Aus dem Leben einer Totschlagbibel

Guten Tag, ich bin Bibi, die Totschlagbibel. Manche mögen sich fragen: Totschlagbibel? Was soll denn das sein? Das werde ich euch gleich erzählen. Eigentlich bin ich ja eine ganz normale Bibel aus Papier mit festem Einband, in Leder gebunden, immer säuberlich rein gehalten, auf Hochglanz poliert, und immer in der Tasche dabei. Eigentlich könnte ich glücklich und dankbar sein, denn anders als viele meiner Artgenossen bin ich noch nie im Regal verstaubt. Vor vier Jahren wurde ich gekauft, um eine vorherige Version meiner selbst zu ersetzen, die inzwischen verlesen aussah und Eselsohren hatte. Ich fand meine Vorgängerin sehr schön, denn sie war farbig und bunt, mit vielen Buntstiften hatte unser Besitzer die wichtigsten Verse angestrichen. Sie sah vom Alter gezeichnet aus, und das machte sie richtig wunderschön. Inzwischen lebt sie aber das traurige Alter einer im Regal stehenden, ausrangierten Bibel, und ich habe ihren Platz eingenommen.

Nun möchte ich aber erzählen, was eine Totschlagbibel ausmacht und was damit meine Aufgabe im täglichen Leben meines Besitzers ist. Ich werde häufig benutzt. Nicht täglich, aber doch recht häufig, mehrmals die Woche. Ich werde gelesen, um meinem Besitzer in den zahlreichen Wortgefechten zu helfen. Mein Inhalt soll ihm die Munition geben, die er braucht, um andere Diskutanten und vermutlich eher auch -onkel zum Schweigen zu bringen. Das ist etwas, was ich nicht mag. Ich möchte eigentlich meinem Besitzer in sein Leben hineinreden, ich möchte ihm helfen, ins Ebenbild Jesu verändert zu werden, aber dazu ist mir häufig gar keine Möglichkeit gegeben. Er kennt seine wichtigen Stellen in- und auswendig, und oft blättert er eher in mir, um seinem Gegenüber Eindruck zu machen. Vermutlich hätte es ihm gereicht, mich auf 30 Seiten zusammengefasst zu haben, mit all den Versen, mit welchen er beständig hantiert. Aber meine Größe und Schwere ist ein zusätzliches Argument, das seinem Gegenüber Eindruck machen soll, denn er will ja damit zeigen, dass er mindestens ebenso bibeltreu und wortgewandt ist.

Ständig zitiert er Jesus: Liebt eure Feinde! Haltet die andere Wange hin! Nicht jeder, der sagt: HERR HERR! Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Oder Paulus: Die Liebe glaubt und erträgt alles! Vergeltet nie Unrecht mit anderem Unrecht! Oder Johannes: Wer seinen Bruder hasst, lebt in der Finsternis! Jede Bibelauslegung, die ihm nicht passt, wird mit diesem Scheinargument zum Schweigen gebracht, sodass er sich selbst völlig taub macht gegen alle Möglichkeiten, selbst etwas Neues dazu zu lernen. Leider bin ich nicht allein als Totschlagbibel. Ich kenne noch andere, die mir schon ähnliches erzählt haben, manche davon haben leider auch Diskussionsgegner meines Besitzers zum Besitzer. Vielleicht wird auch eine andere von uns mal aus ihrem Leben erzählen.

2018: Ein neues Lesejahr

Nachdem ich 2017 mit 95 Büchern und rund 40000 Seiten deutlich mehr zum Lesen kam als ich erst dachte, wird es vermutlich 2018 etwas weniger. Ich möchte mehr selbst zum Schreiben kommen, und ich werde auch nach wie vor in der nichtvirtuellen Welt zeitlich und kräftemäßig beansprucht, was wirklich sehr gut ist.

Trotzdem bin und bleibe ich ein Vielleser. Für 2018 habe ich mir zum Ziel gesetzt, bei den älteren Büchern Shakespeares Werke zu lesen und mich so weit wie möglich mit den wichtigsten Werken von Charles Dickens befassen. Ob es von diesen beiden etwas zu bloggen gibt, werde ich spontan entscheiden. Ein anderer Schwerpunkt werden die neuen Romane sein, die schnell mal zu Bestsellern werden. Hier habe ich mir zum Ziel gesetzt, einige zu lesen und rezensieren – immer mit dem biblischen Welt- und Menschenbild im Hinterkopf.

Warum gerade Bestseller? Bestseller sagen viel über die jeweilige Zeit aus, in welcher sie zu Bestsellern werden. Bestseller sind Bücher, die besonders häufig gekauft und gelesen werden. Wenn ein Autor erst mal etabliert, das heißt bekannt, ist, so sind es die Leser, die entscheiden, ob ein Buch dem Denken seiner Zeit entspricht oder nicht.

Wer möchte, kann auch dieses Jahr mein Lesejahr auf Goodreads verfolgen. Allerdings werde ich wohl kaum täglich diese Seite updaten, aber vermutlich so 1 – 2x die Woche, was dann bedeutet, dass umso mehr gelesen wurde. Ich lese durchschnittlich 110 Seiten pro Tag, was schätzungsweise 2,5 Stunden entspricht. Das bedeutet aber tatsächlich: Es gibt Tage, da lese ich deutlich länger und andere Tage deutlich weniger. Ich würde sagen eine halbe Stunde pro Tag im Minimum, und somit etwa 30 Seiten mindestens pro Tag. Das ist für mich eine Art, wie ich mich entspannen, zurücklehnen und mich auf eine Sache konzentrieren kann. Die meiste Zeit des Tages muss ich Multitasking betreiben, deshalb ist das Monotasking des Lesens einfach so entspannend und wohltuend. Viel besser als Schlafen 😉 Aber das ist wieder ein anderes Thema.

George R. R. Martin – Der Astronom

Martin, George R. R., Wild Cards: Der Astronom, Penhaligon Verlag München, 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar vom Penhaligon-Verlag erhalten.

Es gibt Bücher, die sind zäh wie Kaugummi. Das vorliegende Buch hatte ich in wenigen Tagen gelesen, und doch hatte ich das Gefühl, es müsse sich um Wochen gehandelt haben. Irgendwie schien es kein Ende zu nehmen. Da George R. R. Martin immer wieder Bestseller schreibt, dachte ich, dass die Neu-Herausgabe eines Buches von ihm einen guten Einstieg ermöglicht. Es war mein erstes Buch, das ich von dem Autor gelesen habe. Es war mit knapp 550 Seiten nicht allzu lang, doch die Story geht über weite Strecken unter dem nervenzehrenden Eindruck zweier Hauptthemen unter: Sex und Gewalt.

Im Grunde genommen ist das Buch einfach aufgebaut. Jedes Kapitel behandelt eine Stunde zwischen 6:00 Uhr früh des einen und 6:00 Uhr früh des nächsten Tages. Es ist der Tag, an welchem ein großes Fest gefeiert wird: 40 Jahre nachdem „Jetboy“ einen größenwahnsinnigen Wissenschaftler gestoppt hatte, der ein Virus entwickelt hatte, um die gesamte Menschheit genetisch zu manipulieren – das „Wild-Card“-Virus. Dieses Virus wurde trotzdem freigesetzt und verseuchte die Menschheit. Jedes Jahr wurde zu Ehren Jetboys ein Fest gefeiert, der Wild-Card-Tag. Zum 40. Jubiläum dieses Tages musste natürlich ein besonders rauschendes Fest gefeiert werden. Doch eines der mächtigsten Asse der Welt, der „Astronom“, plant, dieses Fest zum Anlass für seine Rache zu nehmen und die Erde zu entführen und alles Leben darauf zu vernichten. Die gesamte Story handelt nun davon, ob es den übrigen Assen und Jokern gelingt, den Astronom zu stoppen, bevor er um 4:00 Uhr des Morgens nach dem Fest handeln will.

Man hätte aus dieser Story eine ganze Menge machen können. An Phantasie mangelt es George R. R. Martin bekanntlich nicht. Doch dann wirkt der ganze Band wie die „Filmverbuchung“ (das Gegenstück zu einer Buchverfilmung) eines drittklassigen Actionfilms – Bettszenen, die sich mit blutrünstigem, fetzenfliegendem Kampfgetümmel abwechseln. Dazwischen einzelne Gespräche, die zumeist noch zusammenhangslos sind und für sich gesehen wenig Sinn machen. Es ist nicht so, dass ich keine Action mag, aber bei dem Buch habe ich mich seitenweise fast nur gelangweilt. Gegen Ende des Buches gibt es noch einmal einen leichten Spannungsbogen, der sich um die Frage dreht, ob es den Assen reichen wird, Astronom rechtzeitig unschädlich zu machen, doch nach dieser Szene ist alle Spannung raus, man möchte fast den Rest überspringen. Effektüberladen – wie gesagt, es könnte eine „Filmverbuchung“ sein, die versucht, jeden Special Effect mit Worten einzufangen – und sexbesessen, als gäbe es einen Preis für die Übertreibungen in Fantasy-Romanen versucht dieser Band den Leser geradezu zu paralysieren, um die Spannung stets hochzuhalten. Das Experiment misslingt, und man wünscht dem Autor zu sagen, dass weniger manchmal auch mehr sein kann.

In einem vermag Martin jedoch zu überzeugen: Die Grundhandlung, der eigentliche – wenn auch durch die Übertreibungen überdeckte – Rahmen der Geschichte ist die Rettung oder Erlösung der Menschheit, die durch „Astronom“ gefährdet ist. Es gibt einige Szenen, in welchen der Autor die unheilvolle Macht des Neides, des Ehrgeizes, des Hasses und der Rachegelüste beschreibt. Martin beschreibt eine Welt voll Hass, die dann plötzlich damit beschäftigt ist, ohne diesen zu leben. Mit Astronom verschwindet ein Grund für den Hass. Eine weitere unrühmliche Rolle spielt ein Buch, und zwar ein Notizbuch, dessen Inhalt Beweise für illegales Verhalten einer der Personen enthalten soll. Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass der Inhalt unterwegs unwiederbringlich verloren gegangen ist. Diese Jagd nach dem Buch soll wohl als die Suche nach der Wahrheit darstellen, und diese Wahrheit habe sich plötzlich als relativ herausgestellt und müsse nicht mehr gesucht werden. Auch das klingt interessant, vermag jedoch nicht wirklich zu überzeugen.

Fazit: Ein mit Effekten, Action, Kampf und Sex dermaßen überladenes Buch, dass es nicht gerade einfach ist, dem roten Faden in den Details zu folgen. Eine eigentlich gut gemeinte Grundgeschichte, die dann schlecht ausgeführt ist. Ich war froh, als das Buch zu Ende gelesen war. Ich gebe dem Buch zwei von fünf möglichen Sternen. 

Der thematische Ansatz einer Biblischen Theologie

Hier stelle ich den kanonischen und den historischen Ansatz vor.

Ein weiterer möglicher Ansatz für die Darstellungsweise einer Biblischen Theologie ist das thematische oder dogmatische Konzept. Hierbei ist es ein Thema oder mehrere Themen, anhand derer die ganze Theologie aufgebaut wird. Im Zentrum steht dann dabei die Frage, wie sich die Theologie der einzelnen dieser Themen im Laufe der Zeit entwickelt hat. Dazu muss zunächst ein „roter Faden“ gefunden werden, womöglich auch mehrere solcher „roter Fäden“ in der Theologie der Bibel. Dabei wird auch die Frage nach dem Zusammenhang der beiden Testamente aufgeworfen werden müssen. Die Antwort auf diese Frage wird von gewaltigem Ausmaß sein auf das Ganze der Theologie.

Ein Thema oder viele Themen?

Wenn man nicht von der historischen Achse ausgehend arbeiten will, so eignet sich auch die dogmatische Achse dazu. In dieser fragt man nach der Entwicklung der einzelnen Gedanken der Theologie, nach ihren Gedankengängen und ihrem Entstehen und der Entwicklung im Laufe der Geschichte. Es werden die einzelnen Stellen, die von den selben Aspekten sprechen, einzeln in ihrem Kontext untersucht und dann verglichen und in ihren internen Zusammenhang gestellt. Oder, um es mit Steinberg zu sagen:

Entlang der systematischen Dimension zu arbeiten, bedeutet, ein theologisches Thema zu wählen und dann alle Textabschnitte zusammenzustellen und zu diskutieren, die etwas zum Thema beitragen. Beispiel: „Was sagt das Alte Testament über Engel?““1

In einer gesamtbiblischen Darstellung muss natürlich die Einheit und Vielfalt des gesamten Zeugnisses der Heiligen Schrift berücksichtigt werden. Deshalb ist auch hier die Bestimmung der zwei Testamente zueinander wesentlich.

Wer entlang der dogmatischen Achse arbeiten will, muss sich zuerst im Klaren sein, dass auch dies immer historische Arbeit beinhaltet. Die Bibel ist nach wie vor in Raum und Zeit entstanden, deshalb kann die Zeit nicht ausgeblendet werden.

Eine wichtige Fragestellung darf hier nicht vergessen werden: Sieht man, wenn man auf der dogmatischen Achse arbeitet, einen roten Faden oder will man anhand einzelner Themenkomplexe arbeiten? Wenn man sich für Zweiteres entscheidet, müssen sodann auch noch diese Themenkomplexe gefunden und begründet werden. Horst Seebass hält das Erstere für gescheitert: „Gescheitert sind, so meine ich, Versuche, eine Gemeinsamkeit zwischen Altem und Neuem Testament durch ein gemeinsames Thema wie „Gottesherrschaft“ (G. Fohrer), „Bund“ (W. Eichrodt) o. ä. zu erzielen.“2

Wichtige Vertreter des Ansatzes

Gerhard Hasel macht in seinem Buch Old Testament Theology: Basic Issues in the Current Debate eine gute Auflistung der Vertreter. Hier in komprimierter Form wiedergegeben: „Mit der Herausgabe von Eichrodts Theologie kam diese Frage in ein neues Blickfeld. Für ihn ist das „zentrale Konzept“ […] der „Bund“.“3

Das Problem, welches sich dadurch ergibt, hat Georg Fohrer richtig erkannt, indem er feststellt, dass es für die Zeit nach dem Davidsbund keine neue Bundschließung mehr gab in der Zeit des Alten Testaments. Er schlägt deshalb einen anderen Weg vor: „Georg Fohrer beantwortet die Frage des AT mit einem „dualen Konzept“, nämlich die Herrschaft Gottes und die Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen.“4

Auf diese Weise lassen sich natürlich alle Dinge von zwei Seiten betrachten: Von der Seite des herrschenden Gottes und von der Seite des mit Gott in Gemeinschaft stehenden Menschen. Weitere wichtige Vertreter sind noch E. Sellin, der die „Heiligkeit Gottes“ als zentrales Element betrachtet, Horst Seebass, welcher viel Wert auf das Königsein Gottes legt, Rudolf Smend, welcher die bereits von Wellhausen herausgearbeitete Formel „Jahwe, der Gott Israels und Israel, das Volk Gottes“ als zentrales Element bestimmt und Peter Stuhlmacher, welcher die Lehre von der Versöhnung als Zentrum definiert.

Vorteile des thematischen Ansatzes

Da die Bibel in ihrer Gesamtheit eine Vielzahl von Themen abdeckt, könnte man zumindest in der Theorie davon ausgehen, dass sie in erster Linie ihre Vielfalt von Zeugnissen zur Geltung bringen möchte und nicht zuerst ihre Einheit. Ferdinand Hahn schreibt zu dieser Fragestellung in Bezug auf das Neue Testament:

Die Einheit des Neuen Testaments darf keinesfalls einfach vorausgesetzt werden; sie muss kritisch erarbeitet werden aufgrund der Analyse der verschiedenen Traditionen. Sie muss von der Vielfalt und den bisweilen durchaus vorhandenen Widersprüchen ausgehen. Das ist aber nur dort möglich, wo anhand aller behandelten Themen die Einheitsfrage gestellt und beantwortet wird.“5

So könnte man denken, dass der thematische Ansatz durchaus ideal sei für eine Einteilung der Biblischen Theologie.

Nachteile des thematischen Ansatzes

Thomas Söding schreibt zu Stuhlmachers Unternehmung, eine Mitte der Schrift zu finden:

Er verfolgt […] das Konzept, nicht einen Kanon im Kanon zu definieren; vielmehr will er in einer weiterführenden Aneignung der Schrift-Theologie Martin Luthers eine „Mitte“ der Schrift lokalisieren, auf die hin und von der her alle biblischen Texte auszulegen und in ihrem spezifischen Gewicht zu bestimmen seien. […] Gleichwohl ist vom Ansatz einer „Mitte“ der Schrift das hermeneutische Problem schwer zu lösen. Denn zum einen bleibt die Frage offen, nach welchen Kriterien das Werturteil über die Versöhnungslehre im all-gemeinen, die paulinische Rechtfertigungslehre im besonderen gefällt wird und wie weit sie als Gradmesser für die Beurteilung der matthäischen, johanneischen, markinischen, lukanischen Theologie mit ihren je doch eigenen Ansätzen taugt. Vor allem aber wird bei einem hermeneutischen Projekt, das nach der „Mitte der Schrift“ sucht (unabhängig davon, wo man sie zu finden glaubt), zu wenig das Prae der Offenbarung vor dem Zeugnis beziehungsweise der Geschichte vor deren Erzählung und Reflexion beachtet. Dieses Prae ist aber für die Theologie des Kanons schlechthin konstitutiv.“6 Für Peter Stuhlmacher ist die Lehre von der Versöhnung der rote Faden der gesamten Bibel. Ich meine, dass diesem Ansatz von Stuhlmacher grundsätzlich zuzustimmen ist, wobei Söding natürlich recht hat, dass damit zunächst überhaupt einmal die gesamtbiblische Idee der Versöhnung definiert und klar abgegrenzt werden muss.

Fazit

Wie bereits beim geschichtlichen Konzept gesehen, gibt es auch hier Vor- und Nachteile. Beide müssen gut abgewogen werden. Vorstellbar wird aber auch eine Zusammenschau mehrerer Ansätze, zum Beispiel des historischen (heilsgeschichtlichen) und des thematischen. Beide umklammern sich in gewisser Weise: Wer thematisch arbeitet, wird das jeweilige Thema im Laufe der Geschichte herausarbeiten müssen, und wer historisch arbeitet, wird immer wieder auf Themen stoßen, welche im Laufe der Geschichte auftreten.

1 Steinberg, Julius, Dimensionen alttestamentlicher Theologie, S. 21

2 Seebass, Horst, Über die innere Einheit von Altem und Neuem Testament, in: Dohmen, Christoph, Söding, Thomas, Eine Bibel – zwei Testamente, S. 132

3 Hasel, Gerhard, Old Testament Theology, S. 139, Übersetzung: JE

4 Ebd. S. 142

5 Hahn, Ferdinand, Theologie des Neuen Testaments, S. 26

6 Söding, Thomas, Entwürfe Biblischer Theologie, in: Hübner, Hans, Jaspert, Bernd, Biblische Theologie, S. 64f

Neues Jahr, neues Projekt!

Seit heute offiziell ist ein neues Projekt online, das ich mit einigen Freunden ins Leben rufen konnte, und zwar eine bibeltreue Bloggerplattform, auf welcher von zur Zeit 16 Bloggern Beiträge erscheinen. 2018 wird ein gutes Jahr, und ich freue mich, dass es auch online immer wieder zu neuen Freundschaften und medialen Aufbrüchen kommt. Diese neue Plattform ist unter http://biblipedia.de/ zu finden. Ich freue mich auch sehr, dass Ulrich Parzany, den ich sehr schätze, und das von ihm ins Leben gerufene „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“ an diesem Projekt interessiert ist. Dies ist das erste offizielle Projekt, das aus unserem Kreis heraus entstanden ist, mehr ist noch unterwegs, und man darf gespannt sein, was hier noch alles erreicht werden kann.

Es ist wichtig, dass wir den Gemeinden im deutschsprachigen Raum eine Alternative jenseits von bibelkritischer Hochschultheologie aber auch jenseits des biblischen Analphabetismus, postmoderner Gefühlsvergötzung und Anti-Intellektualismus bieten können. In den kommenden Jahren werden gerade die ehrenamtlichen Mitarbeiter ohne Studium der Theologie eine zunehmend wichtigere Rolle in den Kirchen und Gemeinden spielen – für diese ist es wichtig, um eine gute Alternative zu diesen Missständen zu wissen.

Bei Fragen oder Anregungen scheut Euch nicht, Euch zu melden! Wir freuen uns über jede Mitteilung! 

Update: Hier geht es zur offiziellen Pressemeldung (Link) 

Gedicht zur Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich bin
und bleibe Dein:
Des Lebens Sinn
und der Gemein‘

Ich will, dass Du
erkennst Mein’n Will‘
getrost im Nu,
und werdest still

Dem Dürstenden
die Lebensquell.
Dem Fürchtenden
ein Lichtschein hell.

Geben will Ich
was du brauchst
damit ewiglich
im Licht du tauchst.

Von der Quelle
vor dem Thron
aus der Helle
von Gottes Sohn.

Des lebendigen
Wortes Kraft
schenkt beständigen
Lebenssaft:

Wassers umsonst,
es kost‘ dich nichts:
und rettet vorm Zorn
des Gottesgerichts

Jonas Erne, 31.12.2017

frei nach Offenbarung 21,6

Der historische Ansatz einer Biblischen Theologie

Der historische Ansatz ist derjenige, welcher wohl am ehesten dem Ideal entspricht, das sich Johann Ph. Gabler, Begründer der Biblischen Theologie, einst gewünscht hatte. Man müsse die verschiedenen Zeiten beachten, in welchen die biblischen Autoren ihre Schriften in unterschiedlichen Genres aufgeschrieben hätten. Ob und wie sinnvoll diese Einteilung ist, muss natürlich auch noch geklärt werden. Bei der Darstellung der Biblischen Theologie mit dem historischen Ansatz ist die Abhängigkeit von der Einleitungswissenschaft (das heißt von der Beantwortung der Fragen nach der Verfasserschaft und Abfassungszeit, sowie Leserschaft und Zweck der Abfassung) sehr ausgeprägt. Die Frage ist hier immer, wer was wann geschrieben hat, und alle theologischen Dimensionen dieser Darstellung sind auf das Engste mit der Entstehung verknüpft. Es wird an der Stelle dann zunächst die Entscheidung zu treffen sein, ob man von einer heilsgeschichtlichen (offenbarungstheologischen) oder von einer religionsgeschichtlichen (historisch-kritischen) Darstellungsweise ausgehen will, bzw. muss.

Religionsgeschichte oder Heilsgeschichte?

Die Darstellung als Religionsgeschichte versucht, alle inneren Probleme und Schwierigkeiten mit Hilfe der historischen Kritik zu lösen. Göttliche Offenbarung und übernatürliches Eingreifen darf es nicht geben, stattdessen werden die Schriften in verschiedene Zeiten und historische Abschnitte eingeteilt und mit der religiösen Umwelt verglichen. Die biblische Religion hat sich durch Einflüsse aus der Umwelt entwickelt, das ist das historisch-genetische Modell. Es hat eine Evolution aus animistischer und polytheistischer Religion geben müssen, die sich irgendwann zum Monotheismus entwickelt hat. Das ist das religionsgeschichtliche Modell einer Biblischen Theologie. Der Monotheismus muss dabei immer als der letzte Schritt gesehen werden. Jeder Zeitepoche und jedem Autor wird sodann eine aus den jeweiligen Texten herausgeschälte Theologie zugeordnet. Die Bibel ist somit eine riesige Sammlung von verschiedenen Einzeltheologien. Das kanonische Buch Jesaja zum Beispiel wird durch historisch-kritische Einleitung in zwei oder drei Teile von jeweils verschiedenen Autoren eingeteilt, von welchen jeder eine eigenständige Theologie untergejubelt bekommt.

Als zweite Möglichkeit kann heilsgeschichtlich gearbeitet werden. In der Arbeitsweise geht man hier üblicherweise von der göttlichen Offenbarung der Bibel aus, die schrittweise (also progressiv) verläuft. Es gibt heilsgeschichtliche Entwürfe, die die literarkritischen Ergebnisse der Forschung als Ausgangspunkt nehmen (zum Beispiel Gerhard von Rad), andere gehen von einem bibeltreuen Standpunkt aus, nehmen also an, dass die Bibel, so wie sie heute erhalten ist, vollumfänglich von Gott inspiriert ist.

Gefragt werden muss natürlich auch bei diesem Ansatz, welcher Weg sich aus der Schrift selbst ableiten lässt. Da ist es sehr wichtig, dass nicht von außen her irgendwelche philosophischen Kriterien herangetragen werden, die der biblischen Botschaft schon gar nicht gerecht werden können. Deshalb muss gefragt werden, ob die Bibel denn in sich den Hinweis auf eine historische Lesart enthält. Gerhard Maier ist überzeugt davon: „Dennoch muß man von der Geschichtlichkeit der Schrift sprechen. Warum? Weil die göttliche Offenbarung in die Menschheitsgeschichte eingegangen ist. Und zwar nicht nur einmal, wie der Islam von seinem Koran behauptet. Sondern in einer Kette von Ereignissen, die selber wieder neue Geschichte geschaffen haben (Hebr 1,1f).“1

Dies hat zur praktischen Konsequenz, dass eine historische Darstellung der Biblischen Theologie sehr wohl angemessen ist. Ob und wie sie der Praktischen Theologie letztlich dienlich ist, wird noch zu evaluieren sein. Aber es lässt sich an der Stelle bereits festhalten, dass die zahlreichen Stammbäume und die historischen Berichte der Bibel das geschichtliche Verständnis geradezu herausfordern, die Schrift geschichtlich zu verstehen und zu interpretieren.

Wichtige Vertreter des Konzepts

Das heilsgeschichtliche Denken ist seit den frühesten Anfängen der christlichen Kirchengeschichte zutiefst in der Theologie verankert. Philipp Vielhauer schreibt zum Matthäus-Evangelium:

Eine Sonderstellung nehmen die sog. Reflexionszitate ein. Sie sind durch zweierlei gekennzeichnet. Einmal durch die reflektorische Zitationsformel: „Dies (alles) geschah, damit erfüllt werde…“. Dann durch den Texttypus: Es ist nicht der LXX-Text, aber auch nicht die genaue griechische Wiedergabe des massoretischen Textes, steht diesem aber näher als dem der LXX. […] Mit solcher Verwendung des AT, speziell mit dem Gedanken einzelner Erfüllungen, konstruiert Mt das Bild einer Heilsgeschichte, die Israel, Jesus und die Zeit der Kirche umspannt.“2 Die Heilsgeschichte der Bibel entstammt also ihr selbst, denn der neutestamentliche Gebrauch des Alten Testaments deutet recht klar darauf hin. Noch deutlicher wird diese Ausprägung in der frühen Gemeinde, wenn Paulus vom Kreuzesgeschehen als Zentrum der Geschichte3 und Telos (Ende oder Ziel) des Gesetzes4 spricht. Auch unter den Kirchenvätern gab es zahlreiche, welche die Bibel heilsgeschichtlich betrachteten. So zum Beispiel Augustinus von Hippo in seinem Werk über den Gottesstaat, wo er die Weltgeschichte in sieben Zeitalter einteilte.

Auch die Reformatoren Luther und Calvin haben ihre Christologie zu großen Teilen aus dem Alten Testament gewonnen, was zeigt, wie normal und richtig für sie das sich aus dem reformatorischen Prinzip „Sola Scriptura“ ergebende heilsgeschichtliche Denken war.

In der Zeit nach der Reformation entwickelte sich der Begriff von der „oeconomia temporum“, so zum Beispiel in der Zeit des beginnenden Pietismus unter Johann Heinrich May (um 1700). Auch bei J. Ph. Gabler findet sich der geschichtliche Ansatz, mit der einen Einschränkung, dass nämlich „die Perioden der alten und neuen Religion“ getrennt werden sollen. Das ist ein religionsgeschichtliches Modell. Oder zumindest die dazu gehörende Methodologie, die Gabler da entwickelte5.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs diese Forderung nach der rein religionsgeschichtlichen Betrachtung der Bibel und mündete zum Ende jenes Jahrhunderts in die Religionsgeschichtliche Schule der Göttinger Universität. C. H. H. Scobie beschreibt jenen Übergang:

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert begannen archäologische Entdeckungen (die bis heute andauern) Informationen zu liefern über den antiken Nahen Osten und die gräco-romanische Welt. Für viele begannen diese Entdeckungen die Einmaligkeit des biblischen Glaubens in Frage zu stellen. Babylonische Schöpfungsmythen und Gesetzestexte, jüdische Apokalyptik, hellenistische Mysterienreligionen und vorchristlicher Gnostizismus lieferten beachtliche Parallelen zum biblischen Material, das nicht länger isoliert studiert werden konnte.“6

Ausgehend von diesen Entdeckungen entstand im Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts nebst der Religionsgeschichtlichen Schule der sogenannte „Bibel-Babel-Streit“. Friedrich Delitzsch sah in seinen Studien viele solche Parallelen der Bibel mit der altbabylonischen Welt und behauptete 1902 in einem öffentlichen Vortrag, dass die Bibel erst dann richtig verstanden werden könne, wenn man zuerst die babylonische Kultur studiert und verstanden habe. Dies löste eine Flut von Schriften aus, sodass Delitzsch ein Jahr nach dem ersten Vortrag einen zweiten solchen hielt und seine These mit weiterem Material noch zu festigen suchte.

Auch in der Theologie der Nachkriegszeit bekam die geschichtliche Dimension eine große Bedeutung, insbesondere bei Gerhard von Rad. Von Rad findet über den Weg der historisch-kritischen Lesart der Bibel zu einer Heilsgeschichte. Das ist bemerkenswert. Im Zentrum steht für ihn das Bekenntnis zum in der Geschichte handelnden Gott: „Schon die ältesten Bekenntnisse zu Jahwe waren geschichtsbedingt, d. h. sie verknüpfen den Namen dieses Gottes mit der Aussage von einer Geschichtstat. Jahwe, „der Israel aus Ägyptenland herausgeführt hat“, ist wohl die älteste und zugleich die am weitesten verbreitete dieser Bekenntnisformeln.“7

Nach Gerhard von Rad kam auf der einen Seite in den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts das „kanonische Konzept“ auf, welches hier (Link) betrachtet wird, andererseits kamen Rainer Albertz und Werner H. Schmidt bewusst zurück zur Religionsgeschichte: „Mit der Wiederaufnahme der religionsgeschichtlichen Fragestellung übernimmt die heutige Forschung zugleich das Ziel der religionsgeschichtlichen Schule: Die „ins Zentrum zielende Frage“ richtet sich auf die „Besonderheit Israels innerhalb der Welt der altorientalischen Religionen“ (R. Rendtorff, 738), „die unverwechselbare Einzigartigkeit Israels innerhalb der Religionen des Altertums“ (K. Koch, 106). Allerdings drängt sich jene Frage nach der Eigenart Israels zugleich in neuer, diffizilerer Form auf: Nach welchen Kriterien wählt alttestamentlicher Glaube aus der Vielfalt der fremdreligiösen Phänomene aus, wandelt das Übernommene um und stößt mit seinem Wesen Unvereinbares ab? Damit gewinnt religionsgeschichtliche Forschung zugleich eine theologische Aufgabe.“8

Vorteile des geschichtlichen Ansatzes

Julius Steinberg schreibt dazu: „Es kommt nämlich nicht nur darauf an, welche historischen Informationen uns biblische Texte vermitteln, sondern auch, wie sie es vermitteln, welche Akzente sie beispielsweise bei der Darstellung setzen, mit welchem Ziel bestimmte historische Ereignisse wiedergegeben werden, welche Glaubensbotschaften damit übermittelt werden. Um die Glaubensbotschaften zu erfassen, darf nicht nur hinter dem Text, es muss auch im Text gearbeitet werden. Nicht die Geschichte allein, sondern die im biblischen Wort beschriebene und gedeutete Geschichte muss die Basis einer alttestamentlichen Theologie sein.“9

Die Bibel ist zum größten Teil als Geschichte geschrieben. Zwar mit gewisser wertender Auswahl des Geschehenen, welche in einer Theologie natürlich behandelt werden muss, aber sie ist als Geschichte verfasst. Deshalb „können große Teile des Alten Testaments relativ problemlos in dieses Raster eingeordnet werden“10, wie Steinberg daraufhin fortfährt.

Auch LaSor, Hubbard, Bush sehen in der Bibel von der Urgeschichte an diese Entfaltung der Heilsgeschichte:

Der Aufbau der Urgeschichte läßt erkennen, daß ihr Autor vor der Frage steht, wie die Geschichte Gottes mit dieser zerstreuten und entfremdeten Menschheit weitergehen soll. […] Der Pentateuch läßt sich somit in zwei große Abschnitte einteilen: Gn 1 – 11 und Gn 12 – Dt 34. Im ersten Abschnitt wird die Frage ausgebreitet, im zweiten die Antwort gegeben; der erste liefert die Problemstellung, im zweiten bahnt sich die Lösung an. Der Angelpunkt ist Gn 12, 3.“11

Mit der Segensverheißung in Genesis 12,3 ist tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt des weiteren Geschehens zu finden, das sich bis zum Ende des Neuen Testaments, der Offenbarung, hinziehen soll. Sehr interessant ist, dass die Offenbarung viele Elemente aus der Urgeschichte wieder aufnimmt: Der Baum des Lebens erscheint wieder, die Schlange, die in der Urgeschichte all das Unheil angerichtet hatte wird gerichtet, und viele weitere mehr. Die Urgeschichte eskaliert, weil der Mensch sich selbst erhöht und sich von Gott abwendet, deshalb wird er in alle Himmelsrichtungen verstreut. In der Offenbarung sammeln sich aus allen Himmelrichtungen die Menschen, um sich vor Gott zu beugen und ihn, den Herrn zu erhöhen.

Auch für die Predigt eignet sich das heilsgeschichtliche Konzept gut, denn durch eine heilsgeschichtliche Verkündigung lernen die Gemeindeglieder die Bibel auch eigenständig recht zu verstehen, in so fern würde dieses Konzept die Predigtvorbereitung erleichtern oder zumindest unterstützen. Armin Mauerhofer schreibt zur Predigt Folgendes:

Da die Inspiration ein heilsgeschichtlicher Vorgang ist, haben wir die Heilige Schrift auch heilsgeschichtlich auszulegen. Das heilsgeschichtliche Denken öffnet den Blick für die Einheit der Bibel. Sie nimmt den Spannungsbogen von Prophetie und Erfüllung ernst. Kein Teil der Schrift ist in ihrem heilsgeschichtlichen Ganzen entbehrlich. Die Bibel schreitet eben gerade nicht von minderwertiger Offenbarung (Rachegebete, rächender Gott) zu immer klarerer Offenbarung voran. Die Aussagen der Bibel sind in ihrem heilsgeschichtlichen Ganzen gleichwertig.“12

Gerade weil die Gemeinde durch die Verkündigung das biblische und damit heilsgeschichtliche Denken aufnehmen und erlernen soll, ist es wichtig, dies zu fördern und zu unterstützen. Dennoch muss man sich natürlich bewusst sein, dass jedes Modell und jedes Konzept eine Konstruktion ist. Deshalb hat auch der geschichtliche Ansatz gewisse Nachteile.

Nachteile des geschichtlichen Ansatzes

Der größte Nachteil des geschichtlichen Konzepts ist derjenige, dass die Bibel, insbesondere das Alte Testament, zeitlose Schriften beinhaltet. Damit ist vor allem die Weisheitsliteratur gemeint. Von der Einleitungswissenschaft herkommend lassen sie sich natürlich alle irgendwie historisch verorten, haben jedoch zeitlose Allgemeingültigkeit was ihren Inhalt betrifft. Die Theologie der Weisheit ist somit nicht von ihrem historischen Kontext abhängig. Damit kann man nun unterschiedlich umgehen. Gerhard von Rad zum Beispiel hat diesen Teil des Alten Testaments in einem gesonderten Band der Theologie behandelt. Nur ganz am Rande streift er in der Theologie des Alten Testaments im letzten Kapitel des ersten Bandes die Weisheit und komprimiert sie auf die Aussagen Israels zur göttlichen Weisheit und zur israelitischen Skepsis13.

Auch die Abhängigkeit von der Einleitungswissenschaft macht die Darstellung der Biblischen Theologie auf der historischen Grundachse nicht gerade einfacher. Für jedes behandelte historische Zeitalter muss zunächst die von der Einleitungswissenschaft vorgegebene Einleitung in die jeweiligen Schriften mit einbezogen werden.

Fazit

Mit Peter Stuhlmacher muss eine Rückkehr zur exegetischen Methodologie der Reformation gefordert werden:

In kritischem Anschluß an die altkirchliche und mittelalterliche Schriftauslegung sind die Reformatoren im Rahmen des dritten Glaubensartikels zu einer historisch-theologischen Betrachtung der biblischen Texte aufgebrochen, und die Orthodoxie ist mit ihrer Lehre vom testimonium spiritus sancti internum [dem der Bibel innewohnenden Zeugnis durch den Heiligen Geist; JE] auf ihrer Spur geblieben. Die dauernde Emanzipation von diesem Ansatz hat heute zur Folge, dass die historisch-theologische Forschung nicht mehr in der Lage ist, Gottes Wirken in der Geschichte konkret zu denken, die ekklesiologische Bezogenheit aller maßgeblichen biblischen Überlieferung ernstzunehmen und zudem gebührend zwischen prinzipiell revidierbarer geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis und der gewißmachenden Erkenntnis des Glaubens zu unterscheiden.“14

Da der historisch-theologische Charakter der Schrift so ausgesprochen wichtig ist, macht es Sinn, den geschichtlichen Ansatz zu wählen. Gerade auch in der heutigen Zeit der blinden Nivellierung alles Geschichtlichen könnte sich dies als ein heilsamer Ansatz erweisen. Auch die Wichtigkeit der Heilsgeschichte in der Predigt würde dies unterstützen. 

Fußnoten:

1 Maier, Gerhard, Biblische Hermeneutik, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 1. Aufl. 1990, S. 179

2 Vielhauer, Philipp, Geschichte der urchristlichen Literatur, Walter de Gruyter Berlin, 1975, S. 362

3 Zum Beispiel 1. Korinther 15, 17 – 19

4 Römer 10, 4

5 Strecker, Georg, Das Problem der Theologie des Neuen Testaments, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1975, S. 38

6 Scobie, C. H. H., History of biblical theology, in: Alexander, T. Desmond, New Dictionary of Biblical Theology, IVP Reference Collection, InterVarsity Press 2000, S. 15, Übersetzung: JE

7 Von Rad, Gerhard, Theologie des Alten Testaments, 2 Bde., Chr. Kaiser Verlag München, 1961, S. 127

8 Schmidt, Werner H., Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, Neukirchener Verlag, 6. Aufl. 1987, S. 12

9 Steinberg, Julius, Dimensionen alttestamentlicher Theologie in: Klement, Herbert H., Steinberg, Julius, Themenbuch zur Theologie des Alten Testaments, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 1. Aufl. 2007, S. 26f

10 Ebd.

11La Sor, W. S., Hubbard, D. A., Bush, F. W., Das Alte Testament, Entstehung – Geschichte – Botschaft, Theologische Verlags-gemeinschaft Wuppertal, 4. Aufl. 1989, S. 69

12 Mauerhofer, Armin, Jesus Mitte jeder Predigt, Jota Publikationen Hammerbrücke, 2005, S. 34f

13 Von Rad, Gerhard, Theologie des Alten Testaments, 2 Bde., Chr. Kaiser Verlag München, 1961, „Israel vor Jahwe“

14 Stuhlmacher, Peter, Thesen zur Methodologie gegenwärtiger Exegese; in: ders., Schriftauslegung auf dem Wege zur Biblischen Theologie, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1975, S. 52

Der kanonische Ansatz einer Biblischen Theologie

In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde immer mehr die Frage nach einem Ansatz der Biblischen Theologie, welche für möglichst viele Theologen annehmbar sein sollte, laut. Auf der einen Seite gab es da eine Reihe von historisch-kritisch arbeitenden Theologen, welche eine Vielzahl an neuen Ansätzen der Interpretation hervorbrachten. Manche stellten die Überlieferungsgeschichte eines Textes in den Mittelpunkt und fragten danach, wie der Text zu seinem jetzigen Inhalt gekommen ist. Sie gingen davon aus, dass jeder Text zuerst nur mündlich überliefert worden sei und bei jeder Weitererzählung noch Neues hinzugedichtet worden sei. Davon versuchten sie, die ursprüngliche Version zu rekonstruieren. Andere dachten sich, dass die Texte nach ihrer Niederschrift noch mehrmals überarbeitet sein müssten, und versuchten auch hier, durch die Zerlegung der Texte in eine Vielzahl von einzelnen „Theologien“ (also dem, was der jeweilige Autor und die den Text überarbeitenden Redaktoren von Gott dachten), das zu rekonstruieren, was ursprünglich sei. Wieder andere hielten die Texte für wilde Durchmischungen von mehreren früheren Texten, wo die Redaktoren mal einen Vers vom einen und dann wieder vom anderen Text genommen haben sollten. Zahlreiche Theologen mischten diese Vorgehensweisen auch nach Belieben durcheinander, und so kann es nicht verwundern, dass eine nicht enden wollende Zahl an Ansätzen und Resultaten den Büchermarkt überflutete. Auf der anderen Seite hielten einige der evangelikalen Theologen an der Irrtumslosigkeit der Bibel fest und lehnten jede Suche nach dem „Text hinter dem Text“ ab. In dieser Zeit hielt Henning Graf Reventlow fest:

Eine „Biblische Theologie“ ist noch nicht geschrieben. Der Weg zu diesem Ziel ist nicht nur von Hoffnung, sondern auch von vielerlei Skepsis begleitet. Sie zu überwinden wird nur möglich sein, wenn auf vorschnelle Lösungen verzichtet wird und alle Perspektiven umfassend und mit der nötigen Sorgfalt ins Auge gefasst werden. „Biblische Theologie“ ist ein in weitestem Sinne exegetisches und systematisches Arbeitsgebiet.“1

Seit dem Erscheinen der Biblical Theology von Brevard S. Childs 1992 hat sich das – zumindest aus Sicht vieler liberaler Bibelwissenschaftler – geändert.

Die Bibel als Kanon verstehen

Der sogenannte „Canonical Approach“ von B. S. Childs macht einen neuen Versuch, die Ergebnisse der historisch-kritischen Erforschung der Bibel in Einklang zu bringen mit einer Annahme der biblischen Texte in ihrer kanonischen Form. Damit wird der Versuch gestartet, eine Lücke zu schließen zwischen der bibelkritischen und der evangelikalen Forschung, die insbesondere in den Vereinigten Staaten seit langer Zeit in der Luft liegt. Childs geht nun davon aus, dass „das Material weitergegeben wurde durch seine verschiedenen mündlichen, literarischen und redaktionellen Stufen von vielen verschiedenen Gruppen bis zu einem theologischen Ziel. Weil die Traditionen als glaubensmäßig autoritativ empfangen wurden, wurden sie so weitergegeben, dass sie eine normative Funktion für nachfolgende Generationen von Gläubigen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft erhalten konnten. Dieser Prozess, das Material theologisch wiederzugeben, beinhaltete unzählige verschiedene Techniken des Zusammenstellens, durch welche die Tradition realisiert wurde.“2

So wird nun endgültig klar, dass Childs keinesfalls die historisch-kritische Arbeitsweise aufgegeben hat. Sie ist ihm wichtig, mehr noch, er meint, dass man ohne sie die Bibel gar nicht erst verstehen könne. Was bei Childs neu ins Zentrum rückt, ist das Element der gläubigen Versammlung, welche dem Kanon seine Autorität verleiht. Er kennt keine dem Kanon innewohnende Autorisierung, sondern einzig die Tatsache, dass der Kanon von der glaubenden Gemeinde – wie auch immer – zusammengestellt, redigiert, verändert und neu zusammengestellt wurde, kann dem Kanon als solchem eine externe Autorität geben. Es muss also gefragt werden, wie ein Text in der Bibel entstanden ist, warum er wie redigiert und wie er rezipiert (in anderen Stellen wiedergegeben, gedeutet oder ausgeführt) wird. Die Frage, was ein Text bedeutet, tritt in den Hintergrund, während man viel Wert auf den Vorgang der Entstehung eines Textes bis zu seiner Form im heutigen Kanon gelegt wird.

Wichtige Vertreter des Konzepts

An erster Stelle muss hier natürlich B. S. Childs genannt werden. Er hat dieses Konzept entwickelt und bekannt gemacht. Nach ihm haben es zahlreiche andere Theologen aufgenommen und auf je ihre Art und Weise weiter entwickelt. Im deutschsprachigen Raum ist vor allem Rolf Rendtorff bekannt geworden. Er nennt seine Theologie des Alten Testaments im Untertitel „Ein kanonischer Entwurf“. In der Tat hat er einen Entwurf einer Theologie des Alten Testaments hinterlassen, den man als solchen so bezeichnen kann. Zu seiner Methodologie beschreibt Rendtorff sein Anliegen wie folgt:

Die erste und primäre Aufgabe einer theologisch motivierten Exegese ist die Auslegung des vorliegenden Textes. Diese Veränderung der Fragestellung impliziert eine grundlegende Veränderung des Auslegungsinteresses. Die vorherrschende literarkritische Betrachtungsweise ist per definitionem an den Vorstadien des jetzigen Textes und damit zugleich an seiner Entstehungsgeschichte interessiert. Sie ist darin „historisch-kritisch“, dass sie nach der Geschichte fragt, die zur Entstehung des jetzigen Textes geführt hat und sich in den verschiedenen Stadien der Textentstehung widerspiegelt. […] Die Umkehrung der Fragestellung, die mir notwendig erscheint, geht davon aus, dass jeder biblische Text in der Gestalt, in der er uns vorliegt, seine eigene Aussage zu machen hat. […] Das bedeutet nicht, wie gesagt, die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese zu verwerfen. Es geht vielmehr um ihre Zuordnung und ihren Stellen-wert im Rahmen einer Theologie des Alten Testaments. Hierbei spielt u.a. die Frage der Datierung der Texte und der daraus gezogenen Folgerungen eine wichtige Rolle. Deshalb ist es in diesem Zusam-menhang nicht unwichtig, den hypothetischen Charakter und die damit verbundene Unsicherheit und Wandelbarkeit vieler Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese zu bedenken.“3

Vorteile des Konzepts

Hans Hübner zeigt in den Prolegomena zu seiner Biblischen Theologie des Neuen Testaments auf, dass Childs – obgleich er hierin nicht mit Childs mitgehen kann – mit diesem Ansatz die Möglichkeit hat, „ein Maximum an Kontinuität vom Alten Testament zu Neuen hin herauszustellen.“4 Er fährt fort:

Entscheidend ist die ekklesiologische Dimension: Gottes Bundesbeziehung zu Israel ist im Neuen Testament bestätigt („confirmed“). […] Vielleicht ist dies die wichtigste Antwort Child’s [sic!] auf die von ihm selbst gestellte Frage, wie das Neue Testament im Lichte des Alten zu interpretieren sei. Auf die in die entgegengesetzte Richtung zielende Frage, wie das Alte Testament im Lichte des Neuen zu interpretieren sei, gibt er vor allem die Antwort: ‚There is no body of Old Testament teaching that stands by itself and is untouched by the revelation of the Son.’“5

So lässt sich durchaus eine Biblische Theologie aufbauen, die versucht, die Kontinuität der Testamente zu betonen. Inwieweit dies aber erstens tatsächlich gelingt und zweitens ob diese Vorgehensweise dem Inhalt der Bibel gerecht wird, soll an dieser Stelle bezweifelt werden.

Nachteile des Konzepts

Auf der einen Seite ist zunächst einmal zu bezweifeln, ob die hier übliche historisch-kritische Vorgehensweise in der Exegese dem entspricht, was die Heilige Schrift sein möchte. Nämlich genau das: Heilige Schrift. Auch ist der Versuch, historisch-kritische Bibelwissenschaft mit dem Selbstverständnis der Bibel zu versöhnen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ebenso stellt sich die Frage, inwieweit das Ausblenden der geschichtlichen Dimension zu einer objektiven Findung von Antworten der Biblischen Theologie zu führen vermag.

Fazit

Das kanonische Konzept war ein Versuch der Biblischen Theologie, über die Gegensätze der bibeltreuen und der historisch-kritischen Exegese hinauszukommen. Letztlich muss dieser Versuch als gescheitert betrachtet werden, da sich die Vertreter zu Verfechtern der historisch-kritischen Methoden machen. Er wird zu einem trojanischen Pferd, das unter dem Deckmantel des gesamten biblischen Kanons versucht, Bibelkritik in die evangelikale Bewegung einzuführen. Deshalb ist dieses Konzept nicht weiter zu empfehlen – so interessant es auch auf den ersten Blick aussieht. Es gibt – gerade im englischsprachigen Raum – eine Reihe deutlich besserer Ansätze, die heilsgeschichtlich, thematisch, systematisch und literarisch arbeiten.

Fußnoten:

1Reventlow, Henning Graf, Hauptprobleme der Biblischen Theologie im 20. Jahrhundert, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1. Aufl. 1983, S. VII

2Childs, Brevard S., Biblical Theology of the Old and New Testament, Fortress Publication Augsburg, 1993, S. 70, Übersetzung: JE

3Rendtorff, Rolf, Theologie des Alten Testaments – ein kanonischer Entwurf, 2 Bde., Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn, 1999, Bd. 2, S. 283f

4Hübner, Hans, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1: Prolegomena, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1. Aufl. 1990, S. 72

5Ebd.

Zitat der Woche: Karl Barth über das Wunder der Weihnacht

Ich bin ja höchst selten mit Karl Barth einig. Hier – trotz so mancher alter Bärthe darin – mal ein insgesamt schöner Auszug aus seiner Kirchlichen Dogmatik zum Wunder der Weihnacht.

‚Fleischwerdung des Wortes‘ besagt: Gegenwart Gottes in unserer Welt und als ein Glied dieser Welt, als Mensch unter Menschen und darin und damit Gottes Offenbarung an uns, unsere Versöhnung mit ihm. Dass solche Offenbarung und Versöhnung geschehen ist, das ist der Inhalt der Weihnachtsbotschaft. Aber dass Gott und Welt, Gott und der Mensch, in der Person Jesus Christus zusammenkommen – und nicht nur zusammenkommen, sondern eins werden, das wird man gerade in Erkenntnis dieser Wirklichkeit, als Hörer der Weihnachtsbotschaft als unbegreiflich bezeichnen müssen. Weder ist uns diese Wirklichkeit auch anderwärts gegeben und zugänglich, noch lässt sie sich auf Grund allgemeiner Überlegungen als wahr verstehen. Unsere Erfahrung sowohl wie unser Denken werden vielmehr immer wieder von der Weltferne Gottes und von der Gottesferne der Welt, von Gottes Majestät und von des Menschen Elend reden. Reden wir in der Erkenntnis der Fleischwerdung des Wortes, in Erkenntnis der Person Jesus Christus nun doch von etwas anderem, gibt es das wirklich für uns, was der Gegenstand der Christologie ist: ‚wahrer Gott und wahrer Mensch‘, dann können wir an unserer Erfahrung und an unserem Denken nur noch eben dies verstehen: dass sie hier von einem schlechthinnigen Außerhalb oder Oberhalb her begrenzt, bestimmt, beherrscht wird. Erkenntnis heißt dann An-Erkenntnis. Und Rede, Aussprache dieser Erkenntnis heißt dann: Be-kenntnis. Nur anerkennend, nur bekennend, können wir sagen: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. In Anerkenntnis und Bekenntnis der Unbegreiflichkeit dieser Wirklichkeit bezeichnen wir sie als Tat Gottes selber, Gottes ganz allein.“ (Barth, Karl, Kirchliche Dogmatik, Studienausgabe Bd. 3, §15, 3. Das Wunder der Weihnacht, S. 188f.)

Buchtipp: Leere Herzen

Zeh, Juli, Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Luchterhand-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Eine kurze Geschichte, noch nicht einmal 350 Seiten lang, und doch finden sich darin alle notwendigen Elemente für einen erfolgreichen Roman: Gut durchdachte und konstruierte Persönlichkeiten, eine zumeist stringente Handlung, eine sich stetig steigernde Spannungskurve und eine ganze Reihe von Fragen, die sich unsere Zeit stellen muss. Ich habe den Roman von Juli Zeh insgesamt genießen können, wenngleich am Schluss noch manche Frage offen bleibt.

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft Deutschlands. Inzwischen regiert die BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Keiner kennt mehr die Wahrheit; und die wenigsten sind an dieser interessiert; nicht zuletzt deshalb, weil die Menschen einfache Antworten wollen und ihnen die Realität zu komplex geworden ist. Die BBB gibt einfache Antworten und spaltet damit die Gesellschaft: Entweder man ist Anhänger oder Gegner der BBB.

Britta, die Hauptperson, und Babak, ihr Geschäftspartner, haben in dieser Zeit eine Nische gefunden, an die man kaum zu denken wagt: Die Professionalisierung von Selbstmord-Attentaten. Möglichst wenig Tote, möglichst große Sichtbarkeit. Und eine gute Quote von Aussteigern aus ihrem aufwändigen psychologischen Programm zur Prüfung der Anwärter. Babak hat eine Software erstellt, welche mithilfe von Algorithmen eine Auswahl trifft, wer zu den möglichen Teilnehmern ihres Programms gehören könnte. Viele potentielle Selbstmörder finden in diesem professionellen Programm heraus, dass sie eigentlich gar nicht willens sind, zu sterben.

Doch plötzlich gibt es Konkurrenz. Ein gescheitertes Attentat, welches nicht von der „Brücke“ aus vermittelt wurde. Alles ergibt keinen Sinn in diesem Fall. Der Algorithmus bescheinigt den beiden Tätern viel zu wenig Selbstmordwillen. Und wenige Tage später erhängt sich dennoch der überlebende der beiden „Attentäter“ in seiner Zelle. Nun überschlagen sich die Ereignisse, bis sich am Ende herausstellt, wer für das stümperhafte Attentat und die Konkurrenz verantwortlich ist, nämlich… [nein, so viel werde ich nun doch nicht verraten; so viel Spannung darf erhalten bleiben].

Die Autorin trifft den Nerv unserer Zeit sehr schön: Ein ähnliches Szenario um die BBB ist durchaus denkbar, wenn die etablierten Volksparteien weiterhin so weit entfernt von der Basis agieren und sich im Elfenbeinturm bewegen, während die Demokratie durch die selbstverstärkende Wirkung der sozialen Medien, Fake-News und verblödende TV-Shows weiter bröckelt und auch die Generationenkonflikte weiter zunehmen, was absehbar ist. Etwas mehr Phantasie hätte ich mir bei der Beschreibung der Technologie der Zukunft gewünscht; unter der Annahme, dass sich der bisherige Fortschritt auch in Zukunft vergleichbar schnell entwickelt, dürfte bis in den 2020er-Jahren noch einiges mehr erfunden sein als die „Glotzis“, das Spielzeug von Zehs Zeit, und verbesserte Algorithmen. Vermutlich hätte Zeh gut daran getan, sich noch ein wenig mehr in die Zukunftsforschung zu vertiefen und dabei ihrer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen.

Die Persönlichkeiten von Britta und Babak werden Stück für Stück enthüllt, wobei dem Schluss dabei eine wichtige Rolle zukommt, worauf ich noch zurückkommen werde. Das Buch wird gerade durch diese langsamen Enthüllungen der Charaktere immer wieder neu mit Spannung geladen. Immer wieder fragt sich der Leser: Oh, bisher habe ich mir Britta ganz anders vorgestellt! Und doch sind diese Enthüllungen in sich stimmig. Sie enthalten im Verlauf des Buches keine großen Brüche oder Widersprüche, aber neue Facetten zeigen immer wieder auf, dass man sich im ersten Moment täuschen kann. Bei Babak ist der Charakter von Anfang an stärker festgelegt, weshalb er im gesamten Buch auch eher in den Hintergrund rückt. Interessant ist hingegen Julietta, sie ist der vermittelnde Charakter, wenn Britta und Babak sich uneinig sind, dann lässt sie deren Zorn auf sich selbst fallen und führt die beiden – oft ungewollt – wieder zur Einigkeit.

Enttäuschend hingegen fand ich den Schluss. Hier kommt es zum totalen Bruch in der Geschichte. Babak bringt auf den Punkt, was auch der Leser in dem Moment über Britta denkt: „Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, warum du das getan hast.“ (S. 348) Entweder hat Britta die ganze Zeit nur ein übles Spiel gespielt und ist in Wirklichkeit die BBB-nahe Terroristin, oder sie ist dermaßen gleichgültig geworden, was wiederum ihrem gesamten Charakter widersprechen würde. Dieser Schluss lässt alles offen – und möglicherweise ist das von Zeh so geplant. Ich habe bisher noch keine anderen Romane der Autorin gelesen, um diese Frage etwas gewisser beantworten zu können (immerhin spiegelt jeder Roman die Weltanschauung ihres Autors in gewissen Punkten wider). Im ersten Moment würde ich dann die Botschaft von „Leere Herzen“ so verstehen, dass alles sinnlos ist und man einfach mit dem Mainstream mitgehen soll, weil ja alle Moral relativ ist. Doch irgendwie ist mir die Autorin noch zu sympathisch, als dass ich ihr diese Sichtweise unterstellen wollte. Vielleicht ergibt sich mit dem Roman „Unterleuten“, den ich demnächst auch noch lesen werde, ein etwas stimmigeres Bild.

Leere Herzen ist ein spannender Roman, der in der baldigen Zukunft Deutschlands spielt, und vieles ist sehr realistisch gezeichnet. Der Schluss und die sich daraus ergebende Gesamtbotschaft des Romans haben mich jedoch enttäuscht, weshalb ich dem Buch vier von möglichen fünf Sterne vergebe.