den Spielregeln fremder Gatekeeper – ganz gleich, ob diese Penn Jillette oder Mark Zuckerberg heißen. Wenn wir erst analoge Beziehungen knüpfen und unsere digitale Reichweite bewusst dafür nutzen, leise und gute Initiativen hochzuziehen – ganz im Geiste von Talents of Magic –, entscheiden wir selbst, ob wir nur Rädchen in einer fremden Logik sind oder eigene, menschliche Räume gestalten.