Neil Postman im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Ich habe mir dieser Tage den Klassiker von Neil Postman „Wir amüsieren uns zu Tode“ mal wieder vorgenommen. Das Buch ist jetzt 40 Jahre alt. Postman schrieb es 1984, als viele Amerikaner gespannt darauf schauten, ob George Orwells Szenarien im gleichnamigen Roman irgendwie in die Nähe des Eintreffens kämen. Als ich vor etwa 17 oder 18 Jahren auf das Buch von Postman aufmerksam wurde, hat es mich begeistert. Er legt den Fokus darauf, dass wahrscheinlich weniger ein Überwachungs- und Zensurstaat zu befürchten sei, als vielmehr ein Staat, in dem durch den Fortschritt der Technologie nicht mehr gelesen würde. Nun knüpft Postman im Prinzip an die Arbeit von Marshall McLuhan an („Das Medium ist die Botschaft“) und übt Kritik an der Welt der beweglichen Bilder (Fernsehen, Spielfilme), die ich nach wie vor grundsätzlich teile.

In der Einleitung schrieb Postman, dass statt der Überwachung und Zensur, vor der Orwell warnte, eher ein Szenario aus Aldous Huxleys „Brave New World“ zu befürchten sei, in welchem Bücher und Wissen gar nicht verboten werden müssen, sondern vielmehr von der Technologie verdrängt und so irrelevant gemacht würde. Ich habe spaßeshalber bei ChatGPT angefragt, was Postman wohl heute im Zeitalter der KI sagen würde. Hier die Antworten:

Antwort von ChatGPT:

Neil Postman, bekannt für seine kritischen Analysen der Medienkultur und ihrer Auswirkungen auf die Gesellschaft, hätte mit Sicherheit einiges zur Verbreitung und Nutzung von KI zu sagen. Hier sind einige Überlegungen, die auf seinen Theorien basieren könnten:


1. Die Gefahr der Entfremdung durch Technologie

Postman betrachtete Technologie nie als neutral. Er warnte davor, dass Technologien, die nicht hinterfragt oder kritisch reflektiert werden, die Macht haben, die Kultur tiefgreifend zu verändern. In Bezug auf KI könnte er argumentieren, dass sie uns nicht nur von kritischem Denken, sondern auch von menschlicher Kreativität und Entscheidungsfindung entfremdet. Eine übermäßige Abhängigkeit von KI könnte dazu führen, dass wir uns immer weniger selbstständig mit komplexen Problemen auseinandersetzen.


2. Die „Huxleysche“ Flut irrelevanter Informationen

Postman sah in Aldous Huxleys Vision aus Schöne neue Welt eine beängstigende Parallele zur modernen Gesellschaft: Nicht Zensur, sondern die Überflutung mit trivialer Information würde die Menschen betäuben. KI-gestützte Systeme, die personalisierte Inhalte erstellen und verbreiten, könnten diese Flut weiter verstärken. Postman würde wohl fragen, ob wir in einer Welt leben wollen, in der Algorithmen unsere Aufmerksamkeit steuern, anstatt uns echte, sinnvolle Bildung und Diskussionen zu ermöglichen.


3. Die Illusion von Objektivität

Postman hätte wahrscheinlich die Vorstellung hinterfragt, dass KI „neutral“ sei. Er würde darauf hinweisen, dass KI-Systeme von Menschen programmiert werden und daher unausweichlich die Werte, Vorurteile und kulturellen Annahmen ihrer Entwickler widerspiegeln. KI als scheinbar „unfehlbare“ Autorität könnte die kritische Auseinandersetzung mit Wissen weiter untergraben.


4. Die Bedrohung für Sprache und Diskurs

Postman betonte die Bedeutung von Sprache für kritisches Denken und kulturelle Identität. KI-generierte Inhalte, die oft auf Masse und Geschwindigkeit ausgelegt sind, könnten dazu führen, dass die Qualität und Tiefe von Sprache und Diskurs leiden. Postman würde möglicherweise kritisieren, dass KI die Kommunikation standardisiert, anstatt sie zu bereichern.


5. Die Umgestaltung von Bildung

Postman war ein scharfer Kritiker der Technologiezentrierung im Bildungswesen. KI-gestützte Lernplattformen könnten seiner Ansicht nach das Lernen in eine passive Konsumaktivität verwandeln. Er würde betonen, dass wahre Bildung nicht aus der bloßen Informationsvermittlung besteht, sondern aus der aktiven, kritischen Auseinandersetzung mit komplexen Ideen.


6. Hoffnung durch kritische Reflexion

Postman war jedoch kein reiner Technikskeptiker. Er erkannte das Potenzial von Technologien, wenn sie bewusst und reflektiert eingesetzt werden. Er hätte vermutlich gefordert, dass KI nicht unkritisch als Lösung für alle Probleme akzeptiert wird, sondern dass wir uns die Zeit nehmen, ihre kulturellen, sozialen und ethischen Implikationen gründlich zu untersuchen.


Fazit

Neil Postman hätte wahrscheinlich eine kritische Haltung gegenüber der rasanten Verbreitung und dem unreflektierten Einsatz von KI eingenommen. Er hätte uns davor gewarnt, uns von der Bequemlichkeit und Effizienz dieser Technologie blenden zu lassen, und dazu aufgerufen, ihre Auswirkungen auf unser Denken, unsere Sprache und unsere Gesellschaft aktiv zu hinterfragen. Seine Botschaft wäre klar: Technologie sollte der Menschheit dienen, nicht sie beherrschen.“

So weit ChatGPT. Ich kann einigem zustimmen. Allerdings ist mir die KI dabei noch zu wenig selbstkritisch und zu optimistisch. Ich stelle mir noch mehr Fragen:

Meine Anfragen:

– Was wäre, wenn es gar nicht die Postman’sche Wahl zwischen entweder der Vision von Orwell oder jener von Huxley gäbe, sondern sich durch die KI die beiden Visionen vereinen und potenzieren?

– Was wäre, wenn eines Tages (in nicht allzu langer Zeit) durch KI jeden Tag mehr Content produziert würde, als die gesamte Menschheit konsumieren kann?

– Was wäre, wenn man wüsste, dass maximal noch vielleicht 2% des Contents wahr und richtig und korrekt ist? Wer überprüft das? KI? Und wer programmiert sie dazu?

– Was wäre, wenn im Gefolge dieser Veränderung plötzlich alles Wissen, alle Wahrheit, alle Objektivität als „x-extrem“ gebrandmarkt würde, weil ja sowieso keiner mehr Fakten von alternativen Fakten unterscheiden könne? (für x bitte eine beliebige Richtung einsetzen)

– Was wäre, wenn Demokratie plötzlich nicht mehr salonfähig ist, weil wichtige, weltweite Entscheidungen nur noch von Künstlicher Intelligenz und klugen Algorithmen gesteuert werden können?

– Was wäre, wenn sich keiner mehr traut, irgend etwas zu sagen, weil alles politisch geworden ist und jeder Fauxpas Auswirkungen auf das gesamte Leben haben kann?

Kann es sein, dass wir auf dem Weg in eine neue babylonische Sprachverwirrung sind? Eine, die nicht nur Sprache betrifft? Kann es sein, dass wir auf diesem Weg in die Sprachverwirrung schon weiter vorangeschritten sind als wir uns bewusst sind?

Ich werde manchen dieser Fragen weiter nachgehen. Wer eine Antwort hat, darf sie gern hinterlassen.

Nachdenkliche Adventsgrüße

Buchtipp: Thriller-Serie um Evelyn Holm

Calden, Saskia, Der Puppenwald / Die falsche Patientin, Edition M, beide 2024

Wer wie ich auf Nervenkitzel und spannende Rätsel steht, dem sei hier eine kurze Empfehlung ausgesprochen. Beim Amazon-Imprint „Edition M“ sind zwei Bände von Saskia Calden um die Freiburger Ermittlerin Evelyn Holm erschienen. Ich habe sie gelesen und kann sie nur empfehlen. Kommendes Jahr soll voraussichtlich ein dritter Band veröffentlicht werden. Beide haben sehr interessante Gedankenexperimente als Grundlage.

Der Puppenwald“ spielt am Feldberg, wohin eine 16jährige junge Frau entführt wird, um der Tochter des Entführers als lebende Puppe zu dienen. Der Entführer ist ein Wilderer, dessen Leben mit dem der 16jährigen Jessica verknüpft ist. Und natürlich darf auch die Familie der Ermittlerin darin eine zentrale Rolle spielen. Ungefähr in der Hälfte des Buches war mir ziemlich klar, welchen Job Nikolas Holm, der Mann der Ermittlerin, in dem Ganzen hatte. Dennoch kommt am Ende ein letzter Twist, der mich völlig kalt erwischte.

Die falsche Patientin“ ist sowohl in Freiburg wie auch im südlicher gelegenen Kreis Lörrach platziert. Da ich eine Weile in der Region am südlichen Fuß des Feldbergs und in der Nähe der Schweizer Grenze wohnte, war es umso spannender, sich das im örtlichen Setting vorzustellen. Judith Lennard erwacht in einer geschlossenen Psychiatrie, wo sie unter falschem Namen eingeliefert wurde. Alle versuchen sie zu überzeugen, dass sie die Frau sei, deren Angaben in ihrer Krankenakte angegeben waren. Da sie weiß, dass ihre kleine Tochter sie vermisst, versucht sie alles, um aus der Klinik zu kommen und reitet sich damit nur noch tiefer in den Schlamassel rein. Evelyn Holm sucht mittlerweile verzweifelt nach Judith Lennard, da deren Spuren in einem Mordfall zum Vorschein gekommen waren. Wer steckt dahinter? Wer hält die Fäden in der Hand? Und: Was haben die Ermordete und Judith Lennard dieser Person angetan, um diese späte Rache durchstehen zu müssen?

Was mir an den beiden Bänden von Saskia Calden gut gefällt, ist ihre Art, mit sehr wenig grafischen Szenen von Gewalt trotzdem Nervenkitzel in groß zu veranstalten. Immer wieder führen Nebenschauplätze in die Irre, eine neue Wendung bringt die Gedankengänge zum Einsturz. Hin und wieder hat mich der Schreibstil etwas an Sebastian Fitzek erinnert, einen der Großen des Genres, wobei Calden versucht, die Spannung möglichst pausenlos aufrecht zu erhalten. Bei Fitzek hingegen dienen zuweilen bewusst gewählte Längen geradezu als „misdirection“, also als Ablenkungsmanöver von begonnenen Gedankengängen.

Mein Fazit: Ganz großes Kino. Für Liebhaber der Nervenkitzel-Literatur volle Lese-Empfehlung.

Vom Segen des Coachings

Liebe Leser, ich möchte euch heute auf eine persönliche Reise mitnehmen. Seit Anfang diesen Jahres bin ich in einem Coaching-Prozess, das heißt, ich werde gecoacht. Und dazu muss ich sagen, dass es unheimlich wertvoll ist für mich.

Wie kam es dazu? In vielen Bereichen meines Lebens habe ich mir vieles selbst angeeignet und auch selbst aneignen müssen. Ich habe sehr viele Interessen, Hobbies, spannende Themen, die ich „irgendwann mal noch machen möchte“. Vor etwa drei Jahren war ich irgendwo vor einem Burnout und habe die Reißleine gezogen, bevor mehr passieren konnte. Letztes Jahr gab es gewisse Gefühle eines Deja-vu, die mir klar machten: Jetzt muss was passieren. Ich muss lernen, meine Grenzen zu erkennen, zu akzeptieren, zu kommunizieren und Strategien für die Zukunft aufzubauen, die mir helfen, langfristig gesund zu bleiben.

Wenn ich so auf die ersten fünf Monate des Prozesses zurückblicke, sehe ich, dass ich in der kurzen Zeit schon viel stärker wachsen durfte als sonst in 2-3 Jahren. Das kommt vor allem auch davon, dass jetzt endlich die richtigen Fragen gestellt werden. Ich bin ja recht gut im Lösungen finden, zu allen möglichen Themen und Fragen. Aber eben – genau auf die richtigen Fragen kommt es an. In vielem ging ich davon aus, dass ich die richtigen Fragen stelle – was sich inzwischen aber oft als ineffizient herausstellt. Ich habe beispielsweise das Coaching mit dem Gedanken gestartet, dass ich noch bessere Strategien und durchgeplantere Abläufe in meinem Alltag brauche, um dann noch mehr in weniger Zeit zu schaffen. Wie gut, dass ich da lernen durfte, dass es auf anderes noch mehr ankommt.

Besonders hilfreich ist, dass das Coaching durch gute Aufgaben ergänzt wird, die über die jeweilige Session hinausgehen. Lesestoff, praktische Übungen zur Umsetzung im Alltag, Fragen zum weiter nachdenken, und so weiter.

Wann ist Coaching wichtig?

Grundsätzlich möchte ich aus meiner bisherigen Erfahrung sagen: Es kann immer und in jedem Lebensabschnitt hilfreich und wertvoll sein. Es würde den meisten Menschen gut tun, hin und wieder eine Art Lebens-TÜV zu machen, um zu sehen, in welchen Bereichen weiteres persönliches Wachstum dran ist. Und da muss ich sagen, dass ich es auch ein Stück weit bereue, das nicht schon vor zehn Jahren gemacht zu haben.

Aber spätestens wenn es immer wieder Konflikte gibt, die sich zuspitzen, statt dass sie die betroffenen Menschen stärken, oder wenn sich jemand ständig kraftlos und vom Leben überfordert fühlt, dann ist es wichtig, sich Hilfe ins Boot zu holen. Und zwar gilt hier: Je früher, desto weniger Aufwand wird nötig sein, um festgefahrene Verhaltensmuster wieder zu lösen.

Etwas ganz Persönliches

Coaching ist etwas ganz Persönliches, deshalb ist Vertrauen eine ganz wichtige Grundlage. Ich habe das Glück, dass ich meine Coachin Judith Müller schon länger kenne und es mir deshalb leicht fällt mit dem Vertrauen. Ich kann sie unbedingt weiter empfehlen. Wichtig ist immer, dass es für beide Seiten stimmt. Deshalb nimm dir genügend Zeit, um heraus zu finden, was du erreichen möchtest und wer da am besten helfen kann.

Eine Schwierigkeit kommt jedoch hinzu, nämlich dass Coach in Deutschland keine geschützte Bezeichnung ist. Jeder kann sich so nennen, und das wird auch häufig ohne entsprechendes Fachwissen und Ausbildung gemacht. Deshalb lohnt es sich, schon vor dem ersten Gespräch nach der Ausbildung, der Vereinigung, mit welcher der Coach zusammen arbeitet wird, den Methoden im Coachingprozess und so weiter zu fragen.

Ich möchte mit einem Zitat aus einer der mir im Coaching empfohlenen Literatur schließen:

Freunde dich mit deinen Bedürfnissen an. Heiße sie willkommen. Sie sind ein Geschenk Gottes, dazu geschaffen, um dich in eine Beziehung mit Sich Selbst und mit Seinen sicheren Menschen [„safe people“] hinein zu ziehen. Deine Bedürfnisse sind die Heilung für die Sünde der Selbstgenügsamkeit.“

(John Townsend, Henry Cloud, Safe people, S. 67, eigene Übersetzung)

Falls noch weitere Fragen bestehen, lasst gerne einen Kommentar da!

Gastbeitrag zum 40. Todestag von Francis Schaeffer

Uwe Brinkmann hat auf seinem Blog (Link) seinen Gastbeitrag zu Francis Schaeffer veröffentlicht.

Kurzer Auszug:

Dass jemand, der die Bibel ernst nahm [1] und das Thema Weltmission [2] und Gemeinde [3] als Herzensanliegen verteidigte, sich gleichzeitig mit philosophischen Fragen beschäftigte [4] und sich „sogar“ mit Fragen der Kunst [5] und des Umweltschutzes auseinandersetzte [6] … –, das war für mich geradezu unerhört. Francis Schaeffer wurde in meinen frühen 20-ern zu einer wahnsinnig starken Ermutigung, die ganze geschöpfliche Wirklichkeit als die eine Welt Gottes zu verstehen und mein Leben nicht in einen religiösen und weltlichen Teil aufzuspalten.“

Herzliche Einladung, den Rest seines Beitrags im Original zu lesen:

https://www.brink4u.com/2024/05/14/zum-40-todestag-von-francis-a-schaeffer-1912-1984-eine-persoenliche-reflexion/

Total Truth auf deutsch erhältlich!

Pearcey, Nancy, Die ganze Wahrheit, Betanien Verlag 2024, Verlagslink, Amazon-Link

Endlich ist das Buch, von welchem ich schon hier (Link) und hier (Link) geschrieben habe, auf deutsch erhältlich. Lange wurde daran gearbeitet. Ich bin gespannt, wie die Übersetzung der Sprache und auch der Kultur gelungen ist. Beides geht dabei natürlich Hand in Hand.

Jedenfalls freue ich mich sehr, dass das nun endlich fertig gestellt ist. Nun sollte es mit Greg Koukls „Tactics“ ebenso vorangehen. Dann wäre nämlich endlich einmal das wichtigste Handwerkszeug für christliche Apologeten im deutschen Sprachraum erhältlich.

Psalmen-Overkill: Warum ich eine Pause brauchte

In den vergangenen zwei Jahren habe ich die Psalmen nach der Gray-Methode (Link) gelesen. Zuerst habe ich mich schon gefragt: Schaffe ich das? Die Psalmen 20 Mal zu lesen? Nachdem mir auf Facebook etwas Mut zugesprochen wurde, habe ich das Projekt begonnen.

Ich muss dazu anmerken, dass ich zwar so meine einzelnen Lieblingspsalmen habe, aber darüber hinaus noch nie so ein enthusiastischer Psalmen-Fanboy war. Ich kenne viele Menschen, die daraus viel Kraft schöpfen können. Das habe ich mir zwar auch irgendwie gewünscht, aber bin noch nicht da angelangt.

Zum Projekt selbst: Ich war erstaunt, wie leicht mir die ersten etwa zwölf bis 14 Male gefallen sind. Erstaunlich viel Neues durfte ich über die Psalmen lernen. Mir wurde bewusst, wie sehr das Buch der Psalmen ganz genau überlegt komponiert und zusammen gestellt wurde. Die vielen verschiedenen Arten von Psalmen haben mich fasziniert. Zu all dem werde ich nach und nach auch noch schreiben. Stay tuned!

Doch dann kam der Overkill

Heute möchte ich mich auf eins beschränken: Nämlich darauf, wie es mir nach diesen ersten, erstaunlich leichten Malen ergangen ist. Plötzlich kam nämlich der Umschwung. Ich merkte, dass mich die Gefühle der Psalmisten emotional mitrissen – und da wurde es zu viel. Fast konnte ich ein wenig nachvollziehen, wie es dem großen Fjodor Dostojewski ergangen sein musste, als er das Buch Hiob las:

„Ich lese das Buch Hiob, und es rührt mich zu schmerzlicher Ekstase. Ich lege das Buch beiseite und gehe stundenlang im Zimmer auf und ab, und es fehlt nicht viel, dass ich anfange zu weinen.“

Diese Zeilen schrieb Dostojewski gegen Ende seines Lebens in einem Brief an seine Frau. So ähnlich rührten mich manche Psalmen auch; besonders wenn es innerhalb weniger aufeinanderfolgender Psalmen viele starke emotionale Veränderungen gab. Von Angst zu Lobpreis, von Trauer zu Dank, von Wut zu Freude. Und so weiter. Das wurde mir zu viel. Was also sollte ich tun?

Bibel lesen – ja! Aber keine Sturheit ums Verrecken

Beim 17. Durchlauf habe ich mich dann entschieden: Es reicht! Ich brauche etwas Anderes. Etwas weniger Emotionales. Das Markus-Evangelium. Markus ist wohltuend straightforward. Ohne große Schnörkel. Einfach gehalten, einfach verständlich. Das war es, was ich jetzt brauche.

Und wie weiter? Ich weiß es noch nicht. Irgendwann werde ich wohl zu den Psalmen zurück kehren. Und dann zu den Sprüchen. Und dann kommen ja irgendwann auch noch die großen Prophetenbücher. Aber ich kann heute noch nicht genau sagen, ob ich wieder zur Methode von James Gray zurückkehren werde oder ein eigenes Zwischending mache.

Darum geht es ja auch: Bibel lesen ist wichtig. Es ist wertvoll. Es soll mich verändern. Jeden Tag merke ich, wie viel ich davon brauche. Von dieser Veränderung. Aber es geht nicht darum, dass man stur und ums Verrecken an genau der einen Methode festhält, die man sich in den Kopf gesetzt hat. Manchmal muss man sich auch selbst vor etwas Gutem schützen, das einem zu viel wird.

Die Bibel anders lesen?

Es gibt viele Arten, die Bibel zu lesen, und die meisten davon sind gut. Jede, die dafür sorgt, dass ich nichts auslasse, nichts umschiffe, nichts überlese, ist gut genug. Ich habe inzwischen Menschen getroffen, die die ganze Bibel in einem Monat durchgelesen haben. 30 Tage von 1. Mose bis Offenbarung. Das verdient meinen höchsten Respekt. Ich weiß nicht, ob ich mich das trauen würde. Vielleicht irgendwann.

Wovon ich abraten würde, sind Methoden, die nur einzelne Verse aus dem Zusammenhang gerissen betrachten. Zweifellos haben die Herrnhuter Losungen schon manch gutes bewirkt. Dennoch sind sie zu wenig. So manch ein Vers wird gar nicht erst ins Sortiment aufgenommen, aus welchen die täglichen Losungen gezogen werden. Auch wenn diese Verse ebenso vom Heiligen Geist inspiriert sind.

Eines kann ich aber jedem zum Schluss noch empfehlen: Wechsle immer mal wieder die Übersetzung. Alle paar Jahre. Das hilft, dass wir Dinge neu entdecken, die in anderen Übersetzungen schon so vertraut klingen, dass es überlesen wird.

Und wie liest Du dieses Jahr in der Bibel? Was sind Deine Tipps und Tricks?

Der Schwarm – eine yrre Story und ihre Verfilmung

Vorsicht Spoiler!

Als Teil der Vorbereitung für ein aktuelles Schreibprojekt habe ich im letzten Jahr Frank Schätzings Ökothriller „Der Schwarm“ (Link) gelesen und dazu die achtteilige TV-Serie (Link) angeschaut. Und zum ersten Mal in meinem Leben gab es eine Verfilmung, die mir besser gefiel als das Buch.

Wer mich kennt, weiß, dass ich lange Bücher mag. Und mit etwas über 1000 Seiten ist Schätzings Werk durchaus in dem Bereich, der für mich langsam interessant zu werden beginnt. Es war mein erstes Buch, das ich von ihm las, somit war sein Schreibstil komplett neu für mich. Außerdem war „Der Schwarm“ seit Längerem auf meiner Liste der noch zu lesenden Bücher. Da lag es nahe, mir diese „yrre“ Story und ihre Verfilmung reinzuziehen.

Nicht nur eine Story

Gleich ab den ersten Seiten beginnt eine rasante Jagd um die Zukunft und das Überleben der Menschheit. Die Natur schlägt zurück. Naturkatastrophen aus dem Meer, erst fast wie zufällig, dann sieht es immer geplanter aus, um den größtmöglichen Schaden anzurichten. Mit der Zeit finden sich Beobachter und Forscher dieser Naturphänomene zusammen, um sich auszutauschen und dem auf den Grund zu gehen. Immer mehr wird deutlich, dass es sich um einen Schwarm einzelliger Lebewesen – den YRR, wie die Forscher sie nennen – handelt, welche im Verband eine ungeheure Intelligenz und ein Jahrtausende altes Gedächtnis besitzen. Die Forscher werden sich einig, dass das Ziel sein sollte, mit diesen Wesen Kontakt aufzunehmen und zu zeigen, dass der Mensch auch intelligent ist und fähig, sich zu bessern, um so das Klima und die Meere, den Lebensraum der YRR, zu schützen.

So weit ist es wirklich eine rasante, fesselnde Story. Jetzt müsste sie noch linear zu Ende gehen können. Doch hier kommt plötzlich ein Element rein, das die Geschichte künstlich aufbläst, gerade so, als hätte sich der Autor vorgenommen, nicht vor Seite 1000 aufhören zu wollen. Mit Judith Li taucht eine Figur auf, die im Prinzip eine neue Geschichte beginnt. Es ist nicht mehr der Kampf gegen die YRR, der im Mittelpunkt steht, sondern mehr noch der Kampf gegen die Navy, gegen die nationalen Sicherheitsbehörden, gegen die Geheimdienste der Vereinigten Staaten. Dieses künstliche Element, diese völlig neue Story hat mich gestört. Es passte nicht in den Verlauf der bisherigen Handlung. Außerdem war mir vom ersten Moment der Erscheinung Judith Lis sofort klar, wer hier parodiert werden sollte. Auch wenn ich mir in dem Moment des Lesens nicht einmal aktiv bewusst war, dass das Buch vor 20 Jahren veröffentlicht wurde, erschien vor meinem inneren Auge sofort die damalige Leiterin der nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, die in der zweiten Amtszeit G.W. Bushs als Außenministerin besonders bekannt wurde.

Eine biologische oder eine politische Story?

Damit wurde aus der Geschichte um den im Meer lebenden intelligenten Einzellerschwarm plötzlich eine politische Geschichte voller Betrug, Hinterlist und am Ende auch vielfachen Mord. Nun ist es ja so, dass ein Autor auf jeden Fall so eine Art Vergleich anstellen darf, in welchem es darum geht, ob die Menschheit durch die sich rächende Natur oder durch den menschlichen Charakter als „des Menschen Wolf“ schneller ausgerottet wird. Keine Frage, das darf auch Frank Schätzing machen. Doch dann hätte er genügend Gelegenheiten gehabt, das politische Element früher und natürlicher in den Verlauf der Geschichte einzuführen. Es scheint mir vielmehr die Schwierigkeit gewesen zu sein, das Buch linear abzuschließen. Womöglich gab es in der Vielzahl an naturwissenschaftlichen Recherchen zum Buch (es kam ja später noch ein gut 600 Seiten starker Band mit jenen heraus) noch manches, was er unbedingt mit einbauen wollte. Nun, sei‘s drum. Mich persönlich hat diese künstliche Wendung gestört.

Geradezu wohltuend rund empfand ich dagegen die Verfilmung. Hier ist die ganze Zeit klar, dass die intelligente Naturgewalt das eigentliche Problem ist. Es bleibt ein biologisches Spektakel, untermalt mit einzelnen Streitigkeiten und Intrigen. Unnötig fand ich dagegen die Veränderung von so vielen Charakteren. Manche werden komplett neu erfunden, andere haben eine filmische Geschlechtsumwandlung durchgemacht. Im Grunde genommen ist es damit nicht mehr der Schwarm von Schätzing, sondern eine neue Story geworden.

Nur noch kurz die Welt retten…

Der wohl größte Unterschied ist der Schluss der Geschichte. Im Buch sind am Ende fast alle tot, die meisten der Hauptfiguren durch andere Menschen brutal ermordet. Es gibt ein vorsichtiges Zusammenleben der YRR im Wasser und der noch lebenden Menschen, welche nun beweisen müssen, dass sie den Lebensraum der Einzeller in Ruhe lassen und die Natur überhaupt schützen. Im Buch wird der Botenstoff der YRR am Ende in die Leiche des Helfers von Li, Mick Rubin, injiziert und aus dem U-Boot Deepflight entfernt, woraufhin die YRR das erkennen und sich zurückziehen.

Viel dramatischer und auch im Grunde genommen authentischer ist da das Ende in der Verfilmung. Charlie Wagner schwimmt auch mit dem Deepflight auf den Meeresgrund, die Leiche Rubins neben sich, doch da trifft sie eine Entscheidung: Sie injiziert sich das Pheromon selbst und verlässt das U-Boot. Sie ist bereit, sich selbst zu opfern, da sie nicht sicher ist, ob das mit einem doch schon seit längerem gestorbenen Leib so möglich ist. An diesem Punkt kommt etwas Tiefes der Menschheit zum Tragen. Das ist ganz großes, emotionales Kino. Denn ganz tief in uns drin weiß jeder Mensch die Wahrheit, die Jesus Christus so unvergleichlich klar aussprach:

Größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben lässt für seine Freunde. (Johannes 15:3)

(Auch wenn der stellvertretende Opfertod Jesu Christi niemals vergleichbar ist mit irgend einem Roman oder Film, gibt es dennoch zahlreiche ganz große Werke der Literatur, die genau auf dieser Bereitschaft aufbauen, für andere ihr Leben einzusetzen. Mehr dazu folgt, wenn ich mit meinem Schreibprojekt vorankomme.)

Buchtipp: Range von David Epstein

Epstein, David, Range – How Generalists Triumph in a Specialized World, Macmillan Verlag, 2019, Amazon-Link

In einer kürzlichen Coaching-Session wurde ich auf das Buch des amerikanischen Journalisten David Epstein aufmerksam gemacht. Es ist gerade für Menschen wie mich, die von sehr vielen Interessen, Ideen und Projekten angezogen sind, sehr interessant und aufschlussreich.

Zu Beginn vergleicht Epstein zwei verschiedene Arten, wie Menschen aufwachsen und lernen können. Er zieht dafür die Biographien zweier Sportler heran, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Tiger Woods und Roger Federer. Während der Golfer Woods von jüngsten Jahren an von seinen Eltern zum Golfen gedrängt wurde, war Roger Federer als Kind nebst Tennis auch beim Fußball aktiv und erfolgreich. Erst als Teenager entschied er sich ganz für den einen Sport, in welchem er es bis an die Weltspitze brachte.

Das ganze Buch hindurch ziehen sich Geschichten, Biographien, Studien. Und da muss ich sagen: Es ist mir etwas zu amerikanisch. Der Versuch, durch eine Vielzahl von Stories eine breitere Leserschaft zu finden, ist typisch für viele amerikanische Autoren. Ich denke da immer: „weniger ist mehr“, denn der rote Faden geht in all den Geschichten immer wieder verloren.

Sehr spannend fand ich, dass die Arbeit von Daniel Kahneman, mit welcher ich mich vor ein paar Jahren bereits beschäftigte, mehrfach aufgegriffen wurde. Kahneman befasst sich viel mit den Ungewissheiten, die eine Entscheidungsfindung in offenen Systemen erschweren. Spezialisten sind gut bei Aufgaben, die ein relativ geschlossenes System voraussetzen. Etwa Schach hat ein geschlossenes System von Regeln, die immer gleich sind. Ein Schachcomputer kann Millionen von Schritten berechnen und aufgrund von bisherigen Schachspielen mit einigermaßen großem Erfolg vorausberechnen, was ein menschlicher Gegner wahrscheinlich als Nächstes tun wird. Schachspezialisten können das auf eine ähnliche Weise, doch nicht indem sie vorausberechnen, sondern indem sie das Schachbrett im Kopf in eine Reihe von kleineren Einheiten unterteilen und durch ihre Erfahrung intuitiv ähnlich genau vorhersagen, wohin das Spiel in den nächsten Zügen führt.

Die meisten Aufgaben in unserer Realität sind jedoch offene Systeme, sie haben keine geschlossene Anzahl von Regeln, sondern sind komplexer. Und hier brilliert Epstein in seinem Buch. Er zeigt, dass es gerade für diese Aufgaben immer mehr Generalisten braucht, die sich in ihrem Leben nicht nur auf eine Sache spezialisiert haben, sondern immer wieder Umwege gegangen sind, manchmal auch gehen mussten. Alle neu erlernten Fähigkeiten machen sie besser vorbereitet auf Aufgaben, die komplexer sind.

Spezialisten werden immer wichtig bleiben. Sie sind es, welche Lösungen umsetzen. Sie sind es, welche Geräte herstellen und optimieren. Aber in einer Zeit, in welcher man sich immer mehr mit Problemen in der Realität offener Systeme befassen muss, werden Spezialisten weniger häufig gebraucht. Ich möchte an der Stelle noch etwas zum Buch hinzufügen. Die letzten Jahre haben mir zwei Dinge gezeigt, die sich gerade verändern, die uns noch schneller von der großen Menge an Spezialisten wegführen. Epstein schrieb das Buch 2019, also vor etwa vier bis fünf Jahren. In den vergangenen zwei Jahren hat sich gezeigt, dass Maschinen inzwischen viel Arbeit von Spezialisten übernehmen können. Die weitere Entwicklung von GPT und ähnlichen Programmen sowie in der Welt der Robotik wird sich noch sehr viel tun, was unsere Welt, Berufe, unser Selbstverständnis als Menschen verändern wird. Viele Arbeiten von Spezialisten können nach und nach automatisiert werden und bedürfen lediglich noch menschlicher Begleitung und Überwachung.

Das Zweite, was sich gezeigt hat, ist aber auch, dass wir in einer Welt der Small Data leben. Künstliche Intelligenz, aber auch die Spezialisierung von Spezialisten ist jedoch stark auf Big Data angelegt. Big Data heißt, es gibt sehr viele ähnliche Fälle, die man vergleichen, zusammenrechnen und immer wieder den Durchschnitt findet, während jeder neue Durchschnitt näher an die Wirklichkeit führt. Wir haben uns allzu lange in einem Big-Data-Universum gefühlt.

Doch sei es in der Medizin, bei der Anamnese von Krankheiten oder auf der Straße, wo der Traum vom autonomen Fahren immer weiter davonfliegt: Die Realität ist Small Data, jeder Fall muss einzeln geprüft, abgewägt, reagiert werden. Der Mensch – und speziell noch der Generalist im Besonderen – ist ein Small-Data-Wesen, das für eine Small-Data-Wirklichkeit geschaffen wurde.

Noch einmal zurück zum Buch. Ich möchte mit einem von vielen Beispielen, die man im Buch nachlesen kann, schließen. Der Autor beschreibt eine Studie, die gemacht wurde, in welcher Comic-Autoren verglichen wurden. Interessant dabei ist, dass Autoren umso erfolgreicher darin sind, Comic-Charaktere zu entwerfen, in je mehr verschiedenen Genres sie sich schon probiert haben. Spezialisten für eine ganz bestimmte Art von Comics sind am wenigsten wahrscheinlich erfolgreich.

Ich kann das Buch sehr empfehlen und gebe ihm 4,5 von 5 Sternen.

Zeit des Umbruchs – eine Rückschau

Als vor rund vier Jahren das Buch von Markus Till „Zeit des Umbruchs“ herauskam, freute ich mich sehr, denn es war schließlich das Ergebnis langer Diskussionen, Blogartikel, Gespräche und vielem mehr. Eigentlich wollte ich sofort etwas dazu schreiben. Doch wir waren mitten im Hausbau; und so hatte ich viele Pflichten im Alltag und nicht den Kopf frei, um mir dazu etwas Schlaues einfallen zu lassen. Als wir kürzlich im Urlaub in Südfrankreich waren, habe ich es mir zum inzwischen fünften Mal durchgelesen. Heute möchte ich innehalten und diese vier Jahre Revue passieren lassen, immer mit dem – übrigens nach wie vor sehr guten, soliden und liebevoll geschriebenen – Buch von Markus Till im Hinterkopf.

Markus Till berichtet in seinem Buch davon, wie er Postevangelikalien kennengelernt hat, wie er durch zwei Blogposts über Worthaus und HossaTalk plötzlich viel bekannter wurde. Wie HossaTalk ihn eingeladen hatte und unter dem Titel „Im Angesicht meiner Feinde“ mit den zwei Hossas diskutierte. Er stellt fest, dass Diskussionen zwischen den Lagern sehr oft von Missverständnissen, Verletzungen, ähnlich klingende aber unterschiedlich gefüllte Worte und so weiter geprägt sind, die ein echtes Reden schwierig machen. Dann stellt Markus vier Knackpunktthemen vor, welche so unterschiedlich bewertet werden, nämlich die Möglichkeit echter Wunder, die leibliche Auferstehung Jesu, die Irrtumslosigkeit der Schrift und die Sexualethik. Der Rest des Buches (ungefähr das letzte Drittel) enthält Plädoyers für eine echte Streitkultur, Ausgewogenheit zwischen Enge und Weite in den Fragen und zum Schluss, was man tun kann, damit Kirche gestärkt aus dem Ganzen herauskommen kann.

Es ist – wie gesagt – ein sehr empfehlenswertes Buch. Und zugleich muss ich anfügen: Es war eine Momentaufnahme der Zeit, in welcher es geschrieben wurde. 2017, 2018, 2019 um den Dreh war so die große Zeit von HossaTalk. Seither gibt es sie immer noch, mit einem Wechsel, aber das Pulver scheint verschossen, die großen Häretiker sind alle abgehakt, die „bösen“ Themen zigmal besprochen, der Lärm wird leiser. Vermutlich auch der Tatendrang. Die Töne werden leiser, auch mal etwas versöhnlicher. Inzwischen ist man im Mainstream angelangt. Dafür kommen neue Formate auf, etwa SchönerGlauben von Jason Liesendahl (der aber schon lange online aktiv ist). Und natürlich der ganze vom Schweizer Staatskirchengeld finanziell sehr gut gepolsterte Podcast-Wahnsinn von Reflab, wohin übrigens immer mehr nachchristliche Theologen abwandern, um für immer in ihrer Bubble zu verschwinden.

Mit den Podcasts ist das so eine Sache. Ein Buch ist irgendwann mal zu Ende geschrieben und kann veröffentlicht werden. Ein Podcast ist eine never ending story. Zumal dann, wenn man etwas Bekanntheit erlangt hat. Auch wenn man seine Ziele erreicht hat, alles gesagt und getan hat, was man wollte, kann man nicht gut sagen: Tschö, ich habs erreicht, lebt wohl. Das haben Podcasts mit dem Feminismus und den Gewerkschaften gemeinsam. Deren Ziele wurden erreicht, aber man muss ja ums Verrecken weiter machen, höhere Ziele stecken, weitere Bewegungen mit reinnehmen, um zu beweisen, dass man es noch drauf hat. Irgendwie ist es wie mit dem Reichtum. Zu viel davon gibt es nicht, und noch mehr geht immer.

Doch eins ist nach wie vor ungeklärt – geradezu ein offenes Rätsel. So richtig weiß keiner, was denn nun Postevangelikale glauben – und am wenigsten jene selbst. In den zahlreichen Gesprächen, Diskussionen, Podcastfolgen, geht es immer nur um das, was sie nicht mehr glauben. Und um den Unwillen, sich auf irgend etwas festzulegen. Wer ist Gott? Wie ist Gott? Wer ist oder war Jesus? Immer bekommt man nur entweder negative Antworten (Gott ist nicht…) oder vage, nichtssagende Sätze und Phrasen (Gott ist Liebe – ja, aber was bitte ist Liebe? Hmm, gute Frage. Themenwechsel)

Eins ist mir immer bewusster geworden in den vergangenen Jahren, was im Buch von Markus fehlt. Das vermutlich größte Manko. Also meiner Meinung nach. Auf S. 187 stellt Markus die richtige Frage: „Bei welchen Themen müssen wir auf der richtigen Lehre bestehen […]? Im Buch beantwortet Markus das mit zwei Themen: Jesus Christus und Schriftautorität. Beides gut und wichtig. Aber das ist mir noch zu zweidimensional. Als dritte Dimension in dem Ganzen brauchen wir die unaufgebbare Lehre vom dreieinen Gott! Es gibt viele Menschen, die zwar mit ihrem Mund die Dreieinigkeit Gottes bezeugen, aber sie mit ihrem Leben und gemeindlichen Lehren verleugnen. Man sieht das an den Folgen – der Frucht ihres Dienstes. Dieses praktische Verleugnen führt entweder zu Gesetzlichkeit oder zu Beliebigkeit und ist schmerzhaft gefährlich für Gemeinden in unserer Zeit.

Ich glaube, die größten Schwierigkeiten unserer Zeit stammen nicht von einer falschen Sicht vom Sühnetod (so wichtig das ist!) oder von einem unvollständigen Inspirationsverständnis (obwohl ich da noch strenger bin als die Chicagoer Erklärungen). Ich glaube, die größten Probleme handeln wir uns ein, weil wir irgendwie versuchen, uns Gott auseinander zu dividieren. Gesetzlichkeit ist in Wahrheit ein praktischer Modalismus (die Lehre, die sagt, dass nur ein Gott ist, der nacheinander in drei verschiedenen Erscheinungsformen als Vater, Sohn und Heiliger Geist gewirkt hat), und viel postmoderne Theolügie geht auf einen Tritheismus zurück, der zur Beliebigkeit führt. Bekanntes Beispiel ist das Buch „Die Hütte“ von W. P. Young, in dem er die drei Götter miteinander diskutieren lässt. Dahinter steckt die Ansicht, man könne sich von den Eigenschaften Gottes bestimmte aussuchen, die einem besser gefallen und andere ausblenden oder durch Betonung der beliebteren Eigenschaften wegerklären. Der Offene Theismus zum Beispiel kommt nicht darum herum, auf irgend eine Weise die Dreieinigkeit Gottes aufzulösen.

Es bedürfte natürlich eines ganzen Buches, um das weiter auszuführen. Aber ich möchte mit wenigen Strichen versuchen, ein paar Grundlinien nachzuzeichnen, wie die neue Entdeckung der Dreieinigkeit Gottes uns gerade in dieser „Zeit des Umbruchs“ helfen kann, Klarheit und Einheit zu finden.

Gott ist ein Gott in drei Personen, aus einer Essenz, ungeschaffen, ewig, allmächtig. Jede der drei Personen teilt diese Eigenschaften unbeschränkt. Zugleich sind sie nicht austauschbar. Jede Person tut genau das, was ihr entspricht. Gott Vater erschafft Himmel und Erde durch das Wort (Gott Sohn) und Gott Heiliger Geist schwebt / brütet über dem Wasser. Gott Sohn kommt auf die Erde, um des Vaters Plan der Erlösung auszuführen, am Kreuz für unsere Sünde zu sterben und am dritten Tag von den Toten aufzuerstehen. Es ist interessant, dass für die Auferstehung das Werk aller drei Personen Gottes nötig ist. Gott Heiliger Geist wendet das Geschenk der Erlösung auf den Einzelnen an, führt zu echter Buße, schenkt Glauben, und krempelt das Leben um, sodass der Mensch Gott ähnlicher wird.

In Gott haben wir Vielfalt in Einheit und Einheit in Vielfalt. Der Mensch als Ebenbild Gottes lebt auch in einer Vielfalt in Einheit und Einheit in Vielfalt. Allerdings in einer gefallenen Welt. Schon am eigenen Leib, dieser Vielfalt aus Körperteilen, kann man das hin und wieder bemerken. Als Geliebte und Heilige in Christus hat die Gemeinde Jesu vor Ort die Aufgabe, diese Einheit in Vielfalt im Kleinen vorzuleben und auch der umgebenden Gesellschaft ein kleines Beispiel zu geben, wie es vielleicht besser laufen könnte.

Nun aber, liebe Geschwister, wie sieht es denn tatsächlich aus? Die Welt ist in die Gemeinde gekommen und hat sie ihrer Vielfalt in Einheit und Einheit in Vielfalt beraubt. Anders gesagt: Manche, die zur Gemeinde gehör(t)en, sind von ihr ausgegangen, und behaupten immer noch, trotzdem drin zu sein. Irgendwie. Anders. Keine Ahnung wie, aber eben irgendwie. Und so wird manch ein interreligiöser Dialog zuweilen eben immer noch als innerkirchlicher Dialog wahrgenommen. Nun denn – wenn dem so ist, steht Christus an der Tür der Kirche und klopft an. Wer ihm öffnet, zu dem kommt ER herein und hält mit ihm Gemeinschaft. Willst du das?

Jahresende: Dank, Rückblick und Ausblick

Eigentlich bin ich kein Freund von solchen Traditionen. Ja. Eigentlich. Und doch… Mache ich es einmal mehr. In erster Linie, um einmal Euch danke zu sagen. Das ist mir am wichtigsten. Ich habe die letzten zweieinhalb Jahre das Bloggen ziemlich schleifen lassen. Und doch bekomme ich an den meisten Tagen um die 800 und mehr Besucher. Damit habe ich nicht gerechnet. Deshalb: Danke!

Ja, die letzten zweieinhalb Jahre haben mich ziemlich „im Griff“ gehabt, wir haben gebaut, unser drittes Kind ist zur Welt gekommen. Wir haben jetzt einen eigenen Garten mit allem was dazu gehört (vor allem viel Arbeit… grins…)

Und ja, ich weiß auch, dass viel für mich gebetet wird. Auch dafür ein großes Danke. Ich weiß wenige Menschen, die das mehr brauchen. Also auch im neuen Jahr, wer es auf dem Herzen hat, betet gern für mich. Deshalb auch ein paar Updates in eigener Sache.

Rückblick:

Ich habe dieses Jahr wirklich wenig Neues gepostet. Am häufigsten wurden ältere Beiträge aufgesucht, und was mich ein wenig schmerzt, ist die Erkenntnis, dass es primär die satirischen und die gesellschaftskritischen Beiträge und negativen Buchrezensionen sind, die aufgerufen werden. Das möchte ich eigentlich nicht. Ich versuche eigentlich immer mehr Positives, Aufbauendes zu schreiben. Wenn dieser Trend so weiter geht, muss ich mein Konzept überdenken und möglicherweise manches ändern.

Wenn ich auf das Jahr zurückblicke, sehe ich jedoch vor allem viel Hoffnung am Horizont. Es hat sich viel in eine gute Richtung verändert. Ich freue mich, dass eine ganze Reihe von guten Projekten, Vlogs, Podcasts und so weiter gestartet sind.

Zunächst einmal hat das Netzwerk Bibel und Bekenntnis, das ich sehr schätze, damit begonnen, richtig gute Vorträge online zu stellen. Seit Neuestem arbeitet es mit einem anderen Netzwerk, das ich ebenfalls sehr schätze, nämlich Evangelium21, zusammen und im Rahmen dieser Zusammenarbeit entstand die Mediathek offen.bar

Außerdem hat mein Blogger-Freund Markus Till, der auch bei offen.bar Mitgründer und Referent ist, einen Podcast namens Bibel-Live begonnen. Seine Beiträge sind immer sehr lesens-, hörens- und sehenswert. Ganz große Empfehlung.

Ebenfalls ein Bloggerfreund, nämlich Thomas Richter, hat für IDEA ein neues Instagram-Format aufgebaut: Stammtischgespräche. Unbedingt ansehen. Im neuen Jahr geht es weiter. Es gab schon viele richtig gute Stammtischgespräche.

Nicht ganz so neu, aber für mich eine neue Entdeckung ist Crosspaint.tv, ein ganzes Team hinter einem jungen Mann namens Natha. Dieses Team macht super Bibel-Erklärungen, YouTube-Diskussionen, und seit November gibt es auch ein erstes Buch: Überrascht von Furcht. Hier meine Rezension.

Das sind so die Highlights. Daneben gab es natürlich auch viele weitere richtig gute Sachen, von denen ich bestimmt schon mehr als die Hälfte wieder vergessen habe. Aber all das macht mir Mut für 2022. Ich bin überzeugt, dass wir in eine ganz entscheidende Phase der Weltgeschichte kommen.

Ausblick

Mit dieser Überzeugung starte ich in ein neues Jahr, in dem ich auch wieder mehr schreiben will. Aktuell bin ich gerade dabei, ein Dokument zu schreiben, das fürs Erste den Arbeitstitel „Wegbereiter für die kommende prophetische Erweckung“ trägt. Ich glaube, dass vieles in diese Richtung weist und dass Gott Erweckung schenken wird. Allerdings anders als wir es bisher gewohnt sind. Gott hat mir vor rund 17 Jahren eine Botschaft dazu geschenkt, die mir Mut macht, und dieses Jahr habe ich zum ersten Mal die Freiheit bekommen, auch öffentlich davon zu erzählen. Ein paar kurze Snippets daraus findest Du auf meinem Instagram-Kanal. Ich hoffe und bete (bitte betet mit mir!), dass ich das PDF bis Ende Januar so weit bereit habe, dass ich es hochladen und dann noch einmal kurz vorstellen kann.

Fortsetzen werde ich auch die Blogserie, die ich zu Hiob begann, wo ich meine persönlichen wichtigen Lektionen aus den verschiedenen Bibelbüchern vorstelle. Außerdem möchte ich eine neue Blogserie zur Offenbarung anfangen. So der Herr will und wir leben, wird das im späten Frühjahr oder im Sommer beginnen. Es geht mir unter anderem darum, zu zeigen, was wir alle von den verschiedenen Endzeitmodellen lernen können, und wie wir die Offenbarung auch jenseits von bestimmten Modellen zu uns sprechen lassen können.