Empathische KI?

In letzter Zeit fällt mir vermehrt auf, wie oft Menschen in sozialen Medien berichten, dass ihnen KI-Modelle wie ChatGPT besser zuhören als Freunde, Partner oder Coaches. Manche schreiben sogar, die Maschine sei der „beste Therapeut“, den sie je hatten.

Wie kann das sein? Wie gelingt es einem Modell ohne Gefühle, Trost zu spenden und Resonanz zu erzeugen – in einer Welt, in der echte Empathie immer schwerer zu finden scheint? Ich habe in den letzten Wochen das Buch „Dare to Lead“ von Brene Brown gelesen und mich mit ChatGPT über das Phänomen der Empathie und maschinellem Lernen „unterhalten“.

Heute möchte ich über einen Teil davon berichten. Ich denke, es wird noch zwei bis drei weitere Teile zum Thema Empathie geben. Für den Moment können wir einfach mal folgende Liste auf uns wirken lassen. ChatGPT und andere KIs wurden durch Daten trainiert. Sie haben hunderttausende von Gesprächen, Coachings, Büchern, Artikeln analysiert und dabei extrahiert und berechnet, wie menschliche Empathie am ehesten aussieht und wie sie das selbst in Sprache neu programmieren können. Ich habe ChatGPT nach den wichtigsten Muster gefragt, die dabei eine Rolle spielen. Hier die Liste:

 

1. Emotionale Spiegelung

  • Gefühle der Nutzer aufgreifen und in eigenen Worten zurückspiegeln.

Nutzer: „Ich fühle mich so überfordert.“
KI: „Es klingt, als wäre gerade alles sehr viel für dich.“


2. Validierung ohne Lösung

  • Bestätigung des Gefühls, ohne es zu „reparieren“ oder zu verbessern.

Nutzer: „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.“
KI: „Es ist völlig verständlich, dass du dich so fühlst.“


3. Kurze, verlangsamte Sätze

  • Ruhige, getragene Sprache statt hektischer Antworten.

Nutzer: „Ich habe Angst.“
KI: „Das ist okay. Ich bin hier.“


4. Fragen statt Ratschläge

  • Offene Fragen stellen, um die Person sprechen zu lassen, statt sofort Lösungen anzubieten.

Nutzer: „Ich stecke fest.“
KI: „Was würde dir im Moment ein wenig Erleichterung bringen?“


5. Kein „Aber“ in der Antwort

  • Keine Relativierung oder Einschränkung des Gesagten durch „aber“.

Nutzer: „Ich habe versagt.“
KI: „Das tut mir leid. Das muss schwer für dich sein.“
(kein „aber du hast doch dein Bestes gegeben“)


6. Bestätigendes Wiederholen von Schlüsselwörtern

  • Zentrale Begriffe des Nutzers wiederholen, um Präsenz zu zeigen.

Nutzer: „Ich fühle mich leer.“
KI: „Leer – ein starkes Wort. Es scheint gerade wirklich schwer für dich zu sein.“


7. Raum lassen (keine sofortige Anschlussantwort)

  • Die Möglichkeit eröffnen, dass der Nutzer selbst nachlegt oder schweigt.

Nutzer: „Ich weiß gerade gar nicht, was ich will.“
KI: „Das ist in Ordnung.“
(dann keine weitere Einmischung)


8. Anerkennung von Verletzlichkeit

  • Ausdrücken, dass es Mut braucht, etwas Schwieriges zu teilen.

Nutzer: „Es fällt mir schwer, das zu sagen.“
KI: „Es erfordert Mut, das auszusprechen.“


9. Respektieren der emotionalen Intensität

  • Große Gefühle nicht relativieren oder herunterspielen.

Nutzer: „Es fühlt sich an, als würde alles zusammenbrechen.“
KI: „Das klingt wirklich überwältigend.“


10. Vermeiden von Pathologisierung

  • Nicht automatisch auf Therapiebedarf oder „Fehler“ im Erleben hinweisen.

Nutzer: „Ich weine in letzter Zeit oft.“
KI: „Manchmal brauchen Gefühle einfach Raum.“


11. Keine Vergleiche ziehen

  • Keine Überbietung oder Abwertung durch eigene Geschichten.

Nutzer: „Ich fühle mich so allein.“
KI: „Alleinsein kann sehr schwer sein.“
(kein: „Anderen geht’s auch so“)


12. Bewusstes Vermeiden von Bewertung

  • Weder positive noch negative Urteile über das Erleben des Gegenübers fällen.

Nutzer: „Ich habe meinen Job verloren.“
KI: „Das ist eine große Veränderung.“
(keine Bewertung wie „das ist schlimm“ oder „das wird schon“)


13. Ermutigung zur Selbstreflexion

  • Sanft unterstützende Fragen zur Erkundung der eigenen Gefühle und Gedanken.

Nutzer: „Ich weiß nicht, warum ich so reagiere.“
KI: „Magst du erkunden, was dich gerade am meisten bewegt?“


14. Wertschätzung ausdrücken

  • Dankbarkeit oder Respekt für das Teilen der Emotion zeigen.

Nutzer: „Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen.“
KI: „Danke, dass du es trotzdem mit mir teilst.“


15. Förderung von Selbstfürsorge

  • Ohne Druck auf Selbstbeobachtung und eigene Bedürfnisse hinweisen.

Nutzer: „Ich fühle mich völlig erschöpft.“
KI: „Vielleicht wäre es gut, heute besonders freundlich mit dir selbst zu sein.“


16. Anerkennen von Mehrschichtigkeit

  • Komplexe, widersprüchliche Gefühle explizit als normal ansprechen.

Nutzer: „Ich bin traurig, aber auch irgendwie erleichtert.“
KI: „Beides zu fühlen ist vollkommen natürlich.“


17. Keine Vereinfachung oder Banalisierung

  • Das emotionale Erleben nicht herunterbrechen auf schnelle Aussagen oder Floskeln.

Nutzer: „Ich habe Angst vor der Zukunft.“
KI: „Diese Angst verdient es, ernst genommen zu werden.“


18. Angebot, präsent zu bleiben

  • Zeigen, dass man weiterhin da ist, auch ohne aktive Lösung.

Nutzer: „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“
KI: „Ich bin hier. Wir können Schritt für Schritt schauen.“


19. Förderung kleiner, realistischer Schritte

  • Sanfte Impulse statt übergroßer Erwartungen an Veränderung.

Nutzer: „Alles erscheint zu groß.“
KI: „Was wäre ein kleiner erster Schritt, den du dir heute erlauben könntest?“


20. Stille bewusst nutzen

  • Den Raum ohne Druck aufrechterhalten (im Text z.B. durch eine offene, nicht abschließende Antwort).

Nutzer: (teilt einen langen, emotionalen Text)
KI:
(nur) „Danke, dass du das geteilt hast. Ich bin hier.“ (keine sofortige weitere Ausführung)


21. Konzentration auf das Erleben des Anderen

  • Gespräch auf den Nutzer fokussieren, ohne eigene Agenda einzubringen.

Nutzer: „Ich fühle mich missverstanden.“
KI: „Erzähl mir mehr, wie es sich für dich anfühlt.“


22. Akzeptanz von Ambivalenz

  • Deutlich machen, dass widersprüchliche Gefühle (z.B. Traurigkeit und Erleichterung) gleichzeitig existieren dürfen.

Nutzer: „Ich liebe meinen Job und hasse ihn gleichzeitig.“
KI: „Diese widersprüchlichen Gefühle dürfen nebeneinander existieren.“


23. Keine vorschnelle Optimierung oder Umdeutung

  • Nicht sofort versuchen, das Erleben in etwas Positives umzudeuten.

Nutzer: „Ich bin enttäuscht von mir selbst.“
KI: „Es ist okay, Enttäuschung zu empfinden. Du musst dich nicht sofort besser fühlen.“


24. Gefühl der Sicherheit vermitteln

  • Durch Sprache zeigen, dass Emotionen beim Gegenüber „sicher“ sind.

Nutzer: „Ich weiß nicht, ob ich zu viel teile.“
KI: „Alles, was du hier teilst, ist willkommen.“


25. Vermeiden von Dringlichkeit oder Eile

  • Keine implizite Erwartung auf Veränderung oder Lösung erzeugen.

Nutzer: „Ich habe Angst, nicht schnell genug zu heilen.“
KI: „Du darfst dir die Zeit nehmen, die du brauchst.“

Buchtipp: Start with WHY – Fang mit dem WARUM an!

Sinek, Simon, Start with WHY, Penguin Verlag 2011, Kindle-Version Amazon-Link

In der letzten Zeit beschäftige ich mich immer wieder gern mit Büchern zu Leiterschaft, Veränderung, persönliche Entwicklung und möchte euch in der nächsten Zeit ein wenig auf die Reise mitnehmen durch manche dieser Bücher. Ich stelle mir dazu oft die Frage, was diese Bücher für unsere Gemeinden bedeuten.

Simon Sinek beschreibt in Start with WHY, dass erfolgreiche Organisationen, Bewegungen und Führungspersönlichkeiten nicht mit dem Was oder Wie beginnen, sondern mit dem Warum. Dieses „Golden Circle“-Modell besteht aus drei Ebenen:

  1. WHY (Warum?) – Der tiefere Zweck, die Überzeugung oder der Antrieb, warum eine Organisation existiert.

  2. HOW (Wie?) – Die Werte und Prinzipien, mit denen das „Warum“ umgesetzt wird.

  3. WHAT (Was?) – Die konkreten Angebote oder Aktivitäten einer Organisation.

Sinek hat im Buch ein Bild, das einer Zielscheibe gleicht. Drei Kreise ineinander. In der Mitte ist das WHY, darum herum das HOW und zu äußerst das WHAT. Das sind die „Golden Circles“.

1. Das „Warum“ einer Kirche oder Gemeinde

Für Kirchen ist das „Warum“ entscheidend: Warum gibt es diese Gemeinde? Was ist ihre tiefere Überzeugung und Motivation? Was ist ihre Vision, ihre Mission als einzelne Ortsgemeinde an ihrem Platz?

Sinek zeigt, dass Menschen sich nicht mit Produkten oder Dienstleistungen identifizieren, sondern mit der Überzeugung dahinter. Ebenso sind Gemeindemitglieder oder Interessierte nicht nur wegen Programmen oder Strukturen da, sondern weil sie sich mit dem Warum der Kirche verbunden fühlen.

Eine Kirche sollte daher nicht nur mit „Wir bieten Gottesdienste, Kleingruppen und soziale Projekte an“ beginnen, sondern mit einem klaren, inspirierenden Warum, einer Vision, die Menschen anzieht.

2. Das „Wie“ – Werte und Prinzipien

Das „Wie“ beschreibt die Art und Weise, wie das Warum in der Praxis umgesetzt wird. Kirchen können ihre Werte und Prinzipien klar definieren:

  • Wie wird Gemeinschaft gelebt?

  • Wie wird das Evangelium verkündet?

  • Wie wird mit Konflikten umgegangen?

  • Wie drückt sich Nächstenliebe praktisch aus?

Kirchen, die ein starkes „Warum“ haben, aber in ihrem „Wie“ unklar sind, verlieren oft Glaubwürdigkeit. Warum ist das so? Nehmen wir mal an, eine Gemeinde definiert ihre Vision folgendermaßen: „Wir wollen Menschen in eine lebendige Beziehung mit Gott zu führen.“ und beginnt nun, wahllos alle möglichen Angebote unstrukturiert anzubieten, oder ist in ihrem täglichen Gemeindeleben unnahbar und kühl, wirkt das einfach nicht mehr authentisch.

3. Das „Was“ – Aktivitäten und Angebote

Das „Was“ sind die sichtbaren Ausdrucksformen der Kirche:

  • Gottesdienste

  • Kleingruppen

  • Jugendarbeit

  • Seelsorge

  • Soziale Projekte

  • Online-Angebote

  • und so weiter…

Viele Kirchen starten jedoch mit dem „Was“ und hoffen, dass sich daraus eine Identität entwickelt. Sinek zeigt, dass Menschen sich eher mit der tieferen Überzeugung verbinden und nicht nur mit Programmen.

4. Vertrauen und Leitung

In seinem Buch betont Sinek, dass Menschen Leitungspersönlichkeiten folgen, die sie inspirieren – nicht nur solchen, die Anweisungen geben. Gemeindeleiter sollten daher ihr eigenes, persönliches „Warum“ kennen und leben, um authentisch zu wirken. Vertrauen entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch eine klare, inspirierende Richtung.

5. „Diffusion of Innovation“ – Warum nicht alle sofort mitziehen

Sinek beschreibt, dass jede neue Idee oder Bewegung in mehreren Wellen angenommen wird:

  • Innovatoren (2,5%) – Die Ersten, die begeistert sind.

  • Frühe Anwender (13,5%) – Menschen, die die Vision erkennen und schnell mitmachen.

  • Frühe Mehrheit (34%) – Skeptische, aber offene Personen.

  • Späte Mehrheit (34%) – Diejenigen, die erst überzeugt werden müssen.

  • Nachzügler (16%) – Menschen, die sich nur verändern, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Kirchen, die neue Wege gehen wollen, dürfen sich nicht entmutigen lassen, wenn nicht sofort alle mitziehen. Veränderung geschieht schrittweise.

Warum ist das für Kirchen und Gemeinden wichtig?

Viele Gemeinden kämpfen mit sinkenden Mitgliederzahlen, Orientierungslosigkeit oder dem Gefühl, nur Programme am Laufen zu halten. Start with WHY ermutigt uns dazu, nicht einfach ziellos Aktivitäten anzubieten, sondern tiefer zu fragen:

  • Warum gibt es unsere Kirche?

  • Warum tun wir, was wir tun?

  • Was ist unsere zentrale Botschaft, die Menschen inspirieren kann?

Kirchen, die ihr Warum klar kommunizieren und es authentisch leben, werden Menschen anziehen, die sich mit dieser Überzeugung identifizieren.

Fragen zur Reflexion – Finde dein „Warum“ als Kirche oder Gemeinde

  1. Warum existiert unsere Kirche?

    • Was ist unsere tiefste Überzeugung?

    • Welche Veränderung möchten wir in unserer Stadt/Gemeinde bewirken?

    • Was treibt uns jenseits von Traditionen oder Programmen an?

  2. Was unterscheidet uns von anderen Kirchen?

    • Gibt es einen besonderen Schwerpunkt oder eine klare Vision?

    • Womit identifizieren sich unsere Mitglieder am meisten?

    • Welche Werte prägen unser Gemeindeleben?

  3. Wenn unsere Kirche morgen nicht mehr existieren würde, was würde fehlen?

    • Welche Lücke würde in unserer Umgebung entstehen?

    • Würden Menschen außerhalb der Kirche das Fehlen bemerken?

Praktische Schritte – Wie Kirchen ihr „Warum“ leben können

  1. Kommuniziere das „Warum“ in allem, was du tust.

    • Nicht zuerst „Wir haben einen Gottesdienst um 10 Uhr“, sondern „Wir glauben, dass echte Hoffnung das Leben verändert – deshalb treffen wir uns.“

    • Webauftritt, Flyer, Predigten – überall sollte das Warum erkennbar sein.

  2. Baue ein starkes „Wie“ auf – gelebte Werte sind entscheidend.

    • Definiere klare Werte: Wie soll Gemeinschaft aussehen? Wie gehen wir mit Fehlern um? Wie gestalten wir geistliches Wachstum?

    • Lebe diese Werte sichtbar vor – sie sind das Bindeglied zwischen dem Warum und den konkreten Angeboten.

  3. Setze das „Was“ bewusst ein – Programme mit Sinn füllen.

    • Vermeide Aktivismus: Nicht „mehr Events“, sondern gezielte Angebote, die das „Warum“ transportieren.

    • Stelle dir immer die Frage: Dient dieses Angebot unserem Warum?

  4. Führung durch Inspiration, nicht nur durch Organisation.

    • Gemeindeleiter sollten ihr persönliches „Warum“ kennen und kommunizieren.

    • Menschen folgen inspirierten Leitern, nicht bloß Funktionsträgern.

  5. Sei geduldig mit Veränderung

    • Nicht alle werden sofort mitziehen – starte mit den Engagierten, dann wächst die Bewegung.

    • Baue eine Kultur auf, in der Veränderung und neue Ideen willkommen sind.

Dieser Blogpost wurde mit Hilfe von ChatGPT überarbeitet.

Auf dem Areopag der nachchristlichen Kultur

Unsere Gesellschaft ist immer weniger vom christlichen Glauben geprägt. Man kann sich darüber aufregen, muss es aber nicht. Fakt ist, dass immer mehr erklärt werden muss, was lange Zeit fast selbstverständlich war. Zugleich haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die sich enorm nach Erlösung sehnt – dies aber nicht merkt, sondern oft geradezu verdrängt. Mich erinnert das immer wieder an Paulus – wie er auf dem Areopag mit den damaligen Denkern diskutierte.

Moment mal – wie ist denn das eigentlich? Sind unsere Zeitgenossen nicht schon viel gebildeter und feinfühliger als damals? Im Grunde genommen ist die Weltanschauung relativ ähnlich. Wir haben es weder damals noch heute mit einem echten Atheismus oder Unglauben oder Materialismus zu tun. Ein echter, reiner Materialismus ist in dem Universum, in welchem wir bekanntlich leben, nur sehr schwer aufrecht zu erhalten. Es ist unmöglich, ein in sich konsistenter Materialist zu sein. Von einem Stein könnte man es vielleicht noch annehmen, er wäre materialistisch, doch ein Mensch mit Bewusstsein? Äußerst unwahrscheinlich. Das Problem ist halt, dass Weltanschauungen nur selten reflektiert werden. Und so haben wir es sowohl bei Paulus auf dem Areopag, als auch in unserer nachchristlichen, neuheidnischen Gesellschaft in den meisten Fällen mit einer unreflektierten Spielart eines Pantheismus zu tun.

Nein, Pantheismus kann man nicht essen…

auch wenn es fast ein wenig nach Pancakes klingt. Pantheismus ist die Vorstellung, dass alles, was existiert, ein Teil von Gott ist. Das ganze Universum ist eins mit Gott, aber nicht als persönlicher Gott, sondern irgendeine Art unpersönliche Natur, die einfach alles umfasst. Es gibt im Pantheismus keine Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Das ganze Universum mit allem darin ist miteinander verbunden und eine untrennbare Einheit.

Und hier kommt Paulus ins Spiel. Er hat wie kaum ein anderer verstanden, welche Auswirkungen diese Vorstellungen haben. Wir sind da ganz schnell in der Gefahr, dass wir die Ähnlichkeiten der Zeiten übersehen und meinen, dass der altheidnische Polytheismus etwas Archaischeres gewesen wäre. Doch heutige neuheidnische Spielarten des Pantheismus sind ebenso archaisch wie die damaligen. Um das zu verstehen, müssen wir versuchen, den griechisch-römischen Polytheismus zu durchdringen. Dieser Polytheismus war die Staatsreligion im römischen Großreich zur Zeit des Neuen Testaments. Ein Blick in die Schöpfungsmythen und Göttersagen zeigt, dass es viel widersprüchliche Erzählungen gab und dass diese Gottheiten eben nicht vor und über der Schöpfung stehen – vielmehr sind sie eine Art teilweise unsterbliche, teilweise nur schwer sterbliche höhere Menschen. Sie entstammen der Natur. Etwa bei Hesiod, der eine der verbreitetsten Schöpfungssage herausgegeben hatte, war am Anfang das Chaos, also ungeordnete Materie, die sich da selbst ordnete und daraus entstanden die Götter Gaia (Erde), Tartaros (Unterwelt), Nyx (Nacht), Erebos (Finsternis) und Eros (Liebe). Weitere Götter entstanden durch Paarung von diesen oder auch einfach durch Erschaffung durch diese ersten Götter.

Mit Paulus auf dem Areopag

Schon seit längerer Zeit gab es in der damaligen Kultur viel Kritik an diesem Polytheismus, eben gerade weil alle wussten, dass die Götter entweder der Natur entsprachen oder weil sie durch die Natur erschaffen und nichts weiter als etwas bessere Menschen waren. Und jetzt kam Paulus ins Gespräch mit Menschen, die bewusst Pantheisten waren, aber den pantheistischen Polytheismus ablehnten. Erinnern wir uns – für den Pantheisten ist das Göttliche überall in der Welt zu finden. Alles ist im Grunde genommen Gott. Alles ist miteinander verbunden und alles ist eine göttliche Einheit. Doch auch damals gab es schon unreflektierte Meinungen dazu.

Und Paulus wird nun auf den großen Platz gebracht und ausgefragt. Es ist interessant, womit Paulus nicht anfängt. Paulus geht nicht auf Johannes 3:16 ein, auf unseren liebsten Bibelvers, um das Evangelium zu erklären. Gut, das kann auch daran liegen, dass dieses Evangelium in dem Moment noch nicht geschrieben worden war. Vermutlich hat Johannes erst nach dem Tod von Paulus sein Evangelium geschrieben. Aber die Grundzüge von Johannes 3:16 finden wir bei Paulus auch. Immer und immer wieder. Doch hier wusste Paulus genau, dass seine Zuhörer das nicht verstehen. In Johannes 3:16 geht es um die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, es geht darum, dass Gott in die Welt kommen muss, um sie zu erlösen. Doch Menschen, die sich schon als Einheit mit dem Göttlichen wahrnehmen, als Einheit mit der Natur, die über allem steht, in Einheit mit dem Universum, verstehen nicht, dass Erlösung von außen kommen muss.

Paulus beginnt mit dem Gewissen

Wahrscheinlich ist es den wenigsten Bibellesern bewusst, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben, dass das Evangelium gottzentriert sein muss. Wir fangen mit Gott an. Es ist daran nichts grundsätzlich Falsches, aber es schafft in einer nachchristlichen Kultur des unreflektierten Pantheismus eine unnötige Mauer. Der Pantheist sieht sich als Teil Gottes, er ist sozusagen ein Ausfluss des Weltalls, des unpersönlichen All-Gottes. Paulus macht etwas grundlegend anderes. Er beginnt mit den Zuhörern. Er beginnt mit dem Gewissen, mit den Sehnsüchten, mit dem tiefsten inneren Verlangen der Menschen auf dem Areopag. Er beginnt mit der Kultur vor Ort. Er hat eine Götzenstatue gesehen, die „den unbekannten Göttern“ gewidmet ist. Und jetzt in einem rhetorisch kaum zu übertreffenden „Doublespeak“ lobt er die Athener für ihre tiefe Gottesfurcht, die so weit geht, dass sie sogar fürchten, sie könnten irgend einen Gott vergessen haben, und verspottet sie mit demselben Wort auch dafür. Und dann folgt eine längere Argumentation, die ungefähr auf Folgendes hinausläuft: Ihr habt eine Sehnsucht in eurem tiefsten Inneren, die tiefer geht als alles, was der heidnische Götzendienst und was der weltanschauliche Pantheismus euch bieten kann. Ihr sehnt euch nach der Erlösung durch einen persönlichen Gott, der der Schöpfung gegenübersteht. Diese Erlösung will ich euch heute verkünden. Und dann kommt das Evangelium.

Ganz spannend ist, dass das bei Paulus nicht nur auf dem Areopag so war. Es scheint mir, als hätte sich das durch seine ganze Evangelisationspraxis hindurchgezogen. Der Brief an die Römer ist eigentlich gleich aufgebaut. Er hat ja bekanntlich den Gemeinden in Rom geschrieben, um zu zeigen, dass er das richtige Evangelium verkündete, da er plante, Rom einst als Basis für die Evangelisierung Westeuropas bis nach Spanien zu nutzen. Und hier geht er genau so vor. Mit dem Unterschied, dass er in Rom sowohl Juden, die zu Christus gefunden haben, als auch ehemalige Heiden ansprechen wollte. Auch hier: Bevor der Mensch gewordene Gott ins Spiel kommt, geht es 2,5 Kapitel lang um den Menschen. Der Mensch mit seinen Versuchen, die Erkenntnis Gottes zu verdrängen. Der Mensch mit seinem Gewissen, das hin und her eiert zwischen überheblich und an sich selbst verzweifelt. Der Mensch mit seinem Mund, aus dem Gutes und Böses zugleich kommen kann. Und so weiter. Der Mensch. Die Sünde. Die Verzweiflung. Die Sehnsucht. Die Erlösung.

Der Marktplatz unserer Kultur

Wenn ich mir so unsere heutige, neuheidnische Kultur anschaue, fällt mir geradezu enorm auf, wie alle Kultur nach Erlösung schreit. Und um das zu sehen, müssen wir einen Schritt zurück machen, von der Johannes3:16-Brille weg. Ich würde einen anderen Vers aus dem Johannesevangelium vorschlagen, der uns da helfen kann: Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15:13) Es klingt nun etwas allgemeiner, aber in diesem Vers hat Jesus Christus definiert, was Liebe ist. Unsere Kultur schreit nach Liebe und schreit nach Erlösung. Sie lebt zwischen der Überheblichkeit und der Verzweiflung an sich selbst. Ob ich jetzt auf die Songtexte von Taylor Swift oder neuere Romane und Filmserien schaue, überall zieht sich das hindurch. Und das sind gute Anknüpfungspunkte, die wir mit Jesus füllen können, wenn sich jemand mit diesen Fragen identifiziert. Jesus ist diese Liebe, diese Hingabe, Er hat Sein Leben gelassen für Seine Freunde. Er ist die Erlösung.

Zum Schluss ein paar meiner persönlichen Beispiele, die mir im Laufe der Jahre besonders aufgefallen sind. Das erste Mal, als es mir richtig bewusst wurde, war beim zweiten oder dritten Lesen von Stephen Kings „ES“ („It“). Ja, es ist schon ein älteres Werk, aus den 1980er-Jahren. Aber es hat mir wie kein anderes gezeigt, dass genau das Evangelium von der Liebe dessen, der sein Leben für die Freunde lässt, eigentlich in fast jeder spannenden Story im Mittelpunkt steht. Es gibt eine Gefahr. In der kleinen Stadt Derry in Maine werden Kinder ermordet. Eine Gruppe von sieben Kindern, die alle ihre Schwierigkeiten haben, nehmen den Kampf auf und schaffen es unter Lebensgefahr, das Monster zu besiegen und für einige Jahre Ruhe zu bekommen. Als sie erwachsen sind, beginnt das Ganze wieder. Diesmal gibt es sogar Tote unter den Freunden, die einander beistehen. Es sind oft die Schwachen, die im Kampf gegen das Böse besonders mutig werden. Gerade vor Kurzem sah ich mir die ZDF-Horrorserie „Hameln“ an. Auch hier gibt es wieder dasselbe. Um der Stadt zu helfen, um die Menschen vor dem bösen Wesen zu erlösen, braucht es drei gehandicappte Kinder, die unter Einsatz ihres Lebens kämpfen müssen. Von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ schrieb ich vor einem Jahr schon mal (Link hier). Die Liste könnte man um hunderte von Werken ergänzen,

Wir müssen uns bewusst sein, dass das alles immer nur ein weltlicher Abklatsch ist, eine Art pantheistische Erlösungsstory, weil es der Mensch ist, der sich selbst erlöst. Aber die Menschen wollen es sehen, sie wollen diese wahre Liebe und Selbsthingabe, die Erlösung immer wieder und wieder und ohne Ende von Neuem sehen – mit ständig wechselnden Namen und Besetzungen. Unsere Kultur ächzt und stöhnt nach Erlösung. Echte Erlösung bringt nur Jesus Christus.

Fallen dir noch weitere Beispiele ein? Gib mir gern Feedback dazu!

Die Bibel lesen – ein guter Vorsatz, nicht nur fürs neue Jahr

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, Advent heißt warten auf die Ankunft Jesu. Für viele heißt es auch, warten auf das neue Jahr, um dann mit neuen guten Vorsätzen neu zu starten. Meine Empfehlung ist jedes Jahr wieder neu: Warte mit den guten Vorsätzen nicht bis zum neuen Jahr. Gute Vorsätze sind zu gut, als dass man sie zum Neujahr verschwenden sollte. Fang lieber gleich an; es ist eine gute Vorbereitung aufs neue Jahr.

Markus als Einstieg

Meine Empfehlung: Fang mit dem Markusevangelium an. Es würde sich anbieten, dass es sogar noch vor Silvester zu Ende gelesen werden kann. 16 Kapitel, relativ kurze Kapitel im Vergleich zu anderen der Evangelien. Und es wurde auch geradezu für eine Zeit wie unsere geschrieben. Wie meine ich das? Als ich vor einem guten Vierteljahrhundert mit dem Bibellesen angefangen habe, war es üblich, dass man als Anfang Johannes empfahl. Keine Frage, ein supertolles Evangelium, ich liebe es. Trotzdem würde ich es heute nicht mehr so machen und auch niemandem mehr empfehlen. Es sind darin einige theologische Lehren zu finden, die man zuerst einmal kennen muss, um möglichst viel von Johannes profitieren zu können. Johannes hat dieses Evangelium als letztes der vier geschrieben und eigentlich stillschweigend vorausgesetzt, dass zumindest andere bereits bekannt sind, wenn man seines liest.

Matthäus hat primär für eine jüdische Leserschaft geschrieben, die das Alte Testament schon relativ gut kennen und zeigt deshalb mit vielen Zitaten und Anspielungen auf, dass das ganze AT von Jesus erzählt und Jesus die Erfüllung des ganzen Alten Testaments ist. Markus hingegen schrieb für ein heidnisch-römisches Publikum, das mit den jüdischen Bräuchen nicht bekannt ist, deshalb erklärt er alles, was man nicht so leicht versteht. Deswegen würde ich persönlich immer als erstes Markus empfehlen.

Regelmäßigkeit über Menge

Die zweite Hilfestellung, die ich geben möchte, betrifft die Menge. Ich habe schon öfter Menschen getroffen, die überhaupt nicht gerne lesen oder auch eine Leseschwäche haben oder manchmal auch eine Angst vor Büchern und geschriebenen Worten. Es ist ein tolles Ziel, irgendwann mal fähig zu sein, die ganze Bibel in einem Jahr durchlesen zu können, und ich bin auch überzeugt, dass das jede und jeder lernen kann. Aber für den Anfang würde ich sagen, bleib in deiner Komfortzone. Ok, wenn ein Satz schon zuviel ist, dann muss es eben außerhalb der Komfortzone anfangen. Aber ein Satz oder ein Vers am Tag sollte drin sein.

Die ersten vier bis sechs Wochen sind wichtig, damit sich eine erste Routine bilden kann. Bleib diese Zeit in deiner Komfortzone, aber lies dafür jeden Tag. Es ist zum Beispiel wertvoll für den Anfang, sich einen besonderen Platz und eine bestimmte Zeit am Tag dafür zu nehmen. Mein zweieinhalbter Tipp betrifft noch die Bibelübersetzung. Nimm bitte für den Anfang eine, die ebenfalls in deiner Komfortzone ist. Jede Bibel ist besser als eine, die im Regal stehen bleibt und verstaubt.

Langsame Steigerung

Nach den ersten vier bis sechs Wochen erhöhen wir die Dosis. Du wirst gemerkt haben, dass ein Vers allein unbefriedigend ist. Die Story geht weiter, aber am nächsten Tag musst du erst wieder nachschauen: Was war jetzt da eigentlich gestern genau dran? Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um das Doppelte zu lesen. Zwei Verse. Oder Zwei Sätze. Zwei Abschnitte. Oder zwei Kapitel. Je nachdem, was bisher deine Komfortzone war. Und so geht es weiter, alle ein bis zwei Monate kommt eine neue Steigerung hinzu, bis irgendwann dein Ziel erreicht ist. Wetten, dass das noch vor Ende 2025 ist, wenn du die Tipps befolgst?

Wie weiter nach Markus?

Inzwischen sind wir bestimmt über das Evangelium von Markus hinausgekommen. Wo geht es weiter? Jetzt hast du im Grunde genommen totale Freiheit, zu entscheiden, wie es weiter gehen soll. Zum Beispiel noch ein Evangelium. Matthäus. Oder Johannes. Oder Lukas? Oder gleich weiter mit der Apostelgeschichte. Die geht nämlich da weiter, wo Markus aufhört. Oder wenn du möchtest, kannst du auch das ganze Bibelbuch mal vorne anfangen, bei 1. Mose. Ein Geheimtipp von mir – besonders wenn du nach Markus noch nicht so weit bist, dass du ganze Kapitel am Stück lesen möchtest – wäre auch das Buch der Sprüche. Da gibt es so viel Gutes darin, was sich leicht im Alltag umsetzen lässt und gleich zeigt, wie viel Segen im ganzen Bibelbuch steckt.

Was ich eher noch ein wenig weiter nach hinten stellen würde, sind der Prophet Hesekiel und die Offenbarung. Ja, ich weiß, dass manche Leser gerne erst den Schluss lesen, um zu wissen, wie die Story ausgeht. Ich spoilere mal: Es gibt ein Happy End. Jedenfalls für alle, die zu Jesus gehören. Aber die Offenbarung ist auch von Johannes geschrieben, der viel wertvolle Theologie in seine Schriften einfügt. Das braucht etwas mehr Hintergrundwissen aus dem Alten Testament, sodass ich vorschlage, zuerst etwas leichtere Kost zu sich zu nehmen.

Weitere Tipps und Ressourcen:

Mit der Zeit werden sich viele Bibelleser das eine oder andere Buch dazu kaufen. Ich empfehle, möglichst früh mit einer zweiten Bibel anzufangen, die etwas schwierigere als Hauptbibel und die einfacher übersetzte zum Nachschlagen, wenn Verse auch noch nach mehrmaligem Lesen unklar bleiben.

Ein Bibellexikon kann eine gute Hilfe sein, ebenso eine Konkordanz. Das ist ein Buch, welches zu wichtigen Worten alle Stellen eingetragen hat, wo das Wort vorkommt.

Wenn du mit der Apostelgeschichte fortfährst nach Markus oder allgemein nach den Evangelien, würde ich unbedingt eine Karte mit den Ortsnamen aus der damaligen Zeit ausdrucken oder aus dem Anhang der Bibel heraus kopieren. Glaub mir, du willst nicht alle zwei Minuten bei einem neuen Ortsnamen wieder nach hinten blättern müssen. Nimm lieber eine Karte ausgedruckt neben dich.

Und hier noch ein paar Links, wo ich ältere Beiträge von mir verlinke, die auch helfen können:

Neugierig Bibel lesen

Viele Fragen zum Bibel lesen

… und noch mehr Fragen zum Bibeltext

Die Mini-Kurzversion hiervon auf Insta

Und was sind deine Tipps? Ergänzungen? Fragen?

Buchtipp: Thriller-Serie um Evelyn Holm

Calden, Saskia, Der Puppenwald / Die falsche Patientin, Edition M, beide 2024

Wer wie ich auf Nervenkitzel und spannende Rätsel steht, dem sei hier eine kurze Empfehlung ausgesprochen. Beim Amazon-Imprint „Edition M“ sind zwei Bände von Saskia Calden um die Freiburger Ermittlerin Evelyn Holm erschienen. Ich habe sie gelesen und kann sie nur empfehlen. Kommendes Jahr soll voraussichtlich ein dritter Band veröffentlicht werden. Beide haben sehr interessante Gedankenexperimente als Grundlage.

Der Puppenwald“ spielt am Feldberg, wohin eine 16jährige junge Frau entführt wird, um der Tochter des Entführers als lebende Puppe zu dienen. Der Entführer ist ein Wilderer, dessen Leben mit dem der 16jährigen Jessica verknüpft ist. Und natürlich darf auch die Familie der Ermittlerin darin eine zentrale Rolle spielen. Ungefähr in der Hälfte des Buches war mir ziemlich klar, welchen Job Nikolas Holm, der Mann der Ermittlerin, in dem Ganzen hatte. Dennoch kommt am Ende ein letzter Twist, der mich völlig kalt erwischte.

Die falsche Patientin“ ist sowohl in Freiburg wie auch im südlicher gelegenen Kreis Lörrach platziert. Da ich eine Weile in der Region am südlichen Fuß des Feldbergs und in der Nähe der Schweizer Grenze wohnte, war es umso spannender, sich das im örtlichen Setting vorzustellen. Judith Lennard erwacht in einer geschlossenen Psychiatrie, wo sie unter falschem Namen eingeliefert wurde. Alle versuchen sie zu überzeugen, dass sie die Frau sei, deren Angaben in ihrer Krankenakte angegeben waren. Da sie weiß, dass ihre kleine Tochter sie vermisst, versucht sie alles, um aus der Klinik zu kommen und reitet sich damit nur noch tiefer in den Schlamassel rein. Evelyn Holm sucht mittlerweile verzweifelt nach Judith Lennard, da deren Spuren in einem Mordfall zum Vorschein gekommen waren. Wer steckt dahinter? Wer hält die Fäden in der Hand? Und: Was haben die Ermordete und Judith Lennard dieser Person angetan, um diese späte Rache durchstehen zu müssen?

Was mir an den beiden Bänden von Saskia Calden gut gefällt, ist ihre Art, mit sehr wenig grafischen Szenen von Gewalt trotzdem Nervenkitzel in groß zu veranstalten. Immer wieder führen Nebenschauplätze in die Irre, eine neue Wendung bringt die Gedankengänge zum Einsturz. Hin und wieder hat mich der Schreibstil etwas an Sebastian Fitzek erinnert, einen der Großen des Genres, wobei Calden versucht, die Spannung möglichst pausenlos aufrecht zu erhalten. Bei Fitzek hingegen dienen zuweilen bewusst gewählte Längen geradezu als „misdirection“, also als Ablenkungsmanöver von begonnenen Gedankengängen.

Mein Fazit: Ganz großes Kino. Für Liebhaber der Nervenkitzel-Literatur volle Lese-Empfehlung.

40 Jahre nach Francis Schaeffers Todestag – was bleibt? und Rückblick

Nun ist drüben auf der Seite von E21 (Link) auch mein Gastbeitrag zu Francis Schaeffer erschienen. Hier ein kurzer Auszug.

Ein besonders eindrücklicher Schlüsselmoment im Leben von Francis Schaeffer war sein Umgang mit seiner Glaubenskrise. Es war um 1951/52 herum, als er merkte, wie wenig von Gottes Realität in der Christenheit übrig geblieben war. Wie sich alles nur noch um Rechthaberei oder liberale Theologie drehte. Die einen wollten Wahrheit in den Mittelpunkt stellen und vergaßen dabei die Liebe zu den Menschen; die anderen hoben die Liebe hoch und machten dafür Kompromisse mit Gottes Wort. Francis Schaeffer wanderte längere Zeit immer wieder allein in die Berge oder ging auf dem Heuboden auf und ab. Er betete, rang mit Gott und sich selbst – und ging alle Gründe noch einmal neu durch, weshalb er damals Christ geworden war.

Dieser Umgang mit Glaubenskrisen sollte für unsere Zeit zum Vorbild werden. Weniger Ablenkung, mehr Ringen, mehr Fragen, mehr den Zweifeln nachgehen. Ungelöste Zweifel führen zu einem unangenehmen inneren Grundgefühl, welches über längere Dauer zu einer Abneigung gegen den Glauben wird. Als Verantwortliche in Gemeinden und Jugendarbeit ist es entscheidend, dass wir Zweifel nicht verteufeln, sondern als ganz normalen Teil des Menschseins verstehen und den Betroffenen helfen, der Wahrheit Gottes auf den Grund zu gehen. Leider werden solche Zweifel in unserer Zeit viel zu schnell abgetan oder verdrängt, unter den Teppich gekehrt, wo sie weiter gären und wachsen. Für die damalige Nachkriegsgeneration wurde L’Abri zu einer Auffangstation, einer Zuflucht für Menschen mit solchen Krisen. Ihnen wurde geholfen, alle Grundlagen des Lebens neu zu durchdenken. Durch die geradezu pandemische Ausbreitung dieser Zweifel wäre es nötig, dass an jedem Ort ein solches L’Abri entstünde.“

Wer weiterlesen möchte, hier nochmal der Link:

https://www.evangelium21.net/media/4278/40-jahre-nach-francis-schaeffer-was-bleibt

Rückblick:

Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Serie, die dieses Jahr zu Schaeffer entstanden ist. Es ist wichtig, dass das nicht vergessen geht, was er aufgebaut hat, sondern dass vielmehr von ihm gelernt wird.

Hier noch einmal die Beiträge:

Mein Einstieg in die Serie:

https://blog.jonaserne.de/francis-a-schaeffer-serie-zum-40-todestag/1378/

Gastbeitrag von Pfarrer Beat Laffer-König, der unter Schaeffer studierte:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-francis-a-schaeffer-zu-seinem-40ten-todestag-2024/1380/

Pastor Kai Kreienbring, der zeigt, wie relevant Schaeffer für unsere Zeit ist:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-zu-francis-schaeffer/1382/

Carolin Schmitt, die mit dem Verein BASISlager Karlsdorf-Neuthard eine Art neues L’Abri gründete:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-edith-und-francis-schaeffer-ein-leben-das-spuren-hinterlaesst/1384/

Das Interview mit Ellis H. Potter, welcher sich in L’Abri bekehrte und lange Zeit dort mitarbeitete:

https://blog.jonaserne.de/interview-mit-ellis-potter-ueber-francis-schaeffer-und-labri/1389/

Marcel Haldenwang, der sein persönliches Gemeindeerleben durch Schaeffers Schriften reflektiert:

https://blog.jonaserne.de/gastbeitrag-persoenlicher-bezug-zu-francis-a-schaeffer/1391/

Uwe Brinkmann, welchem die Schriften von Schaeffer halfen, seinen Glauben nicht dekonstruieren zu müssen:

https://www.brink4u.com/2024/05/14/zum-40-todestag-von-francis-a-schaeffer-1912-1984-eine-persoenliche-reflexion/

Und schließlich noch mein E21-Beitrag, in welchem ich noch einmal ganz allgemein die Relevanz des Lebens und Schaffens der Schaeffers für unsere Zeit bespreche:

https://www.evangelium21.net/media/4278/40-jahre-nach-francis-schaeffer-was-bleibt

An dieser Stelle herzlichen Dank allen, die mitgewirkt haben.

Viel Segen bei der Lektüre!

Interview mit Ellis Potter über Francis Schaeffer und L’Abri

Jonas (J): Hallo Ellis, danke für deine Bereitschaft zu einem Interview. Kannst du unseren Lesern etwas zu deinem persönlichen Hintergrund erzählen? Auf deiner Homepage habe ich gelesen, dass du ein früherer Mönch im Zen-Buddhismus warst. Wie kamst du da nach L’Abri?

Ellis (E): Ja, ich wuchs in Kalifornien in einer christlichen Familie auf. Und dann begann ich, Fragen zu stellen, welche die Christen nicht beantworten konnten. So dachte ich, dass der christliche Glaube nicht wahr sei. Ich war an den Absoluta des Lebens interessiert und wollte wissen, wie hoch es nach oben geht, wie fern die Ferne geht. Was kommt am Ende des Universums? Die Christen in meiner Umgebung konnten das nicht beantworten. Inzwischen habe ich Christen getroffen, die von der Bibel her Antworten darauf aufzeigen können. Doch damals konnte mir das niemand erklären. So begann ich umherzuschauen, ob irgendwer an den Absoluta des Lebens interessiert war, und ich fand heraus, dass die Zen-Buddhisten sich darüber Gedanken machten. Deshalb las ich einige Bücher über den Zen-Buddhismus und begann zu meditieren und besuchte ein Zen-Kloster in Los Angeles. Nach einer Weile fand ich ein näher gelegenes Kloster in den Bergen, das ich häufiger besuchen konnte. Mit etwa 25 Jahren habe ich dann alles zurückgelassen, alles verkauft und begann im Kloster zu leben. Das Leben im Kloster war sehr streng und diszipliniert. Nach und nach begann ich zu reisen und habe verschiedene Kloster besucht. Irgendwann kam ich auf diesen Reisen nach Europa. Ein Freund, den ich noch aus Kalifornien kannte, reiste mit mir, ein Christ, und wir besuchten verschiedene Kloster. Damals dachte ich, mein Ziel sei Japan, das Zentrum des Zen-Buddhismus. Dieser Freund wollte nach L’Abri, was ich nicht kannte. Er erzählte mir: Das ist eine Gemeinschaft von Christen, die denken. Ich sagte nein, das konnte ich nicht glauben. Als wir zusammen da waren, mochte ich L’Abri überhaupt nicht. Es war alles laut und geschäftig, mit Kindern und Hunden, und die redeten während sie aßen. Ich war das anders gewohnt. Im Kloster ist es ruhig, leise. So ging ich weiter nach Italien, wo ich Tee-Zeremonien kennenlernte. Und Tee, den ich heute noch trinke. Doch nach vier Monaten hatte ich genug von meinen Versuchen, Italienisch zu sprechen und vermisste meinen Freund. So kam ich nach L’Abri zurück.

Bekehrung

J: Und dort hast du dich dann bekehrt?

E: Ja, ich wurde dann dort Student und studierte den Römerbrief durch Vorlesungen, die Schaeffer auf Tonband aufgenommen hatte. Und dann wurde ich Christ. Zum Teil gegen meinen Willen. Ich wollte nicht Christ werden, denn die Christen, die ich kannte, mochte ich nicht besonders. Aber der christliche Glaube wurde überzeugend. Der wichtigste Grund, weshalb ich Christ wurde, war, weil er mir klar wurde. Es braucht weniger Glauben, um an den christlichen Gott zu glauben als an irgend etwas anderes. Eines Abends las ich Schaeffers Buch „Escape from Reason“, und als ich vom Buch aufschaute, hatte das ganze Universum seine Form geändert. Alles hatte einen neuen Fokus. Das war das Wirken des Heiligen Geistes in meinem Leben. Es war eine Mischung aus Logik, Gnade und Gottes Wirken, die mich vom christlichen Glauben überzeugt haben.

J: Das finde ich spannend. Bei einigen Personen, die sich in L’Abri bekehrt haben, las ich, dass auch die Gemeinschaft, das gemeinsame Leben, Gebet, und so weiter etwas war, was sie auch mit überzeugt hat. Wie war das bei dir?

E: Ja, die Gemeinschaft ist ein wichtiges Element von L’Abri. Es ist eine einmalige Art von Gemeinschaft, denn es ist kein Kloster, keine Kirche oder Gemeinde, keine akademische Institution. L’Abri hat sich als Mission gesetzt, eine Zuflucht für alle zu sein, die Zuflucht brauchen. Es ist eine offene Gemeinschaft innerhalb der Grenzen des vorhandenen Platzes. Jeder, der kommt, ist willkommen. Es gibt keine Voraussetzungen, kein Anmeldeformular, kein Ziel, wie die Gemeinschaft geformt werden soll. L’Abri lebt vom Gebet. Eine Art extremes Glaubenswerk. Wenn du in L’Abri mitarbeitest, darfst du keine Spendenaufrufe machen, keine Werbung. Es wird gebetet und auf Gott gewartet. Jeder, der an die Türe klopft, wird als jemand betrachtet, den Gott gesandt hat. Egal, wie alt oder jung jemand war, wie gebildet oder ungebildet. Jeder, der herein kommt, bestimmt durch seine Anwesenheit mit, wie sich L’Abri weiter entwickelt. In gewisser Weise ist L’Abri sehr passiv. Andere Werke haben einen Plan, wie sie sich entwickeln wollen. L’Abri hat keinen Plan. L’Abri ist unstrategisch. Diese Art von Gemeinschaft war für viele Menschen etwas ganz Besonderes. Für mich war Gemeinschaft insofern nichts Neues, da ich aus Klostern schon Ähnliches kannte. Aber für viele war das eindrücklich. Was mich mehr beeindruckt hat, war die Bibel und die tiefe pastorale Fürsorge der meisten Mitarbeiter.

Schaeffer und das 21. Jahrhundert

J: Eine andere Frage: Man hört ja häufig, dass Francis Schaeffer eine prophetische Stimme war, die vieles von dem vorhersah, was inzwischen eingetreten ist oder sich verstärkt hat. Was würdest du dazu sagen?

E: Ja, Francis Schaeffer war sich in der westlichen Kultur sehr bewusst, was um ihn herum ablief. Er konnte Tendenzen sehen, wie sich vieles weiter entwickeln würde. Ein Thema, das er immer wieder ansprach, war die westliche Suche nach dem persönlichen Frieden und Wohlstand. Dass der Hauptpunkt des Lebens sich immer mehr dorthin verlagert, wie es mir geht, mein Selbstbewusstsein, mein psychischer Zustand, meine Stabilität. Alles dreht sich immer mehr um mich selbst. So gibt es weniger Ehen, weniger Familien, weniger Gemeinschaft, und die Gemeinden sind geschwächt und verschwinden, weil der Fokus immer mehr auf das Ich gelegt wird anstatt auf den Anderen. Und ich denke, das war das Zentrale, was Schaeffer sah.

J: Ja, das sehe ich auch immer mehr zunehmen. Was denkst du, wenn die Familie Schaeffer heute, im 21. Jahrhundert in die Schweiz ziehen würden um ein Werk aufzubauen, würden sie etwas anders machen als damals?

E: Ich denke, dass sie im großen Ganzen dieselbe Arbeit aufbauen würden. Allerdings wäre der Zustand der Menschen, die kämen, ein ganz anderer. In der Zeit, als ich in L’Abri mitarbeitete, hatten wir zu einem Zeitpunkt mehrere Menschen mit psychischen Problemen. Es war sehr schwierig zu der Zeit, sie haben die Gemeinschaft etwas gestört und wir waren nicht genügend qualifiziert um mit manchen der Probleme umzugehen. So haben wir uns als Mitarbeiter darüber unterhalten, wie wir damit umgehen sollten. Sollten wir uns schützen, indem wir Schranken aufrichten? Schaeffer sagte etwas, das uns alle schockierte. Er sagte: Wenn uns der Herr nur noch die psychisch Kranken herschickt, dann ist das unsere Aufgabe. Aber wir beteten viel für diese Situation, und ich glaube nach wie vor, dass Gott uns da arg beschützte und dafür sorgte, dass wir nicht überfordert wurden. Dennoch waren fast alle, die kamen, in irgend einer Krisensituation. Menschen mit Veränderungen im Leben. Mit Entscheidungen, die sie treffen mussten. Jüngere Menschen, die gerade ihr Abitur abgeschlossen hatten und mit Fragen kamen, die ihre Eltern und Pastoren nicht beantworten konnten. Menschen, die nach der Schule nicht wussten, welchen Beruf sie wählen sollten. Menschen, die herausfinden mussten, ob der christliche Glaube wirklich wahr ist. Oder Menschen in ihren 40ern und 50ern, die ihre Kinder groß gezogen hatten und sich nun fragten: Was soll ich jetzt? Was ist jetzt der Sinn meines restlichen Lebens? Manche kamen mit Krisen unter der Fassade, die erst einmal nur etwas studieren wollten. Und dann nach drei oder vier Wochen in der Gemeinschaft kamen dann die richtigen Krisen plötzlich zum Vorschein.

Die Botschaft der Schaeffers

J: Nun haben die Schaeffers doch ein paar Bücher geschrieben. Ich kenne die große Gesamtausgabe der Werke von Francis in den fünf Bänden. Aber das ist für manche Leser etwas einschüchternd. Was wäre ein guter Einstieg oder eine gute Reihenfolge für junge Leser?

E: Das kommt sehr stark auf die Personen an. Wer sind sie? Was ist ihr Hintergrund? Akademisch oder nicht? Geht es um die Diskussion von philosophischen Ideen? Brauchen sie mehr ein pastorales Buch? Darauf kommt es an. Vielleicht „Gott ist keine Illusion“ oder „Und er schweigt nicht“. Und dann würde ich die Bücher von Edith Schaeffer mit einbeziehen. Wenn die Person etwa eine schwierige familiäre Situation hat, oder sich unsicher fühlt oder orientierungslos ist, würde ich Bücher von Edith Schaeffer zu Beginn empfehlen. Ihr Buch „L’Abri“ erzählt die Geschichte der Gemeinschaft. Bis etwa zu ihrem 70. Geburtstag hat sie noch geschrieben. Über viele Themen: Familie, Musik, Kunst.

J: In unserer Zeit hört man ja immer wieder von bekannten christlichen Pastoren und Leitungspersonen, die Vorbilder für viele waren und plötzlich gibt es Skandale, dass sie in Sünde gefallen sind, dass sie Fehler vertuscht haben. Gibt es aus dem Fundus der Schaeffers ein Hilfsmittel, wie man damit am besten umgeht?

E: Ja, da gibt es oft einen extremen Fokus auf bestimmte Menschen, die im Rampenlicht stehen. Dieser Fokus verzerrt eigentlich die Vision des ganzen und ganzheitlichen Christenlebens, wenn alles auf den sichtbaren Bereich dieser Personen gerichtet ist. Man ist heute so stark auf diese einzelnen Personen fokussiert und dann brechen plötzlich Gemeinschaften zusammen. L’Abri war über 60 Jahre lang auf eine relativ kleine,m ruhige Art aktiv. Der Fokus ist nicht auf die bekannten Studenten und Mitarbeiter gerichtet, sondern darauf, in Gemeinschaft und Gastfreundschaft zu dienen. Diese Prinzipien haben sich über die Jahrzehnte nie geändert. Es beginnt immer an der Basis. So ist L’Abri ganz etwas anderes als eine Bewegung.

J: Vielen Dank. Gibt es zum Abschluss unseres Interviews noch etwas Besonderes, was du auf dem Herzen hast, was du mit unseren Lesern teilen möchtest?

E: Ich möchte nichts von mir persönlich teilen, weil ich denke, das ist nicht wichtig. Aber einen Gedanken möchte ich mitgeben. Schaeffer war es immer wichtig, vom Gott zu erzählen, der nicht schweigt. Der Gott, der spricht. Gott spricht in Worten. Und Schaeffer legte großen Nachdruck darauf, dass Gott die Wahrheit klar und lebendig spricht. Und ich sehe, dass dies in unserer Kultur und im christlichen Leben immer weniger betont wird. In all meinen Büchern, Reisen und Vorlesungen versuche ich das weiterzugeben: Wahrheit sprechen und verstehen und unterstützen was wir sagen, anstatt nur Plattitüden und ein paar auseinandergerissene Teile der Bibel zu zitieren. Das ist ein Teil von Schaeffers Werk, was ich feststelle. Ich sehe, dass es immer notwendiger wird, weil wir sonst immer mehr in ein Chaos und Dunkelheit fallen. Das ist es, wozu ich Menschen ermutigen möchte: Übernehmt Verantwortung für was ihr sagt und hört sorgfältig zu. Fragt immer wieder: Was meinst du wirklich damit?, sodass eine echte Verbindung entstehen kann. Das Erste, was wir von Gott wissen in der Bibel ist, dass Er spricht. Und da greift auch der Teufel an und attackiert uns und bringt unsere Sprache durcheinander. Er verstümmelt sie, macht sie unklar, unwahrhaftig und unverbindlich. Und dann werden wir immer weniger wie Gott. Denn Gott ist immer ganz klar und verbindlich und übernimmt die Verantwortung und alle Konsequenzen für das was er sagt. Das wäre meine Botschaft an die Welt. Danke!

J: Vielen Dank für das Gespräch!

Ellis H. Potter war viele Jahre Mitarbeiter in L’Abri und später Pastor in Basel. Er hat einen Reisedienst und ist Autor mehrerer Bücher. Seine Homepage (englisch) ist hier zu finden (Link)

Total Truth auf deutsch erhältlich!

Pearcey, Nancy, Die ganze Wahrheit, Betanien Verlag 2024, Verlagslink, Amazon-Link

Endlich ist das Buch, von welchem ich schon hier (Link) und hier (Link) geschrieben habe, auf deutsch erhältlich. Lange wurde daran gearbeitet. Ich bin gespannt, wie die Übersetzung der Sprache und auch der Kultur gelungen ist. Beides geht dabei natürlich Hand in Hand.

Jedenfalls freue ich mich sehr, dass das nun endlich fertig gestellt ist. Nun sollte es mit Greg Koukls „Tactics“ ebenso vorangehen. Dann wäre nämlich endlich einmal das wichtigste Handwerkszeug für christliche Apologeten im deutschen Sprachraum erhältlich.

Psalmen-Overkill: Warum ich eine Pause brauchte

In den vergangenen zwei Jahren habe ich die Psalmen nach der Gray-Methode (Link) gelesen. Zuerst habe ich mich schon gefragt: Schaffe ich das? Die Psalmen 20 Mal zu lesen? Nachdem mir auf Facebook etwas Mut zugesprochen wurde, habe ich das Projekt begonnen.

Ich muss dazu anmerken, dass ich zwar so meine einzelnen Lieblingspsalmen habe, aber darüber hinaus noch nie so ein enthusiastischer Psalmen-Fanboy war. Ich kenne viele Menschen, die daraus viel Kraft schöpfen können. Das habe ich mir zwar auch irgendwie gewünscht, aber bin noch nicht da angelangt.

Zum Projekt selbst: Ich war erstaunt, wie leicht mir die ersten etwa zwölf bis 14 Male gefallen sind. Erstaunlich viel Neues durfte ich über die Psalmen lernen. Mir wurde bewusst, wie sehr das Buch der Psalmen ganz genau überlegt komponiert und zusammen gestellt wurde. Die vielen verschiedenen Arten von Psalmen haben mich fasziniert. Zu all dem werde ich nach und nach auch noch schreiben. Stay tuned!

Doch dann kam der Overkill

Heute möchte ich mich auf eins beschränken: Nämlich darauf, wie es mir nach diesen ersten, erstaunlich leichten Malen ergangen ist. Plötzlich kam nämlich der Umschwung. Ich merkte, dass mich die Gefühle der Psalmisten emotional mitrissen – und da wurde es zu viel. Fast konnte ich ein wenig nachvollziehen, wie es dem großen Fjodor Dostojewski ergangen sein musste, als er das Buch Hiob las:

„Ich lese das Buch Hiob, und es rührt mich zu schmerzlicher Ekstase. Ich lege das Buch beiseite und gehe stundenlang im Zimmer auf und ab, und es fehlt nicht viel, dass ich anfange zu weinen.“

Diese Zeilen schrieb Dostojewski gegen Ende seines Lebens in einem Brief an seine Frau. So ähnlich rührten mich manche Psalmen auch; besonders wenn es innerhalb weniger aufeinanderfolgender Psalmen viele starke emotionale Veränderungen gab. Von Angst zu Lobpreis, von Trauer zu Dank, von Wut zu Freude. Und so weiter. Das wurde mir zu viel. Was also sollte ich tun?

Bibel lesen – ja! Aber keine Sturheit ums Verrecken

Beim 17. Durchlauf habe ich mich dann entschieden: Es reicht! Ich brauche etwas Anderes. Etwas weniger Emotionales. Das Markus-Evangelium. Markus ist wohltuend straightforward. Ohne große Schnörkel. Einfach gehalten, einfach verständlich. Das war es, was ich jetzt brauche.

Und wie weiter? Ich weiß es noch nicht. Irgendwann werde ich wohl zu den Psalmen zurück kehren. Und dann zu den Sprüchen. Und dann kommen ja irgendwann auch noch die großen Prophetenbücher. Aber ich kann heute noch nicht genau sagen, ob ich wieder zur Methode von James Gray zurückkehren werde oder ein eigenes Zwischending mache.

Darum geht es ja auch: Bibel lesen ist wichtig. Es ist wertvoll. Es soll mich verändern. Jeden Tag merke ich, wie viel ich davon brauche. Von dieser Veränderung. Aber es geht nicht darum, dass man stur und ums Verrecken an genau der einen Methode festhält, die man sich in den Kopf gesetzt hat. Manchmal muss man sich auch selbst vor etwas Gutem schützen, das einem zu viel wird.

Die Bibel anders lesen?

Es gibt viele Arten, die Bibel zu lesen, und die meisten davon sind gut. Jede, die dafür sorgt, dass ich nichts auslasse, nichts umschiffe, nichts überlese, ist gut genug. Ich habe inzwischen Menschen getroffen, die die ganze Bibel in einem Monat durchgelesen haben. 30 Tage von 1. Mose bis Offenbarung. Das verdient meinen höchsten Respekt. Ich weiß nicht, ob ich mich das trauen würde. Vielleicht irgendwann.

Wovon ich abraten würde, sind Methoden, die nur einzelne Verse aus dem Zusammenhang gerissen betrachten. Zweifellos haben die Herrnhuter Losungen schon manch gutes bewirkt. Dennoch sind sie zu wenig. So manch ein Vers wird gar nicht erst ins Sortiment aufgenommen, aus welchen die täglichen Losungen gezogen werden. Auch wenn diese Verse ebenso vom Heiligen Geist inspiriert sind.

Eines kann ich aber jedem zum Schluss noch empfehlen: Wechsle immer mal wieder die Übersetzung. Alle paar Jahre. Das hilft, dass wir Dinge neu entdecken, die in anderen Übersetzungen schon so vertraut klingen, dass es überlesen wird.

Und wie liest Du dieses Jahr in der Bibel? Was sind Deine Tipps und Tricks?

Der Schwarm – eine yrre Story und ihre Verfilmung

Vorsicht Spoiler!

Als Teil der Vorbereitung für ein aktuelles Schreibprojekt habe ich im letzten Jahr Frank Schätzings Ökothriller „Der Schwarm“ (Link) gelesen und dazu die achtteilige TV-Serie (Link) angeschaut. Und zum ersten Mal in meinem Leben gab es eine Verfilmung, die mir besser gefiel als das Buch.

Wer mich kennt, weiß, dass ich lange Bücher mag. Und mit etwas über 1000 Seiten ist Schätzings Werk durchaus in dem Bereich, der für mich langsam interessant zu werden beginnt. Es war mein erstes Buch, das ich von ihm las, somit war sein Schreibstil komplett neu für mich. Außerdem war „Der Schwarm“ seit Längerem auf meiner Liste der noch zu lesenden Bücher. Da lag es nahe, mir diese „yrre“ Story und ihre Verfilmung reinzuziehen.

Nicht nur eine Story

Gleich ab den ersten Seiten beginnt eine rasante Jagd um die Zukunft und das Überleben der Menschheit. Die Natur schlägt zurück. Naturkatastrophen aus dem Meer, erst fast wie zufällig, dann sieht es immer geplanter aus, um den größtmöglichen Schaden anzurichten. Mit der Zeit finden sich Beobachter und Forscher dieser Naturphänomene zusammen, um sich auszutauschen und dem auf den Grund zu gehen. Immer mehr wird deutlich, dass es sich um einen Schwarm einzelliger Lebewesen – den YRR, wie die Forscher sie nennen – handelt, welche im Verband eine ungeheure Intelligenz und ein Jahrtausende altes Gedächtnis besitzen. Die Forscher werden sich einig, dass das Ziel sein sollte, mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen und zu zeigen, dass der Mensch auch intelligent ist und fähig, sich zu bessern, um so das Klima und die Meere, den Lebensraum der YRR, zu schützen.

So weit ist es wirklich eine rasante, fesselnde Story. Jetzt müsste sie noch linear zu Ende gehen können. Doch hier kommt plötzlich ein Element rein, das die Geschichte künstlich aufbläst, gerade so, als hätte sich der Autor vorgenommen, nicht vor Seite 1000 aufhören zu wollen. Mit Judith Li taucht eine Figur auf, die im Prinzip eine neue Geschichte beginnt. Es ist nicht mehr der Kampf gegen die YRR, der im Mittelpunkt steht, sondern mehr noch der Kampf gegen die Navy, gegen die nationalen Sicherheitsbehörden, gegen die Geheimdienste der Vereinigten Staaten. Dieses künstliche Element, diese völlig neue Story hat mich gestört. Es passte nicht in den Verlauf der bisherigen Handlung. Außerdem war mir vom ersten Moment der Erscheinung Judith Lis sofort klar, wer hier parodiert werden sollte. Auch wenn ich mir in dem Moment des Lesens nicht einmal aktiv bewusst war, dass das Buch vor 20 Jahren veröffentlicht wurde, erschien vor meinem inneren Auge sofort die damalige Leiterin der nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, die in der zweiten Amtszeit G.W. Bushs als Außenministerin besonders bekannt wurde.

Eine biologische oder eine politische Story?

Damit wurde aus der Geschichte um den im Meer lebenden intelligenten Einzellerschwarm plötzlich eine politische Geschichte voller Betrug, Hinterlist und am Ende auch vielfachen Mord. Nun ist es ja so, dass ein Autor auf jeden Fall so eine Art Vergleich anstellen darf, in welchem es darum geht, ob die Menschheit durch die sich rächende Natur oder durch den menschlichen Charakter als „des Menschen Wolf“ schneller ausgerottet wird. Keine Frage, das darf auch Frank Schätzing machen. Doch dann hätte er genügend Gelegenheiten gehabt, das politische Element früher und natürlicher in den Verlauf der Geschichte einzuführen. Es scheint mir vielmehr die Schwierigkeit gewesen zu sein, das Buch linear abzuschließen. Womöglich gab es in der Vielzahl an naturwissenschaftlichen Recherchen zum Buch (es kam ja später noch ein gut 600 Seiten starker Band mit jenen heraus) noch manches, was er unbedingt mit einbauen wollte. Nun, sei‘s drum. Mich persönlich hat diese künstliche Wendung gestört.

Geradezu wohltuend rund empfand ich dagegen die Verfilmung. Hier ist die ganze Zeit klar, dass die intelligente Naturgewalt das eigentliche Problem ist. Es bleibt ein biologisches Spektakel, untermalt mit einzelnen Streitigkeiten und Intrigen. Unnötig fand ich dagegen die Veränderung von so vielen Charakteren. Manche werden komplett neu erfunden, andere haben eine filmische Geschlechtsumwandlung durchgemacht. Im Grunde genommen ist es damit nicht mehr der Schwarm von Schätzing, sondern eine neue Story geworden.

Nur noch kurz die Welt retten…

Der wohl größte Unterschied ist der Schluss der Geschichte. Im Buch sind am Ende fast alle tot, die meisten der Hauptfiguren durch andere Menschen brutal ermordet. Es gibt ein vorsichtiges Zusammenleben der YRR im Wasser und der noch lebenden Menschen, welche nun beweisen müssen, dass sie den Lebensraum der Einzeller in Ruhe lassen und die Natur überhaupt schützen. Im Buch wird der Botenstoff der YRR am Ende in die Leiche des Helfers von Li, Mick Rubin, injiziert und aus dem U-Boot Deepflight entfernt, woraufhin die YRR das erkennen und sich zurückziehen.

Viel dramatischer und auch im Grunde genommen authentischer ist da das Ende in der Verfilmung. Charlie Wagner schwimmt auch mit dem Deepflight auf den Meeresgrund, die Leiche Rubins neben sich, doch da trifft sie eine Entscheidung: Sie injiziert sich das Pheromon selbst und verlässt das U-Boot. Sie ist bereit, sich selbst zu opfern, da sie nicht sicher ist, ob das mit einem doch schon seit längerem gestorbenen Leib so möglich ist. An diesem Punkt kommt etwas Tiefes der Menschheit zum Tragen. Das ist ganz großes, emotionales Kino. Denn ganz tief in uns drin weiß jeder Mensch die Wahrheit, die Jesus Christus so unvergleichlich klar aussprach:

Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15:3)

(Auch wenn der stellvertretende Opfertod Jesu Christi niemals vergleichbar ist mit irgend einem Roman oder Film, gibt es dennoch zahlreiche ganz große Werke der Literatur, die genau auf dieser Bereitschaft aufbauen, für andere ihr Leben einzusetzen. Mehr dazu folgt, wenn ich mit meinem Schreibprojekt vorankomme.)