Wie können wir denn beurteilen?

Wie können wir denn beurteilen?
Paulus schreibt im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth:
Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, so dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist; und davon reden wir auch, nicht in Worten, die von menschlicher Weisheit gelehrt sind, sondern in solchen, die vom Heiligen Geist gelehrt sind, indem wir Geistliches geistlich erklären. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss. Der geistliche [Mensch] dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt; denn »wer hat den Sinn des Herrn erkannt, dass er ihn belehre?« Wir aber haben den Sinn des Christus.“ (1. Korinther 2, 12 – 16)
Da ich in der Gemeinde häufig mit jungen Menschen unterwegs bin (Royal Rangers, Jugendkreis, etc.), ist es eine meiner wichtigsten Aufgaben, diese Menschen in eine geistliche Reife hinein zu führen, in welcher sie fähig sind, ihr Umfeld, ihre Kultur, die Dinge, die ihrer Generation wichtig sind, selbst mit Hilfe der Bibel geistlich zu beurteilen.
Hinter jedem Produkt einer Kultur steckt eine bestimmte Weltanschauung. Die Weltanschauung ist die Vorstellung, die ein Mensch von der Gesamtheit der Realität hat. Hier finde ich die „Tool Box“ sehr hilfreich, die Nancy Pearcey in ihrem Buch „Total Truth“ vorgestellt hat: Die drei Punkte „Schöpfung“, „Sündenfall“ und „Wiederherstellung“.
Im Weiteren ein paar Gedanken, die ich versuche zu vermitteln, um bei der Beurteilung zu helfen. Zum Teil stammen die Anregungen aus Pearceys Buch S. 134 – 150, die ich hier in eigenen Worten wiedergebe und ergänze. Wer mehr dazu wissen möchte, dem empfehle ich, jenes Kapitel im Buch zu lesen.
Schöpfung:
– Woher kommt alles? Ist der Mensch ein Produkt des Zufalls? Ist er bloß ein ziemlich gut entwickeltes Tier?
– Wird die Individualität des Menschen ernst genommen? Wie steht es um die Menschenwürde? Die Menschenrechte konnten nur in einer Kultur entstehen, die auf das jüdisch-christliche Menschenbild aufgebaut war! Wie ist der Umgang mit der übrigen Schöpfung (Naturschutz, etc.)?
– Geht es in der Kunst um echte Schönheit, um echte Ästhetik oder nur um ein seelisches Hochpushen von Gefühlen und um die innerliche Selbst-Betäubung?
– Wer ist der Schöpfer? Wird bloß eine unpersönliche Kraft, Energie, Materie oder ein persönlicher, allmächtiger, allwissender, liebender, gerechter, heiliger Schöpfer an den Anfang gestellt?
Sündenfall:
– Woher kommt das Leid? Ist daran der Beginn des privaten Eigentums schuld? Ist das Böse im Menschen einfach nur ein Teil seiner selbst?
– War der Sündenfall dann, als das Geld erfunden wurde? Oder bestand er darin, dass die Leitung des Haushalts zwischen Mann und Frau aufgeteilt wurde?
– Bestand der Sündenfall darin, dass der Mensch begann, eine Zivilisation zu gründen und Kultur zu schaffen? Oder dann, als man begann, die Sexualität durch die Ehe zu beschränken?
– Oder war die menschliche Entwicklung schuld, die ihn dazu brachte, sich selbst als individuell zu sehen und nicht mehr als Teil des All-Ganzen?
Wiederherstellung:
– Kann die Welt wieder in Ordnung gebracht werden, indem plötzlich alles allen gehören soll? Oder dadurch, dass das Geld, die Kultur, die Ehe oder sonst was abgeschafft wird?
– Die Bibel sagt uns, dass der Mensch nichts tun kann. Er muss von außerhalb seiner selbst erlöst werden. Er muss als Erstes von Gott wiedergeboren werden, indem er ein neues Herz bekommt. Alles andere wird nicht funktionieren.

Biblisch Familie leben

Für die April-Ausgabe der BFP-Zeitschrift GEISTbewegt! durfte ich wieder einen Artikel verfassen. Wer die Möglichkeit hat, sollte ihn möglichst in der Papier-Ausgabe lesen, da das gesamte Layout sehr gut geworden ist.
Biblisch Familie leben – heute?
Nachdem die Evangelische Kirche Deutschland letztes Jahr eine Orientierungshilfe zum Thema herausgegeben hat, bewegt diese Frage viele Gemüter: Wie sieht das biblische Familienleben aus? Können – oder sollen – wir nach diesem Ideal streben? Ist es überhaupt ein Ideal? Wie könnte biblisches Familienleben im 21. Jahrhundert aussehen? Und wie kann die örtliche Gemeinde die Familien darin unterstützen?
Familie in der Bibel
Zunächst müssen wir sehen, dass das, was wir heute unter dem christlichen Familienbild verstehen, in der Bibel kaum oder nur als Ausnahme zu finden ist. In der Bibel gibt es Familie nicht als Definition von „Vater, Mutter und Kinder“. Vielmehr ist die Familie als eine Lebensgemeinschaft vorausgesetzt, die aber zugleich auch eine Lern- und Arbeitsgemeinschaft ist. Die Familie wird in der Bibel das „Haus“ genannt. Dieses Haus umfasste oft mehr als zwei Generationen, daneben aber auch nähere Verwandtschaft und die Angestellten, also die Diener oder Sklaven des Hauses. Da immer wieder Menschen recht früh gestorben sind und dadurch wieder neue Ehen geschlossen wurden, war das, was wir heute eine „Patchwork-Familie“ nennen, schon immer weit verbreitet.
Wo es hingegen keine Zweifel geben kann, ist die Ehe, die von Anfang an im Bilde Gottes als ein lebenslanger Bund von einem Mann mit einer Frau geschaffen war. Mann und Frau haben gemeinsam die Aufgabe, für die kommende Generation zu sorgen und die zeitlos gültigen Werte der Bibel weiterzugeben. So ist das Buch der Sprüche eine Sammlung der Lebensweisheit König Salomos und anderer weiser Männer, dazu gemacht, um diese Weisheit der nächsten Generation zu geben. Es beginnt immer wieder mit den Worten: „Höre, mein Sohn“ und möchte somit auch Eltern Anleitung geben, was die Werte der Bibel und damit auch des allwissenden Gottes sind, die der nächsten Generation weitergegeben werden sollen. Auch im Neuen Testament wird diese Aufgabe der Familie als Lebens-, Lern- und Arbeitsgemeinschaft wieder aufgenommen. Kinder haben die Pflicht, ihren Eltern zu gehorchen. Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder zu einem gottesfürchtigen Leben zu erziehen, ohne sie dabei verbittert zu machen (Epheser 6, 1 – 4).
Familie im Wandel der Zeit
Seither hat sich in der Gesellschaft manches verändert. Ob zum Guten oder nicht, sei dahingestellt. Doch ist klar, dass wir in unserer Zeit oft anderen Fragen ausgesetzt sind. Dennoch ist uns auch hier die Bibel der Maßstab für all unser Handeln. Für die Familie hat sich vor allem im Zeitalter der Industrialisierung eine Menge geändert. Waren bis dahin die meisten Familien noch mit Grundbesitz und eigenem Gewerbe ausgestattet, wurde nun der Beruf immer mehr in die Fabrik verlegt. Es fand eine Trennung von Familie und Beruf statt. Der Beruf wurde zunehmend von der Familie abgekoppelt. Durch die Säkularisierung wurde der Beruf vergötzt – Ehe und Familie war bald nur ein Anhängsel des im Beruf stehenden Mannes.
Zunehmend wurde auch die Bildung ausgelagert, öffentliche Schulen wurden zum neuen Vermittler des Wissens. Auch sie wurden säkularisiert gestaltet. Stammte der Begriff der Bildung im späten Mittelalter und der Reformation noch ursprünglich vom „in das Bild Gottes gewandelt werden“ ab (Römer 8, 29), so geht die Erziehung zur Gottesfurcht immer mehr verloren. Am Ende bleibt eine Ehefrau und Mutter übrig, deren Arbeitsleistung für Ehe und Familie als wertlos betrachtet wird. Dass die Tagesstätte, der Kindergarten und die Schule kein Ersatz, sondern immer nur eine Ergänzung zu einer intakten Familie sei, wird häufig vergessen. Da in vielen Fällen das Einkommen der ganzen Familie eher gering war, mussten schon im Zeitalter der Industrialisierung immer öfter auch Frauen in der Fabrik arbeiten gehen. Daraus entstand ein neues Selbstverständnis, das in der Frauenrechtsbewegung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck kam. Inzwischen hat sich in unseren Breiten der Staat derart „aufgebläht“ und damit auch die Last der Abgaben, dass eine Familiengründung immer teurer wurde. Auch wird durch die lange Ausbildungszeit der Zeitpunkt für eine solche Familiengründung immer weiter hinausgezögert.
Nicht zuletzt entstand durch die technische Revolution seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine immer tiefer werdende Kluft zwischen den Generationen. Wachsen heute Kinder bereits in jungen Jahren mit Internet, Handy und Smartphone auf, haben deren Eltern in vielen Fällen wenig bis keine Ahnung von den Möglichkeiten und Gefahren der neuen Medien. Mit all diesen Veränderungen ist eine Familie in der heutigen Zeit konfrontiert. Hier gilt es, für alle Bereiche des Lebens Antworten zu finden, die den biblischen Werten entsprechen und gläubige Familien darin zu unterstützen, ein Leben in unserer Zeit nach dem Wort Gottes zu leben.
Die Gemeinde und die Familie
Hier ist die Gemeinde gefragt. Am Ende Seiner Tätigkeit auf der Erde sagte der Herr Jesus: „So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! Amen.“ (Matthäus 28, 19 – 20) Einen Jünger des Herrn Jesus macht also aus, dass er gelehrt wird, alles zu tun, was Gott ihm befohlen hat. Den Willen Gottes finden wir in den ganzen 66 Büchern des Alten und Neuen Testaments. Somit hat die Gemeinde den Auftrag, ihren Familien, die ja die Kernzellen der Gemeinde sind, zu helfen, ihren Alltag, ihre Fragen und Sorgen mit Hilfe von Gottes Wort zu bewältigen.
Als Gemeinden ist es wichtig, dass wir die Ehe wertschätzen und zur Familiengründung ermutigen. Auch heute ist das Psalmwort gültig, dass Kinder ein Segen sind (Psalm 127, 3). Die Ehe wird in der Bibel oftmals als Bild gebraucht, um die Liebe und Treue Gottes zu Seiner Gemeinde zu beschreiben. So haben die christliche Ehe und Familie in unserer Gesellschaft den Auftrag, Gottes Charakter bekannt zu machen, der auch angesichts unseres menschlichen Versagens treu, vergebend und voller Heiligkeit, Gerechtigkeit und Liebe bleibt. Auch in den Bereichen Erziehung und Bildung kann die Gemeinde Eltern unterstützen, zum Beispiel mit Seminaren zu diesen Themen. Wichtig wäre, hierbei auch an die neuen Medien zu denken und Familien in ihrem Wissen und Umgang damit zu unterstützen. Die Gemeinde hilft den Eltern also, ihren Erziehungsauftrag gemäß den biblischen Werten wahrzunehmen.
Viele Gemeinden haben bereits eine gut funktionierende Kinder- und Jugendarbeit. Diese ist eine wertvolle Investition in die Familien. Verschiedene Arbeitsbereiche der Gemeinde möchten den Glauben vermitteln und Hilfe für den Alltag geben. So lebt die Gemeinde davon, dass in jeder Generation wieder neue Menschen zum Glauben kommen und sich in der Gemeinde wiederum in die nächste Generation investieren. In einer christlichen Jugendarbeit können Kinder und Jugendliche unter Gleichaltrigen eine Menge fürs Leben lernen.
Ein großer Teil der Pflegeleistung wird privat in der erweiterten Familie erbracht. Große Gemeinden können mithelfen, indem die Familien in der Pflege unterstützt werden. Solche Projekte können natürlich auch über die Grenzen der eigenen Gemeinde hinaus geplant und durchgeführt werden. Familie hört nicht dort auf, wo der Rahmen „Vater-Mutter-Kinder“ überschritten wird. Da wir laut Bibel als weltweite Gemeinde aller Gläubigen eine große Familie sind, hat jede und jeder Gläubige Familie. Leider wird dies oft vergessen; Singles, Alleinerziehende oder auch einsame ältere Menschen werden als „unvollständig“ betrachtet und so behandelt. Da braucht es ein Umdenken in unseren Gemeinden: So wäre eine Zusammenarbeit mit bereits vor Ort bestehenden Jugend- und Familienzentren oder Alters- und Pflegeheimen möglich. Auch gemeinsame Feiern und Projekte in der Gemeinde sind Möglichkeiten, um mehr Menschen in das Gemeindeleben mit einzubeziehen und ihnen zu helfen, sich auch als Alleinstehender als vollständiger Mensch zu sehen und gebraucht zu wissen. Hier sind wir gefordert, für einander gegenseitig Verantwortung zu übernehmen und so in Einheit zu einander zu stehen: Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. (Johannes 17, 20 – 21)

Timotheus-Magazin #15: Heiligung

Timotheus-Magazin #15: Heiligung
Als einer der privilegierten Abonnenten habe ich dieses Mal die Ausgabe erstaunlich schnell bekommen, wohl als einer der Ersten. Bereits am Mittwoch, 9. April, kam sie per Post bei mir an. Die Titelseite gefällt mir diesmal sehr gut, sie weckt Interesse und macht Lust auf mehr. Das Thema der Ausgabe ist „Heiligung“ und der Untertitel „Zwischen Kampf, Krampf, Anspruch und Wirklichkeit“. Als liebevoll gestaltet fällt mir auch die dritte Seite auf, wo das Inhaltsverzeichnis und Impressum nebst mehreren kleinen Grafiken einen guten Eindruck erwecken.
Im Editorial geht Peter Voth in einer wie gewohnt guten Einleitung auf das Thema ein. Er schreibt: „Heiligkeit und Heiligung sind herrliche und kostbare Dinge. Es gibt für uns nichts, was erstrebenswerter ist. Angesichts dessen klingt der Untertitel etwas negativ, doch ein Ziel dieser vorliegenden Ausgabe ist es, uns den „Spiegel der Heiligung“ vorzuhalten, und wenn wir in diesen Spiegel schauen, werden wir wohl nichts Erstrebenswertes sehen. Doch wir bleiben hier nicht bei unserem Unvermögen stehen, denn sonst wäre diese Ausgabe nichts als ein Schuss in den Ofen.
Biblische und praktische Lösungen, Anwendungen und Antworten sollen uns herausfordern, einen echten und siegreichen Kampf in Christus zu führen.“ (S. 2) Dies also ist der Anspruch an die neue Ausgabe. Dann wollen wir uns mit diesen Gedanken im Hinterkopf der Zeitschrift nähern und sehen, ob dies (auch ohne Kampf und Krampf) der Wirklichkeit entspricht.
Oh, mein unheiliges Herz! (S. 4 – 7) von Waldemar Dirksen
Wohlüberlegt steht an erster Stelle ein Beitrag über das Herz. Das Herz ist der Ort, an welchem die Heiligung geschieht, es ist ein „Sinnbild für das seelisch-geistige Zentrum des menschlichen Wesens“ (S. 5). Dirksen führt aus: „Unser Herz ist wie ein gefüllter Becher, der geschüttelt wird und dabei seinen Inhalt von sich gibt. Wohl dem, dessen Herz voller Demut und Gottesfurcht ist. In Stürmen, Kränkungen und unerwarteten Ereignissen wird ein mit Demut gefülltes Herz in heiliger Gelassenheit und Güte standhaft bleiben.“ (S. 6). Er empfiehlt: „Bewahre ernsthaft und eifrig dein Herz vor dem Schmutz der Welt: Ersetze zweifelhafte Literatur durch geistlich aufbauende Literatur! Vermeide übermäßigen Medienkonsum! Wenn du das Internet in deiner Freizeit nutzt, dann nur zielorientiert und zeitlich begrenzt! Videos mit zum Teil moralisch verwerflichen Szenen, die Gewalt, Ehebruch oder Missgunst darstellen, sollen in deinem Leben keine Chance haben. Sie sind doch letztlich wie Mülltonnen voller Unrat. Das Herz soll nicht mit schädlichen Inhalten, sondern mit Gottes Wort genährt werden.“ (S. 6)
Wie heilig will ich sein? (S. 8 – 11) von Matthias Lohmann
Matthias Lohmann legt in seinem Artikel die Worte von Paulus in Kolosser 3, 1 – 4 aus. Er sieht darin drei Motivationen für ein Leben in der fortschreitenden persönlichen Heiligung: Bedenke die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Wenn wir uns an das erinnern, was vergangen ist, nämlich die ein für alle Mal von Christus vollbrachte Erlösung, so gibt uns das Kraft, nach der Heiligung zu streben (S. 10). Wenn wir an das denken, was jetzt ist, nämlich dass Jesus Christus zur Rechten des Vaters sitzt und für uns Fürbitte tut, so motiviert uns das, für Ihn zu leben (S. 10). Und wenn wir an unsere Zukunft denken, nämlich dass wir das Ziel der Ewigkeit vor uns haben und das Leben hier auf Erden dazu dient, uns darauf vorzubereiten, so ist auch dies eine Motivation, um nach der Heiligung zu streben (S. 11).
Christus ist meine Heiligung (S. 12 – 15) von Thomas Reiner
Thomas Reiner stellt das Leben von Hermann Friedrich Kohlbrügge vor. Dieser treue Prediger hatte in seinem Leben viel Schweres durchzumachen. Da er in einer von der liberalen Theologie geprägten Kirche am Evangelium festhielt, wurde ihm das Pfarramt verweigert. Dann starb auch noch sein Vater und später nach erst vier Ehejahren seine Frau. So landete er schließlich in Elberfeld, wo er endlich eine Pfarrstelle bekam. Seine Predigten waren von der Klarheit der guten Botschaft von Jesus Christus geprägt. Auch da seine Gesundheit immer angeschlagen war, hatte er nichts zu bieten als Jesus Christus: Christus ist meine Heiligung!
Heiligung gleich Heiligung? (S. 16 – 19) von Jörg Wehrenberg
In diesem Artikel gibt Jörg Wehrenberg einen Überblick über den 1. Korintherbrief: „Das Hauptthema des ersten Korintherbriefes ist die Verherrlichung Gottes durch das Leben der Christen.“ (S. 17) Später fährt er fort: „Das Evangelium ist für Paulus die Grundlage für seine Aufforderung, ein solches Leben zu führen, durch das Gott verherrlicht wird. Er zieht es immer wieder heran, indem er die Bedeutung des Todes von Jesus und seiner Auferstehung für unser Verhalten im alltäglichen Leben anwendet. Hier wird schon angedeutet, dass das Evangelium zugleich Grundlage und Mittel für ein Leben ist, welches Gott verherrlicht.“ (S. 18)
Warum ist Heiligung so wichtig? (S. 20 – 23) von Jörn Krebs
Jörn Krebs möchte die Frage beantworten, warum Heiligung nicht etwas Optionales im Leben eines Christen ist. Er beginnt damit, den Unterschied zwischen aktiver und passiver Heiligung zu erklären. Ehrlich gesagt hätte ich anhand des Titels diesen Abschnitt eher im Artikel „Heiligung gleich Heiligung?“ erwartet. Danach legt Jörn Krebs das Gleichnis von den zehn Jungfrauen aus und stellt fest, dass die Lampen einmal bei allen gebrannt haben (S. 21). In einem dritten Punkt geht es auch um das Gleichnis vom Weinstock und den Reben: „Die Reben aber, die Frucht bringen, werden gereinigt, damit sie noch mehr Frucht bringen, was etwas mit guten Werken zu tun hat (Vers 2 und 8). Erneutes passives Gereinigtwerden und aktives Fruchtbringen sind bildhaft übertragbar auf das Thema passiver und aktiver Heiligung.“(S. 22) Ein wichtiger Beitrag!
Lektion in Heiligkeit(S. 24 – 27) von Andreas Münch
Der Beitrag zum Alten Testament in der Rubrik „Schriftgelehrt“ ist für mich persönlich das große Highlight dieser Ausgabe. Es geht um das Buch Levitikus, das dritte Buch Mose. Schon der Leadtext zeigt mir, dass dieser Artikel ein Genuss zu lesen sein wird: „Denn Gott ist die Heiligung Seines Volkes so wichtig, dass Er ein ganzes Buch dazu aufschreiben ließ.“ (S. 25) Ich stimme Münch absolut zu, dass dieses Buch heutzutage viel zu sehr vernachlässigt wird. Er fährt fort: „Was Gott dem Volk Israel hier in der Wüste vor tausenden von Jahren offenbarte, hat an Relevanz für uns Christen nichts eingebüßt, denn das grundlegende Prinzip der Heiligung der Kinder Gottes gilt uns gleichermaßen.“ (S. 26) Was darauf folgt, ist ein leicht verständlicher, biblisch gut begründeter kurzer Abriss einer Biblischen Theologie: Wie gehören das Alte und das Neue Testament zusammen? Was ist die Grundlage, auf welcher der von Sünde geprägte Mensch mit dem heiligen Gott der Bibel Gemeinschaft haben kann? Wie sieht diese Gemeinschaft praktisch aus? Ein durch und durch wertvoller Artikel, den ich jedem Gläubigen, egal wie lange er schon im Glauben steht, sehr empfehlen möchte.
Wahre Reformation … beginnt mit dem Wort (S. 28 – 31) von Jochen Klautke
Der Artikel in der Serie „Josia“ hat nur am Rande mit dem Heftthema zu tun. Es geht um das Zusammenspiel von Reformation und Gottes Wort. Was geschah, als unter Josia das Wort Gottes plötzlich gefunden wurde? Josia wurde davon ganz persönlich getroffen und begann, sein Leben neu danach auszurichten. Dabei blieb er aber nicht stehen, sondern sorgte dafür, dass auch andere es hören sollten (S. 31)
John Owen und die Heiligung (S. 32 – 35) von Jonas Erne
Für die Rubrik „Nach Christus“ (da geht es um die Kirchengeschichte) durfte ich einen Artikel über den großen Puritaner John Owen verfassen. Das authentische Leben und die klare Lehre dieses Gottesmannes haben mich beim Vorbereiten und Schreiben immer wieder ganz persönlich berührt. Wie der Artikel ankommt, möchte ich allerdings andere Leser beurteilen lassen. Für Owen ist es ganz wichtig, zu betonen, dass die Heiligung ein Werk des Heiligen Geistes am gläubigen Menschen ist.
Fazit und Empfehlung
Werden die Ansprüche, die im Editorial angesprochen werden, erfüllt? Ich möchte ganz frei heraus sagen: Für den begrenzten Platz, den eine Zeitschrift bietet, werden sie mehr als erfüllt. Ich staune bei dieser Ausgabe, wie viel Talent hier zusammenkommt und gemeinsam ein wunderschön abgerundetes Bild vom Heftthema zusammenbekommt. Es ist für jede und jeden etwas dabei, vom frisch Bekehrten bis zum langjährigen Bibelleser. Wenn jemand nur einen Artikel lesen wollte oder könnte, würde ich den von Andreas Münch zum 3. Mosebuch empfehlen („Lektion in Heiligkeit“).
Auch beim Layout scheint mir das Magazin deutlich gereifter zu sein. Die Bilder zu den Artikeln sind allesamt sehr gut ausgesucht. Was mich zuweilen noch irritiert, ist der mehrfache Wechsel zwischen zwei und drei Spalten. Ich finde, dass dies beim Lesen anstrengt, besonders wenn dieser Wechsel innerhalb desselben Artikels vorkommt, aber das kann auch an meinem subjektiven Empfinden liegen.
Wer die Zeitschrift noch nicht abonniert hat, sollte dies ganz dringend hier tun. Ich gratuliere der Redaktion zu dieser Ausgabe, die die bisher umfangreichste und meines Erachtens auch die insgesamt beste ist.

Fragen zur Predigtvorbereitung

Für den Blog von Marc Strunk habe ich ein paar Fragen zu meiner persönlichen Praxis des Vorbereitens und des Haltens von Predigten beantwortet (Link). Ich fand die Auseinandersetzung mit den Fragen sehr hilfreich – auch gerade für mich selbst, um mir einmal mehr klar zu werden, wie ich das mache und was ich noch lernen sollte.
In einer Diskussion kam die Frage auf, welche Kommentare ich verwenden würde. Zu den Kommentaren gibt es hier eine sehr gute Ressource (ich arbeite hauptsächlich mit englischen Kommentaren, da es meiner Meinung nach auf deutsch keine echten Alternativen gibt. Abgesehen von den Kommentaren aus der Zeit der Reformation, die zum Teil übersetzt sind und die neuere Serie HTA [Historisch-Theologische Auslegung], von der jedoch erst wenige Bände erschienen sind).
Zum Alten Testament ist die englische Serie NICOT (New International Commentary on the Old Testament) sehr zu empfehlen. Zum Neuen Testament wäre es vor allem NIGTC (New International Greek Testament Commentary), wobei hier auch noch einiges fehlt. Zum Epheserbrief zum Beispiel habe ich den besten Kommentar in der PNTC (Pillar New Testament Commentary) Serie gefunden (von Peter T. O’Brien), zu den Johannesbriefen in der BECNT (Baker Exegetical Commentary on the NT) Serie (von Robert W. Yarbrough).
Auf ein anderes Buch möchte ich auch noch hinweisen. In der Beantwortung von Marcs Fragen nenne ich als wichtigen Einfluss Dr. Martyn Lloyd-Jones. Sein Buch „Die Predigt und der Prediger“ ist mein wichtigstes Buch zum Predigen. Ich versuche, es einmal pro Jahr zu lesen.

Truth Decay – Die Auflösung der Wahrheit

Über die vergangenen etwa acht Monate hinweg habe ich in unregelmäßigen Abständen und mit zahlreichen Anläufen das Buch „Truth Decay – Defending Christianity against the Challenges of Postmodernism“ von Douglas Groothuis gelesen. Es ist ein wahnsinnig herausforderndes Buch, und manchmal habe ich schon über einen kurzen Abschnitt für Tage oder Wochen zu kauen gehabt. Es ist auf englisch geschrieben, und ich muss vorausschicken, dass es auch sprachlich nicht ganz einfach zu lesen ist. Wer sich aber die Mühe macht und entweder besser englisch kann als ich oder auch ein Wörterbuch zur Seite hat, wird mit den zahlreichen guten Gedanken in dem Buch wahrlich reich belohnt. Groothuis ist von Francis A. Schaeffer beeinflusst, was natürlich aus meiner Sicht für ihn spricht. Man merkt es im Buch nicht nur an den Zitaten von Schaeffer, sondern auch an den glasklaren Gedankengängen, sowie auch an der Deutlichkeit der Sprache und der Liebe zur Kunst. Douglas Groothuis, Truth Decay, InterVarsity Press, 2000, Amazon
In der Einführung(S. 9 – 15) gibt Groothuis einen kurze Einblick in das Thema, sowie einen guten Überblick über den Aufbau des Buches. Er betont mit Angabe von Römer 1, 18 – 20, dass jeder Mensch Gott erkennt, aber zugleich eine natürliche Abneigung gegen diese Erkenntnis hat.
Das erste Kapitel, „Wahrheit in Gefahr“ (S. 17 – 31), handelt von der Wahrheit an sich. Es geht darum, dass in der Geschichte der Menschheit immer davon ausgegangen wurde, dass es Wahrheit an sich gibt. Als die ersten Staaten der USA 1776 ihre Unabhängigkeit ausriefen, konnten sie sich darauf berufen, dass gewisse Wahrheiten selbstverständlich sind, nämlich dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, wie zum Beispiel Recht auf Leben, auf Freiheit und Streben nach Glück. Mit Richard Rorty und dem Postmodernismus jedoch kommt ein neuer Ton auf: Man müsse die Vorstellung hinter sich lassen, dass es Wahrheit gebe, die für alle Menschen gleichermaßen gültig sei. Diese Vorstellung sei auch in den Evangelikalismus eingedrungen, wo man vor diesen neuen Sichtweisen der Postmoderne kapituliert habe.
Das zweite Kapitel, „Von der Moderne zur Postmoderne“ (S. 32 – 59), beschäftigt sich noch näher mit der geschichtlichen Entwicklung. Die Geschichte wird zuerst von der Vormoderne zur Moderne, danach von der Moderne zur Postmoderne aufgezeigt. Dieser Schritt ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Ist jetzt die Postmoderne eine Abkehr von der Moderne oder ist sie einfach der nächste logische Schritt, also gewissermaßen das grenzenlose Ausleben dessen, was als Same bereits in der Moderne angelegt war? Vermutlich beides zugleich. Für Vertreter der Postmoderne ist alles, was gesagt wird, lediglich eine leere Worthülse, die keine objektive Bedeutung hat, sondern von jedem Menschen selbst mit Inhalt gefüllt werden muss. Ein Text kann nicht mehr verstanden werden, weil man nie weiß, womit der Autor seine Worte in seiner eigenen Vorstellung verknüpft hatte. Da diese Sichtweise sich in der Gesellschaft etabliert, verliert die Geschichte ihre Bedeutung. Es gibt keine Geschichte mehr, sondern nur ganz viele Geschichten, so viele, wie es Kulturen oder gar Menschen gibt. Der Verlust der Geschichte geht einher mit dem Verlust der Identität, alles wird gleich gültig und damit auch gleichgültig.
Im dritten Kapitel, „Die biblische Sicht der Wahrheit“ (S. 60 – 82), kommt die Bibel zum Zug. Hier wird eine biblische Sichtweise von der Wahrheit entwickelt, die ich als sehr wohltuend im Chaos dessen empfand, was in den vorangegangenen Kapitel beschrieben wurde. Verschiedene hebräische und griechische Wörter für „Wahrheit“ werden untersucht, ebenso die Stellen, an denen sie auftreten, und Groothuis kommt zu acht wichtigen Schlussfolgerungen: Erstens, Wahrheit ist von Gott offenbart, sie wird nicht konstruiert oder erfunden von Individuen oder Gesellschaften. Zweitens, objektive Wahrheit existiert und ist erkennbar. Gott ist die Quelle der objektiven Wahrheit über sich selbst und seine Schöpfung. Drittens, christliche Wahrheit ist absolut in ihrem Wesen. Sie ist es ohne Ausnahme. Viertens, Wahrheit ist universell, das heißt, sie ist überall anwendbar, sie beschäftigt sich mit allem und schließt nichts aus. Fünftens, die Wahrheit von Gott schließt sich nicht an Trendsan. Sechstens, Wahrheit ist ausschließend, spezifisch und gegensätzlich. Für jedes theologische „Ja“ gibt es eine Million „Neins“. Siebtens, Wahrheit ist systematisch und einheitlich. Wahrheit ist eins, so wie Gott eins ist. Achtens, Wahrheit ist ein Ziel, und kein Zweck zu einem Ziel. Sie soll um ihrer selbst willen gewollt und gesucht werden. Ein wahrlich wohltuendes Kapitel!
Im vierten Kapitel, „Die Wahrheit über die Wahrheit“ (S. 83 – 110), beschreibt Groothuis die heutige Schwierigkeit, überhaupt von Wahrheit zu sprechen. Der Postmodernismus kennt auch Konzepte von der Wahrheit, die allerdings nichts mit der biblischen Sicht zu tun haben. Der Autor stellt fest, dass er bei einer Veranstaltung zum Thema „Spiritualität“ herausfand, dass er mit einer Muslima mehr gemein hatte als mit den meisten übrigen Besuchern. Obwohl sie sich darin unterschieden, WAS denn nun die Wahrheit sei, waren sie sich doch einig, DASS es tatsächlich objektive Wahrheit gibt. Wichtig ist in diesem Kapitel der Abschnitt über die postmoderne Sicht von Sprache und Wahrheit. Der Postmoderne betrachtet die Sprache als Konstrukt einer Gesellschaft und zugleich als Konstrukt des Individuums. Auf diese Weise gibt es keinen gemeinsamen Boden mehr, auf dem man sich objektiv verständigen kann. Zugleich betrachtet der Postmoderne auch das Wort „Wahrheit“ mit kritischem Blick, weil er denkt, dass dieses Wort zu lange missbraucht worden sei, um Menschen zu unterdrücken.
Das fünfte Kapitel, „Die postmoderne Herausforderung an die Theologie“ (S. 111 – 138), handelt von den Schwierigkeiten, die das postmoderne Denken in Bezug auf die biblische Wahrheit macht. Sehr gut finde ich die Feststellung von Groothuis, dass auch die Poesie theologische Aussagen macht. Sie ist nicht nur dazu da, um unsere Gefühle zu bewegen, sondern (und gerade) auch, um theologisch korrekte, wahre Feststellungen zu machen. Christus gehört jeder Quadratmeter des Universums, deshalb sind die Aussagen der Bibel auch nicht nur für die Menschen innerhalb der christlichen Gemeinschaft, sondern sie gelten allen Menschen universell. Die Bibel ist Offenbarung der Wahrheit, weshalb sie das Medium ist, durch welches jede Gesellschaft, jede Theorie und jede Aussage geprüft werden muss. Auf der einen Seite muss da die Abwehr gegen die Moderne sein, die versucht hat, die göttliche Offenbarung dem Verstand zu unterwerfen, zugleich aber auch die Abwehr gegen die Postmoderne, welche das Vorhandensein der universellen Wahrheit leugnet.
Im sechsten Kapitel, „Postmoderne und Apologetik“ (S. 139 – 160), kommt Groothuis auf sein wichtiges Anliegen der Apologetik zu sprechen. Es geht um die Frage: Wie können Christen in der postmodernen Welt die biblische Weltanschauung verteidigen? Zunächst müssen wir sehen, dass Jesus Christus von seinen Nachfolgern verlangt, bestimmte Wahrheiten zu glauben, ihnen zuzustimmen und sich selbst Christus als Gott hingeben und anvertrauen. Dafür braucht man bestimmte Dinge zu wissen. Manche davon können aus der Natur und dem eigenen Gewissen (s. Römer 1 und 2) abgeleitet werden. Andere kommen aus der göttlichen Offenbarung in der Bibel. Auf jeden Fall können diese gesehen, gehört, festgestellt, verstanden und akzeptiert werden. Wir brauchen nicht davor zurückzuschrecken, dass die Bibel voll von übernatürlichen Wundern ist, weil unser Anfangspunkt nicht der Mensch in seiner begrenzten Erfahrung ist, sondern der übernatürliche, allmächtige und allwissende Gott.
Dies wird im siebten Kapitel, „Apologetik für Postmoderne“ (S. 161 – 186), breiter ausgeführt. Zu Beginn weist Groothuis auf die Gefahr hin, „relevant“ sein zu wollen. Er betont, dass wir eher darauf achten sollten, uns mit der Kultur und dem Denken den Menschen (kritisch) auseinanderzusetzen, als zu versuchen, möglichst relevant zu erscheinen. Wenn die Welt voll von Künstlichkeit, kultureller Trivialität und billigen, nichtssagenden Worten ist, müssen wir, um Salz und Licht in dieser Welt zu sein, Worte sagen und schreiben, die Gewicht und Bedeutung haben, „Worte, die auf die unerschütterlichen, aber anwendbaren, Wahrheiten von Gottes Reich hinweisen.“ (S. 164) Wir müssen auch sagen, was alles die biblische Wahrheit NICHT lehrt, und wo sie im Gegensatz zu anderen Sichtweisen steht. Wichtig ist auch, dass wir sehen, dass die Gesetze der Logik für alle Menschen gleichermaßen gültig sind. Jede Weltanschauung muss mit den Gesetzen der Logik geprüft werden. Es kann nicht dasselbe gleichzeitig gültig und ungültig sein. Auf die Theorie des Postmodernismus angewandt, bedeutet dies zum Beispiel, dass die Aussage „jede Wahrheit ist nur ein Konstrukt“ auch auf diese Aussage angewandt werden muss, womit die gesamte Theorie in sich zusammenfällt. Warum schreiben Postmodernisten Bücher und lassen diese auch drucken und verlegen, wenn sie meinen, dass Bücher vom Leser nicht verstanden werden können? Der Postmodernismus versagt darin, ihre Aussagen auf sich selbst anwenden zu können und zeigt damit, dass er unfähig ist, irgend etwas in dieser Welt zu erklären.
Das achte Kapitel, „Ethik ohne Realität, postmoderner Stil“ (S. 187 – 210) befasst sich mit der Frage, was der Postmodernismus zur Ethik zu sagen hat. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, kann es dann überhaupt irgend etwas geben, was moralisch richtig oder falsch ist? Der Postmoderne muss – wenn er von moralisch richtigen und falschen Entscheidungen sprechen will – stets auf das abendländisch-christliche Fundament der Wahrheit zurückgreifen. Richard Rorty ist hier zum Beispiel sehr inkonsequent und meint, dass man innerhalb seiner moralischen Tradition bleiben und diese verteidigen solle. Er denkt, dass jede Gesellschaft ihre eigene Moral definieren solle, aber keine ihre eigenen Standards von anderen erwarten könne. Ganz anders Michel Foucault: Er war als konsequenterer Postmoderner für den absoluten Anarchismus. Für Foucault war jede Wahrheit und jede Moral die Quelle der Unterdrückung Anderer. So gesehen ist die Forderung nach Abschaffung aller Gesetze, Regierungen und so weiter, nur der nächste logische Schritt für den Postmodernen. Woher aber Foucault wissen kann, dass es tatsächlich ein guter Schritt sein soll, bleibt im Dunkel. Auch der Postmoderne braucht Maßstäbe, um „gut“ und „falsch“ zu unterscheiden – und widerspricht damit seiner Weltanschauung.
Im neunten Kapitel, „Rasse, Geschlecht und Postmoderne“ (S. 211 – 238), führt Groothuis das Konzept der Minderheiten in der Theorie des Postmodernismus aus. Der Postmoderne betrachtet – wie bereits gesagt – das Konzept der Wahrheit als Mittel, um Minderheiten zu unterdrücken. Dass dies zum Teil so geschehen ist, kann niemand leugnen. Es ist die traurige Wahrheit, dass im Namen der Wahrheit ganze Völker ausgebeutet und eliminiert wurden. Dennoch darf man nicht übersehen, dass die Aufhebung der Sklaverei in den USA auf das Wirken von Christen initiiert wurde. Und so ist es auch wichtig, dass wir das biblische Konzept der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen nutzen, und klarstellen, dass allen Menschen dieser Wert zugesprochen werden muss, weil er von Gott gewollt und geschaffen ist. Auch wenn ich den Ausführungen von Groothuis zu seiner gleichmacherischen („egalitarian“) Sichtweise in Bezug auf Mann und Frau nicht zustimmen kann, ist dieses Kapitel dennoch eine große Ermutigung zur Überwindung von Rassismus und Unterdrückung in jeder Form.
Das zehnte Kapitel, „Wahre Schönheit – die Herausforderung an die Postmoderne“(S. 239 – 262), ist für mich persönlich der Höhepunkt des Buches. Besonders da ich seit Langem denke, dass in unserem Evangelikalismus der Kunst ein viel zu geringer, oft auch belächelter oder gar abgelehnter Platz zugewiesen wird, bin ich den Ausführungen von Groothuis mit großer Freude gefolgt. Dies ist mit ein Kapitel, in dem deutlich wird, wie stark der Autor von Francis Schaeffer beeinflusst ist, nicht nur, indem er Schaeffers Buch „Art and the Bible“ mehrfach zitiert, sondern besonders auch, indem er Schaeffers Gedanken aufgreift und sie selbständig weiterdenkt. Er gibt uns eine biblische Sicht auf die Kunst, die uns hilft, alle Kunst zu beurteilen. Da jedes Medium eine Botschaft an sich enthält, muss auch diese Botschaft geprüft werden. Und dass Kunst ein Medium ist, welches Inhalte übermitteln möchte, wird wohl kaum jemand bestreiten können. Groothuis gibt uns sieben wertvolle Gedanken zur Kunst:
1. Gott schuf die Welt nach Seinem Willen und Design und erachtete sie als „gut“ – bereits bevor der Mensch geschaffen war. Ästhetik ist in dem Sinne nichts individuelles, sondern von Gott erfunden und zu Seiner und unserer Freude.
2. Gott schuf den Menschen nach Seinem Bild – als Haushalter und „Miterschaffer“ unter Gottes Befehl.
3. Es gibt gute Gründe dafür, dass Gott auch am ästhetisch (objektiv) Schönen Freude hat.
4. Die Tragödie kam in die Welt, als die Menschen von der Schlange verführt wurden. Dennoch bleibt der Mensch nach wie vor im Ebenbild Gottes geschaffen und kann so auch Dinge erfinden und erschaffen. Doch auch die guten, von Gott gegebenen, Gaben können missbraucht und gegen den Schöpfer und die Schöpfung eingesetzt werden durch die Sünde.
5. In der Ästhetik scheint die Transzendenz Gottes dennoch manchmal durch.
6. In der Schönheit, mit der die Stiftshütte damals und später der Tempel gebaut werden musste, zeigt sich Gottes Anliegen für die ästhetische Schönheit. Objektiv künstlerischer Wert wurzelt in Gottes Inspiration für dieses Werk. Sogar die Bauleute wurden noch besonders gesalbt für die Schönheit ihrer Arbeit.
7. Ein biblisches Verständnis der Kultur gründet sich darauf, dass die künstlerischen Gegenstände in der zukünftigen Welt gereinigt und transformiert sein werden. Dies sieht Groothuis zum Beispiel in Jesaja 60,5 begründet, wo mitten im Kapitel über die himmlische Stadt davon die Rede ist, dass der „Reichtum der Nationen“ dort sein wird.
Das elfte und letzte Kapitel, „Der Fixpunkt in einer postmodernen Welt“ (S. 263 – 280), handelt davon, dass in einer Welt, in der sich alles bewegt, der einzige Fixpunkt die Wahrheit der Bibel sein kann. Groothuis zitiert Blaise Pascals „Pensées“, wo dieser davon schreibt, dass wenn jeder sich in Richtung des Verderbens bewegt, sich niemand zu bewegen scheint, doch sobald jemand aufhören würde, so erscheine er allen anderen plötzlich als der Fixpunkt. Hier sieht Groothuis die Aufgabe des Christen. Er muss sich auf die Suche nach der Wahrheit machen und dann in Liebe die Konfrontation suchen. Es sei wichtig, dass wir die Lehre von der Berufung wieder entdecken würden. Die Leute würden von ihren „geistlichen Lebensstilen“ und „religiösen Vorlieben“ sprechen, statt von ihren von Gott festgelegten Pflichten, Verantwortlichkeiten und Privilegien. Der Mensch steht im Zentrum statt Gott. Die Lehre von der Berufung besagt, dass es keine Aufteilung zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen gibt. Für den Christen ist sein ganzes Leben heilig. Christen sollen ihre Gaben entdecken und diese zu Gottes Ehre verstärken oder verbessern. Dadurch sollen wir eine große Freude entwickeln und es als Abenteuer sehen, nach Gottes Willen zu leben.
Im Appendix, „Fernsehen – Vertreter der Wahrheitsauflösung“ (S. 281 – 295), folgt eine Medienkritik im Stil von Marshall McLuhan, welcher dort auch mehrmals zitiert wird. Warum hilft das Fernsehen, die Wahrheit aufzulösen? Zunächst deshalb, weil im Fernsehen das Bild mehr Kraft hat als das Wort. Das Bild beherrscht das Fernsehen. Es bringt viele Eindrücke an den Sehenden heran, zu viele, um sie alle verarbeiten zu können, und zu schnell, um dies zu tun. Fernsehen manipuliert den Sehenden immer. Es gibt ihm das Gefühl, ein Geschehen miterlebt zu haben, obwohl er nur eine manipulierte – gekürzte und somit veränderte – Version davon gesehen hat. Fernsehen führt zu einer Auflösung der menschlichen Identität. Der Mensch ist nicht mehr selbst derjenige, welcher die Situation beurteilen kann, sondern ein anderer hat sie zuvor schon beurteilt und schickt dem Zuschauer die bereits beurteilte und so veränderte Version ins Haus. Nicht zuletzt bringt das Fernsehen dem Menschen auch eine gefälschte Welt ins Haus, in der alles fragmentiert (aufgesplittert) ist. Zudem fordert es vom Zuschauer, immer „up to date“ zu sein, und nimmt ihm dadurch Zeit, um sich tatsächlich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Groothuis empfiehlt jedem, eine Zeitlang Fernseh-Fasten zu machen (mindestens eine Woche lang) und sich dabei zu überlegen, was sich in der Zeit für ihn ändert. Da ich sowieso kein Fernsehen habe, überlege ich mir, dies mit dem Internet zu machen.
Das Buch ist sehr lesenswert. Es braucht – wie eingangs geschrieben – eine gewisse Zeit zum Verdauen, aber das ist es mehr als Wert. Da das Buch 2000 geschrieben wurde, nimmt das Internet nur sehr geringen Platz ein. Ich würde mir wünschen, dass dies in einer erweiterten Ausgabe auch noch aufgenommen würde. Insbesondere der Wandel von Web 1.0 zu Web 2.0 hat auch in unserer Gesellschaft große und spürbare Veränderungen hinterlassen. Außerdem vermisse ich ein Literaturverzeichnis. Die Bücher sind in den Fußnoten beim ersten Auftreten vollständig angegeben, aber das Fehlen des gesamten Verzeichnis macht das Suchen etwas umständlich. Oder bin ich da schon zu faul und postmodern?
Wer sich mit dem Thema der Postmoderne oder dem Bezeugen der biblischen Wahrheit in unserer Zeit beschäftigt, dem möchte ich das Buch ans Herz legen.

Warum ich Geschichte wichtig finde

Nichts ist mehr, wie es war.“ Hinter diesem Gedanken kann sich eine wehmütige Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“ verbergen. Ob es diese „guten alten Zeiten“ tatsächlich jemals gegeben hat, ist eine andere Frage. Der Mensch neigt schnell dazu, andere Zeiten zu idealisieren. Doch leider ist nie alles ideal – so sehr man sich das auch wünschte. Wenn also jede Zeit mit ihren eigenen Problemen fertig werden muss, wozu sich dann mit der Geschichte beschäftigen? Hier drei ausgewählte Gründe (es gibt noch einige weitere), weshalb die Geschichte wichtig ist:
1. Zur Findung der Identität. Der Mensch ist, was seine Biographie, also seine ganz persönliche Geschichte, aus ihm gemacht hat. Und die heutige westliche Gesellschaft ist ebenfalls das Produkt ihrer Geschichte. Wenn man wissen möchte, warum bestimmte Dinge heute so gesehen werden und nicht anders, braucht man Kenntnis der Geschichte.
2. Um aus der Geschichte zu lernen. Das Leben ist zu kurz, um jeden Fehler selbst zu machen. Wer weiß, welche Fehler andere vor ihm schon begangen haben, oder auch wie sie ihre Probleme gelöst haben, kann Neues dazulernen, ohne immer und überall selbst Fehler machen zu müssen.
3. Um Alternativen aufzuzeigen. Es muss nicht jeder das Rad neu erfinden. Viele Generationen haben schon mit ähnlichen Fragen zu tun gehabt. Und verschiedene Generationen haben dieselben Fragen unterschiedlich beantwortet. Warum nicht einmal über den Tellerrand unserer postmodernen Gesellschaft hinausblicken und sich mit den Antworten früherer Generationen befassen? Es ist eine Haltung der Arroganz, zu meinen, dass die heutige Gesellschaft ihre Probleme nur auf heutige Art und Weise lösen kann. 
Und was sind Deine Gründe für (oder gegen) die Beschäftigung mit der Geschichte? 

Mortimer Adler – Wie man ein Buch liest

Nachdem ich mich bereits Ende letzten Jahres mit dem Lesen von Büchern befasst habe (siehe hier: http://jonaserne.blogspot.de/2013/12/gedanken-zum-lesen.html), war ich sehr interessiert daran, auch mal einen echten Profi dazu zu lesen. Über den amerikanischen Pastor und Theologen John Piperbin ich auf das Buch „How to read a book“ von Mortimer Adler gestoßen. Mehr als einmal empfiehlt Piper das Buch von Adler, so zum Beispiel, wo er in seinem relativ neuen Buch „Think!“ (kostenloser Download als PDF) schreibt:My most moving introduction to the exciting world of serious reading came from Mortimer Adler’s classic, How to Read a Book, which is still in print (and doing nicely at Amazon) seventy years after first being published in 1939.“ (S. 43).
Zunächst unterscheidet Adler zwischen zwei – besser gesagt drei – Arten von Lesen. Es gibt das Lesen rein zum Vergnügen, auf das er im Buch nicht weiter eingeht. Und dann gibt es zwei Arten von Lesen, die er klar unterscheidet: Das Lesen zum Gewinn neuer Information und das Lesen zum Gewinn neuer Erkenntnis. Der Unterschied – so könnte man ihn nennen – besteht zwischen dem passiven und dem aktiven Lesen. Wer passiv liest, meint schon von vornherein, dass er das Gelesene verstehen würde, in Wirklichkeit gewinnt er aber nur neue Information. Er kann nicht wirklich verstehen, was der Autor nun eigentlich sagen wollte und warum er das sagt.
Adler betont sehr zu Recht die Wichtigkeit der Bücher früherer Generationen. Er bedauert, dass dies nicht mehr als so wichtig betrachtet wird und nur noch den Historikern überlassen wird. Wer wissen will, wer wir sind und wie wir zu diesem jetzigen Dasein gekommen sind, wird nicht um die alten Bücher herumkommen. So kritisiert er auch das Schulsystem. Das Bildungssystem, so sagt Adler, und die Kultur erhalten sich gegenseitig aufrecht.
Nach den einführenden Kapiteln kommt Adler auf drei Wege des aktiven Lesens zu sprechen. Wer das aktive Lesen lernen wolle, müsse die drei Wege des Lesens zuerst separat lernen und üben, mit der Zeit würden sie aber leichter zusammenfallen. Dies sind die drei „Wege“:
1. der analytische Weg (der Weg vom Gesamten zu den einzelnen Teilen)
2. der synthetische Weg (der Weg von den Teilen zum Ganzen)
3. der evaluative oder kritische Weg (dabei wird der Autor und sein Bemühen im Buch kritisch unter die Lupe genommen)
Nun gibt es viele Regeln für diese drei Lesewege. Ich versuche sie möglichst kurz und einfach zusammenzufassen.
Für den ersten Weg des Lesens (analytisch) sind vier Fragen wichtig:
1. Worum handelt das Buch? Was ist das Hauptthema oder die Hauptthemen?
2. Was möchte das Buch als Ganzes über dieses Thema aussagen? (in einer kurzen Aussage)
3. Aus welchen Teilen besteht das Buch? Wie gehören diese Teile zusammen?
4. Welches Problem (oder welche Probleme) versucht es zu lösen?
Dazu kommt noch die Schwierigkeit, dass viele Bücher nur dann verständlich sind, wenn sie im Zusammenhang mit anderen Büchern gelesen werden. So zum Beispiel bei Immanuel Kant sein Hauptwerk über die Vernunft, welches aus viel Bänden besteht, die nur im Zusammenhang mit einander verständlich werden. Oder es gibt Bücher, die als Antwort und Entgegnung auf andere Bücher geschrieben wurden. Und dazu kommt, dass Autoren oft dasselbe mit unterschiedlichen Worten beschreiben und verschiedene Dinge mit ähnlichen Worten. Das muss man dabei alles bedenken.
Für den zweiten Weg des Lesens (synthetisch) sind auch wieder vier Fragen wichtig:
1. Welches sind die wichtigen Worte und was bedeuten sie in diesem Buch?
2. Welches sind die wichtigen Sätze und was sagen diese aus? (jeweils in eigene Worte fassen)
3. Welche Argumente gebraucht der Autor, indem er diese wichtigen Sätze zusammensetzt?
4. Von all den Problemen, die der Autor lösen wollte, welche hat er denn nun tatsächlich erfolgreich gelöst?
Dann kommt der dritte Weg (kritisches Lesen):
Bei diesem Lesen geht es darum, dass man bei jedem Buch, das man liest, ein persönliches Urteil abgeben muss. Stimme ich dem Autor zu in seinen Schlussfolgerungen? Falls nicht, sind folgende Fragen hilfreich:
1. Habe ich verstanden, was der Autor nun tatsächlich sagen wollte? Falls nein, habe ich tatsächlich mit all meinen Möglichkeiten versucht, das Beste aus dem Buch zu holen?
2. Bin ich mir sicher, dass ich ehrlich sagen kann, dass ich den Bereich, den das Buch abdeckt, so gut kenne, dass ich mir erlauben kann, den Autor zu kritisieren?
3. Bin ich mir bewusst, dass eigentlich alle Unstimmigkeiten gelöst werden können? Wenn man sich darüber nicht im Klaren ist, kann man die Diskussion auch gleich bleiben lassen.
Wenn man mit dem Autor nicht übereinstimmt, so gibt es nach Adler nur vier mögliche Kritikpunkte:
1. Der Autor ist uninformiert, das heißt, ihm fehlen bestimmte Bestandteile, die zur Lösung seiner Probleme nötig wären.
2. Der Autor ist falsch informiert, das heißt, er geht von falschen Voraussetzungen aus und behauptet, Wissen zu besitzen, das er nicht besitzt.
3. Der Autor ist unlogisch, das heißt, er zieht aus den richtigen Informationen die falschen Schlüsse.
4. Die Analyse des Autors ist unvollständig, das heißt nicht, dass man das Thema noch beliebig erweitern könnte, sondern es bezieht sich darauf, dass für die Lösung seiner Probleme noch mehr Analysen gemacht werden müssten.
Das Buch schließt mit einem Überblick über das Lesen von guten Büchern und der Einführung in die Sammlung der „Great Books of theWestern World“, die unter anderem auch von Adler und Robert M. Hutchins zusammengestellt wurde. Diese Sammlung umfasst 54 Bände – in einer späteren Auflage wurde sie auf 60 Bände erweitert – und sollte meines Erachtens wirklich zu jeder guten gymnasialen Bildung dazu gehören.
Auch wenn mir manche der Regeln nicht ganz neu waren, habe ich dennoch enorm viel Neues dazulernen können. Insbesondere der Aufbau mit den drei Lesewegen finde ich hilfreich – und wünschte, man hätte mir dies schon an der Schule beigebracht. Ich möchte jedem, der gerne liest, dieses hilfreiche Buch ans Herz legen. Ich habe es auf englisch gelesen – kurz bevor ich damit zu Ende war, habe ich gesehen, dass man es auch auf deutsch kaufen kann. 
Übrigens hat vor Kurzem Hanniel Strebel im Blog von Josia – Truth for Youth – auch sehr hilfreiche Tipps zum gewinnbringenden Lesen gegeben. 

Timotheus Magazin #14 „Der Zorn Gottes“

Timotheus Magazin #14 „Der Zorn Gottes“

„Der Zorn Gottes – Warum ein Gott der Liebe auch zornig sein muss“. Als ich diese Ausgabe erstmals in den Händen hielt, war mein erster Gedanke: Spannend! Noch mehr stieg meine Spannung, als ich das Editorial las:
Es ist nicht unsere Absicht, ein Gottesbild der Angst zu vermitteln, ganz im Gegenteil! Unsere Absicht ist, ein ganz und gar biblisches Gottesbild aufzuzeigen. Keines, das dem Zeitgeist folgt und keines, das politisch korrekt sein möchte. Gegen was oder wen genau richtet sich nun sein Zorn? Wie groß ist das Ausmaß seines Zornes? Wie unterscheidet er sich vom menschlichen Zorn? Wie wird sein Zorn gestillt? Welche Rolle spielt Jesus Christus dabei? Und was hat das alles mit mir zu tun? Fragen über Fragen, die wir in diesem Heft beantworten wollen.“ (Peter Voth, S. 2)
Nun wollte ich doch wissen, ob diese Versprechen alle auf den insgesamt 32 Seiten eingelöst werden können. Hier ein kurzer Überblick über die besten Zitate der jeweiligen Artikel, am Schluss mein Fazit.
Zorn und Sühnung(S. 4 – 6) von Waldemar Dirksen
Unser mangelndes Bewusstsein für den Zorn Gottes ist doch darauf zurückzuführen, dass unsere Lauheit und unsere persönlichen Sünden nicht unseren eigenen Zorn erregen. Statt Selbstmitleid sollte heiliger Zorn gegenüber unserem eigenen Versagen die Regel sein.“ (Waldemar Dirksen, S. 5)
Das Wesen Seines Zorns(S. 8 – 10) von Kurt Vetterli
Unter der Überschrift „Gottes Zorn verstehen“ schreibt Kurt Vetterli: „Wenn wir die Bibel diesbezüglich etwas genauer anschauen, so werden wir finden, dass Gottes Liebe und sein Zorn sogar in einem engen Zusammenhang stehen. Gott liebt zuerst seine eigene Ehre und sein Zorn richtet sich gegen alles, was seine Ehre nicht sucht oder ablehnt. Gott liebt das Heilige und das Gute, darum hasst er, was unheilig und böse ist; dagegen ist sein Zorn gerichtet.“ (S. 9)
Der Kelch des Zorns(S. 12 – 15) von Nils Freerksema
Das eigentliche Problem des Menschen ist ein hartes Herz, das Gott ablehnt und keine Anstalten macht, von seiner Rebellion umzukehren. Tag für Tag gehen aus diesem Herzen sündige Werke hervor, und durch diese Werke wird göttlicher Zorn angehäuft. Das geschieht bis zu einem bestimmten Tag, an dem dieser Mensch in das gerechte Gericht Gottes kommt. Dort wird Gott entsprechend der sündigen Werke Vergeltung üben. Die Tage des Sündigens sind vorbei und der Tag des Zorns hat begonnen.“(S. 14)
Zorn vs. Zorn (S. 16 – 19) von Jörn Krebs
Worin unterscheiden sich menschlicher Zorn vom göttlichen Zorn? „Die Ursache für Gottes Zorn ist also in Gottes gütiger Perfektion und Vollkommenheit begründet. Sein Zorn steht nicht im Widerspruch zu seiner Perfektion, sondern ist gerade ein Ausdruck ihres Wesens.“ (S. 18) schreibt Jörn Krebs. Später fährt er fort: „Im Kern fehlt uns Menschen einfach die Fähigkeit, Zorn und Liebe miteinander zu vereinbaren, so wie es Gott nur in seiner Vollkommenheit kann. Auf ganz praktische Weise drückt sich dieser Mangel an Vollkommenheit in Bezug auf zorniges Handeln auf folgende Eigenschaften aus: Menschen sind, anders als Gott, in ihrer Äußerung von Zorn unbeherrscht, spontan und es fehlt ihnen an Weisheit, zu wissen, was wirklich aus Gottes Sicht gerecht ist.“ (S. 19)
Der Zorn Gottes im Alten Testament (S. 20 – 23) von Andreas Münch
Andreas Münch geht in seinem Artikel vor allem auf die Frage nach der Ausführung des Zornes Gottes durch das Volk Israel bei der Landnahme an den Kanaanitern ein. Mit dem Hinweis aus 5. Mose 5,4 zeigt Münch auf, dass die Kanaaniter wegen ihrer Gottlosigkeit gerichtet wurden: „Dass es sich bei dieser Gottlosigkeit um keine Kleinigkeiten handelte, machte Gott an anderer Stelle klar: „Macht euch nicht unrein durch all dieses [Inzest, Homosexualität, Sodomie, Kinderopfer]! Denn durch all dieses haben sich die Nationen unrein gemacht, die ich vor euch vertreibe. Und das Land wurde unrein gemacht, und ich suchte seine Schuld an ihm heim, und das Land spie seine Bewohner aus“ (3. Mose 18,24-25). Gott spielte kein Russisch-Roulette mit den Völkern, wobei die Kanaaniter halt Pech hatten. Nein, Gott strafte ganz gezielt Völker, deren Sünden das Maß für den Zorn Gottes vollgemacht hatten.“ (S. 22)
Wahre Reformation… bekämpft Falsches! (S. 24 – 27) von Jochen Klautke
Wir leben in einer Zeit, in der es nicht mehr darum geht, nach wahr und falsch zu fragen. „Wahr“ ist, was für dich wahr ist. Im Umkehrschluss gibt es auch nichts „Falsches“ mehr. Aber das ist nicht biblisch. Die Bibel macht unmissverständlich klar, dass es einerseits Dinge gibt, die gut sind, weil sie Gott gefallen und andererseits Dinge, die schlecht sind, weil Gott sie hasst.“ (S. 27)
Sünder in den Händen eines zornigen Gottes (S. 28 – 29) von Benedikt Peters
Der Inhalt dieser Predigt hebt sich scharf von allem ab, was wir heute gewohnt sind. Der Hauptunterschied besteht hierin: Im Gegensatz zu damals steht in der heutigen Verkündigung nicht mehr Gott mit Seinen gerechten Forderungen und Seiner souveränen Gnade im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seinen Bedürfnissen und seinen Fähigkeiten.“ (S. 28) Aus der Predigt: „Der Bogen des göttlichen Zorns ist gespannt und der Pfeil an die Sehne gelegt und die Gerechtigkeit richtet den Pfeil auf dein Herz, der Bogen will schier zerspringen, und nichts hält den Pfeil zurück als das bloße Wohlgefallen Gottes, eines zürnenden Gottes, der in keiner Weise dem Sünder verpflichtet ist … Oh Sünder! Bedenke die große Gefahr, in der du schwebst!“ (S. 29)
Der deutsche „Puritaner“ (S. 7 + 11) von Hans-Werner Deppe
Etwas unglücklich versteckt ist der Bericht über das Leben von Gottfried Daniel Krummacher, der sich über zwei Seiten erstreckt, die durch einen anderen Artikel unterbrochen wurde. Vom Design her fehlt auf Seite 11 ein Element, welches die Seite mit der vorhergehenden Seite 7 verbindet.
Fazit:
Die Versprechen aus dem Editorial sind tatsächlich erfüllt. Die Fragen – wenn auch teilweise etwas oberflächlich und an manchen Stellen zu kompliziert für eine Zeitschrift „für junge Christen“, aber es wurde tatsächlich eingehalten, was uns Peter zu Beginn versprochen hat. Das Design ist auch dieses Mal wieder gewöhnungsbedürftig, was aber nicht schlecht sein muss. Ich denke, dass irgendwann ein Stil gefunden werden sollte, auf den sich der Leser dann auch längerfristig gewöhnen kann.
– Den ersten Punkt, den ich zu bemängeln habe, habe ich im obigen Text bereits angesprochen. Der eine Artikel, nämlich die Biographie von G. D. Krummacher bräuchte ein Design-Element, das auch auf S. 11 auf den ersten Blick erkennen lässt, dass es sich bei der Seite nicht um eine Fortsetzung der Seite 10 sondern der Seite 7 handelt.
– Der zweite Punkt betrifft die Korrektur der Zeitschrift. Bereits beim schnellen Überfliegen des Textes sind mir drei Fehler aufgefallen: Auf S. 2 oben bei der Vorstellung des Coverdesigners steht „Theolgie“ statt „Theologie“ und im Artikel der Josia-Serie ist zweimal eine Bibelstelle falsch angegeben: S. 26: „[…] eine ganze Waffenrüstung an geistlichen Waffen (Epheser 5,13-17)“ statt Epheser 6,13-17 und auf S. 27 dasselbe noch einmal: „Die Waffe, die Paulus dir in der Waffenrüstung dafür an die Hand gibt, ist das Schwert des Geistes, das Wort Gottes (Epheser 5,17)“ statt Epheser 6,17.
– Insgesamt gesehen ist die ganze Ausgabe sprachlich wie theologisch auf einem mittleren bis hohen Niveau geschrieben. Es wird relativ viel Wissen vorausgesetzt, das junge Menschen, die in der Gemeinde aufgewachsen sind, durchaus haben sollten. Für Neueinsteiger bzw. frisch Bekehrte wird es zu viel sein, was unerklärt vorausgesetzt wird. Die Ausrichtung und das Zielpublikum sollten evtl. noch einmal überdacht werden.
Alles in allem habe ich die Lektüre jedoch genossen und empfehle sie gerne weiter. Falls du es noch nicht abonniert hast, so kann ich dir nur empfehlen, dies noch zu tun. Möglich ist das hier: *klick*

Was die NSA wirklich kann

Gestern kam auf der Seite der FAZ online ein kurzer Artikel mit der Überschrift: „Das kann die NSA wirklich“.
Darin werden verschiedene Möglichkeiten der Spionage durch die NSA beschrieben, so etwa:

„…kann bei Telefongesprächen die Rufnummern und den Aufenthaltsort der Gesprächspartner zurückverfolgen.
…kann aus abgegriffenen Handydaten Bewegungsprofile von privaten Nutzern erstellen. Auch in den Vereinigten Staaten
…kann die Mobiltelefone von ausländischen Staatschefs abhören.“

Und manche mehr. Das mögen schon beunruhigende Tatsachen sein. Allerdings hat man damit das wahre Ausmaß der Sache noch nicht verstanden. Die drei wichtigsten Instrumente sind dabei noch komplett außer Acht gelassen.
1. Der Algorithmus
Während früher alles von Hand durchsucht werden musste, übernimmt dies heutzutage der Algorithmus der Computer. Alles kann damit nach bestimmten Wortfolgen, Geheimcodes und vielem mehr durchsucht und automatisch abgelegt werden. Dies macht die heutige Technik zu einem wahnsinnig starken Partner der Überwachung. Der Computeralgorithmus ist dabei viel exakter als der Mensch – er überspringt oder -liest nichts.
2. Die Datenbank
Vermutlich muss man erst einmal mit Datenbanken gearbeitet haben, um deren Stärke auch nur ansatzweise verstehen zu können. Eine Datenbank kann man sich vorstellen wie eine riesige Tabelle, die mit vielen unter einander verknüpften Einträgen gespeist wird. Je mehr da drin ist, desto mehr kann man damit machen. Mit Datenbanken kann die NSA ganze Nutzerprofile von Millionen von Usern herstellen, die Tag für Tag mit noch mehr Infos gespeist werden. Eine Datenbank vergisst nie. Während der Mensch oft nach einem Jahr schon nicht mehr weiß, was er wem wann gesagt und geschrieben hat, wird sich die Datenbank immer daran „erinnern“. Eine Datenbank kann genutzt werden, um daraus Beziehungsgeflechte zwischen Menschen zu generieren, das Kaufverhalten sagt viel über einen Menschen aus, und so weiter.
3. Die Abfrage
Datenbanken sind solange wertlos, bis sie abgefragt werden können. Auch Abfragen können automatisiert werden. Was früher in der DDR-Zeit noch von Hand gemacht werden musste – Einträge in einem riesigen System von Akten finden – erledigt die Datenbankabfrage in einem Bruchteil einer Sekunde. Mit 40’000 Mitarbeitern und einem jährlichen Budget von 10 Mrd. USDollar ist eine ganze Menge machbar. Interessant ist auch die Tatsache, dass pro Tag ungefähr 29 PetaBytes an Daten analysiert und verarbeitet werden. Zum Vergleich: Ein kleiner USB-Stick hat 1 GigaByte an Speicherplatz. Da passen etwa 500 Bilder in einer einigermaßen guten Auflösung drauf. Die NSA verarbeitet jeden Tag die Menge von 29 Millionen solcher USB-Sticks. Dies ist etwa ein Zwanzigstel der Gesamtmenge von allem, was täglich übers Internet gemacht wird. Wenn man bedenkt, dass von diesem Gesamtdatenaufkommen vieles mehrmals heruntergeladen wird, ist das eine Zahl, die durchaus beängstigen kann.
Noch ein kleiner Hinweis am Rande: Kürzlich wurde bekannt, dass das vielgerühmte De-Mail gar nicht erst so sicher ist wie es vom Anbieter versprochen wurde. Es ist in Wirklichkeit genauso unsicher wie das Versenden von unverschlüsselten Mails. Viel besser ist es, eine Verschlüsselung zu wählen, die nur der Sender und der Empfänger entschlüsseln können (End-to-End-Verschlüsselung).

Warum ein Bildungsplan alle angeht

Warum ein Bildungsplan alle angeht

Ich begrüße die Debatte, die in Baden-Württemberg und nicht nur hier durch eine Petition von Gabriel Stängle begonnen hat. Der schulische Bildungsplan ist etwas, was alle angeht, deshalb ist dieser Diskurs sehr wichtig. Doch zunächst ist es wichtig, dass wir verstehen, was ein Bildungsplan überhaupt ist. Der Bildungsplan ist ein Lehrplan mit Erweiterungen. Im Lehrplan findet man im Normalfall Lehrziele, Lerninhalte und Informationen über die Lernerfolgskontrollen1. Wo jedoch auch Ausführungen über die zu erlernenden Kernkompetenzen ausgeführt sind, spricht man von einem Bildungsplan2.

Welchen Unterschied macht das nun? Auf den ersten Blick scheint es nur eine kleine Modifikation der bereits bestehenden Lehrpläne zu sein. Im Vorwort zum Bildungsplan 2004 für die Grundschule in Baden-Württemberg schreibt Prof. Dr. Hartmut von Hentig über diesen Unterschied:  

Lehrpläne geben an, was „gelehrt“ werden soll. Ein Bildungsplan gibt an, was junge Menschen im weitesten Sinne des Wortes „lernen“ sollen: Auf welche Anforderungen und Ziele hin sie sich am besten an welchen Erfahrungen formen und welche Mittel zur Gestaltung ihres Lebens, welche Übung in welchen Fähigkeiten dabei dienlich sind – Mittel und Fähigkeiten, die ihnen ermöglichen, als Person und Bürger in ihrer Zeit zu bestehen.“3

Das Problem liegt nun nicht direkt darin, dass der Bildungsplan Kompetenzen an sich aufnimmt, die an der Schule gelehrt und gelernt werden sollen. Jeder Lehrer, der seinen Schülern zeigt, wie man bestimmte Gleichungen lösen kann, vermittelt damit Kompetenzen. Und hier ist es durchaus sehr sinnvoll, dass diese immer wieder reflektiert werden. Die Schwierigkeit liegt an drei anderen Orten in dieser Sache: Erstens wird verlangt, dass Kompetenzen nicht nur entwickelt, sondern auch entsprechend kontrolliert werden müssen. Statt dass – wie dies viele Jahrhunderte problemlos funktioniert hat – die Kompetenzen in der täglichen Auseinandersetzung mit neuen Situationen entwickelt werden, werden sie in den Vordergrund gedrängt und kosten ihre Zeit der besonderen Einübung und Kontrolle, die auf der anderen Seite viele wichtige Lehrinhalte zu kurz kommen lassen. Eine zweite Schwierigkeit besteht darin, dass diese Kompetenzen kontrolliert werden müssen. Man muss diese Kompetenzen losgelöst vom Alltag – unter sterilen Laborbedingungen sozusagen – überprüfen und in Zahlenwerte übertragen. Hier zählt nicht mehr der tatsächliche Umgang – also die echte Kompetenz – sondern nur das Vermögen, das Gelernte richtig wiederzugeben. Dadurch wird nicht nur der Begriff der Kompetenz falsch ausgelegt, sondern die Kompetenz wird auf die korrekte Wiedergabe verkürzt.

Ein drittes Problem bezieht sich nicht nur auf die gewünschten Kompetenzen, sondern auf den gesamten Bildungsplan als solches. Was letzten Endes von einem Schüler verlangt wird, das bestimmt ein Gremium von Fachleuten im Geheimen. Hier sehe ich die eigentliche Problematik des ganzen Falls. Geheimniskrämerei führt immer zu Gerüchten, Verzerrungen und Halbwahrheiten. Schauen wir den Tatsachen ins Auge: Die Qualität eines Ergebnisses – so lehrt uns die Geschichte – wird umso größer, je mehr Menschen sich mit ihren Gaben und Fähigkeiten einbringen können. Jeder Zentralismus und jede aufoktroyierte Ideologie wird meilenweit hinter dem Ergebnis einer gemeinsamen, demokratischen Debatte und Entscheidungsfindung liegen.

Ebenso muss davon ausgegangen werden, dass jede zentralistisch installierte Ideologie, welche dem steten Wandel des Zeitgeistes unterworfen ist, jede Menge blinde Flecken aufweisen wird, die nur durch Widerspruch und gemeinsamen Diskurs von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Meinungen zu Tage gefördert werden können. Erst durch die ehrliche Auseinandersetzung mit Fehlern, aber auch Lösungen und zu Würdigendem früherer Generationen können diese ermittelt und eliminiert werden.

Wo Menschen in zentralistischer und konkurrenzloser Weise planen und Richtlinien unhinterfragbar herausgeben, leidet nicht nur die Qualität darunter, sondern es wird dadurch automatisch immer auch Misstrauen geschürt. Zentralistisches Handeln schließt immer die Allgemeinheit aus – ist also einer großen Mehrheit gegenüber diskriminierend – und entmündigt alle, die von diesem Prozess ausgeschlossen werden. Eltern wollen grundsätzlich das Beste für ihre Kinder, und sobald wir ihnen mit Misstrauen begegnen und sie ausschließen, werden wir auch die Zusammenarbeit mit ihnen verderben, von deren Wichtigkeit selbst im Bildungsplan von 2004 noch ausgegangen wird:

Bildung beginnt nicht erst in der Schule. So sehr die Schule in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen verankert ist, so sehr braucht sie in ihrer Arbeit die Unterstützung der Familie, der Medien und jener Einflussfaktoren, die heute die Kindheit und Jugend auch prägen. Deshalb ist die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Elternhaus und Schule zentral bedeutsam. Je selbstständiger unsere Schulen werden, umso notwendiger ist ein guter Dialog mit den Eltern über schulspezifische Akzente und Profile.“4

Dass die Wahl und Mitbestimmung der Bildungsart in erster Linie eine Aufgabe und Verantwortung der Eltern ist, steht in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sehr deutlich festgehalten:

Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll.“5

Inzwischen ist die Diskussion um die Inhalte und Kernkompetenzen angestoßen worden. Dank der Petition haben Eltern die Möglichkeit bekommen, ihre Stimme in diesem Prozess zu erheben. Leider haben sich auch manche Menschen eingemischt, welche die Petition für ihre menschenverachtende Ideologie zu instrumentalisieren versuchten, was leider zu Polarisierung innerhalb der Diskussion führte. Dies lässt sich in einer demokratischen Meinungsbildung kaum vermeiden. Dennoch denke ich, dass uns dies nicht davon abhalten sollte, für die entstandene Möglichkeit des Dialogs dankbar zu sein. Demokratie lebt vom Dialog der verschiedenen Meinungen. Und wenn durch diese Petition ein solcher Dialog möglich geworden ist, so ist sie es meines Erachtens wert, unterstützt zu werden.

Was es braucht, ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Einrichtungen und Möglichkeiten zur Bildung. Durch eine große Konkurrenz im Bildungsmarkt wächst die Qualität der Bildung und nur so wird eine Zukunft des Wachstums und des Wohlstands ermöglicht werden können.

2Ebd.

3Der Bildungsplan 2004 für die Grundschule kann hier heruntergeladen und eingesehen werden: http://www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsplaene/Grundschule/Grundschule_Bildungsplan_Gesamt.pdf obiges Zitat stammt von S. 7

4Ebd. S. 5


5Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 in Artikel 26, Absatz 3: http://www.ohchr.org/EN/UDHR/Pages/Language.aspx?LangID=ger