Neil Postman im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Ich habe mir dieser Tage den Klassiker von Neil Postman „Wir amüsieren uns zu Tode“ mal wieder vorgenommen. Das Buch ist jetzt 40 Jahre alt. Postman schrieb es 1984, als viele Amerikaner gespannt darauf schauten, ob George Orwells Szenarien im gleichnamigen Roman irgendwie in die Nähe des Eintreffens kämen. Als ich vor etwa 17 oder 18 Jahren auf das Buch von Postman aufmerksam wurde, hat es mich begeistert. Er legt den Fokus darauf, dass wahrscheinlich weniger ein Überwachungs- und Zensurstaat zu befürchten sei, als vielmehr ein Staat, in dem durch den Fortschritt der Technologie nicht mehr gelesen würde. Nun knüpft Postman im Prinzip an die Arbeit von Marshall McLuhan an („Das Medium ist die Botschaft“) und übt Kritik an der Welt der beweglichen Bilder (Fernsehen, Spielfilme), die ich nach wie vor grundsätzlich teile.

In der Einleitung schrieb Postman, dass statt der Überwachung und Zensur, vor der Orwell warnte, eher ein Szenario aus Aldous Huxleys „Brave New World“ zu befürchten sei, in welchem Bücher und Wissen gar nicht verboten werden müssen, sondern vielmehr von der Technologie verdrängt und so irrelevant gemacht würde. Ich habe spaßeshalber bei ChatGPT angefragt, was Postman wohl heute im Zeitalter der KI sagen würde. Hier die Antworten:

Antwort von ChatGPT:

Neil Postman, bekannt für seine kritischen Analysen der Medienkultur und ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft, hätte mit Sicherheit einiges zur Verbreitung und Nutzung von KI zu sagen. Hier sind einige Überlegungen, die auf seinen Theorien basieren könnten:


1. Die Gefahr der Entfremdung durch Technologie

Postman betrachtete Technologie nie als neutral. Er warnte davor, dass Technologien, die nicht hinterfragt oder kritisch reflektiert werden, die Macht haben, die Kultur tiefgreifend zu verändern. In Bezug auf KI könnte er argumentieren, dass sie uns nicht nur von kritischem Denken, sondern auch von menschlicher Kreativität und Entscheidungsfindung entfremdet. Eine übermäßige Abhängigkeit von KI könnte dazu führen, dass wir uns immer weniger selbstständig mit komplexen Problemen auseinandersetzen.


2. Die „Huxleysche“ Flut irrelevanter Informationen

Postman sah in Aldous Huxleys Vision aus Schöne neue Welt eine beängstigende Parallele zur modernen Gesellschaft: Nicht Zensur, sondern die Überflutung mit trivialer Information würde die Menschen betäuben. KI-gestützte Systeme, die personalisierte Inhalte erstellen und verbreiten, könnten diese Flut weiter verstärken. Postman würde wohl fragen, ob wir in einer Welt leben wollen, in der Algorithmen unsere Aufmerksamkeit steuern, anstatt uns echte, sinnvolle Bildung und Diskussionen zu ermöglichen.


3. Die Illusion von Objektivität

Postman hätte wahrscheinlich die Vorstellung hinterfragt, dass KI „neutral“ sei. Er würde darauf hinweisen, dass KI-Systeme von Menschen programmiert werden und daher unausweichlich die Werte, Vorurteile und kulturellen Annahmen ihrer Entwickler widerspiegeln. KI als scheinbar „unfehlbare“ Autorität könnte die kritische Auseinandersetzung mit Wissen weiter untergraben.


4. Die Bedrohung für Sprache und Diskurs

Postman betonte die Bedeutung von Sprache für kritisches Denken und kulturelle Identität. KI-generierte Inhalte, die oft auf Masse und Geschwindigkeit ausgelegt sind, könnten dazu führen, dass die Qualität und Tiefe von Sprache und Diskurs leiden. Postman würde möglicherweise kritisieren, dass KI die Kommunikation standardisiert, anstatt sie zu bereichern.


5. Die Umgestaltung von Bildung

Postman war ein scharfer Kritiker der Technologiezentrierung im Bildungswesen. KI-gestützte Lernplattformen könnten seiner Ansicht nach das Lernen in eine passive Konsumaktivität verwandeln. Er würde betonen, dass wahre Bildung nicht aus der bloßen Informationsvermittlung besteht, sondern aus der aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit komplexen Ideen.


6. Hoffnung durch kritische Reflexion

Postman war jedoch kein reiner Technikskeptiker. Er erkannte das Potenzial von Technologien, wenn sie bewusst und reflektiert eingesetzt werden. Er hätte vermutlich gefordert, dass KI nicht unkritisch als Lösung für alle Probleme akzeptiert wird, sondern dass wir uns die Zeit nehmen, ihre kulturellen, sozialen und ethischen Implikationen gründlich zu untersuchen.


Fazit

Neil Postman hätte wahrscheinlich eine kritische Haltung gegenüber der rasanten Verbreitung und dem unreflektierten Einsatz von KI eingenommen. Er hätte uns davor gewarnt, uns von der Bequemlichkeit und Effizienz dieser Technologie blenden zu lassen, und dazu aufgerufen, ihre Auswirkungen auf unser Denken, unsere Sprache und unsere Gesellschaft aktiv zu hinterfragen. Seine Botschaft wäre klar: Technologie sollte der Menschheit dienen, nicht sie beherrschen.“

So weit ChatGPT. Ich kann einigem zustimmen. Allerdings ist mir die KI dabei noch zu wenig selbstkritisch und zu optimistisch. Ich stelle mir noch mehr Fragen:

Meine Anfragen:

– Was wäre, wenn es gar nicht die Postman’sche Wahl zwischen entweder der Vision von Orwell oder jener von Huxley gäbe, sondern sich durch die KI die beiden Visionen vereinen und potenzieren?

– Was wäre, wenn eines Tages (in nicht allzu langer Zeit) durch KI jeden Tag mehr Content produziert würde, als die gesamte Menschheit konsumieren kann?

– Was wäre, wenn man wüsste, dass maximal noch vielleicht 2% des Contents wahr und richtig und korrekt ist? Wer überprüft das? KI? Und wer programmiert sie dazu?

– Was wäre, wenn im Gefolge dieser Veränderung plötzlich alles Wissen, alle Wahrheit, alle Objektivität als „x-extrem“ gebrandmarkt würde, weil ja sowieso keiner mehr Fakten von alternativen Fakten unterscheiden könne? (für x bitte eine beliebige Richtung einsetzen)

– Was wäre, wenn Demokratie plötzlich nicht mehr salonfähig ist, weil wichtige, weltweite Entscheidungen nur noch von Künstlicher Intelligenz und klugen Algorithmen gesteuert werden können?

– Was wäre, wenn sich keiner mehr traut, irgend etwas zu sagen, weil alles politisch geworden ist und jeder Fauxpas Auswirkungen auf das gesamte Leben haben kann?

Kann es sein, dass wir auf dem Weg in eine neue babylonische Sprachverwirrung sind? Eine, die nicht nur Sprache betrifft? Kann es sein, dass wir auf diesem Weg in die Sprachverwirrung schon weiter vorangeschritten sind als wir uns bewusst sind?

Ich werde manchen dieser Fragen weiter nachgehen. Wer eine Antwort hat, darf sie gern hinterlassen.

Nachdenkliche Adventsgrüße

Monday Humor: $prachENDm8ung

An der Kirchlichen Hochschule Neulandia am Rheinfall wurde kürzlich das Projekt „$prachENDm8ung“ gestartet. Prof. Dr. Sybelio Chamo erklärte dazu, dass die Sprache nun lange genug dekonstruiert worden sei, und es deshalb einer neuen, gewaltfreien Sprache bedürfe. Zu Beginn des Projekts würde in den neuen Kursen mit Würfeln gearbeitet, welche durch Zufall völlig neue Worte herstellen würden. Mit der Zeit wolle man allerdings maschinell arbeiten. Schließlich müsse ja jedem Begriff in jedem Satz ein neues Wort zugeordnet werden.

In einem zweiten Schritt soll auch alle Logik abgeschafft werden, denn Logik sei immer ein Teil der männlich dominierten weißen Oberschicht gewesen, welche sie missbrauchte, um den Rest der Menschheit zu unterdrücken Statt auf Logik soll in Zukunft alles auf von der Logik auf die Lagadogik umgestellt werden. Statt logischen Schaltkreisen soll es auch in Computern nur noch Zufallsschaltungen geben, die von den Computern je nach Lust und Laune interpretiert und umgesetzt werden könnten. Endziel des Ganzen sei das ehrgeizige Projekt der vollständigen Abschaffung aller Sprache, weil Sprache immer nur trenne, und dafür sei die totale Annahme aller Menschen durch alle Menschen im Schweigen zu finden.

Geschichten des Aufbruchs – ein Rückblick

Am Ende eines jeden Buches bleibt die Aufgabe, das Brauchbare herauszufischen und Schlüsse zu ziehen aus dem, was man gelesen hat. Verschiedene Dinge sind mir dabei wichtig geworden, weshalb ich sie etwas ausführen möchte.
Was nehme ich mit?
Ich finde es ermutigend, dass Menschen den Mut haben, bestimmte Dinge in Frage zu stellen. Diese Fragen sind wichtig. Wir brauchen Fragen. Wir brauchen Zweifel. Wir brauchen die Suche nach neuen Wegen des Ausdrucks, das Gespräch mit der Gesellschaft. Wir brauchen eine neue Liebe zur Kunst, eine Leidenschaft für das Schöne und das Künstlerische. Unbedingt! Ich habe mit Spencer Burke geweint, als er sehen musste, dass die Menschen in der Gemeinde die Welt der Künstler nicht verstehen konnten und umgekehrt. Das hat mich mitgenommen – und ich teile seine Gefühle hierin absolut.
Auch das, was im Buch häufig als „Reduktionismus“ bezeichnet wird, nämlich ein verkürztes Verständnis des Evangeliums, nach welchem man durch Ja-Sagen und Nachsprechen von einer Art „Übergabegebet“ gerettet wird, sehe ich ebenso kritisch wie die Autoren des Buches. Hieran muss ganz dringend gearbeitet werden, dass unser Verständnis von Evangelisation, Wiedergeburt und Bekehrung wieder vollständig wird.
Ebenso sehe ich die Wichtigkeit der Gemeinschaft, des Zusammenlebens, gegenseitiger Ehrlichkeit und Offenheit. Unser Leben kann und soll anziehend werden – attraktiv für Menschen. Auch dieser Punkt hat mich sehr positiv angesprochen. Allerdings ist ein solches Zusammenleben und Vorleben auch in schon längst bestehenden Gemeinden möglich. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal emergenter Gemeindeformen.
Was muss ich am Buch kritisieren?
1. Krisen- und Opfermentalität
Im Mittelpunkt dieser Geschichten steht immer eine „Krise“. Viele der Autoren sind Menschen, die sich selbst als Opfer von („traditionellen“) Gemeinden sehen und sich selbst auch ganz bewusst als solche stilisieren. In unserer Zeit hat das Opfer immer recht – egal, ob es die sich vom Patriarchat unterdrückt fühlenden Frauen sind, die nach einer Quote schreien, oder vermeintliche Opfer des – oft sehr diffus verstandenen – „Modernismus“ der Gemeinden. Wer eine Krise durchmacht, ist ein Opfer, und Opfer verlangen, dass man ihnen recht gibt. Wer ihnen zu widersprechen wagt, wird der Seite der Unterdrücker zugerechnet. Es findet eine kolossale Emotionalisierung jeder Debatte statt, weil sich das Opfer ja emotional angegriffen fühlt. So wird jede sachliche Diskussion verunmöglicht. Das ist heutzutage allgemein eine sehr beliebte Strategie, um recht zu bekommen.
2. Viele Fragen – keine Antworten
Die Geschichten sind voll von Protest. Sie werfen viele Fragen auf, was an sich etwas Gutes ist. Ich bin für vieles dankbar, was in den Geschichten als Fragen auftaucht. Das Problem liegt woanders begraben: Die Fragen werden nur aufgeworfen, ohne Antworten zu geben. Zuweilen scheint es so, als wollte man ganz bewusst keine Antworten geben. Es wird gegen alles protestiert, was man so als „status quo“ in traditionellen Gemeinden zu entdecken glaubte. Alles, was bisher „normal“ war, ist automatisch schlecht. Man bricht auf, nach irgendwo im Nirgendwo, ziellos, frei von allen Antworten, frei von jedem Ziel. Diese Freiheit wird gefeiert, auch wenn – oder gerade weil? – sie in vielen Fällen zu zweifelhaften Irrwegen führt. So etwa zu esoterischen Indianerritualen bei Spencer Burke und manches mehr. Man will neue Wege finden, indem alle biblischen und historischen Leitplanken in Frage gestellt werden – und landet so irgendwann am Abgrund, wo das Zentrum der Geschichte und des christlichen Glaubens verschwunden sind. Einige der Autoren tragen eine große Verantwortung, weil sie Funktionen der Leitung innehatten oder noch immer haben. Menschen sehen zu ihnen auf, nehmen sie als ihre Vorbilder. Was sie die Menschen mit ihren Geschichten lehren, ist, dass es auf die Fragen keine echten Antworten gibt. Jeder Mensch müsse die Antworten selbst finden, aber es gibt ja noch nicht einmal echte Hinweise darauf, wo man Antworten finden kann.
3. Vermeintliche Gegensätze
Sehr beliebt ist das Konstruieren von vermeintlichen Gegensätzen – so etwa, wie bereits bemerkt, im Untertitel des Buches „Moving from Absolute to Authentic“. Etwas Absolutes ist nicht per se ein Gegensatz zu etwas Authentischem, also etwas Echtem. So wird immer wieder eine Art Gegensatzpaar zwischen Dingen hergestellt, die eigentlich überhaupt keine Gegensätze sind – und noch nicht einmal Widersprüche enthalten.
4. Neue babylonische Sprachverwirrung
Statt anerkennen zu können, dass Gott die Sprache und Worte als Medium für Seine Offenbarung ausgewählt hat, wird die Sprache von Grund auf dekonstruiert und neu mit Inhalten gefüllt. Es wimmelt von Begriffen, die der Bibel und der Theologie entnommen sind – wofür sie jedoch gebraucht werden, ist ganz unterschiedlich. So sprechen zahlreiche Autoren vom Heil, von der Gnade, vom Reich Gottes, vom Evangelium, und so weiter. Doch keiner traut sich, diese Begriffe zu definieren. So kann sie jeder selbst mit den Inhalten füllen, die ihm behagen. Diese radikale Dekonstruktion von bekannten Begriffen führt zu einer neuen Art der babylonischen Sprachverwirrung – allerdings in einem weitaus alarmierenderen Grad: Wusste doch beim Original jeder sofort, dass er seine Mitmenschen nicht mehr verstehen kann, ist dieses Wissen nunmehr verschwunden. Da jeder die Begriffe an sich kennt, sie jedoch unterschiedlich füllt, sind Missverständnisse geradezu vorprogrammiert. Wer nur irgendwo die Vorsilbe „Post-“ voranstellt, ist aus dem Schneider. Er kann dann jedes Wort, das er damit versieht, ganz genau so interpretieren, wie es ihm gerade in den Kram passt – und er ist immun gegen jeden Widerspruch. Ich glaube, wir brauchen eine post-emergente Bewegung.