Der Schwarm – eine yrre Story und ihre Verfilmung

Vorsicht Spoiler!

Als Teil der Vorbereitung für ein aktuelles Schreibprojekt habe ich im letzten Jahr Frank Schätzings Ökothriller „Der Schwarm“ (Link) gelesen und dazu die achtteilige TV-Serie (Link) angeschaut. Und zum ersten Mal in meinem Leben gab es eine Verfilmung, die mir besser gefiel als das Buch.

Wer mich kennt, weiß, dass ich lange Bücher mag. Und mit etwas über 1000 Seiten ist Schätzings Werk durchaus in dem Bereich, der für mich langsam interessant zu werden beginnt. Es war mein erstes Buch, das ich von ihm las, somit war sein Schreibstil komplett neu für mich. Außerdem war „Der Schwarm“ seit Längerem auf meiner Liste der noch zu lesenden Bücher. Da lag es nahe, mir diese „yrre“ Story und ihre Verfilmung reinzuziehen.

Nicht nur eine Story

Gleich ab den ersten Seiten beginnt eine rasante Jagd um die Zukunft und das Überleben der Menschheit. Die Natur schlägt zurück. Naturkatastrophen aus dem Meer, erst fast wie zufällig, dann sieht es immer geplanter aus, um den größtmöglichen Schaden anzurichten. Mit der Zeit finden sich Beobachter und Forscher dieser Naturphänomene zusammen, um sich auszutauschen und dem auf den Grund zu gehen. Immer mehr wird deutlich, dass es sich um einen Schwarm einzelliger Lebewesen – den YRR, wie die Forscher sie nennen – handelt, welche im Verband eine ungeheure Intelligenz und ein Jahrtausende altes Gedächtnis besitzen. Die Forscher werden sich einig, dass das Ziel sein sollte, mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen und zu zeigen, dass der Mensch auch intelligent ist und fähig, sich zu bessern, um so das Klima und die Meere, den Lebensraum der YRR, zu schützen.

So weit ist es wirklich eine rasante, fesselnde Story. Jetzt müsste sie noch linear zu Ende gehen können. Doch hier kommt plötzlich ein Element rein, das die Geschichte künstlich aufbläst, gerade so, als hätte sich der Autor vorgenommen, nicht vor Seite 1000 aufhören zu wollen. Mit Judith Li taucht eine Figur auf, die im Prinzip eine neue Geschichte beginnt. Es ist nicht mehr der Kampf gegen die YRR, der im Mittelpunkt steht, sondern mehr noch der Kampf gegen die Navy, gegen die nationalen Sicherheitsbehörden, gegen die Geheimdienste der Vereinigten Staaten. Dieses künstliche Element, diese völlig neue Story hat mich gestört. Es passte nicht in den Verlauf der bisherigen Handlung. Außerdem war mir vom ersten Moment der Erscheinung Judith Lis sofort klar, wer hier parodiert werden sollte. Auch wenn ich mir in dem Moment des Lesens nicht einmal aktiv bewusst war, dass das Buch vor 20 Jahren veröffentlicht wurde, erschien vor meinem inneren Auge sofort die damalige Leiterin der nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, die in der zweiten Amtszeit G.W. Bushs als Außenministerin besonders bekannt wurde.

Eine biologische oder eine politische Story?

Damit wurde aus der Geschichte um den im Meer lebenden intelligenten Einzellerschwarm plötzlich eine politische Geschichte voller Betrug, Hinterlist und am Ende auch vielfachen Mord. Nun ist es ja so, dass ein Autor auf jeden Fall so eine Art Vergleich anstellen darf, in welchem es darum geht, ob die Menschheit durch die sich rächende Natur oder durch den menschlichen Charakter als „des Menschen Wolf“ schneller ausgerottet wird. Keine Frage, das darf auch Frank Schätzing machen. Doch dann hätte er genügend Gelegenheiten gehabt, das politische Element früher und natürlicher in den Verlauf der Geschichte einzuführen. Es scheint mir vielmehr die Schwierigkeit gewesen zu sein, das Buch linear abzuschließen. Womöglich gab es in der Vielzahl an naturwissenschaftlichen Recherchen zum Buch (es kam ja später noch ein gut 600 Seiten starker Band mit jenen heraus) noch manches, was er unbedingt mit einbauen wollte. Nun, sei‘s drum. Mich persönlich hat diese künstliche Wendung gestört.

Geradezu wohltuend rund empfand ich dagegen die Verfilmung. Hier ist die ganze Zeit klar, dass die intelligente Naturgewalt das eigentliche Problem ist. Es bleibt ein biologisches Spektakel, untermalt mit einzelnen Streitigkeiten und Intrigen. Unnötig fand ich dagegen die Veränderung von so vielen Charakteren. Manche werden komplett neu erfunden, andere haben eine filmische Geschlechtsumwandlung durchgemacht. Im Grunde genommen ist es damit nicht mehr der Schwarm von Schätzing, sondern eine neue Story geworden.

Nur noch kurz die Welt retten…

Der wohl größte Unterschied ist der Schluss der Geschichte. Im Buch sind am Ende fast alle tot, die meisten der Hauptfiguren durch andere Menschen brutal ermordet. Es gibt ein vorsichtiges Zusammenleben der YRR im Wasser und der noch lebenden Menschen, welche nun beweisen müssen, dass sie den Lebensraum der Einzeller in Ruhe lassen und die Natur überhaupt schützen. Im Buch wird der Botenstoff der YRR am Ende in die Leiche des Helfers von Li, Mick Rubin, injiziert und aus dem U-Boot Deepflight entfernt, woraufhin die YRR das erkennen und sich zurückziehen.

Viel dramatischer und auch im Grunde genommen authentischer ist da das Ende in der Verfilmung. Charlie Wagner schwimmt auch mit dem Deepflight auf den Meeresgrund, die Leiche Rubins neben sich, doch da trifft sie eine Entscheidung: Sie injiziert sich das Pheromon selbst und verlässt das U-Boot. Sie ist bereit, sich selbst zu opfern, da sie nicht sicher ist, ob das mit einem doch schon seit längerem gestorbenen Leib so möglich ist. An diesem Punkt kommt etwas Tiefes der Menschheit zum Tragen. Das ist ganz großes, emotionales Kino. Denn ganz tief in uns drin weiß jeder Mensch die Wahrheit, die Jesus Christus so unvergleichlich klar aussprach:

Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15:3)

(Auch wenn der stellvertretende Opfertod Jesu Christi niemals vergleichbar ist mit irgend einem Roman oder Film, gibt es dennoch zahlreiche ganz große Werke der Literatur, die genau auf dieser Bereitschaft aufbauen, für andere ihr Leben einzusetzen. Mehr dazu folgt, wenn ich mit meinem Schreibprojekt vorankomme.)