Die Hundert

Werding ist ein kleines Städtchen im Rheinland, etwa 17000 Einwohner zählte es zur Zeit, als sich diese Geschichte zutrug. Der Bürgermeister, Anton Holzhau, ein strammer Sozialdemokrat, hatte von einem seiner zahlreichen Freunde aus der Wirtschaft eine Spende bekommen. Der Freund möchte natürlich anonym bleiben. So ließ er ein Benachteiligungsgremium im Stadtrat gründen, woraufhin dieser folgenden Aushang formulierte:

Aufgrund einer anonymen Spende in Höhe von 50.000 € wird die Stadtverwaltung in Kooperation mit Diakonie, Tafel und Jugendamt ab dem 15. Dezember insgesamt 100 Geschenkpakete an besonders benachteiligte Menschen unserer Stadt verteilen. Die Auswahl erfolgt nach einem abgestimmten Kriterienkatalog. Die Verteilung erfolgt anonymisiert und wertschätzend. Jede und jeder kann teilnehmen. Die Teilnahmebögen liegen im Rathaus aus, ebenso können sie von der Website unserer Stadt in der Rubrik „Bürgerservice“ heruntergeladen und ausgedruckt werden.“

Tim hatte ihn schon am ersten Tag entdeckt. Der Aushang hing an der Tür des Jugendzentrums, am schwarzen Brett der Schule, in der Bäckerei, in der seine Mutter manchmal Brot holte. Immer gleich formatiert. Weißer Hintergrund. Blaue Schrift. Kein Logo. Nur unten rechts das Wort „Koordinationsstelle“.

Die Zeitung schrieb von einer „großartigen Geste gelebter Solidarität“. Die Kirche nannte es „Nächstenliebe ohne Namen“. Im Rathaus sprach man von „einmaliger Chance“. Und in seiner Klasse sagte irgendjemand: „Boah, krass. Hundert Geschenke. Aber halt nur für die mit Punkten.“

Tim stand eine Weile vor dem Zettel. Las ihn noch einmal. Dann ein drittes Mal. Er war zwölf. Nicht auffällig groß, nicht klein. Er hatte braune Haare, die linke Augenbraue war leicht schräg von einer Narbe, die niemand bemerkte. Seine Eltern waren getrennt, aber nicht verfeindet. Er wohnte bei seiner Mutter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon zum Innenhof. Alles war sauber, nur ein bisschen vollgestellt. Die Wände in der Küche waren mit Erinnerungszetteln tapeziert: Termine, Einkaufslisten, Postkarten von Menschen, die weiter weg wohnten als sie.

Er hatte kein eigenes Zimmer, sondern eine ausklappbare Schlafcouch. Er war daran gewöhnt. In der Schule war er okay. Nicht unbeliebt, aber auch nicht beliebt. Kein Mobbing, doch da war auch niemand, der sich zu ihm setzte, wenn die Plätze frei waren. Er war einfach nur da. Manchmal übersahen ihn die Lehrer und vergaßen, ihn aufzurufen. Manchmal sagte seine Mutter: „Du bist mein Anker.“ Er wusste nicht genau, was das heißen sollte.

Sein bester Freund, Leon, war sich sicher, dass er unter die 100 Plätze kam. Er war als kleines Kind mal zwei Monate in der Kinderklinik. „Wegen Sachen“, hatte er gesagt. Tim hatte nicht gefragt. Manchmal sprachen sie nur durch Blicke. Leon konnte das.

Als Leon sagte, dass er wahrscheinlich dabei sei, wegen seiner Akte, nickte Tim. Und nickte weiter, auch als ein Teil in ihm schrie: „Und ich?“ Er sagte sich: Ich will kein Mitleid. Ich will nur zählen. „Ich bin nichts Besonderes. Nicht mal traurig genug.“ Tim hätte sich gewünscht, dass irgendwann mal irgendwer zu ihm sagen würde: „Dich vergessen wir nicht.“ Aber niemand sagte das je zu ihm. Leon meinte da noch zu ihm: „Wäre doch schön, wenn wir beide ein Paket bekämen.“ Tim nickte wieder und senkte den Kopf.

Die Liste war geheim, aber nicht unsichtbar. Irgendwer wusste immer irgendwas. In der Pause sagte einer: „Wenn du mal wohnungslos warst, kriegst du direkt drei Punkte.“
Ein anderer: „Meine Schwester hat nur wegen Migräne einen Punkt bekommen.“ – „Wenn du geschieden bist, kriegst du nix – aber wenn du in Pflege warst, vielleicht.“ Es gab keine offiziellen Kriterien. Nur das Gefühl, dass es welche geben musste. Ein Plakat am Rathaus zeigte das: „Bitte keine Fragen zu den genauen Kriterien“.

Tim fragte seine Mutter beim Abendessen. Sie sah kurz auf, schob sich den Ärmel hoch. „Wahrscheinlich nach Akte. Das wird schon irgendwie geregelt.“ – „Und wenn man keine Akte hat?“ – „Dann braucht man’s vielleicht nicht.“ Das klang wie ein Schlussstrich. Es war aber keiner.

In der Schule fragte er seinen Geschichtslehrer. „Was ist, wenn man sich unsicher ist?“ Der Lehrer lächelte. „Dann sei froh, dass du nichts brauchst.“ Doch Tim war nicht froh. Er fing an, sich selbst zu beobachten. Bauchweh beim Aufwachen. Schlafprobleme. Schüchternheit. Vielleicht reichte das? Er notierte still alles in ein Heft, das eigentlich Mathe sein sollte. „Ich mag es nicht, wenn es laut ist“, schrieb er. „Ich hab Angst, dass ich gar nichts kann.“ Später malte er in der Ecke des Blattes ein kleines Kreuz. Vielleicht zählte auch das.

In der Stadt veränderte sich eine ganze Menge. Werding war dafür bekannt, dass alle fleißig, zufrieden und schlicht sind. „Es geht uns gut,“ sagte man schon immer, „wir sind Werdinger, wir werden was.“ Doch nun waren alle Hausärzte auf Monate ausgebucht, ebenfalls die Zahnärzte. Auffällig viele Einwohner liefen mit Tüchern um die Backen herum, als gäbe das Bonuspunkte. Die Industrie begann, nach Arbeitskräften aus den benachbarten Orten zu suchen, da sich so viele entweder krank gemeldet oder gleich ganz gekündigt hatten, in der Hoffnung, dass Arbeitslosigkeit viele Punkte gab. Im Wartezimmer spekulierte eine ältere Dame, die Frau Langhans, mit ihrer Nachbarin darüber, ob ein gebrochenes Bein oder ein gebrochener Arm mehr Punkte gäben.

Am Freitag nach der Schule füllte Tim ein Formular aus. Er konnte nicht viel ankreuzen. Ja, er hatte mal einen Unfall mit der Türklinke. Von da stammte die Narbe an der Augenbraue. Aber unten gab es ein freies Feld. Dort konnte man Ergänzungen machen, die einzeln beurteilt wurden. Er schrieb:

Ich habe Bauchschmerzen, oft. Meine Eltern sind getrennt. Ich hab kein eigenes Zimmer. Ich fühl mich oft allein. Manchmal wünsche ich mir, dass ich jemand anderes bin.“

Er las es dreimal. Dann gab er es ab. Im Büro der Schulsozialarbeiterin. Sie sagte: „Danke dir.“ Und legte das Blatt in eine Mappe. Drei Tage später fragte er nach. „Es wird gesammelt und weitergegeben“, sagte sie. Mehr nicht.

Am Mittwochabend saß er in der Küche, allein. Die Mutter war bei der Spätschicht. Tim dachte an den Tag, als Leon auf dem Pausenhof geweint hatte. Wie Tim daneben stand, nicht wusste, was tun. Jetzt wusste er es. Schmerz zählt. Schmerz zeigt, dass du existierst. Auf dem Tisch lag ein Kugelschreiber, offen. Die Schublade war halb herausgezogen. Er wusste nicht, ob es wirklich nötig war. Er wusste nur, dass es die letzte Option war, ohne Lüge.

Er legte den kleinen Finger zwischen Rahmen und Schublade und schob vorsichtig zu. Nicht mit Gewalt, doch mit Entschlossenheit. Es knackte leise. Der Schmerz war da. Tränen auch, doch nicht so viele. Am nächsten Tag trug er den Finger verbunden. In der Notaufnahme hatte er gesagt, es sei die Schublade gewesen. Der Arzt hatte gefragt: „Absicht?“ Tim hatte den Kopf geschüttelt. Der Arzt hatte genickt, aber auf dem Entlasszettel stand:

Nicht ausgeschlossen, dass selbst zugefügt.“

Der Sitzungssaal war vorweihnachtlich dekoriert, als wolle man alles abfedern, was gesagt wurde. Goldene Kugeln am Fenster, ein bunter Teller mit Lebkuchen auf dem Pult. Bürgermeister Holzhau trat ans Rednerpult und räusperte sich. „Werding hat Gesicht gezeigt“, sagte er. „Und Herz.“

Totale Stille. Der Ausschuss für Öffentliches Leben war vollzählig anwesend, ebenso Vertreter der Presse. Auch Frau Saaler, die Rektorin der Grundschule, saß da, den Mantel noch an. Sie wirkte blass.

Holzhau fuhr fort: „Ich möchte daran erinnern, dass dieses Projekt aus einer anonymen Spende erwachsen ist – ohne politischen Hintergrund. Es geht nicht um Bewertung. Es geht um Würdigung.“ Er betonte das letzte Wort, als sei damit schon alles gesagt.

Frau Saaler hob die Hand. „Wir haben Rückmeldungen aus den Klassen. Ein Schüler hat sich mutmaßlich selbst verletzt. Ein anderer ist seit Tagen nicht mehr aufgetaucht.“ Ein Raunen. Holzhau nickte langsam. „Wir nehmen jede Rückmeldung ernst. Aber wir dürfen nicht einzelne Fälle dramatisieren. Wollen Sie den Kindern etwa sagen, dass es sich nicht lohnt, gesehen zu werden? Dass nichts zählt?“

Ich möchte nur, dass keiner denkt, er muss sich etwas antun, um zu zählen“, sagte Frau Saaler leise.

Das System zählt. Und wer wirklich Bedarf hat – bekommt Hilfe. Das ist gelebte Gerechtigkeit.“

Ein leises Klopfen am Tisch kam von Herrn Dorn, dem Vertreter der Diakonie. „Wir könnten eine Gesprächsgruppe anbieten. Für Kinder, die sich ausgeschlossen fühlen.“

Und dann?“ fragte Holzhau. „Zählen wir die dann mit? Wenn sie gut genug fühlen, was sie nicht haben?“

Er lachte, doch blieb er damit allein. Die Stille danach dauerte unangenehm lange.

Am nächsten Morgen auf dem großen Schulhof. Der Nebel lag tief. Drei Jungs standen am Rande des Fußballplatzes, einer davon Jannis, neun Jahre alt, schmal, Brille mit Klebeband notdürftig geflickt. „Du bist gar nicht arm genug“, sagte einer der beiden anderen. „Du bist doch Streber.“ Jannis zuckte die Schultern. „Meine Mama sagt, wir haben nix extra.“ – „Also kein Paket“, sagte der zweite. – „Nee“, sagt Jannis. „Ich hab gesagt, ich hab manchmal Bauchweh, aber das reicht nicht.“ – „Dann sag einfach, du bist oft traurig. Oder du hast Angst.“ – „Ich hab das aber nicht.“ – „Ist doch egal. Hauptsache Punkte.“ Jannis setzte sich auf eine Bank, zog den Reißverschluss bis zur Nase hoch. Dann sagte er, fast zu sich: „Vielleicht ist was mit meinem Kopf. Vielleicht merkt das nur keiner.“

Herr Möhl, der Geschichtslehrer, saß im Lehrerzimmer und goß sich Kaffee nach. Frau Saaler kam herein, ihr Gesicht ist ernst: „Schon gehört von dem Jungen mit dem Verband?“ Möhl nickte. „Ja. Tim.“ Sie stellte ihre Tasche ab. Dann: „Was, wenn das kippt? Wenn das mehr werden?“ – „Wir machen halt Listen“, sagte Möhl. „Wie alle.“ – „Es war eine gute Idee. Aber… wir kriegen keine Kriterien.“ – „Deshalb ist es ja gerecht“, sagte Möhl, ohne Überzeugung. „Weil keiner weiß, warum.“ Sie sahen sich an.

Holzhau saß an seinem Schreibtisch. Vor ihm ein aufgeschlagenes Notizbuch. Darin: eine handschriftliche Liste. Namen, Notizen, kleine Zahlen. Er nahm den Stift, strich einen Namen durch. Dann schrieb er daneben: „Eigenverantwortung zu spät gelernt.“ Er schloß das Buch, löschte das Licht und wollte gehen. Aus den Augenwinkeln sah er: Am Computerrand ploppte eine neue Nachricht auf: „Presseanfrage: Wie misst Werding Gerechtigkeit?“ Holzhau klickte sie weg und stand endgültig auf.

Am Freitag, als Tim in der Bibliothek sein Buch zurückgeben wollte, lag ein Umschlag auf dem Tresen. Darauf stand:

Platz 97. Paketnummer 4. Bitte abholen.“

Die Bibliothekarin sagte nichts. Sie reichte es ihm nur über den Tresen. Er nahm es entgegen. Mit der rechten Hand. Die linke war noch im Verband. Er ging zum Rathaus und nahm sein Paket entgegen. Draußen setzte er sich auf die niedrige Mauer vor dem Eingang. Der Wind war kalt, aber trocken.

Das Paket war in braunes Packpapier gehüllt, ordentlich verklebt. Keine Schleife. Kein Name. Nur ein weißer Aufkleber: „97“.

Er öffnete es langsam. Oben lag ein dunkelblauer Schal. Darunter Mütze und Handschuhe – gefüttert. Darunter: ein Buch. „Wie man stark bleibt, wenn es weh tut.“ Und dann, eingewickelt in Seidenpapier: ein kleiner Legobausatz. Ein Raumschiff mit 143 Teilen. Er wusste das, weil es auf der Schachtel stand. Er leerte die Packung trotzdem auf die Mauer neben ihm und zählte nach. Vielleicht war eines zu viel. Oder eines zu wenig..

Daneben lag ein Kärtchen. Eine Zeile stand darauf: „Das ist für dich. Du brauchst das.“ Tim drehte die Karte um. Die Rückseite war leer. Er hielt die Sachen in der Hand, zählte sie. Drei Dinge. Vielleicht bedeutete das drei Punkte. Vielleicht bedeutete es gar nichts. Tim sah auf die Hand, die nicht verbunden war und dachte: „Gibt’s für tot sein auch Punkte?“

Das Haus der 1000 und der einen Geschichte

Es war einmal ein Haus, das Haus der 1000 Geschichten. Seine Außenfassade war schon etwas älter, man hätte es für ein Spukhaus halten können. Die Türen waren nicht verschlossen, wer hinein wollte, konnte es auch. Manchmal verirrten sich Wanderer in die Gegend dieses Hauses. Sie waren froh, ein Dach über dem Kopf zu finden. Manche dieser Wanderer hinterließen ihre eigenen Geschichten in dem Haus. Einer kratzte mit seinem Messer ein Herz in den Türpfosten und schrieb „S&W“ hinein. Eine Liebesgeschichte. Ein anderer war schon gut angeschwipst, stieß sich den Kopf an einem Hängeschrank und ließ ein paar seiner Blutstropfen im Haus zurück. Eine Geschichte von Schmerzen, aber auch von einer gefühlten Sinnlosigkeit und Verdrängung. Wieder ein anderer nahm seine Gitarre heraus und sang von einer Welt des Friedens und des Glücks. Es war eine Geschichte der Hoffnung, doch das Haus wusste, dass es bis zu jenem Zeitpunkt, von dem der Musiker sang, noch eine Weile dauern würde. Wahrscheinlich würde es bereits zerfallen oder abgerissen sein, wenn jene Zeit des Friedens anbricht.

Das Haus sammelte all diese Geschichten, doch das Wertvollste war auf dem Dachboden. Ein ganzes Bücherregal mit Geschichten, von denen die ältesten so alt waren wie das Universum. Dieses Regal erzählte die Geschichte von der Erschaffung der Welt, von dem Gott der sprach und alles kam ins Dasein. Von den Menschen, die aus Liebe gemacht wurden, und sich doch abwandten und ihr eigener Gott sein wollte. Autonom, so hat man das dann später genannt. Von den Menschen, die den Worten nicht mehr vertrauten, sondern sich ihre eigenen Worte machen wollten, damit sie über andere Macht und Gewalt ausüben konnten. Es war aber auch die eine Geschichte der größten Liebe im ganzen Universum, der Liebe, die bereit war, auf alles zu verzichten, was ihr zustand. Von der Liebe, die Mensch wurde, um die Menschen in Freiheit zu führen. Frei aus der Sklaverei der Autonomität, frei von sich selbst. Frei vom Gefühl der Sinnlosigkeit und dem Zwang zur Verdrängung.

Auf diesem Dachboden war ein schlichtes Kreuz an der Wand. Dieses Kreuz erzählte die größte Liebesgeschichte des Universums, nämlich wie die Liebe Gottes bereit war, alle Scham und alle Schuld der Menschen zu tragen und am Ende den Tod mit dem Tod und der Auferstehung zu besiegen. Es war dieses Kreuz, das den Himmel mit der Erde verbindet, das eine Brücke über den klaffenden Abgrund des Todes darstellt. Eines Tages wird der Musiker recht bekommen: Dann wird es Frieden und Glück geben für alle, die in ihrem Leben die Geschichte vom Kreuz gehört und darauf geantwortet haben.

Buchtipp: Cat Person

Roupenian, Kristen, Cat Person, Aufbau Verlag Berlin, 2019, 276S., Verlagslink, Amazon-Link

Cat Person ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Lebensgefühl der heutigen Twens und bis etwa Mittdreißiger befasst. Das Buch besteht aus zwölf „short stories“, die zwar einerseits eine breite Palette an unterschiedlichen Personen und Lebensgeschichten enthält, die sich doch zugleich auf einem sehr engen, oberflächlichen Gefühlsparkett bewegen. Das macht es auch schwierig, über das Buch als Ganzes zu schreiben.

Wenn man sich „Cat Person“ ehrlich nähern will, kann dies nur mittels einer doppelten Strategie geschehen. Auf der einen Seite ist da eine Sammlung von Geschichten, die geradezu durch Abwesenheit jeglicher künstlerischer Schönheit glänzen. Es sind literarische Schnellschüsse, die am meisten durch exzessive Gewalt- und Sexorgien auffallen. Es gibt wenig Handlung, wenig Entwicklung, aber dafür viel Introspektion und Zynismus. Das Absurde, das Zufällige, das Abstoßende und das Scheitern wird gefeiert und vergötzt.

Zugleich ist es der Autorin gelungen, das Lebensgefühl vieler Menschen einzufangen. Ob man dabei tatsächlich von einer ganzen Generation sprechen kann, sei dahingestellt. Es ist die Gefangenschaft in der Spannung zwischen dem Machbarkeitswahn und dem Zwang zur Selbstkonstruktion, die den Menschen dazu verurteilt, sich ständig neu erfinden zu müssen. Es ist auf der einen Seite die vermeintliche Freiheit und Autonomie des Individuums, die – um nicht im ganzen Gewusel all der anderen autonomen Individuen unterzugehen – sich selbst beständig neue Identitäten erschaffen muss. Wer darin nicht extrem ist, fällt nicht auf. Wer nicht auffällt, existiert nicht. Und zugleich ist es eine Menschheit, die danach hungert und dürstet, sich selbst – authentisch – sein zu dürfen. Nur stellt sich dann wiederum die Frage: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich zum Menschen? Worin besteht das Menschsein an sich? Was ist mein Wert – auch dann, wenn ich niemandem auffalle?

Geld, Sex und Macht

Geld, Sex und Macht – bei Roupenian kommt das Dritte zumeist in Form von negativer Gewalt zum Vorschein – bestimmen die Welt in Cat Person. Vielleicht kommt man dem Kern noch näher mit der Frage: Was machen diese drei Dinge mit uns? Wie verändern sie unsere Psyche? Wie verändert sich unser Wohlbefinden, wenn wir uns unseren Begierden ganz hingeben? Die Autorin wirft mit ihren Geschichten all diese Fragen auf. Vermag sie jedoch auch eine Antwort zu geben? Ja und nein, denn im Sinne eines klassischen Relativismus löst sie die Fragen auf eine doppelte Weise auf: Egal, ob wir uns diesen Lebensmächten Geld, Sex und Macht hingeben oder nicht, das Ergebnis ist immer schlecht. Leider hat sie hier auch keine wirklichen Antworten zu bieten, außer einem zynischen Pragmatismus: Es kommt darauf an, was man erreichen will. Aber egal, was man erreichen will, jedes Ziel ist falsch.

Auf einer persönlichen Ebene spricht mich das Buch an, einerseits als jemand, der im selben Jahrzehnt geboren ist wie die Autorin, andererseits aber auch als Theologe, denn wir haben den Menschen unserer Zeit und Kultur das Evangelium von Jesus Christus verständlich zu übersetzen. Menschsein, Menschenwürde, Menschenrechte, Erlösung von realer Sünde und Schuld, Leitlinien für ethisches Verhalten, gerade auch im Umgang mit Geld, Sex und Macht sind alles Dinge, die dem jüdisch-christlichen Weltbild entstammen. Jesus Christus bringt echte Freiheit und Erlösung vom Zwang der Selbstkonstruktion. Er gibt echte Identität, mit der Gemeinde eine echte Familie, in der wir authentisch sein dürfen. Sein Tod am Kreuz und die Auferstehung geben uns einen unvorstellbaren Wert, den wir uns weder verdienen müssen noch können. Vielleicht wäre es an der Zeit für einen Antwortband mit Kurzgeschichten aus der biblischen Perspektive?

Fazit:

Cat Person von Kristen Roupenian ist eine schlecht geschriebene, von Sex und Gewalt durchzogene Kurzgeschichtensammlung, die zugleich in einer selten dagewesenen Schärfe das Lebensgefühl vieler junger Erwachsener zu beschreiben vermag. Ich gebe dem Buch 3 von 5 Sterne.

Kurzgeschichte: „Kellerkind“

Kellerkind. Von einem, der sich einsperrte, die Welt zu retten. Eine Kurzgeschichte
Vorwort
Liebe Leser, ich bin Kellerkind. Auf meinem Personalausweis steht natürlich ein anderer Name. Da steht „Markus Frei“. Aber so hat mich noch kaum jemand genannt. Seit ich mich erinnern kann, nannten mich alle Kellerkind. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es so, dass mich der Keller schon immer sehr interessiert hat. Da ist es dunkel, modrig, geheimnisvoll. So ähnlich sah es in mir drin auch lange aus. Doch dazu werde ich später noch mehr erzählen. Der andere Grund ist der, dass mein Leben sehr gut zu diesem Wort passt. Zwar durfte ich mir eine gute Bildung zuteil werden lassen; zumindest hoffe ich, dass der Leser darin nicht enttäuscht wird. Aber ich habe zehn Jahre im Keller verbracht und versucht, die Welt zu retten. Zehn Jahre am Bildschirm, mit einer Couch neben meinem Schreibtisch, bis ich gemerkt habe, dass nicht nur die Welt gerettet werden muss, sondern ich selbst auch. Zehn Jahre auf acht Quadratmetern plus einer kleinen Nasszelle mit Dusche und Klo unter der Erdoberfläche haben mich gezeichnet und zermürbt. Zehn Jahre auf der Suche nach dem heiligen Gral des Weltfriedens, doch am Ende habe ich Frieden mit mir selbst gefunden. Davon möchte ich in den folgenden Zeilen erzählen. Denn ich habe Hoffnung, dass der Leser, welcher diesen Frieden noch nicht kennt, sich mit mir auf die Suche machen wird.
Schon als Kind träumte ich davon, ein Held zu sein. Einer, der die Welt rettet. Einer, der alle Flammen des Hasses und der Kriege auszulöschen vermag. Als kleiner Junge verkroch ich mich oft im Keller meiner Eltern in meine „Höhle“ aus alten Kissen und Wolldecken und spielte mit meinen Plüschtieren „Frieden schaffen“. Irgendwie dachte ich immer, dass man die Menschen (oder eben auch Plüschtiere), wenn sie das Beste für sich nicht wollen, sie eben dazu zwingen müsse. Und wie sehr fühlte ich mich als Held, wenn ich allen meinen Tieren erklärt hatte, wie gut sie es unter meiner Herrschaft als König hätten und sie mir überschwänglich dafür dankten, sie zu ebenjenem Frieden gezwungen zu haben. So kam ich zu der fixen Idee, dass es nötig sein könne, Zwang auszuüben, um die Menschen dazu zu bringen, das für sie Beste zu wollen.
Und dann lernte ich lesen und begann, alle möglichen Heldengeschichten zu verschlingen. Ich lebte in diesen Träumen und war immer der Held im Erdbeerfeld. Irgendwann merkte ich, dass es im realen Leben nicht so leicht ist: Man beginne nur einmal mit der Frage, wo man ein Pferd bekommt, was ein Held doch so häufig braucht. Ich bin ein Kellerkind der Großstadt, und in meinem Umfeld gab es niemanden, der reiten konnte, geschweige denn ein Pferd besaß. Die Betonwüsten meiner Kindheit kannten eher zweirädrige PS-starke Gefährte, für die man erst mal 18 werden musste, um sie reiten zu dürfen. Oder die Frage, woher man weiß, wer gerade gerettet werden muss. Manchmal kam ich meiner Mutter zur Hilfe, indem ich meinen Vater beleidigte, weil ich ihn als meinen Rivalen betrachtete und dachte, sie müsste vor ihm beschützt werden. Doch das machte ich nicht oft. Meist dachte ich nur: Warte nur, wenn ich mal groß bin, werde ich ein Held. Dann mach ich dich so richtig fertig, wie der Held in den Geschichten es mit seinen Gegnern tut. Mein Vater, das muss ich hinzufügen, hat weder mir noch meiner Mutter etwas Schlimmes angetan. Aber für mich war er immer ein Rivale, der mir versuchte, die Aufmerksamkeit der Mutter zu stehlen.
Vom analogen zum digitalen Kellerkind
Und dann bin ich durch den Computer in die digitale Welt gerutscht und das hat irgendwie aus Kellerkind 1.0 plötzlich ein Kellerkind 2.0 gemacht. In meiner Freizeit nutzte ich dieses Medium immer stärker – tagelang. Nächtelang. Wochenendenlang. Schulferienlang. In der Schule war ich eigentlich immer ein unauffälliger, eher einzelgängerischer, begabter aber fauler und somit durchschnittlich benoteter Schüler. Die meisten Fächer fand ich durchaus interessant, aber fesseln konnte mich nur die digitale Welt. Was für ein endloser Horizont tat sich da auf! Wie viele Stunden konnte man surfen und zocken und fand doch kein Ende. Das war meine Zukunft. Da kannte ich mich aus. Das war der Bereich meines Heldenlebens, in dem mir keiner so leicht das Wasser reichen konnte. Dachte ich auf jeden Fall.
Tief in meinem Inneren war ich auf der Suche nach meiner ganz persönlichen Heldenstory. Ich wollte die Welt retten, ich wusste nur nicht, vor wem und wie. Eigentlich bin ich ein sehr tiefer Mensch. Mit „tief“ meine ich, dass ich nicht so schnell zufrieden bin mit einer einfachen Antwort oder einer oberflächlichen Befriedigung. Mit den meisten Menschen kam ich schon deshalb nicht gut klar, weil sie zu schnell zufrieden sind. Weil sie den schnellen Kick suchen und sich dann fragen, warum diese Leere am Ende zurückbleibt. Ich wollte anders werden, und fand doch zunächst lange keine Antwort. Eines Tages wachte ich auf und merkte, dass ich genauso oberflächlich geworden bin wie mein Umfeld. Das machte mir Angst, und ich griff zur nächstbesten Lösung, zu der wohl die meisten oberflächlichen Menschen greifen. Ich suchte Betäubung dieser inneren, unangenehmen Leere.
Manche suchen diese Leere mit Alkohol oder harten Drogen zu füllen. Das war nichts für mich. Ein Held muss schließlich jederzeit abrufbar sein, nicht erst, wenn sich der Kater verflogen hat. Nach kurzer Zeit fand ich eine Alternative. Ich begann, das Internet zu füllen. Manchmal hatten Menschen Fragen, und ich hatte Antworten. Ich konnte helfen und wurde anderen zum persönlichen Helden. Manche ließen sich von mir ihre Hausaufgaben für die Schule erledigen und gaben mir für ein paar Minuten das Gefühl, der große Retter zu sein.
Doch auf Dauer war auch das nicht befriedigend. Ich merkte, wie ich ausgenutzt wurde, wie der letzte Depp. Die Arbeit durfte ich machen, bekam ein paar Worte des Dankes, und damit hatte es sich dann. Das konnte es auch nicht sein. Schließlich wollte ich ja ein Held für die ganze Welt sein. Ich wollte etwas tun, was die Weltgeschichte zum Guten ändern sollte. So etwas wie Graf von Stauffenberg, nur halt dass ich es erfolgreich zu Ende bringen würde. Doch was konnte ich tun, um den Weltfrieden auf die Erde herabzuholen? Ein Wort hat mir gefallen. TOLERANZ. Und das hatte einen größeren Bruder namens AKZEPTANZ. Wenn ich diese zwei Worte jedem aufzwingen konnte, dann käme das dem Weltfrieden gleich.
Kellerkind 3.0
Inzwischen hatte ich mein Abi in der Tasche, ein durchschnittliches Abi von einem faulen Schüler, der in seiner Freizeit Besseres zu tun hatte als zu lernen. Nun begann ich, mich ganz in den Kellerraum meiner Eltern einzuschließen. Es gab für mich da unten schon lange ein Klo und eine Dusche, Essen bekam ich auch regelmäßig, was wollte ich noch mehr? Eine Couch und mein Schreibtisch mit dem schnellen PC, mehr braucht ein Held heutzutage nicht mehr. Die Story läuft digital in der grenzenlosen Welt des World Wide Web. Hier taten sich mir neue Levels der virtuellen Realität auf, denn alles war jederzeit zugänglich.
Immer mehr wurde ich zu einem Sklaven der digitalen Welt. Leider merkt man das nicht; erst viel später gingen mir die Augen auf. Ich sah den Computer als Werkzeug, das mit den Zutritt zum Land hinter dem Bildschirm eröffnen sollte und wurde zum Werkzeug der Technik, die mir immer mehr begann, mein Denken, Fühlen und Wollen zu übernehmen. Das einzige, was sie mir noch überließ, war das Tun. Die Bedienung der Tastatur im Namen der Technik blieb mir überlassen. Jedes Werkzeug wird zu einem Teil unseres Selbst und übernimmt einen Teil unserer Identität. Je mehr wir unsere Identität einem Werkzeug ausliefern, desto weniger bleibt am Ende von uns selbst noch übrig. Wir werden zur Maschine.
Die Frage, welche mich in dieser Zeit umtrieb, war diese: Wie kann die Menschheit dazu gezwungen werden, sich mehr Toleranz und Akzeptanz anzueignen? Was konnte ich tun, um den Weltfrieden voranzutreiben, der zweifellos kommen musste, wenn nur diese zwei Worte genug betont und gelebt wurden? Wenn ich das Internet betrachtete, sah ich immer mehr Hass, Streit und Intoleranz. Doch eine Möglichkeit sah ich. Kommentare konnte ich verfassen. Und den Melde-Button bedienen. Schließlich war ich nicht der einzige, der ein Problem mit der ganzen Intoleranz hatte. Immer mehr Seiten begannen, einen solchen Button zu implementieren, mit dem man Beiträge melden konnte, wenn sie mich störten. Und davon gab es viele. Sehr viele. Jeden Tag mehr, und für jeden Beitrag, den ich meldete, fand ich drei weitere, die ich noch nicht gemeldet hatte.
Der Hass des Internets begann, auf mich abzufärben. Meine Kommentare wurden immer sarkastischer, immer schriller, immer hasserfüllter. Noch merkte ich nichts davon. Das geht nicht von einem Tag auf den nächsten, dass man so hasserfüllt wird. Zumindest war es bei mir nicht so. Es geht langsam, und irgendwann schaukelt man sich gegenseitig hoch. Hass führt zu Gegenhass und Lautstärke zu Gegenlautstärke. Irgendwann geht es nicht mehr um Argumente, nur noch die Polemik zählt.
Irgendwann kam noch ein schrecklicher Albtraum hinzu. Ich träumte, dass ich an meinem PC saß; und während meine Finger flink über die Tasten huschten, sah ich direkt vor meinen Augen, wie sich eine kleine, schwarze Spinne an ihrem Faden abseilte und mir ins Gesicht kroch. Ich wollte schreien und sie erschlagen, doch weder mein Mund noch meine Finger gehorchten mir. Mit weit aufgerissenen Augen und vor Schreck zu Berge stehenden Haaren musste ich zusehen, wie diese Spinne sich nicht nur auf mein Gesicht niederließ und begann, in meine Nase hochzukrabbeln. Nie zuvor hatte ich mir so sehr gewünscht, niesen zu können, doch genau in diesem Moment klappte es nicht. Die Spinne kroch mir so weit im Kopf hinauf, dass ich mir vorstellte, wie sie es sich zwischen den Windungen meines Gehirns bequem machte. Anatomie war nicht so meine Stärke. In dieser Nacht war ich froh, dass ich aufwachte und konnte fürs Erste nicht mehr schlafen. Erst Jahre später bekam ich eine Idee von der Bedeutung dieses Traums.
Im Nachhinein ist mir aufgefallen, wie sehr ich in dieser Zeit den Widerstand anderer Personen nötig hatte, die mir widersprachen. Mein ganzes Dasein hing von diesem ab. Der Widerstand gab mir das Gefühl, wichtig zu sein und auf der richtigen Seite zu stehen. Ich war nie allein, es gab immer genügend andere Personen, die mich unterstützten und immer wieder Mut zusprachen, meine Meinung zu sagen oder besser gesagt zu schreiben und online zu veröffentlichen. Aber es war immer der Widerspruch, der meine Identität ausmachte. Nur wenn ich wogegen sein konnte, gab mir das ein Profil und die Gewissheit, ein eigenständiger Mensch, ein Individuum, zu sein. Nichts hasste ich mehr als den Gedanken, eine Kopie von zigtausend anderer zu sein, die derselben Meinung waren wie ich.
Sag mal, bist du das noch?
Ich war nie wirklich mit Alkohol betrunken. Das wollte ich auch nie. Aber einen anderen Rausch kenne ich nur zu gut: Den Rausch der Polemik, die süße Trunkenheit eines harten und hasserfüllten Kommentars, worauf die ungewisse, spannungsgeladene Verkaterung des Wartens folgt: Wann kommt eine Antwort? Was wird als nächstes geschrieben? Viele meiner Kommentare waren schon gelöscht, bevor sie diejenigen lesen konnten, an den sie gerichtet waren.
Als meine Mutter eines Tages die Dreistigkeit besaß, mich wegen des Hochzeitstages der Eltern zum Essen abzuholen, da funkelte ich sie wütend an, und sagte grob zu ihr: „Lass mich doch einfach in Ruhe, ich hab zu tun!“ Was wollte sie denn von mir? Ich hatte den Keller seit fast zehn Jahren nicht mehr verlassen, hatte nichts zum Anziehen, außerdem wartete ich gerade mal wieder auf die Antwort auf einen besonders boshaften Kommentar, in welchem ich der anderen Person unterstellt hatte, zu den Neonazis zu gehören. Mir war damals völlig klar, dass ich mich damit in einem Bereich befand, der nicht ungefährlich war. Dieser Kommentar konnte als Rufmord ausgelegt werden, und was das unter Umständen bedeuten konnte, wussten wir alle. Trotzdem versuchten wir es immer wieder und bemerkten bald, dass dieses Vergehen kaum geahndet wurde, wenn man nur auf der richtigen Seite stand.
Doch für Mutter schien das alles nicht so wichtig zu sein. Besser gesagt: Sie wusste nicht, was ich in meinem Keller tat; und das war auch gut so. Sie war nur sehr enttäuscht auf meine Reaktion; hatte sie mich doch schon zwei Wochen früher zu diesem Essen eingeladen. Da war nur das Problem, dass ich es dann gar nicht richtig wahrgenommen hatte; mein Gemurmel verstand sie wohl als Zustimmung. In ihrer Enttäuschung fragte sie mich – und diese Worte prägten sich tief in mein Gedächtnis ein – „Sag mal, Markus, bist du das eigentlich noch oder ist das diese Maschine, die aus dir redet?“
Im ersten Moment lachte ich auf. Was wollte sie denn eigentlich? Natürlich bin ich das. Ich bin immer noch derselbe. Kellerkind. Nur halt ein paar Jährchen älter. 28, um genau zu sein, aber das war ja nicht so wichtig. Kellerkind würde immer Kellerkind bleiben. Es war ein raues, boshaftes Lachen, das aus meinem Mund kam. Es erschreckte mich. Und dann war da auch die Erinnerung an die kleine schwarze Spinne. Erst in der Nacht davor hatte er wieder von ihr geträumt. Sie machte immer mit ihm, was sie wollte. Er war ihr völlig ausgeliefert. In der Nacht vor diesem Ereignis träumte er davon, dass sie ihm auf die Zunge krabbelte und ihn zwang, den Mund zu öffnen, damit sie da hinauskrabbeln und sich am Faden abseilen konnte. Ob das wohl etwas mit diesem Tag und dem Ereignis mit Muttern zu tun haben konnte?
Doch nein, das konnte nicht sein. Das war purer Aberglaube. Träume sind Schäume, und wenn man sich von einem solchen schweißgebadet nachts auf der Couch wiederfand, so war der Traum zu Ende und fertig. Träume konnten keine Bedeutung haben. Zumindest meine nicht. Sie durften keine Bedeutung haben. Denn ich wollte mir nicht ausdenken, was dieser Traum mit meinem Leben zu tun haben könnte. Allein die Vorstellung davon, dass es irgendeine Verbindung geben könnte, trieb eiseskalte Schauer meinen Rücken hinunter.
Als meine Mutter mit dieser Frage traurig die Türe hinter mir schloss, stieß ich abermals ein Lachen aus. Diesmal klang es schon viel annehmbarer. Oder wollte ich es bloß so hören? Mutter kannte mich doch. Sie wusste, dass ich genug zu tun habe. Sie wusste auch, dass mir nie langweilig war. Das World Wide Web ist wie New York: 24 Stunden am Tag geöffnet, immer etwas zu tun, immer in Bewegung. Rast- und ruhelos. Genau so wie ich auch.
Nun stürzte ich mich wieder in meine virtuelle Welt. Ich tat alles, um vergessen zu können. Doch irgend etwas war anders. Der Wein der Polemik hatte keine betäubende Wirkung mehr auf mich. Ich konnte schreiben, schimpfen soviel ich wollte, das gewohnte Gefühl der Trunkenheit blieb aus. Es war, als würde in meinem Hinterkopf ein Browsertab laufen, das ich nicht schließen konnte. Und das mich immer wieder fragte: Bist du das noch? Bist du das noch? Zum ersten Mal in meinem Leben hätte ich gerne zur Flasche gegriffen, doch selbst wenn ich eine gehabt hätte, wäre ich wohl davor zurückgeschreckt. Denn das hätte bedeutet, zugeben zu müssen, dass ich tatsächlich nicht mehr derselbe war.
Auf der Suche
Die nächsten Wochen waren von zwei gegensätzlichen inneren Stimmungen bestimmt: Flucht vor mir selbst und Suche nach meiner Identität. Ich musste wissen, wer ich war, und doch schreckte ich davor zurück. Es machte mir Angst, an den Moment zu denken, da ich in den Spiegel meines Inneren schauen und mir begegnen musste. Die Flucht trieb mich dazu, immer neue Höhen des Hasses zu finden; aber wenn ich zwischendurch bewusst durchlas, was ich da geschrieben hatte, war ich mehr als einmal kurz davor, mich in eine geschlossene Anstalt einliefern zu lassen. Das konnte doch nicht ich sein, der diesen kranken Shit schrieb? Und doch war dieser kranke Shit jedes Mal mit meinem Nicknamen versehen: Kellerkind stand darüber. Das war ich. Kein Zweifel; kein anderer traute sich, in meinem Namen zu schreiben. In dieser virtuellen Welt gab es auch ungeschriebene Gesetze; und da ich jemand war und einen gewissen Kreis an Bewunderern besaß, durfte ich mich darauf verlassen. Mir begann, vor mir zu grauen. Schon mehrere Nächte hatte ich gar nicht mehr schlafen können. Die kleine schwarze Spinne durfte nicht mehr erscheinen. Das wäre zu viel für mich gewesen.
Eines Morgens wachte ich im Krankenhaus auf. Ich wusste gar nichts mehr, nur noch, dass ich um jeden Preis wach bleiben muss wegen der Spinne. Moment mal – bin ich da tatsächlich aufgewacht? Dann muss ich ja geschlafen haben. Wo war mein Computer? Ich musste doch ganz schnell wissen, was mein momentaner Erzfeind wieder geantwortet hat. Doch weit und breit kein Computer. Das helle Sonnenlicht stach mir in die Augen. Der Kopf brummte, ob das wohl die Spin… nein das konnte nicht sein. Die Spinne existierte nur im Traum. Ich schloss die Augen und fiel in einen leichten, aber wohltuenden, traumlosen Schlaf.
Später, als ich wieder wach war, erklärte mir der junge Arzt, weshalb ich hier war. Durch den Schlafmangel und den inneren Stress hatte ich einen Zusammenbruch erlitten. Meine Eltern haben den Krankenwagen gerufen, nachdem ich zunächst in meinem kleinen Kellerraum alles kurz und klein geschlagen habe und sie mich dann bewusstlos auf dem Boden aufgefunden hatten. Langsam gewöhnte ich mich an das Tageslicht. Damit begann ich auch, meine Umwelt wahrzunehmen. Auf dem anderen Bett lag ein Mittdreißiger, der mit vielen Verbänden versehen war. Irgendwann am nächsten Tag kamen wir miteinander ins Gespräch. Auf meine Frage hin erzählte er seine Geschichte.
Ich bin in meiner Freizeit häufig im Internet unterwegs“, erzählte er, „und da gab es vor ein paar Wochen so eine Online-Diskussion, in welcher mir ein bekannter Kommentator vorwarf, ein Neonazi zu sein. Darüber dachte ich einige Tage nach und kam zum Schluss, dass er recht hatte. Mein Problem war aber, dass ich nur sah, wie sehr ich mich in den letzten Jahren verändert habe, aber ich wusste keinen Ausweg, wie ich wieder ich selbst werden konnte. Ich wollte die Welt vor mir verschonen, kaufte eine letzte Flasche Jack Daniels und wollte mein Auto in den nächsten Baum manövrieren. Durch den Alkohol war meine Sicht beschränkt, sodass ich den Baum nur mit der Ecke der Beifahrerseite erwischte. Trotzdem war der Aufprall stark genug, um mir einen doppelten Beinbruch und einige weitere Blessuren zu bescheren. Seither bin ich hier ans Bett gebunden. Dem Beinbruch ist es übrigens zu verdanken, dass ich mich hier nicht auch schon aus dem Fenster gestürzt habe.“
Mir wurde kalt und heiß bei dieser Erzählung. Konnte es sein, dass… Ich musste es wissen. So fragte ich ihn nach seinem Namen und wie er online heiße. „Johann Goldmann ist mein Name, Jogo81 mein Nickname. Online war es der anonyme aber bekannte User mit dem Nicknamen Kellerkind, mit dem ich so oft aneinander geraten bin.“ Da hatte ich nun den Käse. Ich stand auf, trat an sein Bett und streckte ihm die Hand hin: „Markus Frei, Kellerkind. Ähnliches Problem. Nervenzusammenbruch durch Stress und Schlafmangel.“ So entstand meine erste richtige Freundschaft – und ausgerechnet mit meinem langjährigen Erzfeind.
Hans, wie ich ihn seither nenne, hat in seinem Krankenhausaufenthalt etwas Spannendes entdeckt. Auf seinem Nachttisch lag ein Buch, das in jedem Zimmer des Krankenhauses zu finden ist. Er sagte mir: Markus, ich wollte die Welt mit Liebe füllen, und habe nur Hass gesät.“ Wie bekannt mir das vorkam. „Genauso ist es mir auch ergangen.“ – Weißt du denn jetzt, was Liebe ist?“ Ich schüttelte den Kopf. Er erzählte mir: „So ganz verstanden hab ich das noch nicht, aber schau mal, hier drin gibt es ganz viele Autoren, die von der Liebe schreiben. Am schönsten finde ich das hier: ‚Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde opfert.‘ Das steht bei einem Johannes. Der ist doch mein Namensvetter. Im 15. Kapitel steht das, und zwar Vers 13. Verstehst du es?“ Mir traten Tränen in die Augen.
Schau mal, Hans, ich glaube wir zwei waren gar nie so weit voneinander entfernt. Auch wenn wir uns als Erzfeinde betrachteten, waren wir nur Menschen, die rechts und links vom selben Pferd gefallen sind. Der eigentliche Gegensatz zu uns beiden ist in diesem Spruch enthalten. Wir beide dachten, dass es Liebe sei, andere zu zwingen, unser Leben und Denken zu übernehmen. Doch wahre Liebe ist es, wenn man auch dann dafür sorgt, dass es anderen gut geht, wenn sie eine andere Meinung haben, ohne jeglichen Zwang. Aber ich muss da auch noch weiter nachdenken.“ So begannen wir, zu zweit in diesem weit verbreiteten und doch so selten gelesenen Buch zu lesen und miteinander darüber zu reden.
Fragen über Fragen
Es gibt vieles in diesem Buch, was uns beschäftigte. Da gab es etwa eine Szene, die uns doch recht brutal erschien. Der Held des Buches machte sich eine starke Peitsche aus mehreren Lederriemen und prügelte Menschen aus dem Tempel raus. War das wohl doch nur wieder dieselbe Liebe, die andere zwang, auch gegen ihren Willen das Gute anzunehmen? Wir riefen den Krankenhauspfarrer und er erklärte uns dies. Diese Leute, die da rausgeworfen wurden, hatten in Wirklichkeit andere Menschen davon abgehalten, in den Tempel zu kommen. Sie trieben Wucher, sodass nur die Reichen sich leisten konnten, dorthin zu gehen und ihren Gottesdienst zu machen. Das war das Problem. Das Gespräch mit dem Pfarrer war sehr interessant, und so hatten wir den Wunsch, noch viel mehr zu erfahren.
Doch mit Kirchen hatten wir ein Problem. Waren das nicht so große Versammlungen von Erzheuchlern? Kaum waren wir beide wieder aus dem Krankenhaus, wollten wir einen Versuch wagen und gingen in verschiedene Kirchen unserer Stadt. Da gab es sehr viele verschiedene; wer hätte gedacht, dass es im Zeitalter von Online-Gottesdiensten noch so viele Kirchen gab? Diese Vielfalt fanden wir schön, aber irgendwie kam es immer wieder dazu, dass wir enttäuscht wurden. Zwang, Heuchelei, nicht eingehaltene Versprechen, und so weiter. Wir mussten lernen, dass auch die Kirchenmenschen immer noch „nur Menschen“ waren.
Irgendwann meinte Hans: „Markus, wir haben jetzt in einem Jahr schon über 15 davon angeschaut. Ich glaube, wir sollten uns langsam damit abfinden, dass wir alle Menschen sind und uns mal festlegen, wo wir dazugehören wollen.“ Er hatte recht. Und wir beide waren inzwischen schon so gute Freunde geworden, dass wir uns entschlossen, diesen Schritt gemeinsam zu tun. Was immer kommen möge, wir wollen Freunde bleiben. Auch wenn wir wussten, dass wir einander und auch andere Menschen immer wieder enttäuschen werden.
Unser Wissensdurst zu diesem Buch, das uns so viel von der Liebe erzählt, brachte uns auf die Idee: Wir wollen zusammen eine Bibelschule besuchen, damit wir noch mehr dazu erfahren könnten. Inzwischen hatte ich eine Arbeit; ich durfte bei einem großen Discounter Regale einräumen. Da ich immer noch bei den Eltern wohnte, konnte ich mir davon etwas ansparen. So gingen wir nach einem weiteren Jahr in unserer inzwischen regelmäßig besuchten Kirche auf die Bibelschule. Hier beschlossen wir, dass wir unsere Geschichte aufschreiben wollten, damit noch mehr Menschen von unseren Erlebnissen lernen und profitieren dürfen.
Wir sind noch ganz am Anfang einer neuen Geschichte; und wir sind sicher, dass Gott noch mehr Geschichte schreiben wird. Vielleicht auch Weltgeschichte, so wie ich mir das schon als Kind erträumt hatte. Wer weiß? Doch eins ist sicher: Er hat den besten Plan für unser Leben, und wenn wir lernen, im Kleinen treu zu sein und unseren Mitmenschen zu dienen, dann wird auch etwas Größeres kommen. Damit ist unsere kurze Erzählung zu
ENDE.