Buchtipp: Schlafende Schönheiten

King, Stephen, King, Owen, Sleeping Beauties, Heyne-Verlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Heyne-Verlag für das zugesandte Rezensionsexemplar!

Wer oder was ist Evie? Was passiert in einer Welt, in welcher nur noch Männer wach sind? Wie würde es den Frauen ergehen, wenn sie an einem neuen Ort eine neue Existenz unter sich aufbauen könnten? Lauter spannende Fragen, die Vater und Sohn King gemeinsam aufwerfen und in ihrem Roman nach Antworten suchen.

Vor 20 Jahren bin ich nach einer ganzen Reihe von Fantasy-Bänden von Wolfgang Hohlbein irgendwann beim ersten Buch von Stephen King gelandet. Wenn ich mich richtig erinnere, war es ES, das Buch, welches inzwischen erneut verfilmt und vor Kurzem in die Kinos gekommen ist. Darauf folgten einige weitere von King, dessen Bücher mich über die Jahre hinweg immer wieder begleitet haben. So war ich gespannt auf das Neuste von ihm und begann gleich zu lesen, als das Paket kam.


Die Geschichte spielt in Dooling, einer von den Kings für diesen Roman erfundenen Stadt in den Appalachen, ein kleines Städtchen mit einem Frauengefängnis, das eine wichtige Rolle spielt. Im ersten Kapitel werden ein paar für beschauliche Städtchen typische Szenen geschildert. Eine Unterhaltung im Frauengefängnis, die Gedanken eines frisch ausgebildeten Psychiaters zu seinem ersten Patienten, das Gespräch dieses Psychiaters mit seiner Frau, die zufällig auch noch Sheriff des Städtchens ist.

Plötzlich geschieht etwas Unerwartetes: Weltweit tritt eine Schlafkrankheit, Aurora genannt, auf. Sie befällt nur Frauen, und zwar ausnahmslos alle, die ab dem bestimmten Tag einschlafen oder bereits in diesen Tag hinein schlafen. Bei all diesen schlafenden Frauen wächst ein Kokon, ein spinnwebenartiges, immer dichter werdendes Netz aus den Körperöffnungen des Kopfes heraus, der mit der Zeit den ganzen Körper umschließt. Ein Wettrennen mit der Zeit beginnt. Viele Frauen versuchen mit allen Mitteln wach zu bleiben. Sie nehmen Drogen, Medikamente, Kaffee oder laufen ständig im Kreis, bis sie halbwegs vor Müdigkeit den Verstand verlieren.

All dies geschieht weltweit, doch eine Sensation gibt es bei den Frauen von Dooling: Sie sind die einzigen, welche stellvertretend für alle anderen Frauen wieder aufwachen – aber zu einer späteren Zeit, in welcher sie alleine Dooling und die Umgebung bewohnen. Sie bekommen die Chance, das Leben ohne Männer auszuprobieren. In dieser neuen Welt, die sie Unser Ort nennen, vergeht die Zeit viel schneller. In wenigen Tagen in der normalen Welt sind am neuen Ort bereits Monate vergangen. So können sie sich in kurzer Zeit ein Bild darüber machen, wie ein solches Leben aussehen würde. Natürlich gefällt es ihnen gut.

In der normalen Welt bricht unterdessen Panik aus. Fake-News werden verbreitet, dass Aurora ansteckend sei und ganze Brenner-Brigaden zündeln an den schlafenden Frauen herum. Mittlerweile ist bekannt geworden, dass Evie Black als einzige Frau einschlafen und ganz normal wieder aufwachen kann. Da mittlerweile auch Lila Norcross, die Sheriff des Ortes, eingeschlafen ist, hat eine Gruppe von Männern den Vorsitz der Polizei übernommen und versucht, Evie aus dem Frauengefängnis zu bekommen. Clint Norcross, der Psychiater des Gefängnisses, versucht Evie zu beschützen, während die Polizisten inzwischen glauben, dass Evie getötet werden muss, um der Aurora ein Ende zu setzen. So kommt es in beiden Welten zu einem sehr unterschiedlichen Showdown: Wird Evie, deren Tod das Tor zwischen den beiden Welten verschließen würde, lange genug am Leben bleiben? In der Welt der Frauen Doolings stellt sich die Frage anders: Ist die Frauenheit bereit, sich geschlossen und demokratisch für eine Rückkehr in die normale Welt zu entscheiden?

Das Buch wirft spannende Fragen auf. Überhaupt ist das eine große Stärke von Stephen King, in seinen Romanen Fragen zu stellen und immer wieder neu zu beantworten. Doch in diesem Fall sind die Antworten mehr als dürftig. Insgesamt hat mich das Buch enttäuscht, da ich mir von King Besseres gewohnt bin. Seine Antworten auf die tiefen Fragen, die er aufwirft, werden mit einem billigen Steinzeit-Feminismus beantwortet: Am weiblichen Wesen wird die Welt genesen. Die Frauen von Dooling opfern sich buchstäblich, weil sie aus einer nahezu perfekten weiblichen Welt freiwillig wieder in die normale Welt zurückkehren, und damit retten sie diese Welt. Die Männer hingegen kennen im Roman der Kings nur Krieg, Streit, Habsucht, Machtgeilheit.

Da haben wir das alte Märchen der Feministinnen von Simone de Beauvoir bis hin zu einem inzwischen kleineren Strang der postmodern-feministischen Bewegung: Männer sind böse, oder besser gesagt: Sie sind das Böse schlechthin, und sie brauchen eine Evie, die sie dazu zwingt, mal untätig warten zu müssen und die richtige Entscheidung den Frauen zu überlassen. Wir Menschen sind als Frauen und Männer geschaffen, die einander gegenseitig ergänzen, aber erlösen können sie einander nicht. Das kann nur der stellvertretende Opfertod von Jesus Christus und Seine nach drei Tagen erfolgte Auferstehung aus den Toten. Der letztendliche Versuch der Kings, den Steinzeitfeminismus abzuschwächen, indem Evie am Schluss über die Entscheidung der Frauen, wieder zurückkehren zu wollen, weinen muss, misslingt vollständig. Es wirkt einfach nicht mehr glaubwürdig. Es handelt sich um ein derart absurdes Ende, dass damit die ganze vorige Geschichte zerstört wird. Schließlich gibt es auch keine zusätzliche Auflösung in dem Sinne, dass eigentlich etwas ganz anderes gemeint sei. Es ist einfach ein weiterer Bruch innerhalb einer sowieso schon von Brüchen durchzogenen Story, der den Leser am Ende fragend und enttäuscht zurücklässt.

Daneben gibt es aber auch weitere Fragen, die aufgeworfen und gut beantwortet werden. Etwa die Herkunft und Verbreitung von Fake-News. Die Verbreitung geschieht nämlich kaum gewollt, sondern durch Unwissenheit und Bequemlichkeit, weil man zu faul ist, um die Fakten zu prüfen. Was mir auch gut gefiel, ist die Art, wie herausgearbeitet wird, dass wir oft das Gewohnte als so normal empfinden, dass wir den Wert davon erst bemerken, wenn es uns fehlt. Doch insgesamt kommt das Buch um Längen nicht an die früheren, wirklich spannenden Romane wie ES heran. Wie weit das auf die Zusammenarbeit mit seinem Sohn Owen zurückzuführen ist, kann ich nicht sagen, da ich dessen Short Stories einfach nicht kenne. Es könnte aber auch einfach daran liegen, dass King langsam die Ideen ausgehen und er deshalb längst ausgetretene Pfade vertiefen muss. Ich weiß es nicht und werde ihm auch in Zukunft weitere Chancen geben, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Die Länge fand ich jedenfalls angenehm; die über 950 Seiten der deutschen Ausgabe geben einem genügend Zeit und Gelegenheit, um in der Geschichte anzukommen und sich hineinzufinden.

Ich gebe dem Buch drei von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: Bismarck. Sturm über Europa

Engelberg, Ernst, Engelberg, Achim, Bismarck. Sturm über Europa, Pantheon-Verlag, 2017, Verlagslink / Amazon-Link

Vielen Dank an den Pantheon-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Geschichte kann so spannend sein! Gerade dann, wenn das Leben eines Autors mit dem von ihm Geschriebenen verknüpft ist. Der Großvater von Ernst Engelberg hatte die Revolution von 1848 miterlebt und in deren Zuge das adlige „von“ abgelegt. Der Vater hatte 1898 den SPD-Ortsverein von Haslach im Kinzigtal ins Leben gerufen. Engelberg selbst gehörte der KPD an, lebte während des Dritten Reichs im Exil und lehrte später in der DDR, wo er Mitglied der SED und nach dem Mauerfall der PDS war. Von der Biographie Bismarcks erschien 1985 der erste von den zwei Bänden – und zwar als eines der ganz wenigen Bücher zeitgleich im Osten und im Westen des damals noch geteilten Deutschlands. Der Sohn, Achim Engelberg, hat nach dem Tod seines Vaters dessen Archive übernommen und eine gekürzte einbändige Fassung der Biographie für die Veröffentlichung vorbereitet. Vier Generationen in einer solchen Verbundenheit, da ist das Ergebnis sehr interessant.

Engelberg beschreibt das Leben Ottos von Bismarck sehr lebendig und farbenfroh. Der Leser meint immer wieder, selbst mitten im Geschehen zu stehen, die Fragen beantworten zu müssen, denen sich der erste Reichskanzler stellen muss. Es ist in erzählerischer Sicht ein wahrer Genuss, dieses ausführliche und doch so kompakte Buch zu lesen. Engelberg erzählt von der Familie, in welche Bismarck hineingeboren wurde; es war eine Familie von Gutsbesitzern, Landjunkern und Beamten in Pommern. Nach einer Kindheit auf dem Lande besuchte er das Gymnasium in Berlin, wo er in der Stadtwohnung seiner Familie lebte. Dort war jeweils für den Winter und das Frühjahr auch „Onkel Fritz“ zu Hause, der immer wieder hochgestellte Persönlichkeiten zu Besuch hatte. Nach einem Studium und Referendariat kehrte Bismarck zurück ins Pommersche, wo er mithalf, den elterlichen Kniephof zu modernisieren. Dort machte er nun auch vermehrt die Bekanntschaft mit den Vertretern der Pommerschen Erweckungsbewegung um Adolf von Thadden-Trieglaff, der wiederum die Berliner Brüder Ludwig und Leopold von Gerlach beeinflusste, und letztlich war es Ludwig von Gerlach, der Bismarck in die Politik zu bringen vermochte.

An der Stelle muss ich Engelberg ein großes Lob aussprechen. Es ist ihm gelungen, eine Biographie zu schreiben, welche die damalige geistliche Entwicklung der Regionen Pommern und Berlin ernst nimmt. Das findet man selten – und das gerade von einem ziemlich links orientierten Historiker. Und doch schafft er es, die Ansichten der Hochkonservativen ernst zu nehmen und zu würdigen. Davon dürfte es ruhig mehr geben. Das habe ich richtig genießen können beim Lesen. Auch dass Engelberg diese so oft stiefmütterlich behandelten pietistischen Erweckungskreise wieder zur Sprache bringt, rechne ich ihm hoch an. Zuweilen gibt es aber auch leichte Spitzen seinerseits gegen manche der Sichtweisen der Pietisten, wie etwa hier: „Die Abwendung von der Aufklärung drückte sich bei den Neupietisten manchmal recht drastisch aus, so wenn Gustav von Below einmal schrieb, man müsse den ‚gewaltigen Teufel von geistiger Verstandeshoffart‘ bekämpfen.“ (S. 78)

Wie schätzte Engelberg den Glauben Bismarcks ein? Auch hierzu ein kurzes Zitat aus dem Buch: „Sein Verhältnis zu Gott ist von Anfang an eigenständig, aktiv und jeder Form passiver Gottergebenheit geradezu feind. Dem Bruder gegenüber sagte er es am 31. Januar 1847, als er über sein Verhältnis zu Johanna schrieb, am deutlichsten: ‚In Glaubenssachen gehen wir, mehr zu ihrem als zu meinem Leidwesen, etwas auseinander, wenn auch nicht so sehr als Du meinesteils glauben magst, denn mancherlei innre und äußre Ereignisse haben in letzter Zeit Veränderungen in mir hervorgebracht, durch die ich mich, was früher, wie Du weißt, nicht der Fall war, berechtigt halte, mich den Bekennern der christlichen Religion beizuzählen.’“ (S. 114) Man mag darüber nun selbst denken wie man mag, aber ich schätze an dieser Biographie die Offenheit, mit welcher sich der Autor diesen Dingen widmet.

Bismarck erlebte die Revolution von 1848, ja, er erlebte sie nicht nur, sondern beteiligte sich im Lager der Konservativen an ihr, das heißt, er wandte sich gegen das Revolutionäre an ihr und für die bisherige Machtverteilung. Schließlich war er ein Preuße von ganzem Herzen, und so setzte er sich für dieses sein altbekanntes Preußen ein. Mit den Gebrüdern von Gerlach besprach er sich des Öfteren, und machte durchaus auch mal Geschäfte hinter dem Rücken des Königs Friedrich Wilhelm IV, da auf diesen zuweilen kein Verlass war. Wie es wohl nicht anders geht, nimmt auch der Erfolg Bismarcks mit den Gesetzen zur Unfall- und Krankenversicherung der Arbeiter ein Kapitel bei Engelberg ein. Schließlich konnten so die Sozialdemokraten, aus welchen seine Familie stammt, Punkte sammeln.

Man merkt an vielen Stellen dem Autor seine politische Herkunft an, was allerdings in Ordnung ist. Schließlich lässt er auch die andere Seite zu Wort kommen. So entsteht ein rundes Ganzes, ein Buch, das man gerne liest, und eine Schilderung, die den Leser in die Zeit hinein nimmt, in welcher sie spielt. Wer sich für die Person Ottos von Bismarck interessiert, dem empfehle ich diese Biographie sehr. Mir hat auch das Nachwort gefallen, in welchem die Herkunft des Autors sowie die Entstehungsgeschichte der Biographie noch näher erläutert wird.

Ich gebe dem Buch deshalb fünf von fünf Sternen.

Zitat der Woche: Die Fortsetzung des Antimodernismus

1993, als der Postmodernismus so voll im Gange war, schrieb David F. Wells mit einer erstaunlichen Einsicht, dass dieser nichts weiter als eine Fortsetzung des früheren Antimodernismus sei:

It is certainly curious, not to say illuminating, that many of today’s expressions of post-modernism are simply continuing what were seen as the anti-modernisms of a century ago. Then, roughly between 1880 and 1920, they were the recoil against modernity, the revolt against an overcivilized world. Solace was sought in the simple life, in quaint mind cures, in the revival of the arts and crafts, in the quest for self and the search for authentic experience.“ (David F. Wells, No Place for Truth, S. 61)

Inzwischen hat sich auch der Postmodernismus selbst erledigt, und nur noch ein paar konstruktivistische Philosophen, soziologisch geschulte Gleich- und Plattmacher, sowie einige der theologischen Ausbildungsstätten werden nicht müde, diesen toten Gaul zu reiten.

Möglicherweise wird so ab 2070 oder 2080 der nächste Schub kommen. Bereits um die Jahrhundertwende ins 19. Jahrhundert gab es ähnliche Bewegungen. Was bis in 60 Jahren noch alles geschehen wird, darauf bin ich gespannt, freue mich, und bin dankbar dafür, genau in dieser interessanten Zeit leben zu dürfen.

Neun Fragen an Herrn Böcking

Foto: Christian Langbehn
Vor einer Weile habe ich das Buch „Ein bisschen Glauben gibt es nicht“ von Daniel Böcking gelesen und rezensiert. Nun habe ich Herrn Böcking neun Fragen gestellt, die nach dem Lesen des Buches noch offen geblieben sind, zum Buch, dem Glauben, seinem Beruf und mehr.
  1. Herr Böcking, Sie berichten in Ihrem Buch, dass die Suche nach einer Gemeinde zunächst von einem Church-Hopping geprägt war. Wie sieht das jetzt aus? Haben Sie da eine feste „Heimat“ gefunden?
Ich bin mir oft nicht ganz sicher, was mit der „Gemeinde“ als Heimat gemeint ist. Ich habe eine Gemeinde gefunden, zu der ich sehr gerne sonntags in den Gottesdienst gehe. Das ist das „Berlin Projekt“. Es gibt aber auch viele Sonntage, an denen ich stattdessen etwas Anderes mit meiner Familie unternehme – zum Beispiel, wenn die Kinder unbedingt schwimmen gehen wollen. Dieses „Gemeinde-Ritual“ ist mir also bis heute nicht so vertraut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich eine wundervolle Gemeinde im Sinne von „Gemeinschaft mit anderen Christen“ erleben darf, dass ich eine Heimat bei Jesus und im Glauben und im Austausch mit Christen habe. Diese „Gemeinde“ treffe ich mal im Job, mal in Einzelgesprächen, bei gemeinsamen Frühstücken oder sogar online bei Facebook. Es sind also viele unterschiedliche Christen, mit denen ich großartigen Austausch habe. Aber nicht die eine Gemeinde im klassischen Sinne.
  1. Wie würden Sie die Bedeutung der Gemeinde beschreiben? Was macht die Gemeinde so besonders oder wertvoll?
Ich glaube, dass die Gemeinschaft mit Christen ungeheuer wichtig ist. Schon allein deshalb, weil ich immer wahnsinnig viele Fragen habe. Selbstverständlich auch, weil es nicht immer schnurstracks auf dem Weg läuft, weil man Ermutigung braucht – und weil ich es ganz, ganz toll finde, wenn mich zum Beispiel jemand fragt, ob er für mich beten darf. In meinem persönlichen Fall wäre ich nie umgekehrt, hätte es nicht andere Christen gegeben, die mich begleitet haben. Wenn Sie aber danach fragen, ob es DIE EINE Gemeinde geben muss, in der ich mich zuhause fühle: So ist es mir bislang nicht ergangen.
  1. Wie wird das umgekrempelte Leben von Ihrem Umfeld (Familie, Freunde, Beruf) inzwischen gesehen? Stoßen Sie da noch auf Ablehnung? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Ich würde gerne von heroischen Gottesbekenntnissen allen Widerständen zum Trotz berichten. Aber so ist es nicht. Meine Erfahrung ist: Wir Christen halten uns manchmal für sonderbarer, als wir gesehen werden. Ich habe kaum Ablehnung erlebt. Klar, nicht jeder teilt meine Jesus-Begeisterung. Aber eben erst habe ich mit einem älteren Herrn aus Berlin telefoniert und wir sprachen zufällig über den Glauben. Ich erzählte ihm, wie gern ich bete. Und er sagte ganz gelassen: „Wissense, dat muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Spott oder sogar harte Ablehnung habe ich kaum erfahren. Im Gegenteil: sehr viel Unterstützung. Auch von Nicht-Gläubigen, die aber honorierten, dass jemand zu seinem Glauben und zu seinen Werten steht.
  1. Welche praktischen Auswirkungen hat der Glaube auf Ihre beruflichen Tätigkeiten? Gibt es da etwas, was sich geändert hat? Neue Themen? Andere Schwerpunkte? Verzicht auf bestimmte Themen?
Bevor ich öffentlich über den Glauben geschrieben habe, habe ich mir selbst diese Frage nie gestellt, da ich mich sowohl beruflich als auch persönlich als Christ rundum wohl bei BILD fühle. Ich arbeite gerne hier und weiß, wie professionell wir alle uns mit Themen auseinandersetzen und wie schwer wir uns auch oft mit Entscheidungen tun.
Mir ist bewusst, dass man unsere Arbeit kritisiert und auch kritisieren soll und kann. Schließlich sind auch wir keine Kinder von Traurigkeit. Aber bei manchen Vorwürfen mir gegenüber habe ich das Gefühl, dass jemand BILD einfach persönlich ablehnt – was sein gutes Recht ist – und das mit Glaubensargumenten vermischt. Ich habe viele Diskussionen darüber geführt. Am Ende ist stets die innere Gewissheit geblieben, dass es sehr gut und richtig für mich ist, bei BILD zu sein und dass es wunderbar ist, an einem Ort zu arbeiten, der solche Diskussionen zulässt und mir die Freiheit schenkt, auch öffentlich darüber zu sprechen. Ein Sprichwort, das ich sehr mag, sagt: „Wo Gott dich hingesät hat, da sollst du blühen.“
  1. Sie sind ja täglich mit den Online-Medien beschäftigt. Was würden Sie der jungen Generation, die jetzt damit aufwächst, mitgeben, wie ein gesunder, sinnvoller Umgang damit (auch gerade vom christlichen Standpunkt aus gesehen) aussehen könnte?
Mir gefiel stets der Ratschlag: Zeig/schreib/poste nur das, was auch deine Mutter und dein Chef oder Lehrer sehen kann. Mein Ratschlag wäre eher für die ältere Generation: Seht euch das genau an – auch digital gibt es lebendige Christengemeinschaft. Mir begegnen inzwischen immer häufiger Christen zum Beispiel auf Facebook, die ihren ganz privaten ‚Gottesdienst’ von ihrem Sofa live ins Internet übertragen. Da gucken dann mal 50, mal 100 andere zu und kommentieren. Das wirkt erstmal etwas schräg – aber mich freut es jedes Mal, weil es zeigt, wie groß die Möglichkeiten im Netz sind. Anderes Beispiel: Ich habe diverse Gemeinde-Podcasts abonniert und höre mir deren Predigten beim Joggen an. Ist doch wundervoll, wie leicht es ist, geistlich aufzutanken dank der Digitalisierung.
  1. Was wäre Ihre Empfehlung an junge Menschen, die selbst im Journalismus arbeiten wollen, welche Gewohnheiten machen einen guten Journalisten aus, und wie können diese geübt werden?
Neugier ist da natürlich eine der wichtigsten Tugenden. Ansonsten gibt es kaum noch einen klassischen Weg in den Journalismus. Früher war es: Freie Mitarbeit, Volontariat, evtl vorher noch ein Studium. Heute gibt es so viele unterschiedliche Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, dass jemand, der wunderschöne Grafiken auf Facebook postet, von uns vielleicht mit Kusshand genommen wird – auch wenn er vorher noch nie journalistisch gearbeitet hat. Das können wir ihm ja noch beibringen. Das ist eine der großen Veränderungen: ALLE Disziplinen im digitalen Journalismus kann man kaum noch beherrschen. Deswegen ist es total sinnvoll, viel auszuprobieren – und sich dann zu spezialisieren.
  1. Wo sehen Sie in Ihrem persönlichen Leben gerade Punkte, an denen Sie am Lernen sind oder neue Schritte gehen?
Ich lerne von morgens bis abends dazu. Das ist mir wichtig zu betonen: Ich weiß, dass ich ein Buch schreiben durfte und Interviews geben darf, weil die Mischung aus „Christ“ und meinem Job offenbar ganz interessant ist. Nicht, weil ich besonderes Wissen oder irgendwelche neuen Erkenntnisse hätte. Deshalb ist es mein voller Ernst, wenn ich sage, dass ich in Dauer-Lern-Schleife bin. Ich entdecke jeden Tag etwas Neues. Ich muss lernen, dass die Jesus-Begeisterung auch mal abflaut. Dass ich mich auch mal anstrengen muss, damit die Beziehung zu ihm so wach und lebendig bleibt. Aktuell frage ich mich oft, wie denn sein Masterplan für mich aussieht. Dann komm ich ins Grübeln. Neulich stolperte ich in so einem Moment wieder über einen meiner Lieblingsverse: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. So wird euch das alles zufallen.“ Das hat mich dann wieder ruhig gestimmt und mir einen Fokus gegeben.
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  1. Sie berichten von der Flüchtlingsarbeit in Berlin. Wie sieht die Lage derzeit aus? Wo gibt es noch Handlungsbedarf, falls ein Leser sich da auch noch beteiligen möchte?
Wenn jemand helfen möchte, dann sollte er sich am besten zum Beispiel an die Caritas wenden und eine ehrenamtliche Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernehmen. Da wird händeringend gesucht. Vermutlich gibt es noch viele Möglichkeiten zu helfen. Aber hier weiß ich, dass der Bedarf groß ist und den Geflüchteten wirklich etwas bringt.
  1. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, was möglichst jeder hören und lesen soll?
Ich habe eh schon viel zu lang geantwortet. Ich hoffe einfach, dass noch viele Menschen dieselbe Entdeckung machen, die ich machen durfte: Wie wundervoll, vernünftig, einladend, rettend und begeisternd der Glaube an Jesus Christus ist. Viel zu oft verbinden Menschen mit dem Glauben etwas Hartes, Unsympathisches. Ich habe ihn als genau das Gegenteil kennengelernt. Als Liebe pur.
Vielen Dank für die Antworten!

Buchtipp: Die Honigfabrik

Tautz, Jürgen, Steen, Diedrich, Die Honigfabrik, Gütersloher Verlagshaus, 2017, Amazon-Link, Verlagslink
Vielen Dank an das Gütersloher Verlagshaus für das Rezensionsexemplar des Buches. Jürgen Tautz ist seit vielen Jahren ein bekannter Forscher und Autor über die Honigbiene und die Imkerei. Spätestens seit dem Buch „Phänomen Honigbiene“ wird er von vielen Lesern geschätzt. Da mich die Biene schon seit Langem sehr interessiert, und ich zudem gerne Honig esse, war ich auf das neue Buch von ihm gespannt.
Die Gestaltung des Buches lässt das Herz eines echten Bücherfreundes höher schlagen: Ein originell gestalteter Schutzumschlag, dazu ein farblich abgestimmtes Lesebändchen, das ein Buchzeichen überflüssig macht, stabiles Papier, eine gut lesbare Schrift in einer angenehmen Größe, immer wieder Schwarz-Weiß-Grafiken im Text, und das Ganze mit einer kleinen aber feinen Sammlung von wichtigen Farbbildern am Schluss abgerundet.
Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung“, so lautet der Untertitel des Buches. Es ist ein Rundgang in mehrfacher Hinsicht: Ein Rundgang durch die Honigfabrik, ein Rundgang durch das Bienenjahr, und nicht zuletzt auch ein Rundgang durch die bisherige Forschung, die dieses spannende Lebewesen „die Biene“, aber auch den „Superorganismus Bien“, also das Bienenvolk als Ganzes, betrifft. So liest man – immer wieder sehr humorvoll und leicht lesbar – etwa vom „Rudelkuscheln in der Kiste“, „Callboys für die Königin“ oder „Zickenterror mit Todesfolge“.
Bienen lassen sich relativ leicht auf bestimmte Muster „trainieren“, d.h. sie werden hinter einem Muster mit Zuckerwasser belohnt, während sie hinter dem anderen Muster leer ausgehen. Höchst spannend ist ein Versuch, bei welchem Bienen zwischen einem Bild von Monet und einem von Picasso unterscheiden lernen mussten. Beim Austausch von Bildern durch andere derselben Maler und derselben Kunstrichtungen hat eine Mehrzahl von Bienen die Struktur hinter den Bildern schnell erkannt (vgl. S. 122f).
Bienen sind gleichzeitig zwei Arten von Organismen: Jede Biene funktioniert für sich selbst und kann selbständig eine Menge Aufgaben erledigen, und doch kann jede nur in der Gesamtheit ihres Volkes überleben. Bienen müssen einander wärmen, sobald es kälter wird. Tautz schreibt: „Bienen sind besonders kälteempfindliche Insekten. Eine einzelne Biene wird bei einer Temperatur von etwa plus 10 Grad Celsius bewegungsunfähig und stirbt bei etwa plus 4 Grad Celsius. Hängt man allerdings eine ganze Bienenkolonie in eine Kühlkammer, geht es dem Volk bis zu Temperaturen von minus 40 Grad Celsius und darunter sehr gut.“ (S. 42)
Für mich als Theologen ergeben sich daraus natürlich zwangsläufig Analogien zur Gemeinde, in welcher es zwar nicht ums „Rudelkuscheln“ wie im Bienenvolk geht, aber doch jeder Einzelne für den „Superorganismus Gemeinde“ und für die Gesundheit der Lehre jedes einzelnen anderen mitverantwortlich ist. Wo diese Verantwortlichkeit nicht gelebt wird, kommt es immer wieder zur faulbrutartigen Verbreitung von Irrlehren und anderen schweren Irrtümern, an welchen auch häufig ganze Gemeinden zugrunde gehen. Wo die Nähe zu einer gesunden, „wärmespendenden“ Gemeinde fehlt, erkaltet auch sehr schnell das gesamte Fundament des Glaubens.
Für wen eignet sich das Buch? Bei dieser Frage, so empfinde ich es zumindest, kommt eine kleine Schwäche des Buches zum Vorschein. Es ist ein Buch (frei nach F. Nietzsche) „für alle und niemand“, allerdings im umgekehrten Sinne als es Nietzsche dazumal verstanden haben wollte. Die Honigfabrik ist für jeden verständlich, doch fällt mir keine Lesergruppe ein, von der ich sagen kann: Die muss es gelesen haben, für diese ist es ein „Must-Read“. Es eignet sich für alle, die gerne mehr über die Bienen erfahren. Ein Imker wird relativ wenig wirklich Neues erfahren (für mich als interessierter Laie und Nichtimker war die Sache mit Monet und Picasso so ziemlich das Einzige, was ich tatsächlich noch nicht wusste). Es eignet sich aber für jeden Imker, der sein Wissen um den Bien gerne von einer neuen, humorvollen und auf den Punkt gebrachten Sichtweise und in verständliche Sprache gekleidete Art und Weise betrachten möchte. Es lohnt sich auch für den Imker, dieses Buch seinen Kunden weiterzuempfehlen, welche sich für den Honig und die Bienen interessieren. Und nicht zuletzt möchte ich es jedem ans Herz legen, der gerne über die wunderbare Schöpfung Gottes staunt. Wir können von den Bienen sehr viel lernen und die Autoren haben ein Werk vorgelegt, in welchem für alle Leser verständlich ein äußerst spannender Bereich dieser Schöpfung vermittelt wird. Zwei Dinge hat das Buch besonders in mir ausgelöst: Nun habe ich Tautzens Buch „Phänomen Honigbiene“ endgültig auf meine „To-Read“-Liste gesetzt, und zudem eine Vorfreude für die nächste Gelegenheit bei befreundeten Imkern mal wieder mitzuhelfen bekommen.
Ich gebe dem Buch 5 von 5 möglichen Sternen.

 

Buchtipp: C. S. Lewis für eine neue Generation

Strebel, Hanniel, C. S. Lewis für eine neue Generation, Folgen Verlag 2017, Amazon-Link
Dies ist der erste Band von Hanniel Strebels Buchserie über verschiedene Vorbilder des Glaubens des 20. Jahrhunderts. Clive Staples Lewis ist vor allem durch sein siebenbändiges Werk „Die Chroniken von Narnia“ bekannt. Lewis war eigentlich ein Literaturwissenschaftler, der Christ wurde, und versuchte, seinen starken Intellekt mit seiner Phantasie zu verknüpfen und daraus vor dem Hintergrund des biblischen Weltbildes neue Literatur zu erschaffen. Deshalb ist sein Lebenswerk auch so vielfältig, denn er fand sehr viele unterschiedliche Formen, um dies zu tun.
Hanniel Strebel stellt das Leben und Werk von C. S. Lewis sehr komprimiert vor, aber doch ausführlich genug, um alles Wichtige zu erwähnen. Zwischen den zwei biographischen Abschnitten im Buch führt Hanniel das Hauptelement von Lewis‘ Leben ein: Die Sehnsucht nach der Freude. Bereits im Kindesalter hatte Lewis ein Erlebnis, das ihn prägte: Eine unbeschreibliche Freude. Doch er merkte: Er konnte diese nicht selbst herstellen, sondern sie nur suchen; ab und zu wurde er von ihr überrascht. Später im Leben merkt Lewis, dass es eigentlich Jesus Christus war, den er suchte.
Da ich das Leben von Lewis und viele seiner Bücher bereits kannte, war für mich vor allem der letzte Abschnitt des Buches interessant: Lernfelder. Was können wir von C. S. Lewis‘ Leben für uns lernen? Was kann er uns für den Alltag mitgeben? Der wichtigste Punkt ist für Hanniel – und ich stimme ihm darin zu – dass Vernunft und Phantasie (Imagination) keine Gegensätze sind, sondern zusammen ein enorm kräftiges Werkzeug sind, das zu Gottes Ehre gebraucht werden kann, darf und soll. Ich möchte das Buch besonders für junge Menschen empfehlen, die Lewis besser kennenlernen möchten. Hanniel schafft es sehr gut, gerade diejenigen Details herauszuarbeiten, die noch nicht so weitherum bekannt sind.

Mit dem Campingbus bis Australien

Blum, Bruno, Der weiteste Weg. Mit dem Campingbus bis Australien, Delius Klasing Verlag, 2017, Amazon-Link
Bruno Blum ist mit seiner Freundin unterwegs im Campingbus. 2,5 Jahre haben sie Zeit. Ihr Ziel: Australien. Über viele spannende Erlebnisse berichtet Blum in diesem Buch, auch angereichert mit weiteren, gut recherchierten Infos. Etwa über die Entstehung der Seide und ähnliches. Immer wieder werden sie angehalten, besonders in den ehemaligen Sowjet-Staaten versuchen Polizisten ihren mageren Lohn aufzubessern, indem sie die Touristen finanziell melken. Aber auch viel Gastfreundschaft dürfen sie erleben und werden auf ihrer Reise immer wieder eingeladen, bei Einheimischen ihre Zeit zu verbringen und die verschiedenen Kulturen kennenzulernen. Schon die Motivation für das Reisen finde ich interessant: „Für mich besteht die Faszination zuallererst darin, keinen alltäglichen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt zu sein. Ungebunden und weit weg von zu Hause fühlt man sich so ungemein lebendig. Man lebt ohne Vergangenheit oder Zukunft; was zählt, ist einzig der Moment. Das Ziel liegt nicht im Ankommen, sondern im Unterwegssein, in der vorüberziehenden Landschaft mit all ihren Farben und Formen und dem Ungewissen, das hinter der nächsten Kurve wartet.“ (S. 8) Für Blum ist das Reisen zu einer „Sucht“ (ebd.) geworden. Ich würde hinzufügen: Es ist auch eine Flucht vor sich selbst; eine Flucht vor der Vergangenheit und der Zukunft, eine Flucht vor Verantwortung.
Das Buch selbst ist mit zahlreichen Bildern versehen und wirklich sehr schön geworden. Fast auf jeder Seite findet sich zumindest ein kleineres Bild, auch gibt es immer wieder doppelseitige Landschaftsaufnahmen von atemberaubender Schönheit. Geschrieben ist es sehr persönlich und spannend, aber auch recht kurz gefasst; fast könnte man sagen: Die 2,5 Jahre sind in enorm komprimierter Form zusammengestellt, aber doch insgesamt in einer stimmigen Form. Es wird nicht jedermanns Sache sein, aber wer Reiseberichte und schöne Bilder in einer hochwertigen Zusammenstellung mag, wird bei diesem Buch auf seine Kosten kommen.

Buchtipp: Francis Schaeffer für eine neue Generation

Strebel, Hanniel, Francis Schaeffer für eine neue Generation, Folgen Verlag, 2017, eBook, Link
Francis Schaeffer, der Mann, der vor bald 33 Jahren gestorben ist, der davor in den Schweizer Alpen ein Glaubenswerk aufgebaut hat, das weltweit viel Frucht gebracht hat, von dem tausende von jungen Menschen auf der Suche profitiert haben. Dieser Mann, der mir in vielen Dingen ein Vorbild ist, wird im neuen Buch von Hanniel Strebel „Francis Schaeffer für eine neue Generation“ vorgestellt. Schaeffer war ein sehr feinfühliger Mann, der mit scharfem Intellekt, einem Gespür für das Wesentliche und einer riesigen Portion Nächstenliebe den Studenten und Besuchern half, den christlichen Glauben lebensnah zu entdecken. Er wusste, was Glaubenskrisen und Zweifel sind, da er sie am eigenen Leib erfahren hatte. In seinem kurzen Buch stellt Hanniel das Leben und Wirken, aber auch die Bücher vor, die Schaeffer geschrieben hatte. Für die meisten von uns sind die Bücher der einzige Zugang zu Schaeffer; es sei denn, wir kommen mit den von ihm geprägten ehemaligen Studenten in Kontakt.

Ich finde die Idee, die hinter der Buchserie steckt, sehr wertvoll. Der Autor stellt verschiedene wichtige christliche Denker vor. Im ersten Band C. S. Lewis, in einem späteren Band soll etwa auch J. I. Packer vorgestellt werden. Es geht darum, dass dies in jeweils einem kurzen Band geschehen soll, der in einer Sitzung gelesen werden kann.
Ich bete, dass Gott uns neue Denker wie Lewis und Schaeffer schenkt, die auch der neuen Generation ins Leben sprechen können, sie verstehen und auf die Widersprüche in ihrem Denken aufmerksam machen können. In aller Geduld und Liebe, aber auch in aller nötigen Deutlichkeit. Möge unserer Generation das Buch von Hanniel zu einem solchen Segen werden und uns zu dem zurückrufen, was uns Schaeffer schon vor vielen Jahren zu sagen hatte.

Buchtipp: Und dann kam Pia

Dernelle-Fischer, Rebecca, Und dann kam Pia. Du hast uns gerade noch gefehlt! Neufeld Verlag Schwarzenfeld, 2017, Amazon-Link
Auf jesus.de (im ganz neuen Design) ist meine kurze Rezension zu einem Buch erschienen, das ich wirklich von Herzen empfehlen möchte. Es handelt sich um die Geschichte der Familie Fischer, die Pia, ein Mädchen mit einem zusätzlichen Chromosom, auch Trisomie 21 oder Down Syndrom genannt, adoptiert. Ich habe schon seit vielen Jahren ganz großen Respekt vor dieser Entscheidung der Familie Fischer, und muss nach dem Lesen des Buchs beschämt zugeben: Während andere (wie ich) noch dabei sind, sich lauthals mit Worten gegen Abtreibung einzusetzen, haben sie bereits die ersten praktischen Schritte getan, um zu helfen. In der Rezension drüben schreibe ich:
Am Ende ist Pia dann richtig adoptiert. Ganz spannend: Bei der Adoption erklären sich Adoptiveltern dazu bereit, für immer und ewig die Eltern des adoptierten Kindes zu bleiben. Diese Schilderung der Gefühle, die diesen Schritt begleiteten, haben mir auch ein paar Tränen in die Augen getrieben. Ich konnte das Buch nicht zur Seite legen – bis weit nach Mitternacht hat es mich gefesselt. Ja, Menschen mit Down-Syndrom sind unendlich wertvoll, unendlich gewollt und unendlich geliebt. Wir brauchen sie. Sie bereichern unsere Gesellschaft und sind ein Segen.“(Mehr hier)
Es ist ein Buch, das ich wirklich jedem empfehlen kann. Jedem, der ein Herz für Menschen hat. Jedem, der sich überlegt, wie man in dieser Welt einen Unterschied machen kann. Das heißt nicht, dass jeder denselben Weg gehen soll. Aber es ist ein sehr ermutigendes Beispiel, wie dies ganz praktisch geschehen kann, das uns alle zu Kreativität anspornen kann (und – so würde ich subjektiv geschätzt hinzufügen – möchte).
Auf YouTube gibt es inzwischen eine dreiminütige Kurz-Reportage über Pia und ihre Familie (englische Untertitel zuschaltbar): YouTube-Link

 

Fragen zu den Feuerschreibern und der Reformationszeit

Nachdem ich vor ein paar Tagen die Rezension zum Buch „Die Feuerschreiber“ hier im Blog veröffentlicht habe, nahm ich Kontakt mit der Autorin Claudia Schmid auf. Ihr durfte ich ein paar Fragen zu ihrem Buch, ihrer Arbeit und der Reformationszeit stellen. Nachfolgend meine Fragen mit den Antworten von Frau Schmid.
1. Hallo Frau Schmid, bitte stellen Sie sich doch einmal kurz vor: Ihren Werdegang und besonders auch wie es zu Ihrem Interesse an der Reformation gekommen ist.
Claudia Schmid: Ich habe nach einigen Jahren der Berufstätigkeit Germanistik und Betriebswirtschaftslehre studiert, mein Ehemann und ich haben eine gemeinsame erwachsene Tochter. Wir wohnen ziemlich mittig zwischen Heidelberg und Mannheim in der Nähe des Neckars. Vor beinahe zehn Jahren veröffentlichte ich meine erste Kurzgeschichte. Mittlerweile sind es über vierzig, dazu haben sich sechs Bücher gesellt.
Mein Mann und ich haben in der Nikolaikirche in Isny im Allgäu geheiratet, weil mein Mann von dort stammt. In deren Turm befindet sich ein kostbares Kleinod, nämlich die Prädikantenbibliothek. Sie ist in ihrem Original-Zustand erhalten, sogar der Teppich, der zum Schutz auf dem Tisch lag, weil die Bücher ja regelrecht „aufgeschlagen“ wurden, ist noch ein Original. Gegen Ende des dreißigjährigen Krieges gab es einen verheerenden Stadtbrand in Isny, wie durch ein Wunder blieb der Kirchturm mit dieser Bibliothek erhalten. Während meines allerersten Besuchs in der Prädikantenbibliothek, als ich in diesem ganz besonderen Raum mit diesen kostbaren Bücherschätzen stand, fing ich Feuer für das Zeitalter der Reformation.
Denn in Isny gründete einer der Männer, der bei Luthers Heidelberger Disputation im April 1518 anwesend war, die erste hebräische Druckerei im deutschen Sprachraum, auch Bücher aus dieser Druckerei befinden sich in der Prädikantenbibliothek. Er arbeitete gemeinsam mit dem jüdischen Gelehrten Elias Levitha, der dazu, wie damals üblich, zu Fuß anreiste. Von Venedig über die Alpen, und das, obwohl er bereits siebzig Jahre alt war. Der Reformator war Paul Fagius, geboren in Rheinzabern. Das liegt in der Nähe unseres Wohnortes, und so kam es, dass ich anfing, mich mit der Reformation zu beschäftigen. Zuerst habe ich mich dem Thema mit historischen Kurzgeschichten angenähert, dann habe ich vor einigen Jahren den Roman „Die brennenden Lettern“, quasi eine Romanbiographie des Paul Fagius, geschrieben. Daraufhin entstand bei mir der Wunsch, nochmals einen Reformationsroman zu schreiben, bei dem ich so richtig tief in die Materie eintauchen konnte. Ich gestehe, dass ich es liebe, ausdauernd und umfassend zu recherchieren und mich mit Empathie in meine Figuren einzufühlen. Mit der Arbeit an dem Roman „Die Feuerschreiber“ ist dieser Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Dafür bin ich dem Verlag Fontis sehr dankbar.
2. Was ist Ihnen bei Ihrer Beschäftigung mit der Reformationszeit wichtig geworden? Gibt es Dinge, die Sie ganz neu erkannt haben?
Claudia Schmid: Philipp Melanchthon setzte sich unermüdlich für die Bildung aller ein, etliche Schulgründungen entsprangen seiner Initiative. Für ihn war Bildung unerlässlich. Alle Reformatoren, auf die ich während meiner Recherche aufmerksam wurde, waren fürsorgliche Familienväter, die viel Kraft aus der Liebe zu ihren Familien schöpften. Und, was ein wesentlicher Punkt ist, sie hatten keine Angst vor falschen Autoritäten.
Geschichte ist immer auch eine Geschichte der Macht, von Beherrschung, Bedrohung und von der Gier nach Reichtum. Ich gewann den Eindruck, dass es den Reformatoren nicht um Macht und um eigene Vorteile ging. Sie wollten eine Erneuerung der Kirche zum Wohle aller Menschen, die Gemeinschaft sollte davon profitieren. Es waren mutige Menschen, von denen etliche sogar ihr Leben riskierten und auch ließen, weil sie etwas Höheres als sich selbst gesehen haben, sich dabei aber nicht über die anderen stellten.
3. Was können heutige Kirchen und Freikirchen ganz konkret von der Reformationszeit lernen?
Claudia Schmid: Mein historischer Roman bietet einen Einstieg in die Thematik der Reformation. Weiterreichendes können Interessierte im Selbststudium und im Rahmen ihrer Gewissensbildung für sich selbst erarbeiten und selbst Rückschlüsse daraus auf unser Leben heute übertragen.
4. Sie hatten für Ihre Recherche die Gelegenheit, eine ganze Menge Literatur zu Luther, Melanchthon und auch zur Reformation insgesamt zu wälzen – wohl mehr als ich im ganzen Leben werde lesen können. Mal angenommen, es gibt Blogleser, die durch Ihr Buch ein großes Interesse an der Reformation und den Protagonisten gewonnen haben. Welche (für Laien einfach verständliche) Literatur würden Sie empfehlen, um fortzufahren?
Claudia Schmid: Ich habe wirklich sehr viel gelesen! Über die Fernleihe der hiesigen Universitätsbibliothek habe ich unzählige Bücher bestellt und ich war in Archiven, um dort vor Ort in der vorhandenen Literatur zu lesen. Es ging für mich als Romanautorin zusätzlich zu theologischen Aspekten auch darum, herauszufinden, wie die Menschen damals lebten, wie haben sie sich ernährt, wovor hatten sie Angst, was hat sie beschäftigt, wie war die politische und soziale Lage. Was hat sie angetrieben, was wollten sie verändern und erreichen?
Mein absoluter Favorit ist über all die Jahre, in denen ich mich mit dem Thema Reformation beschäftige, das 1000seitige Buch von Diarmaid MacCulloch, „Die Reformation 1490 – 1700“ geblieben. Es hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal. Ich liste es mit einigen weiteren Titeln in der Literaturliste meines Romans „Die Feuerschreiber“ auf.
5. Gibt es für Sie persönlich Fragen, die noch offen geblieben sind? Über welche Themen und Fragen würden Sie gern mit den Reformatoren sprechen, wenn das möglich wäre?
Claudia Schmid: Das ist eine sehr interessante Frage! Ehrlich gesagt, habe ich sie mir noch nie gestellt. Für mich als Schriftstellerin wirft sie eine Reihe von weiteren Fragen auf, etwa: In welcher Form wäre ich den Reformatoren begegnet? Welcher sozialen Schicht hätte ich angehört? Würde es mir gelingen, von meinem Hier und Jetzt zu abstrahieren und mich im Kontext der damaligen Zeit zu bewegen und zu denken? Das ist sehr spannend. Ich denke, ich wäre gerne bei einer Arbeitssitzung dabei gewesen, als die Gelehrten im Schwarzen Kloster gemeinsam an der Übersetzung des Alten Testaments arbeiteten. Aber als stille Beobachterin. Und sobald die Zeitmaschine mich wieder ins Heute befördert hätte, hätte ich sofort ALLES aufgeschrieben.
6. Gibt es schon weitere Projekte, an denen Sie arbeiten, und von denen Sie ein wenig erzählen können?
Claudia Schmid: Die gibt es. Aber ich gehöre zu den Kreativen, die ihren eigenen „workflow“ ausbremsen, sobald sie darüber reden. Soviel: Das Zeitalter der Reformation bleibt meine bevorzugte Epoche für historische Texte.
7. Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der mit dem Gedanken spielt, selbst einen historischen Roman zu schreiben?
Claudia Schmid: Für ein Thema bedingungslos brennen! Lesen, lesen, lesen! Alles, aber auch wirklich alles, was damit zu tun hat und was man bekommen kann. Die ganz alten Bücher darf man ja nicht ausleihen oder sie sind in einer Form verfasst, die für uns heute schwer lesbar ist, beispielsweise in einer Schriftart, die nicht mehr gebräuchlich ist. Da ist es dann zu empfehlen, zu recherchieren, ob dieses Buch in einer neuen Herausgabe erhältlich ist. Unbedingt an die Orte reisen und verweilen, an denen der Roman handelt! Versuchen, einzutauchen in die damalige Zeit und vom Heute abstrahieren, sich selbst zurücknehmen. Und dann, wenn man sich an so einem Ort befindet und ihn mit all seinen Sinnen aufnimmt, wenn die Romanfiguren zum Leben erwachen, wenn man sie sieht und riecht und sie zu einem sprechen, dann ist es soweit, mit dem Schreiben zu beginnen.
Vielen Dank für Ihre wertvollen Antworten!
Claudia Schmid: Ich bedanke mich für die Fragen und für das Interesse an meinem Roman.