Zwischen Herz und Verstand – mein Konferenzbericht zu Jesus25

600 Besucher, 70 Partnerorganisationen, drei Tage Gemeinschaft, Glaube, Gespräche. Und mittendrin: ich – mit Vorfreude, Erwartungen, Müdigkeit, und vielen tiefen Begegnungen. Die Jesus25-Konferenz wurde liebevoll der „evangelikale Kirchentag“ genannt. Rückblickend passt das gut – und doch war es so viel mehr.

Lange hatte ich darauf hingefiebert, mich gefreut auf die vielen Begegnungen. Denn darum ging es für mich persönlich primär. Mit einigen stehe ich seit Jahren online in Kontakt – über eMail oder soziale Medien, über Blogs, Artikel und Kommentare. Manche kannte ich aus dem Studium, andere on früheren Veranstaltungen. Und manche hoffte ich endlich mal persönlich kennen zu lernen.

Fasse in einer Minute zusammen…“, so hieß es des Öfteren. Wie würde ich die Konferenz in einer Minute zusammenfassen? Versuchen wir es:

Eine sehr spannende Konferenz mit wirklich großer Vielfalt, was Alter (von 3 Monaten bis weit über 80 Jahre war alles vertreten), Persönlichkeiten und gemeindliche Hintergründe betrifft: von evangelischen Landeskirchen, AB-Verband über FeGs und Baptisten bis hin zu uns Pfingstlern und Charismatikern war alles vertreten. Sehr viele wertvolle Gespräche und gute Vorträge und Foren. Was die Vorträge betrifft, hat mich beeindruckt, wie jeder Redner vollkommen gleichwertig gesehen wurde. Es gab keine Hauptredner, sondern nur Redner. Wenn es eine Folgeveranstaltung gibt, bitte behaltet das bei!

Ok, 83 Worte, das kann durchaus in einer Minute vorgetragen werden.

Doch damit ist halt nur das Allerwichtigste vom Allerwichtigsten gesagt. Die Vorträge waren allesamt sehr sehenswert, schaut doch immer mal wieder auf den YT-Kanal von Jesus25.net (Link), da wird nach und nach alles hochgeladen. Der Lobpreis von Gloria Kollektiv war super gut.

Wenn ich einen Vortrag besonders hervorheben soll, war es jener von Nicola Vollkommer zum Thema „Herz und Verstand – warum Denken, Gebet und Leidenschaft zusammengehört“. Sie hat mich wirklich enorm gepackt, vielleicht auch deshalb, weil mich genau dieses Zusammengehören schon seit vielen Jahren ganz intensiv beschäftigt.

14 Menschen, mit denen ich seit Jahren digital verbunden bin, standen plötzlich leibhaftig vor mir – Stimmen wurden zu Gesichtern, Profilbilder zu warmen Blicken. Das war für mich das Größte. Von weiteren durfte ich erfahren, dass sie schon länger Leser dieses Blogs sind. Richtig gute Zeit. Was ich das Schwierigste fand, war, meine eigenen Kräfte gut einzuschätzen und genügend Pausen zu machen, um zu regenerieren (Stichwort: „Esst viel, trinkt viel Kaffee, schlaft wenig!“)

Und dann waren da noch sage und schreibe vier Bände mit Beiträgen aus dem Leitungskreis zu den aktuellen Themen, die unsere Kirchen und Gemeinden beschäftigen. Ich hatte bis heute noch keine Zeit, um richtig reinzuschauen, lediglich ein wenig überflogen und quergelesen.

Viele Stände von Partnerorganisationen waren vor Ort, wo man sich über die jeweiligen Organisationen informieren konnte. Diesen Teil habe ich um der Zeit und Kräfte willen ein wenig vernachläßigt. Und die ganzen Bücherstände mit ihren papiernen Versuchungen gleich doppelt.

Was würde ich mir für die Zukunft wünschen? Es wäre schön, wenn es in zwei oder drei Jahren wiederholt werden könnte. Jährlich wäre für mich auch schon zu viel. An der Stelle nochmal meine Bitte: Keine Hauptredner, sondern wieder wie gehabt, viele einzelne, gleichwertige Redner. Und bitte, bitte bindet mehr Rednerinnen mit ein.

Was bleibt?

Neben Müdigkeit und einem vollen Notizbuch: Dankbarkeit. Und der Wunsch, das weiterzugeben, was mich bewegt. Ein paar Eindrücke, Gedanken und neue Materialien entstehen gerade daraus – für alle, die tiefer graben wollen. Wenn Du auf dem Laufenden bleiben willst, schau gern bald wieder hier vorbei.

Auf dem Areopag der nachchristlichen Kultur

Unsere Gesellschaft ist immer weniger vom christlichen Glauben geprägt. Man kann sich darüber aufregen, muss es aber nicht. Fakt ist, dass immer mehr erklärt werden muss, was lange Zeit fast selbstverständlich war. Zugleich haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die sich enorm nach Erlösung sehnt – dies aber nicht merkt, sondern oft geradezu verdrängt. Mich erinnert das immer wieder an Paulus – wie er auf dem Areopag mit den damaligen Denkern diskutierte.

Moment mal – wie ist denn das eigentlich? Sind unsere Zeitgenossen nicht schon viel gebildeter und feinfühliger als damals? Im Grunde genommen ist die Weltanschauung relativ ähnlich. Wir haben es weder damals noch heute mit einem echten Atheismus oder Unglauben oder Materialismus zu tun. Ein echter, reiner Materialismus ist in dem Universum, in welchem wir bekanntlich leben, nur sehr schwer aufrecht zu erhalten. Es ist unmöglich, ein in sich konsistenter Materialist zu sein. Von einem Stein könnte man es vielleicht noch annehmen, er wäre materialistisch, doch ein Mensch mit Bewusstsein? Äußerst unwahrscheinlich. Das Problem ist halt, dass Weltanschauungen nur selten reflektiert werden. Und so haben wir es sowohl bei Paulus auf dem Areopag, als auch in unserer nachchristlichen, neuheidnischen Gesellschaft in den meisten Fällen mit einer unreflektierten Spielart eines Pantheismus zu tun.

Nein, Pantheismus kann man nicht essen…

auch wenn es fast ein wenig nach Pancakes klingt. Pantheismus ist die Vorstellung, dass alles, was existiert, ein Teil von Gott ist. Das ganze Universum ist eins mit Gott, aber nicht als persönlicher Gott, sondern irgendeine Art unpersönliche Natur, die einfach alles umfasst. Es gibt im Pantheismus keine Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Das ganze Universum mit allem darin ist miteinander verbunden und eine untrennbare Einheit.

Und hier kommt Paulus ins Spiel. Er hat wie kaum ein anderer verstanden, welche Auswirkungen diese Vorstellungen haben. Wir sind da ganz schnell in der Gefahr, dass wir die Ähnlichkeiten der Zeiten übersehen und meinen, dass der altheidnische Polytheismus etwas Archaischeres gewesen wäre. Doch heutige neuheidnische Spielarten des Pantheismus sind ebenso archaisch wie die damaligen. Um das zu verstehen, müssen wir versuchen, den griechisch-römischen Polytheismus zu durchdringen. Dieser Polytheismus war die Staatsreligion im römischen Großreich zur Zeit des Neuen Testaments. Ein Blick in die Schöpfungsmythen und Göttersagen zeigt, dass es viel widersprüchliche Erzählungen gab und dass diese Gottheiten eben nicht vor und über der Schöpfung stehen – vielmehr sind sie eine Art teilweise unsterbliche, teilweise nur schwer sterbliche höhere Menschen. Sie entstammen der Natur. Etwa bei Hesiod, der eine der verbreitetsten Schöpfungssage herausgegeben hatte, war am Anfang das Chaos, also ungeordnete Materie, die sich da selbst ordnete und daraus entstanden die Götter Gaia (Erde), Tartaros (Unterwelt), Nyx (Nacht), Erebos (Finsternis) und Eros (Liebe). Weitere Götter entstanden durch Paarung von diesen oder auch einfach durch Erschaffung durch diese ersten Götter.

Mit Paulus auf dem Areopag

Schon seit längerer Zeit gab es in der damaligen Kultur viel Kritik an diesem Polytheismus, eben gerade weil alle wussten, dass die Götter entweder der Natur entsprachen oder weil sie durch die Natur erschaffen und nichts weiter als etwas bessere Menschen waren. Und jetzt kam Paulus ins Gespräch mit Menschen, die bewusst Pantheisten waren, aber den pantheistischen Polytheismus ablehnten. Erinnern wir uns – für den Pantheisten ist das Göttliche überall in der Welt zu finden. Alles ist im Grunde genommen Gott. Alles ist miteinander verbunden und alles ist eine göttliche Einheit. Doch auch damals gab es schon unreflektierte Meinungen dazu.

Und Paulus wird nun auf den großen Platz gebracht und ausgefragt. Es ist interessant, womit Paulus nicht anfängt. Paulus geht nicht auf Johannes 3:16 ein, auf unseren liebsten Bibelvers, um das Evangelium zu erklären. Gut, das kann auch daran liegen, dass dieses Evangelium in dem Moment noch nicht geschrieben worden war. Vermutlich hat Johannes erst nach dem Tod von Paulus sein Evangelium geschrieben. Aber die Grundzüge von Johannes 3:16 finden wir bei Paulus auch. Immer und immer wieder. Doch hier wusste Paulus genau, dass seine Zuhörer das nicht verstehen. In Johannes 3:16 geht es um die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, es geht darum, dass Gott in die Welt kommen muss, um sie zu erlösen. Doch Menschen, die sich schon als Einheit mit dem Göttlichen wahrnehmen, als Einheit mit der Natur, die über allem steht, in Einheit mit dem Universum, verstehen nicht, dass Erlösung von außen kommen muss.

Paulus beginnt mit dem Gewissen

Wahrscheinlich ist es den wenigsten Bibellesern bewusst, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben, dass das Evangelium gottzentriert sein muss. Wir fangen mit Gott an. Es ist daran nichts grundsätzlich Falsches, aber es schafft in einer nachchristlichen Kultur des unreflektierten Pantheismus eine unnötige Mauer. Der Pantheist sieht sich als Teil Gottes, er ist sozusagen ein Ausfluss des Weltalls, des unpersönlichen All-Gottes. Paulus macht etwas grundlegend anderes. Er beginnt mit den Zuhörern. Er beginnt mit dem Gewissen, mit den Sehnsüchten, mit dem tiefsten inneren Verlangen der Menschen auf dem Areopag. Er beginnt mit der Kultur vor Ort. Er hat eine Götzenstatue gesehen, die „den unbekannten Göttern“ gewidmet ist. Und jetzt in einem rhetorisch kaum zu übertreffenden „Doublespeak“ lobt er die Athener für ihre tiefe Gottesfurcht, die so weit geht, dass sie sogar fürchten, sie könnten irgend einen Gott vergessen haben, und verspottet sie mit demselben Wort auch dafür. Und dann folgt eine längere Argumentation, die ungefähr auf Folgendes hinausläuft: Ihr habt eine Sehnsucht in eurem tiefsten Inneren, die tiefer geht als alles, was der heidnische Götzendienst und was der weltanschauliche Pantheismus euch bieten kann. Ihr sehnt euch nach der Erlösung durch einen persönlichen Gott, der der Schöpfung gegenübersteht. Diese Erlösung will ich euch heute verkünden. Und dann kommt das Evangelium.

Ganz spannend ist, dass das bei Paulus nicht nur auf dem Areopag so war. Es scheint mir, als hätte sich das durch seine ganze Evangelisationspraxis hindurchgezogen. Der Brief an die Römer ist eigentlich gleich aufgebaut. Er hat ja bekanntlich den Gemeinden in Rom geschrieben, um zu zeigen, dass er das richtige Evangelium verkündete, da er plante, Rom einst als Basis für die Evangelisierung Westeuropas bis nach Spanien zu nutzen. Und hier geht er genau so vor. Mit dem Unterschied, dass er in Rom sowohl Juden, die zu Christus gefunden haben, als auch ehemalige Heiden ansprechen wollte. Auch hier: Bevor der Mensch gewordene Gott ins Spiel kommt, geht es 2,5 Kapitel lang um den Menschen. Der Mensch mit seinen Versuchen, die Erkenntnis Gottes zu verdrängen. Der Mensch mit seinem Gewissen, das hin und her eiert zwischen überheblich und an sich selbst verzweifelt. Der Mensch mit seinem Mund, aus dem Gutes und Böses zugleich kommen kann. Und so weiter. Der Mensch. Die Sünde. Die Verzweiflung. Die Sehnsucht. Die Erlösung.

Der Marktplatz unserer Kultur

Wenn ich mir so unsere heutige, neuheidnische Kultur anschaue, fällt mir geradezu enorm auf, wie alle Kultur nach Erlösung schreit. Und um das zu sehen, müssen wir einen Schritt zurück machen, von der Johannes3:16-Brille weg. Ich würde einen anderen Vers aus dem Johannesevangelium vorschlagen, der uns da helfen kann: Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15:13) Es klingt nun etwas allgemeiner, aber in diesem Vers hat Jesus Christus definiert, was Liebe ist. Unsere Kultur schreit nach Liebe und schreit nach Erlösung. Sie lebt zwischen der Überheblichkeit und der Verzweiflung an sich selbst. Ob ich jetzt auf die Songtexte von Taylor Swift oder neuere Romane und Filmserien schaue, überall zieht sich das hindurch. Und das sind gute Anknüpfungspunkte, die wir mit Jesus füllen können, wenn sich jemand mit diesen Fragen identifiziert. Jesus ist diese Liebe, diese Hingabe, Er hat Sein Leben gelassen für Seine Freunde. Er ist die Erlösung.

Zum Schluss ein paar meiner persönlichen Beispiele, die mir im Laufe der Jahre besonders aufgefallen sind. Das erste Mal, als es mir richtig bewusst wurde, war beim zweiten oder dritten Lesen von Stephen Kings „ES“ („It“). Ja, es ist schon ein älteres Werk, aus den 1980er-Jahren. Aber es hat mir wie kein anderes gezeigt, dass genau das Evangelium von der Liebe dessen, der sein Leben für die Freunde lässt, eigentlich in fast jeder spannenden Story im Mittelpunkt steht. Es gibt eine Gefahr. In der kleinen Stadt Derry in Maine werden Kinder ermordet. Eine Gruppe von sieben Kindern, die alle ihre Schwierigkeiten haben, nehmen den Kampf auf und schaffen es unter Lebensgefahr, das Monster zu besiegen und für einige Jahre Ruhe zu bekommen. Als sie erwachsen sind, beginnt das Ganze wieder. Diesmal gibt es sogar Tote unter den Freunden, die einander beistehen. Es sind oft die Schwachen, die im Kampf gegen das Böse besonders mutig werden. Gerade vor Kurzem sah ich mir die ZDF-Horrorserie „Hameln“ an. Auch hier gibt es wieder dasselbe. Um der Stadt zu helfen, um die Menschen vor dem bösen Wesen zu erlösen, braucht es drei gehandicappte Kinder, die unter Einsatz ihres Lebens kämpfen müssen. Von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ schrieb ich vor einem Jahr schon mal (Link hier). Die Liste könnte man um hunderte von Werken ergänzen,

Wir müssen uns bewusst sein, dass das alles immer nur ein weltlicher Abklatsch ist, eine Art pantheistische Erlösungsstory, weil es der Mensch ist, der sich selbst erlöst. Aber die Menschen wollen es sehen, sie wollen diese wahre Liebe und Selbsthingabe, die Erlösung immer wieder und wieder und ohne Ende von Neuem sehen – mit ständig wechselnden Namen und Besetzungen. Unsere Kultur ächzt und stöhnt nach Erlösung. Echte Erlösung bringt nur Jesus Christus.

Fallen dir noch weitere Beispiele ein? Gib mir gern Feedback dazu!

Die Bibel lesen – ein guter Vorsatz, nicht nur fürs neue Jahr

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, Advent heißt warten auf die Ankunft Jesu. Für viele heißt es auch, warten auf das neue Jahr, um dann mit neuen guten Vorsätzen neu zu starten. Meine Empfehlung ist jedes Jahr wieder neu: Warte mit den guten Vorsätzen nicht bis zum neuen Jahr. Gute Vorsätze sind zu gut, als dass man sie zum Neujahr verschwenden sollte. Fang lieber gleich an; es ist eine gute Vorbereitung aufs neue Jahr.

Markus als Einstieg

Meine Empfehlung: Fang mit dem Markusevangelium an. Es würde sich anbieten, dass es sogar noch vor Silvester zu Ende gelesen werden kann. 16 Kapitel, relativ kurze Kapitel im Vergleich zu anderen der Evangelien. Und es wurde auch geradezu für eine Zeit wie unsere geschrieben. Wie meine ich das? Als ich vor einem guten Vierteljahrhundert mit dem Bibellesen angefangen habe, war es üblich, dass man als Anfang Johannes empfahl. Keine Frage, ein supertolles Evangelium, ich liebe es. Trotzdem würde ich es heute nicht mehr so machen und auch niemandem mehr empfehlen. Es sind darin einige theologische Lehren zu finden, die man zuerst einmal kennen muss, um möglichst viel von Johannes profitieren zu können. Johannes hat dieses Evangelium als letztes der vier geschrieben und eigentlich stillschweigend vorausgesetzt, dass zumindest andere bereits bekannt sind, wenn man seines liest.

Matthäus hat primär für eine jüdische Leserschaft geschrieben, die das Alte Testament schon relativ gut kennen und zeigt deshalb mit vielen Zitaten und Anspielungen auf, dass das ganze AT von Jesus erzählt und Jesus die Erfüllung des ganzen Alten Testaments ist. Markus hingegen schrieb für ein heidnisch-römisches Publikum, das mit den jüdischen Bräuchen nicht bekannt ist, deshalb erklärt er alles, was man nicht so leicht versteht. Deswegen würde ich persönlich immer als erstes Markus empfehlen.

Regelmäßigkeit über Menge

Die zweite Hilfestellung, die ich geben möchte, betrifft die Menge. Ich habe schon öfter Menschen getroffen, die überhaupt nicht gerne lesen oder auch eine Leseschwäche haben oder manchmal auch eine Angst vor Büchern und geschriebenen Worten. Es ist ein tolles Ziel, irgendwann mal fähig zu sein, die ganze Bibel in einem Jahr durchlesen zu können, und ich bin auch überzeugt, dass das jede und jeder lernen kann. Aber für den Anfang würde ich sagen, bleib in deiner Komfortzone. Ok, wenn ein Satz schon zuviel ist, dann muss es eben außerhalb der Komfortzone anfangen. Aber ein Satz oder ein Vers am Tag sollte drin sein.

Die ersten vier bis sechs Wochen sind wichtig, damit sich eine erste Routine bilden kann. Bleib diese Zeit in deiner Komfortzone, aber lies dafür jeden Tag. Es ist zum Beispiel wertvoll für den Anfang, sich einen besonderen Platz und eine bestimmte Zeit am Tag dafür zu nehmen. Mein zweieinhalbter Tipp betrifft noch die Bibelübersetzung. Nimm bitte für den Anfang eine, die ebenfalls in deiner Komfortzone ist. Jede Bibel ist besser als eine, die im Regal stehen bleibt und verstaubt.

Langsame Steigerung

Nach den ersten vier bis sechs Wochen erhöhen wir die Dosis. Du wirst gemerkt haben, dass ein Vers allein unbefriedigend ist. Die Story geht weiter, aber am nächsten Tag musst du erst wieder nachschauen: Was war jetzt da eigentlich gestern genau dran? Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um das Doppelte zu lesen. Zwei Verse. Oder Zwei Sätze. Zwei Abschnitte. Oder zwei Kapitel. Je nachdem, was bisher deine Komfortzone war. Und so geht es weiter, alle ein bis zwei Monate kommt eine neue Steigerung hinzu, bis irgendwann dein Ziel erreicht ist. Wetten, dass das noch vor Ende 2025 ist, wenn du die Tipps befolgst?

Wie weiter nach Markus?

Inzwischen sind wir bestimmt über das Evangelium von Markus hinausgekommen. Wo geht es weiter? Jetzt hast du im Grunde genommen totale Freiheit, zu entscheiden, wie es weiter gehen soll. Zum Beispiel noch ein Evangelium. Matthäus. Oder Johannes. Oder Lukas? Oder gleich weiter mit der Apostelgeschichte. Die geht nämlich da weiter, wo Markus aufhört. Oder wenn du möchtest, kannst du auch das ganze Bibelbuch mal vorne anfangen, bei 1. Mose. Ein Geheimtipp von mir – besonders wenn du nach Markus noch nicht so weit bist, dass du ganze Kapitel am Stück lesen möchtest – wäre auch das Buch der Sprüche. Da gibt es so viel Gutes darin, was sich leicht im Alltag umsetzen lässt und gleich zeigt, wie viel Segen im ganzen Bibelbuch steckt.

Was ich eher noch ein wenig weiter nach hinten stellen würde, sind der Prophet Hesekiel und die Offenbarung. Ja, ich weiß, dass manche Leser gerne erst den Schluss lesen, um zu wissen, wie die Story ausgeht. Ich spoilere mal: Es gibt ein Happy End. Jedenfalls für alle, die zu Jesus gehören. Aber die Offenbarung ist auch von Johannes geschrieben, der viel wertvolle Theologie in seine Schriften einfügt. Das braucht etwas mehr Hintergrundwissen aus dem Alten Testament, sodass ich vorschlage, zuerst etwas leichtere Kost zu sich zu nehmen.

Weitere Tipps und Ressourcen:

Mit der Zeit werden sich viele Bibelleser das eine oder andere Buch dazu kaufen. Ich empfehle, möglichst früh mit einer zweiten Bibel anzufangen, die etwas schwierigere als Hauptbibel und die einfacher übersetzte zum Nachschlagen, wenn Verse auch noch nach mehrmaligem Lesen unklar bleiben.

Ein Bibellexikon kann eine gute Hilfe sein, ebenso eine Konkordanz. Das ist ein Buch, welches zu wichtigen Worten alle Stellen eingetragen hat, wo das Wort vorkommt.

Wenn du mit der Apostelgeschichte fortfährst nach Markus oder allgemein nach den Evangelien, würde ich unbedingt eine Karte mit den Ortsnamen aus der damaligen Zeit ausdrucken oder aus dem Anhang der Bibel heraus kopieren. Glaub mir, du willst nicht alle zwei Minuten bei einem neuen Ortsnamen wieder nach hinten blättern müssen. Nimm lieber eine Karte ausgedruckt neben dich.

Und hier noch ein paar Links, wo ich ältere Beiträge von mir verlinke, die auch helfen können:

Neugierig Bibel lesen

Viele Fragen zum Bibel lesen

… und noch mehr Fragen zum Bibeltext

Die Mini-Kurzversion hiervon auf Insta

Und was sind deine Tipps? Ergänzungen? Fragen?

Rebelation: Einführung in die Offenbarung

Die Offenbarung ist für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Tatsächlich geht es darin ja auch um sieben Siegel und um noch einige Siebener-Reihen mehr. Sieben Gemeinden, sieben goldene Leuchter, sieben Posaunen, und so weiter. Was ich in den kommenden Wochen machen möchte, ist keine Vers-für-Vers-Auslegung, sondern eine Reihe von persönlichen Beobachtungen, die ich im Laufe der Jahre in der Offenbarung und auch im Umgang vieler Menschen mit der Offenbarung gemacht habe. Ich glaube, es ist an der Zeit, die Offenbarung wieder ganz neu auszugraben und als Grundlage für ein revolutionäres Leben zu nehmen.

Es geht mir dabei weniger um eine bestimmte Lesart der Offenbarung. Ja, ich habe da meine Überzeugung, und ich werde darauf noch eingehen. Aber ich habe auch gelernt, wie wertvoll es ist, von all den übrigen Lesarten zu lernen und die besten Einsichten daraus für sich selbst zu nehmen. Wir dürfen da ruhig eklektisch sein, also über den eigenen Tellerrand hinausschauen und von Menschen lernen, die da zu anderen Ansichten gekommen sind. Wenn es um die Lehre von den „letzten Dingen“ oder Endzeit geht, haben wir es mit wichtigen und wertvollen Sachen zu tun, aber keinesfalls mit Dingen, die heilsrelevant sind.

Die Offenbarung – das erfolgreichste Buch der Bibel

Ich möchte mit einer steilen These starten. Bevor mir jemand widerspricht – bitte erst weiter lesen. Ich nenne die Offenbarung gern das erfolgreichste Buch der Bibel. Damit man den Erfolg von etwas messen kann, braucht es ein paar Parameter. Die Offenbarung hat eine ganz große Kernbotschaft, die eigentlich fast über alle Lesarten hinweg gleich verstanden wird. Mit Ausnahme von ganz wenigen Auslegern, die meinen, dass alle in der Offenbarung beschriebenen Ereignisse schon im Jahr 70 nach unserer Zeitrechnung komplett erfüllt worden waren, als der Tempel in Jerusalem zerstört worden war, stimmen eigentlich alle dieser Kernbotschaft zu, dass es das Anliegen Gottes ist, dass wir in schwierigen Zeiten gestärkt werden durch die Botschaft: „Jesus kommt wieder – sei bereit!“

Wenn wir nun mit dieser Kernbotschaft „Jesus kommt wieder – sei bereit!“ im Hinterkopf die Auslegungsgeschichte der Offenbarung im Laufe der vergangenen 2000 Jahre der Kirchengeschichte anschauen, also schauen, wann die Offenbarung mit dieser Botschaft im Mittelpunkt so verstanden wurde, finde ich erstaunlich, dass wir in jedem Jahrhundert, fast in jeder Generation der Kirchengeschichte Ausleger finden, und zwar die absolute Mehrheit von jenen, die sich mit diesem Buch der Bibel eingehend beschäftigt haben, die sind alle auf dieselbe Kernbotschaft gekommen.

Und noch erstaunlicher finde ich, dass so gut wie alle Ausleger, welche versucht haben die Ereignisse, die in der Offenbarung beschrieben werden, zeitlich einzusortieren, immer zum Schluss kommen: Wir sind die letzte Generation! Wir sind die Letzten vor der Trübsal! Wir sind die Letzten vor dem Tausendjährigen Friedensreich! Wir sind die Generation, in der der Antichrist auftaucht! Wir sind die Generation, die Jesu Wiederkunft erlebt! Man kann da Auslegung um Auslegung und Jahrhundert um Jahrhundert durchgehen, immer ist es dasselbe: Wir sind die letzte Generation!

Nicht kryptisch, sondern universell!

Als ich das verstanden habe, wurde mir klar, wie genial Jesus das Buch der Offenbarung geplant hat. Es gibt viel, worüber man sich streiten kann (und darf – und vielleicht sogar soll). Ob die 1000 Jahre Friedensreich ein Zeitraum von 365250 Tagen ist oder ob dieser Zeitraum ein anderer Begriff für die Zeit der Gemeinde ist. Ob mit dem Zeichen auf der Hand und der Stirn ein implantierter Chip oder etwas ganz anderes gemeint ist. Auf wen die Zahl 666 passt (und ob dieses Wissen überhaupt sinnvoll ist). Und vieles mehr. Das viel Krassere ist doch, dass Christen dieses Buch im vierten und im zwölften und im 21. Jahrhundert, in Indien, im Sudan oder Bolivien lesen können, und überall sehen sie in diesem Buch die eine große Message: Jesus kommt wieder – sei bereit! Zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten lesen sie von den Ereignissen in diesem Buch und staunen: Leute, wir könnten die letzte Generation vor dem nächsten Schritt in der Offenbarung sein. Macht euch bereit!

Je mehr ich diesen Gedanken sacken ließ, desto mehr habe ich zwei Dinge verstanden. Erstens: Die Offenbarung ist nicht kryptisch, sie ist nicht unverständlich, sie ist nicht für Experten mit besonderem Hintergrundwissen, sondern sie ist universell, für alle Zeiten und alle Generationen, alle Kontinente und Länder gültig. Zweitens, und das ist vielleicht noch etwas schwieriger zu verstehen, jede Generation und jedes Land konnte und kann alle die darin beschriebenen Ereignisse so verstehen, dass ein großer Teil gerade dabei ist, zu geschehen. Das muss ich etwas ausführen. Wenn ich mit Menschen über die Offenbarung spreche, kommt oft ein Gedanke zum tragen: Unsere Eltern haben dieses Ereignis so verstanden, unsere Großeltern haben diese Verse in ihrer Zeit in Erfüllung gesehen, aber es ist vieles trotzdem noch nicht eingetroffen. Der Krieg ist noch nicht besiegt, es gibt keinen Frieden, die Raubtiere fressen noch Fleisch. Wenn sich unsere früheren Generationen getäuscht haben, wie können wir dann dieses Buch richtig verstehen?

Was wäre aber, wenn sich die vorigen Generationen gar nicht so arg getäuscht haben, wie wir vielleicht meinen? Was wäre – und das ist irgendwie ein echt revolutionärer Gedanke – wenn es Gott in der Offenbarung eben gerade weniger darum geht, einen genauen Zeitplan für die Endzeit zu geben, sondern vielmehr jeder Generation und jedem Land die Möglichkeit geben will, sich und die jeweilige Zeit als Teil von Gottes Geschichte zu sehen? Ich werde diesem Gedanken in einem späteren Post noch widersprechen und eine gewisse Balance geben müssen, aber fürs Erste möchte ich ihn einfach in den Raum stellen. Was wäre, wenn jede Generation auf ihre Weise die letzte ihrer Art ist? Die letzte Generation, bevor Gott eine neue Stufe der Heilsgeschichte zündet?

Rebelation – bereit für ein revolutionäres Leben?

Ein zentrales Thema der Offenbarung ist Macht. Wir sehen in der Offenbarung Jesus Christus als König. Der König, der Seine Macht durch Schwäche bekommt. Der König, der als Opferlamm zum Löwen wird. Der König, der Mitleid hat mit den Schwachen, der den Trauernden die Tränen abwischt. Der König der Gerechtigkeit, der allen Menschen, welche Seinen Opfertod am Kreuz im Glauben annehmen, weiße Hochzeitskleider anzieht. Und so weiter. In gewisser Weise ist die Offenbarung ein politisches Buch. Sie sagt, dass Gott die absolute Macht hat und jeder menschliche oder dämonische Herrscher, der sein Reichlein bauen will, nur auf Zeit eingesetzt und nach Bedarf abgesetzt wird.

Die Szene, in welche die Offenbarung in der frühen Kirchengeschichte eintritt, könnte kaum spannender sein. Ein großes römisches Reich, das seinen Zenit überschritten hatte. Viele Kulturen, die nur mit Gewalt zusammengehalten werden konnten. Eine kleine jüdische Sekte, die von einem Märtyrer erzählte, der aus Liebe für die Menschen den Weg ans Kreuz gewählt hatte. Eine Sekte, die vor allem durch ihr revolutionäres Leben auffiel. Nicht weil sie laut oder möglichst kontrovers war, aber in einem konsequent: Sie wollten niemanden als Gott verehren außer Gott allein und sie nahmen sich die Freiheit, allen von der Liebe Gottes zu erzählen. Sie weigerten sich, dem Kaiser Opfergaben zu bringen, die ihn als Mitgott verehrten. Dafür waren sie bereit, wie ihr Vorbild bis in den Tod zu gehen. Diese Bereitschaft, diese radikale Hingabe, brachte ihnen viele Bewunderer ein. Und diese Bereitschaft und Hingabe kamen aus einem Verständnis heraus, welches wir in der Offenbarung immer wieder finden. Eines Tages kommt Jesus Christus wieder. Nicht mehr als Opferlamm, sondern als Löwe, als König, als Richter, um zu richten die Toten und die Lebenden.

Und so fragt uns das Buch der Offenbarung auch: Sind wir bereit? Sind wir bereit für die nächste Stufe von Gottes Plan? Sind wir bereit, Jesus radikal nachzufolgen? Nicht mit Macht, nicht mit Lautstärke, nicht mit schönen Worten, sondern mit der Liebe, die den einzelnen Menschen mit Gottes Augen sieht, die Tränen abtrocknet, zuhört, und wenn nötig auch dafür Nachteile in Kauf nimmt?

Fühlen und denken mit den Psalmisten

Abschließen möchte ich meine Serie zu den Psalmen mit einem letzten Gedanken. Hier nochmal die Blogserie zu den Psalmen:

Teil 1 zu Psalm 1 und 2

Teil 2 zu den Klagepsalmen

Teil 3 mein persönliches Erleben der Zeit in den Psalmen

Teil 4 zu den Rachepsalmen

Teil 5 zu Psalm 51 und dem krassesten Gebet

Natürlich ist damit vieles noch nicht gesagt. Natürlich kann man jetzt zu jedem Psalm auch noch eine ganze Auslegung machen. Aber das ist nicht meine Absicht. Ich möchte ganz im Gegenteil mehr Raum lassen, damit sich jeder Leser auch selbst noch mehr Gedanken machen kann.

Die Psalmen transportieren ganz viele Gefühle und Gedanken. Es sind die Gefühle der einzelnen Psalmisten zu Gott. Es sind aber auch Gottes Gefühle für uns. Und oft fallen sie in den Psalmen zusammen. Es sind Gottes Gedanken, die ER über uns hat, eingepackt in eine wunderschöne Sprache.

Was mich immer wieder sehr traurig macht, ist, wenn als Argument gebraucht wird, dass die Bibel dort, wo sie besonders schöne, lyrische Sprache verwendet, weniger ernst, weniger wörtlich genommen werden solle. Da muss ich mich dann doch fragen, ob ein Liebeslied, das jemand seiner Frau schreibt, deshalb weniger ernst zu nehmen ist? Ich glaube nein.

Die Psalmisten denken und fühlen ganz stark. Wenn ich da in Psalm 42 lese: Wie ein Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele, o Gott, nach dir! (Ps 42:2), dann gehe ich zunächst einmal nicht davon aus, dass das eine Übertreibung oder ein rhetorisches Stilmittel ist, sondern die Korachiten, die diesen Psalm schrieben, wirklich einen immensen Durst nach Gott hatten. Einen Durst, der sich womöglich sogar physisch bemerkbar machte.

Doch sind die Psalmen nicht nur voll von Gefühlen und Gedanken – sie schreien geradezu danach, ausgesprochen, gesungen, aufgesagt zu werden. Und ich bin überzeugt, dass hier auch einer der Gründe für eine schöne Sprache der Psalmen liegt. Sie wollen so sein, dass man sie sich gut merken kann, um sie immer wieder im Alltag anzuwenden. Die Psalmen wollen, dass wir sie uns selbst immer wieder zusprechen.

Das finden wir auch an manchen Stellen, wie etwa in Psalm 103: Von David. Lobe den HERRN, meine Seele, und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Der dir alle deine Sünden vergibt und heilt alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit; der dein Alter mit Gutem sättigt, dass du wieder jung wirst wie ein Adler. (Ps 103:1-5)

David spricht hier zu sich selbst und hält seiner Seele die Versprechen Gottes vor, immer wieder. Und genau das ist für uns auch so wichtig. Dass wir unserer Seele die Vergebung Gottes zusprechen. Die Heilung Gottes zusprechen. Die Gnade Gottes zusprechen. Wie oft sind wir zu uns selbst gnadenlos – und wundern uns dann, wenn Zweifel aufkommen? Wie oft benehmen wir uns zu unserer Seele so, als wären wir unsere ärgsten Feinde?

Doch dann gehen die Psalmen auch weit über unser eigenes Wohlbefinden hinaus. Sie gehen hinaus ins Weltall, welches in die Psalmen mit einstimmt: Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündigt das Werk seiner Hände. Es fließt die Rede Tag für Tag, Nacht für Nacht tut sich die Botschaft kund. Es ist keine Rede und es sind keine Worte, deren Stimme unhörbar wäre. Ihre Reichweite erstreckt sich über die ganze Erde, und ihre Worte bis ans Ende des Erdkreises. Er hat der Sonne am Himmel ein Zelt gemacht. Und sie geht hervor wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, die Bahn zu durchlaufen. (Ps 19:2-6)

Das ganze Weltall mit allem, was darin ist, stimmt in das Lob Gottes und in den Ruf mit ein, der an die ganze Welt ergeht: Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Welt! Singt dem HERRN, preist seinen Namen, verkündigt Tag für Tag sein Heil! Erzählt unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern! Denn groß ist der HERR und hoch zu loben; er ist furchtbar über alle Götter. Denn alle Götter der Völker sind nichtige Götzen; aber der HERR hat die Himmel gemacht. Pracht und Majestät sind vor seinem Angesicht, Stärke und Herrlichkeit in seinem Heiligtum. Bringt dar dem HERRN, ihr Völkerstämme, bringt dar dem HERRN Ehre und Lob! (Ps 96:1-7)

Sei gesegnet!

Das krasseste Gebet der Psalmen

Eins hat mich die fast zweijährige Zeit mit den Psalmen gelehrt: Es gibt sooooo viele unterschiedliche Psalmen. Ich hatte lange das Vorurteil, dass Psalmen immer so ein ähnliches Schema haben, aber in Wirklichkeit sind sie sehr verschieden. Man findet echt für jeden Moment, für jede Gefühlslage, für jede Begebenheit einen Psalm.

Viele Psalmen beginnen einfach mit Gebet oder mit dem Hinweis auf den Autor und die Melodie. Zwischendurch gibt es aber auch welche, die einen Hinweis geben auf den Moment, in welchem sie geschrieben wurden. So etwa jener Psalm, den ich heute etwas näher ansehen möchte. Hier (Link) habe ich die Situation und den Psalm vor einiger Zeit als Gedicht verarbeitet.

Der Schlüssel zu Gottes Herz

In dem Psalm, welchen er in dieser Situation schrieb, machte König David eine Aussage, die das krasseste Gebet der Psalmen, vielleicht sogar der ganzen Bibel sind. Ja, am Kreuz betete der Herr Jesus auch ein sehr krasses Gebet, ER betete für Seine Feinde, die Ihn ans Kreuz nagelten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ich bin mir unschlüssig, welches der zwei Gebete ich krasser finden soll. In gewisser Weise sind sie sich ähnlich.

Davids Psalm enthält einen Schlüssel, der uns zum Herzen Gottes führt: Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten. (Psalm 51:19) Davor und danach hat sich David länger darüber ausgelassen, dass Gott eigentlich nicht so sehr an den Schlachtopfern interessiert ist. Ja, sie gehörten zum regelmäßigen, alltäglichen Gehorsam in der Zeit des Alten Testaments mit dazu. Sie waren ein Weg, mit dem Gott den Menschen zeigen wollte, dass Sünde etwas Schreckliches ist, was nur mit Blut und mit dem Leben eines perfekten Opfertiers, das man aufgezogen hat, für das man gesorgt hat, mit dem man einen persönlichen Preis bezahlt.

Mehr als mechanischer Gehorsam

Aber das Eigentliche, das, wonach sich Gottes Herz sehnt, ist nicht so sehr ein mechanischer Gehorsam. Der mechanische Gehorsam ist ganz klar immer noch besser als gar kein Gehorsam. Und trotzdem:

Der krasseste Moment im Leben eines Christen ist, wenn er zu Gott schreit: Herr, zerbrich mich! Nimm mich, forme mich, mach mein Herz von Herzen gehorsam, nicht mechanisch sondern aus Liebe zu DIR.

Und ich bin überzeugt: Wenn viele Menschen zugleich dieses Gebet neu entdecken, dann ist so vieles möglich. Dieses Gebet bedeutet gerade nicht: Herr, ich will meine Gaben und meine Persönlichkeit aufgeben und nur noch einen kleinen Bruchteil meines früheren Lebens. Im Gegenteil: Es bedeutet, dass Gott deine Kreativität und dein Wissen, deine Fähigkeiten und deine Gefühle nehmen darf und sie in etwas Neues verwandeln.

Es ist ein Leben, von dem Gott verspricht: Oder meint ihr, die Schrift rede umsonst? Ein eifersüchtiges Verlangen hat der Geist, der in uns wohnt; umso reicher aber ist die Gnade, die er gibt. Darum spricht er: »Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade«. […] Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen. (Jakobus 4:5-6.10)

Gestillte Seele aus Gott

Interessant ist, dass König David mit den Jahren gelernt hat, diese innere Unruhe zu stillen und gegen seine Sünde anzukämpfen. So konnte er in einem anderen Psalm schreiben: Ein Wallfahrtslied. Von David. O HERR, mein Herz ist nicht hochmütig, und meine Augen sind nicht stolz; ich gehe nicht mit Dingen um, die mir zu groß und zu wunderbar sind. Nein, ich habe meine Seele beruhigt und gestillt; wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie ein entwöhntes Kind ist meine Seele still in mir. Israel, hoffe auf den HERRN von nun an bis in Ewigkeit! (Psalm 131)

Ich habe meine Seele beruhigt, sagt David. Er hat Demut gelernt und Gott hat ihn erhört und erhöht. David hat gelernt, seiner Seele das Evangelium zu predigen. Vieles von dem, was uns zu schaffen macht, sind Dinge, die wir verdrängen. Ich darf in meinen Zeiten des Coachings (Link) auch vieles verarbeiten, wovon ich nicht dachte, dass es mir noch so sehr zu schaffen macht. Du darfst deiner Seele Gottes Gnade zusprechen und selber auch gnädig mit dir sein. Ein zerschlagenes Herz und ein zerbrochener Geist sind das ideale Material, mit dem Gott arbeiten kann.

Sei gesegnet!

40 Jahre nach Francis Schaeffers Todestag – was bleibt? und Rückblick

Nun ist drüben auf der Seite von E21 (Link) auch mein Gastbeitrag zu Francis Schaeffer erschienen. Hier ein kurzer Auszug.

Ein besonders eindrücklicher Schlüsselmoment im Leben von Francis Schaeffer war sein Umgang mit seiner Glaubenskrise. Es war um 1951/52 herum, als er merkte, wie wenig von Gottes Realität in der Christenheit übrig geblieben war. Wie sich alles nur noch um Rechthaberei oder liberale Theologie drehte. Die einen wollten Wahrheit in den Mittelpunkt stellen und vergaßen dabei die Liebe zu den Menschen; die anderen hoben die Liebe hoch und machten dafür Kompromisse mit Gottes Wort. Francis Schaeffer wanderte längere Zeit immer wieder allein in die Berge oder ging auf dem Heuboden auf und ab. Er betete, rang mit Gott und sich selbst – und ging alle Gründe noch einmal neu durch, weshalb er damals Christ geworden war.

Dieser Umgang mit Glaubenskrisen sollte für unsere Zeit zum Vorbild werden. Weniger Ablenkung, mehr Ringen, mehr Fragen, mehr den Zweifeln nachgehen. Ungelöste Zweifel führen zu einem unangenehmen inneren Grundgefühl, welches über längere Dauer zu einer Abneigung gegen den Glauben wird. Als Verantwortliche in Gemeinden und Jugendarbeit ist es entscheidend, dass wir Zweifel nicht verteufeln, sondern als ganz normalen Teil des Menschseins verstehen und den Betroffenen helfen, der Wahrheit Gottes auf den Grund zu gehen. Leider werden solche Zweifel in unserer Zeit viel zu schnell abgetan oder verdrängt, unter den Teppich gekehrt, wo sie weiter gären und wachsen. Für die damalige Nachkriegsgeneration wurde L’Abri zu einer Auffangstation, einer Zuflucht für Menschen mit solchen Krisen. Ihnen wurde geholfen, alle Grundlagen des Lebens neu zu durchdenken. Durch die geradezu pandemische Ausbreitung dieser Zweifel wäre es nötig, dass an jedem Ort ein solches L’Abri entstünde.“

Wer weiterlesen möchte, hier nochmal der Link:

https://www.evangelium21.net/media/4278/40-jahre-nach-francis-schaeffer-was-bleibt

Rückblick:

Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Serie, die dieses Jahr zu Schaeffer entstanden ist. Es ist wichtig, dass das nicht vergessen geht, was er aufgebaut hat, sondern dass vielmehr von ihm gelernt wird.

Hier noch einmal die Beiträge:

Mein Einstieg in die Serie:

https://blog.jonaserne.de/francis-a-schaeffer-serie-zum-40-todestag/1378/

Gastbeitrag von Pfarrer Beat Laffer-König, der unter Schaeffer studierte:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-francis-a-schaeffer-zu-seinem-40ten-todestag-2024/1380/

Pastor Kai Kreienbring, der zeigt, wie relevant Schaeffer für unsere Zeit ist:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-zu-francis-schaeffer/1382/

Carolin Schmitt, die mit dem Verein BASISlager Karlsdorf-Neuthard eine Art neues L’Abri gründete:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-edith-und-francis-schaeffer-ein-leben-das-spuren-hinterlaesst/1384/

Das Interview mit Ellis H. Potter, welcher sich in L’Abri bekehrte und lange Zeit dort mitarbeitete:

https://blog.jonaserne.de/interview-mit-ellis-potter-ueber-francis-schaeffer-und-labri/1389/

Marcel Haldenwang, der sein persönliches Gemeindeerleben durch Schaeffers Schriften reflektiert:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-persoenlicher-bezug-zu-francis-a-schaeffer/1391/

Uwe Brinkmann, welchem die Schriften von Schaeffer halfen, seinen Glauben nicht dekonstruieren zu müssen:

https://www.brink4u.com/2024/05/14/zum-40-todestag-von-francis-a-schaeffer-1912-1984-eine-persoenliche-reflexion/

Und schließlich noch mein E21-Beitrag, in welchem ich noch einmal ganz allgemein die Relevanz des Lebens und Schaffens der Schaeffers für unsere Zeit bespreche:

https://www.evangelium21.net/media/4278/40-jahre-nach-francis-schaeffer-was-bleibt

An dieser Stelle herzlichen Dank allen, die mitgewirkt haben.

Viel Segen bei der Lektüre!

Gastbeitrag zum 40. Todestag von Francis Schaeffer

Uwe Brinkmann hat auf seinem Blog (Link) seinen Gastbeitrag zu Francis Schaeffer veröffentlicht.

Kurzer Auszug:

Dass jemand, der die Bibel ernst nahm [1] und das Thema Weltmission [2] und Gemeinde [3] als Herzensanliegen verteidigte, sich gleichzeitig mit philosophischen Fragen beschäftigte [4] und sich „sogar“ mit Fragen der Kunst [5] und des Umweltschutzes auseinandersetzte [6] … –, das war für mich geradezu unerhört. Francis Schaeffer wurde in meinen frühen 20-ern zu einer wahnsinnig starken Ermutigung, die ganze geschöpfliche Wirklichkeit als die eine Welt Gottes zu verstehen und mein Leben nicht in einen religiösen und weltlichen Teil aufzuspalten.“

Herzliche Einladung, den Rest seines Beitrags im Original zu lesen:

https://www.brink4u.com/2024/05/14/zum-40-todestag-von-francis-a-schaeffer-1912-1984-eine-persoenliche-reflexion/

Gastbeitrag: Persönlicher Bezug zu Francis A. Schaeffer

von Marcel Haldenwang

Jonas Erne hat mich gebeten, anlässlich des 40. Todestages von Francis A. Schaeffer mit wenigen Worten darzulegen, was Schaeffer für mich persönlich bedeutet.

Man muss nicht alle seine ideengeschichtlichen Linien für plausibel halten – und sicher hat er hier und da bei seinen geistesgeschichtlichen Bezügen zumindest „didaktisch reduziert“, vielleicht auch unzulässig vereinfacht –, man muss auch den Verlust des gesellschaftlichen Einflusses durch Christen nicht wie er bedauern, aber eines ist für mich klar: Schaeffer hat wie kein Zweiter die Anfechtungen der Gläubigen durch das post-christliche Zeitalter und die Postmoderne vorweggenommen und darunter gelitten. Und ich verdanke Schaeffer an zwei Stellen meiner geistlichen Biografie entscheidende Impulse.

Der Bitte von Jonas komme ich daher gern nach und habe Schaeffer zu Ehren bereits vor einigen Jahren meinen Youtube-Kanal nach seinem Bestseller „Gott ist keine Illusion“ benannt.

Wir schreiben das Jahr 2017: Francis A. Schaeffer und die Gesetzlichkeit

Schon länger litt ich an der gesetzlichen Verengung meiner Glaubensgemeinschaft und Ortsgemeinde. Vergeblich hatte ich seit langer Zeit für das Thema zu sensibilisieren versucht. Doch Anachronismen wie die nach Geschlechtern getrennte Sitzordnung wurden verteidigt, als ginge es darum, die Jungfrauengeburt oder leibliche Auferstehung Jesu zu verteidigen. 2017 versuchte ich meinem Anliegen durch ein mehrseitiges Essay zum Thema Gehör zu verschaffen, blieb aber, wie es schien, unerhört. Schließlich sah ich mich genötigt, mit meiner Familie in der fünften (!) Generation meine Glaubensgemeinschaft und Ortsgemeinde zu verlassen. Damit einher gingen, wie ihr euch vorstellen könnt, der Verlust meiner Haltegruppe sowie Anfechtungen, ob meine Analyse richtig gewesen oder ob ich übers Ziel hinausgeschossen war.

Ich verschlang viele Bücher zum Thema und stieß dann bei Francis A. Schaeffer in bereits genanntem Buch auf einen Brief, den ein Student an Schaeffer gerichtet hatte. Darin schreibt der Student, dass seines Erachtens viele junge Leute aus frommen Familien in die Fänge der liberalen Theologie geraten seien, weil man sie nicht darüber aufgeklärt habe, was die absoluten Maßstäbe des Wortes Gottes und was lediglich Überbleibsel aus der Zeit des Viktorianismus seien. So hätten seine Kommilitonen geglaubt, die kleinbürgerlichen Normen und den Viktorianismus nur hinter sich lassen zu können, wenn sie auch die absoluten Maßstäbe des Wortes Gottes aufgäben und die Orthodoxie verließen. Schaeffer mahnt im Anschluss an diesen Brief seine Leser eindringlich, das Haus aufzuräumen statt es niederzubrennen.1 Diese Metapher traf mich wie der Blitz, und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Hatte ich nicht genau diesen Aufruf vernommen und versucht das Haus meiner Glaubensgemeinschaft aufzuräumen, damit es die nachrückende, akademisch gebildete Jugend nicht eines Tages niederreißen würde? Hatte ich nicht versucht zu sortieren, was bloße Tradition und durchaus veränderbar sein könnte und welche Überzeugungen und Lehrauffassungen zu den unveränderlichen Wahrheiten eines unwandelbaren Gottes gehörten?

Einige Zeit später stieß ich auf das Buch „Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts“, wo Schaeffer unter der Überschrift „Freiheit und Form“ seine Gedanken zum Thema exzellent weiter entfaltet:

Es gibt Form, und es gibt Freiheit. … Worum es mir in erster Linie geht, während wir dem Ende des 20. Jahrhunderts zugehen, ist einerseits, dass die … Kirche einen festen Platz hat und dass sie die Form einhalten sollte, die Gott geboten hat, dass uns aber anderseits ein weiter Spielraum für Veränderungen bleibt. Ich behaupte, dass wir Menschen nur mit eindeutigen Geboten der Schrift moralisch binden dürfen (dass wir darüber hinaus nur Ratschläge geben dürfen), dass wir ebenso in allen Bereichen, in denen das Neue Testament der Kirche keine Form vorschreibt, Freiheit genießen, die wir unter der Leitung des Heiligen Geistes ausüben sollen, um unserer besonderen Zeit und unserem speziellen Ort gerecht zu werden. … Mit anderen Worten: Das Neue Testament steckt gewisse Grenzen ab, aber innerhalb dieser Grenzen gibt es genügend Freiheit, sodass wir uns verschiedenen Orten und verschiedenen Zeitaltern anpassen können. … Wir müssen reden, wo die Schrift geredet hat. Wir müssen aber beachten, dass wir ebenfalls ihr Schweigen respektieren müssen. Innerhalb jeder Form gibt es Freiheit. … Gott hätte ja der Apostelgeschichte noch ein Kapitel anfügen und viel mehr Einzelheiten mitteilen können. Er hat es nicht getan. Und wir können doch nicht sagen, dass sich die Bibel irrt. Wir müssen glauben, dass nicht nur das, was uns gesagt ist, nach Gottes Willen und Inspiration letzte Gültigkeit besitzt, sondern auch, dass wir da, wo Gott schweigt, unter der Leitung des Heiligen Geistes Freiheit haben. Wenn die Kirche in einer sich wandelnden Zeit von ihrer Freiheit Gebrauch macht, dann wird es Kirchen geben, bis Jesus wiederkommt. Aber wir dürfen nicht zufällige historische Umstände oder behagliche soziologische Gegebenheiten aus der Vergangenheit mit Gottes absoluten Werten gleichsetzen, … Ist es nicht so, dass wir bibelgläubigen [sic] Christen oft gerade dann nicht mehr bibelgläubig sind, wenn wir soziologische Verhältnisse mit Gottes absoluten Werten gleichsetzen? Und ich bin überzeugt, dass das viele von euch unentwegt tun. Dadurch entsteht der Geruch der Verwesung, über den sich so viele Leute beklagen. Die ist die Wurzel eines großen Teils der Verwirrung in unseren christlichen Schulen und Kirchen: Man sieht nicht den Unterschied zwischen Gottes absoluten Werten und jenen Dingen, die lediglich ein Produkt historischer Zufälle sind. Ich habe den Vorteil, dass ich in vielen Ländern arbeite und gesehen habe, dass gottesfürchtige Menschen durch historische Gegebenheiten zu völlig unterschiedlichen Formen der Kirche geführt worden sind. Dasselbe gilt für verschiedenen Zeiten. Es hat Zeiten gegeben – besonders z. B. die Anfangszeit des Christentums –, in denen sich die Gemeinde nur in Privathäusern versammelte. Wer sich von Ihnen heute in einem schönen Kirchengebäude versammeln kann, der sollte Gott danken, dass Gott der Gemeinde entsprechend ihrer [sic] Bedürfnisse ein solches Gebäude geschenkt hat. Dieses Gebäude dürfen sie aber nicht mit einem absoluten Wert verwechseln. Verwechseln Sie nicht die Kirche mit einem Kirchengebäude. Das mag bis auf die Grundmauern niederbrennen. Aber die Zerstörung des Gebäudes zerstört nicht die Kirche. Es gab eine Zeit, in der sich die Kirche im Haus von Priska und Aquila versammelte. War diese Kirche deshalb weniger wert? Natürlich nicht. Aber das zeigt doch nur, dass der Heilige Geist zu verschiedenen Zeiten frei ist, verschieden zu führen. … Wir haben also Form und Freiheit. … Die Kirche soll bestehen, bis Jesus wiederkommt. Aber es muss ein Gleichgewicht zwischen Form und Freiheit geben, sowohl im Bereich der Gemeindeordnung, [sic] als auch in der praktizierten Gemeinschaft innerhalb der Kirche. Und es muss Freiheit unter der Leitung des Heiligen Geistes geben, das zu verändern, was verändert werden muss, damit die Kirche an ihrem Ort und zu ihrer Zeit veränderten Situationen gerecht werden kann. Andernfalls, glaube ich, wird die Kirche nicht als lebendige Kirche weiterbestehen können. Dann werden wir verknöchern und Christus aus der Kirche ausschließen. Dann werden seine Herrschaft und die Leitung des Heiligen Geistes leere Worte werden. Wir wollen dankbar sein, dass die Bibel uns eine bestimmte Form nennt. Dann müssen wir aber auch sorgfältig darüber wachen, dass wir uns nicht an unbiblische Formen binden, an Formen, die uns eine liebe Gewohnheit geworden sind, die aber in der Kirche des Herrn Jesus Christus keinen absoluten Rang haben. Abgesehen von den eindeutig festliegenden biblischen Normen, [sic] ist in der Ordnung und Arbeit der Kirche jede andere Einzelheit offengelassen, sodass sich die Kinder Gottes unter der Leitung des Heiligen Geistes darüber einigen können.2

Spätestens nach der Lektüre dieser Passagen war ich gewiss: Mein Dienst war zwar abgelehnt worden, aber mein Ansinnen hatte das Wohlwollen meines Herrn gefunden; wir waren nicht auf Abwegen und Gott würde uns als Familie nicht allein lassen auf der Suche nach einer neuen geistlichen Heimat!

Wir schreiben das Jahr 2022: Francis A. Schaeffer und die liberale Theologie

Die fanden wir dann auch nach einer mühsamen Odyssee durch unterschiedliche Gemeinden auf der Suche nach einer bibeltreuen. Die Geschwister einer „freien Brüdergemeinde“ in der Nachbarstadt nahmen uns schließlich herzlich auf, vertrauten uns schon bald verantwortungsvolle Aufgaben an, und mit Siegfried L. wurde mir ein echter väterlicher Freund und Vater in Christo geschenkt. Durch ihn wurden wir auch mit der Arbeit des Gideonbundes bekannt gemacht und schon bald Gideon-Mitglieder und Truckermissionare – ein Dienst, der mir schon lange am Herzen gelegen hatte, den ich aber auf eigene Faust nicht zu beginnen gewagt hatte.

Leider machte der geistliche Kampf auch in der neuen Glaubensgemeinschaft nicht lange Pause. Wir hatten uns gerade von der zurückliegenden Kontroverse um die (mutmaßliche) gesetzliche Verengung und dem Verlust unserer geistlichen Heimat erholt, als zur Dillenburger Konferenz der neuen Glaubensgemeinschaft im Jahr 2022 ein Gastreferent geladen wurde, der – akademisch verbrämt, aber unübersehbar – den Sühnungstod Jesu relativierte. Auch jetzt, beim Kampf an der entgegengesetzten Front, wo es dem Einbruch der liberalen Theologie zu wehren galt, war ich angesichts heftiger Gegenrede bisweilen verzagt und mir unsicher, ob ich ein Mandat Jesu besaß für diesen Kampf.

Da stieß ich beim Lesen einer Spurgeon-Biografie mit dem Titel „Spurgeon, wie ihn keiner kennt“ auf die von ihm mit seinem Baptistenbund ausgefochtene Downgrade-Kontroverse, bei der es auch bereits um den Einbruch von Bibelkritik, Allversöhnung und der Leugnung des Sühnungstodes ging. Ich sah sofort manche Parallelen zu den „Freien Brüdern“, die zunehmend offensichtlich auch keine Probleme damit hatten, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die bibelkritisch oder allversöhnlich waren oder gar den Sühnungstod Jesu relativierten. Ein Freund, der darum wusste, in welch schwerer See ich gerade unterwegs war, schrieb mir, dass auch Schaeffer bei seiner Auseinandersetzung mit solchen Angriffen auf den Kern des christlichen Glaubens Anleihen genommen hatte bei der Downgrade-Kontroverse. Die Tonaufnahmen, auf die er mich verwies, waren mir im Jahr 2022 eine große Hilfe und geistliche Stärkung.3

Mir gab zu denken, wenn auch Schaeffer sagt,

– dass der Konflikt ein alter ist und anhalten wird bis zur Wiederkunft Jesu,

– dass auch renommierte Namen vor Verführung nicht schützen,

– dass viele entgegen ihrer Erkenntnis in unseligen Jochgemeinschaften verbleiben,

– dass gemeinsame Evangelisation oft das Einfallstor für kompromittierende theologische Jochgemeinschaft ist,

– dass das Ringen um Reinheit der sichtbaren Kirche es evtl. erfordert, eine liebgewonnene Glaubensgemeinschaft zu verlassen,

– oder dass Kompromisse die nächste Generation in Gefahr bringen u. v. a. m.

Ich fühlte mich durch Schaeffer und Spurgeon gewissensmäßig vor die Wahl gestellt, in eine Gemeinde zu gehen, wo man ungestraft Gemeinschaft haben darf mit Leuten, die Fragen der Kategorie 1 (Sühnungstod) relativieren, oder aber in eine Gemeinde zurückzukehren, die wir 2017 verlassen hatten, weil wir glaubten, dass dort unwichtigen Gewissensfragen ein zu hoher Stellenwert eingeräumt wurde. Wir kamen zu dem Entschluss, dass die Gemeinde vorzuziehen ist, wo man sensibel dafür ist, dass auch Verbindung mit Irrlehre beschmutzt. Meine Frau und ich kehrten daher Anfang 2023 nach großen geistlichen Kämpfen in unsere vormalige Glaubensgemeinschaft zurück; Corona hatte zumindest in Bezug auf die Sitzordnung zu einer Auflockerung der anachronistischen Form geführt.

Wir schreiben das Jahr 2023: Francis A. Schaeffer und die heutigen Bibelschulen

Erst in den vergangenen Herbstferien las ich Schaeffers letztes Buch, das er – bereits schwer gezeichnet von seiner Krebserkrankung – in dem Jahr herausbrachte, das sein Todesjahr sein würde: „Die große Anpassung. Der Zeitgeist und die Evangelikalen“.

Abermals stellt Schaeffer präzise und mit Verve heraus, wie entscheidend das Schriftverständnis ist – für ihn neben der Haltung zum Lebensschutz einer der beiden Lackmustests für Bibeltreue –, um als Christ dem Druck des Zeitgeistes etwas entgegenzusetzen.

Als tragisch empfinde ich, dass Stephan Holthaus (zusammen mit dem geschätzten Historiker Lutz von Padberg) noch im Vorwort schrieb:

Die Bibelfrage bleibt die Wasserscheide. Sie wird den weiteren Weg der Evangelikalen bestimmen. Werden sie den Weg vieler Institutionen und Werke gehen, die einflussreich und bibeltreu anfingen, aber bedeutungslos und liberal endeten, oder lassen sie sich zurückrufen zur Irrtumslosigkeit der ganzen Schrift, mit dem sie begannen und das ihnen ihre Existenzberechtigung gab gegenüber allen Ideologien und Theologien unserer Tage?

Die FTH Gießen ist mit ihrer Bibelkritik im Gewand der Bibeltreue und v. a. Armin Baums Hermeneutik leider in genau die Falle der kulturellen Relativierung von Gottes Wort getappt, vor der Schaeffer so hellsichtig gewarnt hatte (vgl. u. a. S. 71).

Fazit: Francis A. Schaeffer und der „christliche Realismus“

Wie man Gemeinde in die Gegenwart transformiert, sodass die inhaltliche Substanz erhalten bleibt, aber glaubensferne Menschen und Christen anderer Prägung auf der Suche nach einer bibeltreuen Gemeinde nicht abgeschreckt werden durch Äußerlichkeiten, treibt mich nach wie vor existentiell um. Francis A. Schaeffer war mir bei diesem Ringen in den vergangenen Jahren sieben Jahren eine große Hilfe. Schaeffer ist mir auch deswegen zu einem großen Glaubensvorbild geworden, weil er nicht nur um Orthodoxie, sondern auch um „Orthopraxis“ rang; ihm war klar, dass Bibeltreue nur dann glaubwürdig vertreten wird, wenn ihre Adepten auch ein Leben in der Nachfolge Jesu führen.

Dabei war er sich der Gefahr bewusst, in der jeder christliche Apologet steht: Man kann in seinem Eifer für die biblische Wahrheit übers Ziel hinausschießen und in die Falle des Rigorismus tappen oder man kann dem Anpassungsdruck nachgeben und faule Kompromisse eingehen. Bemerkenswert finde ich daher, wie er unter der Überschrift „christlicher Realismus“ beiden Reaktionsweisen auf die Beliebigkeit der Postmoderne entgegentritt. Diesen Rat möchte ich uns anlässlich seines 40. Todestages abschließend in Erinnerung rufen:

[Wir brauchen] jeden Tag die Hilfe des Sohnes Gottes, denn aus eigener Kraft schaffen wir es nicht. Wir müssen ihn seine Furcht in uns wirken lassen. Wir können in unserer alten Natur Orthodoxie verkünden, und wir können in unserer alten Natur faule Kompromisse schließen. Unser Auftrag lautet jedoch ganz anders: Wir sollen mit Gottes Hilfe in unserer Generation Gott und sein Wesen sichtbar machen. An uns soll sich zeigen, dass er ein persönlicher, heiliger und liebender Gott ist. Unserer alten Natur nach können wir entweder rechtgläubig oder liebevoll und kompromissbereit sein. Eines aber können wir in unserer alten Natur nicht – wir können nicht gleichzeitig Gottes Gerechtigkeit und Liebe in unserem Leben sichtbar machen: das ist nur durch das Wirken des Heiligen Geistes möglich. Alles aber, was weniger darstellt, ist nicht Abbild Gottes, sondern eine Karikatur Gottes, der existiert.4

1 Vgl. Francis A. Schaeffer, Gott ist keine Illusion. Ausrichtung der historischen christlichen Botschaft an das zwanzigste Jahrhundert (Wuppertal: 1971), S. 181).

2 Francis A. Schaeffer, Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (21973), S. 73 f., 77, 79-84.

3 https://www.labriideaslibrary.org/IdeasLibraryDatabase/The-Battle-With-Liberalism-In-The-Time-Of-Spurgeon?fbclid=IwAR3jaHJM9Y6xuM-CC48AV1drWnvqB9mb6B3I2QrAQmXa0soM97wgEDAt3Mw

4 Schaeffer, Gott ist keine Illusion, S. 172.

Interview mit Ellis Potter über Francis Schaeffer und L’Abri

Jonas (J): Hallo Ellis, danke für deine Bereitschaft zu einem Interview. Kannst du unseren Lesern etwas zu deinem persönlichen Hintergrund erzählen? Auf deiner Homepage habe ich gelesen, dass du ein früherer Mönch im Zen-Buddhismus warst. Wie kamst du da nach L’Abri?

Ellis (E): Ja, ich wuchs in Kalifornien in einer christlichen Familie auf. Und dann begann ich, Fragen zu stellen, welche die Christen nicht beantworten konnten. So dachte ich, dass der christliche Glaube nicht wahr sei. Ich war an den Absoluta des Lebens interessiert und wollte wissen, wie hoch es nach oben geht, wie fern die Ferne geht. Was kommt am Ende des Universums? Die Christen in meiner Umgebung konnten das nicht beantworten. Inzwischen habe ich Christen getroffen, die von der Bibel her Antworten darauf aufzeigen können. Doch damals konnte mir das niemand erklären. So begann ich umherzuschauen, ob irgendwer an den Absoluta des Lebens interessiert war, und ich fand heraus, dass die Zen-Buddhisten sich darüber Gedanken machten. Deshalb las ich einige Bücher über den Zen-Buddhismus und begann zu meditieren und besuchte ein Zen-Kloster in Los Angeles. Nach einer Weile fand ich ein näher gelegenes Kloster in den Bergen, das ich häufiger besuchen konnte. Mit etwa 25 Jahren habe ich dann alles zurückgelassen, alles verkauft und begann im Kloster zu leben. Das Leben im Kloster war sehr streng und diszipliniert. Nach und nach begann ich zu reisen und habe verschiedene Kloster besucht. Irgendwann kam ich auf diesen Reisen nach Europa. Ein Freund, den ich noch aus Kalifornien kannte, reiste mit mir, ein Christ, und wir besuchten verschiedene Kloster. Damals dachte ich, mein Ziel sei Japan, das Zentrum des Zen-Buddhismus. Dieser Freund wollte nach L’Abri, was ich nicht kannte. Er erzählte mir: Das ist eine Gemeinschaft von Christen, die denken. Ich sagte nein, das konnte ich nicht glauben. Als wir zusammen da waren, mochte ich L’Abri überhaupt nicht. Es war alles laut und geschäftig, mit Kindern und Hunden, und die redeten während sie aßen. Ich war das anders gewohnt. Im Kloster ist es ruhig, leise. So ging ich weiter nach Italien, wo ich Tee-Zeremonien kennenlernte. Und Tee, den ich heute noch trinke. Doch nach vier Monaten hatte ich genug von meinen Versuchen, Italienisch zu sprechen und vermisste meinen Freund. So kam ich nach L’Abri zurück.

Bekehrung

J: Und dort hast du dich dann bekehrt?

E: Ja, ich wurde dann dort Student und studierte den Römerbrief durch Vorlesungen, die Schaeffer auf Tonband aufgenommen hatte. Und dann wurde ich Christ. Zum Teil gegen meinen Willen. Ich wollte nicht Christ werden, denn die Christen, die ich kannte, mochte ich nicht besonders. Aber der christliche Glaube wurde überzeugend. Der wichtigste Grund, weshalb ich Christ wurde, war, weil er mir klar wurde. Es braucht weniger Glauben, um an den christlichen Gott zu glauben als an irgend etwas anderes. Eines Abends las ich Schaeffers Buch „Escape from Reason“, und als ich vom Buch aufschaute, hatte das ganze Universum seine Form geändert. Alles hatte einen neuen Fokus. Das war das Wirken des Heiligen Geistes in meinem Leben. Es war eine Mischung aus Logik, Gnade und Gottes Wirken, die mich vom christlichen Glauben überzeugt haben.

J: Das finde ich spannend. Bei einigen Personen, die sich in L’Abri bekehrt haben, las ich, dass auch die Gemeinschaft, das gemeinsame Leben, Gebet, und so weiter etwas war, was sie auch mit überzeugt hat. Wie war das bei dir?

E: Ja, die Gemeinschaft ist ein wichtiges Element von L’Abri. Es ist eine einmalige Art von Gemeinschaft, denn es ist kein Kloster, keine Kirche oder Gemeinde, keine akademische Institution. L’Abri hat sich als Mission gesetzt, eine Zuflucht für alle zu sein, die Zuflucht brauchen. Es ist eine offene Gemeinschaft innerhalb der Grenzen des vorhandenen Platzes. Jeder, der kommt, ist willkommen. Es gibt keine Voraussetzungen, kein Anmeldeformular, kein Ziel, wie die Gemeinschaft geformt werden soll. L’Abri lebt vom Gebet. Eine Art extremes Glaubenswerk. Wenn du in L’Abri mitarbeitest, darfst du keine Spendenaufrufe machen, keine Werbung. Es wird gebetet und auf Gott gewartet. Jeder, der an die Türe klopft, wird als jemand betrachtet, den Gott gesandt hat. Egal, wie alt oder jung jemand war, wie gebildet oder ungebildet. Jeder, der herein kommt, bestimmt durch seine Anwesenheit mit, wie sich L’Abri weiter entwickelt. In gewisser Weise ist L’Abri sehr passiv. Andere Werke haben einen Plan, wie sie sich entwickeln wollen. L’Abri hat keinen Plan. L’Abri ist unstrategisch. Diese Art von Gemeinschaft war für viele Menschen etwas ganz Besonderes. Für mich war Gemeinschaft insofern nichts Neues, da ich aus Klostern schon Ähnliches kannte. Aber für viele war das eindrücklich. Was mich mehr beeindruckt hat, war die Bibel und die tiefe pastorale Fürsorge der meisten Mitarbeiter.

Schaeffer und das 21. Jahrhundert

J: Eine andere Frage: Man hört ja häufig, dass Francis Schaeffer eine prophetische Stimme war, die vieles von dem vorhersah, was inzwischen eingetreten ist oder sich verstärkt hat. Was würdest du dazu sagen?

E: Ja, Francis Schaeffer war sich in der westlichen Kultur sehr bewusst, was um ihn herum ablief. Er konnte Tendenzen sehen, wie sich vieles weiter entwickeln würde. Ein Thema, das er immer wieder ansprach, war die westliche Suche nach dem persönlichen Frieden und Wohlstand. Dass der Hauptpunkt des Lebens sich immer mehr dorthin verlagert, wie es mir geht, mein Selbstbewusstsein, mein psychischer Zustand, meine Stabilität. Alles dreht sich immer mehr um mich selbst. So gibt es weniger Ehen, weniger Familien, weniger Gemeinschaft, und die Gemeinden sind geschwächt und verschwinden, weil der Fokus immer mehr auf das Ich gelegt wird anstatt auf den Anderen. Und ich denke, das war das Zentrale, was Schaeffer sah.

J: Ja, das sehe ich auch immer mehr zunehmen. Was denkst du, wenn die Familie Schaeffer heute, im 21. Jahrhundert in die Schweiz ziehen würden um ein Werk aufzubauen, würden sie etwas anders machen als damals?

E: Ich denke, dass sie im großen Ganzen dieselbe Arbeit aufbauen würden. Allerdings wäre der Zustand der Menschen, die kämen, ein ganz anderer. In der Zeit, als ich in L’Abri mitarbeitete, hatten wir zu einem Zeitpunkt mehrere Menschen mit psychischen Problemen. Es war sehr schwierig zu der Zeit, sie haben die Gemeinschaft etwas gestört und wir waren nicht genügend qualifiziert um mit manchen der Probleme umzugehen. So haben wir uns als Mitarbeiter darüber unterhalten, wie wir damit umgehen sollten. Sollten wir uns schützen, indem wir Schranken aufrichten? Schaeffer sagte etwas, das uns alle schockierte. Er sagte: Wenn uns der Herr nur noch die psychisch Kranken herschickt, dann ist das unsere Aufgabe. Aber wir beteten viel für diese Situation, und ich glaube nach wie vor, dass Gott uns da arg beschützte und dafür sorgte, dass wir nicht überfordert wurden. Dennoch waren fast alle, die kamen, in irgend einer Krisensituation. Menschen mit Veränderungen im Leben. Mit Entscheidungen, die sie treffen mussten. Jüngere Menschen, die gerade ihr Abitur abgeschlossen hatten und mit Fragen kamen, die ihre Eltern und Pastoren nicht beantworten konnten. Menschen, die nach der Schule nicht wussten, welchen Beruf sie wählen sollten. Menschen, die herausfinden mussten, ob der christliche Glaube wirklich wahr ist. Oder Menschen in ihren 40ern und 50ern, die ihre Kinder groß gezogen hatten und sich nun fragten: Was soll ich jetzt? Was ist jetzt der Sinn meines restlichen Lebens? Manche kamen mit Krisen unter der Fassade, die erst einmal nur etwas studieren wollten. Und dann nach drei oder vier Wochen in der Gemeinschaft kamen dann die richtigen Krisen plötzlich zum Vorschein.

Die Botschaft der Schaeffers

J: Nun haben die Schaeffers doch ein paar Bücher geschrieben. Ich kenne die große Gesamtausgabe der Werke von Francis in den fünf Bänden. Aber das ist für manche Leser etwas einschüchternd. Was wäre ein guter Einstieg oder eine gute Reihenfolge für junge Leser?

E: Das kommt sehr stark auf die Personen an. Wer sind sie? Was ist ihr Hintergrund? Akademisch oder nicht? Geht es um die Diskussion von philosophischen Ideen? Brauchen sie mehr ein pastorales Buch? Darauf kommt es an. Vielleicht „Gott ist keine Illusion“ oder „Und er schweigt nicht“. Und dann würde ich die Bücher von Edith Schaeffer mit einbeziehen. Wenn die Person etwa eine schwierige familiäre Situation hat, oder sich unsicher fühlt oder orientierungslos ist, würde ich Bücher von Edith Schaeffer zu Beginn empfehlen. Ihr Buch „L’Abri“ erzählt die Geschichte der Gemeinschaft. Bis etwa zu ihrem 70. Geburtstag hat sie noch geschrieben. Über viele Themen: Familie, Musik, Kunst.

J: In unserer Zeit hört man ja immer wieder von bekannten christlichen Pastoren und Leitungspersonen, die Vorbilder für viele waren und plötzlich gibt es Skandale, dass sie in Sünde gefallen sind, dass sie Fehler vertuscht haben. Gibt es aus dem Fundus der Schaeffers ein Hilfsmittel, wie man damit am besten umgeht?

E: Ja, da gibt es oft einen extremen Fokus auf bestimmte Menschen, die im Rampenlicht stehen. Dieser Fokus verzerrt eigentlich die Vision des ganzen und ganzheitlichen Christenlebens, wenn alles auf den sichtbaren Bereich dieser Personen gerichtet ist. Man ist heute so stark auf diese einzelnen Personen fokussiert und dann brechen plötzlich Gemeinschaften zusammen. L’Abri war über 60 Jahre lang auf eine relativ kleine,m ruhige Art aktiv. Der Fokus ist nicht auf die bekannten Studenten und Mitarbeiter gerichtet, sondern darauf, in Gemeinschaft und Gastfreundschaft zu dienen. Diese Prinzipien haben sich über die Jahrzehnte nie geändert. Es beginnt immer an der Basis. So ist L’Abri ganz etwas anderes als eine Bewegung.

J: Vielen Dank. Gibt es zum Abschluss unseres Interviews noch etwas Besonderes, was du auf dem Herzen hast, was du mit unseren Lesern teilen möchtest?

E: Ich möchte nichts von mir persönlich teilen, weil ich denke, das ist nicht wichtig. Aber einen Gedanken möchte ich mitgeben. Schaeffer war es immer wichtig, vom Gott zu erzählen, der nicht schweigt. Der Gott, der spricht. Gott spricht in Worten. Und Schaeffer legte großen Nachdruck darauf, dass Gott die Wahrheit klar und lebendig spricht. Und ich sehe, dass dies in unserer Kultur und im christlichen Leben immer weniger betont wird. In all meinen Büchern, Reisen und Vorlesungen versuche ich das weiterzugeben: Wahrheit sprechen und verstehen und unterstützen was wir sagen, anstatt nur Plattitüden und ein paar auseinandergerissene Teile der Bibel zu zitieren. Das ist ein Teil von Schaeffers Werk, was ich feststelle. Ich sehe, dass es immer notwendiger wird, weil wir sonst immer mehr in ein Chaos und Dunkelheit fallen. Das ist es, wozu ich Menschen ermutigen möchte: Übernehmt Verantwortung für was ihr sagt und hört sorgfältig zu. Fragt immer wieder: Was meinst du wirklich damit?, sodass eine echte Verbindung entstehen kann. Das Erste, was wir von Gott wissen in der Bibel ist, dass Er spricht. Und da greift auch der Teufel an und attackiert uns und bringt unsere Sprache durcheinander. Er verstümmelt sie, macht sie unklar, unwahrhaftig und unverbindlich. Und dann werden wir immer weniger wie Gott. Denn Gott ist immer ganz klar und verbindlich und übernimmt die Verantwortung und alle Konsequenzen für das was er sagt. Das wäre meine Botschaft an die Welt. Danke!

J: Vielen Dank für das Gespräch!

Ellis H. Potter war viele Jahre Mitarbeiter in L’Abri und später Pastor in Basel. Er hat einen Reisedienst und ist Autor mehrerer Bücher. Seine Homepage (englisch) ist hier zu finden (Link)