Cold Reading und die Gabe der Prophetie: Ein Plädoyer für ehrliche Unterscheidung

In den vergangenen Monaten hat die Gabe der Prophetie hohe Wellen geschlagen. Nach den Enthüllungen von Mike Winger und anderen zum US-Propheten Shawn Bolz und dem Vorwurf des systematischen Betrugs an vielen Zuhörern ist eine verunsicherte Debatte entbrannt. Ich möchte hier auf eine Sache eingehen, die mich seit einigen Jahren beschäftigt, weil ich sie in unseren Breitengraden immer wieder sehe – und zwar abseits von Schlagzeilen und bewusster Täuschung.

Ein prophetisches Wort kann Leben verändern. Es kann mitten in die Dunkelheit hinein leuchten, Trost spenden, wo Worte versagen, und eine tiefe, übernatürliche Erbauung schenken. Ich sage das vorab in aller Deutlichkeit: Die Gabe der Prophetie ist mir extrem wichtig. Sie ist kein Relikt der Kirchengeschichte, sondern eine lebendige Realität, die unsere Gemeinden dringend brauchen. Paulus fordert uns nicht umsonst auf, nach den geistlichen Gaben zu streben, besonders aber nach der Prophetie (1. Korinther 14,1).

Doch genau weil mir diese Gabe so wertvoll ist, treibt mich eine Entwicklung in unserer modernen christlichen Kultur um. Wir haben uns unbewusst auf eine postmoderne Prämisse geeinigt, die weder biblisch noch gesund ist: Prophetie muss positiv sein. Und was gut klingt, muss von Gott sein.

In einer Kultur, die das persönliche Wohlbefinden zum höchsten Gut erhoben hat, mutiert der Wunsch zu ermutigen schnell zu einem Filter, der alles Unbequeme wegschneidet. Prophetie wird zum geistlichen Wellness-Angebot. Das Problem dabei? Es ist der ideale Nährboden für eine Dynamik, die der Psychologe Ray Hyman bereits 1977 tiefgehend analysiert hat: das sogenannte Cold Reading. (Link zum englischen Original)

Besonders Menschen, die frisch mit der prophetischen Gabe starten, geraten hier fast zwangsläufig in ein gefährliches Fahrwasser. Das geschieht nicht aus böser Absicht, sondern weil sie von dem brennenden Wunsch geleitet sind, anderen etwas Gutes zu tun – und dabei unbewusst in menschliche, psychologische Mechanismen abgleiten.

Der Teufelskreis der „persönlichen Validierung“

Hyman beschreibt in seiner Forschung ein Phänomen, das er „Personal Validation“ (persönliche Validierung) nennt. Das bedeutet: Die Gültigkeit einer Aussage wird allein daran gemessen, ob das Gegenüber damit zufrieden ist und es sich „richtig anfühlt“.

Wenn ein Anfänger in der Prophetie jemandem ein Wort weitergibt und die Person tief berührt reagiert, entsteht ein mächtiger psychologischer Effekt. Hyman schreibt dazu:

Selbst wenn der Praktiker seine Karriere mit wenig Glauben an seine Methode begann, erhöht die unvermeidliche Bestätigung durch überzeugte Klienten sein Vertrauen in sich selbst und sein System. Auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis.“

Übertragen auf die Gemeindeordnung heißt das: Ein gut gemeintes, aber rein menschliches Wort löst beim Empfänger eine emotionale Reaktion aus. Diese Reaktion spiegelt dem Anfänger zurück: „Das war Gott!“ Ohne es zu merken, werden beide Seiten davon überzeugt, einen direkten Draht zur Wahrheit zu haben, obwohl hier lediglich psychologische Knöpfe gedrückt wurden. Der Ausübende wird immun gegen Kritik, weil der „Erfolg“ ihm scheinbar recht gibt.

Die Werkzeuge des Cold Readings in der Praxis

Hymans Analyse listet konkrete „Regeln des Spiels“ auf, die wir eins zu eins in missbräuchlicher oder unreifer prophetischer Praxis wiederfinden:

1. Die Illusion der Einzigartigkeit (Der Barnum-Effekt)

Untersuchungen zeigen, dass universelle, schwammige Charakterisierungen von Menschen als zutiefst persönlich wahrgenommen werden, wenn man ihnen erzählt, sie seien individuell für sie angefertigt worden. Im Labor bewerteten Studenten ein solches Standard-Repertoire auf einer Skala von 0 bis 5 im Schnitt mit 4,26 als perfekt passend. Sätze wie „Du hast ein großes, ungenutztes Potenzial“ oder „In dir ist ein verborgener Schmerz“ treffen statistisch auf fast jeden Menschen im Raum zu. Weil der Empfänger aber glaubt, Gott spreche gerade exklusiv zu ihm, entsteht eine mächtige „Illusion der Einzigartigkeit“.

Hyman verweist hierbei auf einen psychologischen Nebeneffekt, den er als das „Mumbo-Jumbo“-Prinzip beschreibt: Die Akzeptanz einer ungenauen Aussage steigt drastisch, wenn sie mit einem hochkomplexen, scheinbar tiefgründigen Prozedere garniert wird. Was im weltlichen Kontext komplizierte astrologische Berechnungen sind, äußert sich in der christlichen Praxis oft als eine künstlich aufgeblähte, hochgeistliche Sprache („Ich spüre hier eine ganz spezifische atmosphärische Verschiebung in der dritten Generation deiner mütterlichen Linie…“). Je komplizierter, dramatischer und mystischer das Setting inszeniert wird, desto eher schaltet das Gegenüber den gesunden Menschenverstand aus. Der Empfänger ist dann bereit, vage Eindrücke so lange zu verbiegen, bis sie vermeintlich passen, weil er von der spirituellen „Schwere“ des Prozesses schlicht beeindruckt ist.

2. Das Einfordern von Kooperation

Eine der wichtigsten Regeln des Cold Readings lautet: Sichere dir vorab die Mitarbeit deines Gegenübers. Erfolgreiche Praktiker betonen, dass der Erfolg von der aufrichtigen Kooperation des Klienten abhängt. Wenn etwas nicht passt, liegt der Fehler beim Empfänger, der die Botschaft „neu interpretieren“ muss. In der Gemeinde klingt das so: „Ich habe hier einen Eindruck, du musst selbst prüfen, was das für dich bedeutet.“ Das klingt geistlich und demütig, bewirkt psychologisch aber oft, dass das Gegenüber aktiv in seiner eigenen Erinnerung nach Ereignissen sucht, die den vagen Worten einen Sinn geben.

3. Fishing und aktives Zuhören

Hyman beschreibt „Fishing“ als das Formulieren von Aussagen in Form von Fragen. Der Cold Reader beobachtet die unbewussten Reaktionen (Körpersprache, Augenbewegungen) und passt seine Aussage blitzschnell an. Dies geschieht oft unbewusst und ungewollt. Sobald das Gegenüber anbeißt und Details erzählt, nimmt der Cold Reader diese Informationen auf, formuliert sie nach einer Pause elegant um und füttert sie als „eigenen, übernatürlichen Output“ wieder zurück. Am Ende verlässt der Empfänger den Raum in der tiefen Überzeugung, der andere habe seine Geheimnisse gekannt. Er vergisst völlig, wie viel davon er oder sie gerade selbst erzählt oder nonverbal zu verstehen gegeben hat.

Warum fallen wir so leicht darauf herein?

Hyman stellt klar: Das funktioniert nicht, weil Menschen dumm oder naiv sind. Es ist vielmehr so, weil unser Gehirn ein kreativer Problemlöser ist. Wir sind darauf programmiert, aus ungeordneten Reizen einen Sinn zu konstruieren. Wenn wir ein Gedicht lesen, bringen wir unsere eigenen Erfahrungen mit ein, um es zu verstehen.

Genau diesen normalen Verstehensprozess nutzt das Cold Reading aus. Wenn wir in eine prophetische Situation gehen, ist unsere Erwartungshaltung maximal hoch. Wir wollen, dass Gott spricht. In diesem hochemotionalen Kontext reicht ein minimaler, zufälliger Impuls aus, und unser eigener Verstand baut daraus eine hochrelevante, persönliche Botschaft. Das Statement selbst transportiert keine echte, neue Information. Dennoch füllen wir das Rauschen mit einer persönlichen Bedeutung.

Das ist die Tragik für manche prophetischen Schüler: Weil der Empfänger die Lücken so kreativ ausfüllt, bekommt der Prophet das Feedback, er habe einen Volltreffer gelandet. So schleicht sich die Psychologie unbemerkt an die Stelle des Heiligen Geistes.

Wie extrem diese menschliche Sehnsucht nach Sinnstiftung ist, illustriert Hyman mit dem berühmten Computerprogramm DOCTOR des Informatikers Joseph Weizenbaum. Das Programm verstand kein einziges Wort, sondern spiegelte lediglich die Aussagen der menschlichen Nutzer als mechanische Fragen zurück (Nutzer: „Mein Freund macht mich depressiv.“ – Computer: „Inwiefern macht dein Freund dich depressiv?“). Das Verblüffende: Obwohl die Testpersonen genau wussten, dass sie mit einer seelenlosen Maschine tippten, waren sie emotional zutiefst bewegt. Sie projizierten echtes Mitgefühl und tiefe Weisheit in die Antworten und weigerten sich am Ende zu glauben, dass dahinter kein echtes Bewusstsein steckte. (Das war noch in den 70er-Jahren, ein halbes Jahrhundert vor den ersten LLMs wie ChatGPT und anderen.) Sie füllten das bloße Echo ihrer eigenen Worte mit einer monumentalen persönlichen Bedeutung. Genau das passiert beim unbewussten Fishing: Wenn ein prophetischer Schüler (vielleicht einfach aus innerer Unsicherheit) nur das spiegelt, was er ohnehin nonverbal wahrnimmt, baut der empfangende Verstand daraus die lang ersehnte, direkte Botschaft Gottes.

Das Falschgeld und der echte Wert

Heißt das nun, dass wir vor lauter Skepsis verstummen sollten? Auf keinen Fall. Die Existenz von Falschgeld widerlegt nicht die Existenz von echtem Geld. Sie schärft nur unseren Blick dafür, wie das Echte aussieht. Echte prophetische Erkenntnis unterscheidet sich radikal von psychologischer Manipulation:

1. Prophetie ist spezifisch: Echte Prophetie liefert manchmal messerscharfe Details, die nicht durch statistische Wahrscheinlichkeiten, unbewusstes Ablesen von Kleidung und Mimik oder geschicktes Fragenstellen (Fishing) erraten werden können.

2. Gegen den Strich bürsten: Ein Cold Reader sagt den Menschen immer, was sie insgeheim hören wollen, um Bestätigung zu ernten. Biblische Prophetie konfrontiert uns oft mit unseren blinden Flecken, ruft zur Umkehr auf und schmeichelt nicht unserem Ego.

3. Gemeinschaftliche Prüfung: Biblische Prophetie entzieht sich nicht der Rechenschaft. Sie fordert nicht, dass man vage Aussagen so lange verbiegt, bis sie passen, sondern stellt sich nüchtern der Beurteilung durch die Gemeinde (1. Korinther 14,29).

Schutz durch geistliche Unterscheidung

Wir müssen eine Gemeindekultur kultivieren, in der die Unterscheidung der Geister kein Ausdruck von lieblosem Misstrauen ist, sondern die höchste Form der Wertschätzung für das Wirken des Heiligen Geistes.

Wenn wir die Prophetie schützen oder vielmehr noch eifrig nach ihr streben wollen, müssen wir ehrlich hinsehen. Wir müssen Anfängern den Raum geben, Fehler zu machen und zu lernen; aber wir müssen auch psychologisch schulen. Nur wenn wir verstehen, wie leicht unser eigenes Gehirn uns austricksen kann, werden wir lernen, das Echo des menschlichen Herzens sauber von der Stimme Gottes zu trennen. Prophetie ist zu kostbar, um sie dem Wohlfühl-Filter unserer Zeit zu opfern.

Jahresende: Dank, Rückblick und Ausblick

Eigentlich bin ich kein Freund von solchen Traditionen. Ja. Eigentlich. Und doch… Mache ich es einmal mehr. In erster Linie, um einmal Euch danke zu sagen. Das ist mir am wichtigsten. Ich habe die letzten zweieinhalb Jahre das Bloggen ziemlich schleifen lassen. Und doch bekomme ich an den meisten Tagen um die 800 und mehr Besucher. Damit habe ich nicht gerechnet. Deshalb: Danke!

Ja, die letzten zweieinhalb Jahre haben mich ziemlich „im Griff“ gehabt, wir haben gebaut, unser drittes Kind ist zur Welt gekommen. Wir haben jetzt einen eigenen Garten mit allem was dazu gehört (vor allem viel Arbeit… grins…)

Und ja, ich weiß auch, dass viel für mich gebetet wird. Auch dafür ein großes Danke. Ich weiß wenige Menschen, die das mehr brauchen. Also auch im neuen Jahr, wer es auf dem Herzen hat, betet gern für mich. Deshalb auch ein paar Updates in eigener Sache.

Rückblick:

Ich habe dieses Jahr wirklich wenig Neues gepostet. Am häufigsten wurden ältere Beiträge aufgesucht, und was mich ein wenig schmerzt, ist die Erkenntnis, dass es primär die satirischen und die gesellschaftskritischen Beiträge und negativen Buchrezensionen sind, die aufgerufen werden. Das möchte ich eigentlich nicht. Ich versuche eigentlich immer mehr Positives, Aufbauendes zu schreiben. Wenn dieser Trend so weiter geht, muss ich mein Konzept überdenken und möglicherweise manches ändern.

Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, sehe ich jedoch vor allem viel Hoffnung am Horizont. Es hat sich viel in eine gute Richtung verändert. Ich freue mich, dass eine ganze Reihe von guten Projekten, Vlogs, Podcasts und so weiter gestartet sind.

Zunächst einmal hat das Netzwerk Bibel und Bekenntnis, das ich sehr schätze, damit begonnen, richtig gute Vorträge online zu stellen. Seit Neuestem arbeitet es mit einem anderen Netzwerk, das ich ebenfalls sehr schätze, nämlich Evangelium21, zusammen und im Rahmen dieser Zusammenarbeit entstand die Mediathek offen.bar

Außerdem hat mein Blogger-Freund Markus Till, der auch bei offen.bar Mitgründer und Referent ist, einen Podcast namens Bibel-Live begonnen. Seine Beiträge sind immer sehr lesens-, hörens- und sehenswert. Ganz große Empfehlung.

Ebenfalls ein Bloggerfreund, nämlich Thomas Richter, hat für IDEA ein neues Instagram-Format aufgebaut: Stammtischgespräche. Unbedingt ansehen. Im neuen Jahr geht es weiter. Es gab schon viele richtig gute Stammtischgespräche.

Nicht ganz so neu, aber für mich eine neue Entdeckung ist Crosspaint.tv, ein ganzes Team hinter einem jungen Mann namens Natha. Dieses Team macht super Bibel-Erklärungen, YouTube-Diskussionen, und seit November gibt es auch ein erstes Buch: Überrascht von Furcht. Hier meine Rezension.

Das sind so die Highlights. Daneben gab es natürlich auch viele weitere richtig gute Sachen, von denen ich bestimmt schon mehr als die Hälfte wieder vergessen habe. Aber all das macht mir Mut für 2022. Ich bin überzeugt, dass wir in eine ganz entscheidende Phase der Weltgeschichte kommen.

Ausblick

Mit dieser Überzeugung starte ich in ein neues Jahr, in dem ich auch wieder mehr schreiben will. Aktuell bin ich gerade dabei, ein Dokument zu schreiben, das fürs Erste den Arbeitstitel „Wegbereiter für die kommende prophetische Erweckung“ trägt. Ich glaube, dass vieles in diese Richtung weist und dass Gott Erweckung schenken wird. Allerdings anders als wir es bisher gewohnt sind. Gott hat mir vor rund 17 Jahren eine Botschaft dazu geschenkt, die mir Mut macht, und dieses Jahr habe ich zum ersten Mal die Freiheit bekommen, auch öffentlich davon zu erzählen. Ein paar kurze Snippets daraus findest Du auf meinem Instagram-Kanal. Ich hoffe und bete (bitte betet mit mir!), dass ich das PDF bis Ende Januar so weit bereit habe, dass ich es hochladen und dann noch einmal kurz vorstellen kann.

Fortsetzen werde ich auch die Blogserie, die ich zu Hiob begann, wo ich meine persönlichen wichtigen Lektionen aus den verschiedenen Bibelbüchern vorstelle. Außerdem möchte ich eine neue Blogserie zur Offenbarung anfangen. So der Herr will und wir leben, wird das im späten Frühjahr oder im Sommer beginnen. Es geht mir unter anderem darum, zu zeigen, was wir alle von den verschiedenen Endzeitmodellen lernen können, und wie wir die Offenbarung auch jenseits von bestimmten Modellen zu uns sprechen lassen können.

Eine kurze Geschichte des Cessationismus

Heute möchte ich in aller Kürze versuchen, die Geschichte des Cessationismus nachzuzeichnen. Der Cessationismus besagt ja bekanntlich, dass bestimmte Charismen oder Geistesgaben bereits aufgehört hätten. Im Laufe der 2000 Jahre Kirchengeschichte gab es immer wieder kleinere Bewegungen, die diesen Cessationismus vertreten haben. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass die Vorstellungen und Begründungen dazu Legion sind. Auch heute gibt es eine ganze Menge verschiedener Cessationismen, die etwa von unterschiedlichen Gaben meinen, dass sie aufgehört hätten und das dann auch sehr unterschiedlich begründen. Es wäre natürlich spannend, eine ausführliche Geschichte des Cessationismus zu schreiben und die diversen Ausprägungen noch näher zu beleuchten, aber hier geht es mir darum, dass wir verstehen, welche Hintergründe er in welcher Zeit und Gesellschaft hatte.

Die frühchristlichen Theologen im 2. Jahrhundert, unter ihnen etwa Justin der Märtyrer, versuchten mit ihren Schriften den damaligen Juden klar zu machen, dass Jesus doch der Messias ist. In diesen Schriften finden wir Argumente, welche zeigen, dass es schon unter manchen jüdischen Strömungen frühe Formen des Cessationismus gab. Jesus wurde vorgeworfen, ein falscher Prophet zu sein. Für die christlichen Theologen hingegen war klar: Weil die Juden ihrer Zeit keine Wunder mehr vorzuweisen hatten, die christliche Kirche hingegen zahlreiche auch im 2. Jahrhundert, deshalb sei daraus zu schließen, dass die christliche Lehre richtig sein muss.

Der erste christliche Theologe, der eine vollständige Lehre des Cessationismus entwickelt hat, war Johannes Chrysostom („Goldmund“) im 4. Jahrhundert. Er meinte, ein Glaube, der keine Wunder sehen könne, sei ein wertvollerer, echterer Glaube als jener, welcher sich darauf berufen könne, Wunder gesehen zu haben. Interessant ist aber auch der Kirchenvater Augustinus. Dieser war zuerst auch Cessationist, doch im Buch 22 des „Gottesstaats“ zählt er ein ganzes Kapitel lang Wunder auf, die ihn dazu gebracht haben, seine Meinung zu ändern.

In der frühen Kirche war es also ganz natürlich, auf die Wunder und Prophetien, Heilungen und Dämonenaustreibungen zu verweisen, um für den christlichen Glauben Argumente zu präsentieren. Erst mit der Zeit, als eine gewisse Hierarchie aufgebaut war, und langsam das spontane Wirken des Heiligen Geistes durch die geplante Ausübung von Sakramenten durch die Priesterkaste ersetzt wurde, gab es seltener Berichte, die davon zeugten, dass Wunder und Prophetien zum ganz normalen Christenleben dazu gehörten. Immer mehr nahmen feste Rituale den Platz des Heiligen Geistes ein und vermutlich ist der Rückgang dessen Wirkens deshalb auch kein Wunder. Nichtsdestotrotz gibt es aus jedem Jahrhundert zahlreiche Beispiele für einzelne Menschen, die einen charismatischen Dienst hatten.

Im Zeitalter der Reformation kam ein weiteres Merkmal hinzu: Die Abgrenzung von den falschen Lehren. Im Hochmittelalter gab es in den Klöstern und an Wallfahrtsorten immer wieder Berichte von Heilungen und anderen Wundern; man könnte fast sagen, es war eine Resaissance der Wundersucht. Und dann, als die Reformatoren auftraten, wurde oft als Argument gebraucht, um die Reformatoren zum Schweigen zu bringen, dass die Lehre des römisch-katholischen Kirche durch diese Wunder bestätigt würden. Das Argument war also ungefähr so: Je mehr Wunder du vorweisen kannst, desto besser ist deine Lehre. Das war da so der übliche Vergleich, wer den Längsten hat. Oder so.

Und dann gab es noch eine zweite Gefahr. Es gab Menschen, welchen die Reformatoren zu wenig weit gingen. Es gab welche, die meinten, sie bräuchten so viel Freiheit, dass sie ohne Bibel auskämen. Nur mit dem Heiligen Geist. „Das Wort tötet, der Geist macht lebendig“, zitierten sie, und schmissen ihre Bibeln mitsamt diesem Vers in die Ecke, um nur noch auf den wort-losen Geist zu hören. Auch unter diesen Gruppen gab es Berichte von Wundern, die wiederum als eine Bestätigung der besten Lehre betrachtet wurden. Und nun ist es wichtig, diese Dinge im Hinterkopf zu behalten, wenn man die Schriften der Reformatoren liest. Wer lange genug sucht, wird immer wieder Stellen finden, die sich für sich gesehen so verstehen lassen, dass Luther oder Calvin „klassische“ Cessationisten gewesen wären. Im Kontext und im Gesamtwerk betrachtet wird hingegen deutlich, dass es vor allem darum ging, dass sie gegen eine Abwertung der Bibel als Gottes Wort und Heiliger Schrift argumentierten. Auch das spätere Luthertum war keineswegs der Meinung, dass es keine besonderen Eingriffe Gottes durch Wunder oder Prophetien geben könne. Es wurde lediglich gegen das theologisch liberale „Schwärmertum“ gewettert, welches Gottes Wort degradierte.

Erst die Aufklärung, das naturalistische Weltbild und die Philosophie des „Common Sense“ haben den Rahmen geschaffen, innerhalb dessen der klassische Cessationismus wachsen konnte, der dann von Benjamin B. Warfield vertreten und ausgearbeitet wurde. Das naturalistische Weltbild betrachtete alles in der Welt als natürlich, und wurde zunächst noch auf das Fundament des christlichen Glaubens gestellt, nach welchem die Gesetze der Natur von Gott geschaffen wurden. Doch bald verließ es dieses Fundament und die Naturgesetze und -konstanten wurden zunehmend als grundlos einfach vorhanden und zufällig vorgegeben betrachtet. Die schottische Philosophie des „Common Sense“ besagte zudem, dass alle vernünftig denkenden Menschen in den wichtigen Fragen zu denselben Resultaten, Antworten und Wahrheiten kommen müssten. Von diesem Denken geprägt machte sich der Theologe Benjamin Warfield daran, Bücher über falsche Wunder und den Cessationismus zu verfassen. Auch er hatte seine Ansichten unter dem Druck seiner Zeit schmieden müssen. In der Presbyterianischen Kirche der USA nahm der theologische Liberalismus überhand. Sein Kollege in Princeton und Zeitgenosse James Gresham Machen hatte den selben Kampf zu kämpfen; er schrieb das Buch „Christentum und Liberalismus“. Warfield ging es darum, in einer Zeit der Verwässerung der Bibel Gottes Wort hochzuhalten, und zwar um jeden Preis. Entsprechend sahen seine Kriterien für ein echtes, biblisches und von Gott gemachtes Wunder aus: Es konnte unter gar keinen Umständen mehr eines geben. Vermutlich war ein weiterer Grund für seine Ansichten auch biographischer Art: Seine Frau Annie wurde infolge eines Blitzschlages gelähmt und blieb es Zeit ihres Lebens, während er sie pflegte. Es ist gut möglich, dass dieses Nicht-Erleben einer übernatürlichen Heilung seiner Frau seine Ansichten gefestigt haben.

In der Zeit von Warfield war auch die Sekte der „Christlichen Wissenschaft“ (Christian Science) von Mary Baker Eddy sehr weit verbreitet. Das war eine Sondergruppierung, die sich darauf berief, dass Heilungen, die in dieser Gruppe geschehen seien, ein Beweis für die Richtigkeit der Lehre sei. Anmerkung am Rande: Einmal mehr der unselige Vergleich, wer den Längsten vorweisen kann. Allerdings zeigt die Theologiegeschichte sehr deutlich, dass man die Irrtumslosigkeit und Inspiration der gesamten Bibel sehr gut verteidigen und sich gleichzeitig an Gottes heutigem Wirken und Reden erfreuen kann. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns darüber Gedanken machen und uns auch fragen, welches gute und welches weniger gute Argumente für das heutige Wirken des Heiligen Geistes in unserer Zeit sind.