Buchtipp: Die Getriebenen

Die Getriebenen von Robin Alexander

Alexander, Robin, Die Getriebenen, Siedler Verlag München, 6. Aufl. 2018, 286S., Verlagslink, Amazon-Link

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Robin Alexander ist Journalist im politischen Berlin, hat auch schon für die taz gearbeitet und ist jetzt für die Welt am Sonntag unterwegs, um direkt aus der aktuellen Politik zu berichten. In seinem Buch „Die Getriebenen“ geht er der Frage nach, inwieweit die Flüchtlingskrise 2015 die Berliner Politik verändert hat. Seine These, die er vertritt, besagt, dass neue Arten zu regieren entstanden sind, die der früheren Art und Weise entgegen stehen. Da das Buch schnell Emotionen hochkochen ließ, war ich gespannt auf den Inhalt, und eher erstaunt darüber, wie dieses Buch zu so kontroversen Diskussionen führen konnte. Habe ich die Macht der medialen Filterblasen, von denen ich schon öfter bloggte, vielleicht tatsächlich unterschätzt?

Was der Autor schreibt, lässt sich fast alles in (Online-)Zeitungsartikeln finden. Grob geschätzt 90% des gesamten Inhalts war mir auch vor dem Lesen des Buches gut bekannt. Der Rest betrifft entweder Beschreibungen von TV-Sendungen, die ich nicht gesehen hatte und politische Treffen, welche unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatten und von Alexander nun in eigenen Worten nacherzählt werden. Für Leser, welche sich die Ereignisse dieser Zeit noch einmal in Ruhe vor Augen halten wollen, ist das Buch sehr wertvoll. Ich habe mit kontroverseren Inhalten gerechnet, weshalb ich schon fast etwas enttäuscht war.

Doch warum heißt das Buch „Die Getriebenen“? Es war eine Zeit, auf welche es keine Vorbereitung gab; die Politik war zum Improvisieren verurteilt. Es gab nicht das einzig logische Handeln, sondern immer nur die Reaktion auf unvorhergesehene Umstände. Das ist an sich ja auch nichts Schlimmes – es ist eine Chance, um seine Überzeugungen zu leben. Doch insgesamt – im Hinblick auf das ganze Buch – finde ich den Titel nicht passend, sondern eher irreführend. Die ganze Situation wird dazu genutzt, um in den verschiedenen Bundesländern und auch bei der letzten Bundestagswahl Wahlkampf zu betreiben. Insofern wäre zumindest für den größeren Teil des Buches der Wahlkampf der „Getriebene“ und nicht die Politiker. Die treibenden Kräfte sind Parteien, Bundesländer und aufsteigende Politiker, welche sich profilieren wollen.

Besonders gut gefiel mir, wie Alexander die Rolle von Wolfgang Schäuble identifizierte (ab S. 135, Kp. 9). Ihn habe ich bisher eher an vielen Einzelschauplätzen wahrgenommen, und weniger als eine ganze Persönlichkeit, welche der Autor nun aus ihm machte. Es war mir natürlich immer klar, dass er nur eine Person ist, aber was ihn ausmacht, weshalb er an den einzelnen Schauplätzen wie agiert, ist mir beim Lesen dieses Kapitels erst richtig klargeworden.

Das Buch ist gut geschrieben, leicht verständliche Sprache gepaart mit einem fesselnden Schreibstil, weshalb das Buch in wenigen Stunden gelesen werden kann. Ereignisse und Verknüpfungen der verschiedenen Beteiligten werden analysiert und gut präsentiert. Wer die Ereignisse ein wenig in den Tageszeitungen oder Online-Nachrichten verfolgt hat, wird sich mehr Hintergrund-Informationen wünschen, aber gerade für diejenigen, welche sich wünschen, das Ganze noch einmal in Ruhe sortieren und überdenken zu können, wird in dem Buch genau das finden, was er sucht.

Um noch einmal auf meine anfängliche These zurückzukommen, dass die Filterblase so ausgeprägt ist, erlaube ich mir einen letzten Hinweis: Das Buch ist neutral geschrieben, es wird keines der häufig anzutreffenden Gut-Böse- oder Rechts-Links-Schemen bevorzugt. Weil aber die Leserschaft (und, wie ich hinzufügen möchte, auch ein großer Teil der medialen Welt der Schreiberlinge) bereits sehr stark in vorhandene Geleise eingefahren ist, darf das dann doch nicht verwundern. Es behält im vorliegenden Buch niemand seine weiße Weste; es wird aber auch kein Bashing betrieben, was heute eher selten anzutreffen ist.

Fazit:

Ein gut recherchiertes Buch, das viele Ereignisse und Verknüpfungen von Personen und Ereignissen in der deutschen Flüchtlingspolitik aufzeigt und erklärt. Es ist verständlich geschrieben und spannend aufbereitet. Der Titel ist allerdings unpassend und reißerisch gewählt; außerdem würde sich der Leser noch mehr Einblick in die Ereignisse wünschen, die sich tatsächlich hinter den Kulissen abgespielt haben und bisher noch nicht öffentlich zugänglich waren. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: Forderung

Forderung von John Grisham

Grisham, John, Forderung, Wilhelm Heyne Verlag München, 2018, 431S., Verlagslink, Amazon-Link

Vier junge Menschen haben sich optimistisch ins Jura-Studium gestürzt, um die Welt ein wenig besser hinterlassen zu können – und sehen sich nun als Opfer einer riesigen Verschwörung, als kleinste Zahnrädchen im Getriebe einer unerbittlichen Hochschulmafia. Die jungen Menschen mussten allesamt mehrere hunderttausend Dollar Schulden aufnehmen, um ihr Studium finanzieren zu können, und merken plötzlich, dass der Arbeitsmarkt viel zu klein ist, um die Unmengen an Jura-Absolventen so aufnehmen zu können, dass es ihnen möglich würde, diese Schulden abzuzahlen. Durch Recherchen finden sie heraus, dass eine ganze Reihe von diesen privaten Universitäten lediglich existiert, um eine gewisse Person reich zu machen und sich zugleich eine riesige Schar williger, da hoch verschuldeter, Juristen heranzuziehen. Als einer der Freunde aus Verzweiflung Selbstmord begeht, entwickeln sich die Dinge schneller, die drei verbliebenen Freunde beginnen, illegal als Anwälte zu arbeiten und versuchen gleichzeitig, belastendes Beweismaterial zu suchen, um die Verschwörung auffliegen zu lassen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Werden sie zuerst geschnappt, oder gelingt es ihnen rechtzeitig, das nötige Beweismaterial zu beschaffen?

Vieles erinnert an frühere Romane von John Grisham. Das Setting, der Wettlauf mit der Zeit, die Situation vor den Gerichten, und so weiter. Was allerdings auffällt, ist, dass der Roman nicht ganz so atemlos rasant aufgebaut ist, sondern Grisham sich bewusst Zeit nimmt, um die Handlung aufzubauen. In manchen seiner früheren Werken wird vieles unerwähnt gelassen und somit der Phantasie des Lesers übergeben. In „Forderung“ hingegen baut Grisham bewusst und mit großer Genauigkeit den Spannungsbogen auf. Was manche Leser deshalb langweilig fanden, hat mich hingegen überzeugt. Einziger Nachteil dabei ist, dass dadurch vieles vorhersehbar wird. Dies könnte man auch dadurch umgehen, indem der Leser zunächst auf mehrere falscher Fährten gesetzt wird und merkt, dass er sich nicht auf das Offensichtliche verlassen kann. Die „Forderung“ ist ziemlich simpel und linear aufgebaut, was dem Ganzen etwas an Spannung raubt. Ein wenig ist der Leser auch an die Kinderdetektive erinnert, die etwa bei Enid Blyton oder Thomas Brezina auftauchen. Vier Halbstarke entdecken, dass sie mitten in einen Kriminalfall hinein geraten sind, und versuchen, diesen Fall aufzuklären.

Hauptthemen des Buches sind die Habgier und die verschlungenen Wege des heutigen Finanzdschungels, welche ein Ausleben der Erstgenannten überhaupt erst so leicht ermöglichen. Hier zeigt sich Grishams Stärke besonders schön: Er zeichnet eine Story, die er mit vielen weiteren nachdenkenswerten Details ausbaut, und versucht mit Hilfe dieser Story echte Mängel unserer Zeit aufzudecken und bloßzustellen. Die Story entwickelt sich sehr schön; anders als andere Rezensenten, die das als langweilig empfanden, hat es mir besonders gut gefallen, dass man die Zeit hat, um die Charaktere kennenzulernen und dann hat man es auch mit realistisch dargestellten Personen zu tun. In früheren Büchern des Autors, etwa in Die Firma oder Der Pate hat man es mit einer derart rasanten und unsteten Geschichte zu tun, dass man vor lauter Spannung kaum hinterher kommt. Bei „Forderung“ hingegen wird dem Leser die Zeit gelassen, die Protagonisten ausführlich kennenzulernen und sich auch – zumindest teilweise – mit ihnen zu identifizieren. Das macht das Buch sehr sympathisch. Bei allen vier Studenten bekommt der Leser im Laufe der ersten etwa 100 Seiten eine ganze Menge an Einblicken in ihr Leben, ihre Vorstellungen und Motivationen. Gordy ist da schon tot. Er hatte seine Medikamente abgesetzt, ist durchgedreht und von der Brücke gesprungen. Schon die Reaktionen der drei Freunde Zola, Mark und Todd geben viel Aufschluss über ihr Leben, und Grisham hat sie sehr realistisch gezeichnet.

Der Schluss ist – das scheint bei John Grisham häufig zu sein – sehr ambivalent. Sie haben sich auf der Flucht ins Ausland abgesetzt und beginnen dort ein neues Leben. Doch irgendwo lauert immer noch ihre Vergangenheit. Sie haben sie selbst mitgebracht, weil sie diese immer in sich rumtragen. Für ein gutes Buch fand ich den Schluss insgesamt unbefriedigend, da es sehr abrupt endet. Es muss ja kein Happy-End sein, aber ein etwas gemütlicheres Ausklingen der Story hätte ich mir dann doch gewünscht. Ein Ende, welches mir als Leser die Zeit lässt, auch ans Ende zu kommen. Deshalb fand ich das schade.

Fazit:

Ein solides Buch, wie man es sich von John Grisham gewohnt ist, eine gut aufgebaute Story, die dem Leser die Zeit lässt, um an- und mitzukommen, aber leider ein allzu abrupter, unbefriedigender Schluss, der mich enttäuscht hat. Ich gebe dem Buch vier von möglichen fünf Sternen.

Buchtipp: L’Abri von Edith Schaeffer

Schaeffer, Edith, L’Abri, Oncken Verlag Wuppertal / Kassel, 5. Aufl. 1977, 205 S., Amazon-Link

Inzwischen zum vierten Mal habe ich nun Edith Schaeffers Buch „L’Abri“ gelesen. Jedes Mal berührt es mich wieder erneut zutiefst, zu lesen, wie eine Familie aus den Staaten in die Schweizer Alpen zieht, in ein kleines, abgelegenes Dorf, und plötzlich aus der ganzen Welt junge Menschen anzieht. Was für diese Menschen so attraktiv ist, sind zwei Dinge zugleich: Da waren Menschen, die sie ernst nahmen, mit all ihren Fragen, Zweifeln, Gedanken, sie einlud, alles zu sagen und ihnen half, den christlichen Glauben zu verstehen. Und dann war dieselbe Familie da, die ganz ohne Bettelbriefe, ganz ohne Spendenaufrufe, einfach Tag für Tag das Notwendige aus Gottes Hand erbat. Und bekam. Da wurde Gottes Größe für sie plötzlich lebendig. In diesem Leben und im Lieben. Auch mit dem ganzen Verstand.

Die Familie Schaeffer hat Mission mal ganz anders gemacht. Zunächst einmal haben sie sich nicht hingesetzt und geplant. Nein, sie haben sich auf den Weg gemacht und sich von Gottes Vorsehung Schritt für Schritt führen lassen. Nicht immer ganz einfach, denn es gibt da auch Widerstände. Am ersten Ort in den Schweizer Alpen bekehren sich zu viele populäre Katholiken, da kam plötzlich ein Bescheid, dass sie die Schweiz innerhalb von sechs Wochen zu verlassen hätten. So öffnet ihnen Gott – sozusagen im letzten Moment vor der Ausweisung – eine neue Türe in einem kleinen Dorf, weit abgelegen von jeglicher Stadtnähe. Dann ist es also ein Missionswerk, das nicht „zu den Menschen“ geht, sondern die Menschen zu sich kommen lässt. Und sie sind gekommen. Im Laufe der Jahre sind tausende von jungen Menschen nach L’Abri gekommen, haben am Familienleben teilgenommen und sich in abendlichen Diskussionen mit dem biblischen Weltbild befasst. Und nicht zuletzt haben sie auch nicht auf Zahlen gesetzt. Der einzelne Mensch zählt, nicht die Masse an Menschen, die kommen. Es waren immer nur gerade so viele aufs Mal da, dass alle zu Wort kommen konnten, und gerade das war auch so wichtig. Es war ein Missionswerk für junge denkende Menschen, von denen viele schon längst mit dem christlichen Glauben abgeschlossen hatten. Wer kann denn sowas heute noch glauben? Edith und Francis Schaeffer konnten – und wussten es auch sehr anschaulich zu erklären. Außerdem war ihr ganzes Leben eine große Erklärung des Christentums.

Bei jedem erneuten Lesen dieses Buches beginne ich zu beten: Herr, schenke uns heute noch mehr L’Abris! Noch mehr Schaeffers! Und noch mehr Türen und Gelegenheiten, um der jungen Generation so klar und deutlich die wahre Wahrheit nahe zu bringen. Um es mit Francis Schaeffer zu sagen: Der einzige Grund, weshalb jemand Christ werden soll, ist der, dass das Christentum wahr ist. Ich empfehle das Buch sehr gerne weiter und gebe ihm fünf von fünf möglichen Sternen.

Wer sich noch näher für die Familie Schaeffer interessiert, findet hier (Link) ein 15-seitiges PDF, das ich zu Leben und Werk von Francis August Schaeffer geschrieben habe. In den nächsten Wochen werden noch ein paar weitere Blogposts zu Büchern von und über Schaeffers und vielleicht auch mehr folgen.

Buchtipp: Washington – A Life

Chernow, Ron, Washington´- A Life, Penguin Books London, 2010, Kindle-Ausgabe, 904S. Amazon-Link

Wenn ein Autor es schafft, seine Leser über 900 Seiten hinweg derart zu fesseln, dann muss der Inhalt direkt aus dem Leben stammen. So viel Spannung kann sich kein Romanautor ausdenken. So erging es mir bei dieser vorbildlichen Biographie Washingtons von Ron Chernow. Schon auf den ersten Seiten holt Chernow den Leser in seinem Alltag ab und entführt ihn in eine Zeit und Welt, die ihm enorm vertraut erscheint, obgleich über 200 Jahre und ein ganzer Ozean dazwischen liegen.

Ron Chernow ist kein Historiker; und vielleicht liegt gerade darin seine Stärke, die ihm hilft, so zu schreiben, dass man sich das Beschriebene leicht vorstellen kann. Sofort ist der Leser zum Zeitgenossen im Haushalt George Washingtons geworden. Er erlebt die schwere Kindheit des Jungen mit, der mit 11 Jahren seinen Vater verliert und dessen Mutter unter der Last ihrer sich dadurch ergebenden Verantwortung schier zerbricht, was sich auch in ihrer überkritischen Haltung allen gegenüber zeigt. George seinerseits konnte seine Mutter nicht wirklich lieben lernen, da sie an allem von ihm etwas auszusetzen hatte, und entwickelte eine distanzierte Beziehung zu ihr, was sich etwa in der Anrede in Briefen zeigte, wenn er sie als „Honored Madam“ (also „Geehrte Dame“) ansprach. Er selbst entwickelte eine große Sensibilität gegenüber Kritik und suchte ein Leben lang nach Anerkennung.

Washington hatte keine höhere Schulbildung, vieles muss er sich selbst beigebracht haben. Sein Leben lang hatte er sich zur Strategie gemacht, mit großer Kraft an allen seinen erkannten Schwächen zu arbeiten, bis er sie beseitigen konnte. Doch eine seiner ganz großen Stärken war es, dass er sich sehr schnell in neue Informationen und Ideen hineindenken konnte. Das gab ihm immer wieder einen Vorsprung, den er sich zunutze machen konnte. Über inhaltliche Lektionen aus Washingtons Leben, die ich beim Lesen gelernt habe, möchte ich ein anderes Mal noch etwas expliziter schreiben.

Ich habe mich gefragt, was den Schreibstil von Ron Chernow so spannend, unterhaltsam und lehrreich zugleich macht. Vermutlich sind es zwei Komponenten, die sich gegenseitig verstärken. Zum Einen ist Chernow mit der seltenen Kombination aus einem sehr klaren Verstand und einer großen Vorstellungskraft ausgestattet. Er kann aus den Abertausenden von Seiten, die Washingtons schriftliches Erbe hinterlassen hatte, das Wichtige extrahieren und so aufbereiten, dass sich der Leser des 21. Jahrhunderts dabei etwas vorstellen kann. Zum Anderen nutzt er so extensiv die verschiedensten Arten von Inhalten und verknüpft diese auf eine so passende Art, dass es gar nicht auffällt. Er zitiert Briefe, erzählt Geschichten aus Washingtons Leben, setzt Zahlenreihen in Leben um, und hat ein großes Gespür für die Sprache unserer Zeit. Gleich zu Beginn des Buches setzt er den Leser in Kenntnis, dass er um der Verständlichkeit willen manche Briefzitate an das Englisch unserer Tage angepasst hat – und das ist genau richtig so. Die Biographie ist keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern für den interessierten Laien unserer Tage geschrieben. Wer die genauen Zitate im Englisch Washingtons lesen möchte, findet immer die Quellenangabe dazu und kann es in der großen Werksausgabe selbständig nachlesen.

Die Biographie von Chernow ist keine Lobrede auf George Washington. Manchmal hat man das Gefühl, dass manche Biographien vor allem dazu dienen sollen, die großen Taten des „Helden“ in Szene zu setzen. Davon ist hier nichts zu sehen. Washington wird als Kind seiner Zeit dargestellt, und vor allem als Mensch, der sich im Laufe der Jahre – wie jeder von uns – verändert. Gerade wenn es um die Sklavenfrage geht (Washington besaß eine große Tabakplantage, die er später mit Weizen bepflanzen ließ; entsprechend hatte er auch eine stattliche Anzahl von Sklaven) oder auch um den Glauben (beides sind für mich besonders spannende Themen), ist Chernow ehrlich, beschönigt nichts und hält sich strikte an die eigenen Aussagen Washingtons. Der Autor wirbt nicht um Verständnis für seinen Protagonisten, sondern lässt ihn stehen – in all seinem Facettenreichtum und seiner Widersprüchlichkeit.

Sehr schön fand ich auch, wie Chernow beschrieb, dass Washington so ein typischer Amerikaner war, der sich selbst (oder besser gesagt: Sein „Image“ in der Öffentlichkeit) geschaffen und gepflegt hat. Und immer wieder überarbeitet und daran herumgefeilt. Das hat mich an die Benjamin-Franklin-Biographie von Walter Isaacson erinnert, in welcher es auch darum geht, dass die frühen Amerikaner Erfinder ihrer selbst waren. Auch bei Washington sind es seine eiserne Disziplin und seine Tugenden, welche ihm den nötigen Halt gaben, um sich selbst immer wieder neu zu erfinden und weiterzuentwickeln. Der erste Präsident der USA wusste bis zu seinem Tod, dass er noch unfertig war und gab sich große Mühe, sich zu verändern.

Fazit:

Ron Chernow legt hier eine meisterhaft geschriebene Biographie vor, die in verständlicher Sprache und mit großer Vorstellungskraft und klarer Treue zu den Tatsachen ein Bild der Vielseitigkeit George Washingtons zeichnet. Es ist kein Zufall, dass Chernow mit dieser Biographie den Pulitzer-Preis 2011 gewonnen hat. Er hat damit ein Beispiel gegeben, an welchem sich künftige Autoren von Biographien orientieren können. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sternen.

Buchtipp: Die sieben Wunder des Kreuzes

Van de Kamp, Wilkin, Die sieben Wunder des Kreuzes, Glaubenszentrum e. V., Bad Gandersheim, 2. Aufl. 2014, Amazon-Link

Auf www.jesus.de ist meine Rezension zu „Die sieben Wunder des Kreuzes“ erschienen: https://www.jesus.de/wilkin-van-de-kamp-die-sieben-wunder-des-kreuzes/

Zusammenfassung:

Wilkin van de Kamp beschäftigt sich in diesem Buch mit den letzten 18 Stunden vor dem Tod Jesu und beleuchtet jedes Ereignis dieser Zeit sehr anschaulich und praktisch. Jedes Kapitel endet mit einem Gebet, um das Gelesene zu verinnerlichen.

Fazit:

Ich finde das Buch sehr gut, leicht verständlich und mit viel Tiefgang geschrieben. Allen Lesern, welche sich noch mehr mit Jesus und Seinem stellvertretenden Leiden und Sterben am Kreuz beschäftigen möchten, sei es sehr empfohlen. Ich gebe dem Buch fünf von fünf Punkten.

Buchtipp: Killer City

Hohlbein, Wolfgang, Killer City, Bastei Lübbe AG, Köln, 2018, 494S. Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Wolfgang Hohlbein war mein Einstieg in die Welt der Fantasy-Romane. Ich erinnere mich noch ganz genau an die ersten Bände, die ich von ihm und Heike gelesen hatte. Märchenmond. Schattenjagd. Spiegelzeit. Unterland. Katzenwinter. Dreizehn. Und viele viele mehr. In der Schulbücherei gab es mehrere Regalbretter vom Ehepaar Hohlbein, manche auch nur von einem der beiden. Und dann waren da diese durchlesenen Nächte mit der Taschenlampe. Wolfgang Hohlbein führte mich später zu John Grisham, Stephen King, Dean Koontz und einigen mehr.

Und dann war da noch die erste Buchlesung, die ich in einem Basler Bücherladen am Aeschenplatz miterlebte. Eine leise Stimme, zwei unsicher umherirrende Augen. Ein paar Absätze aus seinem neusten Buch. Aufgeblüht ist der Autor dafür am Ende der Lesung, im Kontakt mit den einzelnen Menschen. Auch das ist wohl schon deutlich über 15 Jahre her. Ich kann es nicht mehr so genau zeitlich einordnen, aber es hat mich fasziniert, einen Bestseller-Autoren mal so zu erleben.

Dann gab es eine längere Pause, da mich irgendwann andere Autoren und neue Themen noch mehr interessierten. Bis ich vor Kurzem in einer eMail mal wieder über einen bekannten Namen stolperte: Wolfgang Hohlbein. Killer City sein neuster Roman. Thriller. Messer-Morde. Ein interessanter Protagonist. Mal sehen, wie Wolfgang Hohlbein heutzutage schreibt. Was wohl gleich geblieben ist? Was sich verändert hat?

Die Geschichte besteht aus zahlreichen Kapiteln, welche sich abwechselnd in der Gegenwart (Chicago 1893 bei der Weltausstellung) und in der Vergangenheit des Protagonisten Thornhill, in welcher dieser noch Boy genannt wurde. In der Schlacht von Gettysburg war Thornhill ein Zwölfjähriger, der miterleben musste, wie all seine Mannschaft aufgerieben wurde. Kurz bevor er meinte, auch sterben zu müssen, übergab ihm ein im Sterben liegender Indianer ein Geschenk: Die Gabe, sein eigenes Leben durch Mord an schuldigen Menschen zu verlängern. Damit ist die Szene gesetzt, das Thema des Buches gegeben, und der Rest, die weiteren 400 Seiten, ein rasantes Hin-und-Her, das Elemente von Action-, Western-, aber auch Ninja-Filmen enthält. Überhaupt hatte ich die meiste Zeit den Eindruck, eine weitgehend zu ausführliche Nacherzählung eines drittklassigen Actionfilmes zu lesen. Es werden keine Gedanken zu Ende gebracht, sondern ständig neue aufgeworfen, sodass der Eindruck entsteht, ungefähr jedes Thema irgendwann mal berührt zu haben, ohne sich auch nur mit einem davon beschäftigt zu haben.

Die das Buch bestimmende Frage ist die nach der Zulässigkeit selbst ausgeübter Rache. Thornhill hat als Junge zusehen müssen, wie seine Geliebte vergewaltigt und schwer verletzt wurde und statt sie dann zu beschützen, beschloss er, dass ihr Leben dadurch nicht mehr lebenswert sei und beendete es kurzerhand. Der Rest seines Lebens ist von der Rache geprägt, alle 12 Personen töten zu müssen, welche bei der damaligen Tat an seiner Geliebten beteiligt gewesen waren – und darüber hinaus vieler mehr, die der Dämon, den er vom Indianer bekommen hatte, als Schuldige bezeichnete. Damit kommt ein zweites großes Thema ins Blickfeld, dem Hohlbein Raum gibt – und doch mehr Fragen als Antworten zurücklässt. Ich finde es gut, dass es Romane gibt, welche die Frage nach Dämonen stellen. Am Ende bleibt dann aber Thornhills Frage offen, ob es diese überhaupt gibt. Eine Irreführung durch den Autor, der am Schluss dann doch nicht den Mut hat, eine echte Antwort zu geben. Schade!

Interessant fand ich jedoch die historischen Anspielungen auf die Ereignisse des 19. Jahrhunderts. Da mich Geschichte interessiert, habe ich mir eine Reihe von Notizen gemacht, denen ich noch nachgehen will. Mein bereits schon vorhandenes Interesse an der Geschichte wurde dadurch zusätzlich gestärkt. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt für das Buch von Hohlbein.

Insgesamt überwiegt aber die Enttäuschung über das Buch, denn ich war mir gerade von Hohlbein in den verschiedensten Genres, in denen er sich seit Jahrzehnten bewegt, durch seine in meiner Teenagerzeit gelesenen Bücher Hochwertigeres gewohnt. Nach den ersten 100 Seiten war der restliche Verlauf der Geschichte ziemlich durchsichtig. Der Geschichte fehlt ein Gesamtkonzept, eine Richtung, in die sie sich entwickeln kann. Es ist eher eine Geschichte von einem ständig zweifelnden Mörder, der nicht weiß, wer er ist, und was er will. So scheint es auch ein Roman eines zweifellos begabten Autors zu sein, der nicht weiß, was seine Geschichte bezwecken oder auslösen soll. So kann sie letztlich auch nichts bewirken. Manchmal schien mir, dem Autor fehlte der Mut, sich auf eine Aussage festzulegen, weshalb am Ende ungefähr so ziemlich alle möglichen und unmöglichen Aussagen drinstehen.

Fazit:

Ein rasanter Roman, der sehr viele Themen anschneidet, aber letztlich keine Aussagen macht. Die Themen sind an sich interessant, aber der Leser wird damit sich selbst überlassen. Ein positiver Punkt sind die zahlreichen Anspielungen auf die US-Geschichte des 19. Jahrhunderts. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.

Buchtipp: 1968 – Der lange Protest

Vinen, Richard, 1968: Der lange Protest, Piper Verlag GmbH München, 2018, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar, das ich im Kindle-Format lesen durfte.

50 Jahre nach 1968 blickt Richard Vinen auf die Zeit um 1968 zurück. Der Autor ist ein britischer Historiker, der am King’s College in London unterrichtet. Wenn er von ’68 spricht, dann ist da ein ganzes – ja, gar ein langes – Jahrzehnt gemeint: Mitte 60er bis Ende der 70er-Jahre geht sein ’68. Richard Vinen versucht, eine internationale Geschichte der 68er-Bewegung zu schreiben, indem er auf verschiedene Länder blickt und dort jeweils die wichtigsten Vorkommnisse dieser Zeit beschreibt.

Doch wie lässt sich 1968 definieren? Am Ende eines langen ersten Kapitels über die inneren Widersprüche der Bewegung fasst Vinen zusammen: „Das Phänomen bestand aus mehreren Komponenten: einmal dem Generationenaufstand der Jungen gegen die Alten, dann dem politischen Aufstand gegen Militarismus, Kapitalismus und die Übermacht der USA und schließlich noch einem kulturellen Aufstand, der sich in der Rockmusik und dem dazugehörigen Lebensstil manifestierte.“ (Pos. 388) Es wird schnell klar, dass die Definition entweder noch stärker eingegrenzt werden müsste oder sonst praktisch alles in dieser Zeit umfassen könnte. Es werden konservative Kräfte erwähnt und ebenso als 68 betitelt wie deren revolutionäre Gegner. In einem gewissen Sinne muss Vinen dies tun, da er seine These untermauern will, dass 68 ein weltweites Phänomen ist.

Wenn man dieser These folgt, so macht er einen sehr guten Job und klärt den Leser über die internationalen Beziehungen der Bewegung auf. Allerdings schafft er es meiner Ansicht nach nicht, diese These ausreichend zu begründen, sodass jemand, der die Bewegung als zeitlich und räumlich begrenzter betrachtet, vermutlich nicht überzeugt würde. Doch da es gut möglich ist, dass der Autor dies auch gar nicht erst beabsichtigte, lässt sich dieser Punkt größtenteils vernachlässigen.

Da ich das Buch auf deutsch las und keine Möglichkeit hatte, das englische Original einzusehen, kann ich hier auch nur auf die Übersetzung eingehen. Es finden sich öfters ziemlich lange Sätze mit mehrfacher Verneinung und zahlreichen Nebensätzen, die es dem Leser schwer machen, dem Gedankengang zu folgen. Ich bin mir da schon eine Menge gewohnt, aber ich vermute, dass es gerade für Menschen, die nicht ganz so viel und in die Breite lesen, ziemlich herausfordernd ist.

Gut gefallen hat mir, wie differenziert der Autor mit der Bewegung umgeht. Anders als man sich das sonst gewohnt ist, gibt es keine Heldenverehrung, sondern nüchterne Berichte, die auch vor den dunklen Kapiteln der Zeit nicht halt machen. Interessant, da mir das neu war, fand ich etwa den Vergleich von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit. Vinen berichtet außerdem, dass Dutschke öffentlich und privat sehr gegensätzlich wahrgenommen wurde. Auch das Verhältnis Dutschkes zur Gewalt wird nicht verschwiegen: „1977 verurteilte Dutschke den Terrorismus einiger ehemaliger Mitstreiter, er rief auch nie zu Aktionen gegen Menschen auf; im Gegensatz zu Aktionen gegen Sachen. Doch allein Dutschkes intensive Art konnte wie ein Aufruf zu Gewalt wirken, unabhängig von den Worten, die er verwendete. Außerdem wirkten seine Äußerungen Ende der 1960er-Jahre oft doppeldeutig.“ (Pos. 3212)

Alles in allem ist es ein spannendes Buch, das die Hintergründe der 68er-Bewegung bis hin zum Linksterrorismus in den westlichen Ländern aufklärt und eine interessante These vertritt, die man allerdings noch besser begründen sollte. Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: Wir sind dran

Wir sind dran Club of Rome Der grosse Bericht von Ernst Ulrich Weizsaecker

Von Weizsäcker, Ernst Ulrich, Wijkman, Anders, et al., Wir sind dran – was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen, Gütersloher Verlagshaus Gütersloh, 2. Aufl. 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe mich sehr lange damit schwer getan, dieses Buch zu rezensieren. Das Buch war ungefähr das, was ich erwartet hatte, und doch war ich enttäuscht. Vielleicht war ich auch vor allem deshalb enttäuscht, weil es so war, wie ich es erwartet hatte. Doch dazu später mehr.

Wir sind dran“ ist der neuste Bericht des Club of Rome, welcher 1972 mit seinem ersten Bericht „Grenzen des Wachstums“ über Nacht bekannt geworden war. Wie wir heute wissen, ist vieles sehr anders gekommen, wie es damals prognostiziert wurde. In vielen Bereichen hat das Wachstum rasant zugenommen, anstatt an seine Grenzen zu stoßen. Es ist nur natürlich, dass man sich in der Wissenschaft immer wieder irrt, und daran kann niemand etwas aussetzen. Es darf auch kein hämisches Grinsen über solche Irrtümer geben. Aber dann würde ich erwarten, dass diese dann auch zugegeben und korrigiert werden, statt – wie hier in manchen Fällen geschehen – sie noch zu verstärken.

Nun gut, auch damit kann ich leben. Es macht mich einfach noch aufmerksamer für den weiteren Inhalt des Buches. Und der bleibt leider sehr dürftig. Es bleibt bei vielen „muss sich ändern“ oder „muss geändert werden“, aber all das bleibt sehr unkonkret. Der Bericht versucht, einen unverständlichen Optimismus zu schüren, der aus dem Pessimismus geboren wird. Die Botschaft ist: Eigentlich deuten alle Daten auf einen totalen Kollaps hin, aber irgendwie – fast wie durch Zauberhand – schaffen wir das dann doch noch. Wir müssen es nur wollen. Doch wie genau man das anpacken sollte, das weiß niemand.

So, das klingt jetzt sehr pessimistisch. Eigentlich ist das Buch sehr spannend zu lesen, es enthält viele Daten und viele gute Gedanken, die es wert sind, dass weiter darüber nachgedacht wird. Und wenn das der einzige Grund für den Bericht wäre, dann müsste man das Buch in den höchsten Tönen loben, denn diese Aufgabe übernimmt es wirklich echt gut. Da sind zahlreiche ernsthafte Forscher am Werk, die mit Computersimulationen und neusten Daten arbeiten und versuchen, sich die Zukunft vorzustellen. Das macht das Buch sehr interessant, und ist deshalb auch zu empfehlen.

Doch offensichtlich verfolgt der Club of Rome noch ein weiteres Ziel – eine politische Agenda, mit welcher unser Leben radikal verändert werden soll. Es geht – und hier wird die Katze erst gegen Ende des Buches aus dem Sack gelassen, wenn der Leser schon beinahe an den Zukunftsszenarien verzweifeln könnte – um globale Regeln. Etwas klarer wird es auf S. 357, wo die Rede von einer „Kohabitationsbasierten globalen Governance“ ist. Der Pseudo-Fachterminus klingt harmlos, vielleicht sogar schön. Doch auch die nachgeschobene Verneinung kann diesen Umstand nicht verdecken. Auf derselben Seite schreiben die Autoren nämlich: „Das COHAB-Modell erfordert ganz bewusst keine globale Regierung.“ Doch davor wird schon erklärt: „Das COHAB-Modell ist natürlich ein Traum.“ Es geht also doch darum, dass nach dem starken Mann gerufen wird, der starke Regeln aufstellen und durchsetzen kann. Und genau hier setzt meine stärkste Kritik an: Das Ganze ist bewusst oder unbewusst antidemokratisch. Der einzelne Bürger der Staaten dieser Welt soll nicht mitreden können, stattdessen soll über seinem Kopf hinweg eine ganze Menge alternativloser Dinge entschieden werden, die vermutlich dann doch zu einem Kollaps führen würden; zumindest wenn man den Daten des Buches glauben soll.

Ein letzter Punkt, der mir fehlt, ist eine Gesamtanalyse der einzelnen Bereiche, ich möchte von einem Gesamtszenario sprechen, das die zahlreichen Bereiche des Buches unter einen Hut zu bringen versucht und sich dann überlegt, wohin wir steuern. Es werden nämlich so viele einzelne Bereiche angesprochen, und jeder Bereich ist von so vielen möglichen Stellschrauben und Alternativen abhängig, dass man leicht den Überblick verliert.

Fazit:

Ein spannend geschriebenes Buch, das viele gute und nachdenkenswerte Analysen und Daten enthält, dem aber ein Gesamtüberblick fehlt und der letzten Endes wohl auch Wasser auf den Mühlen der Antidemokraten rechter und linker Populismen ist, welche nach dem starken Mann rufen, der unsere Welt aus dem Dreck ziehen soll. Ich gebe dem Buch drei von fünf Sternen.

Buchtipp: Hört endlich zu!

Richter, Frank, Hört endlich zu!, Ullstein Buchverlage Berlin, 1. Aufl. März 2018, 96 S., Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar! Ich habe es in der Kindle-Version gelesen.

Ein Theologe schreibt eine Streitschrift für ein Mehr an Demokratie, an Diskussion und an gegenseitigem Zuhören. Frank Richter ist ein katholischer Theologe, der bereits in der Zeit vor der Wende Bekanntheit erlangte, als er sich an den Protesten beteiligte und einen Anstoß zur Diskussion statt blinder Polizeigewalt gegen die Demonstranten gab. Er war 2009 – 2017 Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und hat auch sonst schon eine Menge Diskussionen geleitet, die den Anhängern verschiedener Sichtweisen half, miteinander an einen runden Tisch zu sitzen und zuzuhören, bzw. zu reden.

Die Hauptthese ist dann entsprechend auch, dass man miteinander reden müsse, um gemeinsam Demokratie zu wagen. Er appelliert besonders an jene, die vor dem Rechtsrutsch Angst haben, die andere Seite mal anzuhören: „’Deutschland geht es gut‘ – diese im Bundestagswahlkampf 2017 von den Regierungsparteien bis zum Überdruss beanspruchte Behauptung klingt in den Ohren von überlasteten Hausärzten und Pflegekräften wie blanker Zynismus. Wie mag sie in den Ohren der ungezählten vernachlässigten und unterversorgten pflegebedürftigen Alten klingen?“ (Pos. 69ff)

Interessant fand ich die Ausführungen Richters zur Wende, die er unter dem Titel „Das Verhängnis einer unvollendeten Revolution“ ausführt. So erklärt er – nachdem er mit „Einerseits“ aufzeigt, dass in der DDR eine echte Revolution von innen heraus begonnen hat – dann auch: „Andererseits blieb die Revolution unvollendet. Eine innere, tief greifende, umfassende und nachhaltige Demokratisierung der Gesellschaft der DDR aus eigener Kraft, wie sie nach Jahrzehnten totalitärer und autoritärer Herrschaft notwendig gewesen wäre, unterblieb.“ (Pos. 412f) und etwas später: „Unter dem offiziell sauberen Deckmantel des sich als antifaschistisch deklarierenden Staates – die Abkehr vom ‚Hitlerfaschismus‘ gehörte zum Gründungsmythos der DDR – konnte nationalistisches, rassistisches und faschistisches Gedankengut durchaus weiter existieren.“ (Pos. 542f)

Ein späteres Kapitel ist ebenso interessant: „Das Verhängnis einer visionslosen Politik: schwarze Null und schwarze Löcher“. Was fehlt – so Richter – sei eine Vision, und damit die Motivation für den Einzelnen, sich in der Gesellschaft einzubringen. Er wünscht sich mehr Durchlässigkeit für Quereinsteiger oder Menschen, die häufig umziehen müssen, auch in den Parteien und bei den politischen Ämtern, damit die geballte Kreativität an die Oberfläche treten kann und man gemeinsam gute Lösungen für die Zukunft findet.

Hört endlich zu“ ist ein Buch, das man schnell gelesen hat, und das durchaus einiges mitgibt, worüber es sich lohnt, nachzudenken. Das dünne Booklet ist in weniger als zwei Stunden gelesen. Bei mir hat es einen inneren Zwiespalt hinterlassen, und zwar zwischen Form und Inhalt. Es ist ein Buch, das motivieren möchte, das die Visionslosigkeit an den Pranger stellt – doch es ist ist in sich selbst enorm unkonkret und bleibt irgendwo im Nebel hängen. Ich war manchmal an die Aussage von Paulus erinnert, dass eine Posaune, die einen unklaren Ton von sich gibt, niemanden dazu bringen kann, sich zum Kampf zu rüsten. Richter prangert den oberlehrerhaften Ton mancher Politiker und Amtsinhaber an – und verfällt leider selbst auch immer mal wieder in diesen Ton. Da ist dieser Widerspruch im Buch, den ich einfach nicht auflösen kann. Oder auch der Aufruf, dass sich Demokraten aller Lager zusammentun und gegen die kämpfen sollen, welche Verfassungsfeinde sind, da fehlt die klare definitorische Abgrenzung zwischen diesen beiden gegensätzlichen Teilen der Gesellschaft, sodass sich am Ende jeder im Lager der Demokraten finden kann. Wer alle anspricht, spricht niemanden an. Möglicherweise ist dies aber auch der Kürze des Buches geschuldet.

Fazit: Ich möchte das Buch grundsätzlich empfehlen, weil es viele gute Gedanken enthält. Doch gibt es insgesamt einige Dinge, die mir negativ aufgefallen sind. Lasst uns das Buch lesen, alles prüfen, darüber reden, einander zuhören und das Gute behalten. Ich gebe dem Buch vier von fünf möglichen Sternen.

Buchtipp: So macht Kommunismus Spaß!

So macht Kommunismus Spass von Bettina Roehl

Röhl, Bettina, So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret, Wilhelm Heyne Verlag München, Taschenbuchausgabe von 2018, 752 Seiten, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Wow, das muss man erst mal schaffen. Über 750 Seiten Spannung pur. Das Leben kann mal wieder die spannendsten Geschichten schreiben. Erst recht, wenn sich jemand findet, der sie auch so interessant nacherzählen kann. Doch was ist das eigentlich für ein Buch? Ist es eine Doppelbiographie der Eltern der Autorin? Ist es ein Geschichtswerk? Ist es ein Sachbuch zur Zeit vor den 68ern? Ich würde es vielleicht eher noch als Autobiographie mit Erweiterungen bezeichnen. Die Autorin beginnt mit sich selbst und beschreibt im Grunde genommen die Geschichte ihrer Suche nach sich selbst, indem sie sich mit ihren Eltern beschäftigt, ihren Vater interviewt und mit vielen Bekannten der beiden Protagonisten spricht. Und hier müsste ich vielleicht etwas kritischer sein, denn ich finde den Titel des Buches nicht passend. Im Mittelpunkt steht eigentlich weder der Kommunismus (obwohl dieser ganz klar eine wichtige Rolle spielt), noch die Eltern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl, sondern sie selbst, die Autorin, Bettina Röhl. Zwar versteht sie es immer wieder über Seiten hinweg den Eindruck zu erwecken, es gehe ihr vor allem um die beiden, und doch kommt sie immer wieder auf sich selbst, ihre Gespräche, ihr eigenes Erleben zu sprechen. Und das ist natürlich legitim, absolut gerechtfertigt, wäre da nicht dieser Anspruch, ein Buch vor allem über „die Anderen“ geschrieben zu haben. Insofern hätte ich dem Buch einen Titel gewünscht, der dies deutlicher zum Ausdruck gebracht hätte.

Wie lebt es sich eigentlich als Journalistin und Tochter eines der Schlüsselpaare der frühen 68er-Bewegung? Ulrike Meinhof war ganz besonders durch ihre terroristische Untergrundtätigkeit in der RAF bekannt geworden. Davor war sie Journalistin und einige Zeit lang auch Chefredakteurin der kommunistischen Zeitschrift „konkret“. Zusammen mit ihrem früheren Mann Klaus Rainer Röhl leitete sie das Blatt, welches zunächst noch durch die DDR finanziert wurde. Nach einem Bruch mit Ostberlin kam es zu einem noch größeren Durchbruch im Westen, der sich in einer ziemlich hohen Auflage niederschlug. Dies führte zu einer speziellen Situation, denn die anti-bürgerlichen Kommunisten und Mitglieder der zeitweise illegalen KPD waren plötzlich im bürgerlichen Establishment angekommen. Teure Kleider und Parties, ein eigenes Einfamilienhaus in einer Gegend der innerlich zutiefst verachteten Bourgeoisie, ein Leben im Konflikt mit sich selbst, all das veränderte auch Ulrike Meinhof. Und dann der Bruch mit ihrem Ehemann Klaus Rainer Röhl, der sich im Zeitalter der sexuellen Revolution und der offen propagierten „freien Liebe“ und „offenen Ehe“ neu verliebte und vor ihr – seiner Ehefrau Ulrike – eng umschlungen mit seiner neuen Flamme tanzte, all das hat dazu beigetragen, dass aus ihr die spätere Ulrike Meinhof wurde, die in den kommunistischen Untergrund ging und als RAF-Terroristin Bekanntheit erlangte.

Bettina Röhl zeichnet ein sehr differenziertes und faires Bild ihrer Eltern. Sie arbeitet sich nicht einfach nur an ihnen ab, um sich abzugrenzen, sondern sie versucht zu verstehen und geht mit viel Geduld den zahlreichen Kontakten und dem Gespräch mit ihrem Vater nach. Zugleich scheut sie sich nicht davor, die Dinge beim Namen zu nennen und sie auch zu kritisieren, wo dies angebracht ist. Es ist ein Buch, das mir als Leser nahe gegangen ist, weil man der Autorin ihre Nähe zu den beschriebenen Personen sehr deutlich anmerkt. Immer wieder wird die professionelle Distanz verlassen, wenn sie zwischen „Klaus Rainer Röhl“ und „mein Vater“ wechselt. Das macht es gerade so speziell und ist selten anzutreffen. Wer sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte auseinandersetzen möchte und zugleich auch was fürs eigene Leben dazulernen will, ist mit diesem Buch bestens bedient.

Fazit: Ein sehr spannendes – und in Anbetracht der neusten Geschichte auch wiederum sehr aktuelles – Buch, das ich jedem interessierten Leser, der nicht vor 750 Seiten zurückschreckt, gerne weiterempfehlen möchte. Ich gebe dem Buch fünf von möglichen fünf Sternen.