Auf dem Areopag der nachchristlichen Kultur

Unsere Gesellschaft ist immer weniger vom christlichen Glauben geprägt. Man kann sich darüber aufregen, muss es aber nicht. Fakt ist, dass immer mehr erklärt werden muss, was lange Zeit fast selbstverständlich war. Zugleich haben wir es mit einer Gesellschaft zu tun, die sich enorm nach Erlösung sehnt – dies aber nicht merkt, sondern oft geradezu verdrängt. Mich erinnert das immer wieder an Paulus – wie er auf dem Areopag mit den damaligen Denkern diskutierte.

Moment mal – wie ist denn das eigentlich? Sind unsere Zeitgenossen nicht schon viel gebildeter und feinfühliger als damals? Im Grunde genommen ist die Weltanschauung relativ ähnlich. Wir haben es weder damals noch heute mit einem echten Atheismus oder Unglauben oder Materialismus zu tun. Ein echter, reiner Materialismus ist in dem Universum, in welchem wir bekanntlich leben, nur sehr schwer aufrecht zu erhalten. Es ist unmöglich, ein in sich konsistenter Materialist zu sein. Von einem Stein könnte man es vielleicht noch annehmen, er wäre materialistisch, doch ein Mensch mit Bewusstsein? Äußerst unwahrscheinlich. Das Problem ist halt, dass Weltanschauungen nur selten reflektiert werden. Und so haben wir es sowohl bei Paulus auf dem Areopag, als auch in unserer nachchristlichen, neuheidnischen Gesellschaft in den meisten Fällen mit einer unreflektierten Spielart eines Pantheismus zu tun.

Nein, Pantheismus kann man nicht essen…

auch wenn es fast ein wenig nach Pancakes klingt. Pantheismus ist die Vorstellung, dass alles, was existiert, ein Teil von Gott ist. Das ganze Universum ist eins mit Gott, aber nicht als persönlicher Gott, sondern irgendeine Art unpersönliche Natur, die einfach alles umfasst. Es gibt im Pantheismus keine Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Das ganze Universum mit allem darin ist miteinander verbunden und eine untrennbare Einheit.

Und hier kommt Paulus ins Spiel. Er hat wie kaum ein anderer verstanden, welche Auswirkungen diese Vorstellungen haben. Wir sind da ganz schnell in der Gefahr, dass wir die Ähnlichkeiten der Zeiten übersehen und meinen, dass der altheidnische Polytheismus etwas Archaischeres gewesen wäre. Doch heutige neuheidnische Spielarten des Pantheismus sind ebenso archaisch wie die damaligen. Um das zu verstehen, müssen wir versuchen, den griechisch-römischen Polytheismus zu durchdringen. Dieser Polytheismus war die Staatsreligion im römischen Großreich zur Zeit des Neuen Testaments. Ein Blick in die Schöpfungsmythen und Göttersagen zeigt, dass es viel widersprüchliche Erzählungen gab und dass diese Gottheiten eben nicht vor und über der Schöpfung stehen – vielmehr sind sie eine Art teilweise unsterbliche, teilweise nur schwer sterbliche höhere Menschen. Sie entstammen der Natur. Etwa bei Hesiod, der eine der verbreitetsten Schöpfungssage herausgegeben hatte, war am Anfang das Chaos, also ungeordnete Materie, die sich da selbst ordnete und daraus entstanden die Götter Gaia (Erde), Tartaros (Unterwelt), Nyx (Nacht), Erebos (Finsternis) und Eros (Liebe). Weitere Götter entstanden durch Paarung von diesen oder auch einfach durch Erschaffung durch diese ersten Götter.

Mit Paulus auf dem Areopag

Schon seit längerer Zeit gab es in der damaligen Kultur viel Kritik an diesem Polytheismus, eben gerade weil alle wussten, dass die Götter entweder der Natur entsprachen oder weil sie durch die Natur erschaffen und nichts weiter als etwas bessere Menschen waren. Und jetzt kam Paulus ins Gespräch mit Menschen, die bewusst Pantheisten waren, aber den pantheistischen Polytheismus ablehnten. Erinnern wir uns – für den Pantheisten ist das Göttliche überall in der Welt zu finden. Alles ist im Grunde genommen Gott. Alles ist miteinander verbunden und alles ist eine göttliche Einheit. Doch auch damals gab es schon unreflektierte Meinungen dazu.

Und Paulus wird nun auf den großen Platz gebracht und ausgefragt. Es ist interessant, womit Paulus nicht anfängt. Paulus geht nicht auf Johannes 3:16 ein, auf unseren liebsten Bibelvers, um das Evangelium zu erklären. Gut, das kann auch daran liegen, dass dieses Evangelium in dem Moment noch nicht geschrieben worden war. Vermutlich hat Johannes erst nach dem Tod von Paulus sein Evangelium geschrieben. Aber die Grundzüge von Johannes 3:16 finden wir bei Paulus auch. Immer und immer wieder. Doch hier wusste Paulus genau, dass seine Zuhörer das nicht verstehen. In Johannes 3:16 geht es um die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, es geht darum, dass Gott in die Welt kommen muss, um sie zu erlösen. Doch Menschen, die sich schon als Einheit mit dem Göttlichen wahrnehmen, als Einheit mit der Natur, die über allem steht, in Einheit mit dem Universum, verstehen nicht, dass Erlösung von außen kommen muss.

Paulus beginnt mit dem Gewissen

Wahrscheinlich ist es den wenigsten Bibellesern bewusst, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben, dass das Evangelium gottzentriert sein muss. Wir fangen mit Gott an. Es ist daran nichts grundsätzlich Falsches, aber es schafft in einer nachchristlichen Kultur des unreflektierten Pantheismus eine unnötige Mauer. Der Pantheist sieht sich als Teil Gottes, er ist sozusagen ein Ausfluss des Weltalls, des unpersönlichen All-Gottes. Paulus macht etwas grundlegend anderes. Er beginnt mit den Zuhörern. Er beginnt mit dem Gewissen, mit den Sehnsüchten, mit dem tiefsten inneren Verlangen der Menschen auf dem Areopag. Er beginnt mit der Kultur vor Ort. Er hat eine Götzenstatue gesehen, die „den unbekannten Göttern“ gewidmet ist. Und jetzt in einem rhetorisch kaum zu übertreffenden „Doublespeak“ lobt er die Athener für ihre tiefe Gottesfurcht, die so weit geht, dass sie sogar fürchten, sie könnten irgend einen Gott vergessen haben, und verspottet sie mit demselben Wort auch dafür. Und dann folgt eine längere Argumentation, die ungefähr auf Folgendes hinausläuft: Ihr habt eine Sehnsucht in eurem tiefsten Inneren, die tiefer geht als alles, was der heidnische Götzendienst und was der weltanschauliche Pantheismus euch bieten kann. Ihr sehnt euch nach der Erlösung durch einen persönlichen Gott, der der Schöpfung gegenübersteht. Diese Erlösung will ich euch heute verkünden. Und dann kommt das Evangelium.

Ganz spannend ist, dass das bei Paulus nicht nur auf dem Areopag so war. Es scheint mir, als hätte sich das durch seine ganze Evangelisationspraxis hindurchgezogen. Der Brief an die Römer ist eigentlich gleich aufgebaut. Er hat ja bekanntlich den Gemeinden in Rom geschrieben, um zu zeigen, dass er das richtige Evangelium verkündete, da er plante, Rom einst als Basis für die Evangelisierung Westeuropas bis nach Spanien zu nutzen. Und hier geht er genau so vor. Mit dem Unterschied, dass er in Rom sowohl Juden, die zu Christus gefunden haben, als auch ehemalige Heiden ansprechen wollte. Auch hier: Bevor der Mensch gewordene Gott ins Spiel kommt, geht es 2,5 Kapitel lang um den Menschen. Der Mensch mit seinen Versuchen, die Erkenntnis Gottes zu verdrängen. Der Mensch mit seinem Gewissen, das hin und her eiert zwischen überheblich und an sich selbst verzweifelt. Der Mensch mit seinem Mund, aus dem Gutes und Böses zugleich kommen kann. Und so weiter. Der Mensch. Die Sünde. Die Verzweiflung. Die Sehnsucht. Die Erlösung.

Der Marktplatz unserer Kultur

Wenn ich mir so unsere heutige, neuheidnische Kultur anschaue, fällt mir geradezu enorm auf, wie alle Kultur nach Erlösung schreit. Und um das zu sehen, müssen wir einen Schritt zurück machen, von der Johannes3:16-Brille weg. Ich würde einen anderen Vers aus dem Johannesevangelium vorschlagen, der uns da helfen kann: Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15:13) Es klingt nun etwas allgemeiner, aber in diesem Vers hat Jesus Christus definiert, was Liebe ist. Unsere Kultur schreit nach Liebe und schreit nach Erlösung. Sie lebt zwischen der Überheblichkeit und der Verzweiflung an sich selbst. Ob ich jetzt auf die Songtexte von Taylor Swift oder neuere Romane und Filmserien schaue, überall zieht sich das hindurch. Und das sind gute Anknüpfungspunkte, die wir mit Jesus füllen können, wenn sich jemand mit diesen Fragen identifiziert. Jesus ist diese Liebe, diese Hingabe, Er hat Sein Leben gelassen für Seine Freunde. Er ist die Erlösung.

Zum Schluss ein paar meiner persönlichen Beispiele, die mir im Laufe der Jahre besonders aufgefallen sind. Das erste Mal, als es mir richtig bewusst wurde, war beim zweiten oder dritten Lesen von Stephen Kings „ES“ („It“). Ja, es ist schon ein älteres Werk, aus den 1980er-Jahren. Aber es hat mir wie kein anderes gezeigt, dass genau das Evangelium von der Liebe dessen, der sein Leben für die Freunde lässt, eigentlich in fast jeder spannenden Story im Mittelpunkt steht. Es gibt eine Gefahr. In der kleinen Stadt Derry in Maine werden Kinder ermordet. Eine Gruppe von sieben Kindern, die alle ihre Schwierigkeiten haben, nehmen den Kampf auf und schaffen es unter Lebensgefahr, das Monster zu besiegen und für einige Jahre Ruhe zu bekommen. Als sie erwachsen sind, beginnt das Ganze wieder. Diesmal gibt es sogar Tote unter den Freunden, die einander beistehen. Es sind oft die Schwachen, die im Kampf gegen das Böse besonders mutig werden. Gerade vor Kurzem sah ich mir die ZDF-Horrorserie „Hameln“ an. Auch hier gibt es wieder dasselbe. Um der Stadt zu helfen, um die Menschen vor dem bösen Wesen zu erlösen, braucht es drei gehandicappte Kinder, die unter Einsatz ihres Lebens kämpfen müssen. Von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“ schrieb ich vor einem Jahr schon mal (Link hier). Die Liste könnte man um hunderte von Werken ergänzen,

Wir müssen uns bewusst sein, dass das alles immer nur ein weltlicher Abklatsch ist, eine Art pantheistische Erlösungsstory, weil es der Mensch ist, der sich selbst erlöst. Aber die Menschen wollen es sehen, sie wollen diese wahre Liebe und Selbsthingabe, die Erlösung immer wieder und wieder und ohne Ende von Neuem sehen – mit ständig wechselnden Namen und Besetzungen. Unsere Kultur ächzt und stöhnt nach Erlösung. Echte Erlösung bringt nur Jesus Christus.

Fallen dir noch weitere Beispiele ein? Gib mir gern Feedback dazu!

Die Bibel lesen – ein guter Vorsatz, nicht nur fürs neue Jahr

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, Advent heißt warten auf die Ankunft Jesu. Für viele heißt es auch, warten auf das neue Jahr, um dann mit neuen guten Vorsätzen neu zu starten. Meine Empfehlung ist jedes Jahr wieder neu: Warte mit den guten Vorsätzen nicht bis zum neuen Jahr. Gute Vorsätze sind zu gut, als dass man sie zum Neujahr verschwenden sollte. Fang lieber gleich an; es ist eine gute Vorbereitung aufs neue Jahr.

Markus als Einstieg

Meine Empfehlung: Fang mit dem Markusevangelium an. Es würde sich anbieten, dass es sogar noch vor Silvester zu Ende gelesen werden kann. 16 Kapitel, relativ kurze Kapitel im Vergleich zu anderen der Evangelien. Und es wurde auch geradezu für eine Zeit wie unsere geschrieben. Wie meine ich das? Als ich vor einem guten Vierteljahrhundert mit dem Bibellesen angefangen habe, war es üblich, dass man als Anfang Johannes empfahl. Keine Frage, ein supertolles Evangelium, ich liebe es. Trotzdem würde ich es heute nicht mehr so machen und auch niemandem mehr empfehlen. Es sind darin einige theologische Lehren zu finden, die man zuerst einmal kennen muss, um möglichst viel von Johannes profitieren zu können. Johannes hat dieses Evangelium als letztes der vier geschrieben und eigentlich stillschweigend vorausgesetzt, dass zumindest andere bereits bekannt sind, wenn man seines liest.

Matthäus hat primär für eine jüdische Leserschaft geschrieben, die das Alte Testament schon relativ gut kennen und zeigt deshalb mit vielen Zitaten und Anspielungen auf, dass das ganze AT von Jesus erzählt und Jesus die Erfüllung des ganzen Alten Testaments ist. Markus hingegen schrieb für ein heidnisch-römisches Publikum, das mit den jüdischen Bräuchen nicht bekannt ist, deshalb erklärt er alles, was man nicht so leicht versteht. Deswegen würde ich persönlich immer als erstes Markus empfehlen.

Regelmäßigkeit über Menge

Die zweite Hilfestellung, die ich geben möchte, betrifft die Menge. Ich habe schon öfter Menschen getroffen, die überhaupt nicht gerne lesen oder auch eine Leseschwäche haben oder manchmal auch eine Angst vor Büchern und geschriebenen Worten. Es ist ein tolles Ziel, irgendwann mal fähig zu sein, die ganze Bibel in einem Jahr durchlesen zu können, und ich bin auch überzeugt, dass das jede und jeder lernen kann. Aber für den Anfang würde ich sagen, bleib in deiner Komfortzone. Ok, wenn ein Satz schon zuviel ist, dann muss es eben außerhalb der Komfortzone anfangen. Aber ein Satz oder ein Vers am Tag sollte drin sein.

Die ersten vier bis sechs Wochen sind wichtig, damit sich eine erste Routine bilden kann. Bleib diese Zeit in deiner Komfortzone, aber lies dafür jeden Tag. Es ist zum Beispiel wertvoll für den Anfang, sich einen besonderen Platz und eine bestimmte Zeit am Tag dafür zu nehmen. Mein zweieinhalbter Tipp betrifft noch die Bibelübersetzung. Nimm bitte für den Anfang eine, die ebenfalls in deiner Komfortzone ist. Jede Bibel ist besser als eine, die im Regal stehen bleibt und verstaubt.

Langsame Steigerung

Nach den ersten vier bis sechs Wochen erhöhen wir die Dosis. Du wirst gemerkt haben, dass ein Vers allein unbefriedigend ist. Die Story geht weiter, aber am nächsten Tag musst du erst wieder nachschauen: Was war jetzt da eigentlich gestern genau dran? Deshalb ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um das Doppelte zu lesen. Zwei Verse. Oder Zwei Sätze. Zwei Abschnitte. Oder zwei Kapitel. Je nachdem, was bisher deine Komfortzone war. Und so geht es weiter, alle ein bis zwei Monate kommt eine neue Steigerung hinzu, bis irgendwann dein Ziel erreicht ist. Wetten, dass das noch vor Ende 2025 ist, wenn du die Tipps befolgst?

Wie weiter nach Markus?

Inzwischen sind wir bestimmt über das Evangelium von Markus hinausgekommen. Wo geht es weiter? Jetzt hast du im Grunde genommen totale Freiheit, zu entscheiden, wie es weiter gehen soll. Zum Beispiel noch ein Evangelium. Matthäus. Oder Johannes. Oder Lukas? Oder gleich weiter mit der Apostelgeschichte. Die geht nämlich da weiter, wo Markus aufhört. Oder wenn du möchtest, kannst du auch das ganze Bibelbuch mal vorne anfangen, bei 1. Mose. Ein Geheimtipp von mir – besonders wenn du nach Markus noch nicht so weit bist, dass du ganze Kapitel am Stück lesen möchtest – wäre auch das Buch der Sprüche. Da gibt es so viel Gutes darin, was sich leicht im Alltag umsetzen lässt und gleich zeigt, wie viel Segen im ganzen Bibelbuch steckt.

Was ich eher noch ein wenig weiter nach hinten stellen würde, sind der Prophet Hesekiel und die Offenbarung. Ja, ich weiß, dass manche Leser gerne erst den Schluss lesen, um zu wissen, wie die Story ausgeht. Ich spoilere mal: Es gibt ein Happy End. Jedenfalls für alle, die zu Jesus gehören. Aber die Offenbarung ist auch von Johannes geschrieben, der viel wertvolle Theologie in seine Schriften einfügt. Das braucht etwas mehr Hintergrundwissen aus dem Alten Testament, sodass ich vorschlage, zuerst etwas leichtere Kost zu sich zu nehmen.

Weitere Tipps und Ressourcen:

Mit der Zeit werden sich viele Bibelleser das eine oder andere Buch dazu kaufen. Ich empfehle, möglichst früh mit einer zweiten Bibel anzufangen, die etwas schwierigere als Hauptbibel und die einfacher übersetzte zum Nachschlagen, wenn Verse auch noch nach mehrmaligem Lesen unklar bleiben.

Ein Bibellexikon kann eine gute Hilfe sein, ebenso eine Konkordanz. Das ist ein Buch, welches zu wichtigen Worten alle Stellen eingetragen hat, wo das Wort vorkommt.

Wenn du mit der Apostelgeschichte fortfährst nach Markus oder allgemein nach den Evangelien, würde ich unbedingt eine Karte mit den Ortsnamen aus der damaligen Zeit ausdrucken oder aus dem Anhang der Bibel heraus kopieren. Glaub mir, du willst nicht alle zwei Minuten bei einem neuen Ortsnamen wieder nach hinten blättern müssen. Nimm lieber eine Karte ausgedruckt neben dich.

Und hier noch ein paar Links, wo ich ältere Beiträge von mir verlinke, die auch helfen können:

Neugierig Bibel lesen

Viele Fragen zum Bibel lesen

… und noch mehr Fragen zum Bibeltext

Die Mini-Kurzversion hiervon auf Insta

Und was sind deine Tipps? Ergänzungen? Fragen?

Neil Postman im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Ich habe mir dieser Tage den Klassiker von Neil Postman „Wir amüsieren uns zu Tode“ mal wieder vorgenommen. Das Buch ist jetzt 40 Jahre alt. Postman schrieb es 1984, als viele Amerikaner gespannt darauf schauten, ob George Orwells Szenarien im gleichnamigen Roman irgendwie in die Nähe des Eintreffens kämen. Als ich vor etwa 17 oder 18 Jahren auf das Buch von Postman aufmerksam wurde, hat es mich begeistert. Er legt den Fokus darauf, dass wahrscheinlich weniger ein Überwachungs- und Zensurstaat zu befürchten sei, als vielmehr ein Staat, in dem durch den Fortschritt der Technologie nicht mehr gelesen würde. Nun knüpft Postman im Prinzip an die Arbeit von Marshall McLuhan an („Das Medium ist die Botschaft“) und übt Kritik an der Welt der beweglichen Bilder (Fernsehen, Spielfilme), die ich nach wie vor grundsätzlich teile.

In der Einleitung schrieb Postman, dass statt der Überwachung und Zensur, vor der Orwell warnte, eher ein Szenario aus Aldous Huxleys „Brave New World“ zu befürchten sei, in welchem Bücher und Wissen gar nicht verboten werden müssen, sondern vielmehr von der Technologie verdrängt und so irrelevant gemacht würde. Ich habe spaßeshalber bei ChatGPT angefragt, was Postman wohl heute im Zeitalter der KI sagen würde. Hier die Antworten:

Antwort von ChatGPT:

Neil Postman, bekannt für seine kritischen Analysen der Medienkultur und ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft, hätte mit Sicherheit einiges zur Verbreitung und Nutzung von KI zu sagen. Hier sind einige Überlegungen, die auf seinen Theorien basieren könnten:


1. Die Gefahr der Entfremdung durch Technologie

Postman betrachtete Technologie nie als neutral. Er warnte davor, dass Technologien, die nicht hinterfragt oder kritisch reflektiert werden, die Macht haben, die Kultur tiefgreifend zu verändern. In Bezug auf KI könnte er argumentieren, dass sie uns nicht nur von kritischem Denken, sondern auch von menschlicher Kreativität und Entscheidungsfindung entfremdet. Eine übermäßige Abhängigkeit von KI könnte dazu führen, dass wir uns immer weniger selbstständig mit komplexen Problemen auseinandersetzen.


2. Die „Huxleysche“ Flut irrelevanter Informationen

Postman sah in Aldous Huxleys Vision aus Schöne neue Welt eine beängstigende Parallele zur modernen Gesellschaft: Nicht Zensur, sondern die Überflutung mit trivialer Information würde die Menschen betäuben. KI-gestützte Systeme, die personalisierte Inhalte erstellen und verbreiten, könnten diese Flut weiter verstärken. Postman würde wohl fragen, ob wir in einer Welt leben wollen, in der Algorithmen unsere Aufmerksamkeit steuern, anstatt uns echte, sinnvolle Bildung und Diskussionen zu ermöglichen.


3. Die Illusion von Objektivität

Postman hätte wahrscheinlich die Vorstellung hinterfragt, dass KI „neutral“ sei. Er würde darauf hinweisen, dass KI-Systeme von Menschen programmiert werden und daher unausweichlich die Werte, Vorurteile und kulturellen Annahmen ihrer Entwickler widerspiegeln. KI als scheinbar „unfehlbare“ Autorität könnte die kritische Auseinandersetzung mit Wissen weiter untergraben.


4. Die Bedrohung für Sprache und Diskurs

Postman betonte die Bedeutung von Sprache für kritisches Denken und kulturelle Identität. KI-generierte Inhalte, die oft auf Masse und Geschwindigkeit ausgelegt sind, könnten dazu führen, dass die Qualität und Tiefe von Sprache und Diskurs leiden. Postman würde möglicherweise kritisieren, dass KI die Kommunikation standardisiert, anstatt sie zu bereichern.


5. Die Umgestaltung von Bildung

Postman war ein scharfer Kritiker der Technologiezentrierung im Bildungswesen. KI-gestützte Lernplattformen könnten seiner Ansicht nach das Lernen in eine passive Konsumaktivität verwandeln. Er würde betonen, dass wahre Bildung nicht aus der bloßen Informationsvermittlung besteht, sondern aus der aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit komplexen Ideen.


6. Hoffnung durch kritische Reflexion

Postman war jedoch kein reiner Technikskeptiker. Er erkannte das Potenzial von Technologien, wenn sie bewusst und reflektiert eingesetzt werden. Er hätte vermutlich gefordert, dass KI nicht unkritisch als Lösung für alle Probleme akzeptiert wird, sondern dass wir uns die Zeit nehmen, ihre kulturellen, sozialen und ethischen Implikationen gründlich zu untersuchen.


Fazit

Neil Postman hätte wahrscheinlich eine kritische Haltung gegenüber der rasanten Verbreitung und dem unreflektierten Einsatz von KI eingenommen. Er hätte uns davor gewarnt, uns von der Bequemlichkeit und Effizienz dieser Technologie blenden zu lassen, und dazu aufgerufen, ihre Auswirkungen auf unser Denken, unsere Sprache und unsere Gesellschaft aktiv zu hinterfragen. Seine Botschaft wäre klar: Technologie sollte der Menschheit dienen, nicht sie beherrschen.“

So weit ChatGPT. Ich kann einigem zustimmen. Allerdings ist mir die KI dabei noch zu wenig selbstkritisch und zu optimistisch. Ich stelle mir noch mehr Fragen:

Meine Anfragen:

– Was wäre, wenn es gar nicht die Postman’sche Wahl zwischen entweder der Vision von Orwell oder jener von Huxley gäbe, sondern sich durch die KI die beiden Visionen vereinen und potenzieren?

– Was wäre, wenn eines Tages (in nicht allzu langer Zeit) durch KI jeden Tag mehr Content produziert würde, als die gesamte Menschheit konsumieren kann?

– Was wäre, wenn man wüsste, dass maximal noch vielleicht 2% des Contents wahr und richtig und korrekt ist? Wer überprüft das? KI? Und wer programmiert sie dazu?

– Was wäre, wenn im Gefolge dieser Veränderung plötzlich alles Wissen, alle Wahrheit, alle Objektivität als „x-extrem“ gebrandmarkt würde, weil ja sowieso keiner mehr Fakten von alternativen Fakten unterscheiden könne? (für x bitte eine beliebige Richtung einsetzen)

– Was wäre, wenn Demokratie plötzlich nicht mehr salonfähig ist, weil wichtige, weltweite Entscheidungen nur noch von Künstlicher Intelligenz und klugen Algorithmen gesteuert werden können?

– Was wäre, wenn sich keiner mehr traut, irgend etwas zu sagen, weil alles politisch geworden ist und jeder Fauxpas Auswirkungen auf das gesamte Leben haben kann?

Kann es sein, dass wir auf dem Weg in eine neue babylonische Sprachverwirrung sind? Eine, die nicht nur Sprache betrifft? Kann es sein, dass wir auf diesem Weg in die Sprachverwirrung schon weiter vorangeschritten sind als wir uns bewusst sind?

Ich werde manchen dieser Fragen weiter nachgehen. Wer eine Antwort hat, darf sie gern hinterlassen.

Nachdenkliche Adventsgrüße

Hasta la Rebelacion siempre!

Eigentlich wollte ich im zweiten Teil schon auf verschiedene Lesarten der Offenbarung eingehen, aber es ist etwas passiert, was ich mir noch fast gedacht habe. Anstatt sich auf den Inhalt zu stürzen und mich in den Himmel zu loben (nein, Spaß) oder mich verbal zu steinigen, weil ich ein paar goldene Kälber vom Thron schubsen könnte, gab es die meiste Diskussion über das „B“. Rebelation statt Revelation. Und warum auf englisch und so weiter. Deshalb machen wir doch heute gleich mal auf kubanisch weiter. Hasta la Rebelacion siempre, baby!

Anders gefragt: Was hat die Offenbarung mit Rebellion oder Revolution zu tun?

Seit rund 60 Jahren leben wir hier im reichen Westen in einem Zeitalter konstanter Revolution. Jede Generation rebelliert gegen die vorherige, jede Subkultur erhebt den Anspruch, anders, revolutionär zu sein gegenüber allen anderen. Irgendwo unterwegs im Laufe der Geschichte ist die Grundlage abhanden gekommen, wogegen man genau sein müsse, um zu den Rebellen zu gehören. Die Punkrockband „Die Ärzte“ haben diese Grundstimmung ziemlich gut festgehalten in ihrem Lied „Rebell“ (Link zu YouTube):

Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür

Ich bin dagegen, ich bin nicht so wie ihr

Ich bin dagegen, egal, worum es geht

Ich bin dagegen, weil ihr nichts davon versteht

Ich bin dagegen, ich sag es noch einmal

Ich bin dagegen, warum, ist doch egal

Ich bin dagegen, auch wenn es euch nicht schmeckt

Ich nenn es Freiheit, ihr nennt es Mangel an Respekt.“

Weil sich in unserer spätmodern-dekadenten, luxusgeilen westlichen Welt so viele verschiedene Lebensentwürfe entwickelt haben, ist eigentlich jede und jeder in gewisser Weise ein Rebell geworden. Jeder rebelliert mit seinem Leben gegen irgendwelche anderen solche Lebensentwürfe. Und wenn jeder ein Rebell ist, dann ist unterm Strich eben zugleich auch keiner mehr ein Rebell.

Das Wesen wahrer Rebellion

Oder vielleicht doch? Wenn man das Lied der Ärzte noch einmal genauer unter die Lupe nimmt, fällt doch auf, dass der Rebell sich immer um eines dreht, nämlich „Ich, Ich, Ich!!!“. Wenn es also in unserer Zeit noch eine echte Rebellion geben kann, dann einzig jene, die gegen die Vergötzung des Ich rebelliert. Eine Rebellion gegen die Ich-Besessenheit, gegen den Selbsterlösungswahn unserer Zeit, der in sich selbst das Zentrum des eigenen Universums findet. Eine Rebellion gegen die Autonomie, in welcher jeder sich selbst das letztgültige Gesetz ist.

Tatsächlich ist es aber nicht nur das Lied der Ärzte, das sich so um die Autonomie dreht. Es ist überhaupt überall so, dass Menschen, die sich bewusst als Rebellen sehen, immer zuerst von sich selbst ausgehen. Auch Rebellen, die anderen helfen wollen, Rebellen, die für ein menschlicheres „System“ oder für einen besseren Umgang mit der Natur rebellieren und sich dafür gegebenenfalls sogar auf die Straßen oder in die Ausstellräume von Autoherstellern kleben, zunächst immer von sich selbst ausgehen. Sie sehen die Welt auf eine bestimmte Art und Weise, haben eine Weltanschauung, mit der sie zuerst ihre eigenen Vorstellungen auf die Welt projizieren.

Wenn es nun also eine wahre Rebellion gibt, dann ist es immer eine, die nicht sich zunächst selbst in den Mittelpunkt stellt, sondern nach Dem fragt, der alles geschaffen hat. Frage immer den Erfinder nach den Funktionen der Erfindung. Und genau hier kommt die Offenbarung ins Spiel. Sie zeigt uns nicht nur die Zukunft. Man kann die Offenbarung nicht verstehen, ohne sie im Lichte der ganzen Bibel zu lesen. Sie ist insofern nicht dazu geeignet, um mit dem Bibellesen zu beginnen.

Das Ende weist auf den Anfang

In der Offenbarung gibt es viele Bilder und ebenso auch viele Anspielungen auf alle übrigen Bücher der Bibel. Man kann nicht Alttestamentler sein und das Neue Testament ausklammern. Ebenso wenig kann man Neutestamentler sein und das Alte Testament weglassen. Beide Testamente bedingen sich gegenseitig, es gibt überall Texte, die sich auf Dinge beziehen, die woanders auch stehen. Und das gilt ganz besonders für das Buch der Offenbarung.

Am Ende der Offenbarung zum Beispiel, da beginnt das letzte Kapitel, Kapitel 22, mit den Versen:

1 Und er zeigte mir einen reinen Strom vom Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, der ausging vom Thron Gottes und des Lammes. 2 In der Mitte zwischen ihrer Straße und dem Strom, von dieser und von jener Seite aus, [war] der Baum des Lebens, der zwölfmal Früchte trägt und jeden Monat seine Frucht gibt, jeweils eine; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker. (Offenbarung 22:1-3)

In diesen drei Versen gibt es eine Vielzahl von Bildern, aber ganz zentral steht eines, das auf den Anfang der Bibel hinweist, der Baum des Lebens:

9 Und Gott der HERR ließ allerlei Bäume aus der Erde hervorsprießen, lieblich anzusehen und gut zur Nahrung, und auch den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1. Mose 2:9)

Im dritten Kapitel geht die Story weiter. Die ersten Menschen aßen vom verbotenen Baum der Erkenntnis:

22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner, indem er erkennt, was Gut und Böse ist; nun aber — dass er nur nicht seine Hand ausstrecke und auch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe! 23 So schickte ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war. 24 Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim lagern und die Flamme des blitzenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen. (1. Mose 3:22-24)

Eine Rebellion des Lebens

Die Offenbarung ruft uns also dazu auf, unser Leben im Lichte der gesamten Geschichte Gottes mit dieser Welt zu betrachten und zu einer Suche, die zur Wiederherstellung der zerbrochenen Beziehung zu Gott führt. Man könnte sagen: Zu einer Rebellion des Lebens. Dieser Baum des Lebens, der nicht nur am Anfang und am Schluss der Bibel einen Platz findet, möchte uns ein Leben schenken, das bereits hier anfängt, aber über den Tod hinausgeht. Autonomie führt zum Tod und Verderben, aber eine Rebellion gegen unseren inneren Wunsch zur Autonomie ist ein Schritt auf dem Weg in dieses Leben mit Gott. Die Sprüche Salomos haben uns dazu auch einiges zu sagen:

13 Wohl dem Menschen, der Weisheit findet, dem Menschen, der Einsicht erlangt! 14 Denn ihr Erwerb ist besser als Gelderwerb, und ihr Gewinn ist mehr wert als feines Gold. 15 Sie ist kostbarer als Perlen, und alle deine Schätze sind ihr nicht zu vergleichen. 16 In ihrer Rechten ist langes Leben, in ihrer Linken Reichtum und Ehre. 17 Ihre Wege sind liebliche Wege und alle ihre Pfade Frieden. 18 Sie ist ein Baum des Lebens denen, die sie ergreifen, und wer sie festhält, ist glücklich zu preisen. (Sprüche 3:13-18)

1 Eine sanfte Antwort wendet den Grimm ab, ein verletzendes Wort aber reizt zum Zorn. 2 Die Zunge der Weisen gibt gute Lehre, aber der Mund der Toren schwatzt viel dummes Zeug. 3 Die Augen des HERRN sind überall, sie erspähen die Bösen und die Guten. 4 Eine heilsame Zunge ist ein Baum des Lebens, ist aber Verkehrtheit an ihr, verwundet sie den Geist. (Sprüche 15:1-4)

Das ist wahre Rebellion. Rebellion gegen die Unflätigkeit der Welt, in der manche Politiker nur mit Schimpfwörtern kommunizieren können. Rebellion gegen die Pandemie des Lästerns. Rebellion gegen die Vergötzung der Autonomie. Rebellion gegen Zwietracht und unnötiges Gezänke. Die Liste könnte ziemlich lang ergänzt werden. Paulus macht am Ende von Epheser 4 eine ganze Liste solcher Rebellionen. Oder in Galater 5, gegen die Werke des Fleisches. Das lohnt sich, mal genauer nachzulesen. Insofern: Hasta la rebelacion siempre! Immer vorwärts zur Offenbarung und zur wahren Rebellion!

Rebelation: Einführung in die Offenbarung

Die Offenbarung ist für viele Menschen ein Buch mit sieben Siegeln. Tatsächlich geht es darin ja auch um sieben Siegel und um noch einige Siebener-Reihen mehr. Sieben Gemeinden, sieben goldene Leuchter, sieben Posaunen, und so weiter. Was ich in den kommenden Wochen machen möchte, ist keine Vers-für-Vers-Auslegung, sondern eine Reihe von persönlichen Beobachtungen, die ich im Laufe der Jahre in der Offenbarung und auch im Umgang vieler Menschen mit der Offenbarung gemacht habe. Ich glaube, es ist an der Zeit, die Offenbarung wieder ganz neu auszugraben und als Grundlage für ein revolutionäres Leben zu nehmen.

Es geht mir dabei weniger um eine bestimmte Lesart der Offenbarung. Ja, ich habe da meine Überzeugung, und ich werde darauf noch eingehen. Aber ich habe auch gelernt, wie wertvoll es ist, von all den übrigen Lesarten zu lernen und die besten Einsichten daraus für sich selbst zu nehmen. Wir dürfen da ruhig eklektisch sein, also über den eigenen Tellerrand hinausschauen und von Menschen lernen, die da zu anderen Ansichten gekommen sind. Wenn es um die Lehre von den „letzten Dingen“ oder Endzeit geht, haben wir es mit wichtigen und wertvollen Sachen zu tun, aber keinesfalls mit Dingen, die heilsrelevant sind.

Die Offenbarung – das erfolgreichste Buch der Bibel

Ich möchte mit einer steilen These starten. Bevor mir jemand widerspricht – bitte erst weiter lesen. Ich nenne die Offenbarung gern das erfolgreichste Buch der Bibel. Damit man den Erfolg von etwas messen kann, braucht es ein paar Parameter. Die Offenbarung hat eine ganz große Kernbotschaft, die eigentlich fast über alle Lesarten hinweg gleich verstanden wird. Mit Ausnahme von ganz wenigen Auslegern, die meinen, dass alle in der Offenbarung beschriebenen Ereignisse schon im Jahr 70 nach unserer Zeitrechnung komplett erfüllt worden waren, als der Tempel in Jerusalem zerstört worden war, stimmen eigentlich alle dieser Kernbotschaft zu, dass es das Anliegen Gottes ist, dass wir in schwierigen Zeiten gestärkt werden durch die Botschaft: „Jesus kommt wieder – sei bereit!“

Wenn wir nun mit dieser Kernbotschaft „Jesus kommt wieder – sei bereit!“ im Hinterkopf die Auslegungsgeschichte der Offenbarung im Laufe der vergangenen 2000 Jahre der Kirchengeschichte anschauen, also schauen, wann die Offenbarung mit dieser Botschaft im Mittelpunkt so verstanden wurde, finde ich erstaunlich, dass wir in jedem Jahrhundert, fast in jeder Generation der Kirchengeschichte Ausleger finden, und zwar die absolute Mehrheit von jenen, die sich mit diesem Buch der Bibel eingehend beschäftigt haben, die sind alle auf dieselbe Kernbotschaft gekommen.

Und noch erstaunlicher finde ich, dass so gut wie alle Ausleger, welche versucht haben die Ereignisse, die in der Offenbarung beschrieben werden, zeitlich einzusortieren, immer zum Schluss kommen: Wir sind die letzte Generation! Wir sind die Letzten vor der Trübsal! Wir sind die Letzten vor dem Tausendjährigen Friedensreich! Wir sind die Generation, in der der Antichrist auftaucht! Wir sind die Generation, die Jesu Wiederkunft erlebt! Man kann da Auslegung um Auslegung und Jahrhundert um Jahrhundert durchgehen, immer ist es dasselbe: Wir sind die letzte Generation!

Nicht kryptisch, sondern universell!

Als ich das verstanden habe, wurde mir klar, wie genial Jesus das Buch der Offenbarung geplant hat. Es gibt viel, worüber man sich streiten kann (und darf – und vielleicht sogar soll). Ob die 1000 Jahre Friedensreich ein Zeitraum von 365250 Tagen ist oder ob dieser Zeitraum ein anderer Begriff für die Zeit der Gemeinde ist. Ob mit dem Zeichen auf der Hand und der Stirn ein implantierter Chip oder etwas ganz anderes gemeint ist. Auf wen die Zahl 666 passt (und ob dieses Wissen überhaupt sinnvoll ist). Und vieles mehr. Das viel Krassere ist doch, dass Christen dieses Buch im vierten und im zwölften und im 21. Jahrhundert, in Indien, im Sudan oder Bolivien lesen können, und überall sehen sie in diesem Buch die eine große Message: Jesus kommt wieder – sei bereit! Zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten lesen sie von den Ereignissen in diesem Buch und staunen: Leute, wir könnten die letzte Generation vor dem nächsten Schritt in der Offenbarung sein. Macht euch bereit!

Je mehr ich diesen Gedanken sacken ließ, desto mehr habe ich zwei Dinge verstanden. Erstens: Die Offenbarung ist nicht kryptisch, sie ist nicht unverständlich, sie ist nicht für Experten mit besonderem Hintergrundwissen, sondern sie ist universell, für alle Zeiten und alle Generationen, alle Kontinente und Länder gültig. Zweitens, und das ist vielleicht noch etwas schwieriger zu verstehen, jede Generation und jedes Land konnte und kann alle die darin beschriebenen Ereignisse so verstehen, dass ein großer Teil gerade dabei ist, zu geschehen. Das muss ich etwas ausführen. Wenn ich mit Menschen über die Offenbarung spreche, kommt oft ein Gedanke zum tragen: Unsere Eltern haben dieses Ereignis so verstanden, unsere Großeltern haben diese Verse in ihrer Zeit in Erfüllung gesehen, aber es ist vieles trotzdem noch nicht eingetroffen. Der Krieg ist noch nicht besiegt, es gibt keinen Frieden, die Raubtiere fressen noch Fleisch. Wenn sich unsere früheren Generationen getäuscht haben, wie können wir dann dieses Buch richtig verstehen?

Was wäre aber, wenn sich die vorigen Generationen gar nicht so arg getäuscht haben, wie wir vielleicht meinen? Was wäre – und das ist irgendwie ein echt revolutionärer Gedanke – wenn es Gott in der Offenbarung eben gerade weniger darum geht, einen genauen Zeitplan für die Endzeit zu geben, sondern vielmehr jeder Generation und jedem Land die Möglichkeit geben will, sich und die jeweilige Zeit als Teil von Gottes Geschichte zu sehen? Ich werde diesem Gedanken in einem späteren Post noch widersprechen und eine gewisse Balance geben müssen, aber fürs Erste möchte ich ihn einfach in den Raum stellen. Was wäre, wenn jede Generation auf ihre Weise die letzte ihrer Art ist? Die letzte Generation, bevor Gott eine neue Stufe der Heilsgeschichte zündet?

Rebelation – bereit für ein revolutionäres Leben?

Ein zentrales Thema der Offenbarung ist Macht. Wir sehen in der Offenbarung Jesus Christus als König. Der König, der Seine Macht durch Schwäche bekommt. Der König, der als Opferlamm zum Löwen wird. Der König, der Mitleid hat mit den Schwachen, der den Trauernden die Tränen abwischt. Der König der Gerechtigkeit, der allen Menschen, welche Seinen Opfertod am Kreuz im Glauben annehmen, weiße Hochzeitskleider anzieht. Und so weiter. In gewisser Weise ist die Offenbarung ein politisches Buch. Sie sagt, dass Gott die absolute Macht hat und jeder menschliche oder dämonische Herrscher, der sein Reichlein bauen will, nur auf Zeit eingesetzt und nach Bedarf abgesetzt wird.

Die Szene, in welche die Offenbarung in der frühen Kirchengeschichte eintritt, könnte kaum spannender sein. Ein großes römisches Reich, das seinen Zenit überschritten hatte. Viele Kulturen, die nur mit Gewalt zusammengehalten werden konnten. Eine kleine jüdische Sekte, die von einem Märtyrer erzählte, der aus Liebe für die Menschen den Weg ans Kreuz gewählt hatte. Eine Sekte, die vor allem durch ihr revolutionäres Leben auffiel. Nicht weil sie laut oder möglichst kontrovers war, aber in einem konsequent: Sie wollten niemanden als Gott verehren außer Gott allein und sie nahmen sich die Freiheit, allen von der Liebe Gottes zu erzählen. Sie weigerten sich, dem Kaiser Opfergaben zu bringen, die ihn als Mitgott verehrten. Dafür waren sie bereit, wie ihr Vorbild bis in den Tod zu gehen. Diese Bereitschaft, diese radikale Hingabe, brachte ihnen viele Bewunderer ein. Und diese Bereitschaft und Hingabe kamen aus einem Verständnis heraus, welches wir in der Offenbarung immer wieder finden. Eines Tages kommt Jesus Christus wieder. Nicht mehr als Opferlamm, sondern als Löwe, als König, als Richter, um zu richten die Toten und die Lebenden.

Und so fragt uns das Buch der Offenbarung auch: Sind wir bereit? Sind wir bereit für die nächste Stufe von Gottes Plan? Sind wir bereit, Jesus radikal nachzufolgen? Nicht mit Macht, nicht mit Lautstärke, nicht mit schönen Worten, sondern mit der Liebe, die den einzelnen Menschen mit Gottes Augen sieht, die Tränen abtrocknet, zuhört, und wenn nötig auch dafür Nachteile in Kauf nimmt?

Buchtipp: Thriller-Serie um Evelyn Holm

Calden, Saskia, Der Puppenwald / Die falsche Patientin, Edition M, beide 2024

Wer wie ich auf Nervenkitzel und spannende Rätsel steht, dem sei hier eine kurze Empfehlung ausgesprochen. Beim Amazon-Imprint „Edition M“ sind zwei Bände von Saskia Calden um die Freiburger Ermittlerin Evelyn Holm erschienen. Ich habe sie gelesen und kann sie nur empfehlen. Kommendes Jahr soll voraussichtlich ein dritter Band veröffentlicht werden. Beide haben sehr interessante Gedankenexperimente als Grundlage.

Der Puppenwald“ spielt am Feldberg, wohin eine 16jährige junge Frau entführt wird, um der Tochter des Entführers als lebende Puppe zu dienen. Der Entführer ist ein Wilderer, dessen Leben mit dem der 16jährigen Jessica verknüpft ist. Und natürlich darf auch die Familie der Ermittlerin darin eine zentrale Rolle spielen. Ungefähr in der Hälfte des Buches war mir ziemlich klar, welchen Job Nikolas Holm, der Mann der Ermittlerin, in dem Ganzen hatte. Dennoch kommt am Ende ein letzter Twist, der mich völlig kalt erwischte.

Die falsche Patientin“ ist sowohl in Freiburg wie auch im südlicher gelegenen Kreis Lörrach platziert. Da ich eine Weile in der Region am südlichen Fuß des Feldbergs und in der Nähe der Schweizer Grenze wohnte, war es umso spannender, sich das im örtlichen Setting vorzustellen. Judith Lennard erwacht in einer geschlossenen Psychiatrie, wo sie unter falschem Namen eingeliefert wurde. Alle versuchen sie zu überzeugen, dass sie die Frau sei, deren Angaben in ihrer Krankenakte angegeben waren. Da sie weiß, dass ihre kleine Tochter sie vermisst, versucht sie alles, um aus der Klinik zu kommen und reitet sich damit nur noch tiefer in den Schlamassel rein. Evelyn Holm sucht mittlerweile verzweifelt nach Judith Lennard, da deren Spuren in einem Mordfall zum Vorschein gekommen waren. Wer steckt dahinter? Wer hält die Fäden in der Hand? Und: Was haben die Ermordete und Judith Lennard dieser Person angetan, um diese späte Rache durchstehen zu müssen?

Was mir an den beiden Bänden von Saskia Calden gut gefällt, ist ihre Art, mit sehr wenig grafischen Szenen von Gewalt trotzdem Nervenkitzel in groß zu veranstalten. Immer wieder führen Nebenschauplätze in die Irre, eine neue Wendung bringt die Gedankengänge zum Einsturz. Hin und wieder hat mich der Schreibstil etwas an Sebastian Fitzek erinnert, einen der Großen des Genres, wobei Calden versucht, die Spannung möglichst pausenlos aufrecht zu erhalten. Bei Fitzek hingegen dienen zuweilen bewusst gewählte Längen geradezu als „misdirection“, also als Ablenkungsmanöver von begonnenen Gedankengängen.

Mein Fazit: Ganz großes Kino. Für Liebhaber der Nervenkitzel-Literatur volle Lese-Empfehlung.

Fühlen und denken mit den Psalmisten

Abschließen möchte ich meine Serie zu den Psalmen mit einem letzten Gedanken. Hier nochmal die Blogserie zu den Psalmen:

Teil 1 zu Psalm 1 und 2

Teil 2 zu den Klagepsalmen

Teil 3 mein persönliches Erleben der Zeit in den Psalmen

Teil 4 zu den Rachepsalmen

Teil 5 zu Psalm 51 und dem krassesten Gebet

Natürlich ist damit vieles noch nicht gesagt. Natürlich kann man jetzt zu jedem Psalm auch noch eine ganze Auslegung machen. Aber das ist nicht meine Absicht. Ich möchte ganz im Gegenteil mehr Raum lassen, damit sich jeder Leser auch selbst noch mehr Gedanken machen kann.

Die Psalmen transportieren ganz viele Gefühle und Gedanken. Es sind die Gefühle der einzelnen Psalmisten zu Gott. Es sind aber auch Gottes Gefühle für uns. Und oft fallen sie in den Psalmen zusammen. Es sind Gottes Gedanken, die ER über uns hat, eingepackt in eine wunderschöne Sprache.

Was mich immer wieder sehr traurig macht, ist, wenn als Argument gebraucht wird, dass die Bibel dort, wo sie besonders schöne, lyrische Sprache verwendet, weniger ernst, weniger wörtlich genommen werden solle. Da muss ich mich dann doch fragen, ob ein Liebeslied, das jemand seiner Frau schreibt, deshalb weniger ernst zu nehmen ist? Ich glaube nein.

Die Psalmisten denken und fühlen ganz stark. Wenn ich da in Psalm 42 lese: Wie ein Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele, o Gott, nach dir! (Ps 42:2), dann gehe ich zunächst einmal nicht davon aus, dass das eine Übertreibung oder ein rhetorisches Stilmittel ist, sondern die Korachiten, die diesen Psalm schrieben, wirklich einen immensen Durst nach Gott hatten. Einen Durst, der sich womöglich sogar physisch bemerkbar machte.

Doch sind die Psalmen nicht nur voll von Gefühlen und Gedanken – sie schreien geradezu danach, ausgesprochen, gesungen, aufgesagt zu werden. Und ich bin überzeugt, dass hier auch einer der Gründe für eine schöne Sprache der Psalmen liegt. Sie wollen so sein, dass man sie sich gut merken kann, um sie immer wieder im Alltag anzuwenden. Die Psalmen wollen, dass wir sie uns selbst immer wieder zusprechen.

Das finden wir auch an manchen Stellen, wie etwa in Psalm 103: Von David. Lobe den HERRN, meine Seele, und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! Der dir alle deine Sünden vergibt und heilt alle deine Gebrechen; der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit; der dein Alter mit Gutem sättigt, dass du wieder jung wirst wie ein Adler. (Ps 103:1-5)

David spricht hier zu sich selbst und hält seiner Seele die Versprechen Gottes vor, immer wieder. Und genau das ist für uns auch so wichtig. Dass wir unserer Seele die Vergebung Gottes zusprechen. Die Heilung Gottes zusprechen. Die Gnade Gottes zusprechen. Wie oft sind wir zu uns selbst gnadenlos – und wundern uns dann, wenn Zweifel aufkommen? Wie oft benehmen wir uns zu unserer Seele so, als wären wir unsere ärgsten Feinde?

Doch dann gehen die Psalmen auch weit über unser eigenes Wohlbefinden hinaus. Sie gehen hinaus ins Weltall, welches in die Psalmen mit einstimmt: Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und die Ausdehnung verkündigt das Werk seiner Hände. Es fließt die Rede Tag für Tag, Nacht für Nacht tut sich die Botschaft kund. Es ist keine Rede und es sind keine Worte, deren Stimme unhörbar wäre. Ihre Reichweite erstreckt sich über die ganze Erde, und ihre Worte bis ans Ende des Erdkreises. Er hat der Sonne am Himmel ein Zelt gemacht. Und sie geht hervor wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, die Bahn zu durchlaufen. (Ps 19:2-6)

Das ganze Weltall mit allem, was darin ist, stimmt in das Lob Gottes und in den Ruf mit ein, der an die ganze Welt ergeht: Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Welt! Singt dem HERRN, preist seinen Namen, verkündigt Tag für Tag sein Heil! Erzählt unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern! Denn groß ist der HERR und hoch zu loben; er ist furchtbar über alle Götter. Denn alle Götter der Völker sind nichtige Götzen; aber der HERR hat die Himmel gemacht. Pracht und Majestät sind vor seinem Angesicht, Stärke und Herrlichkeit in seinem Heiligtum. Bringt dar dem HERRN, ihr Völkerstämme, bringt dar dem HERRN Ehre und Lob! (Ps 96:1-7)

Sei gesegnet!

Das krasseste Gebet der Psalmen

Eins hat mich die fast zweijährige Zeit mit den Psalmen gelehrt: Es gibt sooooo viele unterschiedliche Psalmen. Ich hatte lange das Vorurteil, dass Psalmen immer so ein ähnliches Schema haben, aber in Wirklichkeit sind sie sehr verschieden. Man findet echt für jeden Moment, für jede Gefühlslage, für jede Begebenheit einen Psalm.

Viele Psalmen beginnen einfach mit Gebet oder mit dem Hinweis auf den Autor und die Melodie. Zwischendurch gibt es aber auch welche, die einen Hinweis geben auf den Moment, in welchem sie geschrieben wurden. So etwa jener Psalm, den ich heute etwas näher ansehen möchte. Hier (Link) habe ich die Situation und den Psalm vor einiger Zeit als Gedicht verarbeitet.

Der Schlüssel zu Gottes Herz

In dem Psalm, welchen er in dieser Situation schrieb, machte König David eine Aussage, die das krasseste Gebet der Psalmen, vielleicht sogar der ganzen Bibel sind. Ja, am Kreuz betete der Herr Jesus auch ein sehr krasses Gebet, ER betete für Seine Feinde, die Ihn ans Kreuz nagelten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Ich bin mir unschlüssig, welches der zwei Gebete ich krasser finden soll. In gewisser Weise sind sie sich ähnlich.

Davids Psalm enthält einen Schlüssel, der uns zum Herzen Gottes führt: Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, o Gott, nicht verachten. (Psalm 51:19) Davor und danach hat sich David länger darüber ausgelassen, dass Gott eigentlich nicht so sehr an den Schlachtopfern interessiert ist. Ja, sie gehörten zum regelmäßigen, alltäglichen Gehorsam in der Zeit des Alten Testaments mit dazu. Sie waren ein Weg, mit dem Gott den Menschen zeigen wollte, dass Sünde etwas Schreckliches ist, was nur mit Blut und mit dem Leben eines perfekten Opfertiers, das man aufgezogen hat, für das man gesorgt hat, mit dem man einen persönlichen Preis bezahlt.

Mehr als mechanischer Gehorsam

Aber das Eigentliche, das, wonach sich Gottes Herz sehnt, ist nicht so sehr ein mechanischer Gehorsam. Der mechanische Gehorsam ist ganz klar immer noch besser als gar kein Gehorsam. Und trotzdem:

Der krasseste Moment im Leben eines Christen ist, wenn er zu Gott schreit: Herr, zerbrich mich! Nimm mich, forme mich, mach mein Herz von Herzen gehorsam, nicht mechanisch sondern aus Liebe zu DIR.

Und ich bin überzeugt: Wenn viele Menschen zugleich dieses Gebet neu entdecken, dann ist so vieles möglich. Dieses Gebet bedeutet gerade nicht: Herr, ich will meine Gaben und meine Persönlichkeit aufgeben und nur noch einen kleinen Bruchteil meines früheren Lebens. Im Gegenteil: Es bedeutet, dass Gott deine Kreativität und dein Wissen, deine Fähigkeiten und deine Gefühle nehmen darf und sie in etwas Neues verwandeln.

Es ist ein Leben, von dem Gott verspricht: Oder meint ihr, die Schrift rede umsonst? Ein eifersüchtiges Verlangen hat der Geist, der in uns wohnt; umso reicher aber ist die Gnade, die er gibt. Darum spricht er: »Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade«. […] Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen. (Jakobus 4:5-6.10)

Gestillte Seele aus Gott

Interessant ist, dass König David mit den Jahren gelernt hat, diese innere Unruhe zu stillen und gegen seine Sünde anzukämpfen. So konnte er in einem anderen Psalm schreiben: Ein Wallfahrtslied. Von David. O HERR, mein Herz ist nicht hochmütig, und meine Augen sind nicht stolz; ich gehe nicht mit Dingen um, die mir zu groß und zu wunderbar sind. Nein, ich habe meine Seele beruhigt und gestillt; wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie ein entwöhntes Kind ist meine Seele still in mir. Israel, hoffe auf den HERRN von nun an bis in Ewigkeit! (Psalm 131)

Ich habe meine Seele beruhigt, sagt David. Er hat Demut gelernt und Gott hat ihn erhört und erhöht. David hat gelernt, seiner Seele das Evangelium zu predigen. Vieles von dem, was uns zu schaffen macht, sind Dinge, die wir verdrängen. Ich darf in meinen Zeiten des Coachings (Link) auch vieles verarbeiten, wovon ich nicht dachte, dass es mir noch so sehr zu schaffen macht. Du darfst deiner Seele Gottes Gnade zusprechen und selber auch gnädig mit dir sein. Ein zerschlagenes Herz und ein zerbrochener Geist sind das ideale Material, mit dem Gott arbeiten kann.

Sei gesegnet!

Weg mit den Rachepsalmen?

In den Psalmen wird nicht nur gebetet, geklagt, gedankt. Manchmal geht es so richtig ans Eingemachte. Manchmal sind die Psalmen heftiger und schrecklicher als wir uns auch nur zu denken wagen. Manchmal haben sich Psalmisten ganz besondere Lynchmethoden für ihre Feinde ausgedacht, die eher an „Texas Chainsaw Massacre“ erinnern als an Lobpreissongs.

23 Ihr Tisch vor ihnen soll zur Schlinge werden und zum Fallstrick den Sorglosen! 24 Ihre Augen sollen finster werden, dass sie nicht mehr sehen, und ihre Lenden sollen allezeit wanken. 25 Gieße deinen Grimm über sie aus, und die Glut deines Zorns erfasse sie; 26 ihre Wohnstätte soll verwüstet werden, und in ihren Zelten wohne niemand mehr!

(aus Psalm 69)

oder

7 O Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Maul; HERR, zerschmettere den jungen Löwen das Gebiss! 8 Lass sie zerrinnen wie Wasser, das sich verläuft! Legt er seine Pfeile an, so seien sie wie abgeschnitten! 9 Sie sollen sein wie eine Schnecke, die dahingeht und zerfließt, wie die Fehlgeburt einer Frau, welche nie die Sonne sah!

(aus Psalm 58)

Wer sucht, wird noch eine Reihe mehr davon finden.

Was machen wir damit?

Wer sind unsere Feinde? Es gibt hierauf eine doppelte Antwort. Wenn du keine menschlichen Feinde hast, die dir etwas so Schlimmes antun, dass du dich danach sehnst, so zu beten, dann sei dankbar. Aber versuche nicht, diese Psalmen weg zu erklären oder aus deinem Gedächtnis zu streichen. Wir haben sie nötig.

tl:dr Wenn wir die Rachepsalmen wegerklären oder auslassen, berauben wir die Menschen, die Schlimmes durchmachen, an Worten und Gebeten und zwingen sie dazu, das Leid in sich hineinzufressen. Der Doppelpunkt der Rachepsalmen ist immer: Die Rache gehört Gott. Wir geben sie an Ihn ab, der gerecht richtet.

Wenn ich daran denke, was viele Menschen in ihrem Leben durchgemacht haben, wie viele Frauen schon als junge Mädchen darauf getrimmt wurden, wie „normal“ es angeblich sei, dass Männer und ältere Verwandte mit ihren Körpern tun dürfen was ihnen gefällt, was es für angeblich „normale“ „Spiele“ gibt, die sie daran gewöhnen, andere an ihre intimen Bereiche fassen zu lassen, wenn ich bedenke, wie viele schon früh sexuell missbraucht wurden und werden, oder wenn Menschen zur Prostitution gezwungen werden, dann verstehe ich auch, wo diese Psalmen ihren Platz in unserer Zeit haben.

Die Rachepsalmen sind kein Freibrief für Selbstjustiz. Sie sind Gebete, die Gott darum bitten, gerecht zu sein und ihnen und ihren Widersachern Recht und Gerechtigkeit zu geben. Sie sind legitime Gebete für Menschen in Ausnahmesituationen. Interessant ist, dass Jesus am Kreuz keinen Rachepsalm gebetet hat. Im Gegenteil – ER betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Jesus wusste, dass die Menschen, die Ihm das antaten, von einem Höheren angestiftet wurden.

Der ultimative Feind

Jesus wusste, dass der ultimative Feind nicht der Mensch ist, der etwas Böses tut. Der Mensch ist zwar für seine Taten verantwortlich und wird von Gott dafür zur Rechenschaft gezogen, aber wie Paulus schreibt: Unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte Satans. (vgl Epheser 6:10ff)

Und hier komme ich zur zweiten Antwort. Der ultimative Feind ist nicht der Mensch, sondern der gefallene Engel Luzifer, der als zweithöchstes Wesen den Platz Gottes einnehmen wollte und stattdessen zum Verkläger und Durcheinanderbringer der Menschen wurde, sie zum Ungehorsam und allen Arten von Übeln anstiftet. Deshalb haben die Rachepsalmen auch eine geistliche Ebene.

Am Ende wird dieser Widersacher tatsächlich in einem Akt, der durchaus aus einem der Texas Chainsaw Massacre Teilen stammen könnte, vernichtet – aber in Ewigkeit. Ohne Ende. Die Hölle, der Ort, an welchem Gott alles Gute entzieht und nur noch den Zorn zeigt, wird für den ultimativen Feind und alle seine Helfershelfer bereitet. Wie eine Schnecke, die in der Sonne austrocknet und nach Feuchtigkeit lechzt – doch ohne ein Ende in Sicht. Da ist dann die ultimative Gerechtigkeit für den ultimativen Feind, nach der sich die Psalmisten sehnen.

Vom Segen des Coachings

Liebe Leser, ich möchte euch heute auf eine persönliche Reise mitnehmen. Seit Anfang diesen Jahres bin ich in einem Coaching-Prozess, das heißt, ich werde gecoacht. Und dazu muss ich sagen, dass es unheimlich wertvoll ist für mich.

Wie kam es dazu? In vielen Bereichen meines Lebens habe ich mir vieles selbst angeeignet und auch selbst aneignen müssen. Ich habe sehr viele Interessen, Hobbies, spannende Themen, die ich „irgendwann mal noch machen möchte“. Vor etwa drei Jahren war ich irgendwo vor einem Burnout und habe die Reißleine gezogen, bevor mehr passieren konnte. Letztes Jahr gab es gewisse Gefühle eines Deja-vu, die mir klar machten: Jetzt muss was passieren. Ich muss lernen, meine Grenzen zu erkennen, zu akzeptieren, zu kommunizieren und Strategien für die Zukunft aufzubauen, die mir helfen, langfristig gesund zu bleiben.

Wenn ich so auf die ersten fünf Monate des Prozesses zurückblicke, sehe ich, dass ich in der kurzen Zeit schon viel stärker wachsen durfte als sonst in 2-3 Jahren. Das kommt vor allem auch davon, dass jetzt endlich die richtigen Fragen gestellt werden. Ich bin ja recht gut im Lösungen finden, zu allen möglichen Themen und Fragen. Aber eben – genau auf die richtigen Fragen kommt es an. In vielem ging ich davon aus, dass ich die richtigen Fragen stelle – was sich inzwischen aber oft als ineffizient herausstellt. Ich habe beispielsweise das Coaching mit dem Gedanken gestartet, dass ich noch bessere Strategien und durchgeplantere Abläufe in meinem Alltag brauche, um dann noch mehr in weniger Zeit zu schaffen. Wie gut, dass ich da lernen durfte, dass es auf anderes noch mehr ankommt.

Besonders hilfreich ist, dass das Coaching durch gute Aufgaben ergänzt wird, die über die jeweilige Session hinausgehen. Lesestoff, praktische Übungen zur Umsetzung im Alltag, Fragen zum weiter nachdenken, und so weiter.

Wann ist Coaching wichtig?

Grundsätzlich möchte ich aus meiner bisherigen Erfahrung sagen: Es kann immer und in jedem Lebensabschnitt hilfreich und wertvoll sein. Es würde den meisten Menschen gut tun, hin und wieder eine Art Lebens-TÜV zu machen, um zu sehen, in welchen Bereichen weiteres persönliches Wachstum dran ist. Und da muss ich sagen, dass ich es auch ein Stück weit bereue, das nicht schon vor zehn Jahren gemacht zu haben.

Aber spätestens wenn es immer wieder Konflikte gibt, die sich zuspitzen, statt dass sie die betroffenen Menschen stärken, oder wenn sich jemand ständig kraftlos und vom Leben überfordert fühlt, dann ist es wichtig, sich Hilfe ins Boot zu holen. Und zwar gilt hier: Je früher, desto weniger Aufwand wird nötig sein, um festgefahrene Verhaltensmuster wieder zu lösen.

Etwas ganz Persönliches

Coaching ist etwas ganz Persönliches, deshalb ist Vertrauen eine ganz wichtige Grundlage. Ich habe das Glück, dass ich meine Coachin Judith Müller schon länger kenne und es mir deshalb leicht fällt mit dem Vertrauen. Ich kann sie unbedingt weiter empfehlen. Wichtig ist immer, dass es für beide Seiten stimmt. Deshalb nimm dir genügend Zeit, um heraus zu finden, was du erreichen möchtest und wer da am besten helfen kann.

Eine Schwierigkeit kommt jedoch hinzu, nämlich dass Coach in Deutschland keine geschützte Bezeichnung ist. Jeder kann sich so nennen, und das wird auch häufig ohne entsprechendes Fachwissen und Ausbildung gemacht. Deshalb lohnt es sich, schon vor dem ersten Gespräch nach der Ausbildung, der Vereinigung, mit welcher der Coach zusammen arbeitet wird, den Methoden im Coachingprozess und so weiter zu fragen.

Ich möchte mit einem Zitat aus einer der mir im Coaching empfohlenen Literatur schließen:

Freunde dich mit deinen Bedürfnissen an. Heiße sie willkommen. Sie sind ein Geschenk Gottes, dazu geschaffen, um dich in eine Beziehung mit Sich Selbst und mit Seinen sicheren Menschen [„safe people“] hinein zu ziehen. Deine Bedürfnisse sind die Heilung für die Sünde der Selbstgenügsamkeit.“

(John Townsend, Henry Cloud, Safe people, S. 67, eigene Übersetzung)

Falls noch weitere Fragen bestehen, lasst gerne einen Kommentar da!