Buchtipp: Mit Rechten reden

Leo, Per, Steinbeis, Maximilian, Zorn, Daniel-Pascal, Mit Rechten reden, Klett-Cotta Verlag, 2017, 183S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar, das ich als Kindle-Datei erhalten habe.

Hier haben wir ein Buch, das ich jedem Lehrer empfehlen möchte, in seiner Schulklasse ab der Oberstufe zu lesen und gründlich zu besprechen. „Mit Rechten reden“ ist ein Buch, das sich für eine Erneuerung der Diskussionskultur einsetzt. Der Titel ist reißerisch, aber es geht grundsätzlich um viel mehr als nur um den Dialog zwischen Rechten und anderen, und darüber werde ich weiter unten noch etwas mehr ausführen.

Eins vorweg: Ich habe mit dem Buch hauptsächlich eineinhalb Probleme. Das erste Problem ist aber zugleich eine der Stärken des Buches, es macht das Buch erst zu einem Ratgeber für jede einzelne Diskussion zwischen wem auch immer. Das erste Problem ist, dass die Autoren „rechts“ nicht über Inhalte definieren, sondern über Denkweisen und vielleicht noch etwas mehr über Sprechweisen: „Nennen wir es ein Wortspiel. Im Sinne dieses Begriffs wollen wir als ‚rechts‘ nicht in erster Linie bestimmte Inhalte bezeichnen, sondern eine Praxis, eine bestimmte Art zu reden.“ (Pos. 267) Das Problem dieser Definition ist, dass sie sehr allgemein gehalten ist, und das führt zu ihrer Stärke, weil sie sich so auf jede Diskussion bezieht. Das zweite Problem ist damit eng verknüpft: Es finden sich in praktisch allen Ideologien und Gesinnungen entlang des politischen Spektrums Menschen, die so als „Rechte“ definiert werden. Das macht die Definition für den Alltag enorm unbrauchbar, hilft aber auch hier wieder sehr, die Hinweise des Buchs auf praktisch jede mögliche Situation einer Diskussion anzuwenden.

Die in der Mitte des Buches eingeflochtene Geschichte vom Theater hat mich amüsiert. Sie ist sehr treffend geschrieben, vermutlich vollständig frei erfunden, aber mit sehr vielen Punkten, die echt treffend sind. Und damit komme ich zum allerbesten Teil des Buches – die Sache mit dem Kreis. Das hat mich an einen uralten Spruch erinnert, den ich mir schon in der Kindheit eingeprägt habe: „Manche Menschen haben einen Horizont mit einem Radius von 0 und das nennen sie dann ihren Standpunkt.“ Die Sache mit dem Kreis ist echt enorm wertvoll. In vielen Diskussionen kommt man immer wieder an einen Punkt, an welchem manchen Menschen die Argumente ausgehen, und dann springen sie einfach auf einen anderen Punkt auf diesem „Kreis“. Ein Punkt auf dem Kreis steht für Behauptung und ein anderer für Zweifel, einer für Patt (Gleichstand: „Ihr denkt das, und wir was ganz anderes; jedem das Seine“) und einer für die „Kaserne“ (Monolog-Punkt, wo es nur noch um die Sinnlosigkeit dieser ganzen Debatten geht). Diese bildliche Beschreibung des Kreises ist enorm gut gelungen. Allein dieses Kapitel vom Kreis ist es schon wert, das ganze Buch zu lesen.

Ich möchte das Buch auch uns Christen im besonderen „verschreiben“ oder zumindest jedenfalls empfehlen. Hier sehe ich eine ganze Menge an Diskussion und Debatten, die genau auf diesem Kreis im Sand verlaufen. Ich sehe auch eine Menge Vogel Sträuße, die den Kopf in den Sand stecken und nur noch sehen wollen, wie dunkel es da unten ist, frei nach dem Motto: „Früher war alles besser!“ Was wir brauchen, ist eine gesunde und vernünftige Debattenkultur, die Gegenwind aushält, indem sie ihr Fundament dort festigt, wo es tatsächlich fest und zuverlässig ist. Als Christen sind wir weder „Rechte“ noch „Linke“, sondern Nachfolger Jesu Christi, die sich durch den Heiligen Geist umwandeln lassen und zulassen können, dass ihr ganzes Denken, Fühlen, Wollen, Handeln und Reden von Jesus Christus geprägt wird. Wir müssen nicht in den Strukturen dieser Welt denken, denn siehe, ER hat die Welt überwunden. Wir sind frei, das Richtige zu tun, das, was im jeweiligen Moment gerade dran ist. Und hier braucht es viel Weisheit.

Fazit: Ein sehr lesenswertes Buch, das sich für jede Art von Diskussion eignet und das wir alle noch mehr beherzigen sollen, mich inklusive. Ich gebe dem Buch fünf von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Die Rivalin

Robotham, Michael, Die Rivalin, Goldmann Verlag München, 1. Aufl. 2017, 510 S., Verlagslink, Amazon-Link

Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar dieses Buches bekommen. Herzlichen Dank dafür!

Michael Robotham ist ein bekannter Journalist und Schriftsteller aus Australien. Er hat schon mehrere Bestseller geschrieben, weshalb ich auf dieses neue Buch gespannt war. Es ist ein insgesamt gut geschriebenes Buch, das mich aber in einigen Punkten enttäuscht hat. Wer wissen möchte weshalb, darf gerne weiter lesen.

Die Rivalin ist ein Buch, welches von zwei Frauen handelt. Zwei schwangeren Frauen, die davon abgesehen wenig gemein haben. Meghan ist eine typische Vorzeigefrau, die den „American Dream“ widerspiegelt: Gut aussehend, fit, bekannte Mamabloggerin, Frau eines bekannten TV-Sportreporters, scheinbar perfektes Leben. Agatha ist eine alleinstehende, geschiedene, in prekären Verhältnissen lebende Frau, die Meghan kennt und vom Neid zerfressen wird.

Die ersten 150 Seiten passiert sehr wenig. Da habe ich mir mehrmals überlegt, das Buch vor dem Ende zu beenden und den Rest ungelesen zu lassen. Diese Erzählungen der beiden Protagonistinnen sind echt langatmig und ziehen sich wie Kaugummi. Ich habe etwa doppelt so lange für diese 150 Seiten gebraucht wie für den Rest des Buches. Um S. 150 herum wird es endlich mal spannend, Agatha raubt Meghan das neugeborene Kind. Und nun wird es vollends unrealistisch, wenngleich auch echt spannend. Agatha schafft es, sich aus so vielen heiklen Situationen herauszumanövrieren, dass dem Leser Hören und Sehen vergeht. Irgendwie ist man an eine Mischung aus Mr. Bean und James Bond erinnert. Was immer kommt, läuft schief, und doch hat Agatha so viel mehr Glück als Verstand, um irgendwie dann doch noch die Kurve zu kriegen. Schließlich will Robotham ihr die Chance zugestehen, mal über einen längeren Zeitraum ein Kind versorgen zu dürfen.

Die Charaktere der beiden Frauen sind klischeehaft und sehr zugespitzt gezeichnet. Meg, die erfolgreiche Supermama mit ihren „Leichen“ im Keller, ihrem Ehebruch mit dem besten Freund ihres Mannes, und Agatha, die arme, hilflose, von allen herumgeschubste Maus, die sich nur nehmen wollte, wovon sie meinte, es würde ihr zustehen. Ein bisschen vom Glück der Glücklichen. Ein wenig Hoffnung der Hoffnungsvollen. Ein Stückchen Familie. Und genau hier wird das Verbrechen relativiert. Die Kindesentführerin wird als eine arme, bemitleidenswerte Maus geschildert, die Sympathie wecken soll und die man verstehen müsse. Das ist moralischer Bankrott unserer Zeit, wenn das Verbrechen nicht mehr als solches gesehen wird, sondern als Verzweiflungstat entschuldigt wird.

Insgesamt ist der Roman aber angenehm zu lesen, der Schreibstil ist schön, und auch die Wechsel zwischen den beiden Protagonistinnen, welche beide aus ihrer Sichtweise und Person aus erzählen, haben mir gut gefallen. Insofern ist mir das Buch eigentlich sehr sympathisch. Wenn da bloß nicht dieser Inhalt wäre, auf den es eigentlich ankommen sollte. Was mir am Inhalt hingegen wieder gut gefallen hat, war der „Werdegang“ von Agatha mit ihrem sie auffressenden Neid. Hier finden wir eine wundervolle psychologische Studie über die „Wurzel der Bitterkeit“, die immerzu wächst und alles um sie herum vergiftet.

Vieles wirkt „aus den Fingern gesogen“, unecht, unrealistisch, eher gestellt und konstruiert oder verkürzt. Für Freunde der feinen, psychologischen Machtspielchen dürfte der Roman eine Freude sein, da es nicht um brachiale Gewalt oder Gänsehaut-Thriller geht. Auch das darf sein, und es ist schön, mal in eine so feinsinnige Geschichte hineingezogen zu werden. Ob der Roman damit jedoch wirklich zu überzeugen vermag, möchte ich einmal dahingestellt lassen.

Fazit: Ein schöner, feinsinniger Roman mit einem sehr zähen Anfang und einigen Inkonsistenzen und Widersprüche im Laufe der Geschichte. Der Inhalt ist ein moralischer Bankrott, weil das Verbrechen schöngeredet wird. Ich gebe dem Buch drei von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Pheromon

Wekwerth, Rainer, Thariot, Pheromon, Thienemann-Esslinger Verlag, 2018, 416S.,Kindle-Edition, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Wie könnte die Welt in 100 Jahren aussehen? Wekwerth und Thariot haben sich mutig dieser Frage gestellt. Als Ergebnis liefern sie mit „Pheromon“ einen interessanten Thriller. Alles beginnt mit Jake, der plötzlich eine Veränderung an seinem Körper feststellt. Ob das mit der Pubertät zusammenhängt? Plötzlich kann der Heuschnupfengeplagte über weite Strecken hinweg riechen. Seine Nase kann die Gefühle seiner Mitmenschen wahrnehmen. Seine Augen sehen plötzlich ohne Brille und Kontaktlinsen wieder ganz gut. Oder gar noch etwas dreidimensionaler. Und dann ist da auch noch die gutaussehende Serena, die ihn zu ihrer Party einlädt. Hundert Jahre später, anno 2118, lebt Dr. Travis Jelen, der als Arzt gerade für die Obdachlosen und Armen seiner Zeit arbeitet. Eines Tages begegnet er Lee, einer jungen schwangeren Frau, die er untersucht. Seine Geräte zeigen plötzlich eine Fehlermeldung: Keine menschliche DNA. In beiden Zeiten führt die Spur zu der 2015 gegründeten Firma „Human Future Project“, die sich als richtig imposant herausstellt und weltweit nur positiv wahrgenommen agiert. In den 100 Jahren hatte sie es geschafft, ein Wurmloch herzustellen, in welchem die Raumzeit derart gekrümmt werden kann, dass es Außerirdischen möglich wurde, die Erde im Inneren des HFP-Gebäudes zu betreten. Ist es jetzt noch möglich, die Invasion zu verhindern? Die Zeit läuft davon.

Thariot und Wekwerth haben sich einer Frage angenommen, die mich schon längere Zeit interessiert – wie entwickelt sich unsere Zeit weiter? Was kommt nun, nachdem der Postmodernismus längst kollabiert ist und sich verschlungen hat? Welche technologischen Fort- (oder teilweise auch ethischen Rück-)schritte sind noch denkbar? Sie haben manche Antworten in Romanform geliefert, was sehr interessant zu lesen war. Ich möchte mich dem Roman von zwei Seiten her nähern. Von der Erzählung her gesehen ist es eine super Arbeit, die die beiden mit ihren zwei Zeitsträngen geliefert haben. Die Geschichte ist (für mich als Fan der Thriller-Literatur) nicht unbedingt so unter die Haut gehend, dass mich das Buch nicht mehr schlafen lässt oder dass ich es nicht aus der Hand legen konnte. Es ist aber kurzweilig und für SciFi im großen Ganzen recht spannend. Die Geschichte liest sich gut abgerundet und in sich schlüssig. Einzig die Charaktere wirken etwas hölzern und unvollständig. Irgendwie konnte ich mich in keinen davon so richtig hineinversetzen, was mir üblicherweise doch schnell gelingt. Dies liegt daran, dass die Story eigentlich Stoff für ein Buch in der dreifachen Länge bietet und von jeder Person nur genau das präsentiert wird, was für den weiteren Verlauf der Geschichte zwingend zu wissen notwendig ist. Das macht die Story deshalb auch mit der Zeit etwas durchschaubar. Alles wird künstlich so kurz wie möglich gehalten. Und ja, mit gerade mal etwas über 400 Seiten ist es auch ein kurzes Buch. Vermutlich hätte man mit mehr Mut zur Länge noch mehr aus der Story herausholen können.

Ein zweiter Blick von einer anderen Seite: Wie stellen sich die Autoren die Veränderungen der nächsten 100 Jahre vor? Sie zeichnen ein Bild von einem ziemlich ohnmächtigen Überwachungsstaat. Vermutlich würde eine realistischere Vorstellung eines solchen Überwachungsapparates die Story deutlich erschweren. Aber wenn Travis im Jahre 2118 ungesehen ins Büro seiner Chefin bei HFP eindringen kann, dann muss ich also doch lachen. Immer wieder finden sich unbewachte oder unüberwachbare Flecken auf der Karte des Jahres 2118, während man davon ausgehen kann, dass zumindest die technischen Möglichkeiten dazu in spätestens der Hälfte der Zeit vorhanden sein wird. Auch sonst sind die technischen Fortschritte nicht gerade überwältigend. Als große Neuerung lässt sich der „Gleiter“ nennen, eine Art kleines Fluggerät, welches das Auto ersetzt hat. Interessant wären jedoch noch mehr Gedanken in Richtung „Mixed Reality“ und Hirn-Computer-Schnittstelle („brain-computer-interface“) gewesen, denn damit tun sich noch ganz neue Szenarien auf, die eine Vermischung von virtueller und nichtvirtueller Realität zuließen. Insgesamt gehen die Autoren davon aus, dass auch in 100 Jahren noch dieselben Probleme herrschen werden. Insgesamt hat mir der dystopische Charakter der Erzählung aber gut gefallen. Am Ende blieb mir nur noch die Frage: Ist der Titel „Pheromon“ wirklich passend? Pheromone spielen eine Rolle, ja, aber insgesamt eine relativ untergeordnete.

Fazit: Ein solider, spannender SciFi-Roman, der viele interessante Fragen auf eine unterhaltsame Weise beantwortet, aber insgesamt auch länger hätte ausfallen dürfen. Um der Kürze willen werden die Charaktere aufs Nötigste zusammengekürzt. Die Story ist aber sehr lesenswert geschrieben. Ich gebe dem Roman vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Die Entscheidung

Link, Charlotte, Die Entscheidung, Blanvalet, München, 3. Aufl., 2017, 575 S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Blanvalet-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Entscheidungen prägen unser Leben, und gerade in einer Zeit, in der man sich gar nicht gerne auf etwas festlegt, ist es wichtig, dass das betont wird. Wenn ein Roman, in dem es genau darum geht, zu einem Bestseller wird, so ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass sich immer mehr Menschen bewusst werden, wie wertvoll richtige und klare Entscheidungen sind.

Charlotte Link präsentiert in ihrem Buch „Die Entscheidung“ zwei parallele Erzählstränge, die sich mit der Zeit kreuzen. Einer spielt in Frankreich und einer in Bulgarien. Eine arme Familie in Sofia sieht als einzige Lösung, um aus ihren Schulden zu kommen, ihre Tochter mit eine Model-Agentur nach Rom zu schicken, damit das bildhübsche Mädchen dort eine Karriere aufbauen kann. In Frankreich begegnet der entscheidungsunfreudige Deutsche Simon einer jungen Frau, die auf einem fremden Grundstück gefasst wurde, aber nicht zur Polizei wollte. Sie brauchte Hilfe. Warum wollte sie nicht zur Polizei? „Ich glaube, ich habe einen Mann umgebracht!“ Sie war auf der Flucht. Simon musste sich entscheiden. Die Frau ist Nathalie, die Simon immer tiefer in eine mysteriöse Geschichte hineintreibt, die sie selbst nicht wirklich durchschaut. Jérôme, der Freund von Nathalie, hatte Selina, der Tochter einer anderen bulgarischen Familie zur Flucht verholfen, die durch den organisierten Menschenhandel nach Paris verschleppt worden war. Plötzlich sind alle auf der Flucht.

Die Autorin hat ein spannendes Werk vorgelegt, das wichtige Themen unserer Zeit behandelt. Prostitution, Menschenhandel, Armut, Schulden, Korruption, Entscheidungsfindung. Immer wieder die Frage, ob die Entscheidung richtig war. Simon bereut es bald, überhaupt jemals Nathalie geholfen zu haben. Sie bringt ihn in gefährliche Situationen. Doch mit der Zeit merkt er, dass es wichtig ist, dass er ihr helfen kann. Hinter der ganzen Geschichte steckt so viel Gewalt und Verbrechen, dass da irgendwer endlich mal aufräumen muss. Sehr schön ist es, immer wieder von Link in eine neue Falle geraten zu sein, weil jede neue Info das ganze Bild der Geschichte wieder umdreht. Man merkt, wie schnell man sich in falsche Vorstellungen verrennt und sich beeinflussen lässt. Auch wird die Spannung durch dieses Vorgehen erhöht, da man nie weiß, welche neue Wendung hinter der nächsten Buchseite wartet.

Wertvoll finde ich an „Die Entscheidung“, dass sich die Autorin an die Themen Prostitution und Menschenhandel wagt. Es ist etwas, was in unserer Zeit häufig verschwiegen wird. Prostitution ist in jedem Fall nichts anderes als eine durch Bezahlung „legalisierte“ Vergewaltigung, und Link zeigt deutlich, dass es in diesem Bereich häufig zwei zugedrückte Augen und Korruption von höchster Stelle gibt.

Was ich allerdings vermisst habe, war eine brauchbare Antwort auf die eigentlich größte Frage des Buches: Woran kann ich erkennen, ob eine Entscheidung richtig oder falsch ist? Dieser Frage geht die Autorin aus dem Weg, indem sie sie immer wieder anschneidet, die Antwort dabei jedoch offenlässt. Irgendwann ist das Buch zu Ende, und der Leser bleibt fragend zurück. Oder er wird einfach wieder auf sich selbst zurückgeworfen und sagt sich: Dann muss ich halt doch mich selbst zum Maßstab für meine Entscheidungsfindung machen. Das wäre zwar enorm unweise, doch werden vermutlich die wenigsten Leser auf eine bessere Lösung kommen. Ebenfalls gestört hat mich der Wechsel der Schriftart, sobald Nathalie in der ersten Person von ihrem Erleben erzählt. Dieser Wechsel hat mich immer wieder vom Inhalt abgelenkt – wohlgemerkt: Nicht der Wechsel der Person, was ein schönes Stilmittel ist und häufiger genutzt werden dürfte, sondern der Wechsel der Schriftart im Layout des Buches. Insofern ist dies eine Kritik nicht an der Autorin, sondern am Verlag, der sich üblicherweise um das Layout kümmert. Insgesamt habe ich mich aber auch häufig gefragt, ob die Geschichte realistisch ist. Sie ist nicht unmöglich, aber doch sehr unwahrscheinlich, fast ein wenig in James-Bond-Manier, dem auch nie etwas Ernsthaftes zustößt, egal wie schlimm er dran ist.

Fazit: Ein gutes Buch für Krimi-Freunde, die auch gerne über die großen Themen unserer Zeit nachdenken und sich gerne überraschen lassen, das jedoch auch ein paar kleinere Mängel beinhaltet und sich vor allem vor der großen Frage des Buches drückt. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen. 

Buchtipp: Unterleuten

Unterleuten von Juli Zeh

Zeh, Juli, Unterleuten, btb Verlag München, 4. Aufl. 2017, 643 Seiten, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den btb-Verlag für das Rezensioinsexemplar.

Was geschieht, wenn junge Menschen in ein kleines, langsam am Alter und Wegzug aussterbendes Dorf ziehen und dort etwas bewirken möchten? Richtig! Dann kommen die ganzen eingekellerten Leichen zum Vorschein.

Unterleuten ist ein kleines Dorf in Brandenburg. Auf den ersten Blick scheint alles idyllisch und wunderbar. Doch dann ziehen zwei Paare neu ins Dorf und wagen es, an der hübsch verpackten Oberfläche zu kratzen. In Unterleuten hat sich das Leben mit den Jahrzehnten eingespielt. Da gibt es versteckten Neid, unausgesprochene Missverständnisse, die bei jeder Gelegenheit aufbrechen, ein destruktives Machtgefälle von Abhängigkeiten und so manche persönliche Schrulle der Bewohner, die zusätzliches Streitpotenzial birgt. Und dann kommt die Energiewende mit den Plänen für Windenergie. Ein junger Mann aus Freudenstadt (man lese und staune!) kommt nach Unterleuten, um den Unterleutnern das Unternehmen schmackhaft zu machen, Windräder in ihrem Dorfgebiet aufzustellen. Der Vogelschützer startet eine Unterschriftensammlung gegen das Projekt. Es kommen ganz außergewöhnliche Allianzen zusammen – und am Ende stellt sich heraus, dass keiner wirklich etwas gegen das Projekt hat. Nur – das Projekt, das der Gegner unterstützt, muss doch boykottiert werden. Am Ende gibt es mehrere Verletzte und einen Selbstmord. Und natürlich darf auch der Automechaniker nicht fehlen, der durch einen Unfall sein Gedächtnis verloren hat, der davor aber schon einiges auf dem Kerbholz hatte.

Unterleuten ist ein sehr feinfühliges Buch. Natürlich gibt es rauhe Szenen, aber Juli Zeh versteht es sehr gut, zu kommunizieren, was sie nicht direkt schreibt. Sie beschreibt selten offene Gewalt, lässt diese aber im Kopf des Lesers entstehen. Sie spielt mit Gefühlen und Worten, die oftmals mehrdeutig und mehrschichtig sind, die den Leser ganz in ihren Bann ziehen und doch so lebensnah, dass man sich in viele Charaktere hineinfühlen und mit ihnen mitfiebern kann.

Landleben ist, wenn die Nachbarn mehr über einen wissen als man selbst. Das kommt immer wieder sehr gut zum Ausdruck. Die Autorin beschreibt den Strudel der Gedanken in verschiedenen Personen, der diese mit sich reißt und unterschwellig vollkommen falsche Vorstellungen vom Anderen schafft. Diese Gedankenstrudel erinnerten mich des Öfteren an Rodion Romanowitsch Raskolnikow in Dostojewskis „Schuld und Sühne“, wenngleich Zeh viel feinfühliger schreibt. Von der Psychologie der Charaktere gleichen sich die beiden Autoren in verschiedener Hinsicht. Da ist zum Einen eben gerade dieser Gedankenstrudel, das vereinsamte Eingeschlossensein der Personen: Rodion durch die Armut als junger Student, Kron durch seine Eigenart, sich an alles zu erinnern und jede Ungerechtigkeit rächen zu wollen. Zum Anderen aber auch durch die äußerlichen Folgen dieser Gedanken und Einsamkeit, die sich sowohl körperlich (Krankheit), als auch in Taten niederschlagen.

Auch die zahlreichen Veränderungen, die sich in den neuen Bundesländern seit der Wiedervereinigung abgespielt haben, werden recht gut beschrieben. Viele Menschen sind abhängiger voneinander geworden. In Unterleuten besonders von Rudolf Gombrowski, der die meisten Arbeitsplätze geschaffen und sich auch nach Auflösung der LPGs für deren Erhaltung eingesetzt hat. Diese Abhängigkeit schafft Neid auf das wachsende Machtgefälle, das natürlich auch politische Vorteile für Gombrowski schafft. Dieser will jedoch seinerseits nur das Beste für die Menschen und versteht den Hass nicht, den manche gegen ihn hegen und der mit zunehmenden Plänen in Sachen Windkraft auch immer stärker öffentlich zu Tage tritt.

Und dann darf natürlich auch der „windige Spekulant von außen“ nicht fehlen, in Person von Konrad Meiler. Dieser hatte sich bei einer Auktion ein ziemlich wertloses Stück Land in Unterleuten zu einem horrenden Preis gekauft, wobei sich herausstellt, dass genau dieses Land ein Teil des möglichen Grunds für den Windpark ausmacht – aber zu wenig groß ist, weshalb er anderen Bewohnern noch einen Flecken Land zusätzlich abzukaufen versucht. All diese Personen werden im Roman aufeinander losgelassen, jede verfolgt ihre eigene Agenda, jeder möchte bestimmte Ziele erreichen, natürlich alles zum Besten für das Dorf, und genau dieser Mix macht den Roman sehr spannend. Immer wieder legt Zeh falsche Fährten aus, die den Leser hinters Licht führen und verwirren. Doch mit der Zeit entsteht aus diesem Puzzle ein Bild, das auf einen Orkan an Hass und Zorn hinweist. Und wieder ist der Schluss nur ironisch zu verstehen. Der Orkan bleibt aus, ein laues Lüftchen weht mit Gombrowskis selbstgesuchtem Ende den Spott der Autorin ins Bild: „Noch ein letztes Mal in die Irre geführt!“

Der Schluss irritiert. Wie auch bei „Leere Herzen“. Was ist die „Agenda“ der Autorin? Was möchte sie mit ihrem Buch erreichen? Ok, sie erreicht eines: Eine Offenheit für andere Standpunkte. Das ist ein grundsätzlich wertvolles Anliegen. Doch wieder tendiert die Gesamtschau ihres Buches in eine Richtung, die ich inzwischen als moralischen Relativismus bezeichnen möchte. Im Sinne des Sprichwortes: „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.“ Die Ironie, die zahlreichen eingebauten Finten, der irritierende Schluss zeigen eine Autorin, die sich nicht festlegen möchte. Die beiden Romane, die ich bisher von ihr gelesen habe, atmen eine Art Libertarismus im moralischen Sinn: Jeder möge nach seiner Fasson selig werden, und bitte jeden anderen in wiederum seiner Fasson belassen, denn am Ende ist es einfach wie es ist, gleich-gültig.

Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

2018: Ein neues Lesejahr

Nachdem ich 2017 mit 95 Büchern und rund 40000 Seiten deutlich mehr zum Lesen kam als ich erst dachte, wird es vermutlich 2018 etwas weniger. Ich möchte mehr selbst zum Schreiben kommen, und ich werde auch nach wie vor in der nichtvirtuellen Welt zeitlich und kräftemäßig beansprucht, was wirklich sehr gut ist.

Trotzdem bin und bleibe ich ein Vielleser. Für 2018 habe ich mir zum Ziel gesetzt, bei den älteren Büchern Shakespeares Werke zu lesen und mich so weit wie möglich mit den wichtigsten Werken von Charles Dickens befassen. Ob es von diesen beiden etwas zu bloggen gibt, werde ich spontan entscheiden. Ein anderer Schwerpunkt werden die neuen Romane sein, die schnell mal zu Bestsellern werden. Hier habe ich mir zum Ziel gesetzt, einige zu lesen und rezensieren – immer mit dem biblischen Welt- und Menschenbild im Hinterkopf.

Warum gerade Bestseller? Bestseller sagen viel über die jeweilige Zeit aus, in welcher sie zu Bestsellern werden. Bestseller sind Bücher, die besonders häufig gekauft und gelesen werden. Wenn ein Autor erst mal etabliert, das heißt bekannt, ist, so sind es die Leser, die entscheiden, ob ein Buch dem Denken seiner Zeit entspricht oder nicht.

Wer möchte, kann auch dieses Jahr mein Lesejahr auf Goodreads verfolgen. Allerdings werde ich wohl kaum täglich diese Seite updaten, aber vermutlich so 1 – 2x die Woche, was dann bedeutet, dass umso mehr gelesen wurde. Ich lese durchschnittlich 110 Seiten pro Tag, was schätzungsweise 2,5 Stunden entspricht. Das bedeutet aber tatsächlich: Es gibt Tage, da lese ich deutlich länger und andere Tage deutlich weniger. Ich würde sagen eine halbe Stunde pro Tag im Minimum, und somit etwa 30 Seiten mindestens pro Tag. Das ist für mich eine Art, wie ich mich entspannen, zurücklehnen und mich auf eine Sache konzentrieren kann. Die meiste Zeit des Tages muss ich Multitasking betreiben, deshalb ist das Monotasking des Lesens einfach so entspannend und wohltuend. Viel besser als Schlafen 😉 Aber das ist wieder ein anderes Thema.

George R. R. Martin – Der Astronom

Martin, George R. R., Wild Cards: Der Astronom, Penhaligon Verlag München, 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar vom Penhaligon-Verlag erhalten.

Es gibt Bücher, die sind zäh wie Kaugummi. Das vorliegende Buch hatte ich in wenigen Tagen gelesen, und doch hatte ich das Gefühl, es müsse sich um Wochen gehandelt haben. Irgendwie schien es kein Ende zu nehmen. Da George R. R. Martin immer wieder Bestseller schreibt, dachte ich, dass die Neu-Herausgabe eines Buches von ihm einen guten Einstieg ermöglicht. Es war mein erstes Buch, das ich von dem Autor gelesen habe. Es war mit knapp 550 Seiten nicht allzu lang, doch die Story geht über weite Strecken unter dem nervenzehrenden Eindruck zweier Hauptthemen unter: Sex und Gewalt.

Im Grunde genommen ist das Buch einfach aufgebaut. Jedes Kapitel behandelt eine Stunde zwischen 6:00 Uhr früh des einen und 6:00 Uhr früh des nächsten Tages. Es ist der Tag, an welchem ein großes Fest gefeiert wird: 40 Jahre nachdem „Jetboy“ einen größenwahnsinnigen Wissenschaftler gestoppt hatte, der ein Virus entwickelt hatte, um die gesamte Menschheit genetisch zu manipulieren – das „Wild-Card“-Virus. Dieses Virus wurde trotzdem freigesetzt und verseuchte die Menschheit. Jedes Jahr wurde zu Ehren Jetboys ein Fest gefeiert, der Wild-Card-Tag. Zum 40. Jubiläum dieses Tages musste natürlich ein besonders rauschendes Fest gefeiert werden. Doch eines der mächtigsten Asse der Welt, der „Astronom“, plant, dieses Fest zum Anlass für seine Rache zu nehmen und die Erde zu entführen und alles Leben darauf zu vernichten. Die gesamte Story handelt nun davon, ob es den übrigen Assen und Jokern gelingt, den Astronom zu stoppen, bevor er um 4:00 Uhr des Morgens nach dem Fest handeln will.

Man hätte aus dieser Story eine ganze Menge machen können. An Phantasie mangelt es George R. R. Martin bekanntlich nicht. Doch dann wirkt der ganze Band wie die „Filmverbuchung“ (das Gegenstück zu einer Buchverfilmung) eines drittklassigen Actionfilms – Bettszenen, die sich mit blutrünstigem, fetzenfliegendem Kampfgetümmel abwechseln. Dazwischen einzelne Gespräche, die zumeist noch zusammenhangslos sind und für sich gesehen wenig Sinn machen. Es ist nicht so, dass ich keine Action mag, aber bei dem Buch habe ich mich seitenweise fast nur gelangweilt. Gegen Ende des Buches gibt es noch einmal einen leichten Spannungsbogen, der sich um die Frage dreht, ob es den Assen reichen wird, Astronom rechtzeitig unschädlich zu machen, doch nach dieser Szene ist alle Spannung raus, man möchte fast den Rest überspringen. Effektüberladen – wie gesagt, es könnte eine „Filmverbuchung“ sein, die versucht, jeden Special Effect mit Worten einzufangen – und sexbesessen, als gäbe es einen Preis für die Übertreibungen in Fantasy-Romanen versucht dieser Band den Leser geradezu zu paralysieren, um die Spannung stets hochzuhalten. Das Experiment misslingt, und man wünscht dem Autor zu sagen, dass weniger manchmal auch mehr sein kann.

In einem vermag Martin jedoch zu überzeugen: Die Grundhandlung, der eigentliche – wenn auch durch die Übertreibungen überdeckte – Rahmen der Geschichte ist die Rettung oder Erlösung der Menschheit, die durch „Astronom“ gefährdet ist. Es gibt einige Szenen, in welchen der Autor die unheilvolle Macht des Neides, des Ehrgeizes, des Hasses und der Rachegelüste beschreibt. Martin beschreibt eine Welt voll Hass, die dann plötzlich damit beschäftigt ist, ohne diesen zu leben. Mit Astronom verschwindet ein Grund für den Hass. Eine weitere unrühmliche Rolle spielt ein Buch, und zwar ein Notizbuch, dessen Inhalt Beweise für illegales Verhalten einer der Personen enthalten soll. Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass der Inhalt unterwegs unwiederbringlich verloren gegangen ist. Diese Jagd nach dem Buch soll wohl als die Suche nach der Wahrheit darstellen, und diese Wahrheit habe sich plötzlich als relativ herausgestellt und müsse nicht mehr gesucht werden. Auch das klingt interessant, vermag jedoch nicht wirklich zu überzeugen.

Fazit: Ein mit Effekten, Action, Kampf und Sex dermaßen überladenes Buch, dass es nicht gerade einfach ist, dem roten Faden in den Details zu folgen. Eine eigentlich gut gemeinte Grundgeschichte, die dann schlecht ausgeführt ist. Ich war froh, als das Buch zu Ende gelesen war. Ich gebe dem Buch zwei von fünf möglichen Sternen. 

Zitat der Woche: Karl Barth über das Wunder der Weihnacht

Ich bin ja höchst selten mit Karl Barth einig. Hier – trotz so mancher alter Bärthe darin – mal ein insgesamt schöner Auszug aus seiner Kirchlichen Dogmatik zum Wunder der Weihnacht.

‚Fleischwerdung des Wortes‘ besagt: Gegenwart Gottes in unserer Welt und als ein Glied dieser Welt, als Mensch unter Menschen und darin und damit Gottes Offenbarung an uns, unsere Versöhnung mit ihm. Dass solche Offenbarung und Versöhnung geschehen ist, das ist der Inhalt der Weihnachtsbotschaft. Aber dass Gott und Welt, Gott und der Mensch, in der Person Jesus Christus zusammenkommen – und nicht nur zusammenkommen, sondern eins werden, das wird man gerade in Erkenntnis dieser Wirklichkeit, als Hörer der Weihnachtsbotschaft als unbegreiflich bezeichnen müssen. Weder ist uns diese Wirklichkeit auch anderwärts gegeben und zugänglich, noch lässt sie sich auf Grund allgemeiner Überlegungen als wahr verstehen. Unsere Erfahrung sowohl wie unser Denken werden vielmehr immer wieder von der Weltferne Gottes und von der Gottesferne der Welt, von Gottes Majestät und von des Menschen Elend reden. Reden wir in der Erkenntnis der Fleischwerdung des Wortes, in Erkenntnis der Person Jesus Christus nun doch von etwas anderem, gibt es das wirklich für uns, was der Gegenstand der Christologie ist: ‚wahrer Gott und wahrer Mensch‘, dann können wir an unserer Erfahrung und an unserem Denken nur noch eben dies verstehen: dass sie hier von einem schlechthinnigen Außerhalb oder Oberhalb her begrenzt, bestimmt, beherrscht wird. Erkenntnis heißt dann An-Erkenntnis. Und Rede, Aussprache dieser Erkenntnis heißt dann: Be-kenntnis. Nur anerkennend, nur bekennend, können wir sagen: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. In Anerkenntnis und Bekenntnis der Unbegreiflichkeit dieser Wirklichkeit bezeichnen wir sie als Tat Gottes selber, Gottes ganz allein.“ (Barth, Karl, Kirchliche Dogmatik, Studienausgabe Bd. 3, §15, 3. Das Wunder der Weihnacht, S. 188f.)

Buchtipp: Leere Herzen

Zeh, Juli, Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Luchterhand-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Eine kurze Geschichte, noch nicht einmal 350 Seiten lang, und doch finden sich darin alle notwendigen Elemente für einen erfolgreichen Roman: Gut durchdachte und konstruierte Persönlichkeiten, eine zumeist stringente Handlung, eine sich stetig steigernde Spannungskurve und eine ganze Reihe von Fragen, die sich unsere Zeit stellen muss. Ich habe den Roman von Juli Zeh insgesamt genießen können, wenngleich am Schluss noch manche Frage offen bleibt.

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft Deutschlands. Inzwischen regiert die BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Keiner kennt mehr die Wahrheit; und die wenigsten sind an dieser interessiert; nicht zuletzt deshalb, weil die Menschen einfache Antworten wollen und ihnen die Realität zu komplex geworden ist. Die BBB gibt einfache Antworten und spaltet damit die Gesellschaft: Entweder man ist Anhänger oder Gegner der BBB.

Britta, die Hauptperson, und Babak, ihr Geschäftspartner, haben in dieser Zeit eine Nische gefunden, an die man kaum zu denken wagt: Die Professionalisierung von Selbstmord-Attentaten. Möglichst wenig Tote, möglichst große Sichtbarkeit. Und eine gute Quote von Aussteigern aus ihrem aufwändigen psychologischen Programm zur Prüfung der Anwärter. Babak hat eine Software erstellt, welche mithilfe von Algorithmen eine Auswahl trifft, wer zu den möglichen Teilnehmern ihres Programms gehören könnte. Viele potentielle Selbstmörder finden in diesem professionellen Programm heraus, dass sie eigentlich gar nicht willens sind, zu sterben.

Doch plötzlich gibt es Konkurrenz. Ein gescheitertes Attentat, welches nicht von der „Brücke“ aus vermittelt wurde. Alles ergibt keinen Sinn in diesem Fall. Der Algorithmus bescheinigt den beiden Tätern viel zu wenig Selbstmordwillen. Und wenige Tage später erhängt sich dennoch der überlebende der beiden „Attentäter“ in seiner Zelle. Nun überschlagen sich die Ereignisse, bis sich am Ende herausstellt, wer für das stümperhafte Attentat und die Konkurrenz verantwortlich ist, nämlich… [nein, so viel werde ich nun doch nicht verraten; so viel Spannung darf erhalten bleiben].

Die Autorin trifft den Nerv unserer Zeit sehr schön: Ein ähnliches Szenario um die BBB ist durchaus denkbar, wenn die etablierten Volksparteien weiterhin so weit entfernt von der Basis agieren und sich im Elfenbeinturm bewegen, während die Demokratie durch die selbstverstärkende Wirkung der sozialen Medien, Fake-News und verblödende TV-Shows weiter bröckelt und auch die Generationenkonflikte weiter zunehmen, was absehbar ist. Etwas mehr Phantasie hätte ich mir bei der Beschreibung der Technologie der Zukunft gewünscht; unter der Annahme, dass sich der bisherige Fortschritt auch in Zukunft vergleichbar schnell entwickelt, dürfte bis in den 2020er-Jahren noch einiges mehr erfunden sein als die „Glotzis“, das Spielzeug von Zehs Zeit, und verbesserte Algorithmen. Vermutlich hätte Zeh gut daran getan, sich noch ein wenig mehr in die Zukunftsforschung zu vertiefen und dabei ihrer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen.

Die Persönlichkeiten von Britta und Babak werden Stück für Stück enthüllt, wobei dem Schluss dabei eine wichtige Rolle zukommt, worauf ich noch zurückkommen werde. Das Buch wird gerade durch diese langsamen Enthüllungen der Charaktere immer wieder neu mit Spannung geladen. Immer wieder fragt sich der Leser: Oh, bisher habe ich mir Britta ganz anders vorgestellt! Und doch sind diese Enthüllungen in sich stimmig. Sie enthalten im Verlauf des Buches keine großen Brüche oder Widersprüche, aber neue Facetten zeigen immer wieder auf, dass man sich im ersten Moment täuschen kann. Bei Babak ist der Charakter von Anfang an stärker festgelegt, weshalb er im gesamten Buch auch eher in den Hintergrund rückt. Interessant ist hingegen Julietta, sie ist der vermittelnde Charakter, wenn Britta und Babak sich uneinig sind, dann lässt sie deren Zorn auf sich selbst fallen und führt die beiden – oft ungewollt – wieder zur Einigkeit.

Enttäuschend hingegen fand ich den Schluss. Hier kommt es zum totalen Bruch in der Geschichte. Babak bringt auf den Punkt, was auch der Leser in dem Moment über Britta denkt: „Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, warum du das getan hast.“ (S. 348) Entweder hat Britta die ganze Zeit nur ein übles Spiel gespielt und ist in Wirklichkeit die BBB-nahe Terroristin, oder sie ist dermaßen gleichgültig geworden, was wiederum ihrem gesamten Charakter widersprechen würde. Dieser Schluss lässt alles offen – und möglicherweise ist das von Zeh so geplant. Ich habe bisher noch keine anderen Romane der Autorin gelesen, um diese Frage etwas gewisser beantworten zu können (immerhin spiegelt jeder Roman die Weltanschauung ihres Autors in gewissen Punkten wider). Im ersten Moment würde ich dann die Botschaft von „Leere Herzen“ so verstehen, dass alles sinnlos ist und man einfach mit dem Mainstream mitgehen soll, weil ja alle Moral relativ ist. Doch irgendwie ist mir die Autorin noch zu sympathisch, als dass ich ihr diese Sichtweise unterstellen wollte. Vielleicht ergibt sich mit dem Roman „Unterleuten“, den ich demnächst auch noch lesen werde, ein etwas stimmigeres Bild.

Leere Herzen ist ein spannender Roman, der in der baldigen Zukunft Deutschlands spielt, und vieles ist sehr realistisch gezeichnet. Der Schluss und die sich daraus ergebende Gesamtbotschaft des Romans haben mich jedoch enttäuscht, weshalb ich dem Buch vier von möglichen fünf Sterne vergebe.

Rückblick auf ein volles Lesejahr

Etwas über 90 Bücher habe ich 2017 gelesen, teilweise neu erschienene, daneben aber auch ein paar richtig alte Klassiker. Die meisten habe ich zum ersten Mal gelesen, einzelne aber auch insgesamt schon öfters. Hier ein paar Listen von Büchern, die mich besonders beschäftigt haben:

a. Neuerscheinungen

1. Fischer, Rebecca Dernelle, Und dann kam Pia. Link zum Buchtipp

2. Engelberg, Ernst, Bismarck. Sturm über Europa. Link zum Buchtipp

3. Kubsch, Ron, Das komponierte Ich. Link zum Buchtipp

4. Freiburghaus, Michael, Gott hört Dich. Predigtband zum Gebet. Link zum Buchtipp

5. Burdick, Alan, Warum die Zeit verfliegt. Link zum Buchtipp

b. Alte Bücher

1. Tolstoy, Leo, Krieg und Frieden.

2. Bronte, Emily, Sturmhöhe.

3. Milton, John, Paradise Lost

4. Bronte, Charlotte, Jane Eyre

5. MacDonald, George, Phantastes

c. Biographien

1. Oberman, Heiko A., Luther: Man Between God and the Devil

2. Brands, H. W., Reagan: The Life.

3. Kjetsaa, Geir, Dostojewskij

4. Isaacson, Walter, Benjamin Franklin, Gedanken zum Buch

5. Safranski, Rüdiger, Nietzsche

d. Sachbücher

1. Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode. 10 Zitate aus dem Buch

2. Safranski, Rüdiger, Romantik: Eine deutsche Affäre

3. Tautz, Jürgen, Die Honigfabrik. Link zum Buchtipp

4. Clark, Christopher, Preußen: Aufstieg und Niedergang

5. Parzany, Ulrich, Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr. Link zum Buchtipp

e. Vermischtes

1. Böcking, Daniel, Ein bisschen Glauben gibt es nicht. Link zum Buchtipp Link zum Interview

2. Schmid, Claudia, Die Feuerschreiber. Link zum Buchtipp Link zum Interview

3. Chambers, Whittaker, Witness

4. Solzhenitsyn, Alexandr I., Archipel Gulag (in drei Bänden)

5.1. Lloyd-Jones, D. Martyn, Die Predigt und der Prediger (2017 zum 12. Mal gelesen, da ich es seit 2007 jedes Jahr mindestens einmal lese)

5.2. Machen, J. Gresham, Christianity and Liberalism (2017 zum vierten Mal gelesen und wirklich enorm wertvolle Hinweise gefunden – gerade auch für unsere Zeit)

Wer die restlichen Bücher auch noch sehen will, kann auf Goodreads (Link) meine 2017 gelesenen Bücher ansehen.